von wasserläufern

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nord­pol : 20.25 UTC — Heute Nach­mit­tag habe ich eine lustige Geschichte mit mir selb­st erlebt. Ich sass vor einem See in einem Garten und beobachtete sehr kleine Tiere, wie sie sich nahe oder auf der Ober­fläche des Wass­er bewegten. Da waren zum Beispiel Fliegen, die im Wass­er des Sees bade­ten, und Schat­ten der Libel­len­lar­ven, die sich den baden­den Fliegen nährten, auch Wasser­läufer, die sich gegen­seit­ig jagten im Spiel. Plöt­zlich fragte ich mich, ob ich eventuell in der Lage wäre, das Ver­hal­ten der Wasser­läufer vorherzusagen, ob sich ein bes­timmter Wasser­läufer eher in östliche oder eher in west­liche Rich­tung fort­be­we­gen würde. Ein Weile fol­gte ich dem von mir gewählten Tier mit meinen Augen, dann zeich­nete ich seinen Weg auf ein Blatt Papi­er. Wolken spiegel­ten sich im Wass­er, der Him­mel hier unten war grün, er schim­merte. Eine Unter­wasser­sch­necke passierte mein Beobach­tungs­feld sehr langsam, und ich notiere: Sch­necke. In diesem Augen­blick bemerk­te ich fünf Gold­fis­che, die sich in einem Hal­bkreis im Wass­er vor mir ver­sam­melt hat­ten. Sie bewegten sich kaum merk­lich und ich hat­te plöt­zlich den Ein­druck, sie wür­den mich betra­cht­en. Tat­säch­lich fühlte ich mich von ein­er Sekunde zur anderen Sekunde selb­st beobachtet. Das war ein merk­würdi­ger Augen­blick gewe­sen, ein Moment auch von Ver­legen­heit, weshalb ich mich wieder einem Gespräch auf dem Bild­schirm mein­er Schreib­mas­chine zuwen­dete, das ich mit einem Com­put­er­pro­gramm namens ELIZA in englis­ch­er Sprache vor langer Zeit ein­mal geführt und kurz darauf in die deutsche Sprache über­set­zt hat­te. Ich, der ich Louis gewe­sen war, fragte Eliza: guten abend! wie geht es dir, eliza? Eliza : > gut! und dir? Louis : prächtig. Eliza : > schön zu hören. wo liegt dann das prob­lem? Louis : ich habe heute abend kein prob­lem, eliza! Eliza : > wenn du dein prob­lem nicht kennst, bist du hier genau richtig! Louis : darf ich dir eine frage stellen? Eliza : > sich­er! Louis : was bedeutet das wort liebe? Eliza : > hast du schmet­ter­linge im bauch? Louis : eliza! bitte! was bedeutet das wort liebe! Eliza : > lass uns das eine weile zurück­stellen. Louis : warum, eliza? Eliza : > du musst mich nicht mit namen rufen, ich bin immer bei dir. Louis : das ist beru­hi­gend, eliza! Eliza : > erzähl weit­er! Louis : eliza! liebe? Eliza : > hast du schon andere gefragt? Louis: aber natür­lich! Eliza : > schön zu hören. wo liegt dann dein prob­lem? Louis : ich habe heute abend kein prob­lem, eliza! Eliza : > wenn du dein prob­lem nicht kennst, bist du hier genau richtig! Louis : warum? Eliza : > ich sehe, du bist ein schwie­riger fall. Louis : warum bin ich ein schwie­riger fall, eliza? Eliza : > scherz bei­seite, kom­men wir zur sache. — stop
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in zeitlupe

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nord­pol : 15.12 UTC — Ein­mal beobachtete ich wie mir ein schwarzes Kästchen gesam­melter dig­i­taler Infor­ma­tion aus den Hän­den glitt und zu Boden fiel. Eine Bewe­gung wie in Zeitlupe, eine Bewe­gung, ohne die Möglichkeit einzu­greifen, da ich mich selb­st in dem Fen­ster mein­er Wahrnehmung wie in Zeitlupe bewegte. Ich hob das Kästchen vom Boden auf. Als ich mich mit einem Ohr näherte, hörte ich ein selt­sames, leis­es Tick­en. Jene Schreib- und Lese­mas­chine, die in dem Kästchen gebor­gen war, war blind gewor­den. Kurz darauf kaufte ich ein weit­eres Kästchen und dachte Tage lang darüber nach, wie ich von nun Dat­en, Spuren, Zeichen, Verze­ich­nisse mein­er Arbeit bewahren kön­nte. — Zwei Jahre verge­hen. -Heute wan­derte ich einige Stun­den durch einen wilden Wald, ohne ver­mut­lich irgen­deine dig­i­tale Spur zu hin­ter­lassen, nicht 1 Byte. Sehr merk­würdig. Noch zu tun: Lek­türe Nichol­son Bak­er Eine Schachtel Stre­ich­hölz­er. — stop

nasa

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kil­i­mand­scharo : 20.52 UTC — Ob vielle­icht Mond­briefe existieren, Briefe, gestem­pelt, beschriftet, mit ein­er Brief­marke verse­hen, die bere­its tat­säch­lich ein­mal zum Mond hin und vom Mond her wieder zurück­ge­flo­gen sind? — stop
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nikolai wassiljewitsch

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marim­ba : 0.12 UTC — Eigentlich sollte ich niemals das Ende eines Traumes erzählen, Trau­menden befind­en sich nicht sel­ten bere­its mit einem Bein im neuen Tag, in einem Bezirk der Welt, den wir Wirk­lichkeit nen­nen, ich bin dann schon wach gewor­den auf einem Bein, habe die Fen­ster geöffnet, es reg­net zum Beispiel, auf der Straße weit unter mir bewe­gen sich Regen­schirme, Men­schen sind keine zu erken­nen, aber ein paar nasse Tauben, die sich, von der Schwere ihres Gefieders in die Tiefe gezo­gen, kaum noch in der Luft zu hal­ten ver­mö­gen. Eine Exkur­sion zur Kaf­feemas­chine hin nütze ich, um mein Mikroskop vom Tisch zu holen. Tat­säch­lich erkenne ich jet­zt eine Herde gold­grün­er Frösche, die sich an der Hauswand gegenüber west­wärts bewe­gen. Zu hören ist von ihnen nichts, aber der Regen rauscht sehr schön, pras­selt auf die Blät­ter der Bäume, tropft von den Regen­rin­nen auf blech­erne Fen­ster­simse, was für ein wun­der­schön­er Mor­gen, schon hab ich den Traum, den ich träumte, beina­he vergessen. Wie gut die Luft heut riecht, das denke ich noch, und erkenne in diesem Augen­blick zwei men­schliche Nasen, die dicht nebeneinan­der auf dem Rück­en ein­er Strassen­lampe sitzen, sie sind sich­er aus einem Buch gehüpft, das ich nicht lesen kann, weil es in rus­sis­ch­er Sprache aufgeschrieben wurde, ich erin­nere mich, Gogol, nicht wahr, ich sollte bald Gogols Nase lesen, auch sollte ich ein wenig der rus­sis­chen Sprache lauschen, um bald wieder glück­lich einzuschlafen. — stop
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ich war im flur spazieren

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tan­go : 15.06 UTC — Über einen lan­gen Flur eines Schiffes wan­dernd begeg­neten mir zwei Män­ner, ein junger und ein etwas älter­er Mann. Wie sie näher kamen und ihre Stim­men in meinen Ohren deshalb lauter wur­den, hörte ich, dass sie sich über ein Büro unter­hiel­ten, in welch­es ein­er der bei­den Män­ner vor weni­gen Tagen erst einge­zo­gen war. Es ging in dem Gespräch außer­dem um Möbel. Die Män­ner waren sich, so mein Ein­druck, nicht ganz einig gewe­sen. Sie disku­tierten, ein lautes, lachen­des, ein lebendi­ges Gespräch, weshalb ich umdrehte und den Män­nern in dezen­tem Abstand fol­gte, ich wollte Ihnen heim­lich zuhören, was ver­mut­lich nicht ganz höflich gewe­sen war. Ich glaube, die zwei Män­ner bemerk­ten mich glück­licher­weise nicht. Warum ist dein neues Büro so leer? wollte der eine Mann, er war wirk­lich noch sehr jung gewe­sen, von dem anderen, dem älteren Mann wis­sen. Das ist so, antwortete der alte Mann dem jun­gen Mann, hör zu, ich will unab­hängig leben von meinem Büro, ich will nicht mit ihm verwach­sen sein. Wenn ich von meinem Büro ein­mal getren­nt wer­den sollte, ist der Schmerz dann nicht so groß, wenn ich aber mit meinem Büro verwach­sen sein würde, kön­nte man mir Schmerzen zufü­gen, man kön­nte sagen, Sie dür­fen bleiben, wenn sie fol­gsam sind, man kön­nte mich erpressen, ver­stehst Du, man kön­nte mich mit leichter Hand fer­tig­machen. Deshalb sind in meinem Büro nur ein Stuhl und ein Tisch und Papiere, ein Obstko­rb, eine beson­dere Tafel, die beschriftet wer­den kann und wieder gere­inigt von Farbe, eine Zeich­nung weit­er­hin, die einen Mann zeigt, der sein Fahrrad zer­legte, außer­dem sind da noch, eine Kaf­fee­tasse, drei Stüh­le für Gäste, ein klein­er Kühlschrank, ein Regal mit 176 Büch­ern, ein Tep­pich, welchen ich auf ein­er Reise nach Marokko ent­deck­te, eine Stehlampe, die sich gle­ich hin­ter meinem Schreibtisch befind­et, ein wun­der­bar warmes Licht strömt von dort, eine zweite Lampe auf dem Schreibtisch, die im Win­ter zusät­zlich Licht spenden wird, ein kleines Sofa, Bleis­tifte in einem Bleis­tift­ge­fäß, ein Tele­fon, zwei Kak­teen, fünf Orchideen auf der Fen­ster­bank, ein Käfig mit einem Zeisig­pärchen, drei Schreib­maschi­nen, eine Fotografie, die meine Geliebte zeigt wie sie lächelt, ist das nicht wun­der­bar. — stop

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ein millionstel gramm wort

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sier­ra : 15.38 UTC — Ich ver­füge jet­zt über eine weit­ere Schreib­mas­chine. Das ist so, weil ich sie mir gekauft habe. Leicht ist sie und flach. Wenn meine neue Schreib­mas­chine in der Hitze der Tag- oder Abend­luft atmet, um sich zu kühlen, ist von ihren Atemgeräuschen nichts zu hören. Selb­st dann, wenn ich ein Ohr an ihr Gehäuse lege: Stille. Ich kön­nte sie unter meinem Hemd ver­ber­gen, weil sie so flach ist, nie­mand würde sie bemerken. Ein­mal notierte ich: Wenn das so weit­er geht mit dem Leichter­w­er­den der Schreib­maschi­nen, werde ich bald Schreib­w­erke zur Ver­fü­gung haben, die von gerin­ger­er Schwere sind als die Papiere, die ich mit ihren Zeichen fülle. — Wie viel genau wiegt eigentlich dieses elek­trische Wort, das ger­ade vor mir auf dem Bild­schirm erscheint? S i e r r a. Wie viele Male wird das Wort S i e r r a heute oder mor­gen auf weit­eren Bild­schir­men aufgerufen wer­den, wie lange Zeit jew­eils sicht­bar sein? Es ist denkbar, dass das Wort S i e r r a , das in Europa vor weni­gen Minuten verze­ich­net wurde, schw­er­er wiegt, sobald es in Aus­tralien auf einem Bild­schirm erscheint, als das selbe Wort, wenn wir es in Europa lesen, 1 Mil­lion­s­tel Gramm schw­er­er, sagen wir, um 1 Mil­lion­s­tel Gramm Kohle schw­er­er und um den Bruchteil ein­er Sekunde. — stop

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beobachtung

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ulysses : 18.10 UTC — Ob vielle­icht Bewe­gun­gen existieren, Gesten men­schlich­er Hände, die bald ausster­ben wer­den? Die Geste ein­er Hand, beispiel­sweise, in der Betra­ch­tung eines Dias, oder die Geste ein­er Hand, die einen Bleis­tift führt über ein Blatt Papi­er. Ich werde eine Samm­lung ausster­ben­der Bewe­gun­gen anle­gen. Sofort fange ich damit an. Es ist später Abend gewor­den. Gewit­ter näh­ern sich von West­en. Bue­na Vista Social Club. Nicht weit­er. — stop

sisulu

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delta : 6.15 UTC — In der ver­gan­genen Nacht hat­te ich einen merk­würdi­gen Traum. Ich war in der Däm­merung mit meinem Trompe­tenkäfer abends spazieren im Pal­men­garten. Die Luft duftete nach Flieder, obwohl schon Juni gewor­den war. Der Käfer, dem ich kurz nach sein­er Entwick­lung den Namen Sisu­lu 8 gegeben hat­te, hock­te auf mein­er recht­en Schul­ter, weswe­gen ich vor­sichtig einen Fuß vor den anderen Fuß set­zte, weil ich natür­licher­weise von der Flu­gun­fähigkeit des kleinen Wesens wusste, er war nicht zum Fliegen aus­gedacht, son­dern zum Trompete­spie­len. Ich ging also ganz langsam nord­wärts vor­bei an ein­er wun­der­baren Som­mer­wiese, die von den Schlafgeräuschen der Heuschreck­en leise knis­terte, erre­ichte dann nach zwei Stun­den langsamen Gehens eine hölz­erne Bank am Rande ein­er weit­en Step­pen­land­schaft, es war schon Nacht gewor­den. Ich nahm Platz auf der Bank, über­schlug die Beine und set­zte den kleinen Käfer auf mein recht­es Knie. Unverzüglich begann Sisu­lu 8 zu spie­len in ein­er Weise, wie ich es vor langer Zeit schon ein­mal zu beschreiben ver­suchte. Bald war ich eingeschlafen, ich weiss nicht genau wie lange Zeit ich geschlafen hat­te, als ich erwachte, saß Maceo Park­er neben mir auf der Bank. Er hat­te sich mit seinem recht­en Ohr meinem Knie genähert, ich wagte in diesem Augen­blick kaum zu atmen, das muss man sich ein­mal vorstellen, Maceo Park­er auf ein­er Nacht­bank neben mir sitzend, wie er meinem Käfer­fre­und Sisu­lu lauscht. Es ist jet­zt schon bald Mor­gendäm­merung, meine Güte, und ich bin noch immer nicht wirk­lich wach gewor­den. — stop
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montauk

picping

MELDUNG. Mon­tauk, Point Light­house, 5. Etage, stein­ernes Zim­mer : Kirsche No 308 [ Mar­mor, Makrana : 5.03 Gramm ] vol­len­det. — stop

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im aquarium

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india : 20.01 UTC — Ein­mal beobachtete ich in der Unter­wasser­abteilung eines zool­o­gis­chen Gartens Medusen und Haifis­che, auch Bunt­barsche und Seesterne. Es war dort beina­he dunkel gewe­sen, Besuch­er flüsterten, wohl weil man im Schat­ten­licht leise spricht. Als ich mich ger­ade umdrehen wollte, um nach einem Aus­gang zu suchen, ent­deck­te ich einen kleineren Behäl­ter, der auf einem Sock­el inmit­ten des Saales ruhte. Da schwebte ein Wesen in dem Behäl­ter, das ich noch nie zuvor gese­hen hat­te. Ich dachte, tat­säch­lich existieren Unter­wasseren­gel, Per­sön­lichkeit­en, die sich ein Maler aus­gedacht haben kön­nte. Einige Minuten lang wartete ich darauf, doch endlich wach zu wer­den, indessen der Unter­wasseren­gel mich sein­er­seits zu beobacht­en schien. Kurz darauf näherte sich ein Mitar­beit­er des Aquar­i­ums, er strich mit einem Fin­ger über die Scheibe hin, der Fisch fol­gte dem Fin­ger, als ob er mit ihm befre­un­det sei. Ich sagte, das ist ein selt­samer Fisch, eine Art Unter­wasseren­gel. Nein, antwortete der Mitar­beit­er, das ist ein Fet­zen­fisch. Das kann nicht sein, erwiderte ich, eine selt­same Beze­ich­nung für ein so wun­der­volles Wesen. Eine Weile disku­tierten wir über das Recht oder Unrecht, Namen an Tiere oder Pflanzen zu vergeben. In dieser Zeit beobachtete uns der Fisch aufmerk­sam. Plöt­zlich drehte er sich um und ver­schwand in ein­er Höh­le, so als habe er die Entschei­dung getrof­fen, genau in diesem Moment seinen Arbeit­stag als Fet­zen­fisch zu been­den. — stop

samarkand

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echo : 0.28 UTC — Am Tele­fon erzählte unlängst eine Fre­undin, die 32 Jahre länger lebt als ich selb­st, sie höre mir gern zu, auch dann, sagte sie, wenn du sehr schnell sprichst. Sie gehe manch­mal kurz in die Küche und mache sich einen Tee oder lese in einem Buch über die Stadt Samarkand. Hin und wieder ste­he sie auf dem Balkon und betra­chte den Abend­him­mel, das Tele­fon ruhe indessen stets in Hör­weite auf dem Wohnz­im­mer­tisch. Ich vernehme Dich also, lieber Louis, ich mag deine Stimme, aber Du soll­test ler­nen, Pausen zu machen, langsamer zu wer­den. Ich antwortete: Ja, das ist gut, ich bin schon seit eini­gen Wochen in der Übung langsamer zu wer­den. Es ist sehr angenehm, langsam zu gehen und langsam oder gar nicht zu sprechen. Von nun an werde ich, das ist ein Ver­sprechen, immer wieder ein­mal zu Hause oder unter­wegs eine Pause ein­le­gen. Dann fragte ich: Was macht man denn so in ein­er Pause? — Es ist sehr schön wie meine Fre­undin lacht. Sie reist viel herum, nach Ameri­ka, nach Paris, nach Jerusalem. — stop
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tokiozug

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char­lie : 22.25 UTC — Vor weni­gen Minuten noch habe ich mit einem Bleis­tift in mein­er recht­en Hand ver­sucht, den Namen Dostojewski’s in mein Notizbuch einzu­tra­gen. Das ist vielle­icht tat­säch­lich eine kleine Mel­dung wert. Der let­zte Ein­trag in mein Notizbuch ist näm­lich mit dem Monat April ver­bun­den, das war, ich erin­nere mich, an einem Son­ntag gewe­sen, ein stür­mis­ch­er und reg­ner­isch­er Tag, die Papiere meines Notizbuch­es waren feucht gewor­den, well­ten sich, wellen sich noch immer. Ich habe damals die Frage notiert, ob Fle­d­er­mäuse auch bei Regen fliegen. Nun ging es heute um etwas ganz anderes, ich wollte eine Notiz zum Roman Der Spiel­er verze­ich­nen. Lei­der fuhr ich in diesem Augen­blick meines Notier­wun­sches in einem Zug voller Men­schen, die sich dicht aneinan­der drängten, weswe­gen ich meine Schreib­mas­chine nicht erre­ichen kon­nte. Also suchte in der linken Hosen­tasche nach meinem Notizbuch für Not­fälle. Dieses Buch ist, wie ich erwäh­nte, von Papi­er, wurde mehrfach gefal­tet, eben­so mehrfach feucht und wieder getrock­net, ein Heftchen, in welchem ich beizeit­en mit wilder, ungeübter Schrift notiere, sodass ich manch­mal nur noch erah­nen kann, was ich ver­merken wollte. So habe ich heute also aus der Erin­nerung Vari­a­tio­nen eines berühmten Namens notiert, mehrfach habe ich ange­set­zt, dann wieder nachgedacht. Ich frage mich, was würde Fjodor M. Dos­to­jew­s­ki vielle­icht gedacht haben, hätte er mich beobachtet in diesen aufre­gen­den Minuten ein­er kurzen Zugreise? — Heute ist Dien­stag, es ist warm, es ist Suma­tra. — stop
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vom unsichtbaren

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lima : 23.59 UTC — Ich war noch ein Kind gewe­sen, als ich von meinem Vater in einen unter der Erde liegen­den Saal des Kern­forschungszen­trums CERN geführt wurde. Ich lernte dort die Unsicht­barkeit ken­nen. Es war inmit­ten ein­er Nacht, der Saal grell beleuchtet, Dio­den blink­ten, orangen­far­bene Warn­leucht­en dreht­en sich langsam. Und da war das Rauschen der Luft, die kühl durch den Saal strich, ein beständi­ger Wind, weswe­gen in ein­er Hochsom­mer­nacht doch alle Men­schen, die in dem Saal zu beobacht­en waren, warme Klei­dung tru­gen. Mein Vater und ich standen auf ein­er Brücke, die über einen Kor­ri­dor führte, der voll­ständig leer zu sein schien. Aber das war natür­lich ein Irrtum, dort gle­ich unter uns schoss näm­lich ein Strahl hoch­en­er­getis­ch­er Teilchen durch die Luft, der jeden Men­schen sofort getötet hätte, wenn er dort unten hin­durch spaziert wäre. Mein Vater deutete hinab und ver­suchte mir das Unsicht­bare zu erk­lären. Nicht sicht­bar, weil zu schnell, sagte mein Vater, und zu klein. Ich war so berührt von der möglichen Wirkung des Unsicht­baren, dass ich immer wieder dor­thin zurück­kehren wollte, um das Unsicht­bare zu besuchen. Über­haupt ist das Unsicht­bare, das aber doch der Fall ist, ein wun­der­volles Phänomen. Oder jenes gemein­same Wesen, das nur den Lieben­den sicht­bar wird. — Mit dieser Minute endet Louis’ 20646 Leben­stag. — stop

sumatra petit

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india : 21.05 UTC — Es ist der 22. Juni, Abend. 30 °C Wärme im Arbeit­sz­im­mer, 88 Prozent Luft­feuchte, meine Schreib­mas­chine, die ger­ade eben noch von einem Schirm­samm­ler erzählte, schnauft vor sich hin, jed­er weit­ere Satz scheint ihr Prozes­sorherz aufzure­gen. Ich selb­st habe schon längst aufge­hört zu atmen, habe meine Kiemen­schächte, die links und rechts hin­ter meinen kleinen Ohren im Ver­bor­ge­nen liegen, geöffnet, nun bin ich ganz auf der sicheren Seite. Mein Tele­fon­hör­er ruht neben Lutz Seil­er Zeit­waage, ein Buch, das ich zur Stunde kaum wage anz­u­fassen, es kon­nte zer­fall­en. Über­haupt bin ich heute ein wenig langsam in der Auf­nahme der Wörter, ich lese sozusagen Buch­stabe um Buch­stabe voran. Über meinem Sofa haben sich drei Wolken­türme gebildet, die bald blitzen wer­den, ich kenne das schon, es blitzt und dann wird es reg­nen, diesen wun­der­baren Regen aus meinen Zim­mer­wolken, der nach Veilchen duftet, ich weiss noch immer nicht warum. Auf dem Fen­ster­brett ein Zeisig, es ist kurz nach neun Uhr, Miles Davis So What, wir tauchen. — stop
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feldX ∣ 285 ∣

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echo : 17.12 UTC — Wie viele Arbeitss­chritte, die von Zufalls­gen­er­a­toren ges­teuert sind, wer­den im Zahlenkör­p­er eines Algo­rith­mus notwendig sein, um sein Han­deln bei län­ger­er Beobach­tung als Ver­hal­ten eines kom­plex­en Lebe­we­sens wahrnehmen zu kön­nen? Eine selt­same Frage vielle­icht. Ich habe an diesem Nach­mit­tag bemerkt, dass das Erfind­en dif­fizili­er Fra­gen Freude bere­it­et, ger­ade auch dann, wenn ich sich­er sein kann, dass ich eine erfun­dene Frage selb­st niemals zu beant­worten ver­mag. — Später Nach­mit­tag: Lust auf eine Flasche küh­ler Tibetluft. — stop

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im aufzug

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sier­ra : 22.01 UTC — Stellen Sie sich vor, ich war in einem Aufzug gewe­sen, der nicht weit­er­fuhr, wed­er nach oben noch nach unten, kein­er­lei Bewe­gung, eine eigentlich harm­lose Geschichte, aber ich war nicht allein in dem Aufzug, wir waren zu fün­ft, zum Glück nur zu fün­ft, nicht etwa zu siebt oder zu acht, dann wäre wirk­lich Ernst gewor­den. Da waren also ich und vier weit­ere Per­so­n­en, die ich noch nie zuvor gese­hen hat­te, Per­so­n­en von der Art, von welchen man sagen kön­nte, dass sie nicht ger­ade fre­undliche Men­schen sind. Ich würde sog­ar sagen, sie waren in ihrem Auftreten unhöfliche Wesen, ich kann das beurteilen, ich war der erste in dem Aufzug gewe­sen, alle weit­eren vier Per­so­n­en kamen etwas später hinzu, trat­en in die Aufzugk­abine here­in, ohne zu grüßen. Den ersten Her­rn grüßte ich noch, aber bei dem zweit­en Her­rn war ich schon vor­sichtig gewe­sen, ich grüßte ihn nicht, vielle­icht wird der vierte Besuch­er des Aufzuges demzu­folge gedacht haben, was sind das nur für unfre­undliche Men­schen an diesem Ort, weil wir drei, die vor ihm im Aufzug gewe­sen waren, uns bere­its ärg­erten, deshalb entsprechende Gesichter zeigten. Wir hat­ten kein Glück, so kön­nte man das vielle­icht sagen, auch die Besuch­er vier und fünf waren keine Frohna­turen, sie trat­en here­in, beobachteten, was da für Men­schen sich im Aufzug befan­den, und sagten sich ver­mut­lich, wir wer­den schweigen, weil alle schweigen. Dann blieb der Aufzug also ste­hen, ohne dass sich eine Tür geöffnet haben würde, das Licht ging aus, auch die Anzeigen der Stock­w­erke, wir standen im Dunkeln. Unverzüglich holten wir unsere Dien­st­tele­fone aus den Taschen, es wurde Licht, fünf Gesichter, die beleuchtet waren, ängstliche Gesichter, weil wir ahn­ten, dass wir uns nicht mocht­en, dass wir unfre­undliche Men­schen waren, die ver­muteten, dass sofort oder in Kürze etwas Schreck­lich­es geschehen kön­nte. — stop

gespräch mit einem seemann

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tan­go : 20.10 UTC — Im Schnel­lzug heute Mor­gen beobachtete mich ein Mann von vielle­icht achtzig Jahren wie ich auf mein­er flachen Bild­schirm­schreib­mas­chine einen Text notierte. Ich hat­te die Schreib­mas­chine quer auf meine Knie abgelegt und schrieb mit fünf oder sechs Fin­gern recht flink auf ein­er virtuellen Tas­tatur. Das war ein fast laut­los­er Vor­gang gewe­sen, vielle­icht deshalb sagte der Mann plöt­zlich: Früher waren die Schreib­maschi­nen sehr laut gewe­sen! Ich hob meinen Blick und lächelte den Mann an. Er fragte sofort weit­er: Das ist doch eine Schreib­mas­chine? Ich nick­te. Ja, sagte ich, das ist eine Schreib­mas­chine und zugle­ich auch ein Gerät, mit dem ich Texte senden kann und Nachricht­en emp­fan­gen, sog­ar mors­en kön­nte ich. — Ich habe früher auch gemorst, sagte der Mann, ich bin auf einem Segelschiff zur See gefahren, da war ich sehr jung gewe­sen. Er schwieg für einen Moment, dann sagte er: Sie brauchen gar kein Papi­er, nicht wahr? Ich antwortete: Das ist richtig, im Grunde brauche ich kein Papi­er. — Was schreiben sie denn? wollte der Mann wis­sen. Ich schreibe eine Geschichte, sagte ich. Ist das denn gut, dass sie eine Geschichte ohne Papi­er schreiben? fragte der Mann. Ich sagte: Darüber muss ich nach­denken. Der Mann lachte: Sie ist wirk­lich nicht groß, diese Schreib­mas­chine. Sagen sie, wie viele Geschicht­en passen denn in diese Schreib­mas­chine hinein? Ich antwortete: Ich glaube, sehr viele Geschicht­en, ja, ver­mut­lich unvorstell­bar viele Geschicht­en. — Das ist gut, sagte der Mann, so viele Geschicht­en, dass sie im Zug sitzen und schreiben kön­nen so lange sie wollen, ohne je aussteigen und eine neue Schreib­mas­chine kaufen zu müssen. Einen Moment lang schaute er zum Fen­ster hin­aus. — stop
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MELDUNG. An diesem war­men Mittwoch, es war 7 Uhr und 8 Minuten in der Früh, wurde Käfer­dame Lucin­da [ 15 Gramm ] von Käfer Joseph [ 22 Gramm ]  erst­mals mit­tels rhyth­mis­ch­er Lumi­neszen­zen von vio­let­ter Farbe begrüßt. Sie selb­st morst in gel­blich­er Beleuch­tung. ~ MPI für Biotech­nolo­gie, Unger­erstr 12, 6. Stock : Labor IIc-8 : Lev­el 4. — stop
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