lichtbild

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sierra : 3.24 – Man möchte fast glauben, die folgende Bege­ben­heit könnte reine Erfin­dung sein, weil in unserer Zeit kaum vorstellbar scheint, dass möglich ist, was ich in wenigen Sätze erzähle. Ich hatte mein Fern­seh­gerät beob­achtet, dort waren Menschen zu sehen gewesen, die auf Wagon­dä­chern eines Güter­zuges von Mittel­ame­rika aus durch Mexiko nach Nord­ame­rika reisten. Eine gefähr­liche Fahrt, junge Männer, aber auch junge Frauen, immer wieder wurden sie beraubt oder fielen auf die Geleise und wurden vom Zug über­rollt oder von Blitzen heftiger Gewitter getroffen. Lang waren die Über­le­benden unter­wegs, hatten nach einiger Zeit kaum noch etwas zu essen oder zu trinken. Hunger und Durst würden sie ganz sicher gezwungen haben, vom Zug zu springen, wenn da nicht Menschen gewesen wären, arme Menschen, die entlang der Zugstrecke standen, um den Zugrei­senden Wasser und Nahrungs­mittel in Tüten zuzu­werfen. Eine Frau, Maria, erzählte, sie und ihre Familie würden immer wieder hierher kommen zu den Zügen mit ihren Broten, dabei hätten sie selbst nur sehr wenig zum Leben, aber das Wenige würden sie gerne teilen, immerzu habe sie das Gefühl, es sei viel zu gering, was sie unter­nehmen, um den Flüch­tenden zu helfen. Bald verschwand sie aus dem Bild, trat in den dichten Wald zurück, auch der Zug entfernte sich langsam. Ende der Geschichte. – stop

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ein wort

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alpha : 3.28 – In einem Gespräch hörte ich ein schreck­li­ches Wort. In dem Augen­blick, da ich das Wort hörte, dachte ich: Diesem Wort bin ich nie zuvor begegnet. Jetzt, da ich das schreck­liche Wort in meinem Kopf habe, werde ich es nie wieder vergessen, ich werde dieses Wort nie wieder loswerden. – Leichter Schnee­fall. Weitere Herz­wörter einge­fangen. – stop

amazonien

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MELDUNG.1) Bei dieser Meldung handelt es sich mögli­cher­weise um eine post­fak­ti­sche Nach­richt! Eine Ameise der Gattung campo­notus cicadae feiert heute im Amazo­nas­be­cken nahe der Stadt lcicadae ihren 300. Geburtstag. Herz­li­chen Glück­wunsch. – stop
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1. Bei dieser Meldung handelt es sich mögli­cher­weise um eine post­fak­ti­sche Nach­richt!

bao

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olimambo : 5.20 – Ein Anschlag auf Leib und Leben von Menschen in einem Zug war geschehen. Im Radio erläu­terte ein Poli­zei­be­amter, wie man sich amtli­cher­seits bemühte, die Sicher­heits­lage, welche offen­sicht­lich fragil geworden war, zu repa­rieren. Der Mann sprach langsam in exakt gleich­blei­bender Tonhöhe, deshalb viel­leicht, oder weil ich kein Bild des spre­chenden Mannes vor Augen hatte, waren mir isolierte Wörter in Erin­ne­rung geblieben. Ich notierte wenige Minuten später auf ein Blatt Papier. Winkel­schlag­stock. UMA1)Unbegleiteter minder­jäh­riger Asyl­su­chender. OAZ. Verbal­at­tacke. Sofort­lage. Nichts weiter. – stop

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1. Unbegleiteter minder­jäh­riger Asyl­su­chender

schokolade

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charlie : 3.05 – In der Stra­ßen­bahn berich­tete ein älterer Herr, er erin­nere sich immer wieder einmal zur Weih­nachts­zeit an das Wort Panzer­scho­ko­lade. Das sei Scho­ko­lade gewesen, die für kämp­fende Soldaten mit der angst­lö­senden Substanz Pervitin versetzt worden sein soll. Er könne nicht mit Sicher­heit sagen, ob er als Kind jemals einen Niko­laus von Scho­ko­lade geschenkt bekommen habe, ihre Gestalt jedoch, ihre roten, blauen und golden glän­zenden Metall­mäntel unserer Tage rufen unaus­weich­lich das Wort Panzer­scho­ko­lade in ihm hervor. Ob ich wüsste, fragte er, dass Pervitin Crystal Meth ähnlich sei, dass man Panzer­scho­ko­lade damals an Kiosken verkaufte, an Zivi­listen, eine unglaub­liche Sache. – Mitter­nacht. Noch zu tun: Ein authen­ti­sches Wort für Puls­ge­räu­sche der Koli­bris erfinden. – stop

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mikroskop

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hima­laya : 5.06 – Wenn ich von Zwerg­katzen spreche, dann von Katzen, die nicht viel größer sind als mittel­eu­ro­päi­sche rote Wald­ameisen. Ich beob­ach­tete zwei dieser wunder­vollen Schöp­fungen, wie sie gegen den Morgen zu derart heftig in meiner Küche tobten, dass sie einmal beinahe vom Tisch gefallen wären. – stop

am hugli

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alpha : 5.25 – Hörte mich gestern noch sagen, ich würde im Auftrag einer Geschichte im kommenden Jahr nach Kalkutta reisen. Tatsäch­lich scheinen Geschichten, sobald sie sich verwirk­li­chen, Persön­lich­keiten zu werden, die Weisungen erteilen. Noch in derselben Nacht träumte ich von einer indi­schen Brief­marke, auf welcher Kiemen­men­schen, eine Dame und ein Herr, in Wasser schweben. – stop

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seltsam

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ulysses : 1.18 – Wie ist es möglich, Geschichten zu erzählen, die seltsam sind, ohne sofort selbst für seltsam oder merk­würdig oder gar gefähr­lich gehalten zu werden, da doch diese merk­wür­digen Geschichten in meinem Kopf entstehen? Ich habe L. von Esme­ralda erzählt, dass Esme­ralda eine Schnecke sei, die in meiner Wohnung lebe, als wäre sie eine Katze, dass ich das kleine Tiere füttern würde, dass ich meine Wohnung im Winter beheize, auch wenn ich nicht anwe­send sei, damit Esme­ralda nicht frieren möge. Liebe L. sagte ich, ich wäre niemals auf die Idee gekommen, mir aus freien Stücken eine Schnecke zu kaufen oder aber zur Sommer­zeit in einem Garten einzu­fangen, nein, niemals, wenn nun aber eine Schnecke als Geschenk, als kosten­freie Offerte auf posta­li­schem Wege zu mir reiste, warum sollte ich das Geschenk zurück­weisen, warum nicht einen Versuch unter­nehmen, ein guter oder vorzüg­li­cher Schne­cken­halter zu werden? Wir werden es versu­chen, sagte ich zur Schnecke kurz nachdem sie ange­kommen war. Jahre sind seither vergangen, Esme­ralda scheint mit ihrem Leben in meiner Wohnung einver­standen zu sein. Einmal öffnete ich die Tür zum Trep­pen­haus und wartete. Ein anderes Mal öffnete ich ein Fenster und wartete wiederum einige Zeit, Esme­ralda blieb oder kehrte zurück. Es stellt sich nicht zum ersten Mal die Frage: Wie alt werden Schne­cken? Ist Esme­ralda nicht viel­leicht bereits viel zu alt, um noch als gewöhn­liche Schnecke betrachtet werden zu können? – stop

nach­richten von esme­ralda »
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herzkern

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sierra : 1.18 – M. erzählte, sie habe eine Nach­richt erhalten, die sie mitten ins Herz getroffen habe. Sofort die Frage: Exis­tiert even­tuell ein anato­mi­scher Ort, den man als Herz­mit­tel­punkt bezeichnen könnte, eine Art Herz­kern viel­leicht. Auch das Wort Herz­blut wird nach und nach zu einem Wort, dessen Verständnis in meinen Ohren nicht länger selbst­ver­ständ­lich ist. – stop

sammlung

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india : 0.08 – Während ich noch über das Puls­ge­räusch der Koli­bri­herzen nach­dachte, erin­nerte ich mich an eine Herz­ge­schichte, die ich vor einigen Jahren an dieser Stelle notierte. Im Grunde erin­nerte ich mich nicht sehr präzise, ich meinte in dieser erin­nerten Geschichte wäre von einem Kinder­herz die Rede gewesen, auch von einem Freund, der sterben musste, weil sein Herz schwach geworden war. Ich sass ganz still und versuchte mich in einen erzählten Raum hinein­zu­denken, von dessen Exis­tenz ich über­zeugt war. Natür­lich würde ich meinen Text sehr schnell wieder­ge­funden haben, wenn ich mittels meiner Such­ma­schine nach dem Text gesucht hätte. Ich wartete zunächst einmal ab und versuchte mich tatsäch­lich an weitere Details der Geschichte zu erin­nern. Wenn Du einen Faden deiner Geschichte aufnehmen kannst, dachte ich, wird sie sich Satz für Satz ergeben. Zwei Tage vergingen. Ich spazierte, schlief, las in einem Buch, sah aus dem Fenster. Sobald ich glaubte, mich an ein Detail der Geschichte erin­nert zu haben, machte ich Notiz. Einmal schrieb ich das Wort Stra­ßen­bahn. – stop

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brief nach peking

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sierra : 1.58 – Kolja, der seit Jahren selt­same Briefe sammelt, zeigte mir gestern einen beson­deren, einen kost­baren Brief, einen Brief, der ihm, wie er sagte, am Herzen liege. Auf diesem Brief, auf seiner Anschrif­ten­seite präzise, wurde mit sehr großen Buch­staben, die von einer zitternden Hand ausge­führt worden waren, eine Nach­richt für einen Brief­träger hinter­lassen: Herz­li­chen Dank, Herr Post­bote! Diesen Brief bitte per Luft­post versenden an die chine­si­sche Regie­rung in Peking. Porto bezahlt, bitte, bitte, der Empfänger in China, da Chinesen hier keine Brief­marken bekommen. Kolja betrach­tete den Brief liebe­voll. Er deutete auf einen Stempel, der den Brief ursprüng­lich tatsäch­lich nach China beför­derte, eine Brief­marke fehlte. In Peking wurde Koljas Brief in Empfang genommen und sofort, mit einem weiteren Stem­pel­auf­trag versehen, wieder nach Deutsch­land zurück­ge­schickt, wo irgend­je­mand mit Blei­stift in sehr kleiner Schrift das Wort Irrläufer an jenen Ort notierte, wo eigent­lich sich eine Brief­marke befinden sollte. Ich habe, sagte Kolja, diesen kost­baren Brief auf einem Floh­markt entdeckt in Bamberg, ich habe ihn nicht geöffnet, ich glaube, kein Brief ist im Brief, sagte Kojla, das ist doch seltsam, ich habe nach einem Brief getastet. – stop
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