nuevo mundo

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lima : 12.15 UTC — Ich stelle mir einen Film vor, ein medi­ales Arche Noah Prinzip, jedes Lebe­we­sen unseres Plan­eten wäre darauf verze­ich­net, jede Pflanze, auch das mikroskopisch Kle­in­ste, Mikroben, Bak­te­rien, Viren. In kürzeste Schnit­tfol­gen müßte dieser Film zer­legt sein, um in men­schlich­er Leben­szeit je betra­chtet wer­den zu kön­nen. Welch­es Lebe­we­sen kön­nte auf dem let­zten ver­füg­baren Bild des Filmes zu sehen sein? — stop

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licht

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papa : 15.16 UTC — Es ist Son­ntag. Auf dem Bild­schirm ein­er Schreib­mas­chine ist die dig­i­tale Darstel­lung ein­er Druck­fahne zu erken­nen. Let­zte Minuten ein­er let­zten Stunde sind gekom­men, da der Autor noch eine Kor­rek­tur seines Textes unternehmen kön­nte. Zeichen für Zeichen, Wort für Wort durch­stöbert er sein Werk. Wenn man nun die Fen­ster des Zim­mers ver­dunkeln würde, kön­nte man bemerken, dass sich die Augen des Autors in zart leuch­t­ende Lam­p­en ver­wan­delt haben. — stop

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amsterdam

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himalaya : 15.16 UTC — Ein­mal erwartete ich in einem Café an der Cen­tral­sta­tion die Ankun­ft eines Zuges aus Ams­ter­dam. Um die Zeit zu vertreiben, suchte ich in den Archiv­en mein­er Schreib­mas­chine nach einem Bild, an das ich mich aus irgen­deinem Grund erin­nert hat­te. Ich wusste noch, dass dieses erin­nerte Bild im eigentlichen Sinne kein Bild ist, unbe­weglich, son­dern eine Gruppe von Fotografien, die in vorbes­timmter Rei­hen­folge rhyth­misch zur Auf­führung kom­men. Es han­delt sich in etwa um eine Serie gefan­gener Bilder, die einen oder vier Män­ner zeigen, der oder die sich in akro­batis­ch­er Weise durch vier Zim­mer eines Haus­es bewe­gen. Kurz nach­dem ich das ani­mierte Bild gefun­den hat­te, schaute mir ein Mäd­chen von vielle­icht sechs Jahren neugierig über die Schul­ter. Sie sagte: Das ist aber lustig! — Find­est Du, fragte ich zurück. Das ist doch aber sehr anstren­gend, was die Män­ner da tun! — Das Mäd­chen schaute mich an und ver­drehte die Augen: Die Män­ner sind ja nicht echt! — stop


von gedankenlichtern

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bamako : 22.01 UTC — Vor weni­gen Tagen spazierte ich an einem späten Nach­mit­tag in einem Garten. Da ist etwas Merk­würdi­ges geschehen. Während ich sehr langsam Schritt für Schritt vor­wärts, seitwärts oder rück­wärts ging, begann ich zu erzählen, Geschicht­en wie Blüten in meinem kleinen Kopf. Kaum hat­te ich eine Geschichte zu Ende erzählt, waren weit­ere Geschicht­en aus den Wörtern bere­its gewach­sen, die sich öffneten, die erzählt wer­den woll­ten, helle oder dun­klere Geschicht­en wie Lebe­we­sen, und ich dachte noch, wie das so geht, wie die Geschicht­en kom­men und gehen, Erin­nerun­gen, als wollte sich plöt­zlich mein halbes Leben erzählen. So, im Erzählen im langsamen Gehen, habe ich die Zeit vergessen. Der Flug der Tauben­schat­ten vor dem Abend­him­mel, die vom Luft­glück der Vögel erzählten. Ich hörte von Gedanken­lichtern, von rot­glim­menden Tas­taturen. Seit zwei Tagen sitze ich immer wieder ein­mal ganz still und ver­suche mir Gedanken vorzustellen, die par­al­lele Gedanken sind, Gedanken zur sel­ben Zeit. Ich befinde mich sozusagen auf der Suche nach Gedanken, die vielle­icht stimm­los, aber voll Licht sind, Gedanken wie Bilder, die sich in der­sel­ben Zeit bewe­gen? Jet­zt habe ich einen kleinen Knoten im Kopf. — stop
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piquiá

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MELDUNG. Eine Blattschnei­der­ameise der Gat­tung atta lae­vi­ga­ta obscu­ra feiert heute im Ama­zonas­beck­en nahe der Stadt Piquiá ihren 188. Geburt­stag. Her­zlichen Glück­wun­sch. — stop
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vom drohnenvögelchen

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echo : 17.18 UTCEr fliegt nicht, sagte die kleine S. am Tele­fon. Es ist früher Abend, die helle Stimme am Tele­fon klang ängstlich. — Wer fliegt nicht, wollte ich wis­sen? — Na, der Vogel, den Du mir geschenkt hast, er sitzt auf dem Boden und bewegt sich nicht. S. war beun­ruhigt, sie sagte, der Vogel sei ger­ade noch durch die Küche geflo­gen, dann sei er vor dem Küchen­tisch gelandet, jet­zt sitze er reg­los auf dem Boden. Sind denn seine Lichter noch an, erkundigte ich mich. Nein, sagte S., auch die Lichter bren­nen nicht, und er sagt nichts, keinen Pieps. — Ich über­legte kurz, wech­selte den Hör­er meines Tele­fons vom linken an mein recht­es Ohr: Ich glaube, ich weiss warum Dein Vogel ger­ade nicht fliegt. Hör zu, ich werde mich ein wenig umhören, dann rufe ich Dich wieder an! — Vielle­icht sollte ich an dieser Stelle  schnell erzählen, dass ich mein­er Nichte S. im ver­gan­genen Jahr zu Wei­h­nacht­en eine fin­ger­lange Drohne für Kinder schenk­te, die wun­der­bar blinken kann in blauen und roten Far­ben. Von Zeit zu Zeit gibt sie Geräusche von sich als wäre sie eine Loko­mo­tive. Dieses Wesen, dem Vernehmen nach weltweit die einzige Loko­mo­tiven­gat­tung, die zu fliegen ver­mag, lässt sich über eine han­dliche Funks­teuerung manövri­eren. Ich habe das selb­st aus­pro­biert, das ist nicht ganz ein­fach für Kinder, und auch für erwach­sene Per­so­n­en dur­chaus eine Her­aus­forderung. Ich ver­mutete nun, dass die Stromver­sorgung der Drohne möglicher­weise aus­ge­fall­en sein kön­nte. Kurz nach­dem ich her­aus­ge­fun­den hat­te, wie man die Bat­te­rien der Loko­mo­tive auswech­seln kön­nte, rief ich meine Nichte wieder an. Ihre Mut­ter kam ans Tele­fon, Sekun­den später S., die fröh­lich erzählte, der Vogel sei wieder in der Luft, sie könne im Moment nicht reden, sie müsse auf­passen, dass der Vogel sich nicht wieder auf den Boden set­zt. Ein leis­es Sur­ren war zu hören, dann Schritte, dann eine helle Stimme, die bere­its zum Vogel sprach: Komm, wir fliegen jet­zt ins Wohnz­im­mer. — stop

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nachtzug nach douala

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tan­go : 7.15 UTC — Akos­si­wa, die ihr junges Leben über­wiegend in der Stadt Yaoundé ver­brachte, erk­lärte während eines Gespräch­es im Zug, Tiere, die ich als wilde Krea­turen beze­ich­nete, Affen, sagen wir, Löwen, Antilopen, wür­den in ihrem Heimat­land im zen­tralen Zoo der Haupt­stadt leben. Man könne sie dort besuchen, man müsse sich nicht fürcht­en, allerd­ings würde der Besuch Ein­tritt kosten. Erst ein­mal musst Du über­haupt nach Kamerun fliegen. Du fliegst, sagt Akos­si­wa, am Besten über Paris oder Ams­ter­dam nach Yaounde, das ist über­haupt kein Prob­lem. Ich hat­te Akos­si­wa eine dur­chaus drama­tis­che Vorstel­lung ihres Lan­des skizziert, in der ver­mut­lich wirk­liche wilde Tiere natür­licher­weise auch jen­seits der Natur­reser­vate existieren. Kurz darauf entwick­elte sich ein aufre­gen­des Gespräch über Wahrnehmung, Wirk­lichkeit und Pro­jek­tion ein­er­seits, ander­er­seits über die Exis­tenz wiederum der nieder­bayrischen Auer­hähne in meinem per­sön­lichen Leben. Eine Zug­fahrt von Ngaoundéré nach Douala sei reizvoll, berichtete Akos­si­wa, es existiere auch eine Nachtzugverbindung, die würde sie aber nicht empfehlen: Weil Du nichts siehst! — stop

eine frau

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delta : 12.22 UTC — Eine Frau sitzt neben einem Tisch auf einem harten Stuhl. Ihr rechter Arm liegt auf dem Tisch, eine Ärztin misst den Blut­druck. Es ist still in dem Zim­mer in diesem Augen­blick. Nur das Motorengeräusch des Mess­gerätes, das Luft in eine Man­schette pumpt, die um den Arm der Frau gelegt wurde, brummt als hock­te ein große träu­mende Fliege unter dem Tisch. Dann ist die Fliege plöt­zlich still und die Ärztin notiert einige Zahlen und nickt mir zu, ohne etwas zu sagen. Als ich mich zu der Frau set­ze, weicht sie auf dem Stuhl kaum merk­lich zurück. Ich frage: Wollen Sie vielle­icht Tee? — Die Frau schüt­telt den Kopf und lächelt. Darf ich Ihnen ein oder zwei Fra­gen stellen? — Wieder lächelt die Frau. Sie ist scheu. Aber sie will nicht zeigen, dass sie scheu ist, so kön­nte das sein. Ein selt­samer Moment, alles im Zim­mer scheint zu schweben, der Tisch, die Stüh­le, die Men­schen. Ich weiss, dass die Frau, deren Blut­druck gemessen wurde, aus der Ferne gekom­men ist, so fern ist das Land, von dem sie gekom­men ist, dass ein Jahr verge­hen würde, ehe man dieses Land zu Fuß erre­ichte. Es ist ein Wun­der, dass sie meine Sprache ver­ste­ht, immer wieder denke ich, wie gut, dass Men­schen in der Lage sind, die Sprachen ander­er Men­schen zu erler­nen. Und wie sie jet­zt lächelt, ich meine, noch nie zuvor ein der­art mutiges Lächeln gese­hen zu haben, während die Ärztin etwas getrock­netes Blut von ihrem Hals tupft. Behut­sam wird eine kleine Wunde ver­sorgt, die unter dichtem Haar im Ver­bor­ge­nen liegt. Die Ärztin nimmt sich viel Zeit, sie geht hin­ter der ver­let­zten Frau in die Hocke und begin­nt leise zu sprechen. Sie sagt: Das ist merk­würdig! Und noch ein­mal sagt sie: Das ist merk­würdig. Wie sie sich wieder aufrichtet, macht sie ein sehr ern­stes Gesicht. Bald kni­et sie vor der ver­let­zten Frau auf dem Boden, nimmt eine Hand der Frau und drückt sie fest: Machen sie sich keine Sor­gen, das ist nur eine kleine Wunde, die Blu­tung ist längst gestillt. Die Ärztin, die etwas schwitzt, sieht der mutig lächel­nden Frau in die Augen. Plöt­zlich fragt sie: Sind Sie geschla­gen wor­den? Sofort nickt die Frau, ihr Gesicht scheint zu leucht­en, und noch ein­mal nickt sie und sagt mit sehr heller Stimme: Ja. Und die Ärztin fragt: Sie wis­sen, von wem sie geschla­gen wur­den?Ja, antwortet die Frau ein zweites Mal, das weiß ich. Die Ärztin erhebt sich und wen­det sich wieder dem Ort zu, da die Frau am Kopf ver­let­zt wurde. Erneut geht sie in die Hocke und betra­chtet die Ver­let­zung auf das Genaueste. Behut­sam fährt sie der Frau über das Haar, sie scheint eine weit­er­führende Unter­suchung vorzunehmen. Und wie sie so arbeit­et, schliesst die ver­let­zte Frau ihre Augen, als wollte sie vielle­icht ver­ber­gen, was sie fühlte. So, mit geschlosse­nen Augen, sagt sie plöt­zlich mit fes­ter Stimme: Ich würde doch gerne einen Tee trinken!Das ist gut, antworte ich und ste­he auf. Die Ärztin ist indessen mit ihrer Unter­suchung zu Ende gekom­men, sie set­zt sich auf den freige­wor­de­nen Stuhl und stellt mit nüchtern­er Stimme fest: Sie sind nicht zum ersten Mal geschla­gen wor­den! — Die Frau nickt wort­los. Und die Ärztin sagt: Sie sind sehr oft geschla­gen wor­den! Immer wur­den Sie auf den Kopf geschla­gen, kann das sein? — Wieder nickt die Frau und begin­nt zu weinen. — stop

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morgenstaubgeschichte

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ulysses : 12.22 UTC — Was für ein schön­er Son­ntag. Das noch tief­ste­hende Licht der Sonne, die am frühen Mor­gen in den Cen­tral­bahn­hof leuchtet, als würde sie immer dort in genau dieser Höhe von Osten her durch die Fen­ster scheinen. Eine Sonne nur für diesen Ort. Da ist fein­er Rauch­staub, der aus einem Laden her­aus durch die Halle schwebt. Die Rauch­er rauchen, indessen sie neue Rauch­waren besor­gen. Bit­ter schmeck­ende Holz­pa­pier­luft. So muss das geduftet haben, genau so oder so ähn­lich, ohne mod­erne Par­füme, wenn unter den Hafen­him­meln des 16. Jahrhun­derts, nach langer Fahrt, die Bäuche der Han­delss­chiffe geöffnet wur­den. Die Entzün­dung des getrock­neten, des weit­gereis­ten Mate­ri­als vor der Mundöff­nung eines Europäers führte zu einem Vor­gang, den man zunächst als die Saufer­ei des Nebels beze­ich­nete, als Rauch- oder Tabak­trinken. Ja, was für ein schön­er Son­ntag. Ich gehe zu unge­wohn­ter Zeit mit Tagau­gen durch meine Stadt, als würde ich durch Brook­lyn spazieren. — stop

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nuriye gülmen

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romeo : 0.01 UTC — Ich kenne Jasus, der eigentlich ganz anders heisst, seit eini­gen Monat­en flüchtig. Wir begeg­nen uns von Zeit zu Zeit am Bahn­hof oder im Zug. Ein­mal kamen wir auf seine Heimat­stadt Istan­bul zu sprechen. Er sagte, dass er sich freuen würde, wenn ich Istan­bul ger­ade jet­zt in dieser schwieri­gen Zeit besuchen würde. Jasus ist glühen­der Verehrer des türkischen Präsi­den­ten, der habe sein Land mod­ernisiert, er könne endlich stolz sein auf die Türkei. Ich erwäh­nte, dass ich Oran Pamuk sehr gerne lesen würde, da wurde Jasus vor­sichtig, der Pamuk wäre ihm nicht geheuer, der soll kri­tisch über die Türkei geschrieben haben, obwohl er doch selb­st Türke sei. Nun saßen wir kür­zlich auf ein­er Bank im Flughafen­ter­mi­nal 1. Ich fragte Jasus, ob er bere­it wäre, einen Film der Deutschen Welle anzuse­hen, den ich auf meinem Note­book gespe­ichert mit mir führte. Der Film berichtet von ein­er Dozentin der Lit­er­atur­wis­senschaften, die seit vie­len Monat­en in Ankara öffentlich darum kämpft, an ihren Arbeit­splatz zurück­kehren zu dür­fen. Sie wurde deshalb jeden Tag ver­haftet und erst nach je 5 Stun­den wieder freige­lassen. Von Nuriye Gül­men hat­te Jasus noch nie gehört, aber er wollte den Film betra­cht­en. Ich stellte mein Note­book also zwis­chen uns ab, und Jasus ver­fol­gte den Film wort­los von der ersten bis zur let­zten Minute. Ich meinte zu bemerken, dass ihm der Film nahe zu gehen schien. Als der Film zu Ende war, wollte er wis­sen, warum ich ihm die Auf­nahme gezeigt habe. Ich sagte: Ich finde, diese Frau hat Recht, sie kämpft um ihre Exis­tenz, sie kämpft für Gerechtigkeit und Frei­heit, sie ist unge­heuer mutig. Ja, antwortete Jasus, sie ist mutig und sie ist ver­rückt. Er machte ein Pause. Er schien zu über­legen. Dann fragte er, was mich denn eigentlich diese ganze Geschichte ange­hen würde? Diese Geschichte gehe nur ihn und seine Land­sleute etwas an. — Ein Funke Hoff­nung! — Seit vier Wochen befind­et sich Nuriye Gül­men im Hunger­streik. — stop

modern

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char­lie : 8.01 UTC — Die selt­same Sprache der mod­er­nen Welt im alltäglichen Gebrauch. Ein­er sagt, nach­dem er sich ver­liebte, er werde mutig in Gefüh­le investieren. Ein ander­er trifft sich mit Fre­un­den und spricht am Tele­fon davon, sich ger­ade in einem Meet­ing zu befind­en. Vor zwei Tagen wurde ich von ein­er Fre­undin gebrieft, sie habe sich von ihrem Mann getren­nt. Ein Clus­ter von Kom­p­lika­tio­nen ver­hin­derte die Zulas­sung seines Sohnes zur Prü­fung am MIT, berichtet ein guter Bekan­nter. Er schreibe ein Memo, ver­spricht ein Nach­bar, ich weiss nicht worüber. Unlängst war ich ver­sucht, fol­gen­des zu sagen: Ich arbeite in der erzäh­len­den Infor­ma­tionsver­ar­beitung. Ich sagte dann: Ich schreibe Geschicht­en. — stop

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bildschirmlicht

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himalaya : 7.30 UTC — Erster Twit­ter­film: Ein Mäd­chen, das in Alep­po lebt, sagt: Vielle­icht ist es das let­zte Mal, dass Sie mich lebend sehen! Das Mäd­chen scheint in einem Keller zu sitzen. Sie ist zum Zeit­punkt dieser Auf­nahme vielle­icht acht Jahre alt, ver­mut­lich ist Abend. Der Angriff der syrischen Armee auf die Stadt wird für die kom­mende Nacht erwartet. — Ein zweit­er Twit­ter­film: Auf ein­er Bahre in einem Kranken­haus liegt eine Frau, fahle Haut, sie sieht in die Kam­era und sagt: Bitte helfen Sie uns! Im Hin­ter­grund sind Det­o­na­tio­nen zu hören. — Ein drit­ter Twit­ter­film: Der junge Mann, der erzählt, dass die Kämpfe in der Stadt wieder zugenom­men haben, sieht sich immer wieder um. Er müsse jet­zt von der Straße, hier sei es zu gefährlich. Es wird sogle­ich dunkel auf dem Bild­schirm, indem der junge Mann die Linse sein­er Kam­era mit ein­er Hand bedeckt. — Ich denke in diesem Moment, dass das Licht der han­dlichen Film­maschi­nen immer näher an mein Leben her­ankommt, jed­erzeit möglich­es Licht, das auf Servern der Welt auf mich wartet. Ich spreche darüber mit einem Fre­und, dessen Auf­gabe ist, Filme aus dem syrischen Bürg­erkriegs­ge­bi­et zu analysieren. Ja, soviel möglich­es Licht ist in der Welt, sagt N., dass man sich die Seele an diesem Licht sehr schw­er ver­bren­nen kann. Er habe vor einem Jahr einen Ruhetag pro Woche definiert, da er seine Com­put­er­mas­chine nicht anschalte. Was machst Du an diesen Tagen, fragte ich. Ich lese, ich gehe mit mein­er Lebens­ge­fährtin spazieren, ich liege im Som­mer stun­den­lang neben ihr in ein­er Wiese und schaue den Wolken zu. Dann wird Nacht und ich sitze mor­gens wieder vor meinen Bild­schir­men und rufe Film­licht auf, das neu hinzugekom­men ist. Da sind zwei Män­ner, sie hal­ten den Split­ter eines Geschoss­es vor die Kam­era ihres Mobil­tele­fons. Ich stoppe den Film, notiere Schriftze­ichen in gel­ber Farbe, Rudi­mente, betra­chte die Umge­bung der Män­ner, ver­suche her­auszufind­en, wo sie sich vielle­icht befind­en, ob sie sich wirk­lich dort befind­en, wo sie zu sein behaupten, welche Tageszeit. Ich habe Algo­rith­men entwick­elt der Film­be­fra­gung. Ich werde dadurch schneller. — stop

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ein mann des lichts

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bamako : 0.01 UTC — Im Alter schwindet seine Sehkraft. Es bleiben ihm noch Hör­büch­er. Dieser würde­volle, feine Mann. Wie er leise und langsam von meinem Fernse­hbild­schirm aus spricht: Dadurch kom­pen­siere ich … damit ( mit den Hör­büch­ern ) eigentlich meine … Verzwei­flung. Der große Kam­era­mann Michael Ball­haus ist gestor­ben. — stop

jangbongdo

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MELDUNG. Tief­seeele­fan­ten, 358 hupende Rüs­sel­rosen, nahe Jang­bong­do im Gel­ben Meer gesichtet. Man befind­et sich in zirkulieren­der Bewe­gung. — stop
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ai : HAITI

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MENSCHEN IN GEFAHR : “Die Men­schen­rechtsvertei­di­ger David Boni­face und Jud­ers Ysemé fürcht­en nach dem plöt­zlichen Tod ihres Kol­le­gen Nis­sage Mar­tyr um ihr Leben. Nis­sage Mar­tyr starb einen Tag, nach­dem die drei in den USA gegen Jean Morose Viliena, den ehe­ma­li­gen Bürg­er­meis­ter ihrer Heimat­stadt in Haiti, Klage wegen schw­er­er Men­schen­rechtsver­let­zun­gen ein­gere­icht hat­ten. Die Män­ner bericht­en seit 2007 von wieder­holten Mord­dro­hun­gen und Angrif­f­en durch den ehe­ma­li­gen Bürg­er­meis­ter. Sie müssen daher angemesse­nen Schutz erhal­ten. / Am 22. März reicht­en David Boni­face, Jud­ers Ysemé und Nis­sage Mar­tyr Klage gegen Jean Morose Viliena, den ehe­ma­li­gen Bürg­er­meis­ter ihrer Heimat­stadt Les Irois im Süd­west­en von Haiti, bei einem Bun­des­gericht in Boston im Nor­dosten der USA ein. Die Klage wurde in den USA ein­gere­icht, weil Jean Morose Viliena Anfang 2009 in die USA geflo­hen war, nach­dem die haitian­is­chen Behör­den wegen des Mordes an David Boni­faces Brud­er im Jahr 2007 und eines Angriffs auf den Gemein­dera­diosender im Jahr 2008 ein Strafver­fahren gegen ihn ein­geleit­et hat­ten. Bei diesem Angriff ver­lor Nis­sage Mar­tyr ein Bein und Jud­ers Ysemé ein Auge. Die drei Män­ner wer­fen Jean Morose Viliena vor, dass er für eine Rei­he von Angrif­f­en gegen seine Kritiker_innen ver­ant­wortlich ist, darunter “Brand­s­tiftung”, “außerg­erichtliche Hin­rich­tun­gen”, “ver­suchte außerg­erichtliche Hin­rich­tung”, “Folter” und “Ver­brechen gegen die Men­schlichkeit”. Die Ver­brechen wur­den auf seine Anweisung hin von ein­er bewaffneten Gruppe verübt, die mit sein­er poli­tis­chen Partei in Verbindung ste­ht. Am 24. März 2017, einen Tag nach­dem die Klage gegen Jean Morose Viliena ein­gere­icht wor­den war, erkrank­te Nis­sage Mar­tyr plöt­zlich schw­er und starb auf dem Weg ins Kranken­haus von Les Irois. Seine Fam­i­lie gibt an, dass er zuvor ganz gesund war. Mit Hil­fe ihrer Rechts­beistände fordert die Fam­i­lie eine sofor­tige unab­hängige Autop­sie und umfassende Unter­suchunge seines Todes. Die örtliche Staat­san­waltschaft hat zwar die Autop­sie genehmigt, doch bis jet­zt keine Unter­suchung aufgenom­men. / David Boni­face und Jud­ers Ysemé sind Men­schen­rechtsvertei­di­ger und wer­den als Unter­stützer der Partei Organ­i­sa­tion du Peu­ple en Lutte, ein­er Oppo­si­tion­spartei in Haiti, betra­chtet. Seit 2007 bericht­en die bei­den Män­ner und Nis­sage Mar­tyr, dass Jean Morose Viliena und seine Ver­bün­de­ten ihnen Mord­dro­hun­gen schick­en und sie tätlich angreifen und ver­sucht haben, sie zu töten, weil sie ihre legit­ime Arbeit als Men­schen­rechtsvertei­di­ger aus­führen. Im Zuge dessen haben sie das erste Gemein­dera­dio ini­ti­iert sowie die strafrechtliche Ver­fol­gung von Jean Morose Viliena und seinen Ver­bün­de­ten angestrebt, um der Gewalt in der Gemeinde ein Ende zu bere­it­en. 2015 gewährte die Inter­amerikanis­che Men­schen­recht­skom­mis­sion den drei Män­nern und ihren Fam­i­lien Schutz­maß­nah­men, um ihre Sicher­heit zu gewährleis­ten. David Boni­face und Jud­ers Ysemé berichteten Amnesty Inter­na­tion­al, dass die haitian­is­chen Behör­den auf­grund der grassieren­den Straflosigkeit im Land jedoch nichts unter­nom­men hät­ten, um diesen Maß­nah­men Folge zu leis­ten. Die bei­den Män­ner sind nach Nis­sage Mar­tyrs Tod mit ihren Fam­i­lien aus Les Irois geflo­hen, da sie um ihre Sicher­heit fürcht­en. Sie gaben an, dass der einzige Weg zu Gerechtigkeit ihre Aus­sage gegen Jean Morose Viliena sei, doch dass sie ohne angemesse­nen Schutz fürcht­en, getötet zu wer­den, noch ehe sie ihre Aus­sage machen kön­nen.” — Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­lene schriftliche Aktio­nen, möglichst unverzüglich und nicht über den 24. Mai 2017 hin­aus, unter »> ai : urgent action

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vom suchen und finden

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zoulou : 15.01 UTC — Das Suchen nach Gegen­stän­den in Gärten, oder das Suchen nach Men­schen in Wäldern oder Park­land­schaften, wo sie sich frei­willig ver­steck­ten, Vergnü­gen, Freude, Glück, wie das Suchen nach Büch­ern oder Zitat­en in Anti­quar­i­at­en, die zum Zeit­punkt der Suche noch nicht dig­i­tal­isiert wor­den waren. Ein­mal hörte ich eine Fre­undin an ihrem 85. Geburt­stag wie sie sich nach ihrer Brille erkundigte. Ich wusste genau, wo sich die Brille in dem Moment ihrer Frage aufge­hal­ten hat­te, aber meine alte Fre­undin schimpfte, während sie nach ihrer Brille suchte, so fre­undlich vor sich hin, und erzählte Geschicht­en, die sie ent­deck­te, obwohl sie doch nach ihrer Brille suchte, dass ich mir ein wenig Zeit liess, um ihr zu sagen, wo sie ihre Brille sofort find­en kön­nte. Ich erin­nere mich, wie ich als Kind einen Wald durch­suchte, in dem ein weit­er­er, etwas kleiner­er Wald enthal­ten war, ein Efeud­schun­gel näm­lich, es war ein feucht­warmer Tag und die Luft duftete nach Löwen­mä­ulchen. Anstatt der erwarteten Sch­neck­enge­häuse, fand ich eine Herde gold­brauner Frösche vor, die sich ver­mut­lich über mein Erscheinen wun­derten. Vor drei Tagen bemühte ich mich län­gere Zeit um die Erfind­ung ein­er Tele­fon­num­mer, die in der Stadt Chica­go vorkom­men kön­nte, aber garantiert nicht existiert. Und noch heute, vor drei Stun­den, suchte ich nach ein­er größeren oder kleineren Stadt, in der fol­gende Adresse existiert: Im Schnee 10. Obwohl ich zahlre­iche, auch spezielle Such­maschi­nen ver­wen­dete, war ich nicht erfol­gre­ich gewe­sen. Ich sollte vielle­icht sagen, dass manch­mal wun­der­bar ist, nicht zu find­en was man sucht, es kön­nte dann reine Erfind­ung sein. — stop

anjuta

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ulysses : 5.25 UTC — Es ist Mon­tag, früher Mor­gen, und die Vögel pfeifen. Ich bin noch nicht ganz wach, ich habe gut geschlafen, ich hat­te einen lusti­gen Traum: In diesem Traum war ich ver­sucht, Anton Tsche­chow einen Brief zu schreiben. Tat­säch­lich habe ich mich im Traum an meine Schreib­mas­chine geset­zt und notiert: Lieber Mr. Tsche­chow, gestern las ich eine trau­rige Geschichte, die Sie ein­mal aufgeschrieben haben. Sie erin­nern sich vielle­icht an Anju­ta?  Sie lebte in der Pen­sion Liss­abon mit einem Stu­den­ten der Medi­zin in einem schmutzi­gen Chaos. Eigentlich wollte ich nach­le­sen, wie Sie vom anatomis­chen Studi­um bericht­en, vom Ler­nen oder Pauken, eine Ärztin hat­te mich auf ihre Geschichte aufmerk­sam gemacht. Was mich dann sehr berührte, war das Mäd­chen Anju­ta selb­st, ihre Geduld oder Duld­samkeit, wie trau­rig, wie sie als men­schlich­er Gegen­stand ange­se­hen und behan­delt wurde, eine gute Geschichte! Es ist noch etwas Weit­eres geschehen, ich erin­nerte mich im Traum ein­mal, vor eini­gen Jahren, Ihre gesam­melten Erzäh­lun­gen, Nov­ellen, The­ater­stücke, Essays in dig­i­taler Spur aus dem Inter­net geladen zu haben, 19657 Posi­tio­nen. Ich bemerk­te damals, dass es tatsäch­lich möglich ist, für den Preis ein­er Pista­zien­eis­kugel Joseph Roths Gesam­melte Werke auf ein Paperw­hite – Lese­gerät zu holen. James Joyces Ulysses kostet soviel wie keine  Eiskugel. Vir­ginia Woolfes Mrs. Dal­loway eine halbe Kugel. Ihre, Anton Pawlo­witsch Tsche­chows Kurz­ge­schichten, Nov­ellen, Dra­men wiederum eine voll­stän­dige Kugel / Down­loadrei­se­zeit : 5,2 Sekun­den. Sehr beun­ruhi­gend, wie ich finde. Gle­ich werde ich aufwachen, ich werde einen Cap­puc­ci­no trinken, und dann werde ich Ihnen diesen Brief, den ich träumte, notieren an einem frühen Mor­gen bald, wenn Mon­tag sein wird bei leichtem Regen, und die Vögel pfeifen. — stop

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kamelschnellbahngeschichte

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marim­ba : 6.28 UTC — Der junge Mann, der mir eine Geschichte von Kame­len erzählt, ist 22 Jahre alt. Er trägt ein leuch­t­end blaues Hemd, das sieht an ihm sehr gut aus, weil seine Haut­farbe dunkel ist, weil er ein Mann ist, der tat­säch­lich aus Afri­ka kommt, der aus Afri­ka geflüchtet ist, obwohl er ganz sich­er nicht aus Afri­ka flücht­en wollte. Wäre er nicht aus der Not her­aus geflüchtet mit Zügen und Bussen und zwei Flugzeu­gen, dann wäre er jet­zt tot. Weil er nicht tot ist, sitzt er mit mir in ein­er Schnell­bahn und wir sprechen kurz über sein Land, das ich unbe­d­ingt ein­mal besuchen werde, wenn es dort so sein wird, dass man mich nicht sofort umbrin­gen wird. Der junge Mann kommt aus Soma­lia, sein Groß­vater hütete Kamele. In sein­er Kind­heit trank er immer viel Kamelmilch. Es gibt, sagt er, nichts Gesün­deres auf der Welt als Kamelmilch. Sie schillert nicht wie die Milch der Kühe, sie ist etwas bit­ter und süß zur gle­ichen Zeit. Er sagt noch, dass er ger­ade sein Geld zäh­le, er wolle nach Afri­ka reisen. In Afri­ka angekom­men werde er soviel Kamelmilch trinken, wie in seinen kleinen Bauch über­haupt jemals hinein passen wird. Und jet­zt ist die Schnell­bahn am Ziel, und der junge Mann steigt aus. Ich seh noch seine Hand, wie sie mir winkt über die Köpfe der Pendler­men­schen hin. — stop

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beckett

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char­lie : 6.32 UTC — In dem kleinen Café, das den Namen Sahara trägt, wird Men­schen, die am Flughafen arbeit­en, Rabatt gewährt. Iclal ist müde, sie kommt ger­ade von der Arbeit. Außer­dem schneit es in ein­er Weise, als wäre Win­ter. Sie zieht ihren Man­tel aus und die Hand­schuhe, legt sie auf den Tisch vor sich hin und sagt: Ich will über die Abstim­mung in der Türkei nicht sprechen. Sprechen wir über meine näch­ste Reise, ich weiss nicht wohin ich reisen soll, ich bin seit ich denken kann, immer in die Türkei gereist, dies­mal werde ich nicht in die Türkei reisen. — Ist es zu gefährlich, frage ich. — Nein, antwortet lcal, es ist nicht gefährlich für mich, ich will nicht. Wohin kön­nte ich nur reisen im Som­mer? — Ich sage: Venedig ist schön, aber eher im späten Herb­st, vielle­icht magst Du in die Berge gehen, Du kön­ntest auf ein­er Hütte im Kar­wen­del­ge­birge wohnen und wan­dern, das ist ganz wun­der­bar dort. In diesem Moment ent­decke ich einen Schriftzug von weiss­er Farbe, der Iclals rosa­far­benes T-Shirt bedeckt: Ever tried. Ever failed. No mat­ter. Try Again. Fail again. Fail bet­ter. Das sind wun­der­bare Worte, sage ich, Samuel Beck­ett hat sie geschrieben. — Ja, wirk­lich, antwortet Ical, wer ist das? Sie sieht an sich herab. Ich habe nicht darauf geachtet, was da ste­ht, das ist Englisch, ich kann kein Englisch, was ste­ht da, das Beck­ett geschrieben hat? — Ich über­lege, wie ich Beck­etts Sätze kor­rekt über­set­zen kön­nte. ich über­lege lange. Das ist offen­sichtlich schwierig, sagt Iclal. Nein, sage ich, das ist Poe­sie, da muss man sehr behut­sam mit den Wörtern umge­hen, man muss sehr genau sein. Kurz darauf werde ich mit mein­er Über­set­zung fer­tig. Iclal hört zu. Iclal begin­nt zu lachen. Bald bekommt sie kaum noch Luft wie so lacht, und ich dachte noch, wie gerne ich ihr Lachen in diesem Moment auf Ton­band aufgenom­men hätte — stop

montauk

picping

MELDUNG. Mon­tauk, Point Light­house, 5. Etage, stein­ernes Zim­mer : Kirsche No 282 [ Mar­mor, Makrana : 3.08 Gramm ] vol­len­det. — stop

ping

von rechenkernen

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lima : 18.12 UTC — Apfelk­ern. Man­delk­ern. Rechenkern. — Ich stellte mir vor, wie ich mit fein­sten Werkzeu­gen einen Kirschk­ern öffne, wie ich in der Kirschk­ern­höh­le ein gefal­tetes Blatt Papi­er ablege, auf dem mit kle­in­sten Schriftze­ichen ein Gedicht verze­ich­net wurde. Wie ich nun den Kern ver­schliesse, wie ich ihn zurück­lege in seine Frucht, wie ich jet­zt zufrieden und glück­lich bin. — Oder die Vorstel­lung der Rechenkerne eines Prozes­sors. Wie ein oder zwei Roma­nen­twürfe möglicher­weise heim­lich in ihren Reg­is­ter­w­erken ver­steckt sein kön­nten, kuriose Idee. Das habe ich mir aus­gedacht, weil ich gestern Abend hörte, dass Rechenkerne für math­e­ma­tisch-logis­che Sprachein­drücke zu jed­er Zeit empfänglich sind. Darüber sollte unbe­d­ingt weit­er nachgedacht wer­den. — stop
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landau

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ulysses : 16.05 UTC — Wenn ich Men­schen, junge oder ältere Men­schen frage, ob sie den Moment erin­nern, da sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben selb­st die Schuhe gebun­den haben, sind sie erstaunt, nicht nur deshalb, weil ich mich nach einem weit zurück­liegen­den Ereig­nis erkundigte, son­dern auch, weil sie nicht sel­ten sofort in der Lage waren, eine Geschichte vom Schuh­binden zu erzählen. Men­schen, welche sie lehrten, ihre Schuhe zu binden, auch die Farbe der Schuhe oder Orte, eine Treppe, die Küche oder ein Garten kehrten ins Bewusst­sein zurück. Wer sich die Schuhe selb­st zu binden ver­mag, kann das Haus ver­lassen, kann eine kom­plexe Fig­ur mit Hän­den gestal­ten, über­all auf der Welt scheint die Meth­ode der Schleife zu existieren, ja, Schleifen sind kom­plexe Struk­turen, die ein­er­seits sich selb­st erhal­ten mit­tels Umar­mung, ander­er­seits sich auf einen Zug­wun­sch hin sofort aus ihrer Bindung lösen. Ich selb­st habe mich in Lan­dau unter einem Apfel­baum auf einem Bänkchen von Holz sitzend in der Schuh­bindung geübt, meine Damalss­chuhe waren blau und rot, die Gänse­blüm­chen weiss, der Löwen­zahn gelb, die Luft roch nach Stall und meine Tante duftete nach Moos und 4711. Gidhsti, die in Eritrea gross gewor­den ist, sagte: Was für eine selt­same Frage! Wir hat­ten nichts zu binden, wir sind bar­fuss gewe­sen oder tru­gen San­dalen. Ich war unge­fähr 20 Jahre alt als ich lernte, meine Schuhe zu binden. Darauf muss man erst ein­mal kom­men an einem Son­nta­gnach­mit­tag. — stop
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nachtfaltung

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sier­ra : 20.22 UTC — Etwas Merk­würdi­ges hat sich ereignet. Ich will das schnell erzählen. Es ist näm­lich so, dass ich ein­er Fig­ur, die in einem Textgeschehen existiert, vor Monat­en ein­mal, ich glaube im Novem­ber bere­its, einen Namen gegeben habe, welch­er recht dunkel leuchtet, ein mächtiger, unheim­lich­er Name. Es han­delt sich um die Zeichen­folge Man­drill. Immer wieder ein­mal erzählte ich in der langsamen Entwick­lung des Textes von einem Mann dieses Namens. Als Man­drill gestern unver­mit­telt in ein­er Weise han­delte, die ich nicht erwartet hat­te, zart und ein­fühlsam, schmerzte der Name, als hätte ich mein­er Fig­ur Unrecht getan. Heute mor­gen war die wilde Ver­w­er­fung, die ich gestern noch spürte, wieder sehr schön gefal­tet. Ich trat ans Fen­ster im ersten Licht der Sonne, der Him­mel war voll Wasser­dampf­spuren, welche Nacht­fer­n­flüge an den Him­mel zeich­neten. Kein Men­sch auf der Straße, aber zwei Eich­hörnchen, die auf einem Briefkas­ten saßen. Das habe ich noch nie so gese­hen, gestern noch hätte ich behauptet, Eich­hörnchen wür­den niemals auf Briefkästen sitzen. Deniz Yücel weit­er­hin in Haft. — stop

2 engel

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sier­ra : 16.15 UTC — Ein Fre­und zeigte eine Mappe, die er stets mit sich nimmt, um zur Arbeit zu fahren. Schau, sagte er, bei diesem Fach hier han­delt es sich um ein oper­a­tives Fach, in welchem sich vier weit­ere Fäch­er befind­en, dort ruhen Schlüs­sel, Porte­mon­naie, Codekarten, Handytele­fon. Das zweite größere Fach link­er­hand birgt Abteile für meine Reise­büch­er für die Staßen­bahn, 1 Kühlfach für Schoko­lade, 1 Fach, in welchem 2 fin­ger­lange Engel hausen, das öff­nen wir lieber nicht, und in diesem Fach hier nun befind­en sich weit­ere sehr wesentliche Dinge, Blüten­samen beispiel­sweise, 1 Stre­ich­holzschachtel, 1 Kom­pass und 1 Wan­derkarte, 1 Kaf­feether­moskanne, 1 Fotoap­pa­rat, 28 Beu­tel Trinkwass­er des Jahres 1988, 16 Por­tio­nen Fer­tig­nahrung, 3 Kilo­gramm Trock­en­brot, 36 Tablet­ten gegen Seekrankheit, 1 schwimm­fähiges Mess­er, 5 Sig­nal­fack­eln in rot, 2 Sig­nal­fack­eln in gelb, 1 Sig­nalflöte, 1 Schöpfge­fäß, 1 Ret­tungswest­en, 1 Wurfring mit Leine, 1 wasserdichte Taschen­lampe, 14 Bat­te­rien, 1 Gas­feuerzeug, 5 Fetts­tifte, 1 Über­leben­shand­buch in finnis­ch­er Sprache, 1 Funkschreib­mas­chine mit Hand­kurbel. — Selt­same Geschichte. — stop

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iphepha

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ulysses : 17.35 UTC — Ich stelle mir vor, jed­er Gedanke jedes einzel­nen Men­schen dieser Welt würde für eine Stunde nur zu Wörtern auf Papi­er. Wie viel Papi­er? — stop

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kaktusblüte

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nord­pol : 18.52 UTC — Ein Zufall führte mich in einem Moment zu Her­rn K., als er ger­ade zum ersten Mal sein neues Büroz­im­mer betrat. Er führte einen Kar­ton mit sich, nicht größer als eine Schuh­schachtel. Aus diesem Behält­nis hob er eine Note­bookschreib­mas­chine, ein Mäp­pchen mit Bleis­tiften, eine far­bige Fotografie, sowie einen fin­ger­ho­hen Kak­tus, der blühte. Herr K. prüfte die Schubladen des Schreibtis­ches, der zu dem kleinen Zim­mer mit Aus­blick auf einen Park gehörte, sie waren leer. Seinen Kak­tus stellte er auf die Fen­ster­bank, die Fotografie neben ein Tele­fon, das sich bere­its im Zim­mer befun­den hat­te, ehe Herr K. einge­treten war. Er set­zte sich auf einen Stuhl und sagte: Wis­sen Sie, mehr brauche ich nicht. Das soll­ten Sie immer bedenken, nur niemals heimisch wer­den, nur nicht glauben, dass Ihnen dieses Büro gehört. Im Gegen­teil, Sie selb­st gehören diesem Zim­mer wie jed­er andere, der nach Ihnen an dieser Stelle arbeit­en wird. Wer in und von diesem Zim­mer aus operiert, muss sich bewusst sein, dass er jed­erzeit eben­so plöt­zlich wie er gekom­men ist, auch wieder gehen wird. In dieser Pos­tion, die Sie hier oben bek­lei­den, haben Sie Erfolg oder sie haben keinen Erfolg. Binden sie sich also nicht, arbeit­en Sie konzen­tri­ert und genießen Sie die Aus­sicht, aber, um Him­mels Willen, fühlen Sie hier niemals zu Hause! — Diese Geschichte ereignete tat­säch­lich an einem Fre­itag im Juli des ver­gan­genen Jahres. — stop

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ein mädchen

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alpha : 17.15 UTC — Auf dem Heimweg begeg­nete ich in der Nähe ein­er Kreuzung einem Mäd­chen namens Lara, das ich sofort wieder­erkan­nte. Lara stand auf der Straße und zeich­nete mit­tels eines Putzgerätes Herzen von Seife auf die Frontscheiben schnur­ren­der Auto­mo­bile. Ver­mut­lich ver­suchte sie in dieser Weise einen Kon­takt zu Per­so­n­en herzustellen, die in den Lim­ou­si­nen warteten, um einen Auf­trag zur Säu­berung der Fahrzeugscheiben ins­ge­samt zu erhal­ten. Lara war nicht sehr erfol­gre­ich, aber eben­so entschlossen und char­mant, wie vor Jahren noch, als sie ver­sucht hat­te, im Bahn­hof mein Porte­mon­naie zu rauben. Eigentlich sollte Lara um diese Uhrzeit in der Schule sein. Plöt­zlich bemerk­te sie, dass sie beobachtet wurde, sie lächelte zunächst, blick­te dann aber äusserst grim­mig in meine Rich­tung, nicht etwa weil sie in mir unmit­tel­bar eines ihrer früheren Opfer erkan­nte, son­dern ver­mut­lich deshalb, weil sie in meinem Blick etwas ent­deck­te, das sie an frühere Tätigkeits­felder erin­nerte. Also flüchtete sie mit­tels ele­gan­ter Sprünge über zwei Motorhauben hin­weg zur gegenüber­liegen­den Straßen­seite hin. Dort drehte sie sich um und lächelte. — stop

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