nicht atmen

pic

echo : 0.55 – M. erzählte, wie sie als Kind in ihrem Dorf in den kurdi­schen Bergen mit Schafen, Eidechsen und Steinen spielte. Die Steine warf sie in einer Weise gegen eine Wand, dass sie im Zurück­kommen Muster auf dem Boden bildeten. Sie wollte bald wissen, welches Spiel denn ich selbst als Kind beson­ders gerne spielte. Ich berich­tete, dass ich mich gerne versteckte, weil es sehr aufre­gend gewesen war, versteckt zu sein, gerade deshalb, weil ich davon erzählte, dass ich mich bald verste­cken würde, weil ich erwar­tete, gesucht und gefunden zu werden. Vom Verste­cken berich­tete M. indessen, dass sie in ihrer Kind­heit fürch­tete, versteckt zu sein, weil sie einmal beob­ach­tete, wie sich ihr Vater verbergen musste im Haus, er war ganz staubig und die Angst saß wie ein Tier in seinem Gesicht. Sie selbst musste sich etwas später auch einmal verste­cken, sie durfte nicht atmen, in der Küche standen fremde Männer, die trugen schwarze Turn­schuhe. – stop
drohne21

warning : distressing content

pic

romeo : 2.01 – Dieser folgende LINK wird an dieser Stelle veran­kert, um ihn niemals zu vergessen, niemals aus den Augen zu verlieren, immer wieder­finden zu können. In wenigen Stunden werden, auch in meinem euro­päi­schen Namen, geflüch­tete Menschen zwangs­weise von Grie­chen­land aus in ein Land gebracht, das ein unsi­cheres Land für sie ist. – stop

ping

von marienkäfern und wodka

pic

tango : 2.00 – Vor drei Wochen entdeckte ich in einem Münchener Anti­qua­riat ein schweres Notiz­buch DIN A3, in welches ein Mann, der für einige Monate in einem Berg­wald lebte, mit sehr kleinen Schrift­zei­chen Beob­ach­tungen, Erleb­nisse, Gedanken verzeich­nete. Es muss zur Sommer­zeit gewesen sein, das Jahr der Aufzeich­nungen wurde nicht vermerkt, auch nicht der volle Name des Mannes, nur sein Vorname, der war Ludwig. Das Doku­ment umfasst beinahe sieben­hun­dert Seiten, es scheint mehr­fach feucht geworden zu sein, da und dort sind zwischen den Blät­tern getrock­nete Wiesen­blumen zu finden, die mittels des Buch­ge­wichtes präpa­riert worden waren, auch habe ich mehrere Ameisen völlig leblos aufge­funden, sowie Mari­en­käfer, die den Anschein erweckten, als würden sie gerade noch versucht haben, auf und davon­zu­fliegen, als sie von einer Buch­seite, die umge­blät­tert wurde, gefangen genommen wurden. Was war es gewesen, das den Mann in den Wald lockte? Viel­leicht die Stille und das wunder­bare Licht der Höhe? An einem Julitag, es war der 5., folgender Eintrag: Höhe 1258 m. Kein Wind, keine Wolke am Himmel. Ich sitze und beob­achte Schafe, wie sie unter mir über eine Wiese spazieren. Wunder­bare Geräu­sche der kleinen Hals­glo­cken. Zum Wodka ist mir heute Morgen einge­fallen, dass Menschen exis­tieren, die Wodka bevor­zugt in Mine­ral­was­ser­fla­schen füllen. Es handelt sich hierbei um einen Vorgang der Verklei­dung oder des Verheim­li­chens. Der Wodka ist versteckt, obwohl er sichtbar ist. Das eigent­liche Versteck ist die Methode der Behaup­tung, etwas anderes zu sein. Ähnlich verhält es sich mit Mixturen, die übli­cher­weise an Arbeits­plätzen zur Anwen­dung kommen. Eine Ther­mos­kanne ist Aufent­haltsort einer guten Begrün­dung, diese Begrün­dung besteht aus der Flüs­sig­keit des Kaffees. In diese Begrün­dung ist das Eigent­liche, der Cognac, einge­wi­ckelt. – stop

ping

zansibar

picping

MELDUNG. Zanzibar, 8 Mten­deni St. nahe Malawi Road, 2. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 5002 [ Marmor, Carrara : 1.07 Gramm ] voll­endet. – stop

ping

sekundenseide

pic

sierra : 3.15 – Geschichten, die in Sekun­den­schnelle als Möglich­keit erscheinen, ihr Ursprung, ihre Ent­deck­ung, in dem Moment, da ich meine Augen schließe, so plöt­zlich, dass ich ihre Anreise nicht bemerke, die Geschichte von den Papieren und ihren Geräu­schen in einem U-Bah­n­­wagon besi­pi­els­weise, eine Summe von Wahr­neh­mung, von Erfah­rung, von neu­ronalen, unbe­wussten Auf­nah­men, das murmel­nde Gespräch der Men­schen unterm Schep­per­schirm einer Blechk­iste, die von Coney Island aus nord­wärts fährt, der Ein­druck, dass Men­schen mit­tels ihrer raschel­nden Zeitun­gen zueinan­der spre­chen. Ein oder zwei Minuten von Ruhe, dann, plöt­zlich, blät­tert jemand eine Seite um, und schon knis­tert der Wagon von Reihe zu Reihe weiter. Man möchte in diesen Momenten meinen, die Papiere selbst wären am Leben und wür­den die Lesenden bewe­gen. Ein­mal habe ich mir Zeitungspa­piere von stof­far­tiger Sub­stanz vorge­stellt, Papiere von Seide zum Beispiel, so dass kein­er­lei Geräusch von ihnen aus­ge­hen würde, sobald man sie berührte. Eigen­tüm­liche Stille, Geräusch­lo­sig­keit, Leere, ein Sog, eine Wahr­neh­mung gegen jede Erfah­rung, eine Sekunde, die nicht ver­gisst. — stop

drohne22

von hölzernen büchern

pic

echo : 5.08 – Ein Freund, der viele Jahre lang Notiz­zettel sammelte, berich­tete, er wolle eine Biblio­thek gründen, in der sich ausschließ­lich Bücher befinden werden, die nie geschrieben oder nie zu Ende geschrieben worden sind, Bücher, die nur in den Gehirnen der Schrift­stel­le­rinnen und Schrift­steller exis­tierten, Bücher, die viel­leicht bedeu­tende Bücher gewesen wären, aber nicht geschrieben wurden, weil ihre Autoren zu früh verstarben, oder weil sie zu arm waren und andau­ernd arbeiten mussten, weswegen ihre Bücher nur ausge­dacht wurden, gewünscht, erhofft. Er habe einmal einen Bücher­tisch gesehen, auf dem wirk­liche Bücher lagen, in welchen man blät­tern konnte, und in nächster Nähe ruhten Buch­körper von Holz, das waren jene ausge­dachten Bücher, wie Platz­halter im Raum, Mahnung, Erin­ne­rung. Von dieser Art hölzerner Bücher sollte seine Biblio­thek gebildet sein, er habe zahl­reiche Briefe in dieser Sache verschickt, nach Island zum Beispiel, nach Öster­reich, nach Nord­ame­rika, Vene­zuela, Kolum­bien, den Senegal, Südafrika, nach Tasma­nien. – stop

ping

aus dem lautsprecher einer mitteleuropäischen stadt

pic

echo : 6.12 – Tatsäch­lich scheinen doch vorge­fer­tigte Tonkon­serven zu exis­tieren, die vom Krieg erzählen. Ich hörte eine Frau­en­stimme, die sich wieder­holte: Achtung, wir bitten um Ihre Aufmerk­sam­keit. Folgende Schnell­bahnen werden umge­leitet: S8, S9, S10. Grund hierfür ist die Entschär­fung einer Flie­ger­bombe. - stop

ping

miró

pic

echo : 0.12 – Ich habe mich in mich selbst zurück­ge­zogen und je skep­ti­scher ich gegen mein Umge­bung wurde, desto näher kam ich allem, wo die Geister wohnen: Den Bäumen, den Bergen, der Freund­schaft. Joan Miró / Entdeckt an dieser Stelle: PUNKT – stop

schaltung1

vor neufundland 03.15.06 : YOKO oder die liebe

pic

ulysses : 3.55 – Gestern sendete Noe eine Frage. Er wollte wissen, in welchem Monat wir leben. Eine größere Gruppe weißer Wale habe ihn nord­wärts passiert. Er habe den Verdacht, es werde Früh­ling, er wünschte, bald wieder einmal Besuch zu erhalten. Kurz drauf eine weitere Meldung Noes aus 805 Fuß Meer­stiefe vor Neu­fund­land > ANFANG 03.15.06 | | | > großar­tige aus­sicht wieder. s t o p langsam auf­steigen­der wal. s t o p muschel­rücken. s t o p krater­haut. s t o p als würde der mond an mir vorüber­ziehen. b i g y e l l o w f i s h s o u t h w e s t. s t o p träumte von yoko. s t o p träumte ihren mund ihre stimme ihre brüste. s t o p spürte ihren atem an hals an brust an nase. s t o p wird man vielle­icht selt­sam mit der zeit mit dem meer? s t o p lange zeiten der stille der erin­nerung. s t o p schluss jetzt. s t o p fan­gen wir noch ein­mal von vorne an. b l u e b o x f r o m a b o v e . ich spreche mit mir selbst. s t o p denkbar dass ich eine ton­spur hin­ter­lasse. s t o p vielle­icht bin ich im radio zu hören. s t o p ob yoko mich hören kann? s t o p kein komma zu finden nicht eine taste s t o p habe den verdacht jünger zu werden. s t o p die liebe. s t o p. erstaun­lich. s t o p | | | ENDE 03.16.25 – stop

nach­richten von noe »
ping

brighton beach ave

pic

nordpol

~ : louis
to : mrs. valen­tina zeiler
brooklyn trans­la­tion services
23 brighton beach ave,
Brooklyn
subject : BRYANT PARK

Sehr geehrte Frau Zeiler, ich danke Ihnen herz­lich für Ihre rasche Antwort. Ich will nun abschlie­ßend den Auftrag erteilen, mein unten folgendes Schreiben in die engli­sche Sprache zu über­setzen. Ich bitte um sorg­fäl­tigste Arbeit, Sie werden erkennen, in diesem Text ist von einem Reise­tunnel nach Amerika die Rede, der in meiner Vorstel­lung von äußerster Bedeu­tung ist, ein poeti­scher Entwurf, jedes Wort scheint mir für seine Verwirk­li­chung von hoher Bedeu­tung zu sein. Mit verein­barter Vergü­tung bin ich einver­standen, der Betrag von 82 Dollar wurde bereits ange­wiesen. Weitere Aufträge werde ich mit Ihnen in Kürze bei einem Besuch in ihrem Büro persön­lich bespre­chen. Darf ich an dieser Stelle meiner Verwun­de­rung darüber Ausdruck geben, dass die Über­set­zung desselben Textes in die chine­si­sche Sprache 122 Dollar kosten würde. Ich frage mich, worin die erheb­liche Diffe­renz von 40 Dollar begründet sein könnte. Mit aller­besten Grüßen – Ihr Louis

BRYANT PARK – 570 WÖRTERGO /// Es hatte Stunden lang geregnet, jetzt dampfte der Boden im südwärts vorrü­ckenden Nord­licht, und das Laub, das alles bedeckte, die stei­nernen Bänke, Brunnen und Skulp­turen, die Büsche und Sommer­stühle der Cafes, bewegte sich trock­nend wie eine abge­wor­fene Haut, die nicht zur Ruhe kommen konnte. Boule­spieler waren vom Himmel gefallen, fegten ihr Spiel­feld, schon war das Klicken der Kugeln zu hören, Schritte, Rufe. Wie ich so zu den Spie­lern schlen­derte, kreuzte eine junge Frau meinen Weg. Sie tastete sich langsam vorwärts an einem weißen, sehr langen Stock, den ich einge­hend beob­ach­tete, rasche, den Boden abklop­fende Bewe­gungen. Als sie in meine Nähe gekommen war, viel­leicht hatte sie das Geräusch meiner Schritte gehört, sprach sie mich an, fragte, ob es bald wieder regnen würde. Ich erin­nere mich noch gut, zunächst sehr unsi­cher gewesen zu sein, aber dann ging ich ein Stück an ihrer Seite und berich­tete vom Okto­ber­licht, das ich so liebte, von den Farben der Blätter, die unter unseren Füßen raschelten. Bald saßen wir auf einer nassen Bank, und die junge Frau erzählte, dass sie ein kleines Problem haben würde, dass sie einen Brief erhalten habe, einen lang erwar­teten, einen ersehnten Brief, und dass sie diesen Brief nicht lesen könne, ein Mann mit Augen­licht hätte ihn geschrieben, ob ich ihr den Brief bitte vorlesen würde, sie sei so sehr glück­lich, diesen Brief endlich in Händen zu halten. Ich öffnete also den Brief, einen Luft­post­brief, aber da standen nur wenige, sehr harte Worte, ein Ende in sechs Zeilen, Druck­buch­staben, eine schlam­pige Arbeit, rasch hinge­worfen, und obwohl ich wusste, dass ich etwas tat, das ich nicht tun durfte, erzählte meine Stimme, die vorgab zu lesen, eine ganz andere Geschichte. Liebste Marlen, hörte ich mich sagen, liebste Marlen, wie sehr ich Dich doch vermisse. Konnte solange Zeit nicht schreiben, weil ich Deine Adresse verloren hatte, aber nun schreibe ich Dir, schreibe Dir aus unserem Cafe am Bryant Park. Es ist gerade Abend geworden in New York und sicher wirst Du schon schlafen. Erin­nerst Du Dich an die Nacht, als wir hier in unserem Cafe Deinen Geburtstag feierten? Ich erzählte Dir von einer kleinen, dunklen Stelle hinter der Tapete, die so rot ist, dass ich Dir nicht erklären konnte, was das bedeutet, dieses Rot für sehende Menschen? Erin­nerst Du Dich, wie Du mit Deinen Händen nach jener Stelle such­test, wie ich Deine Finger führte, wie ich Dir erzählte, dass dort hinter der Tapete, ein Tunnel endet, der Europa mit Amerika verbindet? Und wie Du ein Ohr an die Wand legtest, wie Du lausch­test, erin­nerst Du Dich? Lange Zeit hast Du gelauscht. Ich höre etwas, sagtest Du, und woll­test wissen, wie lange Zeit die Stimmen wohl unter dem atlan­ti­schen Boden reisten, bis sie Dich errei­chen konnten. – An dieser Stelle meiner kleinen Erzäh­lung unter­brach mich die junge Frau. Sie hatte ihren Kopf zur Seite geneigt, lächelte mich an und flüs­terte, dass das eine sehr schöne Geschichte gewesen sei, eine tröst­liche Geschichte, ich sollte den Brief ruhig behalten und mit ihm machen, was immer ich wollte. Und da war nun das aus dem Boden kommende Nord­licht, das Knis­tern der Blätter, die Stimmen der spie­lenden Menschen. Wir gingen noch eine kleine Strecke neben­ein­ander her, ohne zu spre­chen. Ich seh gerade ihren über das Laub tastenden Stock und ein Eich­hörn­chen mit einer Nuss im Maul, das an einem Baum­stamm kauerte. Beinahe kommt es mir in dieser Sekunde so vor, als hätte ich dieses Eich­hörn­chen und seine Nuss nur erfunden. /// END

ping

8 cent

pic

delta : 4.18 – Vor wenigen Stunden, es hatte gerade aufge­hört zu regnen, beob­ach­tete ich ein Rudel Eich­hörn­chen, das über das Dach eines nahen Hauses tollte. Ich meinte von Zeit zu Zeit ihre Augen durch die Dunkel­heit blitzen zu sehen. Wie, dachte ich, könnten sie auf das Dach gekommen sein? Was haben sie dort zu suchen? Sind sie wirk­lich auf dem Dach, oder viel­leicht nur eine Vorstel­lung, die sich nicht verwirk­li­chen lässt? Als ich das Fenster öffnete, saßen sie plötz­lich ganz still, und schauten zu mir herüber. Gegen drei Uhr notierte ich einen Brief an Mr. Ben Lauritzen: Sehr geehrter Ben Lauritzen, mit großer Freude lese ich von Ihrem Angebot, weitere Texte meiner parti­cles – Arbeit von Ihrem Büro in Brooklyn über­setzen zu lassen. Ich bin durchaus versucht, Ihren Vorschlag zu prüfen, leider erscheint mir Ihr Angebot von 8 Cent je Wort noch deut­lich zu hoch, da eine Forde­rung von insge­samt 31200 Dollar auf mich zukommen würde. Wäre es für Sie vorstellbar, anstatt wort­weise, zeilen­weise mit mir zu verhan­deln? Dass es sich bei meinen Texten nicht immer um leicht zu über­setzte Texte handelt, will ich nicht bestreiten, ich freue mich über ihre Bewer­tung. In diesem Sinne, lieber Ben, warte ich gespannt auf eine Antwort. Hoch­ach­tungs­voll. Ihr Louis – stop

manhattantransfer

nanga parbat

picping

MELDUNG. Junge Engel, Schule zu St. Nazaire, sind heute Abend ab Dämme­rung bei leichter Nacht­flie­gerei über dem Nanga Parbat anzu­treffen. – stop

ping

frankie x 12

pic

echo : 2.28 – Jemand erzählte mir unlängst, irgendwo in Brooklyn exis­tiere ein Laden, in dem man ausge­stopfte Eich­hörn­chen kaufen könne, äußer­lich voll­stän­dige Wesen, die aus einer gewissen Entfer­nung betrachtet, von noch lebenden Artge­nossen nicht zu unter­scheiden seien. In ihrem Inneren sollen sich elek­tri­sche Motoren bewegen, so dass jedes dieser Eich­hörn­chen, entweder geduckt, oder ein anderes Mal aufrecht sitzend erscheint oder gar in der Haltung eines kurz vor dem Sprung stehenden Tieres. Javier Menlo, der in Meeres­nähe auf Staten Island lebt, habe ein gutes Dutzend dieser Eich­hörn­chen­ge­spenster am Strand plat­ziert, wo sie in einer Gruppe sitzen und selt­samer Weise von Möwen nicht behel­ligt werden. Unsicht­bare, weil im Erdreich verlegte Drähte versorgen Javiers Eich­hörn­chen mit dem Strom einer Auto­bat­terie. Kein Hinweis weit und breit, der die Exis­tenz dieser Eich­hörn­chen­gruppe erklären würde, weswegen sie mögli­cher­weise unheim­lich erscheinen, bedeu­tungs­voll, wie ein Gebet, eine Anru­fung, eine Drohung oder Erin­ne­rung. – stop

ping

von den zwergseerosen

9

nordpol : 1.58 – Als ich R. fragte, wie häufig sie ihren Brief­kasten besu­chen würde, um nach­zu­sehen, ob viel­leicht Post für sie einge­troffen sei, dachte ich an Agota Kristof, die in einer Geschichte notierte: Meinen Brief­kasten gehe ich zweimal täglich leeren. Um elf Uhr morgens und um sieb­zehn Uhr abends. Der Brief­träger kommt norma­ler­weise früher vorbei, morgens zwischen neun und elf, das ist sehr unre­gel­mäßig, und nach­mit­tags gegen sech­zehn Uhr. Ich gehe immer so spät wie möglich nach­sehen, um sicher zu sein, dass er schon dage­wesen ist, sonst würde der leere Brief­kasten falsche Hoff­nungen in mir wecken und ich würde mir sagen: „Viel­leicht war er noch nicht da“, und dann müsste ich später noch mal runter­gehen. – R. hörte zu. Kurz darauf erzählte sie, dass sie persön­lich über­haupt keinen wirk­li­chen Brief­kasten haben würde, aber ein Post­fach, und dieses Post­fach besuche sie nur einmal in der Woche, weil es für tägliche Besuche viel zu weit entfernt sei, sie müsse durch die halbe Stadt fahren, um ihr Post­fach zu errei­chen, das sei genau so geplant, ein Post­fach in großer Entfer­nung. Auch E-Mail würde sie nicht mehr beant­worten, oder nur sehr selten, man könne ihr zwar schreiben, aber man dürfe nicht erwarten, dass man eine wirk­liche Antwort erhalten würde, immerhin empfange man eine Notiz sofort nachdem man ihr geschrieben habe, die erwähne, niemand  könne sicher sein, dass sie die gerade gesen­dete Nach­richt jemals lesen würde, es sei aber immerhin möglich. Als ich R. zum letzten Mal sah, hatte sie gerade erfolg­reich den Versuch unter­nommen, Zwerg­see­rosen auf dem Rücken ihres rechten Unter­armes anzu­sie­deln. Das war im Herbst des vergan­genen Jahres gewesen, ich konnte R.s Haut­ge­wächse deut­lich erkennen, sie blühten in weißer Farbe, ich meinte einen feinen Duft vernehmen zu können, und machte mir ein paar sorgen­volle Gedanken der Seero­sen­wur­zeln wegen, ihrer Tiefe. – stop

drohne24

ping
ping
ping

kili­man­dscharo : 0.58 – Fünf Fin­ger. Hand für Hand fünf Fin­ger. Immer wie­der erstaun­lich. Gerade eben habe ich an mei­nen lin­ken Zei­ge­fin­ger gedacht. Ich habe in mei­nem Kopf gesagt: Bewege Dich! Und der Zei­ge­fin­ger bewegte sich. Diese Hand auf dem Tisch scheint meine Hand zu sein. Das Geräusch des Atems. Selt­same Spra­che. – stop

ping

Top