wasseruhr

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marimba : 0.01 – Träumte, mit einem Stück Holz unter Kraft­an­wen­dung einen Käfer getötet zu haben, der ein Schne­cken­haus auf dem Rücken trug, das der Käfer bewohnte, wie Einsied­ler­krebse Muschel­häuser bewohnen. Ein Beses­sener durch und durch, schlug ich auf den gepan­zerten Rücken des kleinen Tieres ein, dann sitze ich vor dem Schreib­tisch mit den Werk­zeugen der Uhrma­cher und versuche das Tier zu repa­rieren, während das Wasser in meinem Zimmer steigt. – Acht Uhr zwölf in Rangun, Burma. – stop

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eine lampe

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nordpol : 10.28 UTC – Gestern, ehe ich das Haus der alten Menschen besuchte, dachte ich noch, das Altwerden, das Alt- oder Uralt­sein habe mit Unruhe zu tun, mit Schlaf, dessen Zeit­räume kürzer und kürzer werden. Heute nun würde ich sagen, das Alt- oder Uralt­sein hat etwas mit Schlaf über lange Zeit­räume hin zu tun, auf einem rollenden Stuhl sitzen und schlafen oder dämmern. Da war wieder eine Frau im Licht einer gelben Lampe, die im Wohn­saal vor einem Tisch saß und einen Tele­fon­hörer in der Hand hielt. Der Tele­fon­hörer war mit einem Telefon mit Wähl­scheibe verbunden, ein derart altes Telefon, dass man, um eine Nummer zu wählen, eine krei­sende Bewe­gung ausführen muss. Dieses Telefon nun war nicht mit der Wand in Verbin­dung, viel­mehr ragte aus dem Gehäuse des Tele­fons ein kurzes Stück Kabel, das anzeigte, dass das Telefon einmal tatsäch­lich mit der elek­tri­schen Welt verbunden gewesen war. Als ich an der alten tele­fo­nie­renden Dame vorbeikam, dachte ich für einen Moment, viel­leicht liest ihr gerade jemand vor, viel­leicht Hrabal, der aus seinem Roman Ich habe den engli­schen König bedient zitiert. Es wird Herbst, in jeder Hinsicht. 288P, ein Doppelas­te­roid wurde entdeckt. Hurri­kane Maria verwüstet die Karibik. Mr. Un droht mit Wasser­stoff­bom­ben­test. – stop

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vor dem telefon

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nordpol : 0.05 – Als ich die alte Dame im Haus der alten Menschen besuchte, war sie schon wach und bekleidet gewesen. Sie saß in einem Roll­stuhl, trug Turn­schuhe an ihren Füßen, das Haar war gekämmt, rosige Wangen. Anstatt mich zu begrüßen, sagte sie: 7805355, wir müssen uns kümmern, ich tele­fo­niere die ganze Nacht, aber es geht niemand dran, es geht einfach niemand dran, 7805355. Die alte Dame wieder­holte diese Nummer 7805355 in hoher Frequenz, sie hörte nicht auf, diese Nummer immer wieder vor sich her zu sagen. Wir verließen ihr Zimmer, ich schob sie durch Flure des Hauses der alten Menschen. Wir waren zunächst im Garten, dann im Park, dann auf einem Weg unter Apfel­bäumen. Vögel zwit­scherten. Die Luft war warm vom Licht der tief stehenden Sonne. Wenn ich anhielt, um nach­zu­sehen, wie es der alten Dame ging, bemerkte ich, dass sie immer noch die Nummer eines Tele­fons vor sich hin murmelte, als ob sie eine Schall­platte in sich abspielte, die aufhörte, weil sie das Ende ihrer Spur verlor, einen Ausgang. Auch am Nach­mittag, die alte Dame hatte geschlafen, wurde unent­wegt von genau jener Tele­fon­nummer gespro­chen, die schon die Nummer des Morgens gewesen war. Bald wurde Abend. – stop

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ewig

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sierra : 22.12 – Im Haus der alten Menschen beob­ach­tete ich eine 94 jährige Frau, die an einem Tisch saß und notierte. Ich hörte, sie schreibe seit Jahren Tag für Tag, Stunde um Stunde lange Listen in Notiz­hefte. In diesen Listen, erzählte sie einmal, würde sie vermerken, was noch zu tun sei im Leben. Als ich mich leise näherte, bemerkte ich tiefe Furchen in den Seiten des Heftes, keine Schrift­zei­chen jedoch, weil sich in der schrei­benden Hand der Notie­renden, ein Kugel­stift befand, der längst leer geschrieben war. – stop
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patagonien

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nordpol : 22.08 UTC – Schnee liegt sehr fein wie gepu­dert, die Luft klirrt von der Kälte, Eich­hörn­chen hetzen über die Straße. Das Haus, in dem die alten Menschen wohnen dampft aus den Schorn­steinen wie ein großes Schiff, das gerade Anlauf nimmt, um in See zu stechen. Der Boden auf dem ich gehe unter Bäumen, an deren blatt­losen Ästen sich fros­tige Äpfel halten, zittert. Und auch der lange Flur im Haus, über den ich spaziere, scheint unter meinen Füßen zu schlin­gern. An einem Tisch sitzt eine alte Lehrerin, sie sitzt immer nur so da und schaut zum Fenster hinaus, sie spricht nicht, niemals. Eine andere alte Dame hangelt sich in ihrem Roll­stuhl sitzend durch die Flure von morgens bis abends, sie lächelt, wenn man ihr begegnet. Klein ist sie, zier­lich, trai­niert wie eine Turnerin, magere und doch kräf­tige Arme. Beinahe meine ich, dass sie sich an mich viel­leicht erin­nert, sie lächelt mich an, vermut­lich deshalb, weil ich ihr schon häufig begeg­nete. Längst könnte sie eine Strecke bis nach Mexiko in dieser hangelnden Weise zurück­ge­legt haben. Oder bis nach Pata­go­nien. – stop

gregorina

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delta : 8.02 UTC – Ich hörte im Radio heute Morgen, in Finn­land soll einfach nur anwe­send zu sein bereits als Kommu­ni­ka­tion wahr­ge­nommen werden. – Vor den Fens­tern im Süden fällt Schnee. Im Haus der alten Menschen läuft ein Mädchen herum, das Grego­rina heißt. Sie ist tatsäch­lich anwe­send im Kopf einer alten Dame, sie läuft über die Flure von Zimmer zu Zimmer. Plötz­lich ist Sommer geworden, in den Zimmern blühen Apfel­bäume, und das kleine Mädchen, das 70 Jahre alt geworden sein muss, hüpft herum und singt, weshalb die alte Dame, die Grego­rina wahr­nehmen kann, und auch die Apfel­bäume, voller Glück ist, weil Grego­rina zu Besuch gekommen. Sie sagt: Schau, ist das nicht wunderbar, sie ist noch immer so wie damals, Grego­rina. Gut, dass wir die Apfel­bäume herein­ge­holt haben. Es ist kalt draußen, glaube ich. Komm, ich will aufstehen. – stop
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luftsprache

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alpha : 22.12 UTC – Ich spazierte im Haus der alten Menschen. Da waren geöff­nete Türen, und da schaute ich hinein in die Zimmer. Ich beob­ach­tete einen alten Mann, der vor seinem Roll­stuhl kniete, und eine alte Dame mit schloh­weißem Haar, die lag wie ein Mädchen mit weit von sich gestreckten Armen und Beinen im Bett wie in einer Sommer­wiese. Einmal beob­ach­tete ich ein anderes Bett, in dessen Kissen­tiefe ein kleiner Mensch ruhen musste. Nur Hände waren von ihm zu sehen, die sich bewegten, die Schatten warfen, die spielten oder mit der Luft spra­chen Stunde um Stunde, Tag für Tag, Jahr vermut­lich um Jahr. – stop

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vom tonfilm

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marimba : 18.15 UTC – Das Haus der alten Menschen scheint ein guter Ort zu sein, um das Wesen der Zeit zu beob­achten. Ich habe auf den Fluren und in den Zimmern des Hauses weder Zeiger- noch Ziffern­uhren an Wänden entdeckt, aber Pulse. Manche der alten Damen und Herren tragen Armband­uhren, manche der Uhren sind längst stehen geblieben, niemand, so kommt mir das vor, würde sie wieder aufziehen wollen oder ihre Batte­rien erneuern. Auch meine alte Mutter trägt eine Uhr, sie ist von einem hellen Blau, das ist wichtig, nicht welche Zeit die Uhr anzeigen mag, die blaue Uhr ist neu, weshalb sich die Zeiger der Uhr noch bewegen. Wenn man lange Zeit ganz still sitzt an einem Bett, in dem sich ein schla­fender Mensch befindet, scheint das Zeit­ge­fühl sich zu verformen. Die Zeit vergeht langsam oder sie vergeht schnell. Eine alte Dame kommt im Roll­stuhl vorüber in einem Rhythmus, der als eine geheime Uhr wirksam werden könnte. Sie fährt auf und ab, wie ein Pendel, einen langen Flur hin und her. Auch die Bewe­gungen der Schwes­tern wirken wie geheime Uhren, die Ausgabe der Medi­ka­mente, das Wenden der Körper in den Betten. Die alte pendelnde Frau auf dem Flur wird bald 100 Jahre alt geworden sein. Im Jahr ihrer Geburt wurde der Tonfilm erfunden. – stop

nacht wird um 8

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nordpol : 0.05 UTC – Im Haus der alten Menschen wird für seine Bewohner Nacht um 8, wenn für die Besu­cher gerade eben dieses Hauses der Abend erst beginnt. Es war heute Gewit­ter­luft gewesen, weshalb viele der alten Menschen nicht aufstehen wollten. Also blieben sie liegen und verirrten sich nicht. Es ist nämlich so, dass man sich, wenn man im Haus der alten Menschen ein Zimmer genommen hat, manchmal nicht weiss wer man ist, oder man weiss nicht wo zu Hause sein könnte, und bekommt, wenn man zu einer Schwester sagt: Ich möchte heim, zur Antwort: Meine Liebe, hier ist Daheim. Auf den Rücken der alten Menschen, die nicht wissen wo sie sind, steht zu lesen: Ich heiße so oder so, ich habe mich verlaufen, ich wohne im Haus der alten Menschen, bitte bringen sie mich nach Hause. Auf einem Tisch hier Daheim steht ein Schall­plat­ten­spieler, der Musik macht, die vertraut ist, auch wenn man nicht weiss, wer selbst man ist, es wird gesungen, es sind Lieder der Kind­heit. Twitter kennt man hier nicht. – stop

minutengeschichte

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echo : 0.02 UTC – Im Haus der alten Menschen in einem Flur steht ein Roll­stuhl. Eine sehr kleine Person sitzt in diesem Stuhl, so klein ist sie, dass von hinten her nur ein Hut von ihr zu sehen ist, der sich nicht bewegt, weil die kleine Person, eine alte Dame, einge­schlafen ist. Auf einem Sofa in ihrer unmit­tel­baren Nähe hockt ein Mann, ihr Sohn. Der Sohn schaut zum Fenster hinaus, es blitzt, ein Regen beginnt, der die Luft hell werden lässt, und dann donnert es, und die alte Dame wird wach. Mit ihren mageren Händen, die zittern, nähert sie sich ihrem Sohn. Er lächelt sie an, und sie sagt zu ihm: Komm hilf mir, ich möchte aufstehen und gehen. Und der Mann antwortet: Mutter, du kannst nicht gehen, Du bist seit einem Jahr nicht auf eigenen Beinen gestanden, Du bist schwer gestürzt, Du bist auf Deinen Kopf gefallen, Deine Beine sind so dünn, dass ich sie je mit einer Hand umfassen könnte. Und da sagt die alte Dame zu ihm: Ich kann gehen, ich weiss das, komm hilf mir, ich bin immer gegangen. Warum willst Du mir nicht helfen! Und sie sieht ihn an, er kennt diesen Blick. Und es donnert und blitzt da draussen vor dem Fenster, ein wunder­bares Gewitter, ganz wunderbar. – stop
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von stühlen

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nordpol : 7.58 UTC – Im Haus der alten Menschen sitzen Damen an einem Tisch von früh bis spät. Ein Fern­seh­ap­parat, der an der Wand hängt flach wie ein Schol­len­fisch, spult sich durch den Tag. Die alten Damen nehmen kaum Notiz von dem Licht, das auf sie fällt. Der Ton ist ausge­schaltet, der Fisch ist stumm. So sitzen sie völlig zeitlos, wie mir scheint, sie erin­nern sich vermut­lich nicht, ob ich an diesem Tag schon an ihnen vorüber gekommen bin, aber sie kennen mich, den treuen Besu­cher, ich habe doch irgend­einen Eindruck hinter­lassen. Wenn ich mich über einen langen Flur spazie­rend dem Raum der alten Damen nähere, weiss ich präzise vorher­zu­sagen, welche der Damen auf welchem der Stühle sitzen wird vor dem Tisch, der dreimal am Tag sich füllt mit Speisen, auch mit Kaffee oder gekühltem Himbeer­saft. Nur wenn das Wetter sich Hals über Kopf verän­dern wird, davon erzählen leere Stühle, die doch von den Abwe­senden besetzt sind, sie warten oder schlafen nachts im Halb­dunkel, schla­fende Stühle. – stop

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ein nilpferd auf dem dach

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sierra : 12.42 UTC – Auf das Telefon, das im Wohn­zimmer des Hauses der alten Menschen zu beob­achten ist, tropft Wasser. Die alte Dame, die seit einigen Jahren vor diesem Telefon sitzt und tele­fo­niert, obwohl das Telefon niemals mit der Welt da Draußen in Verbin­dung gesetzt wurde, scheint sich nicht zu wundern. Sie wählt eine um die andere Nummer. Das Telefon verfügt über eine Wähl­scheibe wie von längerer Zeit üblich bei Tele­fonen. Die alte Hand, die die Wähl­scheibe bedient, ist ganz feucht vom Wasser, das von der Decke tropft, weil das Haus der alten Menschen zur Zeit über kein Dach verfügt, weil man das Dach abge­rissen hat, weil man neue Zimmer an der Stelle des Daches errichten möchte. Niemand scheint daran gedacht zu haben, dass Regen fallen könnte, deshalb liegen in den Fluren nun auch Stoffe herum, die das Wasser anziehen und in sich aufnehmen sollen, Stoff­wa­rane, über die man stürzen könnte. Aber daran denkt die alte Dame nicht, sie tele­fo­niert und erzählt, dass es selt­sa­mer­weise regnet in dem Zimmer in dem sie sitzt von früh bis spät. Könnte gut sein, dass ihr niemand glauben wird, dass man so etwas tut, das Dach über einem Wohn­zimmer entfernen, wo die alten Menschen wohnen, und auch das Dach über den Zimmern, wo die alten Menschen schlafen, so dass es auch nachts in den Betten regnet, weil niemand daran dachte, dass es bei Nacht regnen könnte. Und dieser Lärm der Bohr­ma­schinen und der Press­luft­hämmer, davon ganz zu schweigen, da möchte man für immer die Augen schließen lang vor der eigent­li­chen Zeit. – stop

von geckos

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nordpol : 22.32 UTC – Irgend­je­mand, vermut­lich eine Person, die von dem Haus der alten Menschen profi­tiert, weil es ihr gehört, bewirkte, dass das Dach über den Zimmern der alten Menschen, auch über jenen, die dem Tode nahe sind, abge­rissen wird mit schweren Werk­zeugen, um ein weiteres Stock­werk auf dem Haus der alten Menschen zu errichten. Staub rieselt herein. Es regnet. Wenn der Himmel regnet, regnen auch die Decken in den Zimmern, als wären sie Wolken, und die Wände sind feucht, und die Augen der Kran­ken­schwes­tern zittern und ihre Nasen beben, während sie durch die Flure von Zimmer zu Zimmern eilen, um die alten Menschen zu beru­higen, die klagen, die nicht verstehen, was geschieht. Es ist ein Fiasko, es ist unvor­stellbar, niemand würde eine Geschichte glauben, wie diese Geschichte, die nicht erfunden ist, wenn man sie erfunden haben würde. Wie die Geckos über bebende Wände huschen, Geckos in allen möglich Farben schil­lernd, Seelen auf Füßen, die nicht wissen wohin. Davon muss erzählt werden, wenn einmal die rich­tige Zeit gekommen ist. – stop

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elisabeth

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charlie : 0.05 UTC – Vor einigen Wochen besuchte ich das Haus der alten Menschen, in dem meine Mutter wohnt. Ich spazierte über die Flure des Hauses mit einem Apfel in der Hand, und wartete, dass ich in das Zimmer meiner Mutter gerufen würde. Auf einem Sofa am Ende eines der Flure vor einem Fenster sass eine alte Frau wie zu einer Salz­säule erstarrt. Als ich zum dritten Male an ihr vorüber kam, erin­nerte ich mich an eine Geschichte, die ich einmal in Brooklyn erlebte. Ich hatte sie vor Jahren notiert. Ich schrieb: Im Winter des vergan­genen Jahres, an einem windig kalten Tag, besuchte ich in Brooklyn einen alten Herrn, Mr. Tomas­zweska und seine Frau Elisa­beth. Sie wohnen nahe der Clark Street in einem sechs­stö­ckigen Haus mit Blick auf die Upper Bay von New York. Ich hatte den alten Mann während einer Fahrt auf einem Fähr­schiff zufällig kennen­ge­lernt. Er beob­ach­tete wie ich Fahr­gäste foto­gra­fierte, die ihre Namen heim­lich in die hölzernen Sitz­bänke des Schiffes ritzten. Er sprach mich freund­lich an, wollte mir einen Schriftzug zeigen, den er selbst drei Jahr­zehnte zuvor an Ort und Stelle in der glei­chen Weise wie die beob­ach­teten Passa­giere einge­tragen hatte. Wir führten ein kurzes Gespräch über die New Yorker Hafen­be­hörde, Eisen­bahnen und Flug­zeuge, weiß der Himmel, wie wir darauf gekommen waren. Als wir das Schiff verließen lud Mr. Tomas­zweska mich ein, einmal zu ihm zu kommen. Darum stieg ich nur wenige Tage später in den sechsten Stock des schmalen Hauses auf den Höhen Brook­lyns. Die Tür zur Wohnung stand offen, warme Luft kam mir entgegen, die nach süßem Teig duftete, nach Zimt und Früchten. Die Räume hinter der Tür waren verdun­kelt. Ich hatte sogleich den Eindruck, dass ich viel­leicht träumte oder verrückt geworden sein könnte, weil in diesem Halb­dunkel an den Wänden, auch auf dem Boden, Lampen, Dioden­lichter, glühten. Modell­ei­sen­bahn­züge fuhren auf schmalen Geleisen herum. Ich höre noch jetzt das leise Pfeifen einer Dampf­lo­ko­mo­tive, das meinen Besuch beglei­tete. Es war eine rasende Zeit, Stunden des Stau­nens, da in der Wohnung des alten Herrn eine sehr beson­dere Modell­an­lage gastierte, ja, ich sollte sagen, dass die Wohnung selbst zur Anlage gehörte, wie der Himmel zur wirk­li­chen Welt. Alle Züge fuhren auto­ma­tisch von einem Computer gesteuert, die Luft über den Geleisen roch scharf nach Zinn. Wir spra­chen indessen nicht viel, Mr. Tomas­zweska und ich, sondern schauten dem Leben auf dem Boden in aller Stille zu. An einem Fenster, dessen Vorhänge zuge­zogen waren, saß Mr. Tomaszweska’s Frau Elisa­beth. Sie beach­tete mich nicht, starrte viel­mehr lächelnd auf eine kleine Klappe, die in die Wand des Hauses einge­lassen war. Manchmal öffnete sich die Klappe und ich konnte für Momente das Meer erkennen, das an diesem Tag von grün­grauer Farbe gewesen war, wunder­bare Augen­blicke, denn immer dann, wenn das Meer in dem kleinen Fenster erschien, lachte die alte Frau mit glocken­heller Stimme auf, um kurz darauf wieder zu erstarren. Einmal setzte sich Mr. Tomas­zweska neben seine Frau und fütterte sie mit warmem Oran­gen­ku­chen, den er selbst geba­cken hatte. Und wie wir uns wieder auf den Boden setzten, um ein Modell des Orient­ex­press durch die Zimmer der Wohnung kreisen zu sehen, erzählt der alte Mann, dass sie gemeinsam hier oben sehr glück­lich seien. Er könne mit seiner Frau zwar nicht mehr spre­chen, er könne sie nur noch strei­cheln, was sie irgendwie verstehen würde oder sich erin­nern an die Sprache seiner Hände. Verstehst Du, sagte er, sie vergisst immer sofort, alles vergisst sie, auch wer ich bin, aber sie vergisst niemals nach den kleinen Engeln zu sehen, die uns besu­chen, sie kommen dort durch die Klappe, siehst Du, schau genau hin, es ist schon ein Wunder, sagte der alte Mann, wie schön sie lacht, mein junges Mädchen, nicht wahr, mein junges Mädchen. – stop
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morgens

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bamako : 16.52 UTC – Mutter vor Jahren, wie sie aus dem Haus tritt. Es ist früher Morgen, viel­leicht Oktober, Nebel. Sie trägt einen Morgen­mantel, der noch immer in ihrem alten Haus im Bade­zimmer an einem Haken hängt. Sie bückt sich nach der Zeitung, schliesst die Haustür, geht langsam, etwas unsi­cher bereits, zum Wohn­zim­mer­tisch, legt die Zeitung auf ihm ab.  Wenige Schritte entfernt wartet eine Tasse Kaffee. Die holt sie jetzt. Sie setzt sich vor die Zeitung und beginnt ihre eigene Zeitung herzu­stellen. Das ist ein Vorgang, der eine halbe Stunde Zeit in Anspruch nehmen kann. Um ihre eigene Zeitung herstellen zu können, muss sie die ange­lie­ferte Zeitung Seite um Seite betrachten. Sobald sie eine Seite entdeckt, auf welcher ein Artikel sich befindet, den sie zu lesen wünscht, trennt sie die Seite vorsichtig von allen weiteren Seiten, faltet sie und legt sie zur Seite. In dieser Weise ensteht nach und nach ein kleiner Stapel von Zeitungs­seiten, die die alte Dame nach und nach lesen wird. Sie geht spazieren, sie geht einkaufen mir ihrem Wägel­chen von schot­ti­schem Muster­stoff, sie tele­fo­niert mit ihren Freun­dinnen und sie sammelt Blätter im Garten und grüsst die Fische, die sich bereits auf den Winter vorbe­reiten. Indessen, immer wieder einmal, enfaltet sie eine der Seiten ihrer Zeitung, um sie zu lesen. Dann ist Abend geworden. Unter der Lektüre einer der letzten Zeitungs­seiten schläft sie ein im Bett, das in ihrem alten Haus noch immer steht, wie auch die Nacht­tisch­lampe und ihre Bücher, ein Turm, die sie vor hatte zu lesen. – Im Haus der alten Menschen, dort wo über die Flure Roll­stühle fahren, dort wo Mutter nun lebt, exis­tieren weder Zeitungen noch Bücher. Ich habe das genau so beob­achtet. – stop

im juli

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echo : 0.10 UTC – Einmal, vor einem Jahr präzise, ging ich im Haus der alten Menschen herum. Da waren geöff­nete Türen, und da schaute ich hinein in die Zimmer. Ich beob­ach­tete einen alten Mann, der vor seinem Roll­stuhl kniete, und eine alte Dame mit schloh­weißem Haar, die lag wie ein Mädchen mit weit von sich gestreckten Armen und Beinen im Bett wie in einer Sommer­wiese. An einem weiteren Tag beob­ach­tete ich ein Bett, in dessen Kissen­tiefe ein kleiner Mensch ruhen musste. Nur Hände waren von ihm zu sehen, die sich bewegten, die Schatten warfen, die spielten oder mit der Luft spra­chen Stunde um Stunde, Tag für Tag. – Und jetzt ist ein Jahr später geworden, es ist November, es ist Zeit zu berichten, dass der kleine unsicht­bare Mensch im August gestorben ist. Viel­leicht ist er an den Wirkungen der Zeit gestorben oder aber in seinem Bett an den Folgen eines ohren­be­täu­benden Lärms, der auf ihn einwirkte mona­te­lang, weil man das Haus über ihm um ein Dach­ge­schoss erwei­terte, während er noch immer in seinem Bett lag. Aber das ist natür­lich nur eine Vermu­tung öder eine Befürch­tung oder eine Behaup­tung, nichts weiter. – stop

von birnen

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nordpol : 15.01 UTC – In der chine­si­schen Region Sichuan, einer hüge­ligen Gegend, sollen hunderte Menschen auf Leitern in Birnen­bäume steigen, um sie mittels Enten­fe­der­bü­scheln mit Pollen zu bestäuben. Das alles sei notwendig geworden, weil weder Bienen noch Hummeln exis­tieren, die von Pesti­ziden getötet worden seien. Diese Infor­ma­tionen habe ich einem Film entnommen, dessen Einzel­bilder ich mit eigenen Augen gesehen habe. Ich wollte ihn meiner Mutter zeigen. Sie liegt seit langer Zeit in einem Bett im Haus der alten Menschen. Vorsichtig näherte ich mich mit meiner flachen Bild­schirm­schreib­ma­schine, aber sie wollte ihre Augen nicht öffnen. Deshalb erzählte ich ihr meine Geschichte von den mensch­li­chen Bienen, die in Birn­bäume steigen, und kann noch immer nicht sagen, ob sie in den Ohren meiner Mutter einen Platz finden konnte. – stop

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