montauk

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MELDUNG. Mon­tauk, Point Light­house, 5. Etage, stein­ernes Zim­mer : Kirsche No 58 [ Mar­mor, Makrana : 2.66 Gramm ] vol­len­det. — stop

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kalkutta

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delta : 5.02 — Ein Brief, 12.5 Gramm schw­er, den ich vor zwei Jahren als Sonde per Luft­post nach Kalkut­ta schick­te, ist gestern zu mir zurück­gekom­men. Irgend­wann während der ver­gan­genen Monate muss ich ihn doch tat­säch­lich vergessen haben. Jet­zt, da der Brief vor mir auf dem Schreibtisch liegt, erin­nere ich mich präzise, dass ich ihn an ein zweistöck­iges Haus in ein­er Straße adressierte, die sich nicht in unser­er Wirk­lichkeit befind­et. Da in Kalkut­ta zahlre­iche straßen­lose Häuser existieren sollen, stellte ich mir vor, ein Briefträger habe sich in dem Wun­sch, meinen Brief erfol­gre­ich zustellen zu kön­nen, ein Haus aus­gedacht, das an ein­er Straße liegt, die tat­säch­lich existiert, oder eine Straße, die nicht existiert für ein Haus, in dem ein Mann namens Sini Shapiro lebt. Spuren, die ich auf dem Kuvert des Briefes ent­deck­te, erzählen von drei oder vier Ver­suchen, das Schrift­stück an Mr. Shapiro auszuhändi­gen, so find­en sich auf der Ansichts­seite des Briefes die Stem­pel­mo­tive Adresse insuff­isante ( Anschrift unvoll­ständig ) sowie Pas de boîte à ce nom ( Kein Namenss­child ), auf der Rück­seite indessen unles­bare hand­schriftliche Zeichen, die mit Füllfed­er oder Bleis­tift aufge­tra­gen wor­den waren. Möglicher­weise lagerte mein Brief zwei Jahre lang auf einem Schreibtisch in Kalkut­ta unter weit­eren Briefen, die nicht zustell­bar waren. Möglicher­weise, auch das ist denkbar, wurde von Zeit zu Zeit ein postal­is­ch­er Späher in die Stadt entsandt, um nachzuse­hen, ob das Haus oder die Straße, die kurz zuvor noch nicht existierten, nun doch zu find­en waren. Irgend­wann kür­zlich wurde dann jed­er weit­ere Zustel­lungsver­such aufgegeben. Ja, das ist denkbar. Ich werde meinen weit­gereis­ten Brief sorgfältig ver­wahren. Sich­er ist: Mr. Sini Shapiro existiert tat­säch­lich. Er lebt in Man­hat­tan in einem Haus an der Park Avenue Höhe 70. St., er liebt Brook­lyn. — stop

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ai : VIETNAM

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MENSCH IN GEFAHR : “Die Men­schen­rechtsvertei­di­gerin Nguyễn Ngọc Như Quỳnh, die als Blog­gerin unter dem Namen Mẹ Nấm (Mut­ter Pilz) bekan­nt ist, wurde am 10. Okto­ber festgenom­men und wegen “Pro­pa­gan­da” gegen den Staat nach Para­graf 88 des viet­name­sis­chen Strafge­set­zbuchs angeklagt. Ihr dro­hen Folter und ander­weit­ige Mis­shand­lung. Es ist nicht bekan­nt, wo sie zurzeit fest­ge­hal­ten wird. / Nguyễn Ngọc Như Quỳnh wurde am 10. Okto­ber um 10 Uhr in ihrer Heimat­stadt Nha Trang in der Prov­inz Khánh Hòa in der Region Nam Trung Bộ festgenom­men. Zum Zeit­punkt ihrer Fes­t­nahme begleit­ete Nguyễn Ngọc Như Quỳnh die Mut­ter eines Aktivis­ten, die ihren Sohn in einem örtlichen Gefäng­nis besuchen wollte. Sicher­heit­skräfte bracht­en Nguyễn Ngọc Như Quỳnh gegen 11:30 Uhr zu ihrem Zuhause und führten dort eine Durch­suchung durch. Dabei beschlagnahmten sie ihren Com­put­er, elek­tro­n­is­che Geräte und Demonstrationsplakate./ Nguyễn Ngọc Như Quỳnh wurde wegen “Pro­pa­gan­da” gegen den Staat nach Para­graf 88 des viet­name­sis­chen Strafge­set­zbuchs angeklagt. Bei ein­er Verurteilung dro­hen ihr zwis­chen drei und 20 Jahre Haft. Es ist nicht bekan­nt, wo sie zurzeit fest­ge­hal­ten wird. In Viet­nam kön­nen Per­so­n­en, die mut­maßlich­er Straftat­en im Zusam­men­hang mit der nationalen Sicher­heit beschuldigt wer­den, bis zu zwei Jahre in Haft ohne Kon­takt zur Außen­welt fest­ge­hal­ten wer­den, bevor es zu einem Prozess kommt. / Staatliche Medi­en berichteten, dass Nguyễn Ngọc Như Quỳnh strafrechtlich ver­fol­gt werde, da sie auf Face­book Artikel geschrieben und gepostet sowie Videos und Texte geteilt hat­te, in welchen die seit 2012 regierende Kom­mu­nis­tis­che Partei Viet­nams (KPV) und der Staat kri­tisiert wur­den. In dem Bericht wurde ein Doku­ment zitiert, welch­es Nguyễn Ngọc Như Quỳnh auf Face­book geteilt hat­te, und in dem 31 Per­so­n­en genan­nt wur­den, die nach Ver­hören durch die Polizei gestor­ben waren. Ihnen war “Beein­träch­ti­gung der nationalen und sozialen Sicher­heit und Ord­nung” vorge­wor­fen wor­den. / Nguyễn Ngọc Như Quỳnh ist Mit­grün­derin des Unab­hängi­gen Viet­name­sis­chen Blog­ger­net­zw­erks, welch­es im Dezem­ber 2013 gegrün­det wurde. Sie ist allein­erziehende Mut­ter zweier Kinder und wurde wegen ihrer friedlichen Aktiv­itäten mehrmals schikaniert, festgenom­men und ver­hört. Es ist ihr außer­dem nicht ges­tat­tet, ins Aus­land zu reisen. Sie set­zt sich seit mehr als zehn Jahren für Men­schen­rechte und gegen Ungerechtigkeit ein und ist eine beliebte und bekan­nte Blog­gerin.” — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­lene schriftliche Aktio­nen, möglichst unverzüglich und nicht über den 24. Novem­ber 2016 hin­aus, unter > ai : urgent action

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zugvögel

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oli­mam­bo : 0.33 — Wo sind die Hälse der Hüh­n­er geblieben, die vor Jahren noch in Tiefkühltruhen unser­er Super­märk­te lagerten? Ver­mut­lich wird sich ein Han­delsstrom von Hüh­n­er­hälsen süd­wärts aus­ge­bildet haben, nach Afri­ka hin. Ob sie mit Flugzeu­gen trans­portiert wer­den? — stop
einhundert

von turku nach kalkutta

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nord­pol : 5.38 — In der vor­let­zten Nacht habe ich ein Ver­sprechen ein­gelöst, das ich mir selb­st vor eini­gen Monat­en gegeben habe: Du soll­test jeden Text, den Du an dieser oder ander­er Stelle veröf­fentlichen wirst, lesen Wort für Wort. Das ist, möchte man meinen, eigentlich eine Selb­stver­ständlichkeit, nicht aber, wenn man Textpas­sagen von erhe­blichen Aus­maßen pub­lizieren möchte, die von ein­er weit­eren Per­son oder von einem Com­put­er­pro­gramm aufgeschrieben wor­den sind. Es han­delt sich in diesem Fall um eine Wegbeschrei­bung, die Strecke führt uns von Turku nach Kalkut­ta über Land, und zwar zu Fuß. Um kurz nach Mit­ter­nacht nahm ich die Lek­türe auf, ver­fol­gte meine virtuelle Bewe­gung mit einem Fin­ger auf meinem Globus, den Tauben nachts in aller Ruhe gern betra­cht­en, wenn sie vor dem Fen­ster sitzen. Ich nehme an, sie wer­den die leuch­t­ende Erd­kugel für den Mond hal­ten oder für die Sonne. Es war tat­säch­lich nahe Son­nenauf­gang als ich mit mein­er Lek­türe fer­tig wurde. Ich weiss nun, dass jene von der Com­put­er­mas­chine vorgeschla­gene Strecke, nicht nur beschw­er­lich wer­den kön­nte, vielmehr auch gefährlich sein würde. Lesen sie selb­st: Zu Fuß 7.960 km, 1.599 Std.Turku, Finn­land nach Kalkut­ta, West­ben­galen, Indi­en /// Turku Finn­land : > Nach Süd­west­en Rich­tung Uni­ver­sitets­gatan / Yliopis­tonkatu 61 Links abbiegen auf Uni­ver­sitets­gatan  / Yliopis­tonkat 18 m Links abbiegen auf Aura­gatan  / Aurakatu 400 m Weit­er auf Aurabron/ Auran­sil­ta 110 m Weit­er auf Kaskenkatu / Kask­isgatan 800 m  Weit­er auf Kasken­tie / Kask­isvä­gen 1,0 km Weit­er auf Nylands­gatan  / Nylandsvä­gen / Uuden­maantie / Route 110 Weit­er auf Route 110 10,2 km step by step >

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beobachtung

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ulysses : 6.12 — Während ich Jack Ker­ouacs Roman On the Road in der ungekürzten Fas­sung als E-Book las, bemerk­te ich, dass ein Com­put­er irgend­wo, ver­mut­lich in Nor­dameri­ka, verze­ich­net hat­te, welche Zeilen des Romans von Lesern oder Leserin­nen während ihrer Lek­türe markiert wor­den waren, welchen Wörter nachge­forscht oder welche Seit­en­po­si­tio­nen wieder­holt gele­sen wur­den. Eine große Leser­beobach­tung scheint sich kaum merk­lich zu ereignen, Textle­se­maschi­nen, die von Men­schen in der Hand gehal­ten wer­den, verze­ich­nen, wie lange Zeit sich lesende Men­schen mit einem bes­timmten Text beschäfti­gen, wie schnell sie ihn studieren, ob sie die Lek­türe der ein oder anderen Seite wieder­holen, an welchen Tex­torten ihre Augen innehal­ten oder ihre Hände über den Bild­schirm stre­ichend vor­wärts blät­tern, wie viele Leser sich zunächst mit dem Ende ein­er Geschichte beschäfti­gen, ehe sie die erste Seite des Textes öff­nen, um nun tat­säch­lich mit der Lek­türe zu begin­nen, so wie sich der Autor oder Autorin die Lek­türe ihres Textes ein­mal vorgestellt haben kön­nten. Dass funk­ende Büch­er Kör­pertem­per­a­turen messen, Feuchtigkeit, Salze der Hände welche sie berühren, ist höchst­wahrschein­lich. Man will wis­sen, weil man es wis­sen kann, an welch­er Stelle des Textes Leser ver­loren gehen oder von welch­er Stelle des Textes an Leser rest­los einge­fan­gen sind, ja, das ist denkbar. Guten Mor­gen. Es ist der 16. Okto­ber, leichter Regen. — stop

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aleppo

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romeo : 0.15 — Ärzte ohne Gren­zen notieren am 15. Okober 2016:  “Syrische und rus­sis­che Luftan­griffe haben inner­halb von 24 Stun­den vier Kranken­häuser im belagerten Ost-Alep­po getrof­fen. Eines der Kranken­häuser wurde dabei schw­er beschädigt, min­destens zwei Ärzte wur­den ver­let­zt. Auch ein Kranken­wa­gen wurde bei den Angrif­f­en zer­stört und dessen Fahrer getötet. / Das Gesund­heitssys­tem im belagerten Ost-Alep­po erlitt damit am 14. Okto­ber die schw­er­sten Schä­den seit dem Scheit­ern der kurzen Waf­fen­ruhe Ende Sep­tem­ber. Die Inten­sität der Luftan­griffe auf die nordsyrische Stadt nahm in den Tagen zuvor weit­er zu. / Laut der Direk­tion für Gesund­heit sowie dem foren­sis­chen Zen­trum in Ost-Alep­po star­ben dort zwis­chen dem 11. und dem 14. Okto­ber min­destens 62 Men­schen, 467 Men­schen wur­den ver­let­zt, darunter 98 Kinder. Die Zahl der Toten und Ver­wun­de­ten liegt möglicher­weise noch höher, denn viele Fam­i­lien begraben ihre Toten selb­st, ohne sie in ein Kranken­haus zu brin­gen. / “Die Stadt bricht immer weit­er zusam­men” / „Die rück­sicht­slosen Luftan­griffe sind ein­deutig noch schlim­mer gewor­den“, sagt Car­los Fran­cis­co, Lan­desko­or­di­na­tor von Ärzte ohne Gren­zen für Syrien. „Eines der Kranken­häuser, die gestern getrof­fen wur­den, wurde stark beschädigt. Es ist ein wichtiges chirur­gis­ches Zen­trum, das in den ver­gan­genen Wochen schon dreimal getrof­fen wor­den ist. Die Inten­sität der Angriffe erstickt die weni­gen medi­zinis­chen Kapaz­itäten, die das Gesund­heitssys­tem in Alep­po noch hat. Die Stadt bricht immer weit­er zusam­men, Tag für Tag, Stunde für Stunde. Syrien und Rus­s­land zer­stören die let­zten Orte, an denen noch Leben gerettet wer­den kön­nen. Damit zeigen sie, dass sie in Ost-Alep­po jeglich­es Leben unmöglich machen wollen.“ / Laut Bericht­en von Kranken­haus­mi­tar­beit­ern in Ost-Alep­po wur­den bei den Angrif­f­en vom 14. Okto­ber zwei Ärzte ver­let­zt, ein Lagerver­wal­ter eines der Kranken­häuser erlitt Ver­bren­nun­gen. Bis­lang gab es in Alep­po noch 35 Ärzte für rund 250.000 Men­schen. Nur sieben von ihnen sind Chirur­gen, die Kriegsver­let­zte operieren kön­nen. Seit dem Beginn der Belagerung des Ost­teils im Juli wur­den die weni­gen verbliebe­nen Kranken­häuser 27 Mal getrof­fen, nicht ein einziges Kranken­haus ist bei den Luftan­grif­f­en ohne Schaden geblieben. / Nur noch elf funk­tion­stüchtige Kranken­wa­gen / Auch ein Kranken­wa­gen der Nichtregierung­sor­gan­i­sa­tion (NGO) Al-Scham-Human­i­tar­i­an-Foun­da­tion (AHF) wurde am 14. Okto­ber kom­plett zer­stört, der Fahrer wurde getötet. Die AHF stellt den Men­schen in Syrien seit 2011 kosten­lose medi­zinis­che Hil­fe zur Ver­fü­gung. Erst einige Tage zuvor hat­te die Direk­tion für Gesund­heit berichtet, dass auf­grund der Luftan­griffe sowie der fehlen­den Ersatzteile nur noch elf funk­tions­fähige Kranken­wa­gen in Ost-Alep­po bere­it­ste­hen. Frei­willige und NGOs nutzen ein­fache Fahrzeuge, um Ver­wun­dete zu trans­portieren. / „Wir haben es bere­its gesagt und sagen es erneut: Alle Kon­flik­t­parteien müssen ermöglichen, dass schw­er Ver­wun­dete und Kranke aus der Stadt gebracht wer­den, bevor es zu spät ist“, sagt Pablo Mar­co, Leit­er der Nahost-Pro­gramme von Ärzte ohne Gren­zen. „Über­lebenswichtige Güter und medi­zinis­ches Mate­r­i­al müssen in die Stadt gebracht wer­den kön­nen. Die Men­schen dort lei­den nicht nur unter dem anhal­tenden Bomben­hagel, son­dern auch darunter, dass sie über­haupt keine Unter­stützung erhal­ten.“ / Ärzte ohne Gren­zen unter­stützt in Ost-Alep­po alle acht verbliebe­nen Kranken­häuser. Lan­desweit unter­stützt die Hil­f­sor­gan­i­sa­tion mehr als 150 Gesund­heit­szen­tren und Kliniken. Im Nor­den Syriens betreibt Ärzte ohne Gren­zen selb­st sechs medi­zinis­che Ein­rich­tun­gen. Zu den von der syrischen Regierung kon­trol­lierten Gebi­eten ein­schließlich West-Alep­po erhält die Organ­i­sa­tion keinen Zugang. - stop

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latakia

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MELDUNG. Tief­seeele­fan­ten, 224 hupende Rüs­sel­rosen, kurz vor Latakia gesichtet. Man befind­et sich in zirkulieren­der Bewe­gung. — stop
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papiere

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marim­ba : 5.02 — Auf ein­er Brief­marke sind deut­lich Men­schen zu erken­nen, die im Wass­er schweben. Sie bewe­gen sich langsam, grüßen oder alarmieren mit wink­enden Bewe­gun­gen ihrer Arme und Hände, drei Gestal­ten, drei Per­so­n­en. Der Brief, auf dem das merk­würdi­ge Post­wertze­ichen vor län­ger­er Zeit augen­schein­lich mit Spe­ichel befes­tigt wor­den war, ruht auf meinem Küchen­tisch. Dort herrscht Unord­nung, weil ich für Unord­nung sorgte. Am Fre­itag habe ich mit der Unord­nung ange­fan­gen, indem ich meine alte mech­a­nis­che Schreib­mas­chine zer­legte. Zunächst ent­fer­nte ich das Gehäuse der Schreib­mas­chine, dann die Tas­tatur, kurz darauf die Papier­walze der Schreib­mas­chine, sowie eine Klin­gel, deren Geräusch ich mit der Meth­ode des Schreibens zu früheren Zeit­en verbinde. Sie war gedacht, wenn ich mich recht erin­nere, den schreiben­den Men­schen darauf aufmerk­sam zu machen, dass das Ende der Zeile, an der er ger­ade arbeit­ete, bald erre­icht sein wird, auch damals ging man schon davon aus, dass Men­schen existieren, die während des Schreibens ins­beson­dere ihre Hände betra­cht­en, Fin­ger, wie sie über die Tas­tatur hüpfen, so dass sie das Papi­er, das sie beschreiben, über­haupt nicht wahrnehmen, weshalb sie ver­säu­men kön­nten, den Papier­walzen­schlit­ten der Schreib­mas­chine zurück­zuset­zen, um einen weit­ere Zeile zu begin­nen. Während ich die Mas­chine zer­legte, bemerk­te ich, dass jedes ihrer Einzel­teile in weit­ere Einzel­teile zer­legt wer­den kon­nte. Bald arbeit­ete ich mit ein­er Lupe, bald waren Schrauben, Streben, met­al­lene Häute von ein­er Klein­heit, dass ich fürchtete, ich kön­nte sie verse­hentlich atmend zu mir nehmen. Ich arbeit­ete Stunde um Stunde voran, ohne daran zu denken, einen Plan zu fer­ti­gen, der mich in die Lage ver­set­zen würde, die zer­legte Schreib­mas­chine wieder zu ein­er voll­ständi­gen funk­tion­ieren­den Ein­heit zu fügen. In dieser Zeit der Auflö­sung, lag der Brief wink­ender Brief­marken­men­schen in näch­ster Nähe. Eine wun­der­volle blaue Brief­marke, auf einem Brief, den ich zur Zeit noch immer nicht geöffnet habe, ich nehme an, weil ich noch ein wenig weit­er schlafen will. — stop

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eine wiederholung

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romeo : 0.22 — In weni­gen Stun­den werde ich den Ver­such unternehmen, einen Tief­flug über Stat­en Island hin, den ich mit­tels ein­er Drohne im Jan­u­ar 2015 unter­nom­men hat­te, zu wieder­holen, und zwar möglichst präzise auf den Spuren Samuels, der noch immer nicht ver­schwun­den ist. Ob das möglich sein wird? Ich notierte: Während der Recherche im Inter­net nach Pro­peller­flug­maschi­nen, die von Hand zu bedi­enen sind, ent­deck­te ich eine Leih­sta­tion für Drohnen­vögel nahe des St. George Fer­ry Ter­mi­nals, und zwar in der Bay Street, Haus­num­mer 54. Obwohl ich mich in Mit­teleu­ropa befand, musste ich, um Kunde wer­den zu kön­nen, keine weit­eren Angaben zur Per­son hin­ter­legen als meine Kred­itkarten­num­mer, nicht also begrün­den, weshalb ich den kleinen Met­al­lvo­gel, sechs Pro­peller, für drei Stun­den nahe der Stadt New York auslei­hen wollte. Auch erkundigte sich nie­mand, ob ich über­haupt in der Lage wäre, eine Drohne zu steuern, selt­same Sache. Ich bezahlte 24 Dol­lar und startete unverzüglich mit Hil­fe mein­er Com­put­er­tas­tatur vom Dach eines flachen Gebäudes aus. Ich flog zunächst vor­sichtig auf und ab, um nach weni­gen Minuten bere­its einen Flug ent­lang der Met­ro­geleise zu wagen, die in einem san­ften Bogen in Rich­tung des offe­nen Atlantiks nach Tot­tenville führen. Ich bewegte mich sehr langsam in 20 Metern Höhe dahin, kein Schnee, kaum Wind. Die ferne und doch zugle­ich nahe Welt unter mir auf dem Bild­schirm war sehr gut zu erken­nen, ich ver­mochte selb­st Gesichter von Reisenden hin­ter staubi­gen Fen­ster­scheiben passieren­der Züge zu ent­deck­en. Nach ein­er hal­ben Stunde erre­ichte ich Clifton, niedrige Häuser dort, dicht an dicht, in den Gärten mächtige, alte Bäume, um nach ein­er weit­eren Vier­tel­stunde Flugzeit unter der Ver­ran­zano-Nar­rows Bridge hin­durchzu­fliegen. Nahe der Sta­tion Jef­fer­son Avenue wurde ger­ade ein Feuer gelöscht, eine Rauch­säule ragte senkrecht hoch in die Luft als wäre sie von Stein. Dort bog ich ab, steuerte in der­sel­ben Höhe wie zuvor, der Low­er Bay ent­ge­gen. Am Strand spazierten Men­schen, die wink­ten, als sie meinen Drohnen­vo­gel oder mich ent­deck­ten. Als ich etwas tiefer ging, bemerk­te ich in der Kro­ne eines Baumes in Ufer­nähe ein Fahrrad, des Weit­eren einen Stuhl und eine Puppe, auch Tang war zu erken­nen und vere­inzelt Vogelnester. Es war später Nach­mit­tag  gewor­den jen­seits des Atlantiks, es wurde langsam dunkel. — stop
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1:16:15

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echo : 0.08 — Auf dem Kapi­tol zu Wash­ing­ton berichtet ein pak­istanis­ch­er Bürg­er, Über­leben­der eines Drohne­nan­griffs, im Bei­sein sein­er Kinder Abge­ord­neten des amerikanis­chen Kon­gress­es: Ich mag keine blauen Him­mel mehr. Graue Him­mel sind mir lieber. Bei grauem Him­mel fliegen die Drohnen nicht. Für kurze Zeit lassen die Angst und die Anspan­nung nach. Klart der Him­mel auf, kehren die Drohnen zurück und mit ihnen die Angst. Wenige Minuten später sind in dem nor­wegis­chen Doku­men­tarfilm Drone Kinder zu sehen, die mit Stein­schleud­ern gegen den Him­mel schiessen. Auf Flachdäch­ern eines Dor­fes wer­den über­lebens­große Porträts von Opfern des Luftkrieges aus­gelegt. Der Ver­such eines Gespräch­es, wie mir scheint, mit in der Ferne operieren­den Piloten der Drohnen­maschi­nen am Him­mel, Klage, Bitte, Mah­nung. Ist das eine Nachricht? — stop
vomfliegen

über grönland

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sier­ra : 0.25 — Plöt­zlich, wir flo­gen ger­ade irgend­wo über Grön­land dahin, wurde das Mäd­chen wach mit­ten in der Nacht während eines Fluges gegen die Zeitrich­tung von Ost nach West. Als wir in New York starteten, beina­he Dunkel, oben, in großer Höhe über Boston wurde es etwas heller, Him­mels­far­ben von zartem Blau und orange­far­be­nen Tönen, die sich während des Nacht­fluges kaum verän­derten. Rauschende Stille unter dem Kabi­nen­dach, das sich über schlafend­en Men­schen wölbte, da und dort leuchtete der Bild­schirm eines Com­put­ers oder eines Tele­fons im Däm­mer­licht. Es war kühl gewor­den, vielle­icht deshalb, weil es kühl gewor­den war, wachte das Mäd­chen auf. Das Mäd­chen war eine Japaner­in, unge­fähr sechzehn Jahre alt, zier­lich, sie schien sehr rou­tiniert im Fliegen zu sein, reck­te sich, sah kurz zu mir hin, sah, dass ich eine Decke aus­ge­bre­it­et hat­te über meinen Beinen, fis­chte selb­st eine Decke unter ihrem Sitz her­vor, bre­it­ete sie über ihren Schoß, holte ein Handy aus ihrer Hand­tasche, die selt­sam schillerte, als würde sie aus Flüs­sigkeit beste­hen, und begann sofort zu schreiben. Das war eine selt­same Art und Weise zu schreiben, wie das Mäd­chen schrieb. Eine Hand, ihre linke Hand, hielt sie unter der Decke ver­bor­gen, in der recht­en Hand ruhte das Tele­fon wie ein klein­er Vogel rück­lings, so dass sein Tele­fon­bauch sicht­bar wurde, eine Tas­tatur, über welche nun ein Dau­men in ein­er Geschwindigkeit hüpfte, dass ich meinen Blick nicht lösen kon­nte. Sie schrieb sehr lange Zeit, notierte What­sApp — Nachricht­en an Per­so­n­en, deren Avatare ich gut, deren Zeichen ich unmöglich zu lesen ver­mochte, an Men­schen oder Com­put­er, die ihr unverzüglich antworteten, so dass sie von einem Dia­log in einen anderen hüpfte, indessen sie ihrer­seits beobachtete, wie ich mein­er­seits ihren Dau­men beobachtete, was sie nicht weit­er zu stören schien, vielle­icht weil ihr gefiel, dass ich ihre Geschick­lichkeit bestaunte, oder auch weil sie fand, dass sie über einen hüb­schen Dau­men ver­fügte. Ihr Dau­men war sehr klein, dachte ich noch, weil er ein­er sehr kleinen Japaner­in gehörte, die in der Zeit, da sie neben mir sass, keinen Laut von sich gab. Ihren notieren­den Dau­men beobach­t­end, schlief ich schliesslich ein. Als ich erwachte, war auch das Mäd­chen wieder eingeschlafen. Sie lag unter der Decke, die sie bis zu ihren Schul­tern hoch gezo­gen hat­te, ihre Hände waren ver­mut­lich vor der Brust gekreuzt, genau dort bewegte sich etwas, hüpfte. Das war über Irland gewe­sen. Struk­tur eines neuen Jahrtausends. — stop

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harmlose geschichte

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echo : 0.58 — Ich stell­te mir eine Minu­te vor, dann eine Stun­de, dann einen Tag. Ich stand auf und ging von Zim­mer zu Zim­mer, aß eine Bana­ne, sah aus dem Fens­ter, set­ze mich an den Schreib­ti­sch, stell­te mir eine Woche vor, dann einen Monat, dann ein Jahr. Ich erhob mich, sah nach der Uhr­zeit, dann aus dem Fens­ter, ver­ließ das Haus, spa­zier­te und kam zurück, setz­te mich aufs Sofa. Eine harm­lo­se Geschich­te. Das lei­se Gas­pfei­fen der mari­neblau­en Luft­schiff­kä­fer, indem sie über mei­nem Schreib­ti­sch stei­gen und sin­ken. Leichter Regen. In Alep­po soll für zehn Stun­den jed­wede Mor­dak­tion aus der Luft gegen die Zivil­bevölkerung eingestellt wor­den sein. — stop

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