nuevo mundo

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lima : 12.15 UTC – Ich stelle mir einen Film vor, ein mediales Arche Noah Prinzip, jedes Lebe­wesen unseres Planeten wäre darauf verzeichnet, jede Pflanze, auch das mikro­sko­pisch Kleinste, Mikroben, Bakte­rien, Viren. In kürzeste Schnitt­folgen müßte dieser Film zerlegt sein, um in mensch­li­cher Lebens­zeit je betrachtet werden zu können. Welches Lebe­wesen könnte auf dem letzten verfüg­baren Bild des Filmes zu sehen sein? – stop

ping

licht

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papa : 15.16 UTC – Es ist Sonntag. Auf dem Bild­schirm einer Schreib­ma­schine ist die digi­tale Darstel­lung einer Druck­fahne zu erkennen. Letzte Minuten einer letzten Stunde sind gekommen, da der Autor noch eine Korrektur seines Textes unter­nehmen könnte. Zeichen für Zeichen, Wort für Wort durch­stö­bert er sein Werk. Wenn man nun die Fenster des Zimmers verdun­keln würde, könnte man bemerken, dass sich die Augen des Autors in zart leuch­tende Lampen verwan­delt haben. – stop

ping

amsterdam

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hima­laya : 15.16 UTC – Einmal erwar­tete ich in einem Café an der Central­sta­tion die Ankunft eines Zuges aus Amsterdam. Um die Zeit zu vertreiben, suchte ich in den Archiven meiner Schreib­ma­schine nach einem Bild, an das ich mich aus irgend­einem Grund erin­nert hatte. Ich wusste noch, dass dieses erin­nerte Bild im eigent­li­chen Sinne kein Bild ist, unbe­weg­lich, sondern eine Gruppe von Foto­gra­fien, die in vorbe­stimmter Reihen­folge rhyth­misch zur Auffüh­rung kommen. Es handelt sich in etwa um eine Serie gefan­gener Bilder, die einen oder vier Männer zeigen, der oder die sich in akro­ba­ti­scher Weise durch vier Zimmer eines Hauses bewegen. Kurz nachdem ich das animierte Bild gefunden hatte, schaute mir ein Mädchen von viel­leicht sechs Jahren neugierig über die Schulter. Sie sagte: Das ist aber lustig! – Findest Du, fragte ich zurück. Das ist doch aber sehr anstren­gend, was die Männer da tun! – Das Mädchen schaute mich an und verdrehte die Augen: Die Männer sind ja nicht echt! – stop


von gedankenlichtern

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bamako : 22.01 UTC – Vor wenigen Tagen spazierte ich an einem späten Nach­mittag in einem Garten. Da ist etwas Merk­wür­diges geschehen. Während ich sehr langsam Schritt für Schritt vorwärts, seit­wärts oder rück­wärts ging, begann ich zu erzählen, Geschichten wie Blüten in meinem kleinen Kopf. Kaum hatte ich eine Geschichte zu Ende erzählt, waren weitere Geschichten aus den Wörtern bereits gewachsen, die sich öffneten, die erzählt werden wollten, helle oder dunk­lere Geschichten wie Lebe­wesen, und ich dachte noch, wie das so geht, wie die Geschichten kommen und gehen, Erin­ne­rungen, als wollte sich plötz­lich mein halbes Leben erzählen. So, im Erzählen im lang­samen Gehen, habe ich die Zeit vergessen. Der Flug der Tauben­schatten vor dem Abend­himmel, die vom Luft­glück der Vögel erzählten. Ich hörte von Gedan­ken­lich­tern, von rotglim­menden Tasta­turen. Seit zwei Tagen sitze ich immer wieder einmal ganz still und versuche mir Gedanken vorzu­stellen, die paral­lele Gedanken sind, Gedanken zur selben Zeit. Ich befinde mich sozu­sagen auf der Suche nach Gedanken, die viel­leicht stimmlos, aber voll Licht sind, Gedanken wie Bilder, die sich in derselben Zeit bewegen? Jetzt habe ich einen kleinen Knoten im Kopf. – stop
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piquiá

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MELDUNG. Eine Blatt­schnei­der­ameise der Gattung atta laevi­gata obscura feiert heute im Amazo­nas­be­cken nahe der Stadt Piquiá ihren 188. Geburtstag. Herz­li­chen Glück­wunsch. – stop
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vom drohnenvögelchen

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echo : 17.18 UTCEr fliegt nicht, sagte die kleine S. am Telefon. Es ist früher Abend, die helle Stimme am Telefon klang ängst­lich. – Wer fliegt nicht, wollte ich wissen? – Na, der Vogel, den Du mir geschenkt hast, er sitzt auf dem Boden und bewegt sich nicht. S. war beun­ru­higt, sie sagte, der Vogel sei gerade noch durch die Küche geflogen, dann sei er vor dem Küchen­tisch gelandet, jetzt sitze er reglos auf dem Boden. Sind denn seine Lichter noch an, erkun­digte ich mich. Nein, sagte S., auch die Lichter brennen nicht, und er sagt nichts, keinen Pieps. – Ich über­legte kurz, wech­selte den Hörer meines Tele­fons vom linken an mein rechtes Ohr: Ich glaube, ich weiss warum Dein Vogel gerade nicht fliegt. Hör zu, ich werde mich ein wenig umhören, dann rufe ich Dich wieder an! – Viel­leicht sollte ich an dieser Stelle  schnell erzählen, dass ich meiner Nichte S. im vergan­genen Jahr zu Weih­nachten eine finger­lange Drohne für Kinder schenkte, die wunderbar blinken kann in blauen und roten Farben. Von Zeit zu Zeit gibt sie Geräu­sche von sich als wäre sie eine Loko­mo­tive. Dieses Wesen, dem Vernehmen nach welt­weit die einzige Loko­mo­ti­ven­gat­tung, die zu fliegen vermag, lässt sich über eine hand­liche Funk­steue­rung manö­vrieren. Ich habe das selbst auspro­biert, das ist nicht ganz einfach für Kinder, und auch für erwach­sene Personen durchaus eine Heraus­for­de­rung. Ich vermu­tete nun, dass die Strom­ver­sor­gung der Drohne mögli­cher­weise ausge­fallen sein könnte. Kurz nachdem ich heraus­ge­funden hatte, wie man die Batte­rien der Loko­mo­tive auswech­seln könnte, rief ich meine Nichte wieder an. Ihre Mutter kam ans Telefon, Sekunden später S., die fröh­lich erzählte, der Vogel sei wieder in der Luft, sie könne im Moment nicht reden, sie müsse aufpassen, dass der Vogel sich nicht wieder auf den Boden setzt. Ein leises Surren war zu hören, dann Schritte, dann eine helle Stimme, die bereits zum Vogel sprach: Komm, wir fliegen jetzt ins Wohn­zimmer. – stop

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nachtzug nach douala

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tango : 7.15 UTC – Akos­siwa, die ihr junges Leben über­wie­gend in der Stadt Yaoundé verbrachte, erklärte während eines Gesprä­ches im Zug, Tiere, die ich als wilde Krea­turen bezeich­nete, Affen, sagen wir, Löwen, Anti­lopen, würden in ihrem Heimat­land im zentralen Zoo der Haupt­stadt leben. Man könne sie dort besu­chen, man müsse sich nicht fürchten, aller­dings würde der Besuch Eintritt kosten. Erst einmal musst Du über­haupt nach Kamerun fliegen. Du fliegst, sagt Akos­siwa, am Besten über Paris oder Amsterdam nach Yaounde, das ist über­haupt kein Problem. Ich hatte Akos­siwa eine durchaus drama­ti­sche Vorstel­lung ihres Landes skiz­ziert, in der vermut­lich wirk­liche wilde Tiere natür­li­cher­weise auch jenseits der Natur­re­ser­vate exis­tieren. Kurz darauf entwi­ckelte sich ein aufre­gendes Gespräch über Wahr­neh­mung, Wirk­lich­keit und Projek­tion einer­seits, ande­rer­seits über die Exis­tenz wiederum der nieder­bay­ri­schen Auer­hähne in meinem persön­li­chen Leben. Eine Zugfahrt von Ngaoun­déré nach Douala sei reiz­voll, berich­tete Akos­siwa, es exis­tiere auch eine Nacht­zug­ver­bin­dung, die würde sie aber nicht empfehlen: Weil Du nichts siehst! – stop

eine frau

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delta : 12.22 UTC – Eine Frau sitzt neben einem Tisch auf einem harten Stuhl. Ihr rechter Arm liegt auf dem Tisch, eine Ärztin misst den Blut­druck. Es ist still in dem Zimmer in diesem Augen­blick. Nur das Moto­ren­ge­räusch des Mess­ge­rätes, das Luft in eine Manschette pumpt, die um den Arm der Frau gelegt wurde, brummt als hockte ein große träu­mende Fliege unter dem Tisch. Dann ist die Fliege plötz­lich still und die Ärztin notiert einige Zahlen und nickt mir zu, ohne etwas zu sagen. Als ich mich zu der Frau setze, weicht sie auf dem Stuhl kaum merk­lich zurück. Ich frage: Wollen Sie viel­leicht Tee? – Die Frau schüt­telt den Kopf und lächelt. Darf ich Ihnen ein oder zwei Fragen stellen? – Wieder lächelt die Frau. Sie ist scheu. Aber sie will nicht zeigen, dass sie scheu ist, so könnte das sein. Ein selt­samer Moment, alles im Zimmer scheint zu schweben, der Tisch, die Stühle, die Menschen. Ich weiss, dass die Frau, deren Blut­druck gemessen wurde, aus der Ferne gekommen ist, so fern ist das Land, von dem sie gekommen ist, dass ein Jahr vergehen würde, ehe man dieses Land zu Fuß erreichte. Es ist ein Wunder, dass sie meine Sprache versteht, immer wieder denke ich, wie gut, dass Menschen in der Lage sind, die Spra­chen anderer Menschen zu erlernen. Und wie sie jetzt lächelt, ich meine, noch nie zuvor ein derart mutiges Lächeln gesehen zu haben, während die Ärztin etwas getrock­netes Blut von ihrem Hals tupft. Behutsam wird eine kleine Wunde versorgt, die unter dichtem Haar im Verbor­genen liegt. Die Ärztin nimmt sich viel Zeit, sie geht hinter der verletzten Frau in die Hocke und beginnt leise zu spre­chen. Sie sagt: Das ist merk­würdig! Und noch einmal sagt sie: Das ist merk­würdig. Wie sie sich wieder aufrichtet, macht sie ein sehr ernstes Gesicht. Bald kniet sie vor der verletzten Frau auf dem Boden, nimmt eine Hand der Frau und drückt sie fest: Machen sie sich keine Sorgen, das ist nur eine kleine Wunde, die Blutung ist längst gestillt. Die Ärztin, die etwas schwitzt, sieht der mutig lächelnden Frau in die Augen. Plötz­lich fragt sie: Sind Sie geschlagen worden? Sofort nickt die Frau, ihr Gesicht scheint zu leuchten, und noch einmal nickt sie und sagt mit sehr heller Stimme: Ja. Und die Ärztin fragt: Sie wissen, von wem sie geschlagen wurden?Ja, antwortet die Frau ein zweites Mal, das weiß ich. Die Ärztin erhebt sich und wendet sich wieder dem Ort zu, da die Frau am Kopf verletzt wurde. Erneut geht sie in die Hocke und betrachtet die Verlet­zung auf das Genau­este. Behutsam fährt sie der Frau über das Haar, sie scheint eine weiter­füh­rende Unter­su­chung vorzu­nehmen. Und wie sie so arbeitet, schliesst die verletzte Frau ihre Augen, als wollte sie viel­leicht verbergen, was sie fühlte. So, mit geschlos­senen Augen, sagt sie plötz­lich mit fester Stimme: Ich würde doch gerne einen Tee trinken!Das ist gut, antworte ich und stehe auf. Die Ärztin ist indessen mit ihrer Unter­su­chung zu Ende gekommen, sie setzt sich auf den frei­ge­wor­denen Stuhl und stellt mit nüch­terner Stimme fest: Sie sind nicht zum ersten Mal geschlagen worden! – Die Frau nickt wortlos. Und die Ärztin sagt: Sie sind sehr oft geschlagen worden! Immer wurden Sie auf den Kopf geschlagen, kann das sein? – Wieder nickt die Frau und beginnt zu weinen. – stop

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morgenstaubgeschichte

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ulysses : 12.22 UTC – Was für ein schöner Sonntag. Das noch tief­ste­hende Licht der Sonne, die am frühen Morgen in den Central­bahnhof leuchtet, als würde sie immer dort in genau dieser Höhe von Osten her durch die Fenster scheinen. Eine Sonne nur für diesen Ort. Da ist feiner Rauchs­taub, der aus einem Laden heraus durch die Halle schwebt. Die Raucher rauchen, indessen sie neue Rauch­waren besorgen. Bitter schme­ckende Holz­pa­pier­luft. So muss das geduftet haben, genau so oder so ähnlich, ohne moderne Parfüme, wenn unter den Hafen­him­meln des 16. Jahr­hun­derts, nach langer Fahrt, die Bäuche der Handels­schiffe geöffnet wurden. Die Entzün­dung des getrock­neten, des weit­ge­reisten Mate­rials vor der Mund­öff­nung eines Euro­päers führte zu einem Vorgang, den man zunächst als die Sauferei des Nebels bezeich­nete, als Rauch- oder Tabak­trinken. Ja, was für ein schöner Sonntag. Ich gehe zu unge­wohnter Zeit mit Tagaugen durch meine Stadt, als würde ich durch Brooklyn spazieren. – stop

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nuriye gülmen

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romeo : 0.01 UTC – Ich kenne Jasus, der eigent­lich ganz anders heisst, seit einigen Monaten flüchtig. Wir begegnen uns von Zeit zu Zeit am Bahnhof oder im Zug. Einmal kamen wir auf seine Heimat­stadt Istanbul zu spre­chen. Er sagte, dass er sich freuen würde, wenn ich Istanbul gerade jetzt in dieser schwie­rigen Zeit besu­chen würde. Jasus ist glühender Verehrer des türki­schen Präsi­denten, der habe sein Land moder­ni­siert, er könne endlich stolz sein auf die Türkei. Ich erwähnte, dass ich Oran Pamuk sehr gerne lesen würde, da wurde Jasus vorsichtig, der Pamuk wäre ihm nicht geheuer, der soll kritisch über die Türkei geschrieben haben, obwohl er doch selbst Türke sei. Nun saßen wir kürz­lich auf einer Bank im Flug­ha­fen­ter­minal 1. Ich fragte Jasus, ob er bereit wäre, einen Film der Deut­schen Welle anzu­sehen, den ich auf meinem Note­book gespei­chert mit mir führte. Der Film berichtet von einer Dozentin der Lite­ra­tur­wis­sen­schaften, die seit vielen Monaten in Ankara öffent­lich darum kämpft, an ihren Arbeits­platz zurück­kehren zu dürfen. Sie wurde deshalb jeden Tag verhaftet und erst nach je 5 Stunden wieder frei­ge­lassen. Von Nuriye Gülmen hatte Jasus noch nie gehört, aber er wollte den Film betrachten. Ich stellte mein Note­book also zwischen uns ab, und Jasus verfolgte den Film wortlos von der ersten bis zur letzten Minute. Ich meinte zu bemerken, dass ihm der Film nahe zu gehen schien. Als der Film zu Ende war, wollte er wissen, warum ich ihm die Aufnahme gezeigt habe. Ich sagte: Ich finde, diese Frau hat Recht, sie kämpft um ihre Exis­tenz, sie kämpft für Gerech­tig­keit und Frei­heit, sie ist unge­heuer mutig. Ja, antwor­tete Jasus, sie ist mutig und sie ist verrückt. Er machte ein Pause. Er schien zu über­legen. Dann fragte er, was mich denn eigent­lich diese ganze Geschichte angehen würde? Diese Geschichte gehe nur ihn und seine Lands­leute etwas an. – Ein Funke Hoff­nung! – Seit vier Wochen befindet sich Nuriye Gülmen im Hunger­streik. – stop

modern

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charlie : 8.01 UTC – Die selt­same Sprache der modernen Welt im alltäg­li­chen Gebrauch. Einer sagt, nachdem er sich verliebte, er werde mutig in Gefühle inves­tieren. Ein anderer trifft sich mit Freunden und spricht am Telefon davon, sich gerade in einem Meeting zu befinden. Vor zwei Tagen wurde ich von einer Freundin gebrieft, sie habe sich von ihrem Mann getrennt. Ein Cluster von Kompli­ka­tionen verhin­derte die Zulas­sung seines Sohnes zur Prüfung am MIT, berichtet ein guter Bekannter. Er schreibe ein Memo, verspricht ein Nachbar, ich weiss nicht worüber. Unlängst war ich versucht, folgendes zu sagen: Ich arbeite in der erzäh­lenden Infor­ma­ti­ons­ver­ar­bei­tung. Ich sagte dann: Ich schreibe Geschichten. – stop

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bildschirmlicht

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hima­laya : 7.30 UTC – Erster Twit­ter­film: Ein Mädchen, das in Aleppo lebt, sagt: Viel­leicht ist es das letzte Mal, dass Sie mich lebend sehen! Das Mädchen scheint in einem Keller zu sitzen. Sie ist zum Zeit­punkt dieser Aufnahme viel­leicht acht Jahre alt, vermut­lich ist Abend. Der Angriff der syri­schen Armee auf die Stadt wird für die kommende Nacht erwartet. – Ein zweiter Twit­ter­film: Auf einer Bahre in einem Kran­ken­haus liegt eine Frau, fahle Haut, sie sieht in die Kamera und sagt: Bitte helfen Sie uns! Im Hinter­grund sind Deto­na­tionen zu hören. – Ein dritter Twit­ter­film: Der junge Mann, der erzählt, dass die Kämpfe in der Stadt wieder zuge­nommen haben, sieht sich immer wieder um. Er müsse jetzt von der Straße, hier sei es zu gefähr­lich. Es wird sogleich dunkel auf dem Bild­schirm, indem der junge Mann die Linse seiner Kamera mit einer Hand bedeckt. – Ich denke in diesem Moment, dass das Licht der hand­li­chen Film­ma­schinen immer näher an mein Leben heran­kommt, jeder­zeit mögli­ches Licht, das auf Servern der Welt auf mich wartet. Ich spreche darüber mit einem Freund, dessen Aufgabe ist, Filme aus dem syri­schen Bürger­kriegs­ge­biet zu analy­sieren. Ja, soviel mögli­ches Licht ist in der Welt, sagt N., dass man sich die Seele an diesem Licht sehr schwer verbrennen kann. Er habe vor einem Jahr einen Ruhetag pro Woche defi­niert, da er seine Compu­ter­ma­schine nicht anschalte. Was machst Du an diesen Tagen, fragte ich. Ich lese, ich gehe mit meiner Lebens­ge­fährtin spazieren, ich liege im Sommer stun­den­lang neben ihr in einer Wiese und schaue den Wolken zu. Dann wird Nacht und ich sitze morgens wieder vor meinen Bild­schirmen und rufe Film­licht auf, das neu hinzu­ge­kommen ist. Da sind zwei Männer, sie halten den Splitter eines Geschosses vor die Kamera ihres Mobil­te­le­fons. Ich stoppe den Film, notiere Schrift­zei­chen in gelber Farbe, Rudi­mente, betrachte die Umge­bung der Männer, versuche heraus­zu­finden, wo sie sich viel­leicht befinden, ob sie sich wirk­lich dort befinden, wo sie zu sein behaupten, welche Tages­zeit. Ich habe Algo­rithmen entwi­ckelt der Film­be­fra­gung. Ich werde dadurch schneller. – stop

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ein mann des lichts

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bamako : 0.01 UTC – Im Alter schwindet seine Sehkraft. Es bleiben ihm noch Hörbü­cher. Dieser würde­volle, feine Mann. Wie er leise und langsam von meinem Fern­seh­bild­schirm aus spricht: Dadurch kompen­siere ich … damit ( mit den Hörbü­chern ) eigent­lich meine … Verzweif­lung. Der große Kame­ra­mann Michael Ball­haus ist gestorben. – stop

jangbongdo

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MELDUNG. Tief­see­ele­fanten, 358 hupende Rüssel­rosen, nahe Jang­bongdo im Gelben Meer gesichtet. Man befindet sich in zirku­lie­render Bewe­gung. – stop
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ai : HAITI

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MENSCHEN IN GEFAHR : “Die Menschen­rechts­ver­tei­diger David Boni­face und Juders Ysemé fürchten nach dem plötz­li­chen Tod ihres Kollegen Nissage Martyr um ihr Leben. Nissage Martyr starb einen Tag, nachdem die drei in den USA gegen Jean Morose Viliena, den ehema­ligen Bürger­meister ihrer Heimat­stadt in Haiti, Klage wegen schwerer Menschen­rechts­ver­let­zungen einge­reicht hatten. Die Männer berichten seit 2007 von wieder­holten Mord­dro­hungen und Angriffen durch den ehema­ligen Bürger­meister. Sie müssen daher ange­mes­senen Schutz erhalten. / Am 22. März reichten David Boni­face, Juders Ysemé und Nissage Martyr Klage gegen Jean Morose Viliena, den ehema­ligen Bürger­meister ihrer Heimat­stadt Les Irois im Südwesten von Haiti, bei einem Bundes­ge­richt in Boston im Nord­osten der USA ein. Die Klage wurde in den USA einge­reicht, weil Jean Morose Viliena Anfang 2009 in die USA geflohen war, nachdem die haitia­ni­schen Behörden wegen des Mordes an David Boni­faces Bruder im Jahr 2007 und eines Angriffs auf den Gemein­de­ra­dio­sender im Jahr 2008 ein Straf­ver­fahren gegen ihn einge­leitet hatten. Bei diesem Angriff verlor Nissage Martyr ein Bein und Juders Ysemé ein Auge. Die drei Männer werfen Jean Morose Viliena vor, dass er für eine Reihe von Angriffen gegen seine Kritiker_innen verant­wort­lich ist, darunter “Brand­stif­tung”, “außer­ge­richt­liche Hinrich­tungen”, “versuchte außer­ge­richt­liche Hinrich­tung”, “Folter” und “Verbre­chen gegen die Mensch­lich­keit”. Die Verbre­chen wurden auf seine Anwei­sung hin von einer bewaff­neten Gruppe verübt, die mit seiner poli­ti­schen Partei in Verbin­dung steht. Am 24. März 2017, einen Tag nachdem die Klage gegen Jean Morose Viliena einge­reicht worden war, erkrankte Nissage Martyr plötz­lich schwer und starb auf dem Weg ins Kran­ken­haus von Les Irois. Seine Familie gibt an, dass er zuvor ganz gesund war. Mit Hilfe ihrer Rechts­bei­stände fordert die Familie eine sofor­tige unab­hän­gige Autopsie und umfas­sende Unter­su­chunge seines Todes. Die örtliche Staats­an­walt­schaft hat zwar die Autopsie geneh­migt, doch bis jetzt keine Unter­su­chung aufge­nommen. / David Boni­face und Juders Ysemé sind Menschen­rechts­ver­tei­diger und werden als Unter­stützer der Partei Orga­ni­sa­tion du Peuple en Lutte, einer Oppo­si­ti­ons­partei in Haiti, betrachtet. Seit 2007 berichten die beiden Männer und Nissage Martyr, dass Jean Morose Viliena und seine Verbün­deten ihnen Mord­dro­hungen schi­cken und sie tätlich angreifen und versucht haben, sie zu töten, weil sie ihre legi­time Arbeit als Menschen­rechts­ver­tei­diger ausführen. Im Zuge dessen haben sie das erste Gemein­de­radio initi­iert sowie die straf­recht­liche Verfol­gung von Jean Morose Viliena und seinen Verbün­deten ange­strebt, um der Gewalt in der Gemeinde ein Ende zu bereiten. 2015 gewährte die Inter­ame­ri­ka­ni­sche Menschen­rechts­kom­mis­sion den drei Männern und ihren Fami­lien Schutz­maß­nahmen, um ihre Sicher­heit zu gewähr­leisten. David Boni­face und Juders Ysemé berich­teten Amnesty Inter­na­tional, dass die haitia­ni­schen Behörden aufgrund der gras­sie­renden Straf­lo­sig­keit im Land jedoch nichts unter­nommen hätten, um diesen Maßnahmen Folge zu leisten. Die beiden Männer sind nach Nissage Martyrs Tod mit ihren Fami­lien aus Les Irois geflohen, da sie um ihre Sicher­heit fürchten. Sie gaben an, dass der einzige Weg zu Gerech­tig­keit ihre Aussage gegen Jean Morose Viliena sei, doch dass sie ohne ange­mes­senen Schutz fürchten, getötet zu werden, noch ehe sie ihre Aussage machen können.” – Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen, möglichst unver­züg­lich und nicht über den 24. Mai 2017 hinaus, unter »> ai : urgent action

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vom suchen und finden

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zoulou : 15.01 UTC – Das Suchen nach Gegen­ständen in Gärten, oder das Suchen nach Menschen in Wäldern oder Park­land­schaften, wo sie sich frei­willig versteckten, Vergnügen, Freude, Glück, wie das Suchen nach Büchern oder Zitaten in Anti­qua­riaten, die zum Zeit­punkt der Suche noch nicht digi­ta­li­siert worden waren. Einmal hörte ich eine Freundin an ihrem 85. Geburtstag wie sie sich nach ihrer Brille erkun­digte. Ich wusste genau, wo sich die Brille in dem Moment ihrer Frage aufge­halten hatte, aber meine alte Freundin schimpfte, während sie nach ihrer Brille suchte, so freund­lich vor sich hin, und erzählte Geschichten, die sie entdeckte, obwohl sie doch nach ihrer Brille suchte, dass ich mir ein wenig Zeit liess, um ihr zu sagen, wo sie ihre Brille sofort finden könnte. Ich erin­nere mich, wie ich als Kind einen Wald durch­suchte, in dem ein weiterer, etwas klei­nerer Wald enthalten war, ein Efeud­schungel nämlich, es war ein feucht­warmer Tag und die Luft duftete nach Löwen­mäul­chen. Anstatt der erwar­teten Schne­cken­ge­häuse, fand ich eine Herde gold­brauner Frösche vor, die sich vermut­lich über mein Erscheinen wunderten. Vor drei Tagen bemühte ich mich längere Zeit um die Erfin­dung einer Tele­fon­nummer, die in der Stadt Chicago vorkommen könnte, aber garan­tiert nicht exis­tiert. Und noch heute, vor drei Stunden, suchte ich nach einer größeren oder klei­neren Stadt, in der folgende Adresse exis­tiert: Im Schnee 10. Obwohl ich zahl­reiche, auch spezi­elle Such­ma­schinen verwen­dete, war ich nicht erfolg­reich gewesen. Ich sollte viel­leicht sagen, dass manchmal wunderbar ist, nicht zu finden was man sucht, es könnte dann reine Erfin­dung sein. – stop

anjuta

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ulysses : 5.25 UTC – Es ist Montag, früher Morgen, und die Vögel pfeifen. Ich bin noch nicht ganz wach, ich habe gut geschlafen, ich hatte einen lustigen Traum: In diesem Traum war ich versucht, Anton Tsche­chow einen Brief zu schreiben. Tatsäch­lich habe ich mich im Traum an meine Schreib­ma­schine gesetzt und notiert: Lieber Mr. Tsche­chow, gestern las ich eine trau­rige Geschichte, die Sie einmal aufge­schrieben haben. Sie erin­nern sich viel­leicht an Anjuta?  Sie lebte in der Pension Lissabon mit einem Studenten der Medizin in einem schmut­zigen Chaos. Eigent­lich wollte ich nach­lesen, wie Sie vom anato­mi­schen Studium berichten, vom Lernen oder Pauken, eine Ärztin hatte mich auf ihre Geschichte aufmerksam gemacht. Was mich dann sehr berührte, war das Mädchen Anjuta selbst, ihre Geduld oder Duld­sam­keit, wie traurig, wie sie als mensch­li­cher Gegen­stand ange­sehen und behan­delt wurde, eine gute Geschichte! Es ist noch etwas Weiteres geschehen, ich erin­nerte mich im Traum einmal, vor einigen Jahren, Ihre gesam­melten Erzäh­lungen, Novellen, Thea­ter­stücke, Essays in digi­taler Spur aus dem Internet geladen zu haben, 19657 Posi­tionen. Ich bemerkte damals, dass es tatsäch­lich möglich ist, für den Preis einer Pista­zien­eis­kugel Joseph Roths Gesam­melte Werke auf ein Paperw­hite – Lese­gerät zu holen. James Joyces Ulysses kostet soviel wie keine  Eiskugel. Virginia Woolfes Mrs. Dalloway eine halbe Kugel. Ihre, Anton Pawlo­witsch Tsche­chows Kurz­ge­schichten, Novellen, Dramen wiederum eine voll­stän­dige Kugel / Down­loadrei­se­zeit : 5,2 Sekunden. Sehr beun­ru­hi­gend, wie ich finde. Gleich werde ich aufwa­chen, ich werde einen Cappuc­cino trinken, und dann werde ich Ihnen diesen Brief, den ich träumte, notieren an einem frühen Morgen bald, wenn Montag sein wird bei leichtem Regen, und die Vögel pfeifen. – stop

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kamelschnellbahngeschichte

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marimba : 6.28 UTC – Der junge Mann, der mir eine Geschichte von Kamelen erzählt, ist 22 Jahre alt. Er trägt ein leuch­tend blaues Hemd, das sieht an ihm sehr gut aus, weil seine Haut­farbe dunkel ist, weil er ein Mann ist, der tatsäch­lich aus Afrika kommt, der aus Afrika geflüchtet ist, obwohl er ganz sicher nicht aus Afrika flüchten wollte. Wäre er nicht aus der Not heraus geflüchtet mit Zügen und Bussen und zwei Flug­zeugen, dann wäre er jetzt tot. Weil er nicht tot ist, sitzt er mit mir in einer Schnell­bahn und wir spre­chen kurz über sein Land, das ich unbe­dingt einmal besu­chen werde, wenn es dort so sein wird, dass man mich nicht sofort umbringen wird. Der junge Mann kommt aus Somalia, sein Groß­vater hütete Kamele. In seiner Kind­heit trank er immer viel Kamel­milch. Es gibt, sagt er, nichts Gesün­deres auf der Welt als Kamel­milch. Sie schil­lert nicht wie die Milch der Kühe, sie ist etwas bitter und süß zur glei­chen Zeit. Er sagt noch, dass er gerade sein Geld zähle, er wolle nach Afrika reisen. In Afrika ange­kommen werde er soviel Kamel­milch trinken, wie in seinen kleinen Bauch über­haupt jemals hinein passen wird. Und jetzt ist die Schnell­bahn am Ziel, und der junge Mann steigt aus. Ich seh noch seine Hand, wie sie mir winkt über die Köpfe der Pend­ler­men­schen hin. – stop

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beckett

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charlie : 6.32 UTC – In dem kleinen Café, das den Namen Sahara trägt, wird Menschen, die am Flug­hafen arbeiten, Rabatt gewährt. Iclal ist müde, sie kommt gerade von der Arbeit. Außerdem schneit es in einer Weise, als wäre Winter. Sie zieht ihren Mantel aus und die Hand­schuhe, legt sie auf den Tisch vor sich hin und sagt: Ich will über die Abstim­mung in der Türkei nicht spre­chen. Spre­chen wir über meine nächste Reise, ich weiss nicht wohin ich reisen soll, ich bin seit ich denken kann, immer in die Türkei gereist, diesmal werde ich nicht in die Türkei reisen. – Ist es zu gefähr­lich, frage ich. – Nein, antwortet lcal, es ist nicht gefähr­lich für mich, ich will nicht. Wohin könnte ich nur reisen im Sommer? – Ich sage: Venedig ist schön, aber eher im späten Herbst, viel­leicht magst Du in die Berge gehen, Du könn­test auf einer Hütte im Karwen­del­ge­birge wohnen und wandern, das ist ganz wunderbar dort. In diesem Moment entdecke ich einen Schriftzug von weisser Farbe, der Iclals rosa­far­benes T-Shirt bedeckt: Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better. Das sind wunder­bare Worte, sage ich, Samuel Beckett hat sie geschrieben. – Ja, wirk­lich, antwortet Ical, wer ist das? Sie sieht an sich herab. Ich habe nicht darauf geachtet, was da steht, das ist Englisch, ich kann kein Englisch, was steht da, das Beckett geschrieben hat? – Ich über­lege, wie ich Becketts Sätze korrekt über­setzen könnte. ich über­lege lange. Das ist offen­sicht­lich schwierig, sagt Iclal. Nein, sage ich, das ist Poesie, da muss man sehr behutsam mit den Wörtern umgehen, man muss sehr genau sein. Kurz darauf werde ich mit meiner Über­set­zung fertig. Iclal hört zu. Iclal beginnt zu lachen. Bald bekommt sie kaum noch Luft wie so lacht, und ich dachte noch, wie gerne ich ihr Lachen in diesem Moment auf Tonband aufge­nommen hätte – stop

montauk

picping

MELDUNG. Montauk, Point Light­house, 5. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 282 [ Marmor, Makrana : 3.08 Gramm ] voll­endet. – stop

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von rechenkernen

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lima : 18.12 UTC – Apfel­kern. Mandel­kern. Rechen­kern. – Ich stellte mir vor, wie ich mit feinsten Werk­zeugen einen Kirsch­kern öffne, wie ich in der Kirsch­kern­höhle ein gefal­tetes Blatt Papier ablege, auf dem mit kleinsten Schrift­zei­chen ein Gedicht verzeichnet wurde. Wie ich nun den Kern verschliesse, wie ich ihn zurück­lege in seine Frucht, wie ich jetzt zufrieden und glück­lich bin. – Oder die Vorstel­lung der Rechen­kerne eines Prozes­sors. Wie ein oder zwei Roman­ent­würfe mögli­cher­weise heim­lich in ihren Regis­ter­werken versteckt sein könnten, kuriose Idee. Das habe ich mir ausge­dacht, weil ich gestern Abend hörte, dass Rechen­kerne für mathe­ma­tisch-logi­sche Sprach­ein­drücke zu jeder Zeit empfäng­lich sind. Darüber sollte unbe­dingt weiter nach­ge­dacht werden. – stop
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landau

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ulysses : 16.05 UTC – Wenn ich Menschen, junge oder ältere Menschen frage, ob sie den Moment erin­nern, da sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben selbst die Schuhe gebunden haben, sind sie erstaunt, nicht nur deshalb, weil ich mich nach einem weit zurück­lie­genden Ereignis erkun­digte, sondern auch, weil sie nicht selten sofort in der Lage waren, eine Geschichte vom Schuh­binden zu erzählen. Menschen, welche sie lehrten, ihre Schuhe zu binden, auch die Farbe der Schuhe oder Orte, eine Treppe, die Küche oder ein Garten kehrten ins Bewusst­sein zurück. Wer sich die Schuhe selbst zu binden vermag, kann das Haus verlassen, kann eine komplexe Figur mit Händen gestalten, überall auf der Welt scheint die Methode der Schleife zu exis­tieren, ja, Schleifen sind komplexe Struk­turen, die einer­seits sich selbst erhalten mittels Umar­mung, ande­rer­seits sich auf einen Zugwunsch hin sofort aus ihrer Bindung lösen. Ich selbst habe mich in Landau unter einem Apfel­baum auf einem Bänk­chen von Holz sitzend in der Schuh­bin­dung geübt, meine Damals­schuhe waren blau und rot, die Gänse­blüm­chen weiss, der Löwen­zahn gelb, die Luft roch nach Stall und meine Tante duftete nach Moos und 4711. Gidhsti, die in Eritrea gross geworden ist, sagte: Was für eine selt­same Frage! Wir hatten nichts zu binden, wir sind barfuss gewesen oder trugen Sandalen. Ich war unge­fähr 20 Jahre alt als ich lernte, meine Schuhe zu binden. Darauf muss man erst einmal kommen an einem Sonn­tag­nach­mittag. – stop
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nachtfaltung

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sierra : 20.22 UTC – Etwas Merk­wür­diges hat sich ereignet. Ich will das schnell erzählen. Es ist nämlich so, dass ich einer Figur, die in einem Text­ge­schehen exis­tiert, vor Monaten einmal, ich glaube im November bereits, einen Namen gegeben habe, welcher recht dunkel leuchtet, ein mäch­tiger, unheim­li­cher Name. Es handelt sich um die Zeichen­folge Mandrill. Immer wieder einmal erzählte ich in der lang­samen Entwick­lung des Textes von einem Mann dieses Namens. Als Mandrill gestern unver­mit­telt in einer Weise handelte, die ich nicht erwartet hatte, zart und einfühlsam, schmerzte der Name, als hätte ich meiner Figur Unrecht getan. Heute morgen war die wilde Verwer­fung, die ich gestern noch spürte, wieder sehr schön gefaltet. Ich trat ans Fenster im ersten Licht der Sonne, der Himmel war voll Wasser­dampf­spuren, welche Nacht­fern­flüge an den Himmel zeich­neten. Kein Mensch auf der Straße, aber zwei Eich­hörn­chen, die auf einem Brief­kasten saßen. Das habe ich noch nie so gesehen, gestern noch hätte ich behauptet, Eich­hörn­chen würden niemals auf Brief­kästen sitzen. Deniz Yücel weiterhin in Haft. – stop

2 engel

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sierra : 16.15 UTC – Ein Freund zeigte eine Mappe, die er stets mit sich nimmt, um zur Arbeit zu fahren. Schau, sagte er, bei diesem Fach hier handelt es sich um ein opera­tives Fach, in welchem sich vier weitere Fächer befinden, dort ruhen Schlüssel, Porte­mon­naie, Code­karten, Handy­te­lefon. Das zweite größere Fach linker­hand birgt Abteile für meine Reise­bü­cher für die Staßen­bahn, 1 Kühl­fach für Scho­ko­lade, 1 Fach, in welchem 2 finger­lange Engel hausen, das öffnen wir lieber nicht, und in diesem Fach hier nun befinden sich weitere sehr wesent­liche Dinge, Blüten­samen beispiels­weise, 1 Streich­holz­schachtel, 1 Kompass und 1 Wander­karte, 1 Kaffee­ther­mos­kanne, 1 Foto­ap­parat, 28 Beutel Trink­wasser des Jahres 1988, 16 Portionen Fertig­nah­rung, 3 Kilo­gramm Trocken­brot, 36 Tabletten gegen Seekrank­heit, 1 schwimm­fä­higes Messer, 5 Signal­fa­ckeln in rot, 2 Signal­fa­ckeln in gelb, 1 Signal­flöte, 1 Schöpf­gefäß, 1 Rettungs­westen, 1 Wurfring mit Leine, 1 wasser­dichte Taschen­lampe, 14 Batte­rien, 1 Gasfeu­er­zeug, 5 Fett­stifte, 1 Über­le­bens­hand­buch in finni­scher Sprache, 1 Funk­schreib­ma­schine mit Hand­kurbel. – Selt­same Geschichte. – stop

ping

iphepha

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ulysses : 17.35 UTC – Ich stelle mir vor, jeder Gedanke jedes einzelnen Menschen dieser Welt würde für eine Stunde nur zu Wörtern auf Papier. Wie viel Papier? – stop

ping

kaktusblüte

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nordpol : 18.52 UTC – Ein Zufall führte mich in einem Moment zu Herrn K., als er gerade zum ersten Mal sein neues Büro­zimmer betrat. Er führte einen Karton mit sich, nicht größer als eine Schuh­schachtel. Aus diesem Behältnis hob er eine Note­book­schreib­ma­schine, ein Mäpp­chen mit Blei­stiften, eine farbige Foto­grafie, sowie einen finger­hohen Kaktus, der blühte. Herr K. prüfte die Schub­laden des Schreib­ti­sches, der zu dem kleinen Zimmer mit Ausblick auf einen Park gehörte, sie waren leer. Seinen Kaktus stellte er auf die Fens­ter­bank, die Foto­grafie neben ein Telefon, das sich bereits im Zimmer befunden hatte, ehe Herr K. einge­treten war. Er setzte sich auf einen Stuhl und sagte: Wissen Sie, mehr brauche ich nicht. Das sollten Sie immer bedenken, nur niemals heimisch werden, nur nicht glauben, dass Ihnen dieses Büro gehört. Im Gegen­teil, Sie selbst gehören diesem Zimmer wie jeder andere, der nach Ihnen an dieser Stelle arbeiten wird. Wer in und von diesem Zimmer aus operiert, muss sich bewusst sein, dass er jeder­zeit ebenso plötz­lich wie er gekommen ist, auch wieder gehen wird. In dieser Postion, die Sie hier oben bekleiden, haben Sie Erfolg oder sie haben keinen Erfolg. Binden sie sich also nicht, arbeiten Sie konzen­triert und genießen Sie die Aussicht, aber, um Himmels Willen, fühlen Sie hier niemals zu Hause! – Diese Geschichte ereig­nete tatsäch­lich an einem Freitag im Juli des vergan­genen Jahres. – stop

ping

ein mädchen

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alpha : 17.15 UTC – Auf dem Heimweg begeg­nete ich in der Nähe einer Kreu­zung einem Mädchen namens Lara, das ich sofort wieder­erkannte. Lara stand auf der Straße und zeich­nete mittels eines Putz­ge­rätes Herzen von Seife auf die Front­scheiben schnur­render Auto­mo­bile. Vermut­lich versuchte sie in dieser Weise einen Kontakt zu Personen herzu­stellen, die in den Limou­sinen warteten, um einen Auftrag zur Säube­rung der Fahr­zeug­scheiben insge­samt zu erhalten. Lara war nicht sehr erfolg­reich, aber ebenso entschlossen und char­mant, wie vor Jahren noch, als sie versucht hatte, im Bahnhof mein Porte­mon­naie zu rauben. Eigent­lich sollte Lara um diese Uhrzeit in der Schule sein. Plötz­lich bemerkte sie, dass sie beob­achtet wurde, sie lächelte zunächst, blickte dann aber äusserst grimmig in meine Rich­tung, nicht etwa weil sie in mir unmit­telbar eines ihrer früheren Opfer erkannte, sondern vermut­lich deshalb, weil sie in meinem Blick etwas entdeckte, das sie an frühere Tätig­keits­felder erin­nerte. Also flüch­tete sie mittels eleganter Sprünge über zwei Motor­hauben hinweg zur gegen­über­lie­genden Stra­ßen­seite hin. Dort drehte sie sich um und lächelte. – stop

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