unterwegs in den wolken

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kili­man­dscharo : 5.28 – Das ist schon seltsam, wie die alte Dame zum ersten Mal in ihrem Leben vorsichtig hinter einem Leicht­ge­wicht­rollator spaziert. Sie trägt Leder­hand­schuhe, vermut­lich weil sie zur Maschine, die helfen soll, ihren Gang zu stabi­li­sieren, einen gewissen stoff­li­chen Abstand einzu­halten wünscht. Sie scheint sich zu fürchten, ernst schaut sie gegen den Boden. Mögli­cher­weise fürchtet sie, mit den Rädchen und Gestängen aus Carbon in ihrer nächsten Nähe verwachsen zu müssen. Gern würde sie weiterhin auf ihren eigenen Beinen allein, die sie schon solange Zeit kennt, Schritt für Schritt Wege bestreiten, die ihr vertraut sind, das Laub der Buchen, der Kasta­nien auf der Straße, wie schön, ein Teppich, Schne­cken da und dort, die sich herbst­lich langsam fort­be­wegen scheinbar ohne Ziel. Es ist feucht an diesem Morgen, Wolken berühren den Boden, auf den die alte Dame wenige Tage zuvor noch stürzte, einfach so stürzte, ohne einen Grund und ohne wieder aufstehen zu können, uner­hört, so ein Schla­massel. Hundert Meter weit ist sie schon gelaufen, da entdeckt sie eine Klingel an ihrem Gefährt, das so leicht ist, dass sie es mit einer Hand anheben und für eine Weile in der Luft fest­halten kann. Ja, Kraft in den Armen, aber die Beine, die sie schon ein Leben lang kennt, sind unsi­cher geworden, viel­leicht deshalb, weil sie hinter dieser Maschine herlaufen müssen. Für einen Moment bleibt die alte Dame stehen. Es wird ganz still in diesem Augen­blick. Sie beugt sich zur Klingel herab, und schon ist ein helles Geräusch zu hören, ein ange­nehmes Geräusch, zwei­fach ist es zu hören. – stop

ping

lillis monster

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olimambo : 6.55 – Es ist Samstag, als ich Ludmilla beob­achte wie sie tele­fo­niert. Gerade, vor wenigen Tagen, ist sie sechs Jahre alt geworden, jetzt steht das Mädchen mit großen Augen am Fenster und lauscht in einen Hörer, in dem sich ein voll­stän­diges Telefon befindet. Eine Stimme, die Stimme der Oma, erzählt von einem Wach­s­krei­de­bild, über das sie sich sehr freue. Ludmilla hat das Bild tatsäch­lich für ihre Oma zum Geburtstag gemalt. Die Oma fragt: Was hast Du mir denn da gemalt, Lilli? Ludmilla muss nicht lange nach­denken, sie hat der Oma in der Schule ein schreck­li­ches Monster gemalt, einen Mons­ter­clown in roten und blauen Farben. Da will die Oma zaghaft wissen: Warum hast Du mir denn ein Monster gemalt? Na, antwortet Ludmilla, weil ich Dir eine Freude machen wollte. – stop

ping

oft habe man tage lang gewartet

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nordpol : 2.58 – Von ihrer Zeit, die sie als Flücht­lings­kind auf dem Land verbrachte, erzählt Mutter immer wieder gern. Sie hatten genug zu essen, weil sie und ihre Schwes­tern bei einer Bauern­fa­milie wohnten. Wenn der Vater am Wochen­ende zu Besuch kam, ahnte sie nichts von Tief­flie­ger­an­griffen auf Züge, mit welchen der Vater reiste, aber an seine stau­bigen Anzüge, weil er sich auf den Boden werfen musste. Die bren­nende Stadt München, obwohl in großer Entfer­nung liegend, war im Schein der Feuer damals am Hori­zont zu erahnen gewesen, wie Abendrot inmitten der Nächte. Dann das Warten auf eine Nach­richt am nächsten Morgen. Oft habe man Tage lang gewartet. Sie selbst habe zweimal einen Bomben­an­griff auf München erlebt, das war zu Beginn des Luft­krieges. Sie habe sich nicht gefürchtet, es sei viel­mehr span­nend gewesen mit ihren Nach­barn und anderen Leuten so eng in einem Keller zu sitzen. Es gab Pralinen für die Kinder und einen Geschich­ten­er­zähler. Ein Jahr später sei ihre große Schwester nach einem Angriff lange Zeit verschüttet gewesen und deshalb für Wochen verstummt. In dieser Zeit habe sie gehört, dass die Schollwöcks abge­holt worden seien, sie könne nicht sagen, weshalb sie als Kind schon wusste, dass das Abholen etwas Schreck­li­ches gewesen sein musste für die, die abge­holt wurden. Sie habe beob­achtet, dass die Abge­holten niemals wieder­ge­kommen seien, und dass von ihnen bald nicht mehr gespro­chen wurde. Das alles habe sie als Kind schon so bemerkt, weil Kinder sehr viel mehr bemerkt haben, als die Erwach­senen viel­leicht glaubten. Dass die Eltern in der Wohnung vor dem Krieg das Hitler­bild immer umge­dreht haben, davon durfte sie nicht erzählen, in der Schule nicht und auch anderswo nicht. Einmal sei sie vom Land her wieder in die zerstörte Stadt zurück­ge­kommen, es war ein nebliger Tag gewesen, sie habe zunächst gedacht, es sei der Nebel, aber das Haus, in dem sie und ihre Schwes­tern aufge­wachsen waren, exis­tierte nicht mehr. Damals würden sie Bisam­ratten gegessen haben, die schmeckten sehr gut, und der Vater sei gelb geworden im Gesicht, weil seine letzte Niere langsam versagte. In dieser Zeit habe der Vater ihr viel von der Welt erzählt, wie sie funk­tio­niert, er sei verstört gewesen, dann sei er gestorben. – stop

paula

lichtbilder

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tango : 2.15 – Exis­tieren in diesem Moment noch Menschen auf unserem Planeten, die während ihres Lebens niemals auf einer Foto­grafie abge­bildet sein werden? – stop
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passport

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echo : 5.05 – Ob ich etwas tatsäch­lich weiss, ist nicht bedeu­tend. Wirk­lich bedeu­tend ist, ob ein elek­tro­ni­sches System, das sich meiner Zeichen bemäch­tigt haben könnte, annimmt, dass ich von etwas oder jemandem Kenntnis habe, das oder der als geheim, bezie­hungs­weise gefähr­lich zerti­fi­ziert werden müsste. Vor Jahren, auch heute, immer wieder die Fra­ge: Wie mutig wäre ich im Wider­stand gegen den geheim­dienst­li­chen Zugriff einer Dik­ta­tur auf mei­ne Per­son? Wie gen­au wür­de ich mich ver­hal­ten, wenn man ver­such­te, mich für Spio­na­ge­ar­beit unter Freun­den zu gewin­nen? Ich bin in der Suche nach einer Ant­wort noch kei­nen Schritt vor­an­ge­kom­men. Statt­des­sen wei­te­re Fra­gen. Wel­cher Art könn­ten die Werk­zeu­ge sein, Druck auf mich aus­zu­üben? Wür­de mir Tor­tur ange­kün­digt oder nahe­ste­hen­de Men­schen mit dem Tod bedroht? Exis­tie­ren Orte mei­ner Per­sön­lich­keit, die sich als so schwach erwei­sen, dass man dort Zugang fin­den könn­te? Habe ich einen gehei­men Preis? Mei­ne Schreib­ma­schine? Mei­nen Rei­se­pass? – stop
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sue rosalind

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MELDUNG. Erfolg­reich aus 32500 Fuß Höhe über dem pazi­fi­schen Ozean kurz vor Monterey abge­worfen: Bono­bo­dame Hannah Maria, 6 Jahre, dritte Über­le­bende der Test­serie Teflon-YB2 {Haut­wesen}. Man ist, der Schre­cken, noch voll­ständig ohne Bewusst­sein. – stop

drachen

ein präsident

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alpha : 5.12 – Während einer seiner Wahl­kampf­reden im November des vergan­genen Jahres, simu­lierte der 45. nord­ame­ri­ka­ni­sche Präsi­dent in abwer­tender Weise Bewe­gungen eines Jour­na­listen, der seit seiner Geburt mit einem körper­li­chen Handicap lebt. Der Moment, da der 45. nord­ame­ri­ka­ni­sche Präsi­dent sich selbst, sein Wesen, seine Kultur, seine Würde, in authen­ti­scher Methode zur Darstel­lung brachte, wurde aufge­zeichnet. Ich werde diese Film­se­quenz niemals vergessen, ich werde diese Film­se­quenz stets vor mir sehen, sobald ich den 45. nord­ame­ri­ka­ni­schen Präsi­denten über einen Bild­schirm schrei­tend oder auf ein Blatt Zeitungs­pa­pier gedruckt wahr­zu­nehmen habe. Wir werden groß­ar­tiges Tun! Wir werden Amerika wieder groß­artig machen! – Der 9. November 2016 ist ein groß­artig schreck­li­cher Tag. – stop
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01 – spur

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sierra : 3.18 – Irgendwo da draußen exis­tiert eine Persön­lich­keit { vermut­lich mensch­li­cher Natur }, die in der vergan­genen Nacht das Wort Schnee­fliegen in der digi­talen Sphäre suchte mittels eines Tablet­com­pu­ters. Sie hinter­ließ in meinem parti­cles – Wahr­neh­mungs­system eine Spur. Bitte melden! – stop
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drei brillen

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delta : 3.32 – Leichter Schnee­fall windlos, schau­kelnde Licht­pelz­fetzen. Eich­hörn­chen jagen über die Straße hin und her, als freuten sie sich. Gegen zwei Uhr notiere ich eine Email an Moses Fernandez, von dem ich hörte, dass er in einem Haus nahe Pinamar bei Buneos Aires leben soll. Lieber Moses, Lilli, die sie persön­lich kennen­lernten in diesem Sommer, erzählte, dass sie eine Maschine entwi­ckelt haben, die in der Lage sein soll, äusserst kleine, für mensch­liche Augen nicht entzif­fer­bare Schrift­zei­chen zu notieren. Ich würde sehr gerne eine Schrift­probe in Auftrag geben. Würden Sie mir bitte einen kurzen Text, den ich im Anschluss an Sie senden werde, in nicht­les­bare Größe trans­fe­rieren. Ich verfüge über ein Mikro­skop, um die Qualität ihrer Arbeit prüfen zu können. Wenn möglich, senden Sie das Schrift­stück bitte auf dem Luft­post­wege an folgende Adresse: Louis 8711 Kvarøy Sjøhus Nor­way. Mit bestem Dank im voraus verbleibe ich mit herz­li­chen Grüßen: Ihr Louis /// Text­probe no1: go > 17.03 – Heute Morgen, war noch dunkel im Haus, hörte ich ein sirrendes Geräusch. Das Geräusch näherte sich über die Treppe abwärts. Zunächst war nichts zu sehen, dann aber eine der Brillen meiner Mutter, die seit dem Vorabend über zarte Rotoren verfügen, welche in der Lage sind, Bril­len­kon­struk­tionen bis hin zu einem Gewicht von 80 Gramm in die Luft zu heben, sie vorwärts zu bewegen oder rück­wärts durch Räume oder den Garten. Langsam durch­querte die Brille den Raum, kreiste einmal um meinen Kopf, und landete schließ­lich sanft auf dem Esstisch in der Nähe des Stuhles, auf dem meine Mutter sitzt, sobald sie ihr Früh­stück zu sich nehmen möchte. Über drei Brillen verfügt meine Mutter, und jede dieser Brillen kann nun fliegen. Eine Brille wurde im Dach­ge­schoss statio­niert, eine weitere Brille im Erdge­schoss, die dritte zu ebener Erde. Wenn nun Morgen wird, zu einer Zeit, da fast alle Menschen noch schlafen, erwa­chen vor den Vögeln bereits die Brillen meiner Mutter. Sie beginnen zu blinken, Dioden in gelber Farbe, Zeichen, dass sie sich mittels Funk­si­gnalen orien­tieren. Bald fliegen sie los, die Dach­ge­schoss­brille ins Dach­ge­schoss, die Brille der ersten Etage in die erste Etage, die Brille des Erdge­schosses ins Erdge­schoss. Das Suchen hat nun ein Ende, alles wird gut! – stop ///
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brooklyn : zur zeit der fliederblüte

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sierra : 2.10 – Man stelle sich das einmal vor, wie man an einem warmen Früh­lingstag in Brooklyn durch den Pros­pect Park spaziert. Gerade ist die Zeit der Flie­der­blüte ange­bro­chen, die Bäume duften weit in die Straßen hinein, Möwen fliegen im Park herum, obwohl sie eigent­lich niemals die Innen­seite der Stadt besu­chen, es ist eben ein beson­derer Tag in einem nächsten Jahr. Und wie wir so im Park spazieren, meinen wir zu bemerken, dass das Licht ein anderes Licht ist, als noch vor Monaten, als wir zuletzt an diesem wunder­baren Ort ein paar Stunden Zeit verbrachten, um Wasch­bären zu zählen viel­leicht, oder Eich­hörn­chen, Tauben, Menschen, diese Freude, jawohl, an der Zählung der Welt, an der Beob­ach­tung der Farben. Heut aber ist das Licht ein anderes Licht geworden, noch immer oder wieder Sonne, aber auch ein selt­samer Schatten, keiner der Wolken­schatten, die immerzu von Licht durch­setzt gewesen sind, sondern ein Schatten, der ener­gisch ist, der das Gleich­ge­wicht des Lichtes in der Weite des Parks zu verän­dern scheint. Noch haben wir nicht zum Himmel geschaut, sondern uns nur gewun­dert, dass das Licht ein anderes Licht ist, ein Licht­ge­fühl, das sich grund­sätz­lich änderte, das könnte sein, ein merk­würdig blaues Licht, das auf den Blät­tern der Bäume flim­mert, auf den Fellen der Eich­hörn­chen, im Gefieder der Tauben. Und da sehen wir, dass den Bäumen, den Eich­hörn­chen­tieren, den Tauben ihre Schatten fehlen, als wäre so etwas wie eine Sonnen­fins­ternis am Himmel aufge­treten. Höhe Caroll Street entde­cken wir ein Tau, nein, ein metal­lenes Seil, das im Gestein fest veran­kert wurde, ein kräf­tiges Seil, das senk­recht aus dem Boden steigt, ein Seil, um welches sich weitere Seile aus dem Boden erheben. Gerade in dem Moment als wir dort am Ort der im Wiesen­boden veran­kerten Seil­stränge ange­kommen sind, beob­achten wir eine metal­lene Seil­bahn­ka­bine, in welcher ein Mensch steht, der langsam himmel­wärts schwebt. Wir folgen ihm mit unseren Blicken hinauf zu einem riesigen Fessel­ballon, an welchem statt eines Korbes, Gebäude von Holz befes­tigt sind. Das sind wunder­bare, kleine Häuser, sie sind in den Farben der Nord­länder gestri­chen, in blau und gelb und grün und rot, eine Traube bunter Häuser, die über Fenster verfügen, dort, wo sich an Häusern Fenster immer befinden. Aber die Türen, die Türen sind in den Boden der Häuser einge­lassen, das ist schon seltsam, diese Türen, die sich dort befinden, wo man die Häuser niemals sieht, weil sie auf dem Boden ruhen. Wir stehen ganz still und schauen hinauf, und wir wundern uns wie weit es da doch hinauf­geht, Menschen winken aus geöff­neten Fens­tern, sie sind sehr klein, ja, diese winkenden Wesen müssen unbe­dingt Menschen sein, an diesem wunderbar warmen Früh­lingstag in Brooklyn im kommenden Jahr, einem Tag an dem Silber­möwen in fürch­ter­li­chen Rudeln vom Meer her in die Stadt gekommen sind. – stop
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von seeanemonen und wandernden ohren

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papa : 2.15 UTC – Nehmen wir einmal an, dem ursprüng­li­chen Code einer Seeane­mone würde ein weiterer Code hinzu­ge­fügt, eine sehr kurze Strecke nur, sagen wir Jack Kerouacs Roman The Town and The City mittels Nukleo­ba­sen­paaren notiert. Was würde geschehen? Inwie­fern würde Jack Kerouacs Text Wesen oder Gestalt einer Seeane­mone berühren? Würde der Text von Seeane­mone zu Seeane­mone weiter­ge­reicht, würde er sich nach und nach verän­dern, würde er viel­leicht entlang der Küsten­li­nien wandern? Seit dem 8. Dezember 2014, ich hatte geträumt, sind mensch­liche Personen denkbar, die nur zu dem einem Zweck exis­tieren, nämlich Ohren, ein gutes Dutzend wahl­weise auf ihren Armen oder Schul­tern zu tragen, um sie gut durch­blutet solange zu konser­vieren, bis man sie von ihnen abnehmen wird, um sie auf eine weitere Person zu verpflanzen, die eine gewisse Zeit oder schon immer ohne Ohren gewesen ist. Unheim­liche Sache auch nach zwei Jahren noch, da ich diesen Text zum ersten Mal über­legte. – stop
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ai : ARGENTINIEN

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MENSCH IN GEFAHR : “Milagro Sala, ehren­amt­liche Spre­cherin der Orga­ni­sa­tion Tupac Amaru, befindet sich seit dem 16. Januar 2016 will­kür­lich in Haft. Die argen­ti­ni­sche Regie­rung muss sie umge­hend frei­lassen, wie es die UN-Arbeits­gruppe für will­kür­liche Inhaf­tie­rungen in einer Entschei­dung vom 27. Oktober ange­ordnet hat. / Am 14. Dezember 2015 erstat­tete der Gouver­neur der Provinz Jujuy, Gerardo Morales, Anzeige gegen Milagro Sala und das Netz­werk Sozialer Orga­ni­sa­tionen (Red de Orga­ni­za­ciones Sociales) wegen Protes­tie­rens vor dem Regie­rungs­ge­bäude der Provinz Jujuy. Milagro Sala wurde am 16. Januar 2016 in Gewahrsam genommen. Obwohl ihre Frei­las­sung ange­ordnet wurde, leitete man weitere straf­recht­liche Verfahren gegen sie ein und behielt sie in Unter­su­chungs­haft. / Im Februar reichten Amnesty Inter­na­tional und andere Orga­ni­sa­tionen eine Beschwerde bei der UN-Arbeits­gruppe für will­kür­liche Inhaf­tie­rungen ein und bean­tragten darüber hinaus beim Inter­ame­ri­ka­ni­schen Gerichtshof für Menschen­rechte Schutz­maß­nahmen für Milagro Sala. / Die Arbeits­gruppe kam am 27. Oktober zu dem Schluss, dass die “Inhaf­tie­rung von Milagro Sala will­kür­lich ist” und forderte die argen­ti­ni­sche Regie­rung deshalb auf, “sie unver­züg­lich frei­zu­lassen”. Die Arbeits­gruppe stellte fest, dass zum Zeit­punkt ihrer Fest­nahme und Inhaf­tie­rung eine “Kette von Anschul­di­gungen” vorge­bracht wurde, um eine Inhaf­tie­rung auf unbe­stimmte Zeit zu recht­fer­tigen. Zudem war Milagro Sala nach Ansicht der Arbeits­gruppe von der Regie­rung daran gehin­dert worden, ihr Recht auf Vertei­di­gung wahr­zu­nehmen, was eine Verlet­zung der Unab­hän­gig­keit der Justiz darstellte. Darüber hinaus kam die Arbeits­gruppe nach Analyse der Rechts­gründe für die Inhaf­tie­rung von Milagro Sala zu dem Schluss, dass es keine Grund­lage für ihre Inhaf­tie­rung gebe. / Am 3. November forderte der Inter­ame­ri­ka­ni­sche Gerichtshof für Menschen­rechte von der argen­ti­ni­schen Regie­rung Infor­ma­tionen darüber, welche Maßnahmen sie ergriffen hat, um die Entschei­dung der UN-Arbeits­gruppe umzu­setzen. Daraufhin erklärte der Staats­se­kretär für Menschen­rechte öffent­lich, dass “der Bericht dieser Arbeits­gruppe als Meinungs­äu­ße­rung zu betrachten und in keiner Weise bindend ist”. Der Gouver­neur der Provinz Jujuy soll gesagt haben: “Ich werde diese Frau nicht frei­lassen.” Milagro Sala ist nach wie vor will­kür­lich inhaf­tiert.” – Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen, möglichst unver­züg­lich und nicht über den 29. Dezember 2016 hinaus, unter > ai : urgent action

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tod in peking 6

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hima­laya : 0.45 UTC – Original-Nach­richt / Betreff : Unde­li­vered Mail Returned to Sender Datum: 2016–11-14T00:12:38+0300 – I’m sorry to have to inform you that your message could not be deli­vered to one or more reci­pi­ents. It’s atta­ched below. For further assi­s­tance, please send mail to post­master. If you do so, please include this problem report. You can delete your own text from the atta­ched returned message. NOTE: Lieber Teddy, schon vier Jahre sind nun vergangen, seit ich hörte, dass Du in Peking gestorben sein sollst. Es ist eine kühle, eine beinahe eisige Winter­nacht heute, kaum Wind. Wenn Du noch leben würdest, würdest Du vermut­lich gerade schlafen. Ich hatte mir vorge­nommen, an Dich zu denken. Also habe ich mich auf mein Sofa gesetzt und mir vorge­stellt, wie Du zu mir sprichst. Aber ich konnte mich an Deine Stimme nicht erin­nern. Ich saß lange Zeit ganz still und hörte meinen Gedanken zu, die nach einem Gespräch mit Dir suchten. Nach einer Stunde erin­nerte ich mich, wie Du einmal von Deinen Fahr­rä­dern erzähl­test. Du hattest ihnen Namen gegeben: Maria 1 und Maria 2, das war mir damals seltsam vorge­kommen. Auch heute wüsste ich nicht, welchen Namen ich selbst meinem Fahrrad geben würde, es ist eben ein Fahrrad. Und ich fragte mich, ob Du auch Deiner Foto­ka­mera viel­leicht einen Namen gegeben haben könn­test. Da war plötz­lich der Klang Deiner Stimme in meinen Ohren gewesen, die von etwas ganz anderem erzählte. Wie in den Jahren zuvor, lieber Teddy, sichere ich auch in diesem Jahr eine Deiner Foto­gra­fien, von deren Geschichte, der Geschichte des Tages, an dem sie aufge­nommen wurde, Du mir leider nie erzählen wirst. – Dein Louis < t.s@posteo.de: host mx02 . posteo . de [95 . 922 . 192 . 155] said: 550 5.1.1 < t.s@posteo.de>: Reci­pient address rejected: unde­li­ver­able address: Reci­pient address lookup failed (in reply to RCPT TO command) – The mail system – stop

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oulu

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MELDUNG. Wie Wölfe im Rudel, lautlos, haben zwölf winter­feste Sumpf­schild­kröten im Hero­senoja – Fluss zu Oulu eine Stan­dard­ente bejagt und so rasch unter Wasser gezogen, dass weder Wehr noch Meldung erfolgte. Nichts blieb, als eine wandernde Spur aufstei­gender Luft. – stop
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zwergseerose bartholomä

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nordpol : 5.08 – Ich hörte, irgendwo versteckt auf einem Hoch­pla­teau des stei­nernen Meeres, das sich zwischen dem schönen, grün­blauen Obersee und dem mäch­tigen Hoch­könig erstreckt, soll ein Mensch exis­tieren, ein Junge von unge­fähr acht Jahren, der in seinem bishe­rigen Leben keinerlei digi­tale Spur hinter­liess, weder in der Welt behörd­li­cher Compu­ter­sys­teme, noch in einer elek­tro­ni­schen Wolke. Der Junge, der mögli­cher­weise heim­lich geboren wurde, soll, von Schul­bü­chern umgeben, in einer Hütte mit Ziegen und fünf Murmel­tieren leben, die ihm vertraut geworden sind. Es ist nicht bekannt, wie der Junge heisst, wie seine Mutter, wie sein Vater, auch nicht, wer ihm des Weiteren geholfen haben könnte, während der ersten Lebens­jahre über strenge Berg­winter zu kommen. Ich stelle mir vor, dieser Junge könnte viel­leicht der einzige lebende euro­päi­sche Mensch sein, von dem niemals ein Licht­bild genommen wurde. Wer nach ihm suchte, kehrte zurück ohne einen Beweis, ohne eine Spur, er könnte reinste Erfin­dung sein, eine vorsätz­liche Exis­tenz, eine Vermu­tung, oder eine tatsäch­liche Person, die an dieser Stelle, in diesem Text einen ersten elek­tri­schen Abdruck in der digi­talen Sphäre hinter­lässt, ein Verrat, ja, ein Verrat. Ich sollte meine Gedanken, meine Hinweise, demzu­folge bald wieder löschen, um ihr Verschwinden und damit das Verschwinden des Jungen aus der digi­talen Welt beob­achten oder prüfen zu können. Signatur: Zwerg­see­rose Bartho­lomä. – stop
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namen

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delta : 1.05 – Vor einigen Wochen hatte ich einen Luft­post­brief an Mr. Sini Shapiro nach Manhattan geschickt. Ich notierte ihm von einem weiteren Schreiben, das ich an ihn persön­lich vor einiger Zeit nach Kalkutta ( Indien ) sendete. Der Brief war zurück­ge­kommen, er trug Hinweise auf seiner Anschrif­ten­seite, die von mehr­fa­chen vergeb­li­chen Zustell­ver­su­chen zeugen, ein Kunst­werk, würde ich sagen, ein Doku­ment sorg­fäl­tiger Arbeit. Heute antwor­tete Mr. Shapiro. Er schrieb in einer E-Mail­nach­richt, er habe sich gefreut, weil ich seinen Namen verwen­dete, um eine Brief­sonde nach Kalkutta zu schi­cken. Ausserdem freue er sich über meine Frage hinsicht­lich bevor­zugter Lektüren. Er über­mit­telte eine Namens­liste jener Persön­lich­keiten, deren Bücher Mr. Shapiro bald einmal lesen, deren Leben er bevor­zugt studieren würde. – Es ist merk­würdig, ich habe nicht damit gerechnet, dass Mr. Sini Shapiro über ein E-Mail­adresse verfügen könnte. Es ist nun doch wahr­schein­lich, dass Mr. Shapiro ausserdem über eine Compu­ter­schreib­ma­schine verfügen wird, die der digi­talen Sphäre verbunden ist. – stop
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einer

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delta : 2.05 – Einer, der schreibt und schreibt und schreibt. Einer, der schneller schreibt als er lesen kann. Einer, der schreibt wie einer, der geht und sich niemals umsieht. Einer, der schreibt, wie er atmet. Einer, der schreibt solange er exis­tiert, schreibt und schreibt, und wenn es zuletzt nur noch zwei oder drei Worte sind in der Stunde, die er schreiben wird. – stop
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stäbchen

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echo : 3.15 – Sonnen­schirme, Muschel­sam­meln, Strand­körbe, Schnor­chel­tau­chen, Krabben, Seesterne, Scher­ben­grün, Holz­stäb­chen im Sand. Dieses Holz so hell dieses Holz. Wie viele Menschen sind spurlos verschwunden in einem Meer, das wir als das Mittel­meer bezeichnen? Menschen, die nicht einmal Zahl sind, kein Brief südwärts, kein Telefon, das je vom Ende einer Reise erzählen würde. Stumm. – stop

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gramm

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romeo : 6.38 – Das Wort Aleppo in meinem Gehirn, sobald ich das Wort Aleppo denke. Wie viel Gramm? – stop

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phänomenal

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marimba : 4.32 – Helena, die vor wenigen Tagen sechs Jahre alt geworden ist, fragte mich am Telefon, inwie­fern sich ein Regen­schirm von einem Schnee­schirm unter­scheide. Das ist eine aufre­gende Geschichte, dachte ich, ich habe von der Exis­tenz der Schnee­schirme noch nie zuvor gehört. Das ist nämlich so, sagte Helena, wenn es Regen­schirme gibt muss es auch Schnee­schirme geben, wie Sonnen­schirme und Wind­schirme. Um Zeit zu gewinnen, wieder­holte ich Helenas Frage. Du willst wissen, inwie­fern sich Regen­schirme von Schnee­schirmen unter­scheiden? Habe ich Dich richtig verstanden? Ja, antwor­tete Helena, was heisst inwie­fern? Plötz­lich war sie nicht mehr am Telefon. Ich hörte ihre Schritte, wie sie durch die ferne Wohnung lief, sie schien nach etwas zu suchen. Bald hörte ich ihre Stimme, sie erzählte eine Geschichte von einem Frosch, den sie im Garten entdeckt hatte, ihre Mutter lachte. Nach einer Weile hörte ich Helenas Schritte wieder näher­kommen, dann ihre Stimme. Ich habe dich fast vergessen, dass du am Telefon bist, sagte Helena, das ist phäno­menal. Sie lachte. Das ist ja wirk­lich phäno­menal. Was ist heisst : phäno­menal? – stop

trompetencode

herzwörter

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nordpol : 6.05 – Das Wort HERZBRILLE, faszi­nie­rend. Belegt durch die Gebrüder Grimm in ihrem Wörter­buch: Die Krank­heiten des Leibes sind lauter Herz­brillen, die uns Gott auf die Nase unserer Andacht setzt, dasz wir die Schäden unsers Gewis­sens dadurch besehen lernen.1)Vale­rius Herberger 1562 – 1627 Dort weitere Herz­wörter: herz herz­ach­tung herz­ader herzählen herzahlen herz­al­ler­liebst herzan­druck herzan­nagend herz­apfel herzauber herzauf herzaus herz­aus­deh­nend, herz­balsam herz­ban­gig­keit herz­bannen herz­baum herz­be­frie­dung herz­bein herz­be­keh­rung herz­be­klem­mend herz­be­klem­mung herz­be­klom­men­heit herz­bendel herz­be­rau­bend herz­be­schwe­rend herz­be­schwe­risch herz­be­schwe­rung herz­be­stän­dig­keit herz­bet­hö­rend herz­be­trübt herz­bett­lein herz­beutel herz­be­we­gend herz­be­weg­lich herz­bild herz­blätt­chen herz­blätt­lein herz­blatt herz­blüm­lein herz­blume herz­blut herz­blut­dürs­tend herz­blut­glü­hend herz­bräu­neherz­brand herz­bre­chen herz­bre­chend herz­bre­cher­chen herz­brille herz­bruch herz­brüst­lein herz­bube herz­büchse herz­chen herz­daus herz­decke herz­drü­ckend herz­durch­ge­hend herze­gierde herzeichnen herzein herz­einig herz­ein­neh­mend herz­ein­ziger herze­keilen herze­leid herze­lein herze­lieb herzeln herz­emp­find­lich herz­emp­find­lich­keit herzen herzen­angst herzen­be­zwinger herzendaus herzen­dieb herze­ner­freuerin herze­ner­qui­ckend herzen­fang herzen­fes­zler herzen­fes­zlerin herzen­fleisch herzen­förmig herz­engel herz­en­gier herz­en­grund herz­engut herzen­haft herzen­haftig herzen­haus herzen­kind herzen­klopfen herzen­kö­nigin herzen­kün­diger herzen­leid herzen­leid herzen­leide herzen­lieb herzen­lieb herzen­lust herzenmut herzen­mutter herzen­räu­berin herzen­sach herzens­adel herzen­saft herzen­salbe herzens­an­ge­le­gen­heit herzens­angst herzens­ant­heil herzensarm herzens­aus­druck herzens­aus­gusz herzens­bän­diger herzens­ban­gig­keit herzens­be­dürfnis herzens­be­frie­di­gung herzens­be­gier­lich herzens­be­sit­zerin herzens­be­trübnis herzens­be­we­gung herzens­be­zähmer herzens­bil­dung herzens­blüm­chen herzens­blume herzens­blut herzens­brast herzens­bre­chen herzens­bruch herzens­bruder herzens­brunst herzens­brust herzens­büb­chen herzen­schmel­zend herzen­schön herzen­schrein herzens­dank herzens­drang herzens­druck herzen­sehr herzens­ein­falt herzens­er­gies­zung herzens­er­gusz herzens­er­leich­te­rung herzensernst herzens­er­war­tung herzens­feld herzens­fenster herzens­fieber herzens­flut herzens­folter herzens­frau herzens­freude herzens­freund herzens­freund­lich­keit herzens­friede herzens­fromm, herzens­frost herzens­furche herzens­gast herzens­ge­danke herzens­ge­nusz herzens­ge­spräch herzens­ge­tümmel herzens­gier herzens­gift herzens­glaube herzens­grund herzens­güte herzensgut herzens­händel herzens­härte herzens­hammer herzens­hand herzens­hang – stop

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1. Vale­rius Herberger 1562 – 1627
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