montauk

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MELDUNG. Montauk, Point Light­house, 5. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 58 [ Marmor, Makrana : 2.66 Gramm ] voll­endet. – stop

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kalkutta

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delta : 5.02 – Ein Brief, 12.5 Gramm schwer, den ich vor zwei Jahren als Sonde per Luft­post nach Kalkutta schickte, ist gestern zu mir zurück­ge­kommen. Irgend­wann während der vergan­genen Monate muss ich ihn doch tatsäch­lich vergessen haben. Jetzt, da der Brief vor mir auf dem Schreib­tisch liegt, erin­nere ich mich präzise, dass ich ihn an ein zwei­stö­ckiges Haus in einer Straße adres­sierte, die sich nicht in unserer Wirk­lich­keit befindet. Da in Kalkutta zahl­reiche stra­ßen­lose Häuser exis­tieren sollen, stellte ich mir vor, ein Brief­träger habe sich in dem Wunsch, meinen Brief erfolg­reich zustellen zu können, ein Haus ausge­dacht, das an einer Straße liegt, die tatsäch­lich exis­tiert, oder eine Straße, die nicht exis­tiert für ein Haus, in dem ein Mann namens Sini Shapiro lebt. Spuren, die ich auf dem Kuvert des Briefes entdeckte, erzählen von drei oder vier Versu­chen, das Schrift­stück an Mr. Shapiro auszu­hän­digen, so finden sich auf der Ansichts­seite des Briefes die Stem­pel­mo­tive Adresse insuf­fi­sante ( Anschrift unvoll­ständig ) sowie Pas de boîte à ce nom ( Kein Namens­schild ), auf der Rück­seite indessen unles­bare hand­schrift­liche Zeichen, die mit Füll­feder oder Blei­stift aufge­tragen worden waren. Mögli­cher­weise lagerte mein Brief zwei Jahre lang auf einem Schreib­tisch in Kalkutta unter weiteren Briefen, die nicht zustellbar waren. Mögli­cher­weise, auch das ist denkbar, wurde von Zeit zu Zeit ein posta­li­scher Späher in die Stadt entsandt, um nach­zu­sehen, ob das Haus oder die Straße, die kurz zuvor noch nicht exis­tierten, nun doch zu finden waren. Irgend­wann kürz­lich wurde dann jeder weitere Zustel­lungs­ver­such aufge­geben. Ja, das ist denkbar. Ich werde meinen weit­ge­reisten Brief sorg­fältig verwahren. Sicher ist: Mr. Sini Shapiro exis­tiert tatsäch­lich. Er lebt in Manhattan in einem Haus an der Park Avenue Höhe 70. St., er liebt Brooklyn. – stop

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ai : VIETNAM

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MENSCH IN GEFAHR : “Die Menschen­rechts­ver­tei­di­gerin Nguyễn Ngọc Như Quỳnh, die als Blog­gerin unter dem Namen Mẹ Nấm (Mutter Pilz) bekannt ist, wurde am 10. Oktober fest­ge­nommen und wegen “Propa­ganda” gegen den Staat nach Para­graf 88 des viet­na­me­si­schen Straf­ge­setz­buchs ange­klagt. Ihr drohen Folter und ander­wei­tige Miss­hand­lung. Es ist nicht bekannt, wo sie zurzeit fest­ge­halten wird. / Nguyễn Ngọc Như Quỳnh wurde am 10. Oktober um 10 Uhr in ihrer Heimat­stadt Nha Trang in der Provinz Khánh Hòa in der Region Nam Trung Bộ fest­ge­nommen. Zum Zeit­punkt ihrer Fest­nahme beglei­tete Nguyễn Ngọc Như Quỳnh die Mutter eines Akti­visten, die ihren Sohn in einem örtli­chen Gefängnis besu­chen wollte. Sicher­heits­kräfte brachten Nguyễn Ngọc Như Quỳnh gegen 11:30 Uhr zu ihrem Zuhause und führten dort eine Durch­su­chung durch. Dabei beschlag­nahmten sie ihren Computer, elek­tro­ni­sche Geräte und Demonstrationsplakate./ Nguyễn Ngọc Như Quỳnh wurde wegen “Propa­ganda” gegen den Staat nach Para­graf 88 des viet­na­me­si­schen Straf­ge­setz­buchs ange­klagt. Bei einer Verur­tei­lung drohen ihr zwischen drei und 20 Jahre Haft. Es ist nicht bekannt, wo sie zurzeit fest­ge­halten wird. In Vietnam können Personen, die mutmaß­li­cher Straf­taten im Zusam­men­hang mit der natio­nalen Sicher­heit beschul­digt werden, bis zu zwei Jahre in Haft ohne Kontakt zur Außen­welt fest­ge­halten werden, bevor es zu einem Prozess kommt. / Staat­liche Medien berich­teten, dass Nguyễn Ngọc Như Quỳnh straf­recht­lich verfolgt werde, da sie auf Face­book Artikel geschrieben und gepostet sowie Videos und Texte geteilt hatte, in welchen die seit 2012 regie­rende Kommu­nis­ti­sche Partei Viet­nams (KPV) und der Staat kriti­siert wurden. In dem Bericht wurde ein Doku­ment zitiert, welches Nguyễn Ngọc Như Quỳnh auf Face­book geteilt hatte, und in dem 31 Personen genannt wurden, die nach Verhören durch die Polizei gestorben waren. Ihnen war “Beein­träch­ti­gung der natio­nalen und sozialen Sicher­heit und Ordnung” vorge­worfen worden. / Nguyễn Ngọc Như Quỳnh ist Mitgrün­derin des Unab­hän­gigen Viet­na­me­si­schen Blog­ger­netz­werks, welches im Dezember 2013 gegründet wurde. Sie ist allein­er­zie­hende Mutter zweier Kinder und wurde wegen ihrer fried­li­chen Akti­vi­täten mehr­mals schi­ka­niert, fest­ge­nommen und verhört. Es ist ihr außerdem nicht gestattet, ins Ausland zu reisen. Sie setzt sich seit mehr als zehn Jahren für Menschen­rechte und gegen Unge­rech­tig­keit ein und ist eine beliebte und bekannte Blog­gerin.” – Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen, möglichst unver­züg­lich und nicht über den 24. November 2016 hinaus, unter > ai : urgent action

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zugvögel

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olimambo : 0.33 – Wo sind die Hälse der Hühner geblieben, die vor Jahren noch in Tief­kühl­truhen unserer Super­märkte lagerten? Vermut­lich wird sich ein Handels­strom von Hühner­hälsen südwärts ausge­bildet haben, nach Afrika hin. Ob sie mit Flug­zeugen trans­por­tiert werden? – stop
einhundert

von turku nach kalkutta

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nordpol : 5.38 – In der vorletzten Nacht habe ich ein Verspre­chen einge­löst, das ich mir selbst vor einigen Monaten gegeben habe: Du soll­test jeden Text, den Du an dieser oder anderer Stelle veröf­fent­li­chen wirst, lesen Wort für Wort. Das ist, möchte man meinen, eigent­lich eine Selbst­ver­ständ­lich­keit, nicht aber, wenn man Text­pas­sagen von erheb­li­chen Ausmaßen publi­zieren möchte, die von einer weiteren Person oder von einem Compu­ter­pro­gramm aufge­schrieben worden sind. Es handelt sich in diesem Fall um eine Wegbe­schrei­bung, die Strecke führt uns von Turku nach Kalkutta über Land, und zwar zu Fuß. Um kurz nach Mitter­nacht nahm ich die Lektüre auf, verfolgte meine virtu­elle Bewe­gung mit einem Finger auf meinem Globus, den Tauben nachts in aller Ruhe gern betrachten, wenn sie vor dem Fenster sitzen. Ich nehme an, sie werden die leuch­tende Erdkugel für den Mond halten oder für die Sonne. Es war tatsäch­lich nahe Sonnen­auf­gang als ich mit meiner Lektüre fertig wurde. Ich weiss nun, dass jene von der Compu­ter­ma­schine vorge­schla­gene Strecke, nicht nur beschwer­lich werden könnte, viel­mehr auch gefähr­lich sein würde. Lesen sie selbst: Zu Fuß 7.960 km, 1.599 Std.Turku, Finn­land nach Kalkutta, West­ben­galen, Indien /// Turku Finn­land : > Nach Südwesten Rich­tung Univer­si­tets­gatan / Ylio­pis­ton­katu 61 Links abbiegen auf Univer­si­tets­gatan  / Ylio­pis­tonkat 18 m Links abbiegen auf Aura­gatan  / Aura­katu 400 m Weiter auf Aurabron/ Auran­silta 110 m Weiter auf Kasken­katu / Kaskis­gatan 800 m  Weiter auf Kaskentie / Kaskis­vägen 1,0 km Weiter auf Nylands­gatan  / Nylands­vägen / Uuden­maantie / Route 110 Weiter auf Route 110 10,2 km step by step >

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beobachtung

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ulysses : 6.12 – Während ich Jack Kerouacs Roman On the Road in der unge­kürzten Fassung als E-Book las, bemerkte ich, dass ein Computer irgendwo, vermut­lich in Nord­ame­rika, verzeichnet hatte, welche Zeilen des Romans von Lesern oder Lese­rinnen während ihrer Lektüre markiert worden waren, welchen Wörter nach­ge­forscht oder welche Seiten­po­si­tionen wieder­holt gelesen wurden. Eine große Leser­be­ob­ach­tung scheint sich kaum merk­lich zu ereignen, Text­le­se­ma­schinen, die von Menschen in der Hand gehalten werden, verzeichnen, wie lange Zeit sich lesende Menschen mit einem bestimmten Text beschäf­tigen, wie schnell sie ihn studieren, ob sie die Lektüre der ein oder anderen Seite wieder­holen, an welchen Text­orten ihre Augen inne­halten oder ihre Hände über den Bild­schirm strei­chend vorwärts blät­tern, wie viele Leser sich zunächst mit dem Ende einer Geschichte beschäf­tigen, ehe sie die erste Seite des Textes öffnen, um nun tatsäch­lich mit der Lektüre zu beginnen, so wie sich der Autor oder Autorin die Lektüre ihres Textes einmal vorge­stellt haben könnten. Dass funkende Bücher Körper­tem­pe­ra­turen messen, Feuch­tig­keit, Salze der Hände welche sie berühren, ist höchst­wahr­schein­lich. Man will wissen, weil man es wissen kann, an welcher Stelle des Textes Leser verloren gehen oder von welcher Stelle des Textes an Leser restlos einge­fangen sind, ja, das ist denkbar. Guten Morgen. Es ist der 16. Oktober, leichter Regen. – stop

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aleppo

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romeo : 0.15 – Ärzte ohne Grenzen notieren am 15. Okober 2016:  “Syri­sche und russi­sche Luft­an­griffe haben inner­halb von 24 Stunden vier Kran­ken­häuser im bela­gerten Ost-Aleppo getroffen. Eines der Kran­ken­häuser wurde dabei schwer beschä­digt, mindes­tens zwei Ärzte wurden verletzt. Auch ein Kran­ken­wagen wurde bei den Angriffen zerstört und dessen Fahrer getötet. / Das Gesund­heits­system im bela­gerten Ost-Aleppo erlitt damit am 14. Oktober die schwersten Schäden seit dem Schei­tern der kurzen Waffen­ruhe Ende September. Die Inten­sität der Luft­an­griffe auf die nord­sy­ri­sche Stadt nahm in den Tagen zuvor weiter zu. / Laut der Direk­tion für Gesund­heit sowie dem foren­si­schen Zentrum in Ost-Aleppo starben dort zwischen dem 11. und dem 14. Oktober mindes­tens 62 Menschen, 467 Menschen wurden verletzt, darunter 98 Kinder. Die Zahl der Toten und Verwun­deten liegt mögli­cher­weise noch höher, denn viele Fami­lien begraben ihre Toten selbst, ohne sie in ein Kran­ken­haus zu bringen. / “Die Stadt bricht immer weiter zusammen” / „Die rück­sichts­losen Luft­an­griffe sind eindeutig noch schlimmer geworden“, sagt Carlos Fran­cisco, Landes­ko­or­di­nator von Ärzte ohne Grenzen für Syrien. „Eines der Kran­ken­häuser, die gestern getroffen wurden, wurde stark beschä­digt. Es ist ein wich­tiges chir­ur­gi­sches Zentrum, das in den vergan­genen Wochen schon dreimal getroffen worden ist. Die Inten­sität der Angriffe erstickt die wenigen medi­zi­ni­schen Kapa­zi­täten, die das Gesund­heits­system in Aleppo noch hat. Die Stadt bricht immer weiter zusammen, Tag für Tag, Stunde für Stunde. Syrien und Russ­land zerstören die letzten Orte, an denen noch Leben gerettet werden können. Damit zeigen sie, dass sie in Ost-Aleppo jegli­ches Leben unmög­lich machen wollen.“ / Laut Berichten von Kran­ken­haus­mit­ar­bei­tern in Ost-Aleppo wurden bei den Angriffen vom 14. Oktober zwei Ärzte verletzt, ein Lager­ver­walter eines der Kran­ken­häuser erlitt Verbren­nungen. Bislang gab es in Aleppo noch 35 Ärzte für rund 250.000 Menschen. Nur sieben von ihnen sind Chir­urgen, die Kriegs­ver­letzte operieren können. Seit dem Beginn der Bela­ge­rung des Ostteils im Juli wurden die wenigen verblie­benen Kran­ken­häuser 27 Mal getroffen, nicht ein einziges Kran­ken­haus ist bei den Luft­an­griffen ohne Schaden geblieben. / Nur noch elf funk­ti­ons­tüch­tige Kran­ken­wagen / Auch ein Kran­ken­wagen der Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tion (NGO) Al-Scham-Huma­ni­ta­rian-Foun­da­tion (AHF) wurde am 14. Oktober komplett zerstört, der Fahrer wurde getötet. Die AHF stellt den Menschen in Syrien seit 2011 kosten­lose medi­zi­ni­sche Hilfe zur Verfü­gung. Erst einige Tage zuvor hatte die Direk­tion für Gesund­heit berichtet, dass aufgrund der Luft­an­griffe sowie der fehlenden Ersatz­teile nur noch elf funk­ti­ons­fä­hige Kran­ken­wagen in Ost-Aleppo bereit­stehen. Frei­wil­lige und NGOs nutzen einfache Fahr­zeuge, um Verwun­dete zu trans­por­tieren. / „Wir haben es bereits gesagt und sagen es erneut: Alle Konflikt­par­teien müssen ermög­li­chen, dass schwer Verwun­dete und Kranke aus der Stadt gebracht werden, bevor es zu spät ist“, sagt Pablo Marco, Leiter der Nahost-Programme von Ärzte ohne Grenzen. „Über­le­bens­wich­tige Güter und medi­zi­ni­sches Mate­rial müssen in die Stadt gebracht werden können. Die Menschen dort leiden nicht nur unter dem anhal­tenden Bomben­hagel, sondern auch darunter, dass sie über­haupt keine Unter­stüt­zung erhalten.“ / Ärzte ohne Grenzen unter­stützt in Ost-Aleppo alle acht verblie­benen Kran­ken­häuser. Landes­weit unter­stützt die Hilfs­or­ga­ni­sa­tion mehr als 150 Gesund­heits­zen­tren und Kliniken. Im Norden Syriens betreibt Ärzte ohne Grenzen selbst sechs medi­zi­ni­sche Einrich­tungen. Zu den von der syri­schen Regie­rung kontrol­lierten Gebieten einschließ­lich West-Aleppo erhält die Orga­ni­sa­tion keinen Zugang. - stop

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latakia

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MELDUNG. Tief­see­ele­fanten, 224 hupende Rüssel­rosen, kurz vor Latakia gesichtet. Man befindet sich in zirku­lie­render Bewe­gung. – stop
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papiere

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marimba : 5.02 – Auf einer Brief­marke sind deut­lich Menschen zu erkennen, die im Wasser schweben. Sie bewegen sich langsam, grüßen oder alar­mieren mit winkenden Bewe­gungen ihrer Arme und Hände, drei Gestalten, drei Personen. Der Brief, auf dem das merk­wür­dige Post­wert­zei­chen vor längerer Zeit augen­schein­lich mit Spei­chel befes­tigt worden war, ruht auf meinem Küchen­tisch. Dort herrscht Unord­nung, weil ich für Unord­nung sorgte. Am Freitag habe ich mit der Unord­nung ange­fangen, indem ich meine alte mecha­ni­sche Schreib­ma­schine zerlegte. Zunächst entfernte ich das Gehäuse der Schreib­ma­schine, dann die Tastatur, kurz darauf die Papier­walze der Schreib­ma­schine, sowie eine Klingel, deren Geräusch ich mit der Methode des Schrei­bens zu früheren Zeiten verbinde. Sie war gedacht, wenn ich mich recht erin­nere, den schrei­benden Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass das Ende der Zeile, an der er gerade arbei­tete, bald erreicht sein wird, auch damals ging man schon davon aus, dass Menschen exis­tieren, die während des Schrei­bens insbe­son­dere ihre Hände betrachten, Finger, wie sie über die Tastatur hüpfen, so dass sie das Papier, das sie beschreiben, über­haupt nicht wahr­nehmen, weshalb sie versäumen könnten, den Papier­wal­zen­schlitten der Schreib­ma­schine zurück­zu­setzen, um einen weitere Zeile zu beginnen. Während ich die Maschine zerlegte, bemerkte ich, dass jedes ihrer Einzel­teile in weitere Einzel­teile zerlegt werden konnte. Bald arbei­tete ich mit einer Lupe, bald waren Schrauben, Streben, metal­lene Häute von einer Klein­heit, dass ich fürch­tete, ich könnte sie verse­hent­lich atmend zu mir nehmen. Ich arbei­tete Stunde um Stunde voran, ohne daran zu denken, einen Plan zu fertigen, der mich in die Lage versetzen würde, die zerlegte Schreib­ma­schine wieder zu einer voll­stän­digen funk­tio­nie­renden Einheit zu fügen. In dieser Zeit der Auflö­sung, lag der Brief winkender Brief­mar­ken­men­schen in nächster Nähe. Eine wunder­volle blaue Brief­marke, auf einem Brief, den ich zur Zeit noch immer nicht geöffnet habe, ich nehme an, weil ich noch ein wenig weiter schlafen will. – stop

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eine wiederholung

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romeo : 0.22 – In wenigen Stunden werde ich den Versuch unter­nehmen, einen Tief­flug über Staten Island hin, den ich mittels einer Drohne im Januar 2015 unter­nommen hatte, zu wieder­holen, und zwar möglichst präzise auf den Spuren Samuels, der noch immer nicht verschwunden ist. Ob das möglich sein wird? Ich notierte: Während der Recherche im Internet nach Propel­ler­flug­ma­schinen, die von Hand zu bedienen sind, entdeckte ich eine Leih­sta­tion für Droh­nen­vögel nahe des St. George Ferry Termi­nals, und zwar in der Bay Street, Haus­nummer 54. Obwohl ich mich in Mittel­eu­ropa befand, musste ich, um Kunde werden zu können, keine weiteren Angaben zur Person hinter­legen als meine Kredit­kar­ten­nummer, nicht also begründen, weshalb ich den kleinen Metall­vogel, sechs Propeller, für drei Stunden nahe der Stadt New York ausleihen wollte. Auch erkun­digte sich niemand, ob ich über­haupt in der Lage wäre, eine Drohne zu steuern, selt­same Sache. Ich bezahlte 24 Dollar und star­tete unver­züg­lich mit Hilfe meiner Compu­ter­tas­tatur vom Dach eines flachen Gebäudes aus. Ich flog zunächst vorsichtig auf und ab, um nach wenigen Minuten bereits einen Flug entlang der Metro­ge­leise zu wagen, die in einem sanften Bogen in Rich­tung des offenen Atlan­tiks nach Totten­ville führen. Ich bewegte mich sehr langsam in 20 Metern Höhe dahin, kein Schnee, kaum Wind. Die ferne und doch zugleich nahe Welt unter mir auf dem Bild­schirm war sehr gut zu erkennen, ich vermochte selbst Gesichter von Reisenden hinter stau­bigen Fens­ter­scheiben passie­render Züge zu entde­cken. Nach einer halben Stunde erreichte ich Clifton, nied­rige Häuser dort, dicht an dicht, in den Gärten mäch­tige, alte Bäume, um nach einer weiteren Vier­tel­stunde Flug­zeit unter der Verranzano-Narrows Bridge hindurch­zu­fliegen. Nahe der Station Jefferson Avenue wurde gerade ein Feuer gelöscht, eine Rauch­säule ragte senk­recht hoch in die Luft als wäre sie von Stein. Dort bog ich ab, steu­erte in derselben Höhe wie zuvor, der Lower Bay entgegen. Am Strand spazierten Menschen, die winkten, als sie meinen Droh­nen­vogel oder mich entdeckten. Als ich etwas tiefer ging, bemerkte ich in der Krone eines Baumes in Ufer­nähe ein Fahrrad, des Weiteren einen Stuhl und eine Puppe, auch Tang war zu erkennen und verein­zelt Vogel­nester. Es war später Nach­mittag  geworden jenseits des Atlan­tiks, es wurde langsam dunkel. – stop
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1:16:15

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echo : 0.08 – Auf dem Kapitol zu Washington berichtet ein paki­sta­ni­scher Bürger, Über­le­bender eines Droh­nen­an­griffs, im Beisein seiner Kinder Abge­ord­neten des ameri­ka­ni­schen Kongresses: Ich mag keine blauen Himmel mehr. Graue Himmel sind mir lieber. Bei grauem Himmel fliegen die Drohnen nicht. Für kurze Zeit lassen die Angst und die Anspan­nung nach. Klart der Himmel auf, kehren die Drohnen zurück und mit ihnen die Angst. Wenige Minuten später sind in dem norwe­gi­schen Doku­men­tar­film Drone Kinder zu sehen, die mit Stein­schleu­dern gegen den Himmel schiessen. Auf Flach­dä­chern eines Dorfes werden über­le­bens­große Porträts von Opfern des Luft­krieges ausge­legt. Der Versuch eines Gesprä­ches, wie mir scheint, mit in der Ferne operie­renden Piloten der Droh­nen­ma­schinen am Himmel, Klage, Bitte, Mahnung. Ist das eine Nach­richt? – stop
vomfliegen

über grönland

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sierra : 0.25 – Plötz­lich, wir flogen gerade irgendwo über Grön­land dahin, wurde das Mädchen wach mitten in der Nacht während eines Fluges gegen die Zeit­rich­tung von Ost nach West. Als wir in New York star­teten, beinahe Dunkel, oben, in großer Höhe über Boston wurde es etwas heller, Himmels­farben von zartem Blau und oran­ge­far­benen Tönen, die sich während des Nacht­fluges kaum verän­derten. Rauschende Stille unter dem Kabi­nen­dach, das sich über schla­fenden Menschen wölbte, da und dort leuch­tete der Bild­schirm eines Compu­ters oder eines Tele­fons im Dämmer­licht. Es war kühl geworden, viel­leicht deshalb, weil es kühl geworden war, wachte das Mädchen auf. Das Mädchen war eine Japa­nerin, unge­fähr sech­zehn Jahre alt, zier­lich, sie schien sehr routi­niert im Fliegen zu sein, reckte sich, sah kurz zu mir hin, sah, dass ich eine Decke ausge­breitet hatte über meinen Beinen, fischte selbst eine Decke unter ihrem Sitz hervor, brei­tete sie über ihren Schoß, holte ein Handy aus ihrer Hand­ta­sche, die seltsam schil­lerte, als würde sie aus Flüs­sig­keit bestehen, und begann sofort zu schreiben. Das war eine selt­same Art und Weise zu schreiben, wie das Mädchen schrieb. Eine Hand, ihre linke Hand, hielt sie unter der Decke verborgen, in der rechten Hand ruhte das Telefon wie ein kleiner Vogel rück­lings, so dass sein Tele­fon­bauch sichtbar wurde, eine Tastatur, über welche nun ein Daumen in einer Geschwin­dig­keit hüpfte, dass ich meinen Blick nicht lösen konnte. Sie schrieb sehr lange Zeit, notierte WhatsApp – Nach­richten an Personen, deren Avatare ich gut, deren Zeichen ich unmög­lich zu lesen vermochte, an Menschen oder Computer, die ihr unver­züg­lich antwor­teten, so dass sie von einem Dialog in einen anderen hüpfte, indessen sie ihrer­seits beob­ach­tete, wie ich meiner­seits ihren Daumen beob­ach­tete, was sie nicht weiter zu stören schien, viel­leicht weil ihr gefiel, dass ich ihre Geschick­lich­keit bestaunte, oder auch weil sie fand, dass sie über einen hübschen Daumen verfügte. Ihr Daumen war sehr klein, dachte ich noch, weil er einer sehr kleinen Japa­nerin gehörte, die in der Zeit, da sie neben mir sass, keinen Laut von sich gab. Ihren notie­renden Daumen beob­ach­tend, schlief ich schliess­lich ein. Als ich erwachte, war auch das Mädchen wieder einge­schlafen. Sie lag unter der Decke, die sie bis zu ihren Schul­tern hoch gezogen hatte, ihre Hände waren vermut­lich vor der Brust gekreuzt, genau dort bewegte sich etwas, hüpfte. Das war über Irland gewesen. Struktur eines neuen Jahr­tau­sends. – stop

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harmlose geschichte

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echo : 0.58 – Ich stell­te mir eine Minu­te vor, dann eine Stun­de, dann einen Tag. Ich stand auf und ging von Zim­mer zu Zim­mer, aß eine Bana­ne, sah aus dem Fens­ter, set­ze mich an den Schreib­ti­sch, stell­te mir eine Woche vor, dann einen Monat, dann ein Jahr. Ich erhob mich, sah nach der Uhr­zeit, dann aus dem Fens­ter, ver­ließ das Haus, spa­zier­te und kam zurück, setz­te mich aufs Sofa. Eine harm­lo­se Geschich­te. Das lei­se Gas­pfei­fen der mari­neblau­en Luft­schiff­kä­fer, indem sie über mei­nem Schreib­ti­sch stei­gen und sin­ken. Leichter Regen. In Aleppo soll für zehn Stunden jedwede Mord­ak­tion aus der Luft gegen die Zivil­be­völ­ke­rung einge­stellt worden sein. – stop

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