dschibon

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alpha : 2.05 UTC – Der Schnee knurrt, knus­tert, gur­pt, lur­pt, gurrt, gnurzt, murrt, drumbt unter den Schu­hen. Nachts: Der Schnee girrt, lirpt, knirrt, knirzt, knit­tert, knis­tert unter den Schuhen. dschibon. dschibon. – stop
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marin

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ginkgo : 15.05 UTC – Ein Botschafter soll kurz vor der Erstür­mung seiner Depen­dance Mitar­bei­te­rinnen und Mitar­beiter ange­wiesen haben, Doku­mente, insbe­son­dere papie­rene Doku­mente, zu verbrennen oder mittels moderner Zerklei­ne­rungs­ge­räte aus ihren natür­li­chen Zusam­men­hängen zu reißen. Nun ist gleich­wohl denkbar, dass Menschen, deren Arbeiten ausschließ­lich als digi­tale Substanz gespei­chert wurden, kurz vor einem drohenden dauer­haften Ausfall öffent­li­cher Strom­ver­sor­gung, den starken Wunsch verspüren, ihre digi­talen Doku­mente auf Papier zu drucken, um sie in schweren Koffern mit sich auf eine Flucht­reise in die Wildnis nehmen zu können. Ich über­lege ernst­haft, ob es nicht viel­leicht sinn­voll wäre, eine Mappe anzu­legen, in welcher sich wirk­liche Papiere befinden, Aufsätze, Briefe, Notizen, die in der Gegen­wart nur lesbar sind, solange ich über elek­tri­sche Grund­ver­sor­gung verfüge. – Das wunder­volle mari­neblaue Licht des Schnees in der Dämme­rung. – stop

winterspur

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sierra : 16.02 UTC – Ich spazierte einmal im Gebirge durch den Schnee. Es war ein eiskalter Wintertag, der Himmel von einem wunder­vollen Polar­blau, das ich gern gepflückt und mit mir in der Mantel­ta­sche nach Hause getragen hätte. Vögel waren nicht zu sehen, aber sie waren zu hören gewesen, dumpfe Geräu­sche wie aus einem Traum heraus. Ja, die Vögel schliefen, nichts anderes war möglich, hockten unter Schnee­schirmen, die sich über Tannen und Fich­ten­na­deln spannten, und warteten auf den Früh­ling. Ein Pfad führte durch den Wald, eine Spur, die Tiere bei Nacht und Menschen bei Tag gemeinsam in den Schnee einge­tragen haben mochten. Wenn ich ganz still stand, konnte ich leise mein Herz in der Brust schlagen hören. Ein seltenes Ereignis, das eigene Herz­ge­räusch von unten herauf, oder war das doch nur eine Vorstel­lung gewesen. Und ich dachte an Eich­hörn­chen, ich dachte, gut, dass ich kein Eich­hörn­chen bin in diesem Winter. Eine Stunde ging ich so den Pfad entlang, dann kehrte ich um. – stop
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el judio

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MELDUNG.1) Bei dieser Meldung handelt es sich mögli­cher­weise um eine post­fak­ti­sche Nach­richt! Bon­sai­men­schen, 128 Per­so­nen jün­ge­ren Alters a 51 cm, nahe El Judio [ Mexiko ] zur Hit­ze­pro­be ein­ge­trof­fen. Wüs­ten­wan­de­rung [ 255 Mei­len ] : Freitag, 20. Januar 2017. Ab 12 Uhr Orts­zeit. Call : 0052 / 78459322 – stop
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1. Bei dieser Meldung handelt es sich mögli­cher­weise um eine post­fak­ti­sche Nach­richt!

security briefing

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sierra : 10.12 UTCDie rich­tige Erklä­rung ist aber die, daß ein großer Teufel in ihm Platz genommen hat und die Unzahl der klei­neren herbei­kommt, um dem Großen zu dienen. – Franz Kafka. stop : Gefunden auf Posi­tion > Der goldene Fisch / Hendrik Rost
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eine fotografie

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nordpol : 18.05 UTC – Ich habe heute etwas Wunder­bares beob­achtet. Weil mich meine Cousine mit ihrem Telefon zum Abschied foto­gra­fieren wollte, hob sie das Telefon mit beiden Händen dicht vor ihr Gesicht und löste den Prozess der Licht­nahme aus, in dem sie mit ihrer Nasen­spitze einen Druck­sensor berührte. Sie machte das deshalb so, weil ihre Arme von Geburt an kurz sind, weswegen sie, in eine verglei­chende Bezie­hung zur Mehr­heit der Menschen gesetzt, die über lange Arme verfügen, mit einem Handicap1) Handicap verur­sacht durch Handeln der Firma Grünen­thal lebt. Ich nehme an, die Aufnahme, die in dieser Weise von mir genommen wurde, zeigt ein Gesicht von faszi­niertem Ausdruck. Ich hörte kurz darauf, eine Freundin meiner Cousine, die über ein ähnli­ches Handicap verfügt, soll Aufnahmen ihres Tele­fons verfügen, in dem sie ihr Telefon küsst. – stop

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1.  Handicap verur­sacht durch Handeln der Firma Grünen­thal

eine schreibmaschine

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sierra : 6.14 UTC – Ich hörte von der Exis­tenz einer mecha­ni­schen Schreib­ma­schine, die nicht größer sein soll als ein Stück Würfel­zu­cker. Würde man diese sehr kleine Schreib­ma­schine mit bloßem Auge betrachten, würde man vermut­lich sagen, das könnte der Form nach eine Schreib­ma­schine sein. Sie verfügt über Tasten, wie bei einer gewöhn­li­chen Schreib­ma­schine, sowie eine Walze, die Papiere zu trans­por­tieren vermag, auch über ein Farb­band von Haares­breite, und über Hämmer­chen, an deren Enden Plätt­chen befes­tigt sind, auf welchen sich Zeichen befinden, die wir kennen. Wie, fragte ich mich, soll diese Schreib­ma­schine nur zu bedienen sein, wenn sie doch so klein ist, dass sie von einem mensch­li­chen Finger ganz und gar zerdrückt werden könnte, oder verbogen, so dass sie nie wieder schreiben würde. Und über­haupt, wer hat diese Appa­ratur aus welchem Grunde in jener selt­samen Größe montiert? Man könnte mit ihrer Hilfe viel­leicht in der Art und Weise Jack Kerouacs einen Text verfassen, könnte demzu­folge einen sehr langen Text auf eine Luft­schlange notieren, wenn man nur in der Lage wäre, die Tasten der Schreib­ma­schine in äußerst zärt­li­cher Art und Weise anzu­schlagen. Eine Lupe scheint unver­zichtbar. – stop
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schallpunkte

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ulysses : 17.01 UTC – Exis­tieren mögli­cher­weise Echo­kam­mern, die ich als perso­nen­zen­trierte Echo­kam­mern bezeichnen könnte, Putin­kam­mern oder Trump­kam­mern? – stop
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ai : RUSSISCHE FÖDERATION

aihead2

MENSCH IN GEFAHR : “Der Spre­cher des tsche­tsche­ni­schen Parla­ments hat am 6. Januar seinen Insta­gram-Account benutzt, um den bekannten Jour­na­listen Grigory Shvedov zu bedrohen. Grigory Shvedov ist der Chef­re­dak­teur des Kauka­si­schen Knotens, einer unab­hän­gigen Website, die über die Lage im Kaukasus berichtet. / Grigory Shvedov ist der Mitbe­gründer und Chef­re­dak­teur der Webseite Kauka­si­scher Knoten, einer der seriö­sesten Nach­rich­ten­quellen zur kauka­si­schen Region. Das Medi­en­un­ter­nehmen und dessen Ange­stellte erhalten regel­mäßig Drohungen und werden im Zusam­men­hang mit ihrer Arbeit schi­ka­niert und tätlich ange­griffen, insbe­son­dere weil sie über die Menschen­rechts­si­tua­tion im Nord­kau­kasus und über Tsche­tsche­nien berichten. / Am 6. Januar rich­tete Magomed Daudov, der Spre­cher des tsche­tsche­ni­schen Parla­ments und einer der mäch­tigsten tsche­tsche­ni­schen Beamten, eine kaum kaschierte Drohung gegen Grigory Shvedov. Magomed Daudov veröf­fent­lichte auf seinem Insta­gram-Konto das Bild eines Hundes mit einem Knoten in der Zunge, das den Unter­titel trug: “Kauka­si­scher Knoten?” In der Bild­un­ter­schrift bezeich­nete er den Hund als “Shved” und sagt, dass er “statt nütz­liche Arbeit zu tun, an Kämpfen zwischen Hunden anderer Rassen teil­nehme”, und eine “beson­dere Schwäche für den kauka­si­schen Schä­fer­hund hat”. Er schlug vor, dass “Shveds” Zunge auf eine normale Größe zurück­ge­schnitten und seine Zähne gezogen werden sollen. Magomed Daudov ist ein enger Mitar­beiter des Präsi­denten von Tsche­tsche­nien Ramzan Kadyrov. Der Pres­se­spre­cher der tsche­tsche­ni­schen Verwal­tung hat abge­stritten, dass der Post Drohungen beinhalte. / Journalist_innen, die über die Situa­tion in Tsche­tsche­nien berichten, werden häufig bedroht und einige wurden bereits getötet. So wurde Natalya Estemi­rova, die häufig Beiträge auf der Webseite Kauka­si­scher Knoten veröf­fent­lichte, im Juli 2009 in Tsche­tsche­nien entführt und ermordet. Anna Polit­kovs­kaya, die eben­falls über Tsche­tsche­nien berich­tete, wurde im Oktober 2006 vor ihrer Moskauer Wohnung erschossen.” – Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen, möglichst unver­züg­lich und nicht über den 20. Februar 2017 hinaus, unter > ai : urgent action

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jazz

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delta : 22.08 UTC – Ich nehme an, es könnte sinn­voll sein, dass ich, sobald ich über Eckokam­mern nach­zu­denken beginne, mich zunächst nach meinen eigenen Echo­kam­mern erkun­dige, digi­talen wie analogen Räumen, wie sie beschaffen sind, wie lange ich bereits unter ihren Filter­schirmen lebe, was sich einmal da und einmal dort finden lässt, was ich höre, sehe, lese, demzu­folge bald Ermitt­lungen möglich werden könnten über alle jene Substanzen, die ich nicht sehe, nicht höre, nicht zu lesen vermag. Es ist kurz nach 10 Uhr abends: Ich stehe mitten im Zimmer. Woran denke ich? / Daniil Charms – stop

no 45

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olimambo : 23.52 UTC – Gestern habe ich etwas Selt­sames mit mir selbst erlebt. Ich saß am Tisch vor meiner Schreib­ma­schine, als es plötz­lich dunkel wurde in der Wohnung, nur etwas Licht vom Himmel war noch zu erkennen gewesen. Auch war es ganz still geworden, John Coltrane in dem Augen­blick verstummt, als sich das Radio ausschal­tete, ein Klicken, kaum wahr­nehmbar. Nach ein oder zwei Minuten bemerkte ich, dass der Bild­schirm meiner Schreib­ma­schine noch hell ins Zimmer strahlte, trotzdem hatte ich den Eindruck, dass es stock­finster geworden war, ein selt­same Beob­ach­tung, dass ich das Licht der Schreib­ma­schine nicht als eigent­li­ches Licht wahr­ge­nommen habe. Was, fragte ich mich, würde ich unter­nehmen, wenn nun nach zwei oder drei Stunden meine Schreib­ma­schine sich erschöpft ausschalten würde wie mein Radio sich ausge­schaltet hatte. Nehmen wir einmal an, dachte ich, es wird dunkel bleiben und still für Monate oder Jahre, wäre ich in der Lage, mich an meine Gedanken, an meine Geschichten, die sich in der Schreib­ma­schine noch immer aufhalten werden, aber nicht lesbar sein würden, erin­nern? Tatsäch­lich über­legte ich sehr bald, ob es möglich wäre, mit Gegen­ständen, die sich in meinem Besitz befinden, Strom zu erzeugen. Wie lange Zeit müsste ich eine Hand­kurbel drehen, um kurz darauf für eine Stunde Zeit, Texte auf dem Bild­schirm meiner Schreib­ma­schine lesen zu können. – Kurz vor Mitter­nacht. Agen­turen melden, dass Menschen aus sieben musli­misch geprägten Ländern im Trans­fer­be­rei­ches des New Yorker John F. Kennedy Airport gestrandet, das heisst, fest­ge­halten sind. – stop
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manhattan, 5th avenue no 45

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hima­laya : 15.15 UTC – Vor einigen Wochen hörte ich, das New Yorker Wohn­ge­bäude eines wohl­ha­benden Mannes in der 5th Avenue sei nicht etwa 68, sondern in Wirk­lich­keit, also mit bloßem Auge zählbar, 58 Stock­werke hoch. Ich dachte, der wohl­ha­bende Besitzer des Hauses könnte viel­leicht in mitt­lerer Höhen­lage seines Gebäudes äußerst flache, kaum sicht­bare Stock­werke errichtet haben. Kurz darauf las ich, der wohl­ha­bende Mann habe seinem Gebäude tatsäch­lich zehn nicht exis­tie­rende Stock­werke mittels Sprache hinzu­ge­fügt, demzu­folge erfunden. Ich las weiterhin, dass der wohl­ha­bende Mann selbst diesen Vorgang geis­tiger Erhö­hung seines Bauwerkes bestä­tigt und als einen Vorgang wahr­haf­tiger Über­tei­bung ( “truthful hyper­bole” ) bezeichnet haben soll. Das scheint nun doch eine irgendwie verrückte Geschichte zu sein, oder aber eine Geschichte, die von einem Verrückten handelt. Wie, frage ich mich, kann man einer Perso­nen­gruppe oder einer Person argu­men­tie­rend begegnen, die offen­sicht­lich mit dem Gedanken spielt, eine Welt alter­na­tiver Wahr­heit ( Fakten ) mittels perma­nenter Wieder­ho­lung in Wahr­neh­mung und Über­zeu­gung der Menschen einzu­stem­peln? – Früher Morgen. Ich habe noch etwas Weiteres zu vermelden, das schmerzt. Ein Freund, der am kommenden Donnerstag zum 26. Mal New York besu­chen wollte, weil er seit drei Jahren Lilly liebt, die zeit­le­bens in Brooklyn in der Atlantic Avenue lebt, weil sie dort geboren wurde, wird seinen Koffer nicht packen, weil er wiederum in der persi­schen Stadt Izeh das Licht der Welt erblickte. Er lebt seit 28 Jahren äußerst fried­voll in der Bundes­re­pu­blik Deutsch­land. – stop

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transcript

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echo : 22.08 UTC – Zu stän­digen Erin­ne­rung > Meryl Streep’s Golden Globe Speach, 8. Januar 2017 : Please sit down. Thank you. I love you all. You’ll have to forgive me. I’ve lost my voice in screa­ming and lamen­ta­tion this weekend. And I have lost my mind some­time earlier this year, so I have to read. Thank you, Holly­wood Foreign Press. Just to pick up on what Hugh Laurie said: You and all of us in this room really belong to the most vili­fied segments in American society right now. Think about it: Holly­wood, foreig­ners, and the press. / But who are we, and what is Holly­wood anyway? It’s just a bunch of people from other places. I was born and raised and educated in the public schools of New Jersey. Viola was born in a sharecropper’s cabin in South Caro­lina, came up in Central Falls, Rhode Island; Sarah Paulson was born in Florida, raised by a single mom in Brooklyn. Sarah Jessica Parker was one of seven or eight kids in Ohio. Amy Adams was born in Vicenza, Italy. And Natalie Portman was born in Jeru­salem. Where are their birth certi­fi­cates? And the beau­tiful Ruth Negga was born in Addis Ababa, Ethiopia, raised in London — no, in Ireland I do believe, and she’s here nomi­nated for playing a girl in small-town Virginia. Ryan Gosling, like all of the nicest people, is Cana­dian, and Dev Patel was born in Kenya, raised in London, and is here playing an Indian raised in Tasmania. So Holly­wood is craw­ling with outsi­ders and foreig­ners. And if we kick them all out you’ll have nothing to watch but foot­ball and mixed martial arts, which are not the arts. / They gave me three seconds to say this, so: An actor’s only job is to enter the lives of people who are diffe­rent from us, and let you feel what that feels like. And there were many, many, many powerful perfor­mances this year that did exactly that. Breath­ta­king, compas­sio­nate work. But there was one perfor­mance this year that stunned me. It sank its hooks in my heart. Not because it was good; there was nothing good about it. But it was effec­tive and it did its job. It made its intended audi­ence laugh, and show their teeth. It was that moment when the person asking to sit in the most respected seat in our country imitated a disabled reporter. Someone he outranked in privi­lege, power and the capa­city to fight back. It kind of broke my heart when I saw it, and I still can’t get it out of my head, because it wasn’t in a movie. It was real life. And this instinct to humi­liate, when it’s modeled by someone in the public plat­form, by someone powerful, it filters down into everybody’s life, because it kinda gives permis­sion for other people to do the same thing. Disre­spect invites disre­spect, violence incites violence. And when the powerful use their posi­tion to bully others we all lose. O.K., go on with it. O.K., this brings me to the press. We need the princi­pled press to hold power to account, to call him on the carpet for every outrage. That’s why our foun­ders enshrined the press and its free­doms in the Consti­tu­tion. So I only ask the famously well-heeled Holly­wood Foreign Press and all of us in our commu­nity to join me in suppor­ting the Committee to Protect Jour­na­lists, because we’re gonna need them going forward, and they’ll need us to safe­guard the truth. One more thing: Once, when I was stan­ding around on the set one day, whining about some­thing — you know we were gonna work through supper or the long hours or whatever, Tommy Lee Jones said to me, “Isn’t it such a privi­lege, Meryl, just to be an actor?” Yeah, it is, and we have to remind each other of the privi­lege and the respon­si­bi­lity of the act of empathy. We should all be proud of the work Holly­wood honors here tonight. / As my friend, the dear departed Princess Leia, said to me once, take your broken heart, make it into art. – stop / fundort

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