eine wiese

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echo : 22.05 UTC – Ich hatte einen lustigen Traum. Da war im Traum eine Wiese unter Apfel­bäumen. Plötz­lich lag ich in dieser Wiese herum und beob­ach­tete Wespen, wie sie dicht über mir hin und herflogen auf einer schnur­ge­raden Linie. Bemer­kens­wert war, dass sie alle sehr kleine Äpfel trans­por­tierten in eine der Rich­tungen, ich glaube west­wärts. Am Rand der Wiese stand, halb schon im Wald, ein Haus. Im Haus traf ich ein alte Frau an, die mit sich selbst zu spre­chen schien. Aber das war dann doch ganz anders gewesen, die alte Frau sprach mit den Wespen, sie bedankte sich für jeden der Äpfel, den die Wespen über einer Schale abwarfen, die im Schoß der alten Frau ruhte. Ich erin­nere mich, die Küche duftete nach Kuchen­teig. In einem Käfig in einer Ecke des Hauses hockte ein Huhn auf einem Apfel, den das Huhn selbst gelegt haben soll, auf einem Wespen­apfel oder einem Apfel voller Wespen. Dann wachte ich auf. Ein schöner Tag begann. Und jetzt ist Abend geworden. In der Stadt Chem­nitz tragen Menschen, die entweder Faschisten sind, oder sich nicht scheuen, in einer Reihe mit Faschisten herum­zu­laufen, weiße Rosen am Revers. Eine entsetz­liche Geschichte. – stop
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in der straßenbahn

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nordpol : 15.02 UTC – Folgendes. Wenn ich mich schrei­bend mit deut­schen Menschen ausein­an­der­setze, die der Ansicht sind, afri­ka­ni­sche Menschen, die sich auf die Flucht nord­wärts nach Europa begeben, seien selbst schuld, wenn sie im Meer ertrinken, man sollte Ihnen nicht helfen oder nur im Notfall, wenn jemand da ist, also wenn Hilfe unver­meidbar ist, wenn sie demzu­folge nicht unsichtbar und unge­hört zu ertrinken drohen, stelle ich mir immer wieder einmal vor, was diese Menschen an diesem schönen Sonntag wohl gefrüh­stückt haben? Ich frage mich, ob sie gut geschlafen haben und wie sie wohnen, ob sie glück­liche Menschen oder eher unglück­liche Menschen sind? Haben diese Menschen Kinder? Würde ich sie in einer Stra­ßen­bahn sitzend erkennen? Also sitze ich etwas später in einer Stra­ßen­bahn. Und plötz­lich spüre ich einen Blick auf mir lasten, der nicht freund­lich ist. – stop

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morgens

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bamako : 16.52 UTC – Mutter vor Jahren, wie sie aus dem Haus tritt. Es ist früher Morgen, viel­leicht Oktober, Nebel. Sie trägt einen Morgen­mantel, der noch immer in ihrem alten Haus im Bade­zimmer an einem Haken hängt. Sie bückt sich nach der Zeitung, schliesst die Haustür, geht langsam, etwas unsi­cher bereits, zum Wohn­zim­mer­tisch, legt die Zeitung auf ihm ab.  Wenige Schritte entfernt wartet eine Tasse Kaffee. Die holt sie jetzt. Sie setzt sich vor die Zeitung und beginnt ihre eigene Zeitung herzu­stellen. Das ist ein Vorgang, der eine halbe Stunde Zeit in Anspruch nehmen kann. Um ihre eigene Zeitung herstellen zu können, muss sie die ange­lie­ferte Zeitung Seite um Seite betrachten. Sobald sie eine Seite entdeckt, auf welcher ein Artikel sich befindet, den sie zu lesen wünscht, trennt sie die Seite vorsichtig von allen weiteren Seiten, faltet sie und legt sie zur Seite. In dieser Weise ensteht nach und nach ein kleiner Stapel von Zeitungs­seiten, die die alte Dame nach und nach lesen wird. Sie geht spazieren, sie geht einkaufen mir ihrem Wägel­chen von schot­ti­schem Muster­stoff, sie tele­fo­niert mit ihren Freun­dinnen und sie sammelt Blätter im Garten und grüsst die Fische, die sich bereits auf den Winter vorbe­reiten. Indessen, immer wieder einmal, enfaltet sie eine der Seiten ihrer Zeitung, um sie zu lesen. Dann ist Abend geworden. Unter der Lektüre einer der letzten Zeitungs­seiten schläft sie ein im Bett, das in ihrem alten Haus noch immer steht, wie auch die Nacht­tisch­lampe und ihre Bücher, ein Turm, die sie vor hatte zu lesen. – Im Haus der alten Menschen, dort wo über die Flure Roll­stühle fahren, dort wo Mutter nun lebt, exis­tieren weder Zeitungen noch Bücher. Ich habe das genau so beob­achtet. – stop

zitelle

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echo : 22.05 UTC – Ich hörte, in der Lagune, in welcher im Westen die Stadt Chioggia, im Osten die Stadt Venedig zu finden sind, sollen 120 Robo­ter­fi­sche kreuzen, ein Schwarm, der das Wasser erkundet, Strö­mungen, Plankton, Metalle, die im Wasser schweben oder sich bereits mit dem Wasser verbunden haben. Wie lange Zeit, dachte ich, müsste ich nahe der Vapo­retto – Station Zitelle unter Seemöwen sitzen und ins Wasser spähen, bis ich einen dieser kleinen Robo­ter­fi­sche mit eigenen Augen beob­achtet haben würde. Ein selt­sames Wesen werden jene schönen, großen, scheuen Vögel viel­leicht denken. Es wartet, es schaut ins Wasser, es ist auch in der Nacht noch vor Ort, es schläft nicht, es scheint nicht gefähr­lich zu sein, es verspeist Äpfel, wir müssen nur warten, dann bekommen wir ein wenig von den Äpfeln vorge­legt. Gleich neben mir steigt das Meer eine steile Treppe hinauf und wieder hinab. – stop
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zattere

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ulysses : 20.32 UTC – Jenes einsame Nadel­blatt­ge­wächs in der Form der Pini­en­bäume unweit der Ponte agli Incura­bili könnte Joseph Brodsky bei Regen noch beschirmen. Von dort soll der Dichter gern über den Kanal nach Giudecca geschaut haben. Ich erwar­tete eine Bank von Stein oder von Holz, vergeb­lich. Viel­leicht wird Joseph Brodsky sich zur Beob­ach­tung des Wassers einen kleinen Klapp­stuhl mitge­nommen haben oder liess die Beine von der Quai­mauer baumeln, sie werden vermut­lich bald nass geworden sein. Wenn ich nur lange genug nach Westen schaue zu den Hafen­an­lagen hin, kann ich Joseph Brodsky sitzen sehen, wie er sich mit den Wellen des Meeres unter­hält, ihre Bewe­gung erforscht. Wie sich in diesem Augen­blick, es ist kurz nach 8 Uhr, ein braunrosa­far­bener feuchter Elefan­ten­rüssel aus dem Wasser erhebt, wie er bebend die Luft sondiert, wie er sich dem Dichter nähert, als wäre er noch immer dort, Fonda­menta degli Incura­bili. – stop
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redentore

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nordpol : 16.58 UTC – Von der Wasser­bus­sta­tion Reden­tore aus ist heute das Schwes­ter­chen Zitelle nicht zu hören, nicht wenn man ein Mensch ist, nicht wenn man mittels gewöhn­li­cher Ohren die Luft betastet. Es ist warm und feucht über dem Kanal vor Giudecca, ein leichter Wind weht von Ost. Es ist viel­leicht deshalb so still, wo es doch nicht wirk­lich still sein kann, weil die Luft langsam west­wärts fließt. Wenn man sich nun aber auf der Stelle in die Tiefe begeben würde, ein Fisch werden, ein Fisch sein, wenn man ins Wasser tauchte, könnte man Zitelle ganz sicher weithin singen hören, ihr Pfeifen und Zetern tagein und tagaus, dass es eine wahre Freude ist, wie sie immer wieder kurz inne­hält, um zu lauschen, ob ihr jemand antwortet viel­leicht von Palanca her oder von den Giar­dini – Zwil­lingen, die sich immer wieder einmal melden, sobald die See stür­misch geworden ist. Es heißt, dieses Singen, Zetern, Jaulen der Wasser­bus­sta­tionen sei weit ins offene Meer hinaus zu hören. Kein Wunder demzu­folge, kein Wunder. – stop

celestia

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delta : 20.58 UTC – Es war an einem Abend kürz­lich, dass ich die wohl­klin­gende Stimme einer Frau bemerkte, die in einem Wasserbus jeweils die kommende Halte­sta­tion der Linea 4.1 ankün­digte. Je länger die Fahrt dauerte, desto dring­li­cher wurde der Wunsch, diese Stimme aufzu­nehmen, sie fest­zu­halten, sie für mich einzu­fangen. Ich fuhr nach Reden­tore zurück und setzte mit meiner Rund­reise um die Stadt Venedig von Neuem an. Indessen verzeich­nete meine Schreib­ma­schine jedes Geräusch der einstün­digen Fahrt, Wellen, Gespräche, Kommandos des Piloten und seiner Assis­tentin, das knir­schende Geräusch der Taue, wie sie sich um eiserne Kamel­schiffs­hö­cker winden, auch Schritte der Ausstei­genden, Schritte der Zustei­genden, und eben immer wieder diese zärt­liche Stimme: Prossima fermata Celestia. Next stop Celestia. Wie, wenn diese Stimme noch in Jahr­hun­derten hörbar wäre, diese Stimme einer dann längst vergan­genen Person. Kein Grund zu entde­cken in dieser Minute, weshalb je weitere Stationen der Stadt Venedig zu erfinden wären. stop

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ferrovia

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alpha : 18.02 UTC – Ich kam mit dem Zug nach Venedig, trat auf den Vorplatz des Bahn­hofs­ge­bäudes, hörte, vertraut, das Brummen der Vapo­ret­to­mo­toren, bemerkte das dunkel­blau­graue Wasser, und einen Geruch, auch er vertraut, der von Wörtern noch gefunden werden muss. Und da war die Kuppel der Chiesa di san Simeone Piccolo im Abend­licht, und es regnete leicht, kaum Tauben, aber Koffer­men­schen, hunderte Koffer­men­schen hin und her vor Ticket­schal­tern, hinter welchen gedul­dige städ­ti­sche Personen oder Furien warteten, die das ein oder andere Drama bereits erlebt hatten an diesem Tag wie an jedem anderen ihrer Arbeits­tage. Und da war mein Blick hin zur Ponte degli Scalzi, einem geschmei­digen Bauwerk linker Hand, das den Canal Grande über­quert. Ich will das schnell erzählen, kurz hinter Verona war ich auf den Hinweis gestoßen, es habe sich dort nahe der Brücke, vor den Augen hunderter Beob­achter aus aller Welt, ein junger Mann, 22 Jahre alt, der Gambier Pateh Sabally, mittels Ertrin­kens das Leben genommen. Ein Mensch war das gewesen, der auf gefähr­li­cher Route das Mittel­meer bezwang. Niemand sei ihm zu Hilfe gekommen, ein Vapo­retto habe ange­halten, man habe einige Rettungs­ringe nach ihm geworfen, aber er habe nicht nach ihnen gegriffen, weshalb man eine oder mehrere Film­auf­nahmen machte, indessen man den jungen Mann ermu­tigte: Weiter so, geh nach Hause! Das war im Januar gewesen, das Wasser der Kanäle kalt wie die Betrach­ter­seelen. In diesem Augen­blick, als ich aus dem Bahnhof in meinen vene­zia­ni­schen Zeit­raum trat, war keine Spur der Tragödie dort unter dem Himmel ohne Tauben zu entde­cken, außer der Spur in meinem Kopf. – stop

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s.alvise

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nordpol : 15.55 UTC – Heute Morgen ist mir etwas Selt­sames mit mir selbst passiert. Ich war nämlich Einkaufen in einem Super­markt. Eine alte Dame, sehr freund­lich, weckte mich, in dem sie mir erklärte, wo genau ich Plas­tik­hand­schuhe finden könne, um Apfel­sinen oder Melonen in meine Hände nehmen zu dürfen. Ich muss mich schla­fend nach Hand­schuhen erkun­digt haben oder aber habe Äpfel und Birnen barhändig berührt. Die alte Dame war sehr fürsorg­lich und leise, als ob sie seit Jahr­hun­derten mit schla­fenden Menschen im Super­markt Umgang pflegte. Ich kaufte für zwei Tage Obst, Krabben und Linsen, und auch etwas Wasser und Kaffee, trat dann aus dem Super­markt hinaus in die warme, helle Sonne, ein Vapo­retto fuhr in wenigen Metern Entfer­nung an mir vorbei, und ich sah sehr deut­lich mich selbst an Bord des Schiff­chens stehen, wie ich viel­leicht gerade die Echo­lot­folgen einer Twit­ter­nach­richt beob­ach­tete, welche ich eine Stunde zuvor gesendet hatte. Eine Eidechse flitzte über uraltes Plfaster land­ein­wärts, zwei junge Seemöwen warteten pfei­fend auf die Ankunft ihrer Eltern, und das Wasser zu meinen Füßen blinkte, als sendete es Botschaften irgend­wohin. Nach­mit­tags dann war ich spazieren im Canna­regio. Ich glaube ich habe ein Haus entdeckt, das über keinerlei Türen verfügt, oder aber viel­leicht über eine Tür auf dem Dach, eine Dachtür. Ob viel­leicht in dieser merk­wür­digen Stadt Menschen exis­tieren, die zu fliegen in der Lage sind? – stop

palanca

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echo : 22.52 UTC – Abends von der Vapo­ret­to­sta­tion Palanca her die Küste nach Zitelle spaziert, dann wieder ein kleines Stück zurück. Es ist bald spät geworden, kurz nach 10 Uhr. Langsam, von Schlep­pern gezogen, bewegt sich in diesem Augen­blick das Perso­nen­fracht­schiff Queen Mary 2 durch den Giudecca Canal ostwärts in Rich­tung des offenen Meeres. Da stehen Menschen weit oben an Deck hinter der Reling, die so klein sind, dass man, ohne ein Fern­rohr zu verwenden, nicht zu erkennen vermag, ob sie viel­leicht winken, man könnte sie für armlose Wesen halten. Weit links, zur Seite gerückt in den Schatten einer Brüs­tung, hockt auf einer Stufe der Stein­treppe zur Chiesa del Santis­simo Reden­tore hinauf, eine junge Frau, die etwas durch­ein­ander zu sein scheint. Da ist ein Koffer, geöffnet. Sie hat den Inhalt des Koffers, Kleider, Schuhe, einen blin­kenden Kamm, und Blusen, auch einen Sommerhut, um sich herum ausge­breitet. Sie sitzt dort im Kreis ihrer Besitz­tümer wie in einem Nest, trinkt aus einer Flasche Wein, und flucht mittels italie­ni­scher Sprache zu dem Schiff hinauf, dass es eine wahre Freude ist. Man wird sie dort oben in der Ferne kaum hören, nur ich vermut­lich, der in ihrer Nähe hockt und das Wasser beob­achtet, das dunkel schim­mert. Es die Zeit der Flut bereits. Das Wasser berührt die Kronen der Quais, da und dort geht es an Land, um über das uralte Pflaster zu züngeln. Eine Gruppe von Amei­sen­schatten passiert mich west­wärts, eine halbe Stunde später kommen sie mit ein paar Brosamen zurück. Bestän­diges Brummen. Gestern war ein sonniger Morgen gewesen, da wurde ich von einem hellen Pfeifen geweckt. Ich öffnete das Fenster, eine Frau grüßte vom gegen­über­lie­genden Haus herüber, sie brachte an einem Seil, das ein Rädchen an der Fassade meines Hauses bewegte, gerade feuchte Tücher aus, so haben wir Kinder noch Seil­bahnen von Haus zu Haus gezogen. – stop

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san zaccaria

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nordpol : 23.01 UTC – Clara, ein Nashorn, welches vor langer Zeit als lebendes Schau­stück durch Europa reiste, soll im Jahr 1751 zur Zeit des Carne­vals auch in Venedig zu sehen gewesen sein. 1720 bereits wurde das Caffee Florian am Rande des Markus­platzes eröffnet. Man stelle sich einmal vor, wie das ausge­wach­sene Nashorn wieder­käuend in einem der mit Fein­gold verzierten Kaffee­haus­ab­teile steht und etwas vom Heu nascht, während es begafft wird. Man kann leichter Hand sehr viele Geschichten erfinden, wenn man mit Wasser­bussen selbst­ver­gessen durch Venedig reist, man könnte die ein oder andere Wirk­lich­keit mit einer weiteren Wirk­lich­keit verweben. An einem Nach­mittag folgte ich einer Gruppe betagter Chine­sinnen durch jene Gäss­chen, da sich Glas­wa­ren­mo­tive tausend­fach repro­du­zieren. Ich dachte noch, ich sei von Vögeln umgeben, zwit­schernde Stimmen. Plötz­lich deutete eine der alten Frauen, sie trug gelbe Turn­schuhe und schloh­weisses Haar auf dem Kopf, nach einem Schriftzug, der auf der Rück­seite einer Minia­tur­thea­ter­maske von Plastik zu lesen war: Made in China, diese Freude. Wie wunderbar die Küchen der Zwerg­köche, deren Räume da und dort sichtbar werden in der Dunkel­heit schmaler Gassen. Einmal begeg­nete ich an einem späten Abend einem Mädchen, das leuch­tete. – stop

lido santa maria elisabetta

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tango : 22.06 UTC – Eine Welt ohne Auto­mo­bile kenne ich nicht. Auch eine Welt ohne Strom ist mir nicht bekannt. Nach Stunden der Fahrt mittels Wasser­bussen hin und her und herum, muss ich deshalb an Land gehen, muss meine Schreib­ma­schine mit Strom versorgen, um arbeiten zu können. Ich stellte mir einmal vor, wie ich unter Vene­zia­ne­rinnen und Vene­zia­nern sitze mit einer klap­pernden Olym­pia­schreib­ma­schine auf den Knien. Oder das Notieren von Hand in ein Notiz­buch auf schwan­kenden Sitz­ge­le­gen­heiten der Dampf­schiff­chen reisend. Man kann niemals erahnen, in welche Rich­tung sich die Welt bewegen wird. Plötz­lich fährt die Stift­spitze unter der Hand sprung­haft vorwärts oder rück­wärts, zieht eine Linie jenseits geplanter Schrift­zei­chen, bildet die Bewe­gung des Meeres auf Notiz­pa­pieren nach. In der digi­talen Zeit werden verrückte Zeichen, Folge der Meeres­be­we­gung von dem Korrek­tur­ge­dächtnis der elek­tri­schen Schreib­ma­schine unver­züg­lich korri­giert. Eine wunder­bare Beob­ach­tung ist, wie ich sicherer werde im Stehen auf dem Wasser im Bus. Beob­ach­tete hunderte Male Knoten­bin­dung in dem Moment, da sich das Batello dem Lande nähert, da es anzu­legen wünscht, sodass es für einen kurzen Moment selbst zu Land wird. Wie wir Menschen dann über Brücken gehen, wie tanzen. Am Abend einmal spürte ich die uralte Stadt selbst unter mir schwanken. Da ich mich in diesem Augen­blick dem Lido nähere, bemerke ich, dass ich die Erfin­dung der Auto­mo­bile bereits nach wenigen Tagen vergessen habe. – stop
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alberoni

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india : 22.06 UTC – Regen­wind­tü­cher wandern in der Ferne vor Bergen, die sich am Hori­zont deut­lich abbilden. Vom Lido aus, an der Meer­enge zur Insel­zunge Pale­strina, öffnet sich ein weiter Blick nord­wärts über die Lagune hin. Das Meer noch beru­higt, Muschel­fang­sta­tionen setzen wie gezeichnet feine Akzente, hölzerne Finger, zu Reihen grup­piert, jenseits der Wasser­bahnen, die mittels mäch­tiger Bohlen markiert worden sind. In Albe­roni steige ich aus, spaziere an Leucht­türmen vorbei, eine Mole entlang, mäch­tige Steine. Da sind ein wilder Wald und sump­fige Mulden, in welchen Fisch­chen blitzen, Wolken­struk­turen, die des Himmels und die der Schup­pen­haut­schwärme. Ich nähere mich Schritt für Schritt, irgendwo da unten in der Tiefe der Wasser­straße hin zum offenen Meer soll sich M.O.S.E. befinden. Eine junge Vene­zia­nerin erklärte noch: Bad Projekt! Und wie sich ihre Augen ange­sichts des Bösen verdun­kelten, meinte ich meinen Wunsch, M.O.S.E zu besu­chen, vertei­digen zu müssen. Die Sonne geht langsam unter. Rötlich glim­mende Stäbe nahe des schmalen Mundes zur Lagune erscheinen, als würden sie in der Nacht auf die Exis­tenz des schla­fenden Schutz­riesen unter der Wasser­ober­fläche verweisen. Da liegt ein verlas­sener Kinder­spiel­platz in Meeres­nähe unter Olean­der­bäumen. Ein sandiger Strand, Muscheln, hölzernes Treibgut, drei Möwen, ein Angler, Fußspuren im feuchten Sand, die die aufkom­mende Flut bald verschlingen wird. Im Wasser selbst drei mensch­liche Köpfe, die lachen, und ein weiterer Kopf, der sich parallel zur Küste schwim­mend hin und her bewegt, nur nicht die tiefere Zone dieses Meeres berühren, in dem so viele Menschen bereits ertrunken sind. In einem Regal des Kinder­spiel­platzes entdecke ich heim­wärts gehend einige Bücher, kurz darauf einen Fußab­druck, den ich selbst hinter­lassen haben könnte. – stop

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san marco

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echo : 8.15 UTC – In der vergan­genen Nacht habe ich geträumt, wunder­bare 5 Jahre lang geschlafen zu haben. Als ich erwachte fühlte ich mich wohl, dann bemerkte ich, dass ich im Wasser stand bis zum Bauch. Das Wasser war warm, es roch nach Tang und nach Salz und nach Öl in diesem Augen­blick des Erwa­chens. Ich hörte vor dem Fenster die Stimmen spie­lender Kinder. Ich sah mich um und dachte: Was für ein schöner Anblick, all diese Lichter, es muss Nacht sein, Schiffe fahren herum, die von Vögeln gezogen werden, als wären sie Pferde. Dann erwachte ich tatsäch­lich. Es war früher Morgen, anstatt Kinder­stimmen, hörte ich die hell pfei­fenden Stimmen einiger Seemöwen. Ich trat an ein Fenster, sah auf den Hof. Da waren Möwen. Sie versuchten Müll­tüten zu öffnen. Manche der Müll­tüten lagen auf dem Boden, andere hingen in den Bäumen. Ich fand, die Möwen waren nicht sehr geschickt im Öffnen der Müll­tüten. Plötz­lich hüpften Kinder auf der Gasse herum. Sie trugen Schul­ranzen auf dem Rücken und Tele­fone mit Bild­schirmen in ihren Händen. Immer wieder blieben sie stehen und steckten die Köpfe zusammen und lachten. Ich bemerkte, dass der Oleander vor dem West­fenster im Hof zu blühen begann. Es waren rote Blüten. Gestern Abend habe ich Menschen beob­achtet, die auf dem Markus­platz um eine Öffnung im Boden standen, aus welcher Wasser sickerte. Sie foto­gra­fierten, aber das Wasser war sehr wenig, weswegen sie heran­zoomen mussten. Auch waren da Menschen, die Tango tanzten nach Melo­dien eines Kaffee­haus-Orches­ters. – stop

mercato

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echo : 22.08 UTC – Immer der Nase entlang spazierte ich zum Markt, wo nach­mit­tags Seemöwen stol­zierten über den Boden, den sie längst so gründ­lich durch­sucht hatten, dass Fisch gerade noch als Erin­ne­rung feinster Mole­küle in der Luft zu finden war. Da lag noch etwas Eis auf dem Boden, erstaun­lich. In diesem Augen­blick erin­nerte ich mich an einen frühen Morgen vor vielen Jahren. Ich trat damals zur Zeit der Dämme­rung auf den Markus­platz. So dicht ruhte Nebel über der Lagune, dass ich nur wenige Meter weit sehen konnte. Ich ging sehr vorsichtig voran. Vor irgend­einem Kaffee­haus hielt ich an, setzte mich auf einen Stuhl und wartete. Irgendwo im Luft­was­ser­zimmer, in dem ich Platz genommen hatte, hörte ich Stimmen von Männern, die mitein­ander spra­chen. Auch waren immer wieder Pfiffe zu hören, wie Radare oder Signal­töne. Es waren Männer mit vermut­lich Reisig­besen, die den riesigen Platz Kraft ihrer Arme und Hände fegten. Auch Melo­dien waren zu hören gewesen. Ich wartete unge­fähr eine Stunde und lauschte. Nie habe ich einen dieser Männer gesehen, aber ich habe von ihnen viel­fach erzählt. Es scheint über­haupt die Zeit, da man sich in Venedig noch verlaufen konnte, vorüber zu sein für alle Menschen, die über eine Schreib­ma­schine mit GPS-Verbin­dung verfügen. Es ist, glaubt mir, ein Vergnügen, diese Radar­schreib­ma­schine auszu­schalten und loszu­gehen und nach da und dort zu laufen, stets in dem Glauben, man wüsste, wo man sich befindet. Es bleibt dann nichts weiter zu tun, als nach einer halben Stunde die Schreib­ma­schine hervor­zu­holen und nach­zu­sehen und sich zu wundern und zu freuen. – stop
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cimitero s. michele

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victor : 22.24 UTC – Auf der Insel Giudecca exis­tiert an eine Brücke gelehnt ein Aufzug für Menschen, die nicht in der Lage sind, Treppen zu steigen. Der Aufzug soll nun seit beinahe 3 Jahren außer Dienst genommen sein. Ich hätte davon keine Kenntnis erhalten, wenn ich nicht zufällig hörte, wie ein alter Mann sich wegen dieses kranken Aufzuges empörte. Er saß in einem Roll­stuhl auf einem Balkon nur wenige Meter entfernt von der Brücke und warf Brot in die Luft, welches von Möwen im Flug aufge­fangen wurde. Der Mann schimpfte in engli­scher, bald in fran­zö­si­scher Sprache, als ob er ganz sicher gehen wollte, dass jene Menschen, die die Brücke über­querten, seine Nach­richt verstehen würden. An diesem Abend, da der wütende Mann die Admi­nis­tra­tion der Stadt Venedig verdammte, wäre ich sehr gerne sofort in das Wasser zu meinen Füßen gesprungen, um den Reiz der Mücken­stiche, die ich während eines Besu­ches des Fried­hofes San Michele hinnehmen musste, durch Kühle zu lindern. Es war am Nach­mittag gewesen, ich plante das Grab Joseph Brodskys zu besu­chen, musste aber bald vor dutzenden Raub­tieren flüchten, die sich auf zart­schil­lernden Flügeln kaum hörbar näherten in einer Weise, die mir koor­di­niert zu sein schien. Poli­zisten suchten auf dem Friedhof nach zwei Frauen. Ich hatte kurz zuvor beob­achtet, wie sie den Friedhof betraten. Sie trugen schwarze Kleider und schwarze Stiefel und schwarze Hand­schuhe, auch ihr Haar war schwarz gefärbt und ihre Augen wie von Kohle umrandet, sie waren voll­ständig in Schwarz darge­stellt, aber ihre Haut war weiß gepu­dert. – Vor dem Fenster pfeifen leise Vögel wie Spre­chen. – stop

academia

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india : 5.16 UTC – Wasserbus. Dampf­schiff­chen. Botello. Vapo­retto. Erstaun­liche Wörter. – Einmal notierte Roland Barthes: Sprache exis­tiert. Und damit beschäf­tigen wir Struk­tu­ra­listen uns, wir denken darüber nach. Die meiste Zeit reden die Menschen, ohne zu wissen, dass die Sprache exis­tiert, wir reden ohne zu wissen, dass wir reden. Wir wissen nur, dass wir Gedanken und Gefühle über­mit­teln. Aber wir reden, ohne das Geringste über unsere eigenen Worte zu wissen. – Ich höre sehr gerne mensch­liche Stimmen, deren Sprache ich nicht verstehe, wie Musik. Heute beob­ach­tete ich Zahl­zei­chen, die Vapo­rettos stolz an ihrem Bug seit­wärts tragen. 264 oder 58 oder 182. – stop
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ai : NIGER

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MENSCHEN IN GEFAHR : “Der multi­na­tio­nale Ölkon­zern Shell und die Regie­rung des südnige­ria­ni­schen Bundes­staates Rivers haben es versäumt, die Bewohner_innen von Ogale, einer Region außer­halb von Port Harcourt, der Haupt­stadt von Rivers, regel­mäßig mit sicherem Trink­wasser zu versorgen. Die meisten der dort lebenden Menschen müssen entweder Wasser kaufen oder Grund­wasser trinken, das laut einer 2011 veröf­fent­lichten Studie der Vereinten Nationen gefähr­lich verschmutzt ist./ Die Studie des Umwelt­pro­gramms der Vereinten Nationen (United Nations Envi­ron­ment Programme, UNEP) ergab, dass die Bewohner_innen von Ogale Wasser aus Brunnen tranken, das so stark mit dem bekannten Karzi­nogen Benzol verun­rei­nigt war, dass es den nach inter­na­tio­nalen Richt­li­nien fest­ge­legten Grenz­wert um das 900-fache über­schritt. Das Wasser zu trinken werde „sicher lang­fris­tige gesund­heit­liche Folgen“ haben. UNEP empfahl der nige­ria­ni­schen Regie­rung, unver­züg­lich Maßnahmen zu ergreifen, damit die Menschen in Ogale nicht weiterhin Trink­wasser aus konta­mi­nierten Brunnen trinken müssen, und ihnen eine alter­na­tive Quelle für sauberes Wasser zur Verfü­gung zu stellen. Trotz dieses drin­genden Aufrufs gibt es noch immer keinen Zugang zu solch einer Quelle. / Am 1. September 2018 besuchte Amnesty Inter­na­tional Ogale und sprach mit Anwohner_innen. Die meisten von ihnen kaufen ihr Wasser für den persön­li­chen und häus­li­chen Gebrauch, etwa zum Trinken, Kochen und Waschen, obwohl sie es sich eigent­lich nicht leisten können. In einigen Fällen geben Bewohner_innen ein Drittel ihres wöchent­li­chen Einkom­mens für Wasser aus, sodass sie manchmal statt drei Mahl­zeiten am Tag nur zwei essen können. Dieje­nigen, die es sich nicht leisten können, Wasser zu kaufen, trinken und nutzen das örtliche Grund­wasser – trotz der Warn­schilder, die darauf hinweisen, dass das Wasser ihre Gesund­heit gefährdet. Manche trinken Wasser aus lokalen Brunnen und Bohr­lö­chern, auch wenn auf dem Wasser ein öliger Film zu sehen ist. Einige Bewohner_innen bezahlen sogar für das Wasser aus den Bohr­lö­chern. Andere nutzen Regen­wasser, in dem sich schwarze Flöck­chen befinden. Die Bewohner_innen haben keine andere Wahl, da sie nicht das nötige Geld aufbringen können, um Wasser von privaten Anbieter_innen zu kaufen und die Regie­rung bereits seit über einem Jahr kein sauberes Wasser mehr bereit­stellt. Zeit­gleich mit dem Besuch von Amnesty Inter­na­tional in Ogale wurden einige der von der Regie­rung regu­lierten Wasser­lei­tungen wieder in Betrieb genommen. Doch die Bewohner_innen berichten, dass die Wasser­ver­sor­gung ledig­lich eine Stunde am Morgen oder am Nach­mittag funk­tio­niert und die zur Verfü­gung gestellte Wasser­menge nicht ausreicht, um den grund­le­genden Wasser­be­darf zu decken. Amnesty Inter­na­tional hat Grund zu der Annahme, dass auch dieses Wasser nicht den Richt­li­nien der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion für Trink­was­ser­qua­lität entspricht.” - Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen bis spätes­tens zum 3.8.2018 unter > ai : urgent action
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