von blüten

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india : 5.08 – In einer expe­ri­men­tellen Abtei­lung der Akademie bildender Künste zu Manaus wurde gestern Abend gegen 18 Uhr eine Hautzwerg­tulpe auf die linke Schulter einer jungen Künst­lerin verpflanzt. Dorthin wurden bereits am Sonntag während einer mehr­stün­digen Opera­tion weitere Haut­ge­wächse trans­por­tiert, ein Leber­blüm­chen, eine Nacht­schat­teniris, sowie zwei Silber­dis­teln, die unver­züg­lich blühten. Ein Wunder, möchte man meinen. – stop

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eine geschichte von büchern

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nordpol : 4.02 – B. erzählte gestern, warum sie ihren Lieb­haber M. nun wirk­lich zum letzten Mal aus ihrer Wohnung geworfen habe. Sie sei, sagte sie, ihrem jungen Freund noch immer sehr verbunden, aber es sei eben auch so, dass sie gelernt habe, niemals vorher­sagen zu können, was M. Verrücktes in der nächsten oder über­nächsten Stunde unter­nehmen würde. Einmal habe er sich auf eine Straße gelegt, um Kindern, die ihn beob­ach­teten, vorzu­führen, was geschehen würde, wenn sie bei Rot über die Straße gingen. Er sei dann bald selbst über­fahren worden, nur weil die Kinder winkend auf der Straße einem sich nähernden Bus entge­gen­ge­laufen seien, war er vermut­lich am Leben geblieben. Wieder­holt, sieben oder acht Male, sei er außerdem in das Klas­sen­zimmer, in dem B. gerade unter­rich­tete, einge­drungen, um ihr, mit Rosen bewaffnet, je einen Heirats­an­trag zu eröffnen. Einmal, das werde sie niemals vergessen, sei M. während einer Film­vor­füh­rung im Metro­polis-Kino aufge­sprungen und habe darum gebeten, den Film sofort anzu­halten, zurück­zu­spulen und langsam wieder vorwärts laufen zu lassen, da er etwas Beson­deres beob­achtet haben wollte, er sei sich aber nicht sicher gewesen, er müsste das über­prüfen. Nun also habe sich M. an ihrer, B.’s, Biblio­thek vergriffen. Zwei­tau­send Bücher, sorg­fäl­tigst sortiert, Philo­so­phie, Kunst, Reise, Dich­tung, ein System, in dem sie sofort jedes gesuchte Buch noch im Traum finden konnte. Auch wenn er in guter Absicht gehan­delt haben mochte, an einem Vormittag, da sie unter­rich­tete, habe M. ihre Biblio­thek völlig neu orga­ni­siert, er habe ihre Bücher sowohl der Größe, als auch der Farbe ihrer Buch­rü­cken nach in die Regal einsor­tiert, noch schlimmer sei gewesen, dass er sich ihre Empö­rung nicht erklären konnte. Sie habe ihn in die Arme genommen, und dann habe sie ihn behutsam auf den Gehsteig vor ihr Haus gestellt. – stop
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ai : IRAN

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MENSCH IN GEFAHR : “Die irani­sche Menschen­rechts­ver­tei­di­gerin und gewalt­lose poli­ti­sche Gefan­gene Narges Moham­madi befindet sich seit dem 27. Juni im Hunger­streik. Sie protes­tiert damit gegen die fort­ge­setzte Weige­rung der Behörden, ihr den tele­fo­ni­schen Kontakt zu ihren neun­jäh­rigen Zwil­lingen zu ermög­li­chen. Da Narges Moham­madi schwer krank ist und mehrere Medi­ka­mente nehmen muss, sind ihre Gesund­heit und ihr Leben aufgrund des Hunger­streiks noch mehr gefährdet. Die bekannte Menschen­rechts­ver­tei­di­gerin und gewalt­lose poli­ti­sche Gefan­gene Narges Moham­madi ist am 27. Juni in einen Hunger­streik getreten. Sie sieht darin die letzte Möglich­keit des Protests gegen die anhal­tende Weige­rung der Behörden, ihr den tele­fo­ni­schen Kontakt zu ihren Kindern zu erlauben. Ihre inzwi­schen neun­jäh­rigen Zwil­linge mussten vor einem Jahr ins Ausland zu ihrem Vater ziehen, da sich im Iran seit der Inhaf­tie­rung von Narges Moham­madi im Mai 2015 niemand um sie kümmern konnte. Die Menschen­recht­lerin durfte im vergan­genen Jahr ledig­lich ein Tele­fon­ge­spräch mit ihren Kindern führen. Am 27. Juni schrieb sie aus dem Evin-Gefängnis einen Brief, in dem sie ihren Hunger­streik ankün­digte. Darin erklärte Narges Moham­madi, dass alle ihre Anträge auf tele­fo­ni­schen Kontakt zum ihren Kindern abge­lehnt worden seien, bis ihr am 2. April auf schrift­liche Anwei­sung des Staats­an­walts von Teheran ein zehn­mi­nü­tiges Gespräch mit ihren Zwil­lingen erlaubt worden sei. Sie schrieb: “Ich kann mich nicht mehr an ihre Stimmen erin­nern. Ihre Fotos stehen nicht mehr neben meinem Bett. Ich kann es nicht mehr ertragen, sie anzu­schauen … [Die Behörden] betrachten es als Verbre­chen, dass ich eine Menschen­rechts­ver­tei­di­gerin bin. Aber noch schmerz­hafter ist, dass sie mir vorent­halten, Frau und Mutter zu sein. Bis zum Tag an dem ich sterbe und für immer verstumme, werde ich protes­tieren und ich werde das alles nie vergessen.” Im Februar 2016 hatte sie einen offenen Brief an die Oberste Justiz­au­to­rität geschrieben, in dem sie beklagte, dass die Behörden ihr den tele­fo­ni­schen Kontakt mit ihren Kindern verwei­gerten, um sie noch mehr zu bestrafen. Narges Moham­madi ist schwer krank. Sie leidet an einer Lungen­em­bolie (ein Blut­ge­rinnsel in ihren Lungen) und an einer neuro­lo­gi­schen Erkran­kung, die zu Krampf­an­fällen und Lähmungs­er­schei­nungen führt. Sie benö­tigt eine perma­nente fach­ärzt­liche Behand­lung, die im Gefängnis nicht möglich ist. Zudem muss sie täglich Medi­ka­mente einnehmen. Der Hunger­streik bedeutet eine weitere Gefahr für ihre Gesund­heit und ihr Leben. Am 3. Juli wurde sie aus dem Tehe­raner Evin-Gefängnis ins Kran­ken­haus Iran Mehr in Teheran gebracht, um Routi­ne­un­ter­su­chungen wegen ihrer Lungen­em­bolie vornehmen zu lassen. Narges Moham­madi wurde in einem unfairen Gerichts­ver­fahren im April 2016 in mehreren Ankla­ge­punkten für schuldig befunden und zu 16 Jahren Gefängnis verur­teilt. Die Ankla­ge­punkte lauteten auf “Grün­dung einer verbo­tenen Grup­pie­rung” und “Verbrei­tung von Propa­ganda gegen das System”. Sie verbüßt bereits eine sechs­jäh­rige Haft­strafe, die in einem sepa­raten Verfahren gegen sie verhängt wurde. Die Schuld­sprüche stehen alle in Zusam­men­hang mit ihrer Menschen­rechts­ar­beit.” – Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen, möglichst unver­züg­lich und nicht über den 17. August 2016 hinaus, unter > ai : urgent action

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olimambo : 0.02 – Dass ich gut denken und erfinden kann, sobald ich Libellen beob­achte oder von Libellen beob­achtet werde, habe ich vor Jahren bereits bemerkt. Das ist mögli­cher­weise so, weil Libellen sich in der Art und Weise der Gedanken selbst bewegen. Sie scheinen lange Zeit still in der Luft zu stehen und sind doch am Leben, was man daran erkennen kann, dass sie nicht zu Boden fallen. Etwas Zeit vergeht, wie immer. Und plötz­lich haben sich die feinen Libel­len­raub­tiere weiter­be­wegt. Sie sind von einer Sekunde zur nächsten Sekunde an einem anderen Ort ange­kommen. Genau so scheint es mit Gedanken zu sein. Sie springen weiter und machen neue Gedanken, ohne dass der Weg von da nach dort sichtbar oder spürbar geworden wäre. Irgend­je­mand müsste jetzt sofort Libellen erfinden, die Geräu­sche der Zikaden erzeugen, dann wär ich zufrieden. – stop

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echo : 22.02 – Einmal fuhr ich auf einer Staten Island Fähre über die Upper New York Upper Bay spazieren. Ich war konzen­triert. Ich hatte eine Aufgabe. Ich beob­ach­tete den Himmel. Ich beob­ach­tete die Wolken. Ich beob­ach­tete die Häuser an der südli­chen Spitze der Insel Manhattan. ich erin­nerte mich an den Film The Look. Es war Sommer. Es war Nach­mittag. Ich hörte Nach­richten aus einem Radio, die von einem Hurri­kane erzählten, der sich von Westen her nähere. Menschen saßen schweigsam herum, sie fächerten sich Luft zu. Auf dem Dach eines älteren Gebäudes hockten Möwen in großer Höhe. Sie wirkten, als wären sie Erfin­dungen, kaum sichtbar, ein Schim­mern in der Luft. In diesem Augen­blick löste sich eine der Möwen vom Dach des Hauses, das ich beob­ach­tete. Sie segelte über den Battery Park, flog bald in einem groß­zü­gigen Bogen gegen den Wind, um sehr schnell näher zu kommen. Wenige Sekunden später landete die Möwe nur wenige Meter entfernt auf der Reling des Schiffes. Eine Weile blieb sie dort sitzen, sie schien mich zu betrachten. Dann flog sie los, flog zurück unge­fähr auf dem selben Weg, den sie für ihren Hinflug genommen hatte. Bald saß sie wieder auf dem Dach des alten Hauses unter weiteren Möwen, eine schim­mernde Erfin­dung, dachte ich, sehr klein, ich konnte sie gut erkennen entlang eines Fadens von Bildern, den ich verzeichnet hatte. – stop

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Abschnitt Neufund­land meldet folgende gegen Küste gewor­fene Arte­fakte : Wrack­teile [ Seefahrt – 102, Luft­fahrt – 24, Auto­mo­bile – 503], Gruß­bot­schaften in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahr­hun­dert – 2, 19. Jahr­hun­dert – 18, 20. Jahr­hun­dert – 326, 21. Jahr­hun­dert – 788 ], Trol­ley­koffer [ blau : 3, rot : 77, gelb : 8, schwarz : 866 ] physical memo­ries [ bespielt – 166, gelöscht : 12 ], Seenot­ret­tungs­westen : [ 6788 ], Ameisen [ Arbeiter ] auf Treib­holz [ 10 ], Brumm­kreisel : 3, Öle [ 0.88 Tonnen ], Hörrausch­ge­räte Typ Audifon Sueno T : 2, Prothesen [ Herz – Rhyth­mus­be­schleu­niger – 6, Knie­ge­lenke – 698, Hüft­ku­geln – 12, Brillen – 77 ], Halb­schuhe [ Größen 28 – 39 : 551, Größen 38 – 45 : 43 ], Plas­tik­san­dalen [ 8722 ], Reise­do­ku­mente [ 108 ], Kühl­schränke [ 1 ], Tele­fone [ 536 ], Puppen­köpfe [ 18 ] Gasmasken [ 6 ], Tief­see­tauch­an­züge [ ohne Taucher – 1, mit Taucher – 2 ], Engels­zungen [ 101 ] | stop |

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