geraldine : island

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echo

~ : geral­dine
to : louis
subject : ISLAND

Lieber Mr. Louis, wie geht es Ihnen? Ich hoffe gut. Schreiben Sie mir einmal auf, wie es Ihnen geht, weil ich oft an sie denke. Gestern sind wir an Island vorbei­ge­fahren. Ich war sehr schwach und konnte nicht an Deck. Ich habe durch das Bull­auge meiner Kajüte geschaut. Eine dunkle Küste, die immer wieder einmal kurz aus dem Nebel tauchte. Aber jetzt sitze ich wieder an Deck. Erst kam der Doktor, dann kam Vater und hat mich hinauf­ge­tragen. Heute ist die Luft klar und kalt. Man kann das Ende des Meeres nicht erkennen, ich meine, man kann nicht sehen, wo es aufhört kurz vor dem Himmel. Sehr seltsam. Ich suche den Hori­zont und manchmal, wenn ich glaube, dass ich ihn erkannt habe, ist alles unscharf geworden. Viel­leicht liegt das auch an den Schmerzen, die ich habe und dass mir oft die Kraft fehlt, meine Augen noch offen zu halten. Ich habe für Vater ein wenig die Möwen gefüt­tert und wir haben gelacht und ich habe wieder einmal gesehen, wie groß seine Füße doch sind. Als er mich allein gelassen hatte, habe ich das Brot für die Möwen auf den Boden vor mich hinge­worfen, weil ich nicht die Kraft habe, das Brot in die Luft zu werfen. Kann kaum noch den Blei­stift halten. Eis schwimmt im Wasser. – Ihre Geral­dine

notiert im Jahre 1962
an Bord der Queen Mary
aufge­fangen am 6.9.2008
20.16 MESZ

geral­dine to louis »

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