kein wort unterstrichen

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ulysses : 0.25 — Kon­stan­tin erzählte von ein­er Bib­lio­thek unberührter Büch­er, die sich in sein­er Woh­nung befind­en soll. Als ich ihn fragte, was er unter unberührten Büch­ern ver­ste­hen würde, erk­lärt er, das seien Büch­er, die er besitze, aber nie geöffnet habe, nie in ihnen geblät­tert, keine Notiz wurde auf irgen­dein­er der Seit­en der Büch­er hin­ter­lassen, kein Wort unter­strichen. Selt­samer­weise habe er jedes dieser Büch­er gele­sen, ihre dig­i­tal­en Schat­ten. Er lese auss­chließlich Büch­er in elek­tro­n­is­ch­er Bear­beitung, er sehe nicht mehr gut, er könne die Zeichen elek­tro­n­is­ch­er Büch­er in sein­er Lese­mas­chine ver­größern, so wie es für seine Augen angenehm sei. Irgend­wann habe er bemerkt, dass er Büch­er, die ihn begeis­terten, unbe­d­ingt besitzen müsse, ihre Aus­gabe auf Papi­er sicht­bar in einem Bücher­re­gal. Ein­mal habe er einen elek­tro­n­is­chen Text selb­st aus­ge­druckt und zu einem Buchkör­p­er geformt, weil er eine papierene Aus­gabe des Buch­es zum Kauf nicht find­en kon­nte. — stop
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60.432875 : 22.158961

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nord­pol : 6.08 — Eine tragis­che Geschichte soll sich in ein­er kleinen, finnis­chen Stadt nahe Turku ereignet haben. Ich kon­nte mir den Namen der Stadt nicht merken, aber die Geschichte sehr wohl, die mir ein Fre­und erzählte, während wir ger­ade auf ein Flugzeug warteten. Dort oben im Nor­den soll der Geschichte zur Folge, eine Frau mit­tleren Alters nach Jahren des Schreibens bemerkt haben, dass sie wieder­holt bestohlen wurde, dass man geduldig darauf wartete, dass sie etwas auf­schreiben und im Inter­net veröf­fentlichen würde, dann wollte man näm­lich sofort inter­es­sante und auch weniger inter­es­sante Abteilun­gen ihrer neu hinzuge­fügten Geschichte und ihre Gedanken markieren mit­tels eines Mauszeigers, um die in dieser markierten Abteilung befind­lichen Wörter zu kopieren, sie durch Spe­ich­er eines oder mehrerer Com­put­er zu trans­portieren, bis eben jene Zeichen, die gestoh­lene Zeichen waren, an ein­er weit­eren Stelle im Inter­net unter Tex­ten, die nicht gestohlen wor­den waren, zum Still­stand kom­men wür­den. Den Zeichen selb­st war niemals anzuse­hen, dass sie eigentlich nicht dort hinge­hörten, dass sie fremde Zeichen waren. Als nun die bestoh­lene Frau zufäl­liger­weise bemerk­te, dass sie beraubt und immer weit­er beraubt wor­den war, wollte sie sich wehren. Sie bemühte sich um Unter­stützung, sie bat ihre besten und auch weniger gute Fre­unde zu lesen, was sie notiert hat­te, Textstellen zu ver­gle­ichen und Anklage zu erheben. Einige Tage später bere­its machte sich die Frau auf den Weg in die Wälder, irgend­je­mand behauptete, sie sei nicht gewan­dert, son­dern geflo­hen. Nun, vorgestern, soll sie gefun­den wor­den sein. Man berichtet, dass sie schweigend auf einem recht hohen Baum sitzen würde. Sie lese in Büch­ern, die sie mit Schnüren an Ästen des Baumes befes­tigt habe. Sie wolle partout nicht herun­ter­steigen. Es werde doch bald Win­ter wer­den. — stop
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brindisi

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MELDUNG. Nahe Brin­disi, bei­h­na­he zeit­gle­ich, sind Men­schen [ 128 Per­so­n­en ] von hell­blauer Haut wie aus dem Nichts her­aus an Land gekom­men. Man ist fiebrig, aber fre­undlich wie immer. — stop

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an einem frühen morgen

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oli­mam­bo : 8.05 — An einem frühen Mor­gen spricht ein Mann im Schwein­wer­fer­licht ein­er Fernsehkam­era. Er ist Abge­ord­neter des Deutschen Bun­destages, ein tapfer­er Mann, er vertei­digt die Poli­tik sein­er Partei, sein­er Bun­deskan­z­lerin. Er spricht unge­fähr so: Wir haben viel geschafft. Wir haben uns bemüht. Wir haben den Men­schen­schleusern das Handw­erk gelegt. Es kom­men weniger Men­schen zu uns, die flücht­en wollen. Nicht länger müssen Men­schen im Mit­telmeer ertrinken. – Es ist früher Mor­gen, ein Mor­gen eines Tages im Sep­tem­ber. Es ist das Jahr 2016. Wenn ich über die Fernbe­di­enung meines Fernse­hgerätes einen weit­eren Fernsehkanal anwäh­le, erfahre ich, dass der Som­mer zurück­kehren wird, obwohl doch schon Herb­st gewor­den ist. – stopschaltung6

nachtbild

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char­lie : 2.02 — Noch dunkel, aber doch soviel Licht, dass ich eine Hand ent­decke, die sich genau­so bewegt, als würde sie malen. Der Men­sch, zu dem diese mal­ende Hand gehört, schläft, ver­mut­lich ereignen sich im Augen­blick mein­er Beobach­tung Träume, die die Hand bewe­gen. Ich ver­suche in der Beobach­tung her­auszufind­en, das heißt, vorzustellen, was diese Hand ger­ade malen oder zeich­nen kön­nte. Darüber schlafe ich ein. Als Mor­gen gewor­den ist, sage ich fröh­lich: Du hast heut Nacht vielle­icht im Schlaf gemalt! Kannst Du Dich erin­nern, an welchem Bild Du gear­beit­et haben kön­ntest? — Es ist die Zeit der Hum­mer­ernte. Erste kalte Winde fließen über die großen Seen südost­wärts. Ecke Wil­low St. passiert ein Leguan die Cran­ber­ry St., ein Polizist, der sich freut, regelt den Verkehr. Plöt­zlich eine Frage wie eine bren­nende Lunte, eine Frage, die ich in ein­er frem­den Sprache vor­sichtig notiere, ob sich Hum­mertiere an men­schlichen Kör­pern ver­greifen? Beun­ruhi­gend, wie damals, Ende des ver­gan­genen Jahrhun­derts, die Frage nach den Vor­lieben der Vik­to­ri­asee­barsche? — stop
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aleppo

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himalaya : 5.14 — Was in der syrischen Stadt Alep­po an der östlichen Gren­ze Europas hungern­den Men­schen in diesen Stun­den wider­fährt, wis­sen wir nicht. — stop
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radionuklidbatterie

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~ : louis
to : mr. eliot
sub­ject : RADIONUKLIDBATTERIE

Lieber Eliot! Guten Mor­gen! Wie geht’s, wie steht’s? Ich fragte mich, ob Du die Hitze, — auch bei Dir drüben soll es sehr heiß sein -, gut ver­tra­gen kannst? Ich sorge mich ein wenig, ver­mut­lich ohne Grund! Mir jeden­falls bekommt die Hitze nicht sehr gut. Auch Vaters alter Uhr nicht. Ich trage sie, seit er gestor­ben ist vor vier Jahren. Jet­zt ist sie ste­henge­blieben, ver­mut­lich weil ihre Bat­te­rien in der war­men Luft müde gewor­den sind. Für ein paar Stun­den habe ich mir aus­ge­malt, dass die Zeit meines Vaters nun endgültig endete. Das ist schmerzvoll, ich würde ihm gern noch ein­mal erzählen von meinen Wün­schen, von einem Vogel beispiel­sweise, der mein Leben verzeich­net, der mich beglei­tet, Gesprä­che, die ich täg­lich mit Men­schen führe oder heim­li­che Gesprä­che mit mir selb­st. Auch würde vom Vogel auf­ge­nom­men, was ich gese­hen habe wäh­rend ich reiste, einen Ken­tau­ren im Gebirge, Regen­trop­fen am Strand von Coney Island, eine schlafende Hand, die zeich­nete. Manch­mal ist es ange­nehm, sich wün­schen zu kön­nen, was nicht mög­lich zu sein scheint, eine große Frei­heit der Spe­ku­la­tion. Aber in den ver­gan­ge­nen Tagen wurde mir bewusst, dass die Ver­wirk­li­chung eines mich beglei­ten­den Vogel­we­sens nicht län­ger uto­pi­sch sein muss. Ich kann mir eine flie­gende Mas­chine ohne wei­tere Anstren­gung vor­stel­len, ein künst­li­ches Luft­we­sen, vier Pro­pel­ler, ange­trie­ben von ein­er leich­ten Radio­nu­klidbat­te­rie, die sich tat­säch­lich für Jahr­zehnte an mei­ner Seite in der Luft auf­hal­ten kön­nte, ein bei­nahe laut­lo­ses Wesen in der Gestalt eines Koli­bris, eines Tau­ben­schwänz­chens oder ein­er Biene, davon erzählte ich schon. Ich weiß nicht warum das so ist, ich habe den Ein­druck, wenn ich Vaters Uhr bald wieder in Gang set­zen werde, wird sie meine Uhr gewor­den sein, das ist vielle­icht ein wenig ver­rückt, oder auch nicht. Gestern habe ich eine Geschichte von 18 Seit­en Länge auf ein Ton­band gesprochen und der­art beschle­u­nigt, dass meine Stimme zu einem Geräusch von 10 Sekun­den Dauer wurde, eine Art Hochgeschwindigkeit­shör­spiel, das ich selb­st nicht hören kon­nte, weil ich sehr hohe Geräusche seit langer Zeit nicht mehr wahrnehme. Ich sende Dir die Datei anbei. Würdest Du bitte prüfen, ob Du selb­st sie vielle­icht noch hören kannst, oder irgend­je­mand son­st? Melde Dich bald! Dein Louis

gesendet am
10.09.2016
22.56 UTC
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segelpferdchen

kein einziges wort

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nord­pol : 3.18 — Ipek1) Name geän­dert, die in einem Dorf der ana­tolis­chen Region Der­sim (Tunceli) geboren wurde, erzählte in weni­gen Worten, weshalb sie vor drei Wochen um Haares­bre­ite von ein­er Reise nicht nach Hause nach Berlin zurück­gekom­men wäre. Ihr Vater, sagte sie, sei gestor­ben. Ihre Fam­i­lie und sie selb­st seien deshalb nach Ana­tolien gereist, um den Leich­nam ihres Vaters in der Heimat zu bestat­ten. Auf der Hin­reise habe sie kein­er­lei Prob­leme gehabt, viel Mil­itär auf den Straßen, aber das kenne sie schon von Kind­heit an. Sie habe einen Tag vor der Beerdi­gungsz­er­e­monie vom Dorf aus die Stadt besucht, um einige Stan­gen Zigaret­ten einzukaufen, die ihre Fam­i­lie den Trauergästen anbi­eten wollte. Das sei so üblich in ihrer Gegend, das wüsste jed­er Men­sch, auch die Kinder. Bei der Rück­fahrt sei der Bus in eine Polizeikon­trolle ger­at­en. Man habe sie aus dem Bus geholt, man wollte wis­sen, für wen genau die Zigaret­ten bes­timmt seien. Da habe sie erzählt, warum sie die Zigaret­ten gekauft habe, aber man wollte ihr nicht glauben, man sagte, sie habe Nach­schub für Ter­ror­is­ten gekauft. Da habe sie gesagt, dass das nicht so sei, aber die Män­ner in Uni­form sagten, dass das eben doch so sei, und dass sie jet­zt still sein solle, andern­falls würde man ihren deutschen Reisep­a­ss zer­reis­sen, den hat­te ein­er der Män­ner bere­its in der Hand. Der Mann sagte, dass das mit den Zigaret­ten nur genau­so sein könne, wie er es sage, dass sie für die Berge bes­timmt seien, könne man daran erken­nen, wo sie, Ipek, geboren wor­den sei, in Der­sim näm­lich, das bedeutet in Tunceli, so heiße die Region Der­sim in der türkischen Sprache. Er fuhr fort, wenn sie, Ipek, jet­zt noch ein weit­eres Wort sagen würde, dann würde sie nie wieder nach Hause kom­men. Also war sie still gewe­sen. Sie habe kein einziges Wort gesagt, auch nicht im Bus, noch min­destens eine Stunde lang kein einziges Wort. — stop
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1. Name geän­dert

indien

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oli­mam­bo : 6.58 — Ein Fre­und rief an, er legte sofort los, erzählte dies und das, von einem Eich­hörnchen beispiel­sweise, das in seinem Garten lebt, von ein­er Cou­sine, die sich das Bein brach im Gebirge, von der Hitze des Som­mers, die seinen Kühlschrank killte während er in Indi­en weilte. Eine Stunde lang berichtete mein Fre­und von sein­er indis­chen Reise, von hölz­er­nen Zügen, von offe­nen Feuern in der Land­schaft, von Far­ben, die nur in Indi­en wirk­lich zu Hause sein wür­den. Plöt­zlich wusste er nicht weit­er. Er fragte, wie er auf Indi­en eigentlich gekom­men sei, er kon­nte sich an die Weiche, die ihn erzäh­lend nach Indi­en führte, nicht erin­nern. Er machte eine Pause, vielle­icht weil er schweigend konzen­tri­ert­er nach­denken kon­nte, dann legte er gruß­los auf. Nach ein­er hal­ben Stunde meldete er sich wieder zurück: Es war der Kühlschrank! Sofort reis­ten wir weit­er fort in Rich­tung Dar­jeel­ing. Es war spät gewor­den und es reg­nete. — stop

animals7

alisa

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fox­trott : 3.02  — Alisa, wie sie vor Jahren in Holzschuhen durch das Trep­pen­haus hüpft, wie sie Rosen­blüten in meinen Briefkas­ten wirft, wenn schon nicht tele­fonieren, dann eben so. Ihre Wild­heit. Ihre Lust auf Fotoap­pa­rate. Ihr blaues Auge, weil sie eine Fotografie zu Hause zeigte, die ich ahnungs­los aufgenom­men hat­te, Alisa, die Kas­tanien sam­melt an ein­er nahen Straßen­bahn­hal­testelle, nie wieder Rosen­blüten. Wie wir uns ein­mal auf die Suche machen, Alisas verzweifelte Mut­ter, mit Kopf­tuch, und ich, ohne Kopf­tuch. Sie kann nicht mit dem Mund zu mir sprechen, es fehlen die Wörter, also spricht sie mit den Augen. Mit angewinkel­ten Beinen sitzt Alisa in ein­er Turn­halle und sieht riesi­gen Män­nern zu, die Bas­ket­ball spie­len. Sie hat die Zeit vergessen, wie alle Kinder die Zeit vergessen. Da ist grad noch ein Bild in meinem Kopf, ein tod­müder marokkanis­ch­er Mann, Alisas Vater, mit seinem herun­tergekomme­nen roten Auto, wie er an einem späten Fre­itagabend gebückt und staubig die Straße über­quert. Plöt­zlich waren sie nicht mehr da, Alisa, ihre Mut­ter, der Vater, das rote Auto. — stop

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echo : 5.05  — Vor langer Zeit hat­te ich das Wort Mikro­fon­buch notiert. Fünf Jahre später ent­deck­te ich das Wort wieder. Denkbar ist, dass ich das Wort Mikro­fon­buch notierte, ohne zu wis­sen, was das Wort bedeutet. Eine Art wartendes Wort: Aus dir kön­nte noch etwas wer­den. — stop

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