leon grog abends

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echo : 2.55 – Am Flug­hafen, in einem Warte­saal unter dem Terminal 1, hockte ein älterer Mann am späten Abend auf einer Bank. Neben ihm stand eine Flasche Milch auf dem Boden, sowie eine kleine, arg rampo­nierte Leder­ta­sche, die man früher viel­leicht einmal über die Schulter hängen konnte, aber der Riemen der Tasche war vom langen Tragen zerschlissen, baumelte zu Teilen von den Seiten der Tasche, die leicht geöffnet war, so dass ein Blick möglich wurde auf einen Stapel von Luft­post­briefen, die sich in die Tasche fügten, als wären sie genau für diese Tasche gefer­tigt oder aber die Tasche für genau diese Samm­lung scheinbar weit­ge­reister Briefe. Sie waren viel­fach geöffnet worden, viel­leicht gelesen, das war deut­lich zu erkennen. Einen der Briefe hielt der Mann gerade in dem Moment, da ich ihn auf der Bank bemerkte, an sein Ohr, er schien zu lauschen. Seine Augen hatte er geschlossen, er wirkte konzen­triert, ja andächtig. Als ich von dem alten Mann in dieser Haltung eine Foto­grafie mit meinem Tele­fon­ap­parat machen wollte, sah er mich plötz­lich an und hob in einer reflex­ar­tigen Bewe­gung den Brief in die Höhe, so dass sein Gesicht nun beinahe ganz verdeckt war. Da ging ich weiter, um nicht zu stören, aber der Mann rief mir zu: Warten sie, setzen sie sich! Er über­reichte mir den Brief, mit dem er kurz zuvor noch sein Gesicht maskiert hatte, und forderte mich auf, das Kuvert an mein Ohr zu halten. Der Brief knis­terte, als ich ihn in meine Hände nahm. Auf der Anschrif­ten­seite des Briefes war mit feinen Zeichen folgender Schriftzug aufge­tragen: Leon Grog, Av. Rovisco, 26, Lisboa. Der Mann lachte und deutete auf sich selbst: Das bin ich, sagte er, Leon. Er wies mit einer groß­zü­gigen Geste auf eine Brief­marke hin, die akkurat am rechten oberen Rand des Briefes befes­tigt wurde, ein Stück Himmel war zu erkennen von hellem Blau, und ein blit­zendes Flug­zeug, eine Cara­velle, die gerade eben zu starten schien. Als ich selbst die Brief­marke an mein Ohr legte, hörte ich ein helles Rauschen, ich hörte die Motoren des Flug­zeuges und schloss die Augen wie der Herr zuvor seine Augen geschlossen hatte. Als ich sie wieder öffnete, bemerke ich einen weiteren Brief, der gleich­falls an Herrn Leon Grog adres­siert worden war, wiederum nach Lissabon, während der erste Brief aus den Verei­nigten Staaten gesendet worden war, kam dieser hier von Kolum­bien her, eine Brief­marke zeigte etwas Regen­wald und einen Nashorn­vogel von präch­tigem Gefieder. – stop

ping

belem

picping

MELDUNG. Belem, 327 Jao Balbi, 1. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 1024 [ Marmor, Carrara : 1.58 Gramm ] voll­endet. – stop

ping

zebraaffen

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whiskey : 0.01 – Ich sollte einen Brief schreiben. Der Inhalt des Briefes wäre bedeu­tungslos, weswegen ich auf ein Schrift­stück im Umschlag verzichten könnte. Ich werde per E-Mail folgendes notieren: Lieber L., in wenigen Tagen, wenn alles gut gegangen sein wird, wirst Du einen Brief erhalten. Sollte Dich der Brief tatsäch­lich errei­chen, musst Du ihn nicht öffnen, das Kuvert ist leer. Würdest du mir bitte den Empfang des Briefes bestä­tigen. Ich wäre Dir dankbar, es ist ein Versuch. Ja, so werde ich notieren, den Brief sorg­fältig adres­sieren, auch mein Absender wird nicht fehlen. Ich stelle mir vor, einen größeren Brief­um­schlag zu verwenden, ich werde 1 gültiges Post­wert­zei­chen befeuchten und auf dem Brief befes­tigen. Von diesem gültigen Post­wert­zei­chen abge­sehen, werden 25 weitere Post­wert­zei­chen auf dem Umschlag zu finden sein, sagen wir Brief­marken, die Giraffen und Fische zeigen, Schmet­ter­linge, Zebraaffen, Vögel, Insekten. Diese Brief­marken ferner Länder, die ich von weiteren Briefen löste, werden natür­lich bereits gestem­pelt sein, man könnte sagen, dieser Brief wird geschrieben werden, um die Sorg­falt der Behörden zu probieren. – stop

george1

micabobu

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romeo : 0.12 – buku­boia. s t o p doba­kedo. s t o p cawa­buba. s t o p laxarobo. s t o p nobalefe. s t o p bobu­dejo. s t o p Ich notiere: Wieder Wörter erfunden, wieder mein Gehirn geölt. – s t o p
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im park

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whiskey : 2.54 – Im Park in der Dämme­rung hörte ich eine höchst selt­same Unter­hal­tung. Drei Männer und eine Frau saßen in meiner Nähe auf einer Bank. Sie waren bereits in ihr Gespräch vertieft, als ich mich setze. Warme und schwüle Luft über dem See im Palmen­garten. Falter opferten sich Abend­seg­lern, deren Schatten durch die blauen Finger der Nacht huschten, eine Maus hetzte zwischen unseren Füßen herum, zwei Enten schliefen auf dem Wasser. Die jungen Menschen in meiner Nähe, davon wollte ich eigent­lich erzählen, über­legten, wie lange Zeit man ein Nilpferd über einem Feuer an einem Dreh­spieß erhitzen müsste, bis es gar geworden sein würde. Das war ein erstaun­li­ches Gespräch, auch die Speku­la­tion darüber, wo genau man am besten einen Nilpferd­körper anschneiden sollte, wie viele Menschen von einem Nilpferd satt werden würden, welchem weiteren Tier das Nilpferd im Geschmack ähnlich sein könnte. Ich spazierte dann nach Hause. – stop
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hannah maria

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MELDUNG. Erfolg­reich aus 33000 Fuß Höhe über dem pazi­fi­schen Ozean kurz vor Monterey abge­worfen: Kapu­zi­ner­af­fe­dame Hannah Maria, 8 Jahre, fünfte Über­le­bende der Test­serie Teflon-XC5 {Haut­wesen}. Man ist, der Schre­cken, noch voll­ständig ohne Bewusst­sein. – stop

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unordentliches kind

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india : 0.58 – Unor­dent­li­ches Kind: Jeder Stein, den es findet, jede gepflückte Blume und jeder gefan­gene Schmet­ter­ling ist ihm von Anfang an schon Samm­lung, und alles, was es über­haupt besitzt, macht ihm eine einzige Samm­lung aus. An ihm zeigt diese Leiden­schaft ihr wahres Gesicht, der in den Anti­quaren, Forschern, Bücher­narren nur noch getrübt und manisch weiter­brennt. Kaum tritt es ins Leben, so ist es Jäger. Es jagt die Geister, deren Spur es in den Dingen wittert. Seine Noma­den­jahre sind Stunden im Traum­wald. Dorther schleppt es die Beute heim, um sie zu reinigen, zu festigen, zu entzau­bern. Seine Schub­laden müssen Zeug­haus und Zoo, Krimi­nal­mu­seum und Krypta werden. Aufräumen hieße einen Bau vernichten voll stache­liger Kasta­nien, die Morgen­sterne, Staniol­pa­piere, die ein Silber­hort, Bauklötze, die Särge, Kakteen, die Totem­bäume und Kupfer­pfen­nige, die Schilder sind. Walter Benjamin. Ein Pfiff. – stop

monroenote

julia : letzte position 29°05’22.3“N 12°25’35.9“E

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tango : 2.01 – Vor wenigen Stunden erreichte mich die Nach­richt von der Exis­tenz weiterer Foto­gra­fien, die enthaup­tete Menschen zeigen sollen. Ein Verweis, der zu den Aufnahmen im Netz führe, sei auf Posi­tion Twitter zu lesen. Ich über­legte ein Weile, ob ich dem beigefügten Link folgen sollte. Ich dachte, wie nah wir doch immer wieder Höllen­an­sichten kommen, die mögli­cher­weise nur deshalb produ­ziert werden, weil zu vermuten ist, dass Millionen Menschen welt­weit sie betrachten werden. Ich notierte einen Brief­ent­wurfe: Mein lieber Maxi­mi­lian, vielen Dank, dass Du mich wieder einmal auf schreck­liche Ereig­nisse, die sich in der liby­schen Wüste ereignet haben, aufmerksam machst. Noch einmal will ich Dich bitten, auf weitere Hinweise dieser Art zu verzichten, da ich leblose Köpfe nicht weiter besich­tigen möchte, sie wirken so hilflos, müde, und entsetzt von der unge­heueren Gewalt, die in der letzten Sekunde ihres Lebens auf sie wirkte. Ich weiß, Du kannst selbst nicht damit nicht aufhören, Du zählst mensch­liche Köpfe ohne Leib, Du vergleichst leblose Gesichter, Du sicherst Beweise, ich nehme an, Du wirst Dich in dieser Arbeit weniger hilflos fühlen. Wie traurig, dass noch immer keine Nach­richt von Julia bei Dir einge­troffen ist, keine Spur in der Wüste, kein Hinweis, es ist eine Tragödie. Viel­leicht willst Du mich einmal besu­chen! Wir könnten spazieren, Du könn­test mir erzählen, ich könnte Dir zuhören. Im bota­ni­schen Garten wird gerade der Honig der Wild­bienen geerntet. Herz­liche Grüße sendet Dir Dein Louis – stop
ping

herzfach

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romeo : 0.06 – Unlängst erzählte ich E. von gekühlten Herz­fä­chern, die in einem Institut der Univer­sität Oslo ange­legt worden sein sollen. Ich sagte: Ist das nicht erstaun­lich, seit einigen Monaten exis­tiert dort in einem Fach ein Herz, das meinem Herzen ähnlich ist, weil es von mir, weil es nach meinen Zell­in­for­ma­tionen gewachsen ist. Weißt Du, sollte mein eigenes Herz einmal schwach oder sehr krank werden, könnte man dieses völlig neue Herz in meinen Brust­korb setzten, wir, das Herz und ich, wären sofort befreundet. Nun ist das so gekommen, dass E. sich heim­lich derart für diese Möglich­keit eines zweiten Herzens begeis­terte, dass sie selbst gern über ein zweites Herz verfügen würde. Ich bin jetzt ein wenig in Verle­gen­heit. Ich denke seit Stunden über die Formu­lie­rung einer einfühl­samen Antwort nach. – stop

ping

pinguin

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ulysses : 0.08 – Nachts bei geöff­netem Fenster: Geräu­sche eines Regen­waldes. Sie kamen um Sekunden in der Zeit verzö­gert über das Internet zu mir ins Zimmer. Ich glaube der wilde Regen­wald war ein perua­ni­scher Regen­wald, wunder­bare Klänge, Vogel- und Affen­stimmen, Regen und Wind in den Blät­tern der Bäume. Ich dachte, wenn doch nur jemand auf der anderen Seite der Leitung wahr­nehmen könnte, welche Geräu­sche in einer mittel­eu­ro­päi­schen Wohnung unter dem Dach eines Hauses im Herzen einer großen Stadt in einer Nacht wie dieser Nacht zu hören sind. Ich prüfte das Mikrofon meiner Schreib­ma­schine. Dann stand ich auf und spielte aus der Konserve: Benny Goodman. Ich stellte mir vor, wie es für einen kurzen Moment im Wald drüben in Peru still werden würde, wie man lauscht auf den Bäumen, wie sich das Orchester der Wald­tiere fröh­lich neu sortieren würde. Es regnete, kaum war die Straße vor dem Haus noch zu sehen. Auf meinem Fens­ter­brett kauerten fünf nasse Spatzen, ein Rotkehl­chen, zwei Amseln und eine Taube, auch sie lauschten. Deut­lich konnte ich auf dem Giebel eines nahen Hauses einen Pinguin erkennen, der sich gegen den Regen­wind stemmte. – stop

benny
goodman
lets dance

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auf stelzen

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delta : 5.15 – Ein merk­wür­diger Tag, die halbe Stadt steht im Wasser wie auf Stelzen. Man hört das Wasser nicht, aber es ist anwe­send, in den Kellern, in den Stimmen in den Tele­fonen, den Unter­füh­rungen, den tiefer gele­genen Straßen. Spät, hoch auf einem Stelz­haus, sagte Margue­rite Duras in einem Gespräch mit dem fran­zö­si­schen Regis­seur Benoît Jacquot gestern auf einem Fern­seh­bild­schirm berüh­rende Sätze über das wilde Schreiben, über die Verbin­dung von Zweifel und Einsam­keit. Ein Schrift­steller sei stumm. Unmög­lich über ein Buch zu spre­chen, das gerade im Entstehen begriffen ist. Ein Buch sei Nacht. – stop

duras

k.a.i.r.o.

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MELDUNG. Fünf mit Hand­feuer bewaff­nete Beamte [ Soko K.a.i.r.o ] haben zu Arles zwei Ägypter sicher­ge­stellt, fili­grane Meißel weiterhin [ 0.3 Zoll Kanten­länge ], sowie zwei Hand­täsch­chen [ türkise ]. Folgende kryp­ti­sche Signatur war dem Sockel­ge­stein des Amphi­thea­ters [ innere Nord­seite ] beigebracht : 6MUG5DRS8. Auch diese Ägypter [ Ägypter No 17 und 18 des laufenden Jahres ], je 178 cm hoch, mitt­leres Alter, verwei­gern freund­lich jede Aussage. – stop

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ai : BAHRAIN

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MENSCH IN GEFAHR : “Der bahrai­ni­sche Menschen­rechts­ver­tei­diger Nabeel Rajab ist am 13. Juni fest­ge­nommen worden. Er ist wegen “Verbrei­tung von falschen Infor­ma­tionen und Gerüchten mit dem Ziel, den Staat in Verruf zu bringen” ange­klagt. Die Staats­an­walt­schaft hat eine sieben­tä­gige Haft­an­ord­nung gegen ihn erlassen. Er ist ein gewalt­loser poli­ti­scher Gefan­gener. Am 13. Juni gegen 5 Uhr morgens umstellten Bereitschaftspolizist_innen das Viertel des Dorfes Bani Jamra west­lich der Haupt­stadt Manama, in dem Nabeel Rajab wohnt, und nahmen den Menschen­rechts­ver­tei­diger fest. Sie legten einen Durch­su­chungs­be­schluss für sein Haus sowie einen Haft­be­fehl gegen ihn und einen Beschluss für seine Über­gabe an die Krimi­nal­po­lizei vor. Eine Begrün­dung für diese Maßnahmen war daraus jedoch nicht ersicht­lich. Sein Handy und sein Computer wurden beschlag­nahmt und er ist auf die Poli­zei­sta­tion in Ost-Riffa südlich von Manama gebracht worden, wo er sich noch immer befindet. Man hat ihm erlaubt, seine Familie anzu­rufen. Am 14. Juni hat man Nabeel Rajab zur Staats­an­walt­schaft gebracht, wo er wegen “Verbrei­tung von falschen Infor­ma­tionen und Gerüchten mit dem Ziel, den Staat in Verruf zu bringen” ange­klagt wurde. Die Staats­an­walt­schaft erließ zudem wegen der laufenden Ermitt­lungen eine sieben­tä­gige Haft­an­ord­nung gegen ihn. Die Rechts­bei­stände von Nabeel Rajab waren bei dem Termin am 14. Juni anwe­send. Als seine Ange­hö­rigen ihn gegen 21 Uhr desselben Tages besuchten, sagte er ihnen, dass man ihn anders als andere Gefan­gene in Einzel­haft fest­halte. Gegen Nabeel Rajab wird zusätz­lich wegen sepa­rater Vorwürfe bezüg­lich einiger Twitter-Kommen­tare und geteilter Twitter-Nach­richten ermit­telt. Themen der Kommen­tare sollen der Krieg im Jemen und Folter­vor­würfe im Zusam­men­gang mit einem Häft­lings­streik am 10. März 2015 im Jaw-Gefängnis gewesen sein. Sollte auch dieser Fall vor Gericht gebracht und Nabeel Rajab verur­teilt werden, drohen ihm bis zu zehn Jahre Haft. Im November 2014 wurde ein Reise­verbot gegen ihn verhängt.” – Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen, möglichst unver­züg­lich und nicht über den 28. Juli 2016 hinaus, unter > ai : urgent action

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im warenhaus

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marimba : 0.02 – Am Abend im Waren­haus beob­achte ich einen kleinen Jungen. Er springt in einer Warte­schlange vor einer Kasse herum und lacht und verdreht die Augen. Weil sich auf dem Förder­band vor der Kasse Milch­fla­schen, Corn­flakes­schach­teln, Reis­tüten sowie zwei Honig­me­lonen befinden, kann der Junge den Mann, der an der Kasse seine Arbeit verrichtet, zunächst nicht sehen. Bei dem Mann handelt es sich um Javuz Aylin, er ist mittels eines Namens­schild­chens, das in der Nähe seines Herzens ange­bracht wurde, zu iden­ti­fi­zieren. In diesem Moment der Geschichte erhebt sich Herr Aylin ein wenig von seinem Stuhl, um neugierig  über die Waren hinweg zu spähen, vermut­lich deshalb, weil der Haar­schopf des Jungen mehr­fach in sein Blick­feld hüpfte. Da ist noch ein zweiter Haar­schopf an diesem Abend im Waren­haus in nächster Nähe, schwarzes, lockiges Haar, es ist der jüngere Bruder des Jungen, der in wenigen Sekunden zu dem Kassierer spre­chen wird, beide Kinder sind sich so ähnlich als seien sie Zwil­linge, ein großer und ein kleiner Zwil­ling. Gleich hinter den Buben wartet die Mutter, sie lächelt wie sie ihre Kinder so fröh­lich herum­tollen sieht. Die junge Frau trägt ein sehr schön buntes Kopf­tuch, ich stelle mir vor, sie könnte in Marokko geboren worden sein, kräftig geschminkter Mund, herr­liche Augen. Plötz­lich sind die Waren auf dem Förder­band verschwunden, der ältere der beiden Jungs betrachtet aufmerksam das Gesicht des Kassie­rers Aylin, der müde zu sein scheint. Er hält dem Jungen ein Päck­chen mit Sammel­bil­dern zur Euro­pa­meis­ter­schaft entgegen, außerdem ein zweites Päck­chen für den klei­neren Bruder, der immer noch hüpft, weil er gerade eben doch noch zu klein ist, um über das Band selbst hinweg spähen zu können. Oh, danke, sagt der Junge zu Herrn Aylin. Er schaut kurz zur Mutter hinauf, die nickt. Ich habe schon fast alle Karten, fährt er fort, die deut­sche Mann­schaft ist komplett. Er macht eine kurze Pause. Ich bin nämlich Deut­scher, sagt der Junge mit kräf­tiger Stimme, auch mein Bruder ist Deut­scher. Wieder schaut er zu Mutter hin, und wieder nickt die junge Frau und lacht. Bist Du auch Deut­scher, fragt der Junge Herrn Aylin. Der schüt­telt jetzt den Kopf und schneidet eine freund­liche Grimasse. Der Junge setzt nach: Ach so! Warum nicht? Aber da ist er, ehe Herr Aylin antworten kann, mit seinem kleinen Bruder und seinen Sammel­bil­dern bereits irgendwo hinter der Kasse verschwunden, so dass sich ihre Mutter beeilen muss, um sie nicht aus den Augen zu verlieren. – stop
ersteseite

gelb

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nordpol : 0.12 – Wie gut, dass digi­tale Such­ma­schinen exis­tieren, die in der Lage sind, diesen Ort : parti­cles : zu durch­su­chen, sobald ich eine Frage an ihn richte, zum Beispiel, wie oft ich das Wort Blau verwendet habe in den vergan­genen Jahren ( : 53 Mal ), oder das Wort Rot ( : 35 Mal ), das Wort Orange ( : 10 Mal, eher selten ), auch mit dem Wort Gelb war ich sparsam gewesen ( : 18 Mal ). Als ich das Wort Gelb, die Häufig­keit seines Vorkom­mens prüfte, erin­nerte ich mich an einen wunder­baren Text, Uwe John­sons Brief aus New York, in dem das Wort Gelb eine hervor­ra­gende Rolle spielt. Der Text beginnt so: Über was hier anders ist / in New York im Staat New York / weißt du es ist eine von jenen Städten in die die west­ber­liner Zeitungs­ver­leger kleine Klin­geln aus Porzellan schi­cken an Fami­lien denen ein Ange­hö­riger umge­bracht wurde bei dem Versuch Ange­hö­rige anderer Fami­lien umzu­bringen / in Vietnam das ist noch hinter der Türkei / ein Brief über was hier anders ist über einen Unter­schied / Ende der Über­schrift // Gelb, zum Beispiel / Gelb ist hier anderswo / ich meine die ganze Farben­fa­milie / was noch gelb ist oder so nahe an Gelb wie Ocker oder Kana­ri­en­vogel oder über­haupt alles im Bereich zwischen Rot und Grün / nicht nur any of the colors normally seen when the portion of the physical spec­trum of wave lengths 571,5 to 578,5 milli­mi­crons employed as a stimulus wie Webster sagt / sondern auch was mal gelb war / Gelb ist hier anderswo / nicht nur im Ei in den Mongolen in der Gelb­sucht in Schwämmen Schmet­ter­lingen Butter­blumen / nie so viel Gelb gesehen wie hier … / – stop. Ich habe diesen Text in dem Buch Eine Lite­ra­ri­sche Land­karte entdeckt, das von Hans Magnus Enzens­berger im Jahr 1999 heraus­ge­geben wurde. Gleich werd ich mich an meinen Schreib­tisch setzen und mit Blei­stift ausge­rüstet, das Wort Gelb zu zählen beginnen. – stop
ping

zwitschern

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kili­man­dscharo : 2.02 – Beim Ohren­arzt trete ich durch eine schmale Tür in einen Saal. Vögel fliegen herum, sie piepsen und pfeifen, dass es eine wahre Freude ist. Da sind Rotkehl­chen, Sper­linge, Tiger­wald­sänger, Seiden­schwänze, Ammern, Tangaren, Schwanz­meisen, woher ich nur diese wunder­baren Namen habe? Zwei Finken landen auf meinem Kopf, sie singen nicht nur, sie spre­chen, sie sagen: Sie sind zu spät, haben sie bitte etwas Geduld! Im Saal liegen zwanzig oder dreißig Menschen in Bade­wannen, andere sitzen auf Stühlen, tragen irgend­welche blin­kenden Käfige über dem Kopf. Grad als ich mich heimisch fühle, bemerke ich einen Korb, in dem mensch­liche Ohren liegen, das war irgendwo nahe der Jora­lemon Street. Ich sitze bald auf einer Bank mit Blick auf die Upper New York Bay. Es ist früher Abend. Wolken­loser Himmel. Noch immer kann ich nicht sagen, ob ich wirk­lich wach bin. – stop
propeller

von ohrenbäumen

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marimba : 0.55 – Auf der Suche nach der Exis­tenz der Ohren­bäume in der digi­talen Sphäre, entdeckte ich, dass sie mögli­cher­weise nicht exis­tieren. Ich könnte einen Ohren­baum demzu­folge erfinden. So viel ist noch zu sagen: Eine Ameri­ka­nerin, Mrs. Eliza­beth Ohren­baum, soll von 1796–1885 in dem Städt­chen Ladoga im Staate Indiana gelebt haben. Außerdem mögli­cher­weise ein Mann namens Ludwig Ohren­baum, nach dem Mr. Bene­dict Ornburn an einem Sonntag, dem 6. September 1998 um 22:50:02 Uhr im Jahr 1998 mit folgenden Worten suchte: Query: I am looking for infor­ma­tion about LUDWIG OHRENBAUM / The first OHRENBAUM (LUDWIG) is supposed to have come to Berks Cnty about 1699 from Germany. This OHRENBAUM or a decen­dent, LUDWIG OHRENBAUM had a son, also called LUDWIG OHRENBAUM (LUDWIG II).LUDWIG II is recorded in Penn­syl­vania Archives, second series Vol 14. I would like to know more. – Acht­zehn Jahre später versuchte ich vergeb­lich, Ludwig Ornburn per E-mail zu errei­chen. Folgende Antwort einer Server­ma­schine ist zu verzeichnen: host ff-ip4-mx-vip2.prodigy.net[144.160.159.22] said: 550 5.2.1 … Address unknown, relay=[194.25.134.82] (in reply to RCPT TO command) – /// Bitte melden! – stop

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im nachtexpress

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MELDUNG. In einem Groß­raum­wagon des Nacht­ex­presses Mozart von München ( Flug­hafen ) nach Wien ( Haupt­bahnhof ) sind gegen Mitter­nacht aufgrund verse­hent­li­cher Entfal­tung eines 2-Sekun­den­zeltes drei tasma­ni­sche Sing­zi­kaden ( Cica­didae ), 22 austra­li­sche Knoten­ameisen ( rot / Myrmicinae ) sowie ein Dorn­teu­fel­chen ( 25 Gramm ) in die Frei­heit entwi­chen. Noch etwas weiteres war flüchtig, das knurrte ehe es verstummte. – stop

unterwassertapete2

von lilli

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tango : 1.02 – Es ist denkbar, dass Lilli Tampere eine Ausnahme ist. Sie scheint vom frühen Morgen an bis in den späten Abend hinein, auch während der Nacht noch, Twit­ter­nach­richten zu notieren. 17558 Botschaften will sie persön­lich in einem Zeit­raum von 15 Monaten in sieben Spra­chen verfasst haben. Ich dachte selbst­ver­ständ­lich über Zahlen, Tage, Stunden, Minuten, Anschläge nach, ich wunderte mich, ich war begeis­tert, sofort habe ich Lilli Tampere einen Brief gesendet. Ich habe geschrieben: Lieber red_maki, wie heißen Sie wirk­lich! Ich kann nicht glauben, dass Sie tatsäch­lich exis­tieren in der Art und Weise, dass Sie über ein einzelnes, schla­gendes Herz verfügen, vermut­lich sind Sie, in Betrach­tung der unge­heuren Zahl der Text­nach­richten, die Sie bereits gesendet haben, entweder eine Person, die sich aus zahl­rei­chen Personen oder Herzen fügt, oder aber Sie sind ein Computer! – Red_maki antwor­tete umge­hend: Lieber Herr Louis, ich bin sehr begabt, ich habe kleine, schnelle Hände, ich muss niemals schlafen, ich bin kein Computer, ich heiße Lilli Tampere. Guten Morgen! – Ich muss das weiter beob­achten. – stop

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karadzic

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marimba : 5.15 – Was, in dieser Minute des begin­nenden Tages, unter­nimmt Radovan Karadzic in seiner Zelle zu Den Haag? Ob er viel­leicht noch schläft? – stop
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rot

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india : 5.58 – Zwei Foto­gra­fien, die mögli­cher­weise nicht mehr exis­tieren, zeigen den Kopf eines älteren Mannes ohne Haare, dessen Mund weit geöffnet ist. In diesem weit­ge­öff­neten Mund hockt ein kleiner schwarzer Vogel von rotem Stirn­ge­fieder. Der Vogel scheint sich in dem Mund des alten Mannes wohl­zu­fühlen, er kauert dort als wäre der Mund sein Nest. Weitere Vögel sind auf dem Bild zu erkennen, die dem Vogel im Mund des Mannes glei­chen, dunkles Gefieder, das über ihren Augen hellrot leuchtet. Vier Vögel sitzen auf dem Kopf des alten Mannes, fünf auf seinen Schul­tern, von einem Vogel ist am linken Rand der Foto­grafie nur ein Schwanz zu erkennen, 12 Vögel befinden sich schwir­rend in einem Orbit um den Kopf in der Höhe der Ohren, es sieht so aus als wären diese Vögel Kopf­vögel, eine Spezies für sich, wie Putzer­fi­sche viel­leicht, die Mond­fi­sche ein Leben lang begleiten. Auf einer zweiten Foto­grafie, von der sich nicht sagen lässt, ob sie vor oder nach der beschrie­benen Aufnahme gefer­tigt wurde, zeigt sich der Mund des alten Mannes geschlossen, er lächelt. Strah­lend blaue Augen sitzen hinter einer Brille, in deren Gläsern sich irgendein warmes Licht spie­gelt. Als ich beide Bilder vor einiger Zeit neben­ein­ander legte, begann ich unver­züg­lich jene Vögel, die sich um den Kopf des Mannes herum bewegten oder auf ihm saßen, jeweils sorg­fältig zu zählen. – stop
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