wasseruhr

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marim­ba : 0.01 — Träumte, mit einem Stück Holz unter Kraftan­wen­dung einen Käfer getötet zu haben, der ein Sch­neck­en­haus auf dem Rück­en trug, das der Käfer bewohnte, wie Ein­siedlerkreb­se Muschel­häuser bewohnen. Ein Besessen­er durch und durch, schlug ich auf den gepanz­erten Rück­en des kleinen Tieres ein, dann sitze ich vor dem Schreibtisch mit den Werkzeu­gen der Uhrma­ch­er und ver­suche das Tier zu repari­eren, während das Wass­er in meinem Zim­mer steigt. – Acht Uhr zwölf in Ran­gun, Bur­ma. — stop

ping

eine lampe

2

nord­pol : 10.28 UTC — Gestern, ehe ich das Haus der alten Men­schen besuchte, dachte ich noch, das Altwer­den, das Alt- oder Uralt­sein habe mit Unruhe zu tun, mit Schlaf, dessen Zeiträume kürz­er und kürz­er wer­den. Heute nun würde ich sagen, das Alt- oder Uralt­sein hat etwas mit Schlaf über lange Zeiträume hin zu tun, auf einem rol­len­den Stuhl sitzen und schlafen oder däm­mern. Da war wieder eine Frau im Licht ein­er gel­ben Lampe, die im Wohn­saal vor einem Tisch saß und einen Tele­fon­hör­er in der Hand hielt. Der Tele­fon­hör­er war mit einem Tele­fon mit Wählscheibe ver­bun­den, ein der­art altes Tele­fon, dass man, um eine Num­mer zu wählen, eine kreisende Bewe­gung aus­führen muss. Dieses Tele­fon nun war nicht mit der Wand in Verbindung, vielmehr ragte aus dem Gehäuse des Tele­fons ein kurzes Stück Kabel, das anzeigte, dass das Tele­fon ein­mal tat­säch­lich mit der elek­trischen Welt ver­bun­den gewe­sen war. Als ich an der alten tele­fonieren­den Dame vor­beikam, dachte ich für einen Moment, vielle­icht liest ihr ger­ade jemand vor, vielle­icht Hra­bal, der aus seinem Roman Ich habe den englis­chen König bedi­ent zitiert. Es wird Herb­st, in jed­er Hin­sicht. 288P, ein Dop­pelas­teroid wurde ent­deckt. Hur­rikane Maria ver­wüstet die Karibik. Mr. Un dro­ht mit Wasser­stoff­bomben­test. — stop

ping

vor dem telefon

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nord­pol : 0.05 — Als ich die alte Dame im Haus der alten Men­schen besuchte, war sie schon wach und bek­lei­det gewe­sen. Sie saß in einem Roll­stuhl, trug Turn­schuhe an ihren Füßen, das Haar war gekämmt, rosige Wan­gen. Anstatt mich zu begrüßen, sagte sie: 7805355, wir müssen uns küm­mern, ich tele­foniere die ganze Nacht, aber es geht nie­mand dran, es geht ein­fach nie­mand dran, 7805355. Die alte Dame wieder­holte diese Num­mer 7805355 in hoher Fre­quenz, sie hörte nicht auf, diese Num­mer immer wieder vor sich her zu sagen. Wir ver­ließen ihr Zim­mer, ich schob sie durch Flure des Haus­es der alten Men­schen. Wir waren zunächst im Garten, dann im Park, dann auf einem Weg unter Apfel­bäu­men. Vögel zwitscherten. Die Luft war warm vom Licht der tief ste­hen­den Sonne. Wenn ich anhielt, um nachzuse­hen, wie es der alten Dame ging, bemerk­te ich, dass sie immer noch die Num­mer eines Tele­fons vor sich hin murmelte, als ob sie eine Schallplat­te in sich abspielte, die aufhörte, weil sie das Ende ihrer Spur ver­lor, einen Aus­gang. Auch am Nach­mit­tag, die alte Dame hat­te geschlafen, wurde unen­twegt von genau jen­er Tele­fon­num­mer gesprochen, die schon die Num­mer des Mor­gens gewe­sen war. Bald wurde Abend. — stop

ping

ewig

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sier­ra : 22.12 — Im Haus der alten Men­schen beobachtete ich eine 94 jährige Frau, die an einem Tisch saß und notierte. Ich hörte, sie schreibe seit Jahren Tag für Tag, Stunde um Stunde lange Lis­ten in Notizhefte. In diesen Lis­ten, erzählte sie ein­mal, würde sie ver­merken, was noch zu tun sei im Leben. Als ich mich leise näherte, bemerk­te ich tiefe Furchen in den Seit­en des Heftes, keine Schriftze­ichen jedoch, weil sich in der schreiben­den Hand der Notieren­den, ein Kugel­s­tift befand, der längst leer geschrieben war. — stop
ping

patagonien

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nord­pol : 22.08 UTC – Schnee liegt sehr fein wie gepud­ert, die Luft klir­rt von der Kälte, Eich­hörnchen het­zen über die Straße. Das Haus, in dem die alten Men­schen wohnen dampft aus den Schorn­steinen wie ein großes Schiff, das ger­ade Anlauf nimmt, um in See zu stechen. Der Boden auf dem ich gehe unter Bäu­men, an deren blat­t­losen Ästen sich frostige Äpfel hal­ten, zit­tert. Und auch der lange Flur im Haus, über den ich spaziere, scheint unter meinen Füßen zu schlingern. An einem Tisch sitzt eine alte Lehrerin, sie sitzt immer nur so da und schaut zum Fen­ster hin­aus, sie spricht nicht, niemals. Eine andere alte Dame hangelt sich in ihrem Roll­stuhl sitzend durch die Flure von mor­gens bis abends, sie lächelt, wenn man ihr begeg­net. Klein ist sie, zier­lich, trainiert wie eine Turner­in, magere und doch kräftige Arme. Beina­he meine ich, dass sie sich an mich vielle­icht erin­nert, sie lächelt mich an, ver­mut­lich deshalb, weil ich ihr schon häu­fig begeg­nete. Längst kön­nte sie eine Strecke bis nach Mexiko in dieser hangel­nden Weise zurück­gelegt haben. Oder bis nach Patag­o­nien. — stop

gregorina

9

delta : 8.02 UTC — Ich hörte im Radio heute Mor­gen, in Finn­land soll ein­fach nur anwe­send zu sein bere­its als Kom­mu­nika­tion wahrgenom­men wer­den. — Vor den Fen­stern im Süden fällt Schnee. Im Haus der alten Men­schen läuft ein Mäd­chen herum, das Gre­go­ri­na heißt. Sie ist tat­säch­lich anwe­send im Kopf ein­er alten Dame, sie läuft über die Flure von Zim­mer zu Zim­mer. Plöt­zlich ist Som­mer gewor­den, in den Zim­mern blühen Apfel­bäume, und das kleine Mäd­chen, das 70 Jahre alt gewor­den sein muss, hüpft herum und singt, weshalb die alte Dame, die Gre­go­ri­na wahrnehmen kann, und auch die Apfel­bäume, voller Glück ist, weil Gre­go­ri­na zu Besuch gekom­men. Sie sagt: Schau, ist das nicht wun­der­bar, sie ist noch immer so wie damals, Gre­go­ri­na. Gut, dass wir die Apfel­bäume hereinge­holt haben. Es ist kalt draußen, glaube ich. Komm, ich will auf­ste­hen. — stop
ping

luftsprache

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alpha : 22.12 UTC – Ich spazierte im Haus der alten Men­schen. Da waren geöffnete Türen, und da schaute ich hinein in die Zim­mer. Ich beobachtete einen alten Mann, der vor seinem Roll­stuhl kni­ete, und eine alte Dame mit schlo­hweißem Haar, die lag wie ein Mäd­chen mit weit von sich gestreck­ten Armen und Beinen im Bett wie in ein­er Som­mer­wiese. Ein­mal beobachtete ich ein anderes Bett, in dessen Kissentiefe ein klein­er Men­sch ruhen musste. Nur Hände waren von ihm zu sehen, die sich bewegten, die Schat­ten war­fen, die spiel­ten oder mit der Luft sprachen Stunde um Stunde, Tag für Tag, Jahr ver­mut­lich um Jahr. — stop

ping

vom tonfilm

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marim­ba : 18.15 UTC – Das Haus der alten Men­schen scheint ein guter Ort zu sein, um das Wesen der Zeit zu beobacht­en. Ich habe auf den Fluren und in den Zim­mern des Haus­es wed­er Zeiger- noch Zif­fer­nuhren an Wän­den ent­deckt, aber Pulse. Manche der alten Damen und Her­ren tra­gen Arm­ban­duhren, manche der Uhren sind längst ste­hen geblieben, nie­mand, so kommt mir das vor, würde sie wieder aufziehen wollen oder ihre Bat­te­rien erneuern. Auch meine alte Mut­ter trägt eine Uhr, sie ist von einem hellen Blau, das ist wichtig, nicht welche Zeit die Uhr anzeigen mag, die blaue Uhr ist neu, weshalb sich die Zeiger der Uhr noch bewe­gen. Wenn man lange Zeit ganz still sitzt an einem Bett, in dem sich ein schlafend­er Men­sch befind­et, scheint das Zeit­ge­fühl sich zu ver­for­men. Die Zeit verge­ht langsam oder sie verge­ht schnell. Eine alte Dame kommt im Roll­stuhl vorüber in einem Rhyth­mus, der als eine geheime Uhr wirk­sam wer­den kön­nte. Sie fährt auf und ab, wie ein Pen­del, einen lan­gen Flur hin und her. Auch die Bewe­gun­gen der Schwest­ern wirken wie geheime Uhren, die Aus­gabe der Medika­mente, das Wen­den der Kör­p­er in den Bet­ten. Die alte pen­del­nde Frau auf dem Flur wird bald 100 Jahre alt gewor­den sein. Im Jahr ihrer Geburt wurde der Ton­film erfun­den. — stop

nacht wird um 8

2

nord­pol : 0.05 UTC — Im Haus der alten Men­schen wird für seine Bewohn­er Nacht um 8, wenn für die Besuch­er ger­ade eben dieses Haus­es der Abend erst begin­nt. Es war heute Gewit­ter­luft gewe­sen, weshalb viele der alten Men­schen nicht auf­ste­hen woll­ten. Also blieben sie liegen und verir­rten sich nicht. Es ist näm­lich so, dass man sich, wenn man im Haus der alten Men­schen ein Zim­mer genom­men hat, manch­mal nicht weiss wer man ist, oder man weiss nicht wo zu Hause sein kön­nte, und bekommt, wenn man zu ein­er Schwest­er sagt: Ich möchte heim, zur Antwort: Meine Liebe, hier ist Daheim. Auf den Rück­en der alten Men­schen, die nicht wis­sen wo sie sind, ste­ht zu lesen: Ich heiße so oder so, ich habe mich ver­laufen, ich wohne im Haus der alten Men­schen, bitte brin­gen sie mich nach Hause. Auf einem Tisch hier Daheim ste­ht ein Schallplat­ten­spiel­er, der Musik macht, die ver­traut ist, auch wenn man nicht weiss, wer selb­st man ist, es wird gesun­gen, es sind Lieder der Kind­heit. Twit­ter ken­nt man hier nicht. — stop

minutengeschichte

2

echo : 0.02 UTC — Im Haus der alten Men­schen in einem Flur ste­ht ein Roll­stuhl. Eine sehr kleine Per­son sitzt in diesem Stuhl, so klein ist sie, dass von hin­ten her nur ein Hut von ihr zu sehen ist, der sich nicht bewegt, weil die kleine Per­son, eine alte Dame, eingeschlafen ist. Auf einem Sofa in ihrer unmit­tel­baren Nähe hockt ein Mann, ihr Sohn. Der Sohn schaut zum Fen­ster hin­aus, es blitzt, ein Regen begin­nt, der die Luft hell wer­den lässt, und dann don­nert es, und die alte Dame wird wach. Mit ihren mageren Hän­den, die zit­tern, nähert sie sich ihrem Sohn. Er lächelt sie an, und sie sagt zu ihm: Komm hilf mir, ich möchte auf­ste­hen und gehen. Und der Mann antwortet: Mut­ter, du kannst nicht gehen, Du bist seit einem Jahr nicht auf eige­nen Beinen ges­tanden, Du bist schw­er gestürzt, Du bist auf Deinen Kopf gefall­en, Deine Beine sind so dünn, dass ich sie je mit ein­er Hand umfassen kön­nte. Und da sagt die alte Dame zu ihm: Ich kann gehen, ich weiss das, komm hilf mir, ich bin immer gegan­gen. Warum willst Du mir nicht helfen! Und sie sieht ihn an, er ken­nt diesen Blick. Und es don­nert und blitzt da draussen vor dem Fen­ster, ein wun­der­bares Gewit­ter, ganz wun­der­bar. — stop
ping

von stühlen

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nord­pol : 7.58 UTC — Im Haus der alten Men­schen sitzen Damen an einem Tisch von früh bis spät. Ein Fernse­hap­pa­rat, der an der Wand hängt flach wie ein Schol­len­fisch, spult sich durch den Tag. Die alten Damen nehmen kaum Notiz von dem Licht, das auf sie fällt. Der Ton ist aus­geschal­tet, der Fisch ist stumm. So sitzen sie völ­lig zeit­los, wie mir scheint, sie erin­nern sich ver­mut­lich nicht, ob ich an diesem Tag schon an ihnen vorüber gekom­men bin, aber sie ken­nen mich, den treuen Besuch­er, ich habe doch irgen­deinen Ein­druck hin­ter­lassen. Wenn ich mich über einen lan­gen Flur spazierend dem Raum der alten Damen nähere, weiss ich präzise vorherzusagen, welche der Damen auf welchem der Stüh­le sitzen wird vor dem Tisch, der dreimal am Tag sich füllt mit Speisen, auch mit Kaf­fee oder gekühltem Him­beer­saft. Nur wenn das Wet­ter sich Hals über Kopf verän­dern wird, davon erzählen leere Stüh­le, die doch von den Abwe­senden beset­zt sind, sie warten oder schlafen nachts im Halb­dunkel, schlafende Stüh­le. — stop

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ein nilpferd auf dem dach

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sier­ra : 12.42 UTC — Auf das Tele­fon, das im Wohnz­im­mer des Haus­es der alten Men­schen zu beobacht­en ist, tropft Wass­er. Die alte Dame, die seit eini­gen Jahren vor diesem Tele­fon sitzt und tele­foniert, obwohl das Tele­fon niemals mit der Welt da Draußen in Verbindung geset­zt wurde, scheint sich nicht zu wun­dern. Sie wählt eine um die andere Num­mer. Das Tele­fon ver­fügt über eine Wählscheibe wie von län­ger­er Zeit üblich bei Tele­fo­nen. Die alte Hand, die die Wählscheibe bedi­ent, ist ganz feucht vom Wass­er, das von der Decke tropft, weil das Haus der alten Men­schen zur Zeit über kein Dach ver­fügt, weil man das Dach abgeris­sen hat, weil man neue Zim­mer an der Stelle des Daches erricht­en möchte. Nie­mand scheint daran gedacht zu haben, dass Regen fall­en kön­nte, deshalb liegen in den Fluren nun auch Stoffe herum, die das Wass­er anziehen und in sich aufnehmen sollen, Stof­fwarane, über die man stürzen kön­nte. Aber daran denkt die alte Dame nicht, sie tele­foniert und erzählt, dass es selt­samer­weise reg­net in dem Zim­mer in dem sie sitzt von früh bis spät. Kön­nte gut sein, dass ihr nie­mand glauben wird, dass man so etwas tut, das Dach über einem Wohnz­im­mer ent­fer­nen, wo die alten Men­schen wohnen, und auch das Dach über den Zim­mern, wo die alten Men­schen schlafen, so dass es auch nachts in den Bet­ten reg­net, weil nie­mand daran dachte, dass es bei Nacht reg­nen kön­nte. Und dieser Lärm der Bohrmaschi­nen und der Press­lufthäm­mer, davon ganz zu schweigen, da möchte man für immer die Augen schließen lang vor der eigentlichen Zeit. — stop

von geckos

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nord­pol : 22.32 UTC — Irgend­je­mand, ver­mut­lich eine Per­son, die von dem Haus der alten Men­schen prof­i­tiert, weil es ihr gehört, bewirk­te, dass das Dach über den Zim­mern der alten Men­schen, auch über jenen, die dem Tode nahe sind, abgeris­sen wird mit schw­eren Werkzeu­gen, um ein weit­eres Stock­w­erk auf dem Haus der alten Men­schen zu erricht­en. Staub rieselt here­in. Es reg­net. Wenn der Him­mel reg­net, reg­nen auch die Deck­en in den Zim­mern, als wären sie Wolken, und die Wände sind feucht, und die Augen der Kranken­schwest­ern zit­tern und ihre Nasen beben, während sie durch die Flure von Zim­mer zu Zim­mern eilen, um die alten Men­schen zu beruhi­gen, die kla­gen, die nicht ver­ste­hen, was geschieht. Es ist ein Fiasko, es ist unvorstell­bar, nie­mand würde eine Geschichte glauben, wie diese Geschichte, die nicht erfun­den ist, wenn man sie erfun­den haben würde. Wie die Geck­os über bebende Wände huschen, Geck­os in allen möglich Far­ben schillernd, See­len auf Füßen, die nicht wis­sen wohin. Davon muss erzählt wer­den, wenn ein­mal die richtige Zeit gekom­men ist. — stop

ping

elisabeth

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char­lie : 0.05 UTC – Vor eini­gen Wochen besuchte ich das Haus der alten Men­schen, in dem meine Mut­ter wohnt. Ich spazierte über die Flure des Haus­es mit einem Apfel in der Hand, und wartete, dass ich in das Zim­mer mein­er Mut­ter gerufen würde. Auf einem Sofa am Ende eines der Flure vor einem Fen­ster sass eine alte Frau wie zu ein­er Salzsäule erstar­rt. Als ich zum drit­ten Male an ihr vorüber kam, erin­nerte ich mich an eine Geschichte, die ich ein­mal in Brook­lyn erlebte. Ich hat­te sie vor Jahren notiert. Ich schrieb: Im Win­ter des vergan­genen Jahres, an einem windig kalten Tag, besuchte ich in Brook­lyn einen alten Her­rn, Mr. Tomas­zweska und seine Frau Elisa­beth. Sie wohnen nahe der Clark Street in einem sechs­stö­ckigen Haus mit Blick auf die Upper Bay von New York. Ich hat­te den alten Mann während ein­er Fahrt auf einem Fähr­schiff zufäl­lig kennen­ge­lernt. Er beob­ach­tete wie ich Fahr­gäste foto­gra­fierte, die ihre Namen heim­lich in die hölz­er­nen Sitz­bänke des Schiffes ritzten. Er sprach mich freund­lich an, wollte mir einen Schriftzug zeigen, den er selb­st drei Jahr­zehnte zuvor an Ort und Stelle in der glei­chen Weise wie die beob­ach­teten Passa­giere einge­tragen hat­te. Wir führten ein kurzes Gespräch über die New York­er Hafen­be­hörde, Eisen­bahnen und Flug­zeuge, weiß der Him­mel, wie wir darauf gekom­men waren. Als wir das Schiff ver­ließen lud Mr. Tomas­zweska mich ein, ein­mal zu ihm zu kom­men. Darum stieg ich nur wenige Tage später in den sech­sten Stock des schmalen Haus­es auf den Höhen Brook­lyns. Die Tür zur Woh­nung stand offen, warme Luft kam mir ent­ge­gen, die nach süßem Teig duftete, nach Zimt und Frücht­en. Die Räume hin­ter der Tür waren verdun­kelt. Ich hat­te sogle­ich den Ein­druck, dass ich viel­leicht träumte oder ver­rückt gewor­den sein kön­nte, weil in diesem Halb­dunkel an den Wän­den, auch auf dem Boden, Lam­p­en, Dioden­lichter, glüht­en. Modell­ei­sen­bahn­züge fuhren auf schmalen Geleisen herum. Ich höre noch jet­zt das leise Pfeifen ein­er Dampf­lo­ko­mo­tive, das meinen Besuch beglei­tete. Es war eine rasende Zeit, Stun­den des Stau­nens, da in der Woh­nung des alten Her­rn eine sehr beson­dere Modell­an­lage gastierte, ja, ich sollte sagen, dass die Woh­nung selb­st zur Anlage gehörte, wie der Him­mel zur wirk­li­chen Welt. Alle Züge fuhren auto­ma­tisch von einem Com­put­er ges­teuert, die Luft über den Geleisen roch scharf nach Zinn. Wir spra­chen indessen nicht viel, Mr. Tomas­zweska und ich, son­dern schaut­en dem Leben auf dem Boden in aller Stille zu. An einem Fen­ster, dessen Vorhänge zuge­zogen waren, saß Mr. Tomaszweska’s Frau Elisa­beth. Sie beach­tete mich nicht, star­rte viel­mehr lächel­nd auf eine kleine Klappe, die in die Wand des Haus­es einge­lassen war. Manch­mal öffnete sich die Klappe und ich kon­nte für Momente das Meer erken­nen, das an diesem Tag von grün­grauer Farbe gewe­sen war, wunder­bare Augen­blicke, denn immer dann, wenn das Meer in dem kleinen Fen­ster erschien, lachte die alte Frau mit glocken­heller Stimme auf, um kurz darauf wieder zu erstar­ren. Ein­mal set­zte sich Mr. Tomas­zweska neben seine Frau und füt­terte sie mit warmem Oran­gen­ku­chen, den er selb­st geba­cken hat­te. Und wie wir uns wieder auf den Boden set­zten, um ein Mod­ell des Orient­ex­press durch die Zim­mer der Woh­nung kreisen zu sehen, erzählt der alte Mann, dass sie gemein­sam hier oben sehr glück­lich seien. Er könne mit sein­er Frau zwar nicht mehr spre­chen, er könne sie nur noch strei­cheln, was sie irgend­wie ver­ste­hen würde oder sich erin­nern an die Sprache sein­er Hände. Ver­stehst Du, sagte er, sie ver­gisst immer sofort, alles ver­gisst sie, auch wer ich bin, aber sie ver­gisst niemals nach den kleinen Engeln zu sehen, die uns besu­chen, sie kom­men dort durch die Klappe, siehst Du, schau genau hin, es ist schon ein Wun­der, sagte der alte Mann, wie schön sie lacht, mein junges Mäd­chen, nicht wahr, mein junges Mäd­chen. – stop
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morgens

2

bamako : 16.52 UTC — Mut­ter vor Jahren, wie sie aus dem Haus tritt. Es ist früher Mor­gen, vielle­icht Okto­ber, Nebel. Sie trägt einen Mor­gen­man­tel, der noch immer in ihrem alten Haus im Badez­im­mer an einem Hak­en hängt. Sie bückt sich nach der Zeitung, schliesst die Haustür, geht langsam, etwas unsich­er bere­its, zum Wohnz­im­mer­tisch, legt die Zeitung auf ihm ab.  Wenige Schritte ent­fer­nt wartet eine Tasse Kaf­fee. Die holt sie jet­zt. Sie set­zt sich vor die Zeitung und begin­nt ihre eigene Zeitung herzustellen. Das ist ein Vor­gang, der eine halbe Stunde Zeit in Anspruch nehmen kann. Um ihre eigene Zeitung her­stellen zu kön­nen, muss sie die angelieferte Zeitung Seite um Seite betra­cht­en. Sobald sie eine Seite ent­deckt, auf welch­er ein Artikel sich befind­et, den sie zu lesen wün­scht, tren­nt sie die Seite vor­sichtig von allen weit­eren Seit­en, fal­tet sie und legt sie zur Seite. In dieser Weise enste­ht nach und nach ein klein­er Stapel von Zeitungs­seit­en, die die alte Dame nach und nach lesen wird. Sie geht spazieren, sie geht einkaufen mir ihrem Wägelchen von schot­tis­chem Muster­stoff, sie tele­foniert mit ihren Fre­undin­nen und sie sam­melt Blät­ter im Garten und grüsst die Fis­che, die sich bere­its auf den Win­ter vor­bere­it­en. Indessen, immer wieder ein­mal, enfal­tet sie eine der Seit­en ihrer Zeitung, um sie zu lesen. Dann ist Abend gewor­den. Unter der Lek­türe ein­er der let­zten Zeitungs­seit­en schläft sie ein im Bett, das in ihrem alten Haus noch immer ste­ht, wie auch die Nacht­tis­chlampe und ihre Büch­er, ein Turm, die sie vor hat­te zu lesen. — Im Haus der alten Men­schen, dort wo über die Flure Roll­stüh­le fahren, dort wo Mut­ter nun lebt, existieren wed­er Zeitun­gen noch Büch­er. Ich habe das genau so beobachtet. — stop

im juli

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echo : 0.10 UTC — Ein­mal, vor einem Jahr präzise, ging ich im Haus der alten Men­schen herum. Da waren geöffnete Türen, und da schaute ich hinein in die Zim­mer. Ich beobachtete einen alten Mann, der vor seinem Roll­stuhl kni­ete, und eine alte Dame mit schlo­hweißem Haar, die lag wie ein Mäd­chen mit weit von sich gestreck­ten Armen und Beinen im Bett wie in ein­er Som­mer­wiese. An einem weit­eren Tag beobachtete ich ein Bett, in dessen Kissentiefe ein klein­er Men­sch ruhen musste. Nur Hände waren von ihm zu sehen, die sich bewegten, die Schat­ten war­fen, die spiel­ten oder mit der Luft sprachen Stunde um Stunde, Tag für Tag. — Und jet­zt ist ein Jahr später gewor­den, es ist Novem­ber, es ist Zeit zu bericht­en, dass der kleine unsicht­bare Men­sch im August gestor­ben ist. Vielle­icht ist er an den Wirkun­gen der Zeit gestor­ben oder aber in seinem Bett an den Fol­gen eines ohren­betäuben­den Lärms, der auf ihn ein­wirk­te monate­lang, weil man das Haus über ihm um ein Dachgeschoss erweit­erte, während er noch immer in seinem Bett lag. Aber das ist natür­lich nur eine Ver­mu­tung öder eine Befürch­tung oder eine Behaup­tung, nichts weit­er. — stop

von birnen

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nord­pol : 15.01 UTC — In der chi­ne­sis­chen Region Sichuan, ein­er hügeli­gen Gegend, sollen hun­derte Men­schen auf Leit­ern in Bir­nen­bäume steigen, um sie mit­tels Enten­feder­büscheln mit Pollen zu bestäuben. Das alles sei notwendig gewor­den, weil wed­er Bienen noch Hum­meln existieren, die von Pes­tiziden getötet wor­den seien. Diese Infor­ma­tio­nen habe ich einem Film ent­nom­men, dessen Einzel­bilder ich mit eige­nen Augen gese­hen habe. Ich wollte ihn mein­er Mut­ter zeigen. Sie liegt seit langer Zeit in einem Bett im Haus der alten Men­schen. Vor­sichtig näherte ich mich mit mein­er flachen Bild­schirm­schreib­mas­chine, aber sie wollte ihre Augen nicht öff­nen. Deshalb erzählte ich ihr meine Geschichte von den men­schlichen Bienen, die in Birn­bäume steigen, und kann noch immer nicht sagen, ob sie in den Ohren mein­er Mut­ter einen Platz find­en kon­nte. — stop

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