vom denken

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echo : 5.58 UTC — Der Math­e­matik­er John von Neu­mann soll in der Lage gewe­sen sein, 100 mal schneller zu denken als „gewöhn­liche“ Men­schen denken. In dem Moment, da ich diese Infor­ma­tion wahrgenom­men hat­te, ver­suchte ich mir vorzustellen, wie sich meine innere Stimme, die Stimme bewussten Denkens, ver­hal­ten würde, sobald ich in meinem Kopf plöt­zlich in 100-fach­er Geschwindigkeit zu mir oder mit mir selb­st sprechen würde. Kön­nte ich dieses Geräusch über­haupt noch als Sprache iden­ti­fizieren? Wäre von einem Hochgeschwindigkeit­sort aus die Denkstimme eines „gewöhn­lichen“ Men­schen im virtuellen Schal­lohr über­haupt noch wahrzunehmen? Dif­fizile Fra­gen an diesem frühen Mor­gen. Wie kön­nte ich meine Gedanken noch notieren, da sich meine Hände sehr plöt­zlich 100 mal schneller bewe­gen müssten als zuvor, um meine Gedanken auf Papi­er oder das Licht des Bild­schirms zu über­tra­gen. Vielle­icht würde ich nur noch Ergeb­nisse meines Denkens notieren oder in math­e­ma­tis­chen For­men phan­tasieren. In jedem Falle wäre das Notieren mit Hän­den auf ein­er Tas­tatur, ein Vor­gang der Entschle­u­ni­gung. Edward Teller, der die Wasser­stoff­bombe erfun­den haben soll, kan­nte John von Neu­mann per­sön­lich, weil sie gemein­sam arbeit­eten. John von Neu­mann berech­nete die Höhe über dem Erd­bo­den, da eine Atom­bombe im dem Augen­blick der Explo­sion ihre größte Zer­störungskraft ent­fal­ten würde. Mein Vater wiederum kan­nte Edward Teller per­sön­lich. Er war ein junger Mann, als er Edward Teller begeg­nete. Edward Teller sei ihm sehr unheim­lich gewe­sen, erzählte mein Vater. — stop
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zylinder

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india : 12.01 UTC — Vor eini­gen Wochen besuchte ich B., der noch immer in ein­er sehr kleinen Woh­nung über einem Jaz­zcafé wohnt, weswe­gen sein hölz­ern­er Fuss­bo­den manch­mal bebt, so dass auch seine Gäste beben und der Kaf­fee in den Tassen, und im Som­mer fliegen die kleinen Som­mer­fliegen los, weil das Beben der­maßen schreck­lich für ihre Beinchen ist, dass sie lieber stun­den­lang herum­fliegen als wären sie Vögel ohne Füße. B. wohnt also in dieser kleinen Woh­nung und ist noch immer trau­rig. Ich kenne ihn seit 15 Jahren, niemals habe ich ihn glück­lich wahrgenom­men, nicht eine Sekunde lang, oder in einem Zus­tand, den man als wed­er glück­lich noch unglück­lich beze­ich­nen kön­nte. B. ist unglück­lich, weil er das so will, er hat sich in sein­er Trau­rigkeit ein­gerichtet, wie in einem unsicht­baren Zelt, in dem er lebt, das er mit sich auf jede Reise nimmt, er reist ja nicht viel, aber er ist ein guter Gast­ge­ber, sehr fein­füh­lig, ein geduldiger Zuhör­er, der niemals lacht. Er schreibt im Übri­gen an einem Buch, das rund ist, ich meine, er schreibt an einem Win­ter­buch von der Gestalt eines Zylin­ders. Man kann in dem Buch blät­tern, aber man weiss nicht, wo das Buch anfängt, weil in B.s Buch kein Anfang existiert, man liest, und wenn man lange genug liest, wird man plöt­zlich meinen, sich zu erin­nern, oder man hat eine Markierung in das Buch notiert, was eigentlich nicht ges­tat­tet ist. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. — stop
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ai : USA

aihead2

MENSCH IN GEFAHR : “Sara Bel­trán Hernán­dez floh vor häus­lich­er Gewalt und Ban­denkrim­i­nal­ität im Novem­ber 2015 aus El Sal­vador in die USA, um dort bei Ver­wandten zu leben. Sie wird sei­ther in ein­er Haftein­rich­tung in Texas fest­ge­hal­ten, obwohl sie einen Asy­lanspruch hat. Sie benötigt drin­gend medi­zinis­che Ver­sorgung und sollte bis zur Entschei­dung über ihren Asy­lantrag drin­gend auf Bewährung freige­lassen wer­den. / Sara Bel­trán Hernán­dez befind­et sich in ein­er Haftein­rich­tung der US-amerikanis­chen Ein­wan­derungs- und Zoll­fah­n­dungs­be­hörde in Dal­las im Nor­den von Texas und wartet auf den Gericht­sentscheid zu dem von ihr ein­gelegten Rechtsmit­tel gegen ihre Abschiebung aus den USA. Sie befind­et sich seit ihrer Ankun­ft an der US-amerikanis­chen Gren­ze zu Mexiko am 4. Novem­ber 2015 in Haft. Obwohl sie Ange­hörige mit US-amerikanis­ch­er Staat­sange­hörigkeit hat, die ihr Erscheinen bei allen zukün­fti­gen Anhörun­gen sich­er­stellen kön­nen, ver­weigern ihr die US-Behör­den eine Freilas­sung auf Bewährung und begrün­den dies mit Flucht­ge­fahr. / Sara Bel­trán Hernán­dez beantragte Asyl in den USA, weil sie ihren Aus­sagen zufolge in El Sal­vador Mord­dro­hun­gen von einem Ban­den­führer und Ban­den­mit­gliedern erhal­ten hat, die bere­its Men­schen getötet haben sollen. Sara Bel­trán Hernán­dez hat an Eides statt erk­lärt, dass sie schwere kör­per­liche und seel­is­che häus­liche Gewalt erfahren hat und sex­uell miss­braucht wurde. / Laut ihrem Rechts­bei­s­tand brach Sara Bel­trán Hernán­dez am 10. Feb­ru­ar 2017 in der Haftein­rich­tung zusam­men. Angestellte des Haftzen­trums bracht­en sie daraufhin in das Hugu­ley-Kranken­haus im tex­anis­chen Fort Worth. Am 13. Feb­ru­ar 2017 informierte sie ihren Rechts­bei­s­tand darüber, dass bei ihr ein Gehirn­tu­mor diag­nos­tiziert wor­den sei, der oper­a­tiv ent­fer­nt wer­den müsse. Am 18. Feb­ru­ar, erst acht Tage nach ihrer Ein­liefer­ung ins Kranken­haus, ges­tat­tete die Ein­wan­derungs- und Zoll­fah­n­dungs­be­hörde Sara Bel­trán Hernán­dez, ihre Fam­i­lie anzu­rufen. Sie sagte, sie habe inzwis­chen Krämpfe, Nasen­bluten sowie Kopf­schmerzen und Prob­leme klar zu denken. Sie sei aber immer noch nicht operiert wor­den. Am 22. Feb­ru­ar teilte ihr das Kranken­haus­per­son­al mit, dass sie am 27. Feb­ru­ar operiert werde und brachte sie in die Haftein­rich­tung zurück. / Eine Inhaftierung soll von Ein­wan­derungs­be­hör­den lediglich als let­ztes Mit­tel einge­set­zt und jed­er einzelne Fall muss begrün­det wer­den. Freilas­sung auf Bewährung sollte aus human­itären Grün­den in den Fällen gewährt wer­den, in denen die Per­son keine Bedro­hung für die öffentliche Sicher­heit darstellt und keine Flucht­ge­fahr beste­ht. Da diese Vor­gaben auf Sara Betrán zutr­e­f­fen, sollte sie umge­hend aus der Haft ent­lassen wer­den.” — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­lene schriftliche Aktio­nen, möglichst unverzüglich und nicht über den 7. April 2017 hin­aus, unter > ai : urgent action

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geräusch

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ulysses : 8.45 UTC — Das merk­würdi­ge Wort Herz­schlaf, das im Deutschen Wörter­buch von Jacob und Wil­helm Grimm nicht existiert. Auch existieren wed­er indis­che noch europäis­che Herzen, son­dern nur men­schliche Herzen oder Herzen der Kolib­ris, die sich der­art schnell bewe­gen, dass sie, wäre ich in der Lage sie lebend in situ zu betra­cht­en, vor meinen Augen unscharf erscheinen wür­den. — stop

im central park

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nord­pol : 20.05 UTC — Ich war spazieren an einem windi­gen Tag. Wie ich unterm Regen­schirm west­wärts ging, beobachtete ich meine Schuhe, die sich vor­wärts bewegten als gehörten sie nicht zu mir. In diesem Moment hat­te ich den Ein­druck, durch den Cen­tral Park zu gehen. Das war näm­lich so, dass ich an dem ersten Tag, den ich in der Stadt New York ver­brachte, unter einem Regen­schirm durch den Cen­tral Park wan­derte und meine Schuhe beobachtete. Es war damals Mai und recht kalt gewe­sen. Von Zeit zu Zeit war ich ste­hen geblieben, um eines der Eich­hörnchen zu betra­cht­en, die sehr groß sind in Nor­dameri­ka und ungestüm. Ich erin­nerte mich noch gut an diesen Augen­blick, da ich im Cen­tral Park spazierend wiederum eine Pan­thergeschichte erin­nerte, die ich ein­mal notiert hat­te über einen weit­eren Park, in dessen Nach­barschaft ich lebe. In der Erin­nerung an meinen Spazier­gang in New York kehrte die Pan­thergeschichte zurück, ich drehte um und ging nach Hause, um nach der Geschichte zu suchen. Ich habe sie sofort gefun­den. Pan­thergeschichte: Da ist mir doch tat­säch­lich ein junger Pan­ther zuge­laufen, ein zier­li­ches Wesen, das müh­e­los vom Boden her auf meine Schul­ter sprin­gen kann, ohne dabei auch nur den ger­ing­sten Anlauf nehmen zu müssen. Seine Zunge ist rau, seine Zähne kühl, ich bin stark, auch im Gesicht, geze­ich­net von seinen wilden Gefühlen. Der Pan­ther schläft, unter­dessen ich arbeite. So glück­lich sieht er dort aus auf der Decke unter der Lampe liegend, dass ich selb­st ein wenig schläfrig werde, auch wenn ich nur an ihn denke, an das Licht sein­er Augen, das gelb ist, wie er zu mir herüber schaut bis in den Kopf. Spät­abends, wenn es lange schon dunkel gewor­den ist, gehn wir spazieren. Ich lege mein Ohr an die Tür und lausche, das ist das Zeichen. Gle­ich neben mir hat er sich aufge­richtet, schärft an der Wand seine Krallen, dann fegt er hin­aus über die Straße, um einen vom Nacht­licht schon müden Vögel zu ver­speisen. Daran sind wir gewöh­nt, an das leise Krachen der Gebeine, an schau­kelnde Fed­ern in der Luft. Dann weit­er die heim­liche Route unter der Stern­warte hin­durch in den Palmen­garten. Es ist ein großes Glück, ihm beim Jagen zuhören zu dür­fen. Ich sitze, die Beine über­ein­ander geschla­gen, auf ein­er Bank am See, schaue gegen die Sterne, und vernehme Geräusche der Wande­rung des kleinen Jägers ent­lang der Ufer­strecke. Ein Rascheln. Ein Krächzen. Ein Schlag ins Wass­er. Wenn der Pan­ther genug hat, gehn wir nach Hause. — stop
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abschnitt neufundland

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Abschnitt Neu­fund­land meldet fol­gende gegen Küste gewor­fene Arte­fak­te : Wrack­teile [ Seefahrt – 12, Luft­fahrt — 22, Auto­mo­bile — 122], Grußbotschaften in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahrhun­dert — 3, 19. Jahrhun­dert – 14, 20. Jahrhun­dert – 453, 21. Jahrhun­dert — 532 ], Trol­leykof­fer [ blau : 2, rot : 6, gelb : 18, schwarz : 322 ], Seenotret­tungswest­en [ 7538 ], phys­i­cal mem­o­ries [ bespielt — 15, gelöscht : 28 ], Ameisen [ Arbeit­er ] auf Treib­holz [ 156 ], 1 Bris­sonte Dreirad [ Bau­jahr 1953 ], Brummkreisel : 5, Öle [ 0.87 Ton­nen ], Prothe­sen [ Herz — Rhyth­mus­beschle­u­niger – 66, Kniege­lenke – 355, Hüftkugeln – 18, Brillen – 453 ], Halb­schuhe [ Größen 28 – 39 : 134, Größen 38 — 45 : 22 ], Plas­tik­san­dalen [ 5325 ], Reise­doku­mente [ 246 ], Kühlschränke [ 2 ], Tele­fone [ 548 ], Pup­penköpfe [ 3 ] Gas­masken [ 12 ], Tief­see­tauchanzüge [ ohne Tauch­er – 3, mit Tauch­er – 1 ], Engel­szun­gen [ 88 ] | stop |

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luftcode

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bamako : 23.55 UTC — Ein­mal, es war zu ihrem 88. Geburt­stag gewe­sen, habe ich N. gefragt, ob ich erzählen dürfe, dass sie ein elek­tro­n­is­ches Notizbuch führe, in welchem sie jeden Tag einige Sätze notiert, die nur für sie selb­st bes­timmt seien, Gedanken, die kein ander­er Men­sch als sie selb­st jemals lesen wird, Wörter demzu­folge, mit welchen sie kein Geld ver­di­ene, geheime Geschicht­en, aufgeschrieben in der Art und Weise ein­er im Gebirge spazieren­den Sän­gerin, die vor sich hin summt, die sich selb­st zuhört oder auch nicht, bedin­gungs­los in diesen Momenten sich nahe, Code ohne Absicht mit Sorgfalt ver­schlüs­selt. — Es ist Sam­stag. Beobachtete vor dem nächtlichen Him­mel die erste Fle­d­er­maus des Jahres. — stop

von vögeln

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ulysses : 18.10 UTC — Wong Kar-Wais Vögel ohne Füße, die niemals lan­den. Immer wieder eine wun­der­bare Vorstel­lung. Auch die Vorstel­lung der Zep­pe­line, die Jahrhun­derte lang wie Wolken langsam um den Erd­ball schweben. Gestern zeich­nete ich ein Rotkehlchen mit einem Bleis­tift auf ein Blatt Papi­er. Ich sollte erwäh­nen, dass die Zeich­nung des kleinen Vogels, der von rechts her kom­mend über das Blatt nach links hin segelte, miss­glück­te, es war das erste Rotkehlchen, das ich in meinem Leben zeich­nete. Immer­hin waren zwei Flügel zu erken­nen gewe­sen und ein Kör­perchen in der Mitte, ein Schn­abel und ein klein­er Kopf. Auch ein rot­er Fleck auf dem Kör­perchen in der Gegen­den des Halses war zu ent­deck­en, weil ich nach einem roten Bunts­tift suchte, das dauerte recht lange, während der kleine Vogel geduldig wartete, dass ich mit wesentlich­er Farbe zu ihm zurück­kehren würde. — Weswe­gen ich ein Rotkehlchen geze­ich­net habe? — Nun, ich habe diese Zeich­nung ange­fer­tigt, weil ich mich fragte, ob irgend­wann ein­mal fliegende Server­maschi­nen in der Gestalt der Singvögel denkbar sein wer­den, die in Schwär­men herum­fliegen, indessen sie mit­tels unsicht­bar­er Wellen miteinan­der kom­mu­nizieren? Wie lange Zeit wür­den wir diese flüchti­gen Schwar­mob­jek­te noch als unsere Geschöpfe ver­ste­hen? Wären wir in der Lage, sie jemals wieder einz­u­fan­gen? — Deniz Yücel weit­er­hin in Haft! — stop
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oder ein fernrohr

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delta : 10.08 UTC — Lieber Theo, ich danke Ihnen für Ihren Brief, in dem Sie sich so fre­undlich nach der Bedeu­tung des Wortes Fin­ger­brille erkundi­gen. Tat­säch­lich kann ich bestäti­gen, um eine Fin­ger­brille in der Wirk­lichkeit herzustellen, sind bei­de Hände vor Augen zu führen, außer­dem der linke und der rechte Dau­men je mit einem Fin­ger der sel­ben Hand an den Spitzen zu verbinden, so dass die Anmu­tung eines Kreis­es entste­hen wird. Soll­ten Sie dauer­haft oder für kurze Zeit über nur eine Hand ver­fü­gen, ist doch immer­hin die Gestalt eines Monokels zu erre­ichen oder eines Fer­n­rohres, das ist denkbar. Mit her­zlichen Grüßen — Ihr Louis — stop
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indien

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echo : 20.12 UTC — Eine Berlin­er Fre­undin erzählte unlängst, sie habe während ihrer let­zten Indi­en­reise beobachtet, wie Men­schen Kühe in ein­er Weise bemal­ten, dass sie vol­lkom­men bunt gewe­sen seien, selb­st ihre Wim­pern, die Spitzen ihrer Schwänze, Hufe und Lip­pen leuchteten in grellem Blau oder Rot oder Gelb. Ich fragte mich, inwiefern sich jene far­bigen Kühe noch als Kühe erkan­nt haben mocht­en, ob sie sich nicht vielle­icht fürchteten vor jenen bun­ten Wesen, die ein­er­seits vor ihren Augen so fremd sein mocht­en, aber doch einen sehr ver­traut­en Geruch ver­strömten? — Neun Imp­fun­gen, so wird berichtet, sind für Indi­en­reisende zu über­legen zum Schutz vor Diph­therie, Hepati­tis A, saisonaler Grippe, Typhus, Cholera, Menin­gi­tis, Japanis­ch­er Enzephali­tis, Hepati­tis B bei län­geren Aufen­thal­ten oder engem Kon­takt mit der ein­heimis­chen Bevölkerung, sowie Toll­wut. Was ist unter einem engen Kon­takt mit der ein­heimis­chen Bevölkerung zu ver­ste­hen? Wie sollte oder kön­nte ich in Kalkut­ta spazierend je einen engen Kon­takt zur Bevölkerung ver­mei­den? — Gestern, während ich halb­schlafend tele­fonierte, habe ich verse­hentlich meinen Fuß­bo­den fotografiert, auch eine Fotografie wiederum Colettes wie sie im Bett oder auf ihrem Sofa sitzt und schreibt. — stop

lumen

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india : 20.18 UTC — In den Birken­wäldern südlich der Stadt Poliske sollen selt­same Tiere zu beobacht­en sein, Hirsche, Hasen, Raben, auch Mäuse, eine Herde Zebras, Ele­fan­ten, Feuer­sala­man­der, Pumas, Straußen­vögel. All diesen Tieren ist gemein, dass sie leucht­en, ein kaum noch sicht­bares zartes Glim­men sei ins­beson­dere nachts zu beobacht­en, als wären die Tiere elek­trisch geladen. Es ist aber nicht so, dass diese Tiere leucht­en, weil sie dort leben wo es gefährlich ist. Man muss sich nur ein­mal eine Karte vor Augen führen, um zu sehen, wo die kleine Stadt Poliske in der Land­schaft liegt, man wird dann meinen, man wüsste genau, warum diese Tiere leucht­en, als wären sie Wesen von tief­seeis­ch­er Dunkel­heit. Über­haupt ist das so, dass wilde Ele­fan­ten eigentlich in den Birken­wäldern um Poliske natür­licher­weise nicht vorkom­men, auch Zebras nicht oder Pumas. Wie ist das nun alles zu erk­lären? Wenn doch wahr ist, dass sie alle leucht­en. — stop
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minutenminiatur : schlaflos

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nord­pol : 8.16 UTC — Um kurz nach sechs Uhr in der Früh berichtet Katha­ri­na in einem Laden unter dem Flughafen­ter­mi­nal 1 vor ein­er Kasse ste­hend, sie fliege nun seit bald zwei Jahren Langstrecke nach New York und wieder zurück. Eine anstren­gende Pen­del­be­we­gung, ger­ade eben vor ein­er hal­ben Stunde erst sei sie gelandet, sie liebe die Beobach­tung des Son­nen­lichts, das in großer Höhe über dem Atlantik während eines Nacht­fluges zurück nach Europa im orange­far­be­nen Zwielicht stets sicht­bar am Hor­i­zont ver­weile. An diesem Mor­gen ist Katha­ri­na sehr aufgeregt, sie habe, sagt sie, in den ver­gan­genen zwei Jahren die Stadt New York selb­st nie betreten, gestern aber, vor weni­gen Stun­den, mit ein­er Kol­le­gin, mit Muriel, vom Flughafen John F. Kennedy aus ein Taxi genom­men, um über die Williams­burg Bridge zum ersten Mal in ihrem Leben nach Man­hat­tan zu fahren, drei Stun­den Zeit. Sie seien am Times Square gewe­sen, vor der New York Pub­lic Library, im Grand Cen­tral Ter­mi­nal und im Cen­tral Park, noch immer spüre sie Span­nung, ver­mut­lich könne sie nicht schlafen. — stop
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am fenster

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char­lie : 22.01 UTC — Es ist Sam­stagabend gewor­den. Ich habe an diesem Tag lange Zeit Eich­hörnchen beobachtet, wie sie blat­t­lose Bäume vor meinen Fen­stern unter­sucht­en, als wären diese Bäume ger­ade erst gewach­sen, unbekan­nte Orte also, die zunächst inspiziert wer­den mussten. Ich wink­te von Zeit zu Zeit, die Eich­hörnchen blieben dann für einen Augen­blick still sitzen, ich glaube, sie haben mich beäugt, haben möglicher­weise darüber nachgedacht, ob sie sich an mich erin­nern, und wenn ja, welche Erfahrung sie mit mir saam­melten. Ver­mut­lich wer­den sie gedacht haben, diesen Vogel dort drüben am Fen­ster ken­nen wir, er ist nicht gefährlich, er flat­tert nur mit seinen Flügeln, er kann nicht fliegen. — stop

im garten

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sier­ra : 18.01 UTC — Vater an einem Mon­tag, wie er im Arbeit­sz­im­mer vor seinem Com­put­er­bild­schirm sitzt. Er würde sich, wenn er noch lebte, ganz sich­er mit dem Inter­net ver­bun­den haben, um sehr aufmerk­sam ein­er Anhörung des U.S. Kon­gress­es zu fol­gen, die sich der Frage wid­mete, ob der 45. Präsi­dent der Vere­inigten Staat­en von Ameri­ka die Wahrheit oder wissentlich die Unwahrheit erzählte, als er den 44. Präsi­den­ten der Vere­inigten Staat­en von Ameri­ka über den Kurz­nachrich­t­en­di­enst Twit­ter eines schw­eren Verge­hens bezichtigte. Ich sehe wie mein Vater seinen Kopf zur Seite neigt, er lauscht, er wartet, es ist ein span­nen­der Tag. — Ich habe meinen Vater immer wieder ein­mal beobachtet wie er las oder schlief oder an seinem Com­put­er arbeit­ete. Manch­mal dachte ich, dass er nun wirk­lich alt gewor­den sei, obwohl ich ihn immer schon als einen alten Mann wahrgenom­men hat­te, eben sehr viel älter als ich selb­st. Ich erin­nere mich an einen Som­mer­abend, vor fünf Jahren. Mein Vater sass auf einem Stuhl in seinem Garten. Vor ihm stand ein klein­er Tisch und auf diesem Tisch eine Flasche Wass­er mit einem Drehver­schluss. Ich glaubte damals, dass mein Vater mich nicht bemerk­te. Er schien mit der Flasche zu sprechen. Er beugte sich vor, hielt die Flasche mit der einen Hand fest, während er mit der anderen Hand an ihrem Ver­schluss drehte. Aber die Flasche war nicht leicht festzuhal­ten gewe­sen, ver­mut­lich deshalb, weil sich die Feuchte der Luft auf ihr niedergeschla­gen hat­te. Also lehnte sich mein Vater wieder auf seinem Stuhl zurück und schloss die Augen. Ich nehme an, er wird eingeschlafen sein. Als er wieder erwachte, war ich noch immer da und auch die Flasche stand noch auf dem Tisch. Mein Vater beugte sich vor, nahm die Flasche und drehte an ihrem Ver­schluss. Erneut schien er sich mit der Flasche zu unter­hal­ten, ohne aber die richti­gen Worte zu find­en, weil die Flasche sich noch immer dage­gen wehrte, geöffnet zu wer­den. Also lehnte sich mein Vater erneut zurück, er schüt­telte den Kopf. In diesem Moment schwebte eine Libelle über den Tisch. Sie betra­chtete meinen Vater, set­zte sich auf den Ver­schluss der Flasche und fal­tete ihre Flügel. Ein Moment der Stille, des Friedens. Ein paar Zikaden waren zu hören, son­st nichts. Mein Vater war bald wieder eingeschlafen, es wurde dunkel und die Libelle ver­schwand. Als er erwachte, saß ich unmit­tel­bar vor ihm. Ich hat­te die Flasche für ihn geöffnet und ein Glas mit Wass­er gefüllt. Mein Vater erzählte, dass er sich gewun­dert habe, warum er die Flasche nicht öff­nen kon­nte, er habe sie doch selb­st zuge­dreht. — stop
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nach darjeeling

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papa : 12.15 UTC — Ich habe zur Stunde eine Frage, die zu beant­worten ver­mut­lich nicht ganz leicht sein wird. In weni­gen Minuten werde ich näm­lich für einen guten Fre­und eine Schreib­mas­chine erwer­ben, eine mech­a­nis­che Reis­eschreib­mas­chine des Typs Olympia Splen­did 66 in rot­er Farbe, ein wun­der­schönes Stück aus dem Jahr 1959, ich würde sie im Grunde gern selb­st besitzen. Mein Fre­und wird bald ver­reisen, ich nehme an, nicht ohne seine neue Schreib­mas­chine mit sich zu nehmen, eine Reise, die ihn durch Indi­en mit der Eisen­bahn von Mum­bai nach Dar­jeel­ing führen wird. Als ich meinen Fre­und Lud­wig zum let­zten Mal sah, arbeit­ete er auf einem Note­book schreibend in einem Café an ein­er Geschichte über Algo­rith­men liebevoller Selb­st­be­fra­gung. Sein Note­book war zu diesem Zeit­punkt bere­its einige Jahre alt, jene Orte des Gehäus­es, da es Ton und Bil­dauf­nah­men sein­er näch­sten Umge­bung anfer­ti­gen kon­nte, waren mehrfach mit selb­stk­leben­dem Gewebe abgedeckt, so dass wed­er Ton noch Licht in die Schreib­mas­chine gelan­gen kon­nten, um von dort aus möglicher­weise unbe­merkt an einen geheimen Ort in der dig­i­tale Sphäre gesendet zu wer­den. Ich will nicht sagen, dass Lud­wig sich in irgen­dein­er Weise ver­fol­gt fühlen würde, er erwäh­nte aber bei Gele­gen­heit, er könne schon seit langer Zeit nicht mehr dafür garantieren, dass seine elek­tro­n­is­che Schreib­mas­chine, sein Note­book, sich tat­säch­lich loy­al ver­hal­ten würde. Er wün­schte sich, seine Zeichen wieder ein­mal unmit­tel­bar auf Papi­er zu set­zen, bedin­gungslos­es Ver­trauen haben zu kön­nen. Ich werde ihm seinen Wun­sch erfüllen. Nun stellt sich, wie berichtet, die Frage, was hat mein Fre­und Lud­wig auf den Papieren noch vor, wie lange Zeit bleibt ihm noch? Wie viele Farb­bän­der sollte ich für Lud­wig in Sicher­heit brin­gen? Sie sind rar gewor­den, sie wer­den irgend­wann ver­schwinden. — stop
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bafra

picping

MELDUNG. 1) Bei dieser Mel­dung han­delt es sich mögli­cher­weise um eine post­fak­ti­sche Nach­richt! Um ihr Bedeu­tung oder Nach­druck zu ver­lei­hen, wurde diese Nachricht zum zweit­en Mal gesendet. Nahe Bafra, am Strand, wur­den drei Ziegen von Wel­traumgesteinen getötet, desweit­eren ein Fis­ch­er auf seinem Boot. Ein­schläge auch in Sahlikent: Klassen­räume 4 und 5, aber nach Schulschluß gegen 6 Uhr am Nach­mit­tag. — stop

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1.  Bei dieser Mel­dung han­delt es sich mögli­cher­weise um eine post­fak­ti­sche Nach­richt! Um ihr Bedeu­tung oder Nach­druck zu ver­lei­hen, wurde diese Nachricht zum zweit­en Mal gesendet.

transformation : zeit

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india : 22.55 UTC — Es ist Abend und ich sitze seit ein oder zwei Stun­den im Dunkeln, weil ich her­auszufind­en wün­sche, ob Libellen auch in licht­leeren Räu­men fliegen, schweben, jagen. Als ich gestern erwachte gegen 7 Uhr in der früh wars schon hell. Eine Libelle, mari­neblau, bal­ancierte auf dem Rand ein­er Karaffe Tee, die ich neben meinem Bett abge­stellt hat­te. Sie schaute mir beim Aufwa­chen zu und naschte, solange ich nur ein Auge und nichts weit­eres bewegte, indem sie rhyth­misch mit ein­er sehr lan­gen Zunge bis auf den Grund des zimt­far­benen Gewässers tauchte. Viel­leicht jagte sie nach Fis­chen oder Lar­ven oder kleinen Fliegen, nach Teefliegen, kochend­ heiß, die über die Nacht küh­ler gewor­den sein mocht­en während ich schlief. Oder aber sie hat­te endlich Geschmack gefun­den auch an süßen Din­gen des Lebens, weshalb ich vor ein­er hal­ben Stunde einen Löf­fel Honig erhitzte und auf die Fens­ter­bank tropfen ließ, um dann sofort das Licht wieder zu löschen. Und so warte ich nun bere­its seit ein­er vollen Stunde und höre selt­same Geräu­sche, von Men­schen viel­leicht oder anderen wilden Tieren. — stop

im aufzug : zwei hände

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char­lie : 10.02 UTC — Die plöt­zliche Langsamkeit meines Denkens im Gespräch mit Men­schen, die die Sprache meines Denkens nicht oder nicht wirk­lich gut ver­ste­hen. Unverzügliche, inten­sive Suche nach Möglichkeit­en ein­fach­er Darstel­lung, oder gar die Erfind­ung ein­er indi­vidu­ellen, ein­er in diesem Moment des Ver­ständi­gungsver­such­es wirk­samen Zeichen­sprache, Radare, die anstren­gend sind wie Spring­seil­train­ing an Ort und Stelle. Ein­mal begeg­nete ich einem Mann in einem Aufzug. Sein Gesicht war entstellt, er mochte mich nicht anse­hen, er schimpfte laut­stark mit sein­er Hand. Plöt­zlich hörte ich Sätze, die an mich gerichtet waren. Als ich dem scheuen Mann antwortete, sprach ich, eine vor­sichtige Geste, gle­ich­wohl in die Rich­tung mein­er eige­nen recht­en Hand, so dass unsere Hände zu Tele­fo­nen wur­den. — stop
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von stimmen

pic

delta : 18.12 UTC — Ich habe lange Zeit über das Bild der Kehlköpfe nachgedacht, wie sie in einem anatomis­chen Prä­pari­er­saal durch die Luft fliegen als wären sie Vögel. Wann dieses Bild zum ersten Mal auf­tauchte, weiß ich nicht. Vielle­icht während eines Spazier­ganges über den alten Münch­n­er Fried­hof St. Georg. Ich stand vor Liesl Karl­stadts Grab, plöt­zlich hörte ich ihre Stimme, die von irgend­wo her aus den Kas­tanien­bäu­men in näch­ster Nähe zu kom­men schien. Orangen­far­bene Blüten, Fuch­sköpfen ähn­lich, lungerten auf dem kleinen Karl­stadthügel. Blaue Füh­lerkäfer het­zten über sandi­gen Boden. Wald­bi­enen, Mooshum­meln, Rau­pen­fliegen, es sir­rte und brummte in allen möglichen Tönen. Auf dem Gedenkstein für Rain­er Wern­er Fass­binder hock­te ein Marienkäfer von Holz, der Schirm eines Fächer­a­horns spendete Schat­ten. Auch an Fass­binders Stimme kon­nte ich mich sofort erin­nern, ohne einen konkreten Satz aus seinem Munde zu vernehmen. Es war ganz so, als wür­den die Stimme in meinem Kopf eine Stimme simulieren. Erich Käst­ner allerd­ings war mir entwed­er abhan­den gekom­men oder ich habe seine Stimme tat­säch­lich noch nie in meinem Leben gehört. Aber den Sedl­mayr, Wal­ter, erin­nerte ich unverzüglich und auch die angenehm warme Stimme Bernd Eichingers, der so plöt­zlich gestor­ben war. Som­mer­fä­den schwebten durch die Luft. Das Rascheln der Eich­hörnchen unterm Efeu. Über mir ein blau­grauer, blitzen­der Him­mel. Es duftete nach Zimt, warum? — stop / kof­fer­text

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monsun

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sier­ra : 12.01 UTC — Bald ein­mal ist drin­gend eine Samm­lung von Beobach­tun­gen anzule­gen, von Ereignis­sen, die ich mit meinem per­sön­lichen Leben nicht unmit­tel­bar in Verbindung set­zen kann, die jedoch zen­trale Erfahrun­gen ungezählter Men­schen sind, die vor meinen Augen auf Fernse­hbild­schir­men erscheinen, auf Titel­seit­en papieren­er oder elek­trisch­er Zeitun­gen. Kann ich mir Hunger vorstellen? Ich meine, nicht vorsät­zlichen Hunger der Fas­ten­zeit, vielmehr tat­säch­lichen Hunger, Hunger, der einen men­schlichen Kör­p­er beschädigt oder zer­stört. Wie fühlt es sich an, in Brook­lyn ohne Ausweis­pa­piere zu existieren? Oder die Furcht ein­er Frau, in einem Außen­bezirk der Stadt Del­hi nach ein­er Spätschicht einen Bus zu besteigen. L., der ich leib­haftig begeg­nete, erzählte fol­gen­des: Ich bin in Mum­bai geboren, ich liebe mein Land. Ich liebe mein Land zu jed­er Jahreszeit. In Indi­en bedeutet das Wort Regen­zeit Mon­sun oder Barsaat. In Kalkut­ta wirst Du Mon­sun­re­gen erleben, der vom Him­mel kommt, auch außer­dem eine Art Mon­sun, der aus dem Boden steigt. — stop

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