von grammophonen

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marim­ba : 18.52 UTC — Ein­mal gehe ich im Traum eine Straße spazieren. Da und dort Waren­häuser und Läden, schön warm beleuchtet, selt­samer­weise ohne Aus­nahme Schallplat­ten­lä­den. Gram­mo­phone sind zu erken­nen, ganz alte Kisten. Plöt­zlich kommt mein Brud­er auf einem Fahrrad vor­bei, kurz darauf Vater im Roll­stuhl sehr kraftvoll. Er leuchtet vor Begeis­terung, diese Geschwindigkeit, er ist unge­heuer geschickt mit seinem Stuhl. Der Roll­stuhl ist von Kirschbaumholz, er blüht. Bald sind Vater und Brud­er in ein­er Seit­en­straße ver­schwun­den. — Kurz nach­dem ich erwachte, erzählte ich Mut­ter meinen Traum, er gefiel ihr. Jet­zt sitzt sie selb­st im Roll­stuhl. Wenn dieser, ihr klein­er Roll­stuhl doch nur blühen würde, es ist Mai, sie trägt einen Som­mer­hut und schläft. — stop

°^°

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india : 20.05 UTC — Mor­gens in den Schnell­bah­nen pfeifen Mobil­tele­fone als wären sie Men­schen. Das ist sehr wirkungsvoll, ich hebe, obwohl ich es bess­er weiß, fast immer den Kopf. — stop

ping

von magnetbändern

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lima : 0.06 UTC — Ein­mal, vor langer Zeit, traf ich einen Fre­und. Seine Frau war kurz zuvor gestor­ben. Wir saßen in einem Café im botanis­chen Garten. Mein Fre­und erzählte von der Seefahrt als junger Mann in Maschi­nen­räu­men, von him­mel­blauen finnis­chen Win­ternächt­en, Polar­lichtern, Kerzen. Seine Trau­rigkeit an diesem Tag, weil er ein­sam gewor­den war, weil er sein eigenes Altwer­den spürte. Er erzählt von den let­zten Tagen sein­er Frau. Wie sie aufräumte in der Woh­nung, wie sie Büch­er beschriftete, dann wieder ins Kranken­haus, in Sicher­heit, aber ohne zu viel Mor­phi­um, um nicht einzuschlafen. Die let­zten 30 Stun­den war sie dann doch bewusst­los gewe­sen. Ein­mal sprach sie wun­der­schöne Sätze für ihn auf den Anruf­beant­worter, die er verse­hentlich löschte. Auf Mag­net­bän­dern, 30 Jahre sind sie alt, find­en sich Auf­nah­men, das weiß er genau, der Cem­bal­istin, aber es fehlt das Abspiel­gerät dazu. Es geht mir ans Herz, wie ich den alten Mann in Rich­tung ein­er blühen­den Kas­tanie davonge­hen sehe. Ich hat­te ihn gefragt, ob er sich mit sein­er Geliebten noch unter­halte, und er sagte, irgend­wie schon, es ist ja so virtuell, und es kom­men keine Antworten. — stop

ping

eine kurze pause

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lima : 0.08 UTC — Vorgestern, am späten Abend, führte ich ein inter­es­santes Twit­terge­spräch. Eine Per­son, ein Herr oder eine Dame, erkundigte sich auf direk­tem Kanal, ob es denn möglich sei, meinen eigentlichen Namen zu erfahren, weil er oder sie mich sehr gerne irgend­wann in naher Zukun­ft wegen Hochver­rats an dem deutschen Volke ankla­gen wolle. Ich hat­te mich kurz zuvor erkundigt, ob er oder sie vielle­icht einen der ver­sifften Neger, die Europa ange­blich bedro­ht­en, per­sön­lich ken­nen würde. Ich bat um etwas Geduld, ich würde mir Zeit nehmen, um ihre Anfrage zu entschei­den, müsste zunächst darüber nach­denken. Zeig Dich, Du Hund, schrieben der Mann oder die Frau. Ich antwortete, ich, der Hund, befürchte bei Offen­le­gung meines wirk­lichen Namens möglicher­weise heute noch auf der Straße vor meinem Haus wegen Hochver­rats eli­m­iniert zu wer­den. Ein kurze Pause ent­stand im Gespräch, es dauerte fünf Minuten und 32 Sekun­den, dann antwortete der Mann oder die Frau in großzügiger Weise, ich solle mich nicht aufre­gen, ich könne sich­er sein, dass mir nichts geschehen würde. Wir kämpfen für die Frei­heit der Mei­n­ung, gegen ein Dik­tatur, die Deutsch­land ver­nicht­en wolle. Er oder sie fragte sodann: Sind Dir Hans und Sophie Scholl bekan­nt? Es sei jet­zt an der Zeit Wider­stand zu leis­ten, damit Deutsch­land nicht unterge­he, mutig und aufrecht. — stop

ping

nachtuhr

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india : 0.06 UTC — Diese eine Minute in der Nacht. Ich ste­he in der Diele im Licht und schaue auf meinen linken Arm. Ich meine, eine Uhr zu erken­nen, die sich unter mein­er Haut befind­et, eine sehr kleine Uhr mit einem blauen Zif­ferblatt, es ist dort kurz nach 2 Uhr. Ich bin überzeugt, diese Uhr noch nie zuvor gese­hen zu haben. Ich gehe in die Küche und schreibe im Halb­schlaf auf einen Zettel: Nach­tuhr suchen. Dann schlafe ich wieder ein und finde am Mor­gen auf dem Tisch neben Äpfeln und Bana­nen meine Notiz. Selt­same Geschichte. Ob vielle­icht Uhren dieser Art existieren, tauchende Uhren. Es ist jet­zt kurz nach Mit­ter­nacht. Bald wieder schlafen. — stop

ai : BURUNDI

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MENSCH IN GEFAHR : “Nestor Nibi­tan­ga, ein ehe­ma­liger regionaler Beobachter der Men­schen­recht­sor­gan­i­sa­tion Asso­ci­a­tion pour la Pro­tec­tion des Droits Humains et des Per­son­nes Détenues (APRODH) in Zen­tral- und Ost-Burun­di wird seit mehr als fünf Monat­en in Unter­suchung­shaft gehal­ten. Ihm wer­den „Bedro­hung der nationalen Sicher­heit“ und „Rebel­lion“ zur Last gelegt. Amnesty Inter­na­tion­al ist der Ansicht, dass dies eine Vergel­tungs­maß­nahme für seine friedliche Men­schen­recht­sak­tiv­itäten und seine frühere Zuge­hörigkeit zu APRODH sind. / Er wurde am 21. Novem­ber 2017 bei sich zuhause in Gite­ga festgenom­men. Während sein­er Fes­t­nahme nahm die Polizei zwei USB-Sticks aus seinem Haus an sich, von denen ein­er den Entwurf eines Tätigkeits­berichts für ein lokales Netz von Menschenrechtsbeobachter_innen enthielt. Nestor Nibi­tan­ga war zu der Zeit nicht bei APRODH angestellt, da sie eine von min­destens zehn Men­schen­recht­sor­gan­i­sa­tio­nen war, die der Innen­min­is­ter im Okto­ber 2016 geschlossen hat­te. Er warf den Organ­i­sa­tio­nen vor, „den Ruf des Lan­des zu schädi­gen“ und „Hass und Zwi­etra­cht unter der Bevölkerung zu säen“. / Zunächst war Nestor Nibi­tan­ga vom Geheim­di­enst (Ser­vice nation­al de ren­seigne­ment – SNR) ohne Zugang zu einem Rechts­bei­s­tand in der Haupt­stadt Bujum­bu­ra fest­ge­hal­ten wor­den. Am 4. Dezem­ber 2017 wurde er dann in das Zen­tral­ge­fäng­nis Murem­b­wa nach Rumon­ge gebracht. / Am 3. Jan­u­ar wurde sein Antrag auf Freilas­sung gegen Kau­tion abgelehnt. Gegen diese Entschei­dung hat er Rechtsmit­tel ein­gelegt. / Amnesty Inter­na­tion­al betra­chtet Nestor Nibi­tan­ga als gewalt­losen poli­tis­chen Gefan­genen, der auf­grund sein­er friedlichen Men­schen­recht­stätigkeit ins Visi­er ger­at­en ist.” - Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­lene schriftliche Aktio­nen bis spätestens zum 11.6.2018 unter > ai : urgent action
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wolkenserver

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tan­go : 8.32 UTC — Ich stellte mir einen sehr kleinen Vogel vor, so groß vielle­icht wie eine Frucht­fliege mit einem Plu­to­ni­umherz, ein Geschenk der Eltern an ein Kind, eine Aufze­ich­nungs­mas­chine, fed­er­le­icht, welche das Leben des Kindes begleit­et, verze­ich­net, was das Kind unternehmen wird in seinem Leben, was es notieren und sprechen, wohin es reisen, wie gut oder schlecht es schlafen wird. Ein Leben aus näch­ster Nähe zuver­läs­sig aufgenom­men und gespe­ichert in einem Wolkenserv­er. — stop

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eine seerose perdu

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romeo : 8.55 UTC — Gestern, gegen Mit­ter­nacht, wurde eine Per­son, die sich als deutsche Seerose definierte, von Mitar­beit­ern und Mitar­bei­t­erin­nen der Twit­ter­mas­chine dauer­haft aus­ges­per­rt, weil sie in regelmäßiger Weise Men­schen nicht­deutsch­er Herkun­ft an deutschen Bäu­men erhän­gen wollte. Ein Vor­gang, der ein sieben­jähriges Twit­ter­leben abrupt been­dete. Über zwölf­tausend Kurz­nachricht­en sind sehr plöt­zlich nicht wiederzufind­en, Geschicht­en aus einem Alb­traum­leben. Man (Seerose. deutsch) fängt ver­mut­lich, ohne das Erhän­gen, wieder von vorne an. — stop

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nacht wird um 8

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nord­pol : 0.05 UTC — Im Haus der alten Men­schen wird für seine Bewohn­er Nacht um 8, wenn für die Besuch­er ger­ade eben dieses Haus­es der Abend erst begin­nt. Es war heute Gewit­ter­luft gewe­sen, weshalb viele der alten Men­schen nicht auf­ste­hen woll­ten. Also blieben sie liegen und verir­rten sich nicht. Es ist näm­lich so, dass man sich, wenn man im Haus der alten Men­schen ein Zim­mer genom­men hat, manch­mal nicht weiss wer man ist, oder man weiss nicht wo zu Hause sein kön­nte, und bekommt, wenn man zu ein­er Schwest­er sagt: Ich möchte heim, zur Antwort: Meine Liebe, hier ist Daheim. Auf den Rück­en der alten Men­schen, die nicht wis­sen wo sie sind, ste­ht zu lesen: Ich heiße so oder so, ich habe mich ver­laufen, ich wohne im Haus der alten Men­schen, bitte brin­gen sie mich nach Hause. Auf einem Tisch hier Daheim ste­ht ein Schallplat­ten­spiel­er, der Musik macht, die ver­traut ist, auch wenn man nicht weiss, wer selb­st man ist, es wird gesun­gen, es sind Lieder der Kind­heit. Twit­ter ken­nt man hier nicht. — stop

amsterdam

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MELDUNG. Frische Ohren zu Ams­ter­dam, men­schlich, aus den Laboren in der Over­singe 11, nahe Amstel­park: 100 g geröstet je 42 englis­che Pfund. Nur heute. Solange der Vor­rat reicht. — stop
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herzwanderung

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char­lie : 0.01 UTC — Ent­deck­te gestern Nach­mit­tag ein Notizkärtchen, auf dem ich ein­mal vor langer Zeit das Wort Herzwan­derung notierte. Ich glaube, ich habe von diesem Kärtchen bere­its erzählt. Ich schrieb das Wort auf das Kärtchen, kurz nach dem ich einen jun­gen Mann in einem Prä­pari­er­saal beobachtet hat­te, wie er mit einem kleinen rosa­far­be­nen Herzen, das er zuvor unter Anleitung eines Assis­ten­ten aus dem Brustko­rb ein­er alten Frau operierte, durch den Saal eilte, um es unter kaltem Wass­er zu waschen. Unmit­tel­bar hin­ter ihm wartete ein Kol­lege. Auch er hielt ein Herz in Hän­den. Dieses Herz schien ver­gle­ich­sweise das Herz eines Riesen gewe­sen zu sein, und es war dunkel, fast schwarz. Als der junge Mann mit der Waschung des kleinen rosa­far­be­nen Herzen fer­tig gewor­den war, drehte er sich um. Für einige Sekun­den standen sich die zwei Män­ner gegenüber und betra­chteten je das Herzprä­parat des anderen. — stop

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vom gehör

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romeo : 0.12 UTC — Ich stelle fest, ich habe zwei Ohren. Mit zwei Ohren schon bin ich zur Welt gekom­men. Meine Ohren hörten demzu­folge von der Welt, noch ehe ich angekom­men war. Ich hörte von der Welt da draußen, und ich hörte, so wurde erzählt, das Herz mein­er Mut­ter schla­gen, das war nicht fern. — Erstaunlich. — stop

minutengeschichte

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echo : 0.02 UTC — Im Haus der alten Men­schen in einem Flur ste­ht ein Roll­stuhl. Eine sehr kleine Per­son sitzt in diesem Stuhl, so klein ist sie, dass von hin­ten her nur ein Hut von ihr zu sehen ist, der sich nicht bewegt, weil die kleine Per­son, eine alte Dame, eingeschlafen ist. Auf einem Sofa in ihrer unmit­tel­baren Nähe hockt ein Mann, ihr Sohn. Der Sohn schaut zum Fen­ster hin­aus, es blitzt, ein Regen begin­nt, der die Luft hell wer­den lässt, und dann don­nert es, und die alte Dame wird wach. Mit ihren mageren Hän­den, die zit­tern, nähert sie sich ihrem Sohn. Er lächelt sie an, und sie sagt zu ihm: Komm hilf mir, ich möchte auf­ste­hen und gehen. Und der Mann antwortet: Mut­ter, du kannst nicht gehen, Du bist seit einem Jahr nicht auf eige­nen Beinen ges­tanden, Du bist schw­er gestürzt, Du bist auf Deinen Kopf gefall­en, Deine Beine sind so dünn, dass ich sie je mit ein­er Hand umfassen kön­nte. Und da sagt die alte Dame zu ihm: Ich kann gehen, ich weiss das, komm hilf mir, ich bin immer gegan­gen. Warum willst Du mir nicht helfen! Und sie sieht ihn an, er ken­nt diesen Blick. Und es don­nert und blitzt da draussen vor dem Fen­ster, ein wun­der­bares Gewit­ter, ganz wun­der­bar. — stop
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ramin

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char­lie : 7.55 UTC — Theodor erzählte, er sei mit einem jun­gen Mann befre­un­det, der in Isfa­han im Iran geboren wurde. Er heisse Ramin und lebe seit zehn Jahren in Europa, ein­mal für vier Jahre in Rom, dann zwei Jahre lang in Genf, immer an der Seite sein­er Eltern, Mut­ter wie Vater Sprach­wis­senschaftler. Zur Zeit nun lebt Ramin in Ham­burg. Volljährig gewor­den wollte er im ver­gan­genen Jahr, im Win­ter präzise, nach New York reisen, ein großer Traum, ein­mal über die Brook­lyn — Bridge spazieren hin und zurück, lei­der habe er keine Ein­reiseer­laub­nis erhal­ten. Das könne länger dauern, habe man ihm gesagt, dass er nicht ein­reisen könne, er solle sich keine Hoff­nun­gen machen, es han­dele sich um eine poli­tis­che Entschei­dung, er sei gefährlich gewor­den von einem Jahr zum anderen Jahr. Sei­ther erfind­et Ramin die Stadt New York, indem er kleine Geschicht­en über sie notiert. Er hat­te bemerkt, dass ihm Freude mache, Filme, die in New York aufgenom­men wor­den seien, zu inspizieren. In Chi­na Town nahe dem Col­lect Pond Park habe er ange­fan­gen, von dort aus arbeite er sich weit­er nord­wärts voran von Straße zu Straße, samm­le Fotografien, Ansicht­en der Google Earth Anwen­dung, so entstünde eine Art Spazier­gang, hochau­flösend, nord­wärts in Rich­tung Cen­tral Park. Er mache sich qua­si ein Bild aus Bildern oder sehr kurzen Fil­men, und irgend­wann werde er dieses Bild über­prüfen, wie es riecht, sobald er per­sön­lich nicht mehr gefährlich sein wird. — stop

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seite zweiundfünfzig

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himalaya : 0.10 UTC — Ich ent­deck­te ein Alge­bra-Buch meines Vaters, in dem er arbeit­ete als er noch jung gewe­sen war. Das Buch war ein Buch, das im Grunde aus einem weit­eren Buch bestand. Mein Vater hat­te näm­lich zahlre­iche Bemerkun­gen an den Rän­dern der Buch­seit­en hinzuge­fügt, auch Zettel waren da dort ein­gelegt, Zif­fern, Zahlen, Wörter, die ich nicht lesen kon­nte, weil sie mit ein­er sehr kleinen Schrift mit einem spitzen Bleis­tift in das Papi­er ein­ger­itzt wor­den waren. Ich holte aus seinem Schreibtisch, der noch immer auf ihn zu warten scheint, eine Lupe und fol­gte den Zeichen eine Weile. Da stieß ich auf eine Bemerkung, die ich entz­if­fern kon­nte: Paulinchen 8557345. Natür­lich ist diese Geschichte voll­ständig erfun­den. — stop

manhattan

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MELDUNG. Man­hat­tan, Lex­ing­ton Avenue 822, 28. Etage, stein­ernes Zim­mer : Kirsche No 2028 [ Mar­mor, Car­rara : 1.08 Gramm ] vol­len­det. — stop
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von stühlen

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nord­pol : 7.58 UTC — Im Haus der alten Men­schen sitzen Damen an einem Tisch von früh bis spät. Ein Fernse­hap­pa­rat, der an der Wand hängt flach wie ein Schol­len­fisch, spult sich durch den Tag. Die alten Damen nehmen kaum Notiz von dem Licht, das auf sie fällt. Der Ton ist aus­geschal­tet, der Fisch ist stumm. So sitzen sie völ­lig zeit­los, wie mir scheint, sie erin­nern sich ver­mut­lich nicht, ob ich an diesem Tag schon an ihnen vorüber gekom­men bin, aber sie ken­nen mich, den treuen Besuch­er, ich habe doch irgen­deinen Ein­druck hin­ter­lassen. Wenn ich mich über einen lan­gen Flur spazierend dem Raum der alten Damen nähere, weiss ich präzise vorherzusagen, welche der Damen auf welchem der Stüh­le sitzen wird vor dem Tisch, der dreimal am Tag sich füllt mit Speisen, auch mit Kaf­fee oder gekühltem Him­beer­saft. Nur wenn das Wet­ter sich Hals über Kopf verän­dern wird, davon erzählen leere Stüh­le, die doch von den Abwe­senden beset­zt sind, sie warten oder schlafen nachts im Halb­dunkel, schlafende Stüh­le. — stop

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ai : ÄGYPTEN

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MENSCH IN GEFAHR : “Am 9. Mai stellte Amal Fathy ein Video auf ihrer Face­book-Seite ein, in dem sie die von ihr erlebte sex­u­al­isierte Beläs­ti­gung the­ma­tisierte, die Dringlichkeit dieses Prob­lems in Ägypten betonte und die Regierung kri­tisierte, weil sie die Frauen in Ägypten nicht davor schützt. Zudem kri­tisierte sie das scharfe Vorge­hen der Regierung gegen die Men­schen­rechte, die sozioökonomis­chen Bedin­gun­gen und die Missstände im öffentlichen Dien­stleis­tungssek­tor. Daraufhin durch­suchte die Polizei am 11. Mai gegen 2:30 Uhr die Woh­nung von Amal Fathy und inhaftierte sie in der Polizei­wache Maa­di in Kairo zusam­men mit ihrem Ehe­mann Mohamed Lot­fy, einem früheren Mitar­beit­er von Amnesty Inter­na­tion­al und aktuellen Direk­tor der Men­schen­recht­sor­gan­i­sa­tion Ägyp­tis­che Kom­mis­sion für Rechte und Frei­heit­en (Egypt­ian Com­mis­sion for Rights and Free­doms – ECRF) und ihrem drei­jähri­gen Kind. Mann und Kind wur­den nach drei Stun­den wieder freige­lassen. / Am 11. Mai prüfte die Staat­san­waltschaft Maa­di Amal Fathys Fall und ord­nete 15 Tage Haft für die Dauer der Ermit­tlun­gen zu den gegen sie erhobe­nen Vor­wür­fen an – unter anderem „Veröf­fentlichung eines Videos, das Falschin­for­ma­tio­nen enthält, die den öffentlichen Frieden beein­trächti­gen kön­nten”. Am fol­gen­den Tag ver­hörte die Staat­san­waltschaft der Staatssicher­heit sie in einem weit­eren Fall zu ihrer ange­blichen Verbindung zur Jugend­be­we­gung 6. April. Für die Dauer der Ermit­tlun­gen wegen Mit­glied­schaft in ein­er ver­bote­nen Gruppe ord­nete sie weit­ere 15 Tage Unter­suchung­shaft an. / Inter­net-Trolle kopierten das Video und Fotos von Amal Fathy von ihren Sozialen Medi­en-Seit­en und posteten sie auf Face­book und Twit­ter zusam­men mit geschlechtsspez­i­fis­chen Beschimp­fun­gen und der Forderung nach ihrer Fes­t­nahme. Mehrere regierungs­fre­undliche und staatliche Medi­en veröf­fentlicht­en Artikel über das Video und behaupteten fälschlich, dass sie eine Aktivistin der Jugend­be­we­gung 6. April sei und bei der ECRF arbeite. Darüber­hin­aus schrieben sie, dass sie mit dem Direk­tor der ECRF ver­heiratet sei und ver­stießen damit gegen ihr Recht auf Pri­vat­sphäre.” - Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­lene schriftliche Aktio­nen bis spätestens zum 30.6.2018 unter > ai : urgent action
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haus no 178

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romeo : 20.33 UTC — Wie viele Male bin ich bere­its an dem Büro im Parterre des Haus­es No 178 vorüber gekom­men, es müssen hun­derte Male gewe­sen sein. Ein Mann sitzt dort hin­ter einem Fen­ster, der im Licht ein­er Lampe und eines Bild­schirmes arbeit­et, ohne je seinen Kopf zu heben, wenn ich an ihm vorüber gehe. Andere bericht­en das Gle­iche. Und das ist doch selt­sam, er scheint an dem Leben auf der Straße über­haupt nicht inter­essiert zu sein. Nie wen­det er den Kopf, als sei er fest ver­schraubt, als sei auch seine Wirbel­säule ver­ankert in dieser Hal­tung ger­adeaus auf einem Stuhl, der gle­ich­wohl nicht beweglich ist, so dass der Mann wed­er frei­willig noch mit Vergnü­gen so vor dem Tisch sitzen wird, son­dern weil er nicht anders kann. Und weil das so zu sein scheint, wird der Mann ver­mut­lich über Radare gebi­eten, die ihm ermöglichen zu wis­sen, wer an sein­er Tür vorüber kommt. Er weiss näm­lich immerzu genau, wer kommt und wieder ver­schwindet, ver­mut­lich kann er sehr gut riechen oder aber er kann sehr gut hören, kann mit den Ohren sehen. Er irrt sich, wie ich hörte, nie. — stop

vom korallenmund

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delta : 0.27 UTC — Ein anatomis­ches Herza­toll kön­nte aus der Sicht eines Notieren­den von fol­gen­den Rif­f­en umsäumt sein: Herzah­nung . Herz­sonde . Herzent­nahme . Herzöff­nung . Herzreise . Her­zler­nen. Oder: Ein Gedanke zunächst, dann ein Wort, ein ers­tes Wort, ein Satz, ein ers­ter Satz. Dort herum wach­sen weit­ere Gedanken, lang­same Tage, Tage des Sam­melns, lang­same Nächte, Nächte des War­tens, Land ent­steht, Land, auf dem sich’s leben und erzäh­len lässt. Zeichen für Zeichen, das Wach­sen eines Koral­len­mundes. stop. Später Abend. Gewit­ter­himmel. Wolken spazieren über die Straße. – stop
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