leon grog abends

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echo : 2.55 — Am Flughafen, in einem Warte­saal unter dem Ter­mi­nal 1, hock­te ein älter­er Mann am späten Abend auf ein­er Bank. Neben ihm stand eine Flasche Milch auf dem Boden, sowie eine kleine, arg ram­ponierte Led­er­tasche, die man früher vielle­icht ein­mal über die Schul­ter hän­gen kon­nte, aber der Riemen der Tasche war vom lan­gen Tra­gen zer­schlis­sen, baumelte zu Teilen von den Seit­en der Tasche, die leicht geöffnet war, so dass ein Blick möglich wurde auf einen Stapel von Luft­post­briefen, die sich in die Tasche fügten, als wären sie genau für diese Tasche gefer­tigt oder aber die Tasche für genau diese Samm­lung schein­bar weit­gereis­ter Briefe. Sie waren vielfach geöffnet wor­den, vielle­icht gele­sen, das war deut­lich zu erken­nen. Einen der Briefe hielt der Mann ger­ade in dem Moment, da ich ihn auf der Bank bemerk­te, an sein Ohr, er schien zu lauschen. Seine Augen hat­te er geschlossen, er wirk­te konzen­tri­ert, ja andächtig. Als ich von dem alten Mann in dieser Hal­tung eine Fotografie mit meinem Tele­fon­ap­pa­rat machen wollte, sah er mich plöt­zlich an und hob in ein­er reflexar­ti­gen Bewe­gung den Brief in die Höhe, so dass sein Gesicht nun beina­he ganz verdeckt war. Da ging ich weit­er, um nicht zu stören, aber der Mann rief mir zu: Warten sie, set­zen sie sich! Er über­re­ichte mir den Brief, mit dem er kurz zuvor noch sein Gesicht mask­iert hat­te, und forderte mich auf, das Kuvert an mein Ohr zu hal­ten. Der Brief knis­terte, als ich ihn in meine Hände nahm. Auf der Anschriften­seite des Briefes war mit feinen Zeichen fol­gen­der Schriftzug aufge­tra­gen: Leon Grog, Av. Rovis­co, 26, Lis­boa. Der Mann lachte und deutete auf sich selb­st: Das bin ich, sagte er, Leon. Er wies mit ein­er großzügi­gen Geste auf eine Brief­marke hin, die akku­rat am recht­en oberen Rand des Briefes befes­tigt wurde, ein Stück Him­mel war zu erken­nen von hellem Blau, und ein blitzen­des Flugzeug, eine Car­avelle, die ger­ade eben zu starten schien. Als ich selb­st die Brief­marke an mein Ohr legte, hörte ich ein helles Rauschen, ich hörte die Motoren des Flugzeuges und schloss die Augen wie der Herr zuvor seine Augen geschlossen hat­te. Als ich sie wieder öffnete, bemerke ich einen weit­eren Brief, der gle­ich­falls an Her­rn Leon Grog adressiert wor­den war, wiederum nach Liss­abon, während der erste Brief aus den Vere­inigten Staat­en gesendet wor­den war, kam dieser hier von Kolumbi­en her, eine Brief­marke zeigte etwas Regen­wald und einen Nashorn­vo­gel von prächtigem Gefieder. — stop

ping

belem

picping

MELDUNG. Belem, 327 Jao Bal­bi, 1. Etage, stein­ernes Zim­mer : Kirsche No 1024 [ Mar­mor, Car­rara : 1.58 Gramm ] vol­len­det. — stop

ping

zebraaffen

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whiskey : 0.01 — Ich sollte einen Brief schreiben. Der Inhalt des Briefes wäre bedeu­tungs­los, weswe­gen ich auf ein Schrift­stück im Umschlag verzicht­en kön­nte. Ich werde per E-Mail fol­gen­des notieren: Lieber L., in weni­gen Tagen, wenn alles gut gegan­gen sein wird, wirst Du einen Brief erhal­ten. Sollte Dich der Brief tat­säch­lich erre­ichen, musst Du ihn nicht öff­nen, das Kuvert ist leer. Würdest du mir bitte den Emp­fang des Briefes bestäti­gen. Ich wäre Dir dankbar, es ist ein Ver­such. Ja, so werde ich notieren, den Brief sorgfältig adressieren, auch mein Absender wird nicht fehlen. Ich stelle mir vor, einen größeren Briefum­schlag zu ver­wen­den, ich werde 1 gültiges Post­wertze­ichen befeucht­en und auf dem Brief befes­ti­gen. Von diesem gülti­gen Post­wertze­ichen abge­se­hen, wer­den 25 weit­ere Post­wertze­ichen auf dem Umschlag zu find­en sein, sagen wir Brief­marken, die Giraf­fen und Fis­che zeigen, Schmetter­linge, Zebraaf­fen, Vögel, Insek­ten. Diese Brief­marken fern­er Län­der, die ich von weit­eren Briefen löste, wer­den natür­lich bere­its gestem­pelt sein, man kön­nte sagen, dieser Brief wird geschrieben wer­den, um die Sorgfalt der Behör­den zu pro­bieren. — stop

george1

micabobu

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romeo : 0.12 — bukuboia. s t o p dobake­do. s t o p cawabu­ba. s t o p laxarobo. s t o p nobalefe. s t o p bobude­jo. s t o p Ich notiere: Wieder Wörter erfun­den, wieder mein Gehirn geölt. — s t o p
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im park

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whiskey : 2.54 — Im Park in der Däm­merung hörte ich eine höchst selt­same Unter­hal­tung. Drei Män­ner und eine Frau saßen in mein­er Nähe auf ein­er Bank. Sie waren bere­its in ihr Gespräch ver­tieft, als ich mich set­ze. Warme und schwüle Luft über dem See im Pal­men­garten. Fal­ter opfer­ten sich Abend­seglern, deren Schat­ten durch die blauen Fin­ger der Nacht huscht­en, eine Maus het­zte zwis­chen unseren Füßen herum, zwei Enten schliefen auf dem Wass­er. Die jun­gen Men­schen in mein­er Nähe, davon wollte ich eigentlich erzählen, über­legten, wie lange Zeit man ein Nilpferd über einem Feuer an einem Drehspieß erhitzen müsste, bis es gar gewor­den sein würde. Das war ein erstaunlich­es Gespräch, auch die Speku­la­tion darüber, wo genau man am besten einen Nilpfer­d­kör­p­er anschnei­den sollte, wie viele Men­schen von einem Nilpferd satt wer­den wür­den, welchem weit­eren Tier das Nilpferd im Geschmack ähn­lich sein kön­nte. Ich spazierte dann nach Hause. — stop
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hannah maria

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MELDUNG. Erfol­gre­ich aus 33000 Fuß Höhe über dem paz­i­fis­chen Ozean kurz vor Mon­terey abge­wor­fen: Kapuzin­er­affedame Han­nah Maria, 8 Jahre, fün­fte Über­lebende der Test­serie Teflon-XC5 {Hautwe­sen}. Man ist, der Schreck­en, noch voll­ständig ohne Bewusst­sein. — stop

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unordentliches kind

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india : 0.58 — Unor­dentlich­es Kind: Jed­er Stein, den es find­et, jede gepflück­te Blume und jed­er gefan­gene Schmetter­ling ist ihm von Anfang an schon Samm­lung, und alles, was es über­haupt besitzt, macht ihm eine einzige Samm­lung aus. An ihm zeigt diese Lei­den­schaft ihr wahres Gesicht, der in den Anti­quaren, Forsch­ern, Büch­ernar­ren nur noch getrübt und man­isch weit­er­bren­nt. Kaum tritt es ins Leben, so ist es Jäger. Es jagt die Geis­ter, deren Spur es in den Din­gen wit­tert. Seine Nomaden­jahre sind Stun­den im Traumwald. Dorther schleppt es die Beute heim, um sie zu reini­gen, zu fes­ti­gen, zu entza­ubern. Seine Schubladen müssen Zeughaus und Zoo, Krim­i­nal­mu­se­um und Kryp­ta wer­den. Aufräu­men hieße einen Bau ver­nicht­en voll stache­liger Kas­tanien, die Mor­gen­sterne, Stan­iol­pa­piere, die ein Sil­ber­hort, Bauk­lötze, die Särge, Kak­teen, die Totem­bäume und Kupferpfen­nige, die Schilder sind. Wal­ter Ben­jamin. Ein Pfiff. — stop

monroenote

julia : letzte position 29°05’22.3“N 12°25’35.9“E

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tan­go : 2.01 — Vor weni­gen Stun­den erre­ichte mich die Nachricht von der Exis­tenz weit­er­er Fotografien, die enthauptete Men­schen zeigen sollen. Ein Ver­weis, der zu den Auf­nah­men im Netz führe, sei auf Posi­tion Twit­ter zu lesen. Ich über­legte ein Weile, ob ich dem beige­fügten Link fol­gen sollte. Ich dachte, wie nah wir doch immer wieder Höl­lenan­sicht­en kom­men, die möglicher­weise nur deshalb pro­duziert wer­den, weil zu ver­muten ist, dass Mil­lio­nen Men­schen weltweit sie betra­cht­en wer­den. Ich notierte einen Briefen­twurfe: Mein lieber Max­i­m­il­ian, vie­len Dank, dass Du mich wieder ein­mal auf schreck­liche Ereignisse, die sich in der libyschen Wüste ereignet haben, aufmerk­sam machst. Noch ein­mal will ich Dich bit­ten, auf weit­ere Hin­weise dieser Art zu verzicht­en, da ich leblose Köpfe nicht weit­er besichti­gen möchte, sie wirken so hil­f­los, müde, und entset­zt von der unge­heueren Gewalt, die in der let­zten Sekunde ihres Lebens auf sie wirk­te. Ich weiß, Du kannst selb­st nicht damit nicht aufhören, Du zählst men­schliche Köpfe ohne Leib, Du ver­gle­ichst leblose Gesichter, Du sich­erst Beweise, ich nehme an, Du wirst Dich in dieser Arbeit weniger hil­f­los fühlen. Wie trau­rig, dass noch immer keine Nachricht von Julia bei Dir eingetrof­fen ist, keine Spur in der Wüste, kein Hin­weis, es ist eine Tragödie. Vielle­icht willst Du mich ein­mal besuchen! Wir kön­nten spazieren, Du kön­ntest mir erzählen, ich kön­nte Dir zuhören. Im botanis­chen Garten wird ger­ade der Honig der Wild­bi­enen geern­tet. Her­zliche Grüße sendet Dir Dein Louis — stop
ping

herzfach

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romeo : 0.06 — Unlängst erzählte ich E. von gekühlten Herzfäch­ern, die in einem Insti­tut der Uni­ver­sität Oslo angelegt wor­den sein sollen. Ich sagte: Ist das nicht erstaunlich, seit eini­gen Monat­en existiert dort in einem Fach ein Herz, das meinem Herzen ähn­lich ist, weil es von mir, weil es nach meinen Zellinfor­ma­tio­nen gewach­sen ist. Weißt Du, sollte mein eigenes Herz ein­mal schwach oder sehr krank wer­den, kön­nte man dieses völ­lig neue Herz in meinen Brustko­rb set­zten, wir, das Herz und ich, wären sofort befre­un­det. Nun ist das so gekom­men, dass E. sich heim­lich der­art für diese Möglichkeit eines zweit­en Herzens begeis­terte, dass sie selb­st gern über ein zweites Herz ver­fü­gen würde. Ich bin jet­zt ein wenig in Ver­legen­heit. Ich denke seit Stun­den über die For­mulierung ein­er ein­fühlsamen Antwort nach. – stop

ping

pinguin

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ulysses : 0.08 — Nachts bei geöffnetem Fen­ster: Geräusche eines Regen­waldes. Sie kamen um Sekun­den in der Zeit verzögert über das Inter­net zu mir ins Zim­mer. Ich glaube der wilde Regen­wald war ein peru­anis­ch­er Regen­wald, wun­der­bare Klänge, Vogel- und Affen­stim­men, Regen und Wind in den Blät­tern der Bäume. Ich dachte, wenn doch nur jemand auf der anderen Seite der Leitung wahrnehmen kön­nte, welche Geräusche in ein­er mit­teleu­ropäis­chen Woh­nung unter dem Dach eines Haus­es im Herzen ein­er großen Stadt in ein­er Nacht wie dieser Nacht zu hören sind. Ich prüfte das Mikro­fon mein­er Schreib­mas­chine. Dann stand ich auf und spielte aus der Kon­serve: Ben­ny Good­man. Ich stellte mir vor, wie es für einen kurzen Moment im Wald drüben in Peru still wer­den würde, wie man lauscht auf den Bäu­men, wie sich das Orch­ester der Waldtiere fröh­lich neu sortieren würde. Es reg­nete, kaum war die Straße vor dem Haus noch zu sehen. Auf meinem Fen­ster­brett kauerten fünf nasse Spatzen, ein Rotkehlchen, zwei Amseln und eine Taube, auch sie lauscht­en. Deut­lich kon­nte ich auf dem Giebel eines nahen Haus­es einen Pin­guin erken­nen, der sich gegen den Regen­wind stemmte. — stop

ben­ny
good­man
lets dance

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auf stelzen

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delta : 5.15 — Ein merk­würdi­ger Tag, die halbe Stadt ste­ht im Wass­er wie auf Stelzen. Man hört das Wass­er nicht, aber es ist anwe­send, in den Kellern, in den Stim­men in den Tele­fo­nen, den Unter­führun­gen, den tiefer gele­ge­nen Straßen. Spät, hoch auf einem Stelzhaus, sagte Mar­guerite Duras in einem Gespräch mit dem franzö­sis­chen Regis­seur Benoît Jacquot gestern auf einem Fernse­hbild­schirm berührende Sätze über das wilde Schreiben, über die Verbindung von Zweifel und Ein­samkeit. Ein Schrift­steller sei stumm. Unmöglich über ein Buch zu sprechen, das ger­ade im Entste­hen begrif­f­en ist. Ein Buch sei Nacht. — stop

duras

k.a.i.r.o.

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MELDUNG. Fünf mit Hand­feuer bewaffnete Beamte [ Soko K.a.i.r.o ] haben zu Arles zwei Ägypter sichergestellt, fil­igrane Meißel weit­er­hin [ 0.3 Zoll Kan­ten­länge ], sowie zwei Handtäschchen [ türkise ]. Fol­gende kryp­tis­che Sig­natur war dem Sock­elgestein des Amphithe­aters [ innere Nord­seite ] beige­bracht : 6MUG5DRS8. Auch diese Ägypter [ Ägypter No 17 und 18 des laufend­en Jahres ], je 178 cm hoch, mit­tleres Alter, ver­weigern fre­undlich jede Aus­sage. – stop

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ai : BAHRAIN

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MENSCH IN GEFAHR : “Der bahrainis­che Men­schen­rechtsvertei­di­ger Nabeel Rajab ist am 13. Juni festgenom­men wor­den. Er ist wegen “Ver­bre­itung von falschen Infor­ma­tio­nen und Gerücht­en mit dem Ziel, den Staat in Ver­ruf zu brin­gen” angeklagt. Die Staat­san­waltschaft hat eine sieben­tägige Haf­tanord­nung gegen ihn erlassen. Er ist ein gewalt­los­er poli­tis­ch­er Gefan­gener. Am 13. Juni gegen 5 Uhr mor­gens umstell­ten Bereitschaftspolizist_innen das Vier­tel des Dor­fes Bani Jam­ra west­lich der Haupt­stadt Man­a­ma, in dem Nabeel Rajab wohnt, und nah­men den Men­schen­rechtsvertei­di­ger fest. Sie legten einen Durch­suchungs­beschluss für sein Haus sowie einen Haft­be­fehl gegen ihn und einen Beschluss für seine Über­gabe an die Krim­i­nalpolizei vor. Eine Begrün­dung für diese Maß­nah­men war daraus jedoch nicht ersichtlich. Sein Handy und sein Com­put­er wur­den beschlagnahmt und er ist auf die Polizeis­ta­tion in Ost-Rif­fa südlich von Man­a­ma gebracht wor­den, wo er sich noch immer befind­et. Man hat ihm erlaubt, seine Fam­i­lie anzu­rufen. Am 14. Juni hat man Nabeel Rajab zur Staat­san­waltschaft gebracht, wo er wegen “Ver­bre­itung von falschen Infor­ma­tio­nen und Gerücht­en mit dem Ziel, den Staat in Ver­ruf zu brin­gen” angeklagt wurde. Die Staat­san­waltschaft erließ zudem wegen der laufend­en Ermit­tlun­gen eine sieben­tägige Haf­tanord­nung gegen ihn. Die Rechts­beistände von Nabeel Rajab waren bei dem Ter­min am 14. Juni anwe­send. Als seine Ange­höri­gen ihn gegen 21 Uhr des­sel­ben Tages besucht­en, sagte er ihnen, dass man ihn anders als andere Gefan­gene in Einzel­haft fes­thalte. Gegen Nabeel Rajab wird zusät­zlich wegen sep­a­rater Vor­würfe bezüglich einiger Twit­ter-Kom­mentare und geteil­ter Twit­ter-Nachricht­en ermit­telt. The­men der Kom­mentare sollen der Krieg im Jemen und Folter­vor­würfe im Zusam­men­gang mit einem Häftlingsstreik am 10. März 2015 im Jaw-Gefäng­nis gewe­sen sein. Sollte auch dieser Fall vor Gericht gebracht und Nabeel Rajab verurteilt wer­den, dro­hen ihm bis zu zehn Jahre Haft. Im Novem­ber 2014 wurde ein Rei­se­ver­bot gegen ihn ver­hängt.” — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­lene schriftliche Aktio­nen, möglichst unverzüglich und nicht über den 28. Juli 2016 hin­aus, unter > ai : urgent action

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im warenhaus

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marim­ba : 0.02 — Am Abend im Waren­haus beobachte ich einen kleinen Jun­gen. Er springt in ein­er Warteschlange vor ein­er Kasse herum und lacht und ver­dreht die Augen. Weil sich auf dem Förder­band vor der Kasse Milch­flaschen, Corn­flakess­chachteln, Reistüten sowie zwei Honig­mel­o­nen befind­en, kann der Junge den Mann, der an der Kasse seine Arbeit ver­richtet, zunächst nicht sehen. Bei dem Mann han­delt es sich um Javuz Aylin, er ist mit­tels eines Namenss­child­chens, das in der Nähe seines Herzens ange­bracht wurde, zu iden­ti­fizieren. In diesem Moment der Geschichte erhebt sich Herr Aylin ein wenig von seinem Stuhl, um neugierig  über die Waren hin­weg zu spähen, ver­mut­lich deshalb, weil der Haarschopf des Jun­gen mehrfach in sein Blick­feld hüpfte. Da ist noch ein zweit­er Haarschopf an diesem Abend im Waren­haus in näch­ster Nähe, schwarzes, lock­iges Haar, es ist der jün­gere Brud­er des Jun­gen, der in weni­gen Sekun­den zu dem Kassier­er sprechen wird, bei­de Kinder sind sich so ähn­lich als seien sie Zwill­inge, ein großer und ein klein­er Zwill­ing. Gle­ich hin­ter den Buben wartet die Mut­ter, sie lächelt wie sie ihre Kinder so fröh­lich herum­tollen sieht. Die junge Frau trägt ein sehr schön buntes Kopf­tuch, ich stelle mir vor, sie kön­nte in Marokko geboren wor­den sein, kräftig geschmink­ter Mund, her­rliche Augen. Plöt­zlich sind die Waren auf dem Förder­band ver­schwun­den, der ältere der bei­den Jungs betra­chtet aufmerk­sam das Gesicht des Kassier­ers Aylin, der müde zu sein scheint. Er hält dem Jun­gen ein Päckchen mit Sam­mel­bildern zur Europameis­ter­schaft ent­ge­gen, außer­dem ein zweites Päckchen für den kleineren Brud­er, der immer noch hüpft, weil er ger­ade eben doch noch zu klein ist, um über das Band selb­st hin­weg spähen zu kön­nen. Oh, danke, sagt der Junge zu Her­rn Aylin. Er schaut kurz zur Mut­ter hin­auf, die nickt. Ich habe schon fast alle Karten, fährt er fort, die deutsche Mannschaft ist kom­plett. Er macht eine kurze Pause. Ich bin näm­lich Deutsch­er, sagt der Junge mit kräftiger Stimme, auch mein Brud­er ist Deutsch­er. Wieder schaut er zu Mut­ter hin, und wieder nickt die junge Frau und lacht. Bist Du auch Deutsch­er, fragt der Junge Her­rn Aylin. Der schüt­telt jet­zt den Kopf und schnei­det eine fre­undliche Gri­masse. Der Junge set­zt nach: Ach so! Warum nicht? Aber da ist er, ehe Herr Aylin antworten kann, mit seinem kleinen Brud­er und seinen Sam­mel­bildern bere­its irgend­wo hin­ter der Kasse ver­schwun­den, so dass sich ihre Mut­ter beeilen muss, um sie nicht aus den Augen zu ver­lieren. — stop
ersteseite

gelb

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nord­pol : 0.12 — Wie gut, dass dig­i­tale Such­maschi­nen existieren, die in der Lage sind, diesen Ort : par­ti­cles : zu durch­suchen, sobald ich eine Frage an ihn richte, zum Beispiel, wie oft ich das Wort Blau ver­wen­det habe in den ver­gan­genen Jahren ( : 53 Mal ), oder das Wort Rot ( : 35 Mal ), das Wort Orange ( : 10 Mal, eher sel­ten ), auch mit dem Wort Gelb war ich sparsam gewe­sen ( : 18 Mal ). Als ich das Wort Gelb, die Häu­figkeit seines Vorkom­mens prüfte, erin­nerte ich mich an einen wun­der­baren Text, Uwe John­sons Brief aus New York, in dem das Wort Gelb eine her­vor­ra­gende Rolle spielt. Der Text begin­nt so: Über was hier anders ist / in New York im Staat New York / weißt du es ist eine von jenen Städten in die die west­ber­lin­er Zeitungsver­leger kleine Klin­geln aus Porzel­lan schick­en an Fam­i­lien denen ein Ange­höriger umge­bracht wurde bei dem Ver­such Ange­hörige ander­er Fam­i­lien umzubrin­gen / in Viet­nam das ist noch hin­ter der Türkei / ein Brief über was hier anders ist über einen Unter­schied / Ende der Über­schrift // Gelb, zum Beispiel / Gelb ist hier ander­swo / ich meine die ganze Far­ben­fam­i­lie / was noch gelb ist oder so nahe an Gelb wie Ock­er oder Kanarien­vo­gel oder über­haupt alles im Bere­ich zwis­chen Rot und Grün / nicht nur any of the col­ors nor­mal­ly seen when the por­tion of the phys­i­cal spec­trum of wave lengths 571,5 to 578,5 mil­limi­crons employed as a stim­u­lus wie Web­ster sagt / son­dern auch was mal gelb war / Gelb ist hier ander­swo / nicht nur im Ei in den Mon­golen in der Gelb­sucht in Schwäm­men Schmetter­lin­gen But­terblu­men / nie so viel Gelb gese­hen wie hier … / — stop. Ich habe diesen Text in dem Buch Eine Lit­er­arische Land­karte ent­deckt, das von Hans Mag­nus Enzens­berg­er im Jahr 1999 her­aus­gegeben wurde. Gle­ich werd ich mich an meinen Schreibtisch set­zen und mit Bleis­tift aus­gerüstet, das Wort Gelb zu zählen begin­nen. — stop
ping

zwitschern

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kil­i­mand­scharo : 2.02 — Beim Ohre­narzt trete ich durch eine schmale Tür in einen Saal. Vögel fliegen herum, sie piepsen und pfeifen, dass es eine wahre Freude ist. Da sind Rotkehlchen, Sper­linge, Tiger­wald­sänger, Sei­den­schwänze, Ammern, Tan­garen, Schwanzmeisen, woher ich nur diese wun­der­baren Namen habe? Zwei Finken lan­den auf meinem Kopf, sie sin­gen nicht nur, sie sprechen, sie sagen: Sie sind zu spät, haben sie bitte etwas Geduld! Im Saal liegen zwanzig oder dreißig Men­schen in Bade­wan­nen, andere sitzen auf Stühlen, tra­gen irgendwelche blink­enden Käfige über dem Kopf. Grad als ich mich heimisch füh­le, bemerke ich einen Korb, in dem men­schliche Ohren liegen, das war irgend­wo nahe der Jorale­mon Street. Ich sitze bald auf ein­er Bank mit Blick auf die Upper New York Bay. Es ist früher Abend. Wolken­los­er Him­mel. Noch immer kann ich nicht sagen, ob ich wirk­lich wach bin. — stop
propeller

von ohrenbäumen

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marim­ba : 0.55 — Auf der Suche nach der Exis­tenz der Ohren­bäume in der dig­i­tal­en Sphäre, ent­deck­te ich, dass sie möglicher­weise nicht existieren. Ich kön­nte einen Ohren­baum demzu­folge erfind­en. So viel ist noch zu sagen: Eine Amerikaner­in, Mrs. Eliz­a­beth Ohren­baum, soll von 1796–1885 in dem Städtchen Lado­ga im Staate Indi­ana gelebt haben. Außer­dem möglicher­weise ein Mann namens Lud­wig Ohren­baum, nach dem Mr. Bene­dict Orn­burn an einem Son­ntag, dem 6. Sep­tem­ber 1998 um 22:50:02 Uhr im Jahr 1998 mit fol­gen­den Worten suchte: Query: I am look­ing for infor­ma­tion about LUDWIG OHRENBAUM / The first OHRENBAUM (LUDWIG) is sup­posed to have come to Berks Cnty about 1699 from Ger­many. This OHRENBAUM or a decen­dent, LUDWIG OHRENBAUM had a son, also called LUDWIG OHRENBAUM (LUDWIG II).LUDWIG II is record­ed in Penn­syl­va­nia Archives, sec­ond series Vol 14. I would like to know more. — Achtzehn Jahre später ver­suchte ich verge­blich, Lud­wig Orn­burn per E-mail zu erre­ichen. Fol­gende Antwort ein­er Server­mas­chine ist zu verze­ich­nen: host ff-ip4-mx-vip2.prodigy.net[144.160.159.22] said: 550 5.2.1 … Address unknown, relay=[194.25.134.82] (in reply to RCPT TO com­mand) — /// Bitte melden! — stop

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im nachtexpress

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MELDUNG. In einem Großraumwag­on des Nach­t­ex­press­es Mozart von München ( Flughafen ) nach Wien ( Haupt­bahn­hof ) sind gegen Mit­ter­nacht auf­grund verse­hentlich­er Ent­fal­tung eines 2-Sekun­den­zeltes drei tas­man­is­che Singzikaden ( Cica­di­dae ), 22 aus­tralis­che Knote­nameisen ( rot / Myr­mic­i­nae ) sowie ein Dorn­teufelchen ( 25 Gramm ) in die Frei­heit entwichen. Noch etwas weit­eres war flüchtig, das knur­rte ehe es ver­s­tummte. — stop

unterwassertapete2

von lilli

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tan­go : 1.02 — Es ist denkbar, dass Lil­li Tam­pere eine Aus­nahme ist. Sie scheint vom frühen Mor­gen an bis in den späten Abend hinein, auch während der Nacht noch, Twit­ter­nachricht­en zu notieren. 17558 Botschaften will sie per­sön­lich in einem Zeitraum von 15 Monat­en in sieben Sprachen ver­fasst haben. Ich dachte selb­stver­ständlich über Zahlen, Tage, Stun­den, Minuten, Anschläge nach, ich wun­derte mich, ich war begeis­tert, sofort habe ich Lil­li Tam­pere einen Brief gesendet. Ich habe geschrieben: Lieber red_maki, wie heißen Sie wirk­lich! Ich kann nicht glauben, dass Sie tat­säch­lich existieren in der Art und Weise, dass Sie über ein einzelnes, schla­gen­des Herz ver­fü­gen, ver­mut­lich sind Sie, in Betra­ch­tung der unge­heuren Zahl der Textnachricht­en, die Sie bere­its gesendet haben, entwed­er eine Per­son, die sich aus zahlre­ichen Per­so­n­en oder Herzen fügt, oder aber Sie sind ein Com­put­er! — Red_maki antwortete umge­hend: Lieber Herr Louis, ich bin sehr begabt, ich habe kleine, schnelle Hände, ich muss niemals schlafen, ich bin kein Com­put­er, ich heiße Lil­li Tam­pere. Guten Mor­gen! – Ich muss das weit­er beobacht­en. — stop

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karadzic

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marim­ba : 5.15 — Was, in dieser Minute des begin­nen­den Tages, untern­immt Radovan Karadz­ic in sein­er Zelle zu Den Haag? Ob er vielle­icht noch schläft? — stop
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rot

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india : 5.58 — Zwei Fotografien, die möglicher­weise nicht mehr existieren, zeigen den Kopf eines älteren Mannes ohne Haare, dessen Mund weit geöffnet ist. In diesem weit­geöffneten Mund hockt ein klein­er schwarz­er Vogel von rotem Stirnge­fieder. Der Vogel scheint sich in dem Mund des alten Mannes wohlzufühlen, er kauert dort als wäre der Mund sein Nest. Weit­ere Vögel sind auf dem Bild zu erken­nen, die dem Vogel im Mund des Mannes gle­ichen, dun­kles Gefieder, das über ihren Augen hell­rot leuchtet. Vier Vögel sitzen auf dem Kopf des alten Mannes, fünf auf seinen Schul­tern, von einem Vogel ist am linken Rand der Fotografie nur ein Schwanz zu erken­nen, 12 Vögel befind­en sich schwirrend in einem Orbit um den Kopf in der Höhe der Ohren, es sieht so aus als wären diese Vögel Kopfvögel, eine Spezies für sich, wie Putzer­fis­che vielle­icht, die Mond­fis­che ein Leben lang begleit­en. Auf ein­er zweit­en Fotografie, von der sich nicht sagen lässt, ob sie vor oder nach der beschriebe­nen Auf­nahme gefer­tigt wurde, zeigt sich der Mund des alten Mannes geschlossen, er lächelt. Strahlend blaue Augen sitzen hin­ter ein­er Brille, in deren Gläsern sich irgen­dein warmes Licht spiegelt. Als ich bei­de Bilder vor einiger Zeit nebeneinan­der legte, begann ich unverzüglich jene Vögel, die sich um den Kopf des Mannes herum bewegten oder auf ihm saßen, jew­eils sorgfältig zu zählen. — stop
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