notizen aus sarajewo

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nord­pol : 20.18 UTC — Das Bänd­chen Noti­zen aus Sara­je­wo von Juan Goyti­so­lo, das im Jahr 1993 in der Edi­tion Suhrkamp erschien, muss ein­mal feucht oder nass gewor­den sein. Es wellt sich noch immer, obwohl es Jahre gepresst unter weit­eren Büch­ern im Regal darauf wartete, wieder gele­sen zu wer­den. Ich erin­nere nicht, wo ich das Buch gele­sen hat­te, vielle­icht in einem Park, ver­mut­lich war Regen gefall­en. Seit Tagen liegt es auf meinem Küchen­tisch, ich habe es bish­er nur ein­mal kurz geöffnet, bemerk­te fol­gen­den mit Bleis­tift markierten Absatz: “Gle­ich nach sein­er Ankun­ft in Sara­je­vo muss der Fremde in die Geset­ze und Regeln eines Ver­hal­tenskodex eingewei­ht wer­den, der Grund­vo­raus­set­zung für sein Über­leben ist. Er, der an ein freies Leben ohne Hemm­nisse gewöh­nt ist, muss in seinem neuen Leben­sraum, der Mause­falle, die er mit 380000 anderen Men­schen teilt, schnell ler­nen. Er muss die hochge­fährlichen Gebi­ete und diejeni­gen ken­nen, in denen er sich ohne allzu große Gefahr bewe­gen kann, er muss wis­sen in welchen Stadt­teilen Mörser­granat­en niederge­hen, welch­es die beliebtesten Straße­neck­en und Kreuzun­gen der Heck­en­schützen sind, wo er gebückt gehen und wo er schnell los­ren­nen muss. Jede Unacht­samkeit oder ein Fehler bei der Auswahl des Weges kön­nen tödlich für ihn sein. Jedes Hin­aus­ge­hen — und jed­er muss ein­mal raus­ge­hen, um Wass­er, Holz oder Nahrungsmit­tel zu holen — ist, wie die Men­schen in Sara­je­wo sagen, rus­sis­ches Roulette.“ — stop / S.32/33
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