vom denken

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echo : 5.58 UTC – Der Mathe­ma­tiker John von Neumann soll in der Lage gewesen sein, 100 mal schneller zu denken als „gewöhn­liche“ Menschen denken. In dem Moment, da ich diese Infor­ma­tion wahr­ge­nommen hatte, versuchte ich mir vorzu­stellen, wie sich meine innere Stimme, die Stimme bewussten Denkens, verhalten würde, sobald ich in meinem Kopf plötz­lich in 100-facher Geschwin­dig­keit zu mir oder mit mir selbst spre­chen würde. Könnte ich dieses Geräusch über­haupt noch als Sprache iden­ti­fi­zieren? Wäre von einem Hoch­ge­schwin­dig­keitsort aus die Denk­stimme eines „gewöhn­li­chen“ Menschen im virtu­ellen Schallohr über­haupt noch wahr­zu­nehmen? Diffi­zile Fragen an diesem frühen Morgen. Wie könnte ich meine Gedanken noch notieren, da sich meine Hände sehr plötz­lich 100 mal schneller bewegen müssten als zuvor, um meine Gedanken auf Papier oder das Licht des Bild­schirms zu über­tragen. Viel­leicht würde ich nur noch Ergeb­nisse meines Denkens notieren oder in mathe­ma­ti­schen Formen phan­ta­sieren. In jedem Falle wäre das Notieren mit Händen auf einer Tastatur, ein Vorgang der Entschleu­ni­gung. Edward Teller, der die Wasser­stoff­bombe erfunden haben soll, kannte John von Neumann persön­lich, weil sie gemeinsam arbei­teten. John von Neumann berech­nete die Höhe über dem Erdboden, da eine Atom­bombe im dem Augen­blick der Explo­sion ihre größte Zerstö­rungs­kraft entfalten würde. Mein Vater wiederum kannte Edward Teller persön­lich. Er war ein junger Mann, als er Edward Teller begeg­nete. Edward Teller sei ihm sehr unheim­lich gewesen, erzählte mein Vater. – stop
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zylinder

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india : 12.01 UTC – Vor einigen Wochen besuchte ich B., der noch immer in einer sehr kleinen Wohnung über einem Jazz­café wohnt, weswegen sein hölzerner Fuss­boden manchmal bebt, so dass auch seine Gäste beben und der Kaffee in den Tassen, und im Sommer fliegen die kleinen Sommer­fliegen los, weil das Beben dermaßen schreck­lich für ihre Bein­chen ist, dass sie lieber stun­den­lang herum­fliegen als wären sie Vögel ohne Füße. B. wohnt also in dieser kleinen Wohnung und ist noch immer traurig. Ich kenne ihn seit 15 Jahren, niemals habe ich ihn glück­lich wahr­ge­nommen, nicht eine Sekunde lang, oder in einem Zustand, den man als weder glück­lich noch unglück­lich bezeichnen könnte. B. ist unglück­lich, weil er das so will, er hat sich in seiner Trau­rig­keit einge­richtet, wie in einem unsicht­baren Zelt, in dem er lebt, das er mit sich auf jede Reise nimmt, er reist ja nicht viel, aber er ist ein guter Gast­geber, sehr fein­fühlig, ein gedul­diger Zuhörer, der niemals lacht. Er schreibt im Übrigen an einem Buch, das rund ist, ich meine, er schreibt an einem Winter­buch von der Gestalt eines Zylin­ders. Man kann in dem Buch blät­tern, aber man weiss nicht, wo das Buch anfängt, weil in B.s Buch kein Anfang exis­tiert, man liest, und wenn man lange genug liest, wird man plötz­lich meinen, sich zu erin­nern, oder man hat eine Markie­rung in das Buch notiert, was eigent­lich nicht gestattet ist. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. – stop
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ai : USA

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MENSCH IN GEFAHR : “Sara Beltrán Hernández floh vor häus­li­cher Gewalt und Banden­kri­mi­na­lität im November 2015 aus El Salvador in die USA, um dort bei Verwandten zu leben. Sie wird seither in einer Haft­ein­rich­tung in Texas fest­ge­halten, obwohl sie einen Asyl­an­spruch hat. Sie benö­tigt drin­gend medi­zi­ni­sche Versor­gung und sollte bis zur Entschei­dung über ihren Asyl­an­trag drin­gend auf Bewäh­rung frei­ge­lassen werden. / Sara Beltrán Hernández befindet sich in einer Haft­ein­rich­tung der US-ameri­ka­ni­schen Einwan­de­rungs- und Zoll­fahn­dungs­be­hörde in Dallas im Norden von Texas und wartet auf den Gerichts­ent­scheid zu dem von ihr einge­legten Rechts­mittel gegen ihre Abschie­bung aus den USA. Sie befindet sich seit ihrer Ankunft an der US-ameri­ka­ni­schen Grenze zu Mexiko am 4. November 2015 in Haft. Obwohl sie Ange­hö­rige mit US-ameri­ka­ni­scher Staats­an­ge­hö­rig­keit hat, die ihr Erscheinen bei allen zukünf­tigen Anhö­rungen sicher­stellen können, verwei­gern ihr die US-Behörden eine Frei­las­sung auf Bewäh­rung und begründen dies mit Flucht­ge­fahr. / Sara Beltrán Hernández bean­tragte Asyl in den USA, weil sie ihren Aussagen zufolge in El Salvador Mord­dro­hungen von einem Banden­führer und Banden­mit­glie­dern erhalten hat, die bereits Menschen getötet haben sollen. Sara Beltrán Hernández hat an Eides statt erklärt, dass sie schwere körper­liche und seeli­sche häus­liche Gewalt erfahren hat und sexuell miss­braucht wurde. / Laut ihrem Rechts­bei­stand brach Sara Beltrán Hernández am 10. Februar 2017 in der Haft­ein­rich­tung zusammen. Ange­stellte des Haft­zen­trums brachten sie daraufhin in das Huguley-Kran­ken­haus im texa­ni­schen Fort Worth. Am 13. Februar 2017 infor­mierte sie ihren Rechts­bei­stand darüber, dass bei ihr ein Gehirn­tumor diagnos­ti­ziert worden sei, der operativ entfernt werden müsse. Am 18. Februar, erst acht Tage nach ihrer Einlie­fe­rung ins Kran­ken­haus, gestat­tete die Einwan­de­rungs- und Zoll­fahn­dungs­be­hörde Sara Beltrán Hernández, ihre Familie anzu­rufen. Sie sagte, sie habe inzwi­schen Krämpfe, Nasen­bluten sowie Kopf­schmerzen und Probleme klar zu denken. Sie sei aber immer noch nicht operiert worden. Am 22. Februar teilte ihr das Kran­ken­haus­per­sonal mit, dass sie am 27. Februar operiert werde und brachte sie in die Haft­ein­rich­tung zurück. / Eine Inhaf­tie­rung soll von Einwan­de­rungs­be­hörden ledig­lich als letztes Mittel einge­setzt und jeder einzelne Fall muss begründet werden. Frei­las­sung auf Bewäh­rung sollte aus huma­ni­tären Gründen in den Fällen gewährt werden, in denen die Person keine Bedro­hung für die öffent­liche Sicher­heit darstellt und keine Flucht­ge­fahr besteht. Da diese Vorgaben auf Sara Betrán zutreffen, sollte sie umge­hend aus der Haft entlassen werden.” – Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen, möglichst unver­züg­lich und nicht über den 7. April 2017 hinaus, unter > ai : urgent action

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geräusch

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ulysses : 8.45 UTC – Das merk­wür­dige Wort Herz­schlaf, das im Deut­schen Wörter­buch von Jacob und Wilhelm Grimm nicht exis­tiert. Auch exis­tieren weder indi­sche noch euro­päi­sche Herzen, sondern nur mensch­liche Herzen oder Herzen der Koli­bris, die sich derart schnell bewegen, dass sie, wäre ich in der Lage sie lebend in situ zu betrachten, vor meinen Augen unscharf erscheinen würden. – stop

im central park

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nordpol : 20.05 UTC – Ich war spazieren an einem windigen Tag. Wie ich unterm Regen­schirm west­wärts ging, beob­ach­tete ich meine Schuhe, die sich vorwärts bewegten als gehörten sie nicht zu mir. In diesem Moment hatte ich den Eindruck, durch den Central Park zu gehen. Das war nämlich so, dass ich an dem ersten Tag, den ich in der Stadt New York verbrachte, unter einem Regen­schirm durch den Central Park wanderte und meine Schuhe beob­ach­tete. Es war damals Mai und recht kalt gewesen. Von Zeit zu Zeit war ich stehen geblieben, um eines der Eich­hörn­chen zu betrachten, die sehr groß sind in Nord­ame­rika und unge­stüm. Ich erin­nerte mich noch gut an diesen Augen­blick, da ich im Central Park spazie­rend wiederum eine Panther­ge­schichte erin­nerte, die ich einmal notiert hatte über einen weiteren Park, in dessen Nach­bar­schaft ich lebe. In der Erin­ne­rung an meinen Spazier­gang in New York kehrte die Panther­ge­schichte zurück, ich drehte um und ging nach Hause, um nach der Geschichte zu suchen. Ich habe sie sofort gefunden. Panther­ge­schichte: Da ist mir doch tatsäch­lich ein junger Panther zuge­laufen, ein zier­li­ches Wesen, das mühelos vom Boden her auf meine Schulter springen kann, ohne dabei auch nur den geringsten Anlauf nehmen zu müssen. Seine Zunge ist rau, seine Zähne kühl, ich bin stark, auch im Gesicht, gezeichnet von seinen wilden Gefühlen. Der Panther schläft, unter­dessen ich arbeite. So glück­lich sieht er dort aus auf der Decke unter der Lampe liegend, dass ich selbst ein wenig schläfrig werde, auch wenn ich nur an ihn denke, an das Licht seiner Augen, das gelb ist, wie er zu mir herüber schaut bis in den Kopf. Spät­abends, wenn es lange schon dunkel geworden ist, gehn wir spazieren. Ich lege mein Ohr an die Tür und lausche, das ist das Zeichen. Gleich neben mir hat er sich aufge­richtet, schärft an der Wand seine Krallen, dann fegt er hinaus über die Straße, um einen vom Nacht­licht schon müden Vögel zu verspeisen. Daran sind wir gewöhnt, an das leise Krachen der Gebeine, an schau­kelnde Federn in der Luft. Dann weiter die heim­liche Route unter der Stern­warte hindurch in den Palmen­garten. Es ist ein großes Glück, ihm beim Jagen zuhören zu dürfen. Ich sitze, die Beine über­ein­ander geschlagen, auf einer Bank am See, schaue gegen die Sterne, und vernehme Geräu­sche der Wande­rung des kleinen Jägers entlang der Ufer­strecke. Ein Rascheln. Ein Krächzen. Ein Schlag ins Wasser. Wenn der Panther genug hat, gehn wir nach Hause. – stop
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abschnitt neufundland

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Abschnitt Neufund­land meldet folgende gegen Küste gewor­fene Arte­fakte : Wrack­teile [ Seefahrt – 12, Luft­fahrt – 22, Auto­mo­bile – 122], Gruß­bot­schaften in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahr­hun­dert – 3, 19. Jahr­hun­dert – 14, 20. Jahr­hun­dert – 453, 21. Jahr­hun­dert – 532 ], Trol­ley­koffer [ blau : 2, rot : 6, gelb : 18, schwarz : 322 ], Seenot­ret­tungs­westen [ 7538 ], physical memo­ries [ bespielt – 15, gelöscht : 28 ], Ameisen [ Arbeiter ] auf Treib­holz [ 156 ], 1 Bris­sonte Dreirad [ Baujahr 1953 ], Brumm­kreisel : 5, Öle [ 0.87 Tonnen ], Prothesen [ Herz – Rhyth­mus­be­schleu­niger – 66, Knie­ge­lenke – 355, Hüft­ku­geln – 18, Brillen – 453 ], Halb­schuhe [ Größen 28 – 39 : 134, Größen 38 – 45 : 22 ], Plas­tik­san­dalen [ 5325 ], Reise­do­ku­mente [ 246 ], Kühl­schränke [ 2 ], Tele­fone [ 548 ], Puppen­köpfe [ 3 ] Gasmasken [ 12 ], Tief­see­tauch­an­züge [ ohne Taucher – 3, mit Taucher – 1 ], Engels­zungen [ 88 ] | stop |

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luftcode

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bamako : 23.55 UTC – Einmal, es war zu ihrem 88. Geburtstag gewesen, habe ich N. gefragt, ob ich erzählen dürfe, dass sie ein elek­tro­ni­sches Notiz­buch führe, in welchem sie jeden Tag einige Sätze notiert, die nur für sie selbst bestimmt seien, Gedanken, die kein anderer Mensch als sie selbst jemals lesen wird, Wörter demzu­folge, mit welchen sie kein Geld verdiene, geheime Geschichten, aufge­schrieben in der Art und Weise einer im Gebirge spazie­renden Sängerin, die vor sich hin summt, die sich selbst zuhört oder auch nicht, bedin­gungslos in diesen Momenten sich nahe, Code ohne Absicht mit Sorg­falt verschlüs­selt. – Es ist Samstag. Beob­ach­tete vor dem nächt­li­chen Himmel die erste Fleder­maus des Jahres. – stop

von vögeln

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ulysses : 18.10 UTC – Wong Kar-Wais Vögel ohne Füße, die niemals landen. Immer wieder eine wunder­bare Vorstel­lung. Auch die Vorstel­lung der Zeppe­line, die Jahr­hun­derte lang wie Wolken langsam um den Erdball schweben. Gestern zeich­nete ich ein Rotkehl­chen mit einem Blei­stift auf ein Blatt Papier. Ich sollte erwähnen, dass die Zeich­nung des kleinen Vogels, der von rechts her kommend über das Blatt nach links hin segelte, miss­glückte, es war das erste Rotkehl­chen, das ich in meinem Leben zeich­nete. Immerhin waren zwei Flügel zu erkennen gewesen und ein Körper­chen in der Mitte, ein Schnabel und ein kleiner Kopf. Auch ein roter Fleck auf dem Körper­chen in der Gegenden des Halses war zu entde­cken, weil ich nach einem roten Bunt­stift suchte, das dauerte recht lange, während der kleine Vogel geduldig wartete, dass ich mit wesent­li­cher Farbe zu ihm zurück­kehren würde. – Weswegen ich ein Rotkehl­chen gezeichnet habe? – Nun, ich habe diese Zeich­nung ange­fer­tigt, weil ich mich fragte, ob irgend­wann einmal flie­gende Server­ma­schinen in der Gestalt der Sing­vögel denkbar sein werden, die in Schwärmen herum­fliegen, indessen sie mittels unsicht­barer Wellen mitein­ander kommu­ni­zieren? Wie lange Zeit würden wir diese flüch­tigen Schwarm­ob­jekte noch als unsere Geschöpfe verstehen? Wären wir in der Lage, sie jemals wieder einzu­fangen? – Deniz Yücel weiterhin in Haft! – stop
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oder ein fernrohr

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delta : 10.08 UTC – Lieber Theo, ich danke Ihnen für Ihren Brief, in dem Sie sich so freund­lich nach der Bedeu­tung des Wortes Finger­brille erkun­digen. Tatsäch­lich kann ich bestä­tigen, um eine Finger­brille in der Wirk­lich­keit herzu­stellen, sind beide Hände vor Augen zu führen, außerdem der linke und der rechte Daumen je mit einem Finger der selben Hand an den Spitzen zu verbinden, so dass die Anmu­tung eines Kreises entstehen wird. Sollten Sie dauer­haft oder für kurze Zeit über nur eine Hand verfügen, ist doch immerhin die Gestalt eines Monokels zu errei­chen oder eines Fern­rohres, das ist denkbar. Mit herz­li­chen Grüßen – Ihr Louis – stop
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indien

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echo : 20.12 UTC – Eine Berliner Freundin erzählte unlängst, sie habe während ihrer letzten Indi­en­reise beob­achtet, wie Menschen Kühe in einer Weise bemalten, dass sie voll­kommen bunt gewesen seien, selbst ihre Wimpern, die Spitzen ihrer Schwänze, Hufe und Lippen leuch­teten in grellem Blau oder Rot oder Gelb. Ich fragte mich, inwie­fern sich jene farbigen Kühe noch als Kühe erkannt haben mochten, ob sie sich nicht viel­leicht fürch­teten vor jenen bunten Wesen, die einer­seits vor ihren Augen so fremd sein mochten, aber doch einen sehr vertrauten Geruch verströmten? – Neun Impfungen, so wird berichtet, sind für Indi­en­rei­sende zu über­legen zum Schutz vor Diph­therie, Hepa­titis A, saiso­naler Grippe, Typhus, Cholera, Menin­gitis, Japa­ni­scher Enze­pha­litis, Hepa­titis B bei längeren Aufent­halten oder engem Kontakt mit der einhei­mi­schen Bevöl­ke­rung, sowie Tollwut. Was ist unter einem engen Kontakt mit der einhei­mi­schen Bevöl­ke­rung zu verstehen? Wie sollte oder könnte ich in Kalkutta spazie­rend je einen engen Kontakt zur Bevöl­ke­rung vermeiden? – Gestern, während ich halb­schla­fend tele­fo­nierte, habe ich verse­hent­lich meinen Fußboden foto­gra­fiert, auch eine Foto­grafie wiederum Colettes wie sie im Bett oder auf ihrem Sofa sitzt und schreibt. – stop

lumen

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india : 20.18 UTC – In den Birken­wäl­dern südlich der Stadt Poliske sollen selt­same Tiere zu beob­achten sein, Hirsche, Hasen, Raben, auch Mäuse, eine Herde Zebras, Elefanten, Feuer­sa­la­mander, Pumas, Strau­ßen­vögel. All diesen Tieren ist gemein, dass sie leuchten, ein kaum noch sicht­bares zartes Glimmen sei insbe­son­dere nachts zu beob­achten, als wären die Tiere elek­trisch geladen. Es ist aber nicht so, dass diese Tiere leuchten, weil sie dort leben wo es gefähr­lich ist. Man muss sich nur einmal eine Karte vor Augen führen, um zu sehen, wo die kleine Stadt Poliske in der Land­schaft liegt, man wird dann meinen, man wüsste genau, warum diese Tiere leuchten, als wären sie Wesen von tief­see­ischer Dunkel­heit. Über­haupt ist das so, dass wilde Elefanten eigent­lich in den Birken­wäl­dern um Poliske natür­li­cher­weise nicht vorkommen, auch Zebras nicht oder Pumas. Wie ist das nun alles zu erklären? Wenn doch wahr ist, dass sie alle leuchten. – stop
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minutenminiatur : schlaflos

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nordpol : 8.16 UTC – Um kurz nach sechs Uhr in der Früh berichtet Katha­rina in einem Laden unter dem Flug­ha­fen­ter­minal 1 vor einer Kasse stehend, sie fliege nun seit bald zwei Jahren Lang­strecke nach New York und wieder zurück. Eine anstren­gende Pendel­be­we­gung, gerade eben vor einer halben Stunde erst sei sie gelandet, sie liebe die Beob­ach­tung des Sonnen­lichts, das in großer Höhe über dem Atlantik während eines Nacht­fluges zurück nach Europa im oran­ge­far­benen Zwie­licht stets sichtbar am Hori­zont verweile. An diesem Morgen ist Katha­rina sehr aufge­regt, sie habe, sagt sie, in den vergan­genen zwei Jahren die Stadt New York selbst nie betreten, gestern aber, vor wenigen Stunden, mit einer Kollegin, mit Muriel, vom Flug­hafen John F. Kennedy aus ein Taxi genommen, um über die Williams­burg Bridge zum ersten Mal in ihrem Leben nach Manhattan zu fahren, drei Stunden Zeit. Sie seien am Times Square gewesen, vor der New York Public Library, im Grand Central Terminal und im Central Park, noch immer spüre sie Span­nung, vermut­lich könne sie nicht schlafen. – stop
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am fenster

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charlie : 22.01 UTC – Es ist Sams­tag­abend geworden. Ich habe an diesem Tag lange Zeit Eich­hörn­chen beob­achtet, wie sie blatt­lose Bäume vor meinen Fens­tern unter­suchten, als wären diese Bäume gerade erst gewachsen, unbe­kannte Orte also, die zunächst inspi­ziert werden mussten. Ich winkte von Zeit zu Zeit, die Eich­hörn­chen blieben dann für einen Augen­blick still sitzen, ich glaube, sie haben mich beäugt, haben mögli­cher­weise darüber nach­ge­dacht, ob sie sich an mich erin­nern, und wenn ja, welche Erfah­rung sie mit mir saam­melten. Vermut­lich werden sie gedacht haben, diesen Vogel dort drüben am Fenster kennen wir, er ist nicht gefähr­lich, er flat­tert nur mit seinen Flügeln, er kann nicht fliegen. – stop

im garten

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sierra : 18.01 UTC – Vater an einem Montag, wie er im Arbeits­zimmer vor seinem Compu­ter­bild­schirm sitzt. Er würde sich, wenn er noch lebte, ganz sicher mit dem Internet verbunden haben, um sehr aufmerksam einer Anhö­rung des U.S. Kongresses zu folgen, die sich der Frage widmete, ob der 45. Präsi­dent der Verei­nigten Staaten von Amerika die Wahr­heit oder wissent­lich die Unwahr­heit erzählte, als er den 44. Präsi­denten der Verei­nigten Staaten von Amerika über den Kurz­nach­rich­ten­dienst Twitter eines schweren Verge­hens bezich­tigte. Ich sehe wie mein Vater seinen Kopf zur Seite neigt, er lauscht, er wartet, es ist ein span­nender Tag. – Ich habe meinen Vater immer wieder einmal beob­achtet wie er las oder schlief oder an seinem Computer arbei­tete. Manchmal dachte ich, dass er nun wirk­lich alt geworden sei, obwohl ich ihn immer schon als einen alten Mann wahr­ge­nommen hatte, eben sehr viel älter als ich selbst. Ich erin­nere mich an einen Sommer­abend, vor fünf Jahren. Mein Vater sass auf einem Stuhl in seinem Garten. Vor ihm stand ein kleiner Tisch und auf diesem Tisch eine Flasche Wasser mit einem Dreh­ver­schluss. Ich glaubte damals, dass mein Vater mich nicht bemerkte. Er schien mit der Flasche zu spre­chen. Er beugte sich vor, hielt die Flasche mit der einen Hand fest, während er mit der anderen Hand an ihrem Verschluss drehte. Aber die Flasche war nicht leicht fest­zu­halten gewesen, vermut­lich deshalb, weil sich die Feuchte der Luft auf ihr nieder­ge­schlagen hatte. Also lehnte sich mein Vater wieder auf seinem Stuhl zurück und schloss die Augen. Ich nehme an, er wird einge­schlafen sein. Als er wieder erwachte, war ich noch immer da und auch die Flasche stand noch auf dem Tisch. Mein Vater beugte sich vor, nahm die Flasche und drehte an ihrem Verschluss. Erneut schien er sich mit der Flasche zu unter­halten, ohne aber die rich­tigen Worte zu finden, weil die Flasche sich noch immer dagegen wehrte, geöffnet zu werden. Also lehnte sich mein Vater erneut zurück, er schüt­telte den Kopf. In diesem Moment schwebte eine Libelle über den Tisch. Sie betrach­tete meinen Vater, setzte sich auf den Verschluss der Flasche und faltete ihre Flügel. Ein Moment der Stille, des Frie­dens. Ein paar Zikaden waren zu hören, sonst nichts. Mein Vater war bald wieder einge­schlafen, es wurde dunkel und die Libelle verschwand. Als er erwachte, saß ich unmit­telbar vor ihm. Ich hatte die Flasche für ihn geöffnet und ein Glas mit Wasser gefüllt. Mein Vater erzählte, dass er sich gewun­dert habe, warum er die Flasche nicht öffnen konnte, er habe sie doch selbst zuge­dreht. – stop
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nach darjeeling

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papa : 12.15 UTC – Ich habe zur Stunde eine Frage, die zu beant­worten vermut­lich nicht ganz leicht sein wird. In wenigen Minuten werde ich nämlich für einen guten Freund eine Schreib­ma­schine erwerben, eine mecha­ni­sche Reise­schreib­ma­schine des Typs Olympia Splendid 66 in roter Farbe, ein wunder­schönes Stück aus dem Jahr 1959, ich würde sie im Grunde gern selbst besitzen. Mein Freund wird bald verreisen, ich nehme an, nicht ohne seine neue Schreib­ma­schine mit sich zu nehmen, eine Reise, die ihn durch Indien mit der Eisen­bahn von Mumbai nach Darjee­ling führen wird. Als ich meinen Freund Ludwig zum letzten Mal sah, arbei­tete er auf einem Note­book schrei­bend in einem Café an einer Geschichte über Algo­rithmen liebe­voller Selbst­be­fra­gung. Sein Note­book war zu diesem Zeit­punkt bereits einige Jahre alt, jene Orte des Gehäuses, da es Ton und Bild­auf­nahmen seiner nächsten Umge­bung anfer­tigen konnte, waren mehr­fach mit selbst­kle­bendem Gewebe abge­deckt, so dass weder Ton noch Licht in die Schreib­ma­schine gelangen konnten, um von dort aus mögli­cher­weise unbe­merkt an einen geheimen Ort in der digi­tale Sphäre gesendet zu werden. Ich will nicht sagen, dass Ludwig sich in irgend­einer Weise verfolgt fühlen würde, er erwähnte aber bei Gele­gen­heit, er könne schon seit langer Zeit nicht mehr dafür garan­tieren, dass seine elek­tro­ni­sche Schreib­ma­schine, sein Note­book, sich tatsäch­lich loyal verhalten würde. Er wünschte sich, seine Zeichen wieder einmal unmit­telbar auf Papier zu setzen, bedin­gungs­loses Vertrauen haben zu können. Ich werde ihm seinen Wunsch erfüllen. Nun stellt sich, wie berichtet, die Frage, was hat mein Freund Ludwig auf den Papieren noch vor, wie lange Zeit bleibt ihm noch? Wie viele Farb­bänder sollte ich für Ludwig in Sicher­heit bringen? Sie sind rar geworden, sie werden irgend­wann verschwinden. – stop
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bafra

picping

MELDUNG. 1) Bei dieser Meldung handelt es sich mögli­cher­weise um eine post­fak­ti­sche Nach­richt! Um ihr Bedeu­tung oder Nach­druck zu verleihen, wurde diese Nach­richt zum zweiten Mal gesendet. Nahe Bafra, am Strand, wurden drei Ziegen von Welt­raum­ge­steinen getötet, deswei­teren ein Fischer auf seinem Boot. Einschläge auch in Sahli­kent: Klas­sen­räume 4 und 5, aber nach Schul­schluß gegen 6 Uhr am Nach­mittag. – stop

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1.  Bei dieser Meldung handelt es sich mögli­cher­weise um eine post­fak­ti­sche Nach­richt! Um ihr Bedeu­tung oder Nach­druck zu verleihen, wurde diese Nach­richt zum zweiten Mal gesendet.

transformation : zeit

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india : 22.55 UTC – Es ist Abend und ich sitze seit ein oder zwei Stunden im Dunkeln, weil ich heraus­zu­finden wünsche, ob Libellen auch in licht­leeren Räumen fliegen, schweben, jagen. Als ich gestern erwachte gegen 7 Uhr in der früh wars schon hell. Eine Libelle, mari­neblau, balan­cierte auf dem Rand einer Karaffe Tee, die ich neben meinem Bett abge­stellt hatte. Sie schaute mir beim Aufwa­chen zu und naschte, solange ich nur ein Auge und nichts weiteres bewegte, indem sie rhyth­misch mit einer sehr langen Zunge bis auf den Grund des zimt­far­benen Gewäs­sers tauchte. Viel­leicht jagte sie nach Fischen oder Larven oder kleinen Fliegen, nach Teefliegen, kochend­ heiß, die über die Nacht kühler geworden sein mochten während ich schlief. Oder aber sie hatte endlich Geschmack gefunden auch an süßen Dingen des Lebens, weshalb ich vor einer halben Stunde einen Löffel Honig erhitzte und auf die Fens­ter­bank tropfen ließ, um dann sofort das Licht wieder zu löschen. Und so warte ich nun bereits seit einer vollen Stunde und höre selt­same Geräu­sche, von Menschen viel­leicht oder anderen wilden Tieren. – stop

im aufzug : zwei hände

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charlie : 10.02 UTC – Die plötz­liche Lang­sam­keit meines Denkens im Gespräch mit Menschen, die die Sprache meines Denkens nicht oder nicht wirk­lich gut verstehen. Unver­züg­liche, inten­sive Suche nach Möglich­keiten einfa­cher Darstel­lung, oder gar die Erfin­dung einer indi­vi­du­ellen, einer in diesem Moment des Verstän­di­gungs­ver­su­ches wirk­samen Zeichen­sprache, Radare, die anstren­gend sind wie Spring­seil­trai­ning an Ort und Stelle. Einmal begeg­nete ich einem Mann in einem Aufzug. Sein Gesicht war entstellt, er mochte mich nicht ansehen, er schimpfte laut­stark mit seiner Hand. Plötz­lich hörte ich Sätze, die an mich gerichtet waren. Als ich dem scheuen Mann antwor­tete, sprach ich, eine vorsich­tige Geste, gleich­wohl in die Rich­tung meiner eigenen rechten Hand, so dass unsere Hände zu Tele­fonen wurden. – stop
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von stimmen

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delta : 18.12 UTC – Ich habe lange Zeit über das Bild der Kehl­köpfe nach­ge­dacht, wie sie in einem anato­mi­schen Präpa­rier­saal durch die Luft fliegen als wären sie Vögel. Wann dieses Bild zum ersten Mal auftauchte, weiß ich nicht. Viel­leicht während eines Spazier­ganges über den alten Münchner Friedhof St. Georg. Ich stand vor Liesl Karl­stadts Grab, plötz­lich hörte ich ihre Stimme, die von irgendwo her aus den Kasta­ni­en­bäumen in nächster Nähe zu kommen schien. Oran­gen­far­bene Blüten, Fuchs­köpfen ähnlich, lungerten auf dem kleinen Karl­stadt­hügel. Blaue Fühler­käfer hetzten über sandigen Boden. Wald­bienen, Mooshum­meln, Raupen­fliegen, es sirrte und brummte in allen mögli­chen Tönen. Auf dem Gedenk­stein für Rainer Werner Fass­binder hockte ein Mari­en­käfer von Holz, der Schirm eines Fächer­ahorns spen­dete Schatten. Auch an Fass­bin­ders Stimme konnte ich mich sofort erin­nern, ohne einen konkreten Satz aus seinem Munde zu vernehmen. Es war ganz so, als würden die Stimme in meinem Kopf eine Stimme simu­lieren. Erich Kästner aller­dings war mir entweder abhanden gekommen oder ich habe seine Stimme tatsäch­lich noch nie in meinem Leben gehört. Aber den Sedl­mayr, Walter, erin­nerte ich unver­züg­lich und auch die ange­nehm warme Stimme Bernd Eichin­gers, der so plötz­lich gestorben war. Sommer­fäden schwebten durch die Luft. Das Rascheln der Eich­hörn­chen unterm Efeu. Über mir ein blau­grauer, blit­zender Himmel. Es duftete nach Zimt, warum? – stop / koffer­text

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monsun

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sierra : 12.01 UTC – Bald einmal ist drin­gend eine Samm­lung von Beob­ach­tungen anzu­legen, von Ereig­nissen, die ich mit meinem persön­li­chen Leben nicht unmit­telbar in Verbin­dung setzen kann, die jedoch zentrale Erfah­rungen unge­zählter Menschen sind, die vor meinen Augen auf Fern­seh­bild­schirmen erscheinen, auf Titel­seiten papie­rener oder elek­tri­scher Zeitungen. Kann ich mir Hunger vorstellen? Ich meine, nicht vorsätz­li­chen Hunger der Fasten­zeit, viel­mehr tatsäch­li­chen Hunger, Hunger, der einen mensch­li­chen Körper beschä­digt oder zerstört. Wie fühlt es sich an, in Brooklyn ohne Ausweis­pa­piere zu exis­tieren? Oder die Furcht einer Frau, in einem Außen­be­zirk der Stadt Delhi nach einer Spät­schicht einen Bus zu besteigen. L., der ich leib­haftig begeg­nete, erzählte folgendes: Ich bin in Mumbai geboren, ich liebe mein Land. Ich liebe mein Land zu jeder Jahres­zeit. In Indien bedeutet das Wort Regen­zeit Monsun oder Barsaat. In Kalkutta wirst Du Monsun­regen erleben, der vom Himmel kommt, auch außerdem eine Art Monsun, der aus dem Boden steigt. – stop

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