sacca fisola

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echo : 18.12 UTC – Mit einem Mari­naio der Linea 2 um kurz nach drei kam ich deshalb ins Gespräch, weil der junge Mann beob­achtet hatte, wie ich eine halbe Stunde lang meiner­seits seine Hände beob­ach­tete, wie sie in einer eleganten oder lässigen oder ganz einfach erprobten Art und Weise bei Annä­he­rung seines Dampf­schiff­chens an eine Halte­sta­tion, an diesen schwin­genden und tanzenden und auf und ab wippenden Steg, der noch nicht Land ist aber auch nicht mehr Schiff, ein Tau zur Schleife formen, um es aus kurzer Distanz um einen eisernen Höcker zu werfen und zu knoten. Es geht dann sehr schnell, wie sich das Tau knar­zend windet, wie es sich zuzieht, weil es nicht anders kann, weil es in sich gefangen ist, sirrende Geräu­sche, die ich vor Tagen im Traum zu vernehmen meinte, weswegen ich erwachte und glaubte auf meinem Bett würde eine gewal­tige Seemöwe Platz genommen haben, die mich mit hell­blauen Augen­di­oden anblitzte. Es war dann doch das Leucht­werk eines Weckers gewesen, mit dem ich noch nicht vertraut geworden bin. Ich weiß nun, das Knoten­ge­binde wird unter den Seeleuten der Kanäle als Dopino oder wahl­weise Nodo di otto bezeichnet. Der junge Mann, der sich über meine Begeis­te­rung freute, führte den Knoten mehr­fach in Zeit­lupe vor, hin und zurück, sodass ich die Seele des Knotens nach und nach verstehen konnte. Es war ein Freitag, es regnete leicht. Ich fuhr dann nach Giudecca zurück, besuchte einen kleinen Markt, ich glaube, ich war der einzige Fremde an diesem Ort gewesen. Ich kaufte einen Peco­rino Sici­liano, 100 Gramm. Auch heute leichter Regen, der unver­züg­lich im Meer verschwindet. – stop

fondamente nove

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india : 22.58 UTC – Noch fällt mir nicht leicht zu erzählen, warum ich Zeit in Venedig verbringe. Ich bin ein Beob­achter, deshalb bin ich in Venedig, zur Beob­ach­tung des Wassers und auch der Schne­cken, die sich im Wasser oder in der Nähe des Wassers bewegen. Ich berichte gleich­wohl sehr gerne, dass ich nach Eidechsen Ausschau halte. Einmal bemerkte ich einen Mann, der mittels einer Lupe Taustücke unter­suchte, die zerfa­sert, wie kranke Schlangen sich neben Vapo­ret­to­sta­tionen türmten. Auf einer Brücke nahe des Fähren­ter­mi­nals Fonda­mente Nove wartete ein Foto­graf auf größere oder klei­nere Schiffe, die er senk­recht von oben her foto­gra­fierte. Nach zwei oder drei Stunden, die ich in seiner Nähe verbrachte, nickte er mir plötz­lich zu. Kinder turnten auf rostigen Eisen­stangen. Ich über­legte, ob sie wohl gelernt haben, mit einem Fahrrad zu fahren? Das Wasser unter der Bewe­gung der Schiffs­schrauben pulsiert für Bruch­teile von Sekunden zu Kuppeln von Glas. Noch fällt mir nicht leicht zu erzählen, warum ich eigent­lich Zeit in Venedig verbringe. Schwan­kende Wirk­lich­keiten, vertraut. – stop
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tango : 6.52 UTCViel­leicht kann ich, wenn ich das Meer in den Straßen Vene­digs beob­achte, von Wellen­be­we­gungen spre­chen, die einem sehr lang­samen Rhythmus folgen, von Halb­ta­ges­wellen, von Wellen, die sich, sobald ich sie jenseits ihrer eigent­li­chen Zeit betrachte, wie Palomars Sekun­den­wellen benehmen. – Wann beginnt und wann genau endet eine Welle? Wie viele Wellen kann ein Mensch ertragen, wie viele Wellen von einer Wellenart, die Knochen und Häuser zertrüm­mert? – Dämme­rung. Stille. Nur das Geräusch der trop­fenden Bäume. Eine Nacht voll Regen, glim­mende Vögel irren am Himmel, Nacht­vögel ohne Füße, Vogel­wesen, die niemals landen. – stop
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max

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alpha : 22.02 UTC – Ich erin­nere mich gern an Max, gerade eben ist es wieder passiert, dass ich mich an Max erin­nerte. Er war 6 Jahre alt geworden, als ich ihm zuletzt persön­lich begeg­nete. Wir saßen damals an einem Küchen­tisch, es war Abend, Max schon müde. Er schüt­telte etwas gelang­weilt eine Papri­ka­schote und wunderte sich, weil in der gelben Frucht Bewe­gung zu sein schien. Ich nahm ihm die Paprika aus der Hand, und tatsäch­lich war in ihrem Inneren etwas lose geworden oder exis­tierte dort, das sich übli­cher­weise nicht in einer Paprika befinden sollte. Also legte ich die Paprika zur Unter­su­chung auf einen Teller und öffnete sie vorsichtig. Es war ein kleines Loch, das ich in die Paprika schnitt. Seite an Seite sitzend warteten wir gespannt vor der Frucht darauf, ob viel­leicht Irgend­etwas oder Irgend­je­mand aus der Öffnung steigen würde. Indessen erzählte ich von der Erfin­dung der Tief­see­ele­fanten, von ihren kilo­me­ter­langen Rüsseln, die sie zur Meeres­ober­fläche recken, sofern sie den Atlantik durch­queren. Bald wurde Max unge­duldig, er nahm die Paprika in seine Hände, um durch das spar­same Loch zu spähen, ohne frei­lich etwas sehen zu können, es war dunkel da drin, weshalb ich das Loch vergrö­ßerte, und außerdem noch zwei klei­nere Löcher für das Licht seit­wärts in den Körper trieb. Wiederum spähte Max in die Paprika, jetzt konnte er etwas erkennen. Er stellte nüch­tern fest, dass sich in der Paprika ein Ohr befinden würde, ein Papri­kaohr, ganz eindeutig. Vier Jahre sind seither vergangen. Als ich vor zwei Jahren mit Max tele­fo­nierte, erklärte er, dass er in der Schule Tief­see­men­schen mit Blei­stift zeich­nete. Immer wieder habe er die Körper der Tief­see­men­schen, die über den Meeres­boden spazierten, ausra­diert, um sie noch kleiner zu machen, damit ihre Hälse auch lang genug werden konnten auf dem viel zu kleinen Blatt Papier, das ihm zur Verfü­gung gestellt worden war. – stop
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crea

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nordpol : 18.55 UTC – Kühle Luft trifft ein, als sei sie mit dem Zug in einem Koffer nach Venedig gekommen. Langsam wird Abend. Auf den Schiffen fahren leicht beklei­dete Menschen ihre Gänse­haut heim­wärts. Von der Dampf­schiff­sta­tion Crea aus führt mich eine Wande­rung ohne Stadt­plan in Händen, nur mit dem Kopf und nach dem Gefühl gehend, durch das Canna­regio in Rich­tung Castello. Wie lange Zeit, über­legte ich, werde ich tastend ostwärts durch die Gassen streifen, bis ich mein Ziel, die Dampf­schiff­sta­tion Giar­dini, erreicht haben werde? Bald ist es krei­send spät geworden. Auf den Stufen der Chiesa del Santis­simo Reden­tore, die noch warm sind vom Taglicht, flitzen Eidechsen herum. Im Zwie­licht werden sie zu unru­higen Schatten, die man mit Farben der Vorstel­lung füllen könnte, an einem bunten Tag werden sie bunt. Es ist jetzt schon zu dunkel, um noch lesen zu können. Ich sollte mir eine Taschen­lampe besorgen oder rein elek­tri­sche Texte auf meiner flachen Schreib­ma­schine lesen. Ob papie­rene Bücher exis­tieren, die zu leuchten in der Lage sind? – stop

st. elena

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sierra : 22.12 UTC – Am Bug sitzen bei schwerem Seegang. Das gisch­tige Meer­wasser fliegt durchs neblige Licht wie Milch. Menschen, die das Vapo­retto betreten, dampfen, dass die Scheiben beschlagen. Eine junge Frau dreht pfei­fend einen roten Regen­schirm im Wind. Ich denk mir die Geräu­sche des Regens aus, die unter dem Dröhnen der Vapo­ret­to­mo­toren unhörbar sind. Aber das Quiet­schen der Gummi­stiefel. Trug Schwarze oder Gelbe als Kind. Heut­zu­tage exis­tieren sie in allen mögli­chen Farben. Auch Malerei ist aufge­tragen, alte Meister, der Früh­ling, Punkt­zeich­nungen der Mari­en­käfer, Muster in allen mögli­chen Farben. Ein Mann zeigt seiner Geliebten einen finger­langen Nashorn­käfer von Glas, er hält das schim­mernde Wesen in die Luft, eine Vorstel­lung in diesem Moment, da wir uns wieder dem Land nähern, die Vorstel­lung auch eines Glas­blä­sers, irgendwo müssen diese wahren Künstler glühenden, schmel­zenden Sandes noch heim­lich ihre Backen plus­tern wie Trom­pe­ten­spieler. Genau dort scheint eine Verbin­dung zu exis­tieren von der Musik zu den Nashorn­kä­fern, die in Samm­lungen welt­weit gena­delt sitzen. – stop

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faro

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sierra : 0.12 UTC – Der junge Mann hockt auf einem Schemel in der Nähe eines Ofens, in dem etwas glüht. Es ist später Nach­mittag, warmes Licht kommt von den Fens­tern her. Ich beob­achte in meinen Gedanken wie der junge Mann einen weichen, feurigen Glas­körper, der an einem Stab befes­tigt ist, dicht über dem stau­bigen Boden dreht. Er kann dort in den Stab Luft hinein­blasen, sodass der erhitzte Glas­körper am gegen­über­lie­genden Ende des Stabes selbst zu atmen scheint, ein lodernder Tinten­fisch­körper. Da sind Zangen, selt­same Zangen von der Form der Hirsch­kä­fer­ge­weihe, und Pinzetten von enormer Größe, und Scheren, auch klei­nere Scheren, weil man das glim­mende Glas zu schneiden vermag als wäre es von warmem Marzipan. Der junge Mann schwitzt. Sein Hemd steht weit offen. Vom Glas­körper strahlt eine stille Hitze aus, dort unten, zwei Meter weit entfernt, eine hand­zahme Sonne, die sich geduldig dreht, in dem sie dunkler wird, orange, dann rot. Ich stehe auf und trete ein oder zwei Schritte zurück und öffne die Augen. Kurz nach Mitter­nacht. – stop

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luftraum

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sierra : 0.05 – Ich erin­nere mich: Julio Cortázar erzählt in seinem Kalei­do­skop Reise um den Tag in 80 Welten eine Geschichte, in welcher eine Fliege von zentraler Bedeu­tung ist. Diese Fliege soll auf dem Rücken geflogen sein, als der Autor sie entdeckte, Augen nach unten demzu­folge, Bein­chen nach oben, ein für Flie­gen­tiere nicht übli­ches Verhalten. Natür­lich musste diese selt­same Fliege unver­züg­lich näher betrachtet werden. Julio Cortázar erfand deshalb ein Zimmer, in welchem die Fliege fortan exis­tierte, und einen Mann, der die Fliege zu fangen suchte. Wie zu erwarten gewesen, war der Mann in seiner Beweg­lich­keit viel zu langsam, um die Fliege behutsam, das heißt, ohne Beschä­di­gung, erha­schen zu können. Er bemühte sich redlich, aber die Fliege schien jede seiner Bewe­gungen vorher­zu­sehen. Nach einer Weile machte sich der Mann daran, das Zimmer, in dem er sich mit der Fliege aufhielt, zu verklei­nern. Er faltete Papiere zu Schach­teln, die den Flug­raum der beson­deren Fliege nach und nach derart begrenzten, dass sie sich zuletzt kaum noch bewegen konnte. Fliege und Fänger waren in einem licht­losen Raum inner­halb eines Schach­tel­zim­mers gefangen, daran erin­nere ich mich noch gut, oder auch nicht, weil ich diese Geschichte bereits vor langer Zeit gelesen habe, immer wieder von ihr erzählte, weshalb sich die Geschichte verän­dert, von der ursprüng­li­chen Geschichte entfernt haben könnte. Das Buch, in dem sie sich aufhält, befindet sich zur Zeit immer noch außer Reich­weite. Weil ich diese Geschichte bereits einmal fest­ge­halten hatte, ist sie noch die selbe Geschichte geblieben, die Geschichte einer erin­nerten Geschichte. – stop

unter freiem himmel

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sierra : 15.08 – Ich spazierte im Park. Und wie ich so spazierte, dachte ich, viel­leicht bist Du schon 5105 Male durch diesen Park spaziert, warum nicht. Da entdeckte ich plötz­lich, dass jeder der Bäume des Parks zwei Meter über dem Boden ein Schild­chen trug an seinem Stamm. Zunächst entdeckte ich ein Schild­chen am rauen Stamm einer Spott­nuss. Auf dem Schild­chen waren zwei Buch­staben und fünf Zahlen verzeichnet, das könnte ein Code sein, dachte ich, dann ging ich weiter, um an dem Stamm einer Eibe ein ähnli­ches Schild­chen zu bemerken. Wieder waren zwei Buch­staben und fünf Zahlen auf grünem Hinter­grund aufge­tragen. Eine Stunde lang betrach­tete ich Stämme der Bäume des Parks, Stämme der Rotbu­chen, Birken, Zwerg­nuss­kas­ta­nien, Erlen, Eichen, und eines gewöhn­li­chen Trom­pe­ten­baums, sie alle waren mit einem Schild­chen von Metall versehen, Ziffern, einem Schatten demzu­folge, einem beson­deren Blick. Vermut­lich, dachte ich, wird irgendwo ein Buch oder ein digi­tales Verzeichnis exis­tieren, in dem die Exis­tenz der Bäume fest­ge­halten ist, ihre Namen mögli­cher­weise und ihr Alter, viel­leicht auch, wie sich die Bäume benehmen im Winter und im Sommer. Zuletzt dachte ich, dass ich even­tuell durch ein Museum spaziere. Das denk ich noch immer. Winter ist geworden. – stop

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radar

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marimba : 15.08 – Das Finden und Erfinden ist sehr deut­lich ein Vorgang geschmei­diger Acht­sam­keit. – stop

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