von wasserläufern

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nordpol : 20.25 UTC – Heute Nach­mittag habe ich eine lustige Geschichte mit mir selbst erlebt. Ich sass vor einem See in einem Garten und beob­ach­tete sehr kleine Tiere, wie sie sich nahe oder auf der Ober­fläche des Wasser bewegten. Da waren zum Beispiel Fliegen, die im Wasser des Sees badeten, und Schatten der Libel­len­larven, die sich den badenden Fliegen nährten, auch Wasser­läufer, die sich gegen­seitig jagten im Spiel. Plötz­lich fragte ich mich, ob ich even­tuell in der Lage wäre, das Verhalten der Wasser­läufer vorher­zu­sagen, ob sich ein bestimmter Wasser­läufer eher in östliche oder eher in west­liche Rich­tung fort­be­wegen würde. Ein Weile folgte ich dem von mir gewählten Tier mit meinen Augen, dann zeich­nete ich seinen Weg auf ein Blatt Papier. Wolken spie­gelten sich im Wasser, der Himmel hier unten war grün, er schim­merte. Eine Unter­was­ser­schnecke passierte mein Beob­ach­tungs­feld sehr langsam, und ich notiere: Schnecke. In diesem Augen­blick bemerkte ich fünf Gold­fi­sche, die sich in einem Halb­kreis im Wasser vor mir versam­melt hatten. Sie bewegten sich kaum merk­lich und ich hatte plötz­lich den Eindruck, sie würden mich betrachten. Tatsäch­lich fühlte ich mich von einer Sekunde zur anderen Sekunde selbst beob­achtet. Das war ein merk­wür­diger Augen­blick gewesen, ein Moment auch von Verle­gen­heit, weshalb ich mich wieder einem Gespräch auf dem Bild­schirm meiner Schreib­ma­schine zuwen­dete, das ich mit einem Compu­ter­pro­gramm namens ELIZA in engli­scher Sprache vor langer Zeit einmal geführt und kurz darauf in die deut­sche Sprache über­setzt hatte. Ich, der ich Louis gewesen war, fragte Eliza: guten abend! wie geht es dir, eliza? Eliza : > gut! und dir? Louis : prächtig. Eliza : > schön zu hören. wo liegt dann das problem? Louis : ich habe heute abend kein problem, eliza! Eliza : > wenn du dein problem nicht kennst, bist du hier genau richtig! Louis : darf ich dir eine frage stellen? Eliza : > sicher! Louis : was bedeutet das wort liebe? Eliza : > hast du schmet­ter­linge im bauch? Louis : eliza! bitte! was bedeutet das wort liebe! Eliza : > lass uns das eine weile zurück­stellen. Louis : warum, eliza? Eliza : > du musst mich nicht mit namen rufen, ich bin immer bei dir. Louis : das ist beru­hi­gend, eliza! Eliza : > erzähl weiter! Louis : eliza! liebe? Eliza : > hast du schon andere gefragt? Louis: aber natür­lich! Eliza : > schön zu hören. wo liegt dann dein problem? Louis : ich habe heute abend kein problem, eliza! Eliza : > wenn du dein problem nicht kennst, bist du hier genau richtig! Louis : warum? Eliza : > ich sehe, du bist ein schwie­riger fall. Louis : warum bin ich ein schwie­riger fall, eliza? Eliza : > scherz beiseite, kommen wir zur sache. – stop
ping

in zeitlupe

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nordpol : 15.12 UTC – Einmal beob­ach­tete ich wie mir ein schwarzes Käst­chen gesam­melter digi­taler Infor­ma­tion aus den Händen glitt und zu Boden fiel. Eine Bewe­gung wie in Zeit­lupe, eine Bewe­gung, ohne die Möglich­keit einzu­greifen, da ich mich selbst in dem Fenster meiner Wahr­neh­mung wie in Zeit­lupe bewegte. Ich hob das Käst­chen vom Boden auf. Als ich mich mit einem Ohr näherte, hörte ich ein selt­sames, leises Ticken. Jene Schreib- und Lese­ma­schine, die in dem Käst­chen geborgen war, war blind geworden. Kurz darauf kaufte ich ein weiteres Käst­chen und dachte Tage lang darüber nach, wie ich von nun Daten, Spuren, Zeichen, Verzeich­nisse meiner Arbeit bewahren könnte. – Zwei Jahre vergehen. -Heute wanderte ich einige Stunden durch einen wilden Wald, ohne vermut­lich irgend­eine digi­tale Spur zu hinter­lassen, nicht 1 Byte. Sehr merk­würdig. Noch zu tun: Lektüre Nicholson Baker Eine Schachtel Streich­hölzer. – stop

nasa

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kili­man­dscharo : 20.52 UTC – Ob viel­leicht Mond­briefe exis­tieren, Briefe, gestem­pelt, beschriftet, mit einer Brief­marke versehen, die bereits tatsäch­lich einmal zum Mond hin und vom Mond her wieder zurück­ge­flogen sind? – stop
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nikolai wassiljewitsch

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marimba : 0.12 UTC – Eigent­lich sollte ich niemals das Ende eines Traumes erzählen, Trau­menden befinden sich nicht selten bereits mit einem Bein im neuen Tag, in einem Bezirk der Welt, den wir Wirk­lich­keit nennen, ich bin dann schon wach geworden auf einem Bein, habe die Fenster geöffnet, es regnet zum Beispiel, auf der Straße weit unter mir bewegen sich Regen­schirme, Menschen sind keine zu erkennen, aber ein paar nasse Tauben, die sich, von der Schwere ihres Gefie­ders in die Tiefe gezogen, kaum noch in der Luft zu halten vermögen. Eine Exkur­sion zur Kaffee­ma­schine hin nütze ich, um mein Mikro­skop vom Tisch zu holen. Tatsäch­lich erkenne ich jetzt eine Herde gold­grüner Frösche, die sich an der Haus­wand gegen­über west­wärts bewegen. Zu hören ist von ihnen nichts, aber der Regen rauscht sehr schön, pras­selt auf die Blätter der Bäume, tropft von den Regen­rinnen auf blecherne Fens­ter­simse, was für ein wunder­schöner Morgen, schon hab ich den Traum, den ich träumte, beinahe vergessen. Wie gut die Luft heut riecht, das denke ich noch, und erkenne in diesem Augen­blick zwei mensch­liche Nasen, die dicht neben­ein­ander auf dem Rücken einer Stras­sen­lampe sitzen, sie sind sicher aus einem Buch gehüpft, das ich nicht lesen kann, weil es in russi­scher Sprache aufge­schrieben wurde, ich erin­nere mich, Gogol, nicht wahr, ich sollte bald Gogols Nase lesen, auch sollte ich ein wenig der russi­schen Sprache lauschen, um bald wieder glück­lich einzu­schlafen. – stop
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ich war im flur spazieren

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tango : 15.06 UTC – Über einen langen Flur eines Schiffes wandernd begeg­neten mir zwei Männer, ein junger und ein etwas älterer Mann. Wie sie näher kamen und ihre Stimmen in meinen Ohren deshalb lauter wurden, hörte ich, dass sie sich über ein Büro unter­hielten, in welches einer der beiden Männer vor wenigen Tagen erst einge­zogen war. Es ging in dem Gespräch außerdem um Möbel. Die Männer waren sich, so mein Eindruck, nicht ganz einig gewesen. Sie disku­tierten, ein lautes, lachendes, ein leben­diges Gespräch, weshalb ich umdrehte und den Männern in dezentem Abstand folgte, ich wollte Ihnen heim­lich zuhören, was vermut­lich nicht ganz höflich gewesen war. Ich glaube, die zwei Männer bemerkten mich glück­li­cher­weise nicht. Warum ist dein neues Büro so leer? wollte der eine Mann, er war wirk­lich noch sehr jung gewesen, von dem anderen, dem älteren Mann wissen. Das ist so, antwor­tete der alte Mann dem jungen Mann, hör zu, ich will unab­hängig leben von meinem Büro, ich will nicht mit ihm verwachsen sein. Wenn ich von meinem Büro einmal getrennt werden sollte, ist der Schmerz dann nicht so groß, wenn ich aber mit meinem Büro verwachsen sein würde, könnte man mir Schmerzen zufügen, man könnte sagen, Sie dürfen bleiben, wenn sie folgsam sind, man könnte mich erpressen, verstehst Du, man könnte mich mit leichter Hand fertig­ma­chen. Deshalb sind in meinem Büro nur ein Stuhl und ein Tisch und Papiere, ein Obst­korb, eine beson­dere Tafel, die beschriftet werden kann und wieder gerei­nigt von Farbe, eine Zeich­nung weiterhin, die einen Mann zeigt, der sein Fahrrad zerlegte, außerdem sind da noch, eine Kaffee­tasse, drei Stühle für Gäste, ein kleiner Kühl­schrank, ein Regal mit 176 Büchern, ein Teppich, welchen ich auf einer Reise nach Marokko entdeckte, eine Steh­lampe, die sich gleich hinter meinem Schreib­tisch befindet, ein wunderbar warmes Licht strömt von dort, eine zweite Lampe auf dem Schreib­tisch, die im Winter zusätz­lich Licht spenden wird, ein kleines Sofa, Blei­stifte in einem Blei­stift­gefäß, ein Telefon, zwei Kakteen, fünf Orchi­deen auf der Fens­ter­bank, ein Käfig mit einem Zeisig­pär­chen, drei Schreib­ma­schinen, eine Foto­grafie, die meine Geliebte zeigt wie sie lächelt, ist das nicht wunderbar. – stop

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ein millionstel gramm wort

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sierra : 15.38 UTC – Ich verfüge jetzt über eine weitere Schreib­ma­schine. Das ist so, weil ich sie mir gekauft habe. Leicht ist sie und flach. Wenn meine neue Schreib­ma­schine in der Hitze der Tag- oder Abend­luft atmet, um sich zu kühlen, ist von ihren Atem­ge­räu­schen nichts zu hören. Selbst dann, wenn ich ein Ohr an ihr Gehäuse lege: Stille. Ich könnte sie unter meinem Hemd verbergen, weil sie so flach ist, niemand würde sie bemerken. Einmal notierte ich: Wenn das so weiter geht mit dem Leich­ter­werden der Schreib­ma­schinen, werde ich bald Schreib­werke zur Verfü­gung haben, die von gerin­gerer Schwere sind als die Papiere, die ich mit ihren Zeichen fülle. – Wie viel genau wiegt eigent­lich dieses elek­tri­sche Wort, das gerade vor mir auf dem Bild­schirm erscheint? S i e r r a. Wie viele Male wird das Wort S i e r r a heute oder morgen auf weiteren Bild­schirmen aufge­rufen werden, wie lange Zeit jeweils sichtbar sein? Es ist denkbar, dass das Wort S i e r r a , das in Europa vor wenigen Minuten verzeichnet wurde, schwerer wiegt, sobald es in Austra­lien auf einem Bild­schirm erscheint, als das selbe Wort, wenn wir es in Europa lesen, 1 Milli­onstel Gramm schwerer, sagen wir, um 1 Milli­onstel Gramm Kohle schwerer und um den Bruch­teil einer Sekunde. – stop

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beobachtung

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ulysses : 18.10 UTC – Ob viel­leicht Bewe­gungen exis­tieren, Gesten mensch­li­cher Hände, die bald aussterben werden? Die Geste einer Hand, beispiels­weise, in der Betrach­tung eines Dias, oder die Geste einer Hand, die einen Blei­stift führt über ein Blatt Papier. Ich werde eine Samm­lung ausster­bender Bewe­gungen anlegen. Sofort fange ich damit an. Es ist später Abend geworden. Gewitter nähern sich von Westen. Buena Vista Social Club. Nicht weiter. – stop

sisulu

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delta : 6.15 UTC – In der vergan­genen Nacht hatte ich einen merk­wür­digen Traum. Ich war in der Dämme­rung mit meinem Trom­pe­ten­käfer abends spazieren im Palmen­garten. Die Luft duftete nach Flieder, obwohl schon Juni geworden war. Der Käfer, dem ich kurz nach seiner Entwick­lung den Namen Sisulu 8 gegeben hatte, hockte auf meiner rechten Schulter, weswegen ich vorsichtig einen Fuß vor den anderen Fuß setzte, weil ich natür­li­cher­weise von der Flug­un­fä­hig­keit des kleinen Wesens wusste, er war nicht zum Fliegen ausge­dacht, sondern zum Trom­pe­te­spielen. Ich ging also ganz langsam nord­wärts vorbei an einer wunder­baren Sommer­wiese, die von den Schlaf­ge­räu­schen der Heuschre­cken leise knis­terte, erreichte dann nach zwei Stunden lang­samen Gehens eine hölzerne Bank am Rande einer weiten Step­pen­land­schaft, es war schon Nacht geworden. Ich nahm Platz auf der Bank, über­schlug die Beine und setzte den kleinen Käfer auf mein rechtes Knie. Unver­züg­lich begann Sisulu 8 zu spielen in einer Weise, wie ich es vor langer Zeit schon einmal zu beschreiben versuchte. Bald war ich einge­schlafen, ich weiss nicht genau wie lange Zeit ich geschlafen hatte, als ich erwachte, saß Maceo Parker neben mir auf der Bank. Er hatte sich mit seinem rechten Ohr meinem Knie genä­hert, ich wagte in diesem Augen­blick kaum zu atmen, das muss man sich einmal vorstellen, Maceo Parker auf einer Nacht­bank neben mir sitzend, wie er meinem Käfer­freund Sisulu lauscht. Es ist jetzt schon bald Morgen­däm­me­rung, meine Güte, und ich bin noch immer nicht wirk­lich wach geworden. – stop
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montauk

picping

MELDUNG. Montauk, Point Light­house, 5. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 308 [ Marmor, Makrana : 5.03 Gramm ] voll­endet. – stop

ping

im aquarium

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india : 20.01 UTC – Einmal beob­ach­tete ich in der Unter­was­ser­ab­tei­lung eines zoolo­gi­schen Gartens Medusen und Haifi­sche, auch Bunt­bar­sche und Seesterne. Es war dort beinahe dunkel gewesen, Besu­cher flüs­terten, wohl weil man im Schat­ten­licht leise spricht. Als ich mich gerade umdrehen wollte, um nach einem Ausgang zu suchen, entdeckte ich einen klei­neren Behälter, der auf einem Sockel inmitten des Saales ruhte. Da schwebte ein Wesen in dem Behälter, das ich noch nie zuvor gesehen hatte. Ich dachte, tatsäch­lich exis­tieren Unter­was­serengel, Persön­lich­keiten, die sich ein Maler ausge­dacht haben könnte. Einige Minuten lang wartete ich darauf, doch endlich wach zu werden, indessen der Unter­was­serengel mich seiner­seits zu beob­achten schien. Kurz darauf näherte sich ein Mitar­beiter des Aqua­riums, er strich mit einem Finger über die Scheibe hin, der Fisch folgte dem Finger, als ob er mit ihm befreundet sei. Ich sagte, das ist ein selt­samer Fisch, eine Art Unter­was­serengel. Nein, antwor­tete der Mitar­beiter, das ist ein Fetzen­fisch. Das kann nicht sein, erwi­derte ich, eine selt­same Bezeich­nung für ein so wunder­volles Wesen. Eine Weile disku­tierten wir über das Recht oder Unrecht, Namen an Tiere oder Pflanzen zu vergeben. In dieser Zeit beob­ach­tete uns der Fisch aufmerksam. Plötz­lich drehte er sich um und verschwand in einer Höhle, so als habe er die Entschei­dung getroffen, genau in diesem Moment seinen Arbeitstag als Fetzen­fisch zu beenden. – stop

samarkand

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echo : 0.28 UTC – Am Telefon erzählte unlängst eine Freundin, die 32 Jahre länger lebt als ich selbst, sie höre mir gern zu, auch dann, sagte sie, wenn du sehr schnell sprichst. Sie gehe manchmal kurz in die Küche und mache sich einen Tee oder lese in einem Buch über die Stadt Samar­kand. Hin und wieder stehe sie auf dem Balkon und betrachte den Abend­himmel, das Telefon ruhe indessen stets in Hörweite auf dem Wohn­zim­mer­tisch. Ich vernehme Dich also, lieber Louis, ich mag deine Stimme, aber Du soll­test lernen, Pausen zu machen, lang­samer zu werden. Ich antwor­tete: Ja, das ist gut, ich bin schon seit einigen Wochen in der Übung lang­samer zu werden. Es ist sehr ange­nehm, langsam zu gehen und langsam oder gar nicht zu spre­chen. Von nun an werde ich, das ist ein Verspre­chen, immer wieder einmal zu Hause oder unter­wegs eine Pause einlegen. Dann fragte ich: Was macht man denn so in einer Pause? – Es ist sehr schön wie meine Freundin lacht. Sie reist viel herum, nach Amerika, nach Paris, nach Jeru­salem. – stop
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tokiozug

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charlie : 22.25 UTC – Vor wenigen Minuten noch habe ich mit einem Blei­stift in meiner rechten Hand versucht, den Namen Dostojewski’s in mein Notiz­buch einzu­tragen. Das ist viel­leicht tatsäch­lich eine kleine Meldung wert. Der letzte Eintrag in mein Notiz­buch ist nämlich mit dem Monat April verbunden, das war, ich erin­nere mich, an einem Sonntag gewesen, ein stür­mi­scher und regne­ri­scher Tag, die Papiere meines Notiz­bu­ches waren feucht geworden, wellten sich, wellen sich noch immer. Ich habe damals die Frage notiert, ob Fleder­mäuse auch bei Regen fliegen. Nun ging es heute um etwas ganz anderes, ich wollte eine Notiz zum Roman Der Spieler verzeichnen. Leider fuhr ich in diesem Augen­blick meines Notier­wun­sches in einem Zug voller Menschen, die sich dicht anein­ander drängten, weswegen ich meine Schreib­ma­schine nicht errei­chen konnte. Also suchte in der linken Hosen­ta­sche nach meinem Notiz­buch für Notfälle. Dieses Buch ist, wie ich erwähnte, von Papier, wurde mehr­fach gefaltet, ebenso mehr­fach feucht und wieder getrocknet, ein Heft­chen, in welchem ich beizeiten mit wilder, unge­übter Schrift notiere, sodass ich manchmal nur noch erahnen kann, was ich vermerken wollte. So habe ich heute also aus der Erin­ne­rung Varia­tionen eines berühmten Namens notiert, mehr­fach habe ich ange­setzt, dann wieder nach­ge­dacht. Ich frage mich, was würde Fjodor M. Dosto­jewski viel­leicht gedacht haben, hätte er mich beob­achtet in diesen aufre­genden Minuten einer kurzen Zugreise? – Heute ist Dienstag, es ist warm, es ist Sumatra. – stop
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vom unsichtbaren

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lima : 23.59 UTC – Ich war noch ein Kind gewesen, als ich von meinem Vater in einen unter der Erde liegenden Saal des Kern­for­schungs­zen­trums CERN geführt wurde. Ich lernte dort die Unsicht­bar­keit kennen. Es war inmitten einer Nacht, der Saal grell beleuchtet, Dioden blinkten, oran­gen­far­bene Warn­leuchten drehten sich langsam. Und da war das Rauschen der Luft, die kühl durch den Saal strich, ein bestän­diger Wind, weswegen in einer Hoch­som­mer­nacht doch alle Menschen, die in dem Saal zu beob­achten waren, warme Klei­dung trugen. Mein Vater und ich standen auf einer Brücke, die über einen Korridor führte, der voll­ständig leer zu sein schien. Aber das war natür­lich ein Irrtum, dort gleich unter uns schoss nämlich ein Strahl hoch­en­er­ge­ti­scher Teil­chen durch die Luft, der jeden Menschen sofort getötet hätte, wenn er dort unten hindurch spaziert wäre. Mein Vater deutete hinab und versuchte mir das Unsicht­bare zu erklären. Nicht sichtbar, weil zu schnell, sagte mein Vater, und zu klein. Ich war so berührt von der mögli­chen Wirkung des Unsicht­baren, dass ich immer wieder dorthin zurück­kehren wollte, um das Unsicht­bare zu besu­chen. Über­haupt ist das Unsicht­bare, das aber doch der Fall ist, ein wunder­volles Phänomen. Oder jenes gemein­same Wesen, das nur den Liebenden sichtbar wird. – Mit dieser Minute endet Louis’ 20646 Lebenstag. – stop

sumatra petit

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india : 21.05 UTC – Es ist der 22. Juni, Abend. 30 °C Wärme im Arbeits­zimmer, 88 Prozent Luft­feuchte, meine Schreib­ma­schine, die gerade eben noch von einem Schirm­sammler erzählte, schnauft vor sich hin, jeder weitere Satz scheint ihr Prozes­so­r­herz aufzu­regen. Ich selbst habe schon längst aufge­hört zu atmen, habe meine Kiemen­schächte, die links und rechts hinter meinen kleinen Ohren im Verbor­genen liegen, geöffnet, nun bin ich ganz auf der sicheren Seite. Mein Tele­fon­hörer ruht neben Lutz Seiler Zeit­waage, ein Buch, das ich zur Stunde kaum wage anzu­fassen, es konnte zerfallen. Über­haupt bin ich heute ein wenig langsam in der Aufnahme der Wörter, ich lese sozu­sagen Buch­stabe um Buch­stabe voran. Über meinem Sofa haben sich drei Wolken­türme gebildet, die bald blitzen werden, ich kenne das schon, es blitzt und dann wird es regnen, diesen wunder­baren Regen aus meinen Zimmer­wolken, der nach Veil­chen duftet, ich weiss noch immer nicht warum. Auf dem Fens­ter­brett ein Zeisig, es ist kurz nach neun Uhr, Miles Davis So What, wir tauchen. – stop
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feldX ∣ 285 ∣

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echo : 17.12 UTC – Wie viele Arbeits­schritte, die von Zufalls­ge­ne­ra­toren gesteuert sind, werden im Zahlen­körper eines Algo­rithmus notwendig sein, um sein Handeln bei längerer Beob­ach­tung als Verhalten eines komplexen Lebe­we­sens wahr­nehmen zu können? Eine selt­same Frage viel­leicht. Ich habe an diesem Nach­mittag bemerkt, dass das Erfinden diffi­zi­lier Fragen Freude bereitet, gerade auch dann, wenn ich sicher sein kann, dass ich eine erfun­dene Frage selbst niemals zu beant­worten vermag. – Später Nach­mittag: Lust auf eine Flasche kühler Tibet­luft. – stop

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im aufzug

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sierra : 22.01 UTC – Stellen Sie sich vor, ich war in einem Aufzug gewesen, der nicht weiter­fuhr, weder nach oben noch nach unten, keinerlei Bewe­gung, eine eigent­lich harm­lose Geschichte, aber ich war nicht allein in dem Aufzug, wir waren zu fünft, zum Glück nur zu fünft, nicht etwa zu siebt oder zu acht, dann wäre wirk­lich Ernst geworden. Da waren also ich und vier weitere Personen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, Personen von der Art, von welchen man sagen könnte, dass sie nicht gerade freund­liche Menschen sind. Ich würde sogar sagen, sie waren in ihrem Auftreten unhöf­liche Wesen, ich kann das beur­teilen, ich war der erste in dem Aufzug gewesen, alle weiteren vier Personen kamen etwas später hinzu, traten in die Aufzug­ka­bine herein, ohne zu grüßen. Den ersten Herrn grüßte ich noch, aber bei dem zweiten Herrn war ich schon vorsichtig gewesen, ich grüßte ihn nicht, viel­leicht wird der vierte Besu­cher des Aufzuges demzu­folge gedacht haben, was sind das nur für unfreund­liche Menschen an diesem Ort, weil wir drei, die vor ihm im Aufzug gewesen waren, uns bereits ärgerten, deshalb entspre­chende Gesichter zeigten. Wir hatten kein Glück, so könnte man das viel­leicht sagen, auch die Besu­cher vier und fünf waren keine Froh­na­turen, sie traten herein, beob­ach­teten, was da für Menschen sich im Aufzug befanden, und sagten sich vermut­lich, wir werden schweigen, weil alle schweigen. Dann blieb der Aufzug also stehen, ohne dass sich eine Tür geöffnet haben würde, das Licht ging aus, auch die Anzeigen der Stock­werke, wir standen im Dunkeln. Unver­züg­lich holten wir unsere Dienst­te­le­fone aus den Taschen, es wurde Licht, fünf Gesichter, die beleuchtet waren, ängst­liche Gesichter, weil wir ahnten, dass wir uns nicht mochten, dass wir unfreund­liche Menschen waren, die vermu­teten, dass sofort oder in Kürze etwas Schreck­li­ches geschehen könnte. – stop

gespräch mit einem seemann

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tango : 20.10 UTC – Im Schnellzug heute Morgen beob­ach­tete mich ein Mann von viel­leicht achtzig Jahren wie ich auf meiner flachen Bild­schirm­schreib­ma­schine einen Text notierte. Ich hatte die Schreib­ma­schine quer auf meine Knie abge­legt und schrieb mit fünf oder sechs Fingern recht flink auf einer virtu­ellen Tastatur. Das war ein fast laut­loser Vorgang gewesen, viel­leicht deshalb sagte der Mann plötz­lich: Früher waren die Schreib­ma­schinen sehr laut gewesen! Ich hob meinen Blick und lächelte den Mann an. Er fragte sofort weiter: Das ist doch eine Schreib­ma­schine? Ich nickte. Ja, sagte ich, das ist eine Schreib­ma­schine und zugleich auch ein Gerät, mit dem ich Texte senden kann und Nach­richten empfangen, sogar morsen könnte ich. – Ich habe früher auch gemorst, sagte der Mann, ich bin auf einem Segel­schiff zur See gefahren, da war ich sehr jung gewesen. Er schwieg für einen Moment, dann sagte er: Sie brau­chen gar kein Papier, nicht wahr? Ich antwor­tete: Das ist richtig, im Grunde brauche ich kein Papier. – Was schreiben sie denn? wollte der Mann wissen. Ich schreibe eine Geschichte, sagte ich. Ist das denn gut, dass sie eine Geschichte ohne Papier schreiben? fragte der Mann. Ich sagte: Darüber muss ich nach­denken. Der Mann lachte: Sie ist wirk­lich nicht groß, diese Schreib­ma­schine. Sagen sie, wie viele Geschichten passen denn in diese Schreib­ma­schine hinein? Ich antwor­tete: Ich glaube, sehr viele Geschichten, ja, vermut­lich unvor­stellbar viele Geschichten. – Das ist gut, sagte der Mann, so viele Geschichten, dass sie im Zug sitzen und schreiben können so lange sie wollen, ohne je aussteigen und eine neue Schreib­ma­schine kaufen zu müssen. Einen Moment lang schaute er zum Fenster hinaus. – stop
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MELDUNG. An diesem warmen Mitt­woch, es war 7 Uhr und 8 Minuten in der Früh, wurde Käfer­dame Lucinda [ 15 Gramm ] von Käfer Joseph [ 22 Gramm ]  erst­mals mittels rhyth­mi­scher Lumi­nes­zenzen von violetter Farbe begrüßt. Sie selbst morst in gelb­li­cher Beleuch­tung. ~ MPI für Biotech­no­logie, Unge­rerstr 12, 6. Stock : Labor IIc-8 : Level 4. – stop
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