von hinten oder von der seite her

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echo : 2.12 – Ich dachte gestern noch, dass ich den Faden einer Geschichte mit Möwe, die mich kürz­lich auf einem Fähr­schiff besuchte, vermut­lich so nie wieder erleben werde. Trotzdem beach­tete ich in den darauf folgenden Tagen die Erschei­nungen der Möwen, welche auf dem Dach des alten Hauses saßen. Etwas war anders geworden. Ich hatte bemerkt, dass es sich bei dem alten Haus um ein Hotel handelte. Ich kannte nun den Namen des Hotels, obwohl ich nie dort gewesen war, ich hatte das Gebäude in der digi­talen Sphäre iden­ti­fi­ziert. Tage vergehen. Plötz­lich sitze ich in einem Zug. Es ist spät, dunkel draußen, Menschen in meiner Nähe schlafen, von Zeit zu Zeit tauchen Lichter einer Stadt oder eines Dorfes aus der Licht­lo­sig­keit. Ich beob­achte einen Film auf dem Bild­schirm meiner Schreib­ma­schine. Es geht schön laut zu in dem Film, ich trage Kopf­hörer, und ich denke, wenn ich nun in ein Attentat geraten würde, ich würde mögli­cher­weise das Attentat nicht bemerken, solange nicht bemerken, bis mir jemand von hinten oder von der Seite her in den Kopf schießt, auch das würde ich even­tuell nicht bemerken. – stop

josephine

im zug

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nordpol : 0.02 – Oder aber ich hebe meinen Blick vom Bild­schirm meiner Schreib­ma­schine. Ich beob­achte wiederum in einem Nachtzug reisend einen Film, der vom Über­leben in der Stadt Aleppo erzählt. Plötz­lich glaube ich zu erkennen, wie ein Mann im Zug mit einer Pistole um sich schießt. Menschen flüchten und fallen um. Ich werde in die Schulter getroffen, und ich denke noch, ich sollte wütend werden, es wäre gut, wenn man ein Löwe zu werden wünscht, wütend zu sein. Einmal stehe ich auf, im Zug herrscht noch Frieden. Ein älterer Mann wirft in diesem Moment mit Wucht einen Blick auf mich: Bist Du gefähr­lich? Es ist kein ange­nehmer Blick, es ist ein kalter Blick, den man nicht befragen kann, weil man weiß, dass man keine korrekte Antwort erhalten würde. Auch so herum ist das also möglich. Selt­same Gedanken. – stop
ping

aleppo

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hima­laya : 0.02 – Viel­leicht darf ich folgenden Bericht in voller Länge wieder­geben. Der junge Jour­na­list Zouhir al Shimle berichtet via E-Mail für Die Zeit: Seit Aleppo bela­gert ist, fliegen Assads Truppen und seine Verbün­deten jeden Tag Luft­schläge auf die Viertel der Rebellen, also auch dort, wo ich lebe. Unun­ter­bro­chen dröhnen Kampf­jets über uns hinweg, Heli­ko­pter kreisen über den Häusern. Jeden Tag sterben hier fast fünfzig Zivi­listen. Wir leben in einem nie endenden Getöse von Schie­ße­reien, Explo­sionen, Geschrei. Die meisten von uns trauen sich nicht mehr, nach draußen zu gehen. Manchmal hetzen ein paar Leute die Straßen entlang, um Lebens­mittel zu besorgen – und rennen sofort nach dem Einkauf zurück in ihre Wohnungen. Dabei ist es zu Hause nicht sicherer als auf der Straße. Denn die Bomben treffen auch unsere Häuser. Während ich diese Zeilen schreibe, höre ich das Donnern der Kampf­flug­zeuge, von irgendwo her dringt Gefechts­lärm. Gott sei Dank habe ich bisher alle Angriffe über­lebt. Aber vor ein paar Tagen war ich dem Tod so nah wie nie zuvor. Ich war im Viertel Al-Mashhad unter­wegs, dort, wo mein Büro ist. Ich stand gerade im Laden in unserer Straße, um mir etwas zu trinken zu kaufen, als die erste Fass­bombe einschlug, gerade mal fünf Häuser von uns entfernt. Ich duckte mich für einige Sekunden vor den umher­flie­genden Metall­teilen. Dann rannte ich raus auf die Straße. Nur wenige Sekunden später schlug in der Straße die zweite Faßbombe ein. Ein Metall­splitter bohrte sich in meinen Rücken, ein anderer in mein Bein. Ich rannte von der Straße wieder zurück zum Laden. Und war vor Schock wie gelähmt: Sieben Menschen, die dort Schutz vor der zweiten Bombe gesucht hatten, waren tot, zerquetscht vom Schutt der einge­stürzten Decke. Sie starben nur, weil sie sich in den Sekunden der Explo­sion anders entschieden hatten: Sie hielten sich zwischen den Regalen versteckt, während ich auf die Straße lief. Nur deswegen habe ich als Einziger von uns über­lebt. Die Helfer hatten große Mühe, die verdrehten und durch­trennten Körper aus dem Geröll zu ziehen. Ange­hö­rige der Toten lagen am Boden und schrien, Kinder weinten. Aus einigen Körpern quollen Inne­reien, überall lagen abge­trennte Hände und Beine. Insge­samt starben durch diese Angriffe 15 Menschen, 25 – mit mir – wurden verletzt. Ich kann diese Bilder nicht vergessen. Ich hätte einer dieser Körper sein können. Ich wurde schnell in ein Kran­ken­haus gebracht, doch helfen konnte mir dort niemand. Zu viele Menschen brauchten Hilfe, unauf­hör­lich brachten Männer neue Tragen mit Schwer­ver­letzten hinein. Während ich auf den Arzt wartete, sah ich so viel Blut, dass ich zu hallu­zi­nieren begann. Ein Freund brachte mich deshalb in ein anderes Kran­ken­haus, wo sich Schwes­tern um mich kümmerten. Sie entfernten einen Metall­splitter, der andere steckt noch in meinem Bein. Sie sagen, er könne erst in einiger Zeit entfernt werden. Doch es sind nicht nur die Bomben und Gefechte, die unser Über­leben immer schwerer machen. Das Regime hat nun auch die Castello-Straße einge­nommen. Sie ist eine Todes­zone geworden: Ständig wird geschossen, bren­nende Autos liegen am Stra­ßen­rand. Das Regime kämpft dort mit aller Macht – und schneidet uns damit von der Außen­welt ab. Die Castello-Straße war bislang die einzige Verbin­dung von Aleppo nach draußen, in die Vororte und in die Türkei. Es war die Lebens­ader der Stadt, von dort haben wir Lebens­mittel, Gas, Brenn­stoff, Trink­wasser und Medizin bekommen.  Die Bela­ge­rung ist für uns drama­tisch. Denn jetzt gibt es kaum noch Obst und Gemüse zu kaufen, über­haupt sind die Märkte fast leer. Auch haben wir immer weniger Brenn­stoff, wir verbrau­chen gerade die letzten Reserven der Stadt. Bald schon werden wir in kompletter Dunkel­heit leben. Das ist es, was das Regime und seine Milizen wollen: dass Aleppo langsam stirbt. Sie setzen dabei allein auf die Zeit. Wir, die noch rund 300.000 Verblie­benen, werden nicht mehr lange versorgt werden können. Ich fürchte, dass unser Unter­gang schließ­lich dadurch kommt, dass wir alle um Wasser und Brot kämpfen. Und dass die, die nicht mehr stark genug sind, darum zu kämpfen, einfach verhun­gern werden. Fakt ist: Wir sitzen fest. Wir haben keine Chance mehr, aus Ost-Aleppo heraus­zu­kommen. Ich habe immer mit drei Freunden in einer WG zusammen gewohnt. Jetzt ist nur noch einer von ihnen hier. Malek hat gehei­ratet und lebt nun mit seiner Frau zusammen, sie erwarten ein Baby. Der andere, Jawad, konnte in die Türkei entkommen. Sein Vater wurde bei einem Angriff schwer verletzt und Jawad konnte mit ihm vor ein paar Wochen in die Türkei fahren, damit er dort medi­zi­ni­sche Hilfe bekommt. Jawad versucht, wieder zu studieren. Er wird nicht mehr nach Aleppo zurück­kommen. So zynisch es klingt: Er hat Glück gehabt. Denn nur sehr kranke Menschen dürfen mit einer Beglei­tung den Grenz­über­gang Bab al-Salameh in die Türkei passieren. Die Türkei ist da sehr strikt. Für mich gilt das also nicht Selbst wenn ich Aleppo verlassen wollte: Ich kann es nicht. Die Bombar­die­rungen in der Stadt sind zu stark, ich würde nicht mehr weit kommen. Ich weiß, dass ich hier nicht mehr wegkommen werde. Die Bomben fallen weiter, jeden Tag, jede Stunde. Sie treffen alles, was sich bewegt. Ich sitze in Aleppo fest. Aber noch bin ich am Leben. – stop
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wildlaborbiene

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alpha : 10.58 – Nehmen wir einmal an, eine Unter­su­chungs­ma­schine von der Größe einer Wild­biene exis­tierte, ein wanderndes Labor, welches sich aus eigener Kraft inner­halb oder über Körper olym­pi­scher Athleten bewegen würde, wäre das nicht eine beru­hi­gende, ja begeis­ternde Vorstel­lung, da eine feine Bohrung in Muskel­tiefe, dort eine Messung elek­tri­scher Salz­was­ser­ströme, stünd­lich eine Blut­probe, die im Sonden­körper sogleich ausge­wertet sein würde, jede erdenk­liche Substanz, die der nicht­na­tür­li­chen Leis­tungs­stei­ge­rung diente, würde unver­züg­lich entdeckt und per Funk­si­gnal gemeldet sein. – stop

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wegen unsichtbarkeit

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lima : 0.08 – Die kleine M. erzählte, sie habe mit ihrer Mutter fünf Jahre im fünf­zehnten Stock eines Miets­hauses auf Roose­velt Island gelebt. Dort hatten sie zwei Nach­barn, eine Familie links, puer­to­ri­ca­ni­scher Herkunft, Mutter, Vater, drei Kinder, – sowie eine vermut­lich allein­ste­hende Frau in der Wohnung rechts. Während M. und ihre Mutter sehr herz­li­chen Kontakt zu den Menschen auf der linken Seite ihrer Wohnung pflegten, man feierte sogar gemein­same Feste, grüsste von Balkon zu Balkon, waren sie jener Frau, deren Stimme häufig schrill durch die Wand zu ihnen in die Wohung drang, in all den Jahren räum­li­cher Nähe nie persön­lich begegnet. Auch auf dem Balkon, berich­tete M., hätten sie die Person, die zu der schrillen Stimme gehörte, nie gesehen, nur das Licht, das von der Wohnung her kam, Licht auch, das unter der Tür hindurch auf den Flur leuch­tete, ein schmaler Streifen, fade. Das Schild­chen, das neben der Tür zur Wohnung ange­bracht worden war, behaup­tete hinter der Tür lebe Lucilla Miller, ein Brief­kasten, der zur Wohnung gehörte, exis­tierte vor dem Haus, der Brief­kasten wurde von irgend­je­mandem regel­mäßig geleert. Manchmal nachts war aus der Wohnung Streit zu hören, Mrs. Millers keifende Stimme, dann wieder Flüs­tern, von Zeit zu Zeit auch Geräu­sche, die mögli­cher­weise aus einem Fern­seh­gerät kamen, Schritte weiterhin, ferne Schritte. Mrs. Miller tele­fo­nierte häufig und jeweils lange Zeit, während dieser Gespräche schien Mrs. Miller herum­zu­laufen, zwei oder dreimal hatten ihre Nach­barn den Verdacht, sie sei viel­leicht verreist, einmal wollte man das Jaulen einer Katze vernommen haben. Eigent­lich war alles in Ordnung, eigent­lich gab es keinen Grund zur Beun­ru­hi­gung, wenn man doch Mrs. Lucilla Miller wenigstes einmal gesehen hätte, einen Schatten, oder eine Hand, die hinter den vergit­terten Fens­tern einer Aufzugstüre winkte. Darum wohl haupt­säch­lich, wegen Unsicht­bar­keit, wurde an einem eisigen Wintertag jene geheim­nis­volle Wohnung von zwei Feuer­wehr­män­nern geöffnet. Die Wohnung war, von zwei Laut­spre­chern abge­sehen, auf welchen eine schä­bige Lampe thronte, voll­ständig leer. Die kleine M. sagte, während sie an ihrem großen Zeh drehte wie an einem Radio­knopf, dass sie sich sehr gewun­dert habe. Auch alle anderen haben sich gewun­dert, wie natür­lich auch ich, der diese Geschichte aufge­schrieben hat. – stop

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sechs finger

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sierra : 0.28 – Kurz nach Mitter­nacht wiederum stürzte ein Falter auf meinen Schreib­tisch. Ich hatte die Fenster geöffnet, kühle und doch würzige, feuchte Luft von draußen, und eben der Falter, der plötz­lich vor mir auf dem Rücken lag und sich nicht mehr rührte, als wäre er während seines Nacht­fluges tief und fest einge­schlafen. Da war nun eine selt­same Frage. Wie wecke ich einen schla­fenden Falter, ohne ihn in Angst und Schre­cken zu versetzen? Ich könnte mit meinem Atem etwas Wind erzeugen, oder aber ich könnte nach einem feinen Pinsel suchen. Ich könnte ande­rer­seits so tun, als wäre der Falter nicht wirk­lich. Ich muss das nicht sofort entscheiden. Nein, ich muss das nicht sofort entscheiden. Ich notiere: Vor wenigen Stunden meldeten Nach­rich­ten­agen­turen, Rebellen hätten einen Korridor zu einge­schlos­senen Menschen im Zentrum der Stadt Aleppo frei­ge­kämpft. Wer sind diese Rebellen, was denken sie, was haben sie vor? Vor wenigen Tagen noch beob­ach­tete ich, wie die kleine M. ihre Finger zählte, es war selt­sa­mer­weise immerzu sechs Finger. Auch ich habe sechs Finger, wenn M. sie zählt. – stop
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amsterdam

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MELDUNG. Frische Ohren zu Amsterdam, mensch­lich, aus den Laboren in der Over­singe 11, nahe Amstel­park: 100 g je 165 engli­sche Pfund. Nur heute. Ab 16 Uhr. Solange der Vorrat reicht. – stop
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samstags

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foxtrott : 5.12 – Früher Nach­mittag, Sommer. Ich beob­achte auf einem Fähr­schiff, das nach Staten Island fährt, einen älteren Mann bei konzen­trierter Arbeit. Er sitzt auf einer Bank des Prome­na­den­decks tief über ein Buch gebeugt. Einige Kinder tollen in seiner Nähe herum, er nimmt, so sehr ist er bemüht, mit einem Blei­stift den Zeilen eines Buches zu folgen, keine Notiz von ihnen. Ich denke zunächst, der alte Mann würde seine Augen mit Hilfe eines Blei­stifts entlang der Zeichen­linie führen, aber als ich mich nähere, entdecke ich Wort für Wort eine leichte Verzö­ge­rung der Bewe­gung, die aus der Entfer­nung betrachtet doch wie eine flie­ßende Bewe­gung wirkt. Am Ende jeder Zeile notiert der Mann eine Ziffer, vermut­lich deshalb, weil er die Wörter des Buches zählt. Das ist seltsam und zugleich berüh­rend, wie er so selbst­ver­gessen auf dem großen Schiff verweilt, und ich hoffe, er möge auf Staten Island ange­kommen, mit dem nächsten Schiff zurück­fahren nach Manhattan, und wiederum auf seinem Transfer Wörter zählen. Als das Schiff an das St. George Terminal anlegt, schließt der alte Mann das Buch, verstaut seinen Blei­stift in einer Tasche seines Jacketts, erhebt sich mühe­voll, um das Schiff langsam gehend über die Brücke, die sich zur Fähre hin senkte, zu verlassen. Im Saal des Termi­nals bleibt er für einen Augen­blick vor einem Aqua­rium stehen, betrachtet die Fische oder sein Spie­gel­bild, um sich wenige Minuten später von der Menschen­menge, die auf das wartende Schiff strömt, mitnehmen zu lassen. Nebel ist aufge­kommen, die Möwen, die das Schiff auf seinem Weg nach Manhattan begleiten, still. Ich stehe draußen auf der Prome­nade und beob­achte das Wasser, wie es weit unten entlang des Schiffs­kör­pers schäumt. Von Zeit zu Zeit schau ich durch Fenster zu dem alten Mann hin, zu seinem Buch, seinem Blei­stift, seinen Händen. – stop
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ai : TÜRKEI – petition

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Türkei: Menschen­rechte gelten auch nach dem Putsch­ver­such! Die türki­schen Behörden gehen nach dem geschei­terten Putsch vom 15. Juli hart gegen tatsäch­liche und vermeint­liche Kriti­ke­rinnen und Kritiker der Regie­rung vor. / Amnesty Inter­na­tional hat glaub­wür­dige Beweise zusam­men­ge­tragen, denen zufolge Gefan­gene nach dem Putsch­ver­such gefol­tert wurden. Unter anderem gibt es Berichte über Schläge und Verge­wal­ti­gungen. Regie­rungs­an­ge­hö­rige haben sich für eine Wieder­ein­füh­rung der Todes­strafe für die am Putsch­ver­such Betei­ligten ausge­spro­chen. / Mehr als 10.000 Personen sind seit dem Putsch­ver­such inhaf­tiert worden, mehr als 45.000 Menschen wurden entlassen, darunter auch Poli­zei­kräfte, Rich­te­rinnen und Richter sowie Staats­an­wäl­tinnen und Staats­an­wälte. Im Land herr­schen Angst und Verun­si­che­rung. Viele Menschen fürchten aus gutem Grund um ihre Rechte und Frei­heiten. / Zwar müssen die während des Putsch­ver­suchs began­genen Menschen­rechts­ver­stöße unter­sucht und die Verant­wort­li­chen zur Rechen­schaft gezogen werden. Die Menschen­rechte müssen dabei jedoch in vollem Umfang respek­tiert werden. / Die völker­recht­li­chen Pflichten der Türkei sowie die in den vergan­genen Jahr­zehnten hart erkämpften Rechte und Grund­frei­heiten müssen auch unter dem derzeit verhängten Ausnah­me­zu­stand gelten. Die Regie­rung darf die Menschen­rechte nicht im Namen der Gerech­tig­keit miss­achten. Denn wenn die Menschen­rechte nicht geachtet werden, kann sich niemand sicher fühlen. Werden Sie aktiv! Betei­ligen Sie sich an unserer Online-Peti­tion und fordern Sie Präsi­dent Erdogan auf, auch unter dem derzeit verhängten Ausnah­me­zu­stand die Menschen­rechte zu respek­tieren!” Lesen Sie hier den voll­stän­digen > PETITIONSTEXT

die luft über aleppo

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nordpol : 22.01 – Seit Tagen lässt sich in aller Ruhe die Erfin­dung eines fragenden Gedan­kens beob­achten. Es handelt sich bei diesem Gedanken um eine Zeichen­kette folgenden Inhalts: Ist es viel­leicht denkbar, die einge­schlos­senen Bürger­men­schen der Stadt Aleppo mit Trink­wasser, Medi­ka­menten und Brot aus der Luft zu versorgen? Noch lässt sich nicht sagen, ob der Gedanke soweit in einer logi­schen Form verwirk­licht werden wird, dass aus einem Gedanken im Stadium der Entwick­lung, ein Gedanke werden könnte, der sich tatsäch­lich denken, also verstehen lässt, demzu­folge mit einem weiteren Gedanken in Verbin­dung gebracht werden könnte: Wann werden wir die einge­schlos­senen Bürger­men­schen der Stadt Aleppo mit Trink­wasser, Medi­ka­menten und Brot aus der Luft versorgen? – stop

manuskript3

hybrid

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delta : 0.05 – Eine nord­ame­ri­ka­ni­sche Radio­sta­tion meldete vor wenigen Tagen, die Regie­rung der USA habe die Absicht, Beschrän­kungen finan­zi­eller Mittel für Forschung und Entwick­lung hybrider Lebe­wesen aufzu­geben. Eich­hörn­chen sind nun denkbar, die nicht nur in der Vorstel­lung, viel­mehr tatsäch­lich mensch­liche Herzen in sich tragen, Herzen in der Größe wie wir sie in Föten kurz vor ihrer Geburt beob­achten, gut trai­nierte Herzen, jeder­zeit bereit, gepflückt zu werden. – stop
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turku

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MELDUNG. Turku, Maari­an­katu 3, 4. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 852 [ Marmor, Carrara : 6.05 Gramm ] voll­endet. – stop

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morgens

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olimambo : 0.15 – Einmal sitze ich  in einer Stra­ßen­bahn. Plötz­lich fällt ein Gedanke vom Himmel. Ich könnte, dachte ich, Gespräche insze­nieren, Sätze wie Lebe­wesen für sich, Sätze, die vor den Menschen gewesen sind. Notwen­dige Sätze oder natür­liche Sätze. – Ich notierte diesen Text vor ein oder zwei Jahren.  Er berührt mich, aber ich kann nicht erin­nern, was ich unter Sätzen, die vor den Menschen gewesen sind, verstanden haben könnte. – stop

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nahe lemmon creek park

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charlie : 2.58 – Seit einer halben Stunde suche ich nach einem Namen für einen Mann, den ich einmal vor längerer Zeit beob­achtet habe auf Staten Island an einem Strand im Winter. Ich dachte, verdammt, hätte ich ihn doch nur nach seinem Namen gefragt, ich fürch­tete damals, ihn zu stören, fürch­tete, dass er sofort in den wilden Wäldern nahe dem Lemmon Creek Park verschwinden würde. So still wie damals am Strand, sitze ich nach­denk­lich und rufe mir die Gestalt des Mannes in Erin­ne­rung, eine schat­ten­lose Figur, die auf einem verwit­terten Baum­stamm hockt. Du heißt viel­leicht Lauren­tius, denke ich, oder Henry, nein, nicht Henry, Lauren­tius wird ein guter Name sein. Der Strand ist nass vom Regen und vom Nebel, der tief über dem Meer hängt. Wenn man raus schaut, weg vom Land, sieht man Schiffe, aber nur ihre Bäuche, nicht Brücken, Container, winkende Passa­giere. Ich glaube, auch Lauren­tius beob­achtet in diesem Moment seines Lebens Schiffe und Nebel, manchmal schreibt er ein paar Sätze auf ein Notiz­blatt, reißt das Papier aus seinem Block, fasst in seine rechte oder linke Hosen­ta­sche, holt ein Fläsch­chen hervor, wickelt das Notiz­blatt um einen Blei­stift, führt das in dieser Weise geformte Notiz­pa­pier­stäb­chen in den Hals des Fläsch­chens ein, verschließt den Behälter mit einem Korken, steht auf und schleu­dert ihn  aufs Meer hinaus. Dann setzt er sich wieder auf den verwit­terten Baum­stamm, beob­achtet die Schiffe, die west- und ostwärts der Küste folgen, um nach einigen Minuten eine weitere Notiz zu fertigen. Einmal kehrt eines der Fläsch­chen zurück, es ist mögli­cher­weise von der Bugwelle eines größeren Schiffes aus der Strö­mung getragen worden. Als Lauren­tius das Fläsch­chen bemerkt, steht er auf, holt das Fläsch­chen aus der Bran­dung, dreht den Korken vom Flaschen­hals und schüt­telt das Fläsch­chen solange, bis das Notiz­zet­tel­röll­chen auf seine Hand­fläche rutscht. Dann wirft er die leere Flasche wieder weit hinaus aufs Wasser, wo es für einen kurzen Moment verschwindet. – stop

propeller

postkarte

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echo : 5.15 – In mei­nem Brief­kas­ten ruhte eine Post­karte, die von irgend­je­man­dem mit äußerst klei­nen japa­ni­schen Zei­chen beschrif­tet wor­den war. Zunächst wirkte der Text wie ein Mus­ter, das sich erst dann zu Schrift­zei­chen auf­löste, als ich meine Brille aus der Schuhb­lade holte. Ich konnte den Text natür­lich nicht lesen. Ich nehme an, die Post­karte wurde ver­se­hent­lich in mei­nen Brief­kas­ten gewor­fen. Bei genau­e­rer Unter­su­chung stellte ich jedoch fest, dass die Post­karte in jedem ande­ren Brief­kas­ten ver­mut­lich gleich­wohl ein ver­se­hent­li­ches Ereig­nis gewe­sen wäre, die Post­karte trug näm­lich keine Anschrift an der dafür vor­ge­se­he­nen Stelle, aber eine Brief­marke des japa­ni­schen Hoheits­ge­bie­tes. Auch auf ihrer Rück­seite war kein Adres­sat zu erken­nen. Eine Foto­gra­fie zeigt Samuel Beckett, der unter einem blü­hen­den Kirsch­baum sitzt, oder einen Mann, der Samuel Beckett ähn­lich sein könnte, der Dich­ter im Alter von 160 Jah­ren, er hat sich kaum ver­än­dert. Ein sehr inter­es­san­tes Bild. Auf einem Ast des Bau­mes sind Eich­hörn­chen zu erken­nen, sie­ben oder acht Tiere, die ihre Augen geschlos­sen hal­ten. Ich erin­nere mich, dass ich ein­mal davon hörte, Men­schen wür­den immer wie­der ein­mal Post­kar­ten notie­ren, oft sehr auf­wen­dig aus­ge­ar­bei­tete Schrift­stü­cke, um zuletzt die Adresse des Emp­fän­gers zu ver­ges­sen. Das ist tra­gi­sch oder viel­leicht eine Methode, Infor­ma­tion an die Welt zu sen­den, die nie­man­den oder irgend­ei­nen belie­bi­gen Men­schen errei­chen soll. Nun liegt diese Post­karte neben Zimt­ster­nen, Bana­nen und Äpfeln auf mei­nem Küchen­ti­sch. Zunächst hatte ich das Wort L i e ­b e r in die Goo­gle – Über­set­zer­ma­schine ein­ge­ge­ben und in die japa­ni­sche Spra­che über­setzt. Zei­chen, die sich auf mei­nem Bild­schirm for­mier­ten, waren mit den ers­ten Zei­chen auf der Post­karte iden­ti­sch. Ich weiß sehr genau, was nun zu tun ist. In die­sem Augen­blick jedoch scheue ich noch davor zurück, mei­nen Namen in die Maske der Such­ma­schine ein­zu­ge­ben. Bald Mor­gen­däm­me­rung im Koffer­text, ich höre schon Tau­ben auf dem Dach spa­zie­ren. –  stop

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1 Uhr 24

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india : 0.15 – Wann wurde das Wort Dromedar zum ersten Mal von einem mensch­li­chen Mund formu­liert? Oder das Wort Stra­ßen­bahn? Oder das Wort Chlorgas? – stop
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zwei wartende männer

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nordpol : 3.18 – Als wir auf einen Zug warteten, erzählte ich Piotr von einer schla­fenden Frau, die ich einmal in einem Flug­zeug beob­achtet hatte. Sie kaute, ohne eine Pause einzu­legen, einen Kaugummi. Ich sagte, ich sei mir nicht sicher gewesen, ob die Frau tatsäch­lich schlief oder sich nur vorstellte, sie würde schlafen. Unver­züg­lich wollte auch Piotr eine Geschichte erzählen. Als er noch in Polen lebte, sei er einmal von Krakau nach Moskau gereist. Kurz nach seiner Ankunft habe er eine Post­karte, die er noch im Bahnhof erworben hatte, mit einem Gruß versehen und an seine Geliebte geschickt, die natür­lich in Krakau lebte. Dann sei er mit dem nächst­besten Zug wieder nach Hause gefahren. Piotr war damals ein junger Mann. Er war in seinem langen Leben nur einmal in Moskau gewesen, die Post­karte sei in Krakau nie ange­kommen. – stop

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wörterbilder

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echo : 2.12 – In der Stadt Kiew sollen noch Monate nach der Havarie des Reak­tors 4 in Tscher­nobyl Straße um Straße entlang der Häuser­wände perfo­rierte Rohre instal­liert worden sein, aus welchen Wasser strömte, um das strah­lende Gift von den Straßen zu schwemmen. Eine Bekannte erzählte mir von der Exis­tenz dieser Rohre, sie war damals in Kiew gewesen für einige Tage. Ich kenne dieses Bild, ich erin­nere mich, das ein Wörter­bild ist, kein Licht­bild, da ich keine Foto­grafie in der digi­talen Sphäre entdecke. Wie lange Zeit sollte ich suchen? Stunden? Oder Tage? Das Wörter­bild scheint plau­sibel zu sein, oder sogar wahr­schein­lich. Wie viele Menschen exis­tieren in der Stadt, in der ich lebe, also in meiner unmit­tel­baren Nähe, die mit dem Tod bedroht werden, weil sie sich Glauben und weiteren Ritualen wider­setzen? – stop

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afrika

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nordpol : 2.28 – Zentral­afri­ka­ni­sche Land­schaft. Savanne. Affen­brot­bäume. Das Ufer eines Flusses oder Sees. Wolken, schnee­weiß, getürmt. Entlang der Ufer­linie fliegen Flamingos, ein Schwarm, 200 oder 300 Tiere. Sie sind vermut­lich gerade erst gestartet. Wenn ich mich mit einer Lupe der Land­schaft, die auf eine Brief­marke gepresst wurde, nähere, vermag ich die Füße einzelner Vögel gut zu erkennen, eine hoch­auf­lö­sende Druck­ar­beit, mögli­cher­weise könnte man unter einem Mikro­skop Federn entde­cken, das Licht, das sich in den Augen der Flie­genden bricht, Moskitos, die über dem Wasser schweben, Libellen und wiederum die Füße der Libellen. Ein seltenes Exem­plar einer Panora­ma­marke von 2.8 cm Höhe und 1 Meter und 50 cm Breite. Man könnte diese Brief­marke für Briefe verwenden, die über entspre­chende Breite verfügen, sagen wir, für sehr lange Lang­briefe, oder aber man verwendet dieses wunder­volle Post­wert­zei­chen auf Kurz­briefen übli­cher Breite, dann muss man die Brief­marke falten. Genauso ist das vorge­sehen, natür­liche Falten sind der Brief­marke beigebracht, eigent­lich liegt die Brief­marke, sofern man sie erwerben möchte, in gefal­tetem Zustand vor, ein Bänd­chen von Haares­breite hält sie in der Gestalt einer Zieh­har­mo­nika zusammen. Auch jetzt sind Flamingos gut zu erkennen. Es handelt ich um eine wirk­lich sehr schöne Marke. – stop

drohne27

still

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lima : 5.14 – In der vergan­genen Nacht um 1 Uhr und 12 Minuten, ist die Uhr meines Vaters, die ich seit seinem Tod am 10. April 2012, trage, stehen geblieben. – stop
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die insel der farbenblinden

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echo : 0.12 – Oliver Sacks notiert in seinem Reise­be­ob­ach­tungs­buch Die Insel der Farben­blinden Folgendes: Meine Besuche auf diesen Inseln waren kurz und unvor­be­rei­tet, nicht an einen fes­ten Plan oder ein Pro­gramm gebun­den, nicht dazu bestimmt, eine These zu bewei­sen oder zu wider­le­gen, son­dern ein­fach der Beob­ach­tung gewid­met. Doch so impul­siv und unsys­te­ma­ti­sch sie auch waren, ich ver­danke ihnen inten­sive, viel­schich­tige Erleb­nisse, die sich in alle mög­li­chen, mich stän­dig über­ra­schen­den Rich­tun­gen ver­zweig­ten. Viel­leicht bedurfte es erst mei­ner Rück­kehr, der Mög­lich­keit, die Erleb­nisse wie­der und wie­der Revue pas­sie­ren zu las­sen und zu sich­ten, um ihres Zusam­men­hangs und ihrer Bedeu­tung ( oder zu min­des­tens eines Teils ihrer Bedeu­tung ) hab­haft zu wer­den ― und um die­sen Impuls zu ver­spü­ren, sie zu Papier zu brin­gen. Diese Nie­der­schrift, die mich wäh­rend der letz­ten Monate beschäf­tigt hat, erlaubte mir, ja zwang mich, die Inseln in mei­ner Erin­ne­rung erneut auf­zu­su­chen. Und da die Erin­ne­rung, wie Edel­mann aus­führt, nie­mals nur sim­ple Auf­zeich­nung oder Repro­duk­tion ist, son­dern ein akti­ver Pro­zess der Reka­te­go­ri­sie­rung, der Rekon­struk­tion und Phan­ta­sie­tä­tig­keit, ― ein Pro­zess, der von unse­ren eige­nen Wer­ten und Per­spek­ti­ven bestimmt wird, hat mich die Erin­ne­rungs­ar­beit dazu geführt, die Besu­che in gewis­ser Weise neu zu erfin­den und so ein per­sön­li­ches, eigen­wil­li­ges, viel­leicht exzen­tri­sches Bild die­ser Inseln zu ent­wer­fen, das zusätz­lich genährt wurde durch meine Lei­den­schaft für Inseln und und Insel­bo­ta­nik. – stop
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turku

picping

MELDUNG. Turku, Maari­an­katu 3, 4. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 855 [ Marmor, Carrara : 2.58 Gramm ] voll­endet. – stop

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vom suchwörterschatten

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echo : 0.55 – Ein faszi­nie­render Such­wör­ter­schatten, der Parti­cles in den vergan­genen Monaten berührte: Tatter­mandl . Herz­ohren . Papier­haut . Schne­cken­ge­schichten . Wasser­woh­nungen . künst­li­cher Baby­bauch zum Selber­ma­chen . Andreas Einfinger . Brust­milch­gang . Kalkutta . Mann ohne Mund . Stöp­sel­kopf­ameise. Aber auch Versuchum Versuch, das Wort Parti­cles zu formu­lieren: parti­clees . parti­celes . parti­cals . xpar­ti­cles . part­ti­cles. – Habe ich je über Coco Chanels Winter­mütze notiert? – stop

trompetencode

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