eine wiese

2

echo : 22.05 UTC — Ich hat­te einen lusti­gen Traum. Da war im Traum eine Wiese unter Apfel­bäu­men. Plöt­zlich lag ich in dieser Wiese herum und beobachtete Wespen, wie sie dicht über mir hin und her­flo­gen auf ein­er schnurg­er­aden Lin­ie. Bemerkenswert war, dass sie alle sehr kleine Äpfel trans­portierten in eine der Rich­tun­gen, ich glaube west­wärts. Am Rand der Wiese stand, halb schon im Wald, ein Haus. Im Haus traf ich ein alte Frau an, die mit sich selb­st zu sprechen schien. Aber das war dann doch ganz anders gewe­sen, die alte Frau sprach mit den Wespen, sie bedank­te sich für jeden der Äpfel, den die Wespen über ein­er Schale abwar­fen, die im Schoß der alten Frau ruhte. Ich erin­nere mich, die Küche duftete nach Kuchen­teig. In einem Käfig in ein­er Ecke des Haus­es hock­te ein Huhn auf einem Apfel, den das Huhn selb­st gelegt haben soll, auf einem Wespe­napfel oder einem Apfel voller Wespen. Dann wachte ich auf. Ein schön­er Tag begann. Und jet­zt ist Abend gewor­den. In der Stadt Chem­nitz tra­gen Men­schen, die entwed­er Faschis­ten sind, oder sich nicht scheuen, in ein­er Rei­he mit Faschis­ten herumzu­laufen, weiße Rosen am Revers. Eine entset­zliche Geschichte. — stop
ping

in der straßenbahn

2

nord­pol : 15.02 UTC — Fol­gen­des. Wenn ich mich schreibend mit deutschen Men­schen auseinan­der­set­ze, die der Ansicht sind, afrikanis­che Men­schen, die sich auf die Flucht nord­wärts nach Europa begeben, seien selb­st schuld, wenn sie im Meer ertrinken, man sollte Ihnen nicht helfen oder nur im Not­fall, wenn jemand da ist, also wenn Hil­fe unver­mei­d­bar ist, wenn sie demzu­folge nicht unsicht­bar und unge­hört zu ertrinken dro­hen, stelle ich mir immer wieder ein­mal vor, was diese Men­schen an diesem schö­nen Son­ntag wohl gefrüh­stückt haben? Ich frage mich, ob sie gut geschlafen haben und wie sie wohnen, ob sie glück­liche Men­schen oder eher unglück­liche Men­schen sind? Haben diese Men­schen Kinder? Würde ich sie in ein­er Straßen­bahn sitzend erken­nen? Also sitze ich etwas später in ein­er Straßen­bahn. Und plöt­zlich spüre ich einen Blick auf mir las­ten, der nicht fre­undlich ist. — stop

ping

morgens

2

bamako : 16.52 UTC — Mut­ter vor Jahren, wie sie aus dem Haus tritt. Es ist früher Mor­gen, vielle­icht Okto­ber, Nebel. Sie trägt einen Mor­gen­man­tel, der noch immer in ihrem alten Haus im Badez­im­mer an einem Hak­en hängt. Sie bückt sich nach der Zeitung, schliesst die Haustür, geht langsam, etwas unsich­er bere­its, zum Wohnz­im­mer­tisch, legt die Zeitung auf ihm ab.  Wenige Schritte ent­fer­nt wartet eine Tasse Kaf­fee. Die holt sie jet­zt. Sie set­zt sich vor die Zeitung und begin­nt ihre eigene Zeitung herzustellen. Das ist ein Vor­gang, der eine halbe Stunde Zeit in Anspruch nehmen kann. Um ihre eigene Zeitung her­stellen zu kön­nen, muss sie die angelieferte Zeitung Seite um Seite betra­cht­en. Sobald sie eine Seite ent­deckt, auf welch­er ein Artikel sich befind­et, den sie zu lesen wün­scht, tren­nt sie die Seite vor­sichtig von allen weit­eren Seit­en, fal­tet sie und legt sie zur Seite. In dieser Weise enste­ht nach und nach ein klein­er Stapel von Zeitungs­seit­en, die die alte Dame nach und nach lesen wird. Sie geht spazieren, sie geht einkaufen mir ihrem Wägelchen von schot­tis­chem Muster­stoff, sie tele­foniert mit ihren Fre­undin­nen und sie sam­melt Blät­ter im Garten und grüsst die Fis­che, die sich bere­its auf den Win­ter vor­bere­it­en. Indessen, immer wieder ein­mal, enfal­tet sie eine der Seit­en ihrer Zeitung, um sie zu lesen. Dann ist Abend gewor­den. Unter der Lek­türe ein­er der let­zten Zeitungs­seit­en schläft sie ein im Bett, das in ihrem alten Haus noch immer ste­ht, wie auch die Nacht­tis­chlampe und ihre Büch­er, ein Turm, die sie vor hat­te zu lesen. — Im Haus der alten Men­schen, dort wo über die Flure Roll­stüh­le fahren, dort wo Mut­ter nun lebt, existieren wed­er Zeitun­gen noch Büch­er. Ich habe das genau so beobachtet. — stop

zitelle

2

echo : 22.05 UTC — Ich hörte, in der Lagune, in welch­er im West­en die Stadt Chiog­gia, im Osten die Stadt Venedig zu find­en sind, sollen 120 Robot­er­fis­che kreuzen, ein Schwarm, der das Wass­er erkun­det, Strö­mungen, Plank­ton, Met­alle, die im Wass­er schweben oder sich bere­its mit dem Wass­er ver­bun­den haben. Wie lange Zeit, dachte ich, müsste ich nahe der Vaporet­to — Sta­tion Zitelle unter Seemöwen sitzen und ins Wass­er spähen, bis ich einen dieser kleinen Robot­er­fis­che mit eige­nen Augen beobachtet haben würde. Ein selt­sames Wesen wer­den jene schö­nen, großen, scheuen Vögel vielle­icht denken. Es wartet, es schaut ins Wass­er, es ist auch in der Nacht noch vor Ort, es schläft nicht, es scheint nicht gefährlich zu sein, es ver­speist Äpfel, wir müssen nur warten, dann bekom­men wir ein wenig von den Äpfeln vorgelegt. Gle­ich neben mir steigt das Meer eine steile Treppe hin­auf und wieder hinab. — stop
ping

zattere

2

ulysses : 20.32 UTC — Jenes ein­same Nadel­blatt­ge­wächs in der Form der Pini­en­bäume unweit der Ponte agli Incura­bili kön­nte Joseph Brod­sky bei Regen noch beschir­men. Von dort soll der Dichter gern über den Kanal nach Giudec­ca geschaut haben. Ich erwar­tete eine Bank von Stein oder von Holz, vergeb­lich. Viel­leicht wird Joseph Brod­sky sich zur Beob­ach­tung des Wassers einen kleinen Klapp­stuhl mitge­nommen haben oder liess die Beine von der Quai­mauer baumeln, sie wer­den vermut­lich bald nass gewor­den sein. Wenn ich nur lange genug nach West­en schaue zu den Hafen­an­lagen hin, kann ich Joseph Brod­sky sitzen sehen, wie er sich mit den Wellen des Meeres unter­hält, ihre Bewe­gung erforscht. Wie sich in diesem Augen­blick, es ist kurz nach 8 Uhr, ein braunrosa­far­bener feuchter Elefan­ten­rüssel aus dem Wass­er erhebt, wie er bebend die Luft sondiert, wie er sich dem Dichter nähert, als wäre er noch immer dort, Fonda­menta degli Incura­bili. – stop
ping

redentore

2

nord­pol : 16.58 UTC — Von der Wasser­bus­sta­tion Reden­tore aus ist heute das Schwes­ter­chen Zitelle nicht zu hören, nicht wenn man ein Men­sch ist, nicht wenn man mit­tels gewöhn­li­cher Ohren die Luft betastet. Es ist warm und feucht über dem Kanal vor Giudec­ca, ein leichter Wind weht von Ost. Es ist viel­leicht deshalb so still, wo es doch nicht wirk­lich still sein kann, weil die Luft langsam west­wärts fließt. Wenn man sich nun aber auf der Stelle in die Tiefe begeben würde, ein Fisch wer­den, ein Fisch sein, wenn man ins Wass­er tauchte, kön­nte man Zitelle ganz sich­er wei­thin sin­gen hören, ihr Pfeifen und Zetern tagein und tagaus, dass es eine wahre Freude ist, wie sie immer wieder kurz inne­hält, um zu lauschen, ob ihr jemand antwortet viel­leicht von Palan­ca her oder von den Giar­dini – Zwil­lingen, die sich immer wieder ein­mal melden, sobald die See stür­misch gewor­den ist. Es heißt, dieses Sin­gen, Zetern, Jaulen der Wasser­bus­sta­tionen sei weit ins offene Meer hin­aus zu hören. Kein Wun­der demzu­folge, kein Wun­der. – stop

celestia

2

delta : 20.58 UTC — Es war an einem Abend kür­zlich, dass ich die wohlk­lin­gende Stimme ein­er Frau bemerk­te, die in einem Wasser­bus jew­eils die kom­mende Hal­tes­ta­tion der Lin­ea 4.1 ankündigte. Je länger die Fahrt dauerte, desto dringlich­er wurde der Wun­sch, diese Stimme aufzunehmen, sie festzuhal­ten, sie für mich einz­u­fan­gen. Ich fuhr nach Reden­tore zurück und set­zte mit mein­er Run­dreise um die Stadt Venedig von Neuem an. Indessen verze­ich­nete meine Schreib­mas­chine jedes Geräusch der ein­stündi­gen Fahrt, Wellen, Gespräche, Kom­man­dos des Piloten und sein­er Assis­tentin, das knirschende Geräusch der Taue, wie sie sich um eis­erne Kamelschiff­shöck­er winden, auch Schritte der Aussteigen­den, Schritte der Zusteigen­den, und eben immer wieder diese zärtliche Stimme: Prossi­ma fer­ma­ta Celes­tia. Next stop Celes­tia. Wie, wenn diese Stimme noch in Jahrhun­derten hör­bar wäre, diese Stimme ein­er dann längst ver­gan­genen Per­son. Kein Grund zu ent­deck­en in dieser Minute, weshalb je weit­ere Sta­tio­nen der Stadt Venedig zu erfind­en wären. stop

ping

ferrovia

2

alpha : 18.02 UTC — Ich kam mit dem Zug nach Venedig, trat auf den Vor­platz des Bahn­hof­s­ge­bäudes, hörte, ver­traut, das Brum­men der Vaporet­to­mo­toren, bemerk­te das dunkel­blau­graue Wass­er, und einen Geruch, auch er ver­traut, der von Wörtern noch gefun­den wer­den muss. Und da war die Kup­pel der Chiesa di san Sime­one Pic­co­lo im Abendlicht, und es reg­nete leicht, kaum Tauben, aber Kof­fer­men­schen, hun­derte Kof­fer­men­schen hin und her vor Tick­etschal­tern, hin­ter welchen geduldige städtis­che Per­so­n­en oder Furien warteten, die das ein oder andere Dra­ma bere­its erlebt hat­ten an diesem Tag wie an jedem anderen ihrer Arbeit­stage. Und da war mein Blick hin zur Ponte degli Scalzi, einem geschmei­di­gen Bauw­erk link­er Hand, das den Canal Grande über­quert. Ich will das schnell erzählen, kurz hin­ter Verona war ich auf den Hin­weis gestoßen, es habe sich dort nahe der Brücke, vor den Augen hun­dert­er Beobachter aus aller Welt, ein junger Mann, 22 Jahre alt, der Gam­bier Pateh Sabal­ly, mit­tels Ertrinkens das Leben genom­men. Ein Men­sch war das gewe­sen, der auf gefährlich­er Route das Mit­telmeer bezwang. Nie­mand sei ihm zu Hil­fe gekom­men, ein Vaporet­to habe ange­hal­ten, man habe einige Ret­tungsringe nach ihm gewor­fen, aber er habe nicht nach ihnen gegrif­f­en, weshalb man eine oder mehrere Fil­mauf­nah­men machte, indessen man den jun­gen Mann ermutigte: Weit­er so, geh nach Hause! Das war im Jan­u­ar gewe­sen, das Wass­er der Kanäle kalt wie die Betra­chtersee­len. In diesem Augen­blick, als ich aus dem Bahn­hof in meinen venezian­is­chen Zeitraum trat, war keine Spur der Tragödie dort unter dem Him­mel ohne Tauben zu ent­deck­en, außer der Spur in meinem Kopf. — stop

ping

s.alvise

2

nord­pol : 15.55 UTC — Heute Mor­gen ist mir etwas Selt­sames mit mir selb­st passiert. Ich war näm­lich Einkaufen in einem Super­markt. Eine alte Dame, sehr fre­undlich, weck­te mich, in dem sie mir erk­lärte, wo genau ich Plas­tikhand­schuhe find­en könne, um Apfelsi­nen oder Mel­o­nen in meine Hände nehmen zu dür­fen. Ich muss mich schlafend nach Hand­schuhen erkundigt haben oder aber habe Äpfel und Bir­nen barhändig berührt. Die alte Dame war sehr für­sor­glich und leise, als ob sie seit Jahrhun­derten mit schlafend­en Men­schen im Super­markt Umgang pflegte. Ich kaufte für zwei Tage Obst, Krabben und Lin­sen, und auch etwas Wass­er und Kaf­fee, trat dann aus dem Super­markt hin­aus in die warme, helle Sonne, ein Vaporet­to fuhr in weni­gen Metern Ent­fer­nung an mir vor­bei, und ich sah sehr deut­lich mich selb­st an Bord des Schif­fchens ste­hen, wie ich vielle­icht ger­ade die Echolot­fol­gen ein­er Twit­ter­nachricht beobachtete, welche ich eine Stunde zuvor gesendet hat­te. Eine Eidechse flitzte über uraltes Plfaster lan­dein­wärts, zwei junge Seemöwen warteten pfeifend auf die Ankun­ft ihrer Eltern, und das Wass­er zu meinen Füßen blink­te, als sendete es Botschaften irgend­wohin. Nach­mit­tags dann war ich spazieren im Cannare­gio. Ich glaube ich habe ein Haus ent­deckt, das über kein­er­lei Türen ver­fügt, oder aber vielle­icht über eine Tür auf dem Dach, eine Dachtür. Ob vielle­icht in dieser merk­würdi­gen Stadt Men­schen existieren, die zu fliegen in der Lage sind? — stop

palanca

2

echo : 22.52 UTC — Abends von der Vaporet­to­sta­tion Palan­ca her die Küste nach Zitelle spaziert, dann wieder ein kleines Stück zurück. Es ist bald spät gewor­den, kurz nach 10 Uhr. Langsam, von Schlep­pern gezo­gen, bewegt sich in diesem Augen­blick das Per­so­n­en­frachtschiff Queen Mary 2 durch den Giudec­ca Canal ost­wärts in Rich­tung des offe­nen Meeres. Da ste­hen Men­schen weit oben an Deck hin­ter der Rel­ing, die so klein sind, dass man, ohne ein Fer­n­rohr zu ver­wen­den, nicht zu erken­nen ver­mag, ob sie vielle­icht winken, man kön­nte sie für arm­lose Wesen hal­ten. Weit links, zur Seite gerückt in den Schat­ten ein­er Brüs­tung, hockt auf ein­er Stufe der Stein­treppe zur Chiesa del San­tis­si­mo Reden­tore hin­auf, eine junge Frau, die etwas durcheinan­der zu sein scheint. Da ist ein Kof­fer, geöffnet. Sie hat den Inhalt des Kof­fers, Klei­der, Schuhe, einen blink­enden Kamm, und Blusen, auch einen Som­mer­hut, um sich herum aus­ge­bre­it­et. Sie sitzt dort im Kreis ihrer Besitztümer wie in einem Nest, trinkt aus ein­er Flasche Wein, und flucht mit­tels ital­ienis­ch­er Sprache zu dem Schiff hin­auf, dass es eine wahre Freude ist. Man wird sie dort oben in der Ferne kaum hören, nur ich ver­mut­lich, der in ihrer Nähe hockt und das Wass­er beobachtet, das dunkel schim­mert. Es die Zeit der Flut bere­its. Das Wass­er berührt die Kro­nen der Quais, da und dort geht es an Land, um über das uralte Pflaster zu zün­geln. Eine Gruppe von Ameisen­schat­ten passiert mich west­wärts, eine halbe Stunde später kom­men sie mit ein paar Brosamen zurück. Beständi­ges Brum­men. Gestern war ein son­niger Mor­gen gewe­sen, da wurde ich von einem hellen Pfeifen geweckt. Ich öffnete das Fen­ster, eine Frau grüßte vom gegenüber­liegen­den Haus herüber, sie brachte an einem Seil, das ein Räd­chen an der Fas­sade meines Haus­es bewegte, ger­ade feuchte Tüch­er aus, so haben wir Kinder noch Seil­bah­nen von Haus zu Haus gezo­gen. — stop

ping

san zaccaria

2

nord­pol : 23.01 UTC — Clara, ein Nashorn, welch­es vor langer Zeit als leben­des Schaustück durch Europa reiste, soll im Jahr 1751 zur Zeit des Carnevals auch in Venedig zu sehen gewe­sen sein. 1720 bere­its wurde das Caf­fee Flo­ri­an am Rande des Markus­platzes eröffnet. Man stelle sich ein­mal vor, wie das aus­gewach­sene Nashorn wiederkäuend in einem der mit Fein­gold verzierten Kaf­fee­haus­abteile ste­ht und etwas vom Heu nascht, während es begafft wird. Man kann leichter Hand sehr viele Geschicht­en erfind­en, wenn man mit Wasser­bussen selb­stvergessen durch Venedig reist, man kön­nte die ein oder andere Wirk­lichkeit mit ein­er weit­eren Wirk­lichkeit ver­weben. An einem Nach­mit­tag fol­gte ich ein­er Gruppe betagter Chi­nesin­nen durch jene Gäss­chen, da sich Glaswaren­mo­tive tausend­fach repro­duzieren. Ich dachte noch, ich sei von Vögeln umgeben, zwitsch­ernde Stim­men. Plöt­zlich deutete eine der alten Frauen, sie trug gelbe Turn­schuhe und schlo­hweiss­es Haar auf dem Kopf, nach einem Schriftzug, der auf der Rück­seite ein­er Miniaturthe­ater­maske von Plas­tik zu lesen war: Made in Chi­na, diese Freude. Wie wun­der­bar die Küchen der Zwergköche, deren Räume da und dort sicht­bar wer­den in der Dunkel­heit schmaler Gassen. Ein­mal begeg­nete ich an einem späten Abend einem Mäd­chen, das leuchtete. — stop

lido santa maria elisabetta

2

tan­go : 22.06 UTC — Eine Welt ohne Auto­mo­bile kenne ich nicht. Auch eine Welt ohne Strom ist mir nicht bekan­nt. Nach Stun­den der Fahrt mit­tels Wasser­bussen hin und her und herum, muss ich deshalb an Land gehen, muss meine Schreib­mas­chine mit Strom ver­sor­gen, um arbeit­en zu kön­nen. Ich stellte mir ein­mal vor, wie ich unter Venezianer­in­nen und Venezian­ern sitze mit ein­er klap­pern­den Olympiaschreib­mas­chine auf den Knien. Oder das Notieren von Hand in ein Notizbuch auf schwank­enden Sitzgele­gen­heit­en der Dampf­schif­fchen reisend. Man kann niemals erah­nen, in welche Rich­tung sich die Welt bewe­gen wird. Plöt­zlich fährt die Stift­spitze unter der Hand sprung­haft vor­wärts oder rück­wärts, zieht eine Lin­ie jen­seits geplanter Schriftze­ichen, bildet die Bewe­gung des Meeres auf Notiz­pa­pieren nach. In der dig­i­tal­en Zeit wer­den ver­rück­te Zeichen, Folge der Meeres­be­we­gung von dem Kor­rek­turgedächt­nis der elek­trischen Schreib­mas­chine unverzüglich kor­rigiert. Eine wun­der­bare Beobach­tung ist, wie ich sicher­er werde im Ste­hen auf dem Wass­er im Bus. Beobachtete hun­derte Male Knoten­bindung in dem Moment, da sich das Batel­lo dem Lande nähert, da es anzule­gen wün­scht, sodass es für einen kurzen Moment selb­st zu Land wird. Wie wir Men­schen dann über Brück­en gehen, wie tanzen. Am Abend ein­mal spürte ich die uralte Stadt selb­st unter mir schwanken. Da ich mich in diesem Augen­blick dem Lido nähere, bemerke ich, dass ich die Erfind­ung der Auto­mo­bile bere­its nach weni­gen Tagen vergessen habe. — stop
ping

alberoni

2

india : 22.06 UTC — Regen­windtüch­er wan­dern in der Ferne vor Bergen, die sich am Hor­i­zont deut­lich abbilden. Vom Lido aus, an der Meerenge zur Inselzunge Palest­ri­na, öffnet sich ein weit­er Blick nord­wärts über die Lagune hin. Das Meer noch beruhigt, Muschelfangsta­tio­nen set­zen wie geze­ich­net feine Akzente, hölz­erne Fin­ger, zu Rei­hen grup­piert, jen­seits der Wasser­bah­nen, die mit­tels mächtiger Bohlen markiert wor­den sind. In Alberoni steige ich aus, spaziere an Leucht­tür­men vor­bei, eine Mole ent­lang, mächtige Steine. Da sind ein wilder Wald und sump­fige Mulden, in welchen Fis­chchen blitzen, Wolken­struk­turen, die des Him­mels und die der Schup­pen­hautschwärme. Ich nähere mich Schritt für Schritt, irgend­wo da unten in der Tiefe der Wasser­straße hin zum offe­nen Meer soll sich M.O.S.E. befind­en. Eine junge Venezianer­in erk­lärte noch: Bad Pro­jekt! Und wie sich ihre Augen angesichts des Bösen ver­dunkel­ten, meinte ich meinen Wun­sch, M.O.S.E zu besuchen, vertei­di­gen zu müssen. Die Sonne geht langsam unter. Rötlich glim­mende Stäbe nahe des schmalen Mundes zur Lagune erscheinen, als wür­den sie in der Nacht auf die Exis­tenz des schlafend­en Schutzriesen unter der Wasser­ober­fläche ver­weisen. Da liegt ein ver­lassen­er Kinder­spielplatz in Meeres­nähe unter Ole­an­der­bäu­men. Ein sandi­ger Strand, Muscheln, hölz­ernes Treibgut, drei Möwen, ein Angler, Fußspuren im feucht­en Sand, die die aufk­om­mende Flut bald ver­schlin­gen wird. Im Wass­er selb­st drei men­schliche Köpfe, die lachen, und ein weit­er­er Kopf, der sich par­al­lel zur Küste schwim­mend hin und her bewegt, nur nicht die tief­ere Zone dieses Meeres berühren, in dem so viele Men­schen bere­its ertrunk­en sind. In einem Regal des Kinder­spielplatzes ent­decke ich heimwärts gehend einige Büch­er, kurz darauf einen Fußab­druck, den ich selb­st hin­ter­lassen haben kön­nte. — stop

ping

san marco

2

echo : 8.15 UTC — In der ver­gan­genen Nacht habe ich geträumt, wun­der­bare 5 Jahre lang geschlafen zu haben. Als ich erwachte fühlte ich mich wohl, dann bemerk­te ich, dass ich im Wass­er stand bis zum Bauch. Das Wass­er war warm, es roch nach Tang und nach Salz und nach Öl in diesem Augen­blick des Erwachens. Ich hörte vor dem Fen­ster die Stim­men spie­len­der Kinder. Ich sah mich um und dachte: Was für ein schön­er Anblick, all diese Lichter, es muss Nacht sein, Schiffe fahren herum, die von Vögeln gezo­gen wer­den, als wären sie Pferde. Dann erwachte ich erneut. Es war früher Mor­gen, anstatt Kinder­stim­men, hörte ich die hell pfeifend­en Stim­men einiger Seemöwen. Ich trat an ein Fen­ster, sah auf den Hof. Da waren tat­säch­lich Möwen. Sie ver­sucht­en Mülltüten zu öff­nen. Manche der Mülltüten lagen auf dem Boden, andere hin­gen in den Bäu­men. Ich fand, die Möwen waren nicht sehr geschickt im Öff­nen der Mülltüten. Plöt­zlich hüpften Kinder auf der Gasse herum. Sie tru­gen Schul­ranzen auf dem Rück­en und Tele­fone mit Bild­schir­men in ihren Hän­den. Immer wieder blieben sie ste­hen und steck­ten die Köpfe zusam­men und lacht­en. Ich bemerk­te, dass der Ole­an­der vor dem West­fen­ster im Hof zu blühen begann. Es waren rote Blüten. Gestern Abend habe ich Men­schen beobachtet, die auf dem Markus­platz um eine Öff­nung im Boden standen, aus welch­er Wass­er sick­erte. Sie fotografierten, aber das Wass­er war sehr wenig, weswe­gen sie her­an­zoomen mussten. Auch waren da Men­schen, die Tan­go tanzten nach Melo­di­en eines Kaf­fee­haus-Orch­esters. — stop

san lazzaro armeni

picping

MELDUNG. Giudec­ca, Calle san Gia­co­mo, 3. Etage, stein­ernes Zim­mer : Kirsche No 62 [ Mar­mor, Car­rara : 5.8 Gramm ] vol­len­det. — stop
ping

mercato

2

echo : 22.08 UTC — Immer der Nase ent­lang spazierte ich zum Markt, wo nach­mit­tags Seemöwen stolzierten über den Boden, den sie längst so gründlich durch­sucht hat­ten, dass Fisch ger­ade noch als Erin­nerung fein­ster Moleküle in der Luft zu find­en war. Da lag noch etwas Eis auf dem Boden, erstaunlich. In diesem Augen­blick erin­nerte ich mich an einen frühen Mor­gen vor vie­len Jahren. Ich trat damals zur Zeit der Däm­merung auf den Markus­platz. So dicht ruhte Nebel über der Lagune, dass ich nur wenige Meter weit sehen kon­nte. Ich ging sehr vor­sichtig voran. Vor irgen­deinem Kaf­fee­haus hielt ich an, set­zte mich auf einen Stuhl und wartete. Irgend­wo im Luft­wasserz­im­mer, in dem ich Platz genom­men hat­te, hörte ich Stim­men von Män­nern, die miteinan­der sprachen. Auch waren immer wieder Pfiffe zu hören, wie Radare oder Signaltöne. Es waren Män­ner mit ver­mut­lich Reisigbe­sen, die den riesi­gen Platz Kraft ihrer Arme und Hände fegten. Auch Melo­di­en waren zu hören gewe­sen. Ich wartete unge­fähr eine Stunde und lauschte. Nie habe ich einen dieser Män­ner gese­hen, aber ich habe von ihnen vielfach erzählt. Es scheint über­haupt die Zeit, da man sich in Venedig noch ver­laufen kon­nte, vorüber zu sein für alle Men­schen, die über eine Schreib­mas­chine mit GPS-Verbindung ver­fü­gen. Es ist, glaubt mir, ein Vergnü­gen, diese Radarschreib­mas­chine auszuschal­ten und loszuge­hen und nach da und dort zu laufen, stets in dem Glauben, man wüsste, wo man sich befind­et. Es bleibt dann nichts weit­er zu tun, als nach ein­er hal­ben Stunde die Schreib­mas­chine her­vorzu­holen und nachzuse­hen und sich zu wun­dern und zu freuen. — stop
ping

cimitero s. michele

2

vic­tor : 22.24 UTC — Auf der Insel Giudec­ca existiert an eine Brücke gelehnt ein Aufzug für Men­schen, die nicht in der Lage sind, Trep­pen zu steigen. Der Aufzug soll nun seit beina­he 3 Jahren außer Dienst genom­men sein. Ich hätte davon keine Ken­nt­nis erhal­ten, wenn ich nicht zufäl­lig hörte, wie ein alter Mann sich wegen dieses kranken Aufzuges empörte. Er saß in einem Roll­stuhl auf einem Balkon nur wenige Meter ent­fer­nt von der Brücke und warf Brot in die Luft, welch­es von Möwen im Flug aufge­fan­gen wurde. Der Mann schimpfte in englis­ch­er, bald in franzö­sis­ch­er Sprache, als ob er ganz sich­er gehen wollte, dass jene Men­schen, die die Brücke über­querten, seine Nachricht ver­ste­hen wür­den. An diesem Abend, da der wütende Mann die Admin­is­tra­tion der Stadt Venedig ver­dammte, wäre ich sehr gerne sofort in das Wass­er zu meinen Füßen gesprun­gen, um den Reiz der Mück­en­stiche, die ich während eines Besuch­es des Fried­hofes San Michele hin­nehmen musste, durch Küh­le zu lin­dern. Es war am Nach­mit­tag gewe­sen, ich plante das Grab Joseph Brod­skys zu besuchen, musste aber bald vor dutzen­den Raubtieren flücht­en, die sich auf zartschillern­den Flügeln kaum hör­bar näherten in ein­er Weise, die mir koor­diniert zu sein schien. Polizis­ten sucht­en auf dem Fried­hof nach zwei Frauen. Ich hat­te kurz zuvor beobachtet, wie sie den Fried­hof betrat­en. Sie tru­gen schwarze Klei­der und schwarze Stiefel und schwarze Hand­schuhe, auch ihr Haar war schwarz gefärbt und ihre Augen wie von Kohle umran­det, sie waren voll­ständig in Schwarz dargestellt, aber ihre Haut war weiß gepud­ert. — Vor dem Fen­ster pfeifen leise Vögel wie Sprechen. — stop

academia

2

india : 5.16 UTC — Wasser­bus. Dampf­schif­fchen. Botel­lo. Vaporet­to. Erstaunliche Wörter. — Ein­mal notierte Roland Barthes: Sprache existiert. Und damit beschäfti­gen wir Struk­tu­ral­is­ten uns, wir denken darüber nach. Die meiste Zeit reden die Men­schen, ohne zu wis­sen, dass die Sprache existiert, wir reden ohne zu wis­sen, dass wir reden. Wir wis­sen nur, dass wir Gedanken und Gefüh­le über­mit­teln. Aber wir reden, ohne das Ger­ing­ste über unsere eige­nen Worte zu wis­sen. — Ich höre sehr gerne men­schliche Stim­men, deren Sprache ich nicht ver­ste­he, wie Musik. Heute beobachtete ich Zahlze­ichen, die Vaporet­tos stolz an ihrem Bug seitwärts tra­gen. 264 oder 58 oder 182. — stop
ping

ai : NIGER

aihead2

MENSCHEN IN GEFAHR : “Der multi­na­tionale Ölkonz­ern Shell und die Regierung des süd­nige­ri­an­is­chen Bun­desstaates Rivers haben es ver­säumt, die Bewohner_innen von Ogale, ein­er Region außer­halb von Port Har­court, der Haupt­stadt von Rivers, regelmäßig mit sicherem Trinkwass­er zu ver­sor­gen. Die meis­ten der dort leben­den Men­schen müssen entwed­er Wass­er kaufen oder Grund­wass­er trinken, das laut ein­er 2011 veröf­fentlicht­en Studie der Vere­in­ten Natio­nen gefährlich ver­schmutzt ist./ Die Studie des Umwelt­pro­gramms der Vere­in­ten Natio­nen (Unit­ed Nations Envi­ron­ment Pro­gramme, UNEP) ergab, dass die Bewohner_innen von Ogale Wass­er aus Brun­nen tranken, das so stark mit dem bekan­nten Karzino­gen Ben­zol verun­reinigt war, dass es den nach inter­na­tionalen Richtlin­ien fest­gelegten Gren­zw­ert um das 900-fache über­schritt. Das Wass­er zu trinken werde „sich­er langfristige gesund­heitliche Fol­gen“ haben. UNEP emp­fahl der nige­ri­an­is­chen Regierung, unverzüglich Maß­nah­men zu ergreifen, damit die Men­schen in Ogale nicht weit­er­hin Trinkwass­er aus kon­t­a­minierten Brun­nen trinken müssen, und ihnen eine alter­na­tive Quelle für sauberes Wass­er zur Ver­fü­gung zu stellen. Trotz dieses drin­gen­den Aufrufs gibt es noch immer keinen Zugang zu solch ein­er Quelle. / Am 1. Sep­tem­ber 2018 besuchte Amnesty Inter­na­tion­al Ogale und sprach mit Anwohner_innen. Die meis­ten von ihnen kaufen ihr Wass­er für den per­sön­lichen und häus­lichen Gebrauch, etwa zum Trinken, Kochen und Waschen, obwohl sie es sich eigentlich nicht leis­ten kön­nen. In eini­gen Fällen geben Bewohner_innen ein Drit­tel ihres wöchentlichen Einkom­mens für Wass­er aus, sodass sie manch­mal statt drei Mahlzeit­en am Tag nur zwei essen kön­nen. Diejeni­gen, die es sich nicht leis­ten kön­nen, Wass­er zu kaufen, trinken und nutzen das örtliche Grund­wass­er – trotz der Warn­schilder, die darauf hin­weisen, dass das Wass­er ihre Gesund­heit gefährdet. Manche trinken Wass­er aus lokalen Brun­nen und Bohrlöch­ern, auch wenn auf dem Wass­er ein öliger Film zu sehen ist. Einige Bewohner_innen bezahlen sog­ar für das Wass­er aus den Bohrlöch­ern. Andere nutzen Regen­wass­er, in dem sich schwarze Flöckchen befind­en. Die Bewohner_innen haben keine andere Wahl, da sie nicht das nötige Geld auf­brin­gen kön­nen, um Wass­er von pri­vat­en Anbieter_innen zu kaufen und die Regierung bere­its seit über einem Jahr kein sauberes Wass­er mehr bere­it­stellt. Zeit­gle­ich mit dem Besuch von Amnesty Inter­na­tion­al in Ogale wur­den einige der von der Regierung reg­ulierten Wasser­leitun­gen wieder in Betrieb genom­men. Doch die Bewohner_innen bericht­en, dass die Wasserver­sorgung lediglich eine Stunde am Mor­gen oder am Nach­mit­tag funk­tion­iert und die zur Ver­fü­gung gestellte Wasser­menge nicht aus­re­icht, um den grundle­gen­den Wasserbe­darf zu deck­en. Amnesty Inter­na­tion­al hat Grund zu der Annahme, dass auch dieses Wass­er nicht den Richtlin­ien der Welt­ge­sund­heit­sor­gan­i­sa­tion für Trinkwasserqual­ität entspricht.” - Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­lene schriftliche Aktio­nen bis spätestens zum 3.8.2018 unter > ai : urgent action
ping

Top