Aus der Wörtersammlung: jahre

///

vom wandblitz

9

echo : 22.58 — Es ist über zehn lan­ge Jah­re her, da stell­te mich mir vor, wie es wohl wäre, wenn ich durch mei­ne Woh­nung tau­chen könn­te. Ich mach­te mich unver­züg­lich an die Arbeit. Zunächst stieg das Was­ser in den Zim­mern. Es kam nicht von oben, son­dern von unten. Das Was­ser kam wie ein Gast durch die Woh­nungs­tür her­ein, die geschlos­sen war, aber nicht wirk­lich dicht. Es stieg schnell, viel zu schnell, um mei­ne Bücher noch in Sicher­heit brin­gen zu kön­nen. Saß auf einem Stuhl in der Küche, die Füße auf dem Boden, als das Was­ser, bern­stein­far­ben und warm, eine Steck­do­se erreich­te. Ich erwar­te­te, von einem Wand­blitz getrof­fen zu wer­den – ein Irr­tum. Statt­des­sen begann ich zu leuch­ten. Zunächst leuch­te­te ich mit den Hän­den, dann leuch­te­ten mei­ne Arme. In dem Moment, da das Was­ser mei­nen Mund erreich­te, hol­te ich tief Luft und tauch­te los. Eine Bana­ne schweb­te vor­über wie ein Fisch, Papie­re und Zei­tun­gen und zwei hef­tig zap­peln­de Mäu­se, von deren Exis­tenz ich nichts ahn­te. Die Schreib­ma­schi­ne auf dem Tisch funk­tio­nier­te noch, wie alle Lam­pen in der Woh­nung. Und so schwe­be ich nun also gera­de kopf­über und schrei­be. Schö­ne Geräu­sche sind zu hören, es knis­tert, viel­leicht bin ich das selbst. Wie­der spä­ter Abend, Früh­ling statt Som­mer, ich bin noch immer der­sel­be, wenn­gleich geal­tert. Das war abzu­se­hen. — stop

ping

///

time

2

ulys­ses : 22.18 — Im Traum sit­ze ich an einem Tisch und betrach­te eine wun­der­schön gestal­te­te Fest­plat­te. Die Fest­plat­te ist ver­schlüs­selt. Ich habe das Pass­wort ver­ges­sen. Mein Arbeits­le­ben und alles wei­te­re Leben sind auf die­sem Wesen im Alu­mi­ni­um­kleid gespei­chert. Ein Com­pu­ter, eine außer­or­dent­lich schnell rech­nen­de Maschi­ne, so wird erzählt, wur­de ange­schlos­sen. Zah­len und Zei­chen rasen über den Bild­schirm. Die Maschi­ne teilt mit­tels sanft for­mu­lier­ter Wor­te mit: Noch zwei­und­zwan­zig­tau­send Jah­re, 5 Tage und 7 Stun­den, bis alle Kom­bi­na­tio­nen berech­net sein wer­den. Ich erin­ne­re mich, mein ver­ges­se­nes Pass­wort soll über einen poe­ti­schen Kern ver­fügt haben. Das könn­te hilf­reich sein. — stop

///

matrjoschka

2

nord­pol : 17.12 UTC — Auf dem süd­li­chen Fens­ter­brett mei­ner Woh­nung steht seit län­ge­rer Zeit eine Matrosch­ka-Pup­pe. Zuvor war sie in einer Tru­he ver­bor­gen gewe­sen im Hau­se mei­ner Eltern, als mei­ne Eltern noch leb­ten. Die­se Pup­pe steht so selbst­ver­ständ­lich an Ort und Stel­le, dass ich sie seit unbe­stimm­ter Zeit nicht wahr­ge­nom­men hat­te. Viel­leicht hät­te ich ihr Feh­len bemerkt, aber nicht ihre Anwe­sen­heit. Vor weni­gen Tagen ist etwas Selt­sa­mes gesche­hen. Ich stand am Fens­ter und ent­deck­te die Pup­pe, als wäre sie eine voll­stän­dig neue Erschei­nung. Als ich mich abwand­te,  erin­ner­te ich mich dar­an, sie als Kind geöff­net zu haben, bis zur kleins­ten Pup­pe hin.  Ich leg­te  damals um die kleins­te der Pup­pen einen gefal­te­ten Zet­tel mit dem Vor­satz, irgend­wann ein­mal nach­zu­se­hen, ob die Pup­pe viel­leicht von irgend­je­man­dem wäh­rend mei­ner Abwe­sen­heit geöff­net wor­den war. Nun nahm ich die Matrosch­ka-Pup­pe also in die Hand und begann,  mich lang­sam zu der kleins­ten der Pup­pen vor­zu­ar­bei­ten. Acht Pup­pen saßen über vie­le Jah­re inein­an­der­ge­stellt in einer Tru­he, spä­ter in einem Umzugs­kar­ton, bis sie hier in mei­nem Süd­zim­mer ange­kom­men waren. Als ich die letz­te der Hohl­raum­pup­pen erreicht hat­te, rutsch­te tat­säch­lich ein Zet­tel auf den Tisch, ein Zet­tel, an des­sen hell­grü­ne Far­be ich mich erin­nert hat­te.- stop

///

mai 26

2

ulys­ses : 17.05 UTC ‑Im Notiz­buch fin­det sich fol­gen­der Satz: 26. Mai 2026. Der Schlüs­sel­bund des hei­li­gen Micha­el.  Ich kann mich nicht erin­nern, was ich damit mein­te, was die­ser Satz oder Gedan­ke bedeu­tet haben könn­te, war­um ich in die­ser Wei­se notier­te. Was war das für ein Tag gewe­sen? Der 26. Mai des Jah­res 2026. Selt­sa­me Sache, ein beson­de­rer Tag, noch weit in der Zukunft lie­gend. LLM sagt, ich wür­de mit einem vor­weg­ge­nom­me­nen Gedächt­nis gear­bei­tet haben.  Ich soll­te einen Ver­merk set­zen für den Mitt­woch, 26. Mai 2026, am spä­ten Nach­mit­tag. – stop

///

vom nachtlicht

pic

nord­pol : 20.55 UTC – Vor Jah­ren ein­mal hat­te ich an die­ser Stel­le über Win­ter­kä­fer nach­ge­dacht, es war zur Win­ter­zeit. Ich ent­deck­te sehr bald einen noch namen­lo­sen Käfer, der ohne Aus­nah­me paar­wei­se erschei­nen und weich sein soll­te wie eine Schne­cke, auch von der Kör­per­tem­pe­ra­tur der Men­schen und genau­so groß, dass er sich in die Augen­höh­len Schla­fen­der zu schmie­gen ver­mag. Dort, stell­te ich mir vor, wür­de der noch namen­lo­se Käfer sich nicht nur als Nacht­schirm begnü­gen, viel­mehr wür­de er sich lang­sam auf und ab bewe­gen und in die­ser Wei­se, sehr ent­span­nen­de Polar­licht­spie­le von mil­der, beru­hi­gen­der Lumi­nes­zenz erzeu­gen. — stop

 

 

Ina­ri­see
langsam
wanderndes
Polarlicht
/
Ursprung
INARI

 

.

///

ai : AFGHANISTAN

aihead2

MENSCHEN IN GEFAHR: „Der Fil­me­ma­cher Say­ed Rahim Sai­di ist will­kür­lich im Gefäng­nis Pul-e-Charkhi inhaf­tiert und bei schlech­ter Gesund­heit. Er war am 14. Juli 2024 in Kabul von Ange­hö­ri­gen des All­ge­mei­nen Geheim­diens­tes der Tali­ban fest­ge­nom­men wor­den. Bei sei­ner Ver­hand­lung im Dezem­ber 2024 ver­ur­teil­te ihn das Gericht wegen mut­maß­li­cher Pro­pa­gan­da gegen die De-fac­to-Behör­den der Tali­ban zu drei Jah­ren Gefäng­nis. Trotz schwe­rer Erkran­kun­gen wird er in einer kal­ten Gefäng­nis­zel­le fest­ge­hal­ten und nicht ange­mes­sen medi­zi­nisch und medi­ka­men­tös ver­sorgt. Zwi­schen Juli und Dezem­ber soll er im Gewahr­sam des Geheim­diensts gefol­tert und ander­wei­tig miss­han­delt und nicht mit den von sei­ner Fami­lie geschick­ten Medi­ka­men­ten ver­sorgt wor­den sein. Say­ed Rahim Sai­di muss umge­hend und bedin­gungs­los frei­ge­las­sen wer­den.”> EINE E‑MAIL SCHREIBEN ODER EINEN BRIEF VON PAPIER

///

über zeit

schwefelholz

alpha : 8.32 UTC – “Als Kind habe ich nicht bemerkt, dass mei­ne Mut­ter älter wur­de.” Am 16. April 1987 notier­te Wil­helm Gen­a­zi­no die­se Beob­ach­tung für sein Buch Der Traum des Beob­ach­ters. Wann habe ich selbst bemerkt, dass Mut­ter älter wur­de? ich kann mich nicht erin­nern. In den spä­ten Jah­ren mein ers­ter scheu­er Blick zu ihr hin, sobald sie die Tür öff­ne­te. Ich hat­te sie mona­te­lang nicht gese­hen. Sie war klei­ner und klei­ner gewor­den. Zum Abschied wink­te sie mir, wie immer in den Jahr­zehn­ten mei­ner Besu­che zu Hau­se, nach. Wenn ich mich noch ein­mal zu ihr umdreh­te, kurz bevor ich um die Ecke ging, sah ich nur noch ihre Hand hin­ter den Büschen, die flat­ter­te wie ein Vogel. — stop

///

im garten

im garten

char­lie : 16.58 UTC – Heu­te, wenn er noch leb­te, wäre mein Vater 93 Jah­re alt gewor­den. Ich erin­ne­re mich mühe­los an sei­ne lei­se Stim­me im Alter, ein wenig rau gewor­den, wie er an einem Som­mer­abend auf einem Stuhl im Gar­ten saß. Vor ihm stand ein klei­ner Tisch und auf die­sem Tisch eine Fla­sche Was­ser mit einem Dreh­ver­schluss. Ich glaub­te, dass mein Vater mich nicht bemerk­te. Er schien mit der Fla­sche zu spre­chen. Er beug­te sich vor, hielt die Fla­sche mit der einen Hand fest, wäh­rend er mit der ande­ren Hand an ihrem Ver­schluss dreh­te. Aber die Fla­sche war nicht leicht fest­zu­hal­ten gewe­sen, ver­mut­lich des­halb, weil sich die Feuch­te der Luft auf ihr nie­der­ge­schla­gen hat­te. Also lehn­te sich mein Vater wie­der auf sei­nem Stuhl zurück und schloss die Augen. Ich neh­me an, er wird ein­ge­schla­fen sein. Als er wie­der erwach­te, war ich noch immer da und auch die Fla­sche stand auf dem Tisch. Mein Vater beug­te sich vor, nahm die Fla­sche und dreh­te an ihrem Ver­schluss. Erneut schien er sich mit der Fla­sche zu unter­hal­ten, ohne aber die rich­ti­gen Wor­te zu fin­den, weil die Fla­sche sich noch immer dage­gen wehr­te, geöff­net zu wer­den. Also lehn­te sich mein Vater erneut zurück, er schüt­tel­te den Kopf. In die­sem Moment schweb­te eine Libel­le über den Tisch. Sie betrach­te­te mei­nen Vater, setz­te sich auf den Ver­schluss der Fla­sche und fal­te­te ihre Flü­gel. Ein Moment der Stil­le, des Frie­dens. Ein paar Zika­den waren zu hören, sonst nichts. Mein Vater war bald wie­der ein­ge­schla­fen, es wur­de dun­kel und die Libel­le ver­schwand. Als er wie­der erwach­te, saß ich direkt vor ihm. Ich hat­te die Fla­sche für ihn geöff­net und ein Glas mit Was­ser gefüllt. Mein Vater erzähl­te lächelnd in Wür­de, dass er sich gewun­dert habe, war­um er die Fla­sche nicht öff­nen konn­te, er habe sie doch selbst zuge­dreht. Das ist doch ver­rückt, sag­te er. — stop


 

 

 

 

 

 

 

Oft erzähl­te mir
mein Vater,
der Physiker,
von den Sternen.
/
Struk­tur
Gre­at Wall
im Universum
Glückslicht
NASA

 

 

 

///

schwefel

schwefelholz

india : 8.22 UTC – In die­sem Jahr spricht die Repu­blik von Kugel­bom­ben. Irgend­wel­che Män­ner­leu­te spreng­ten sich und ande­re aus rei­nem Ver­gnü­gen in die Luft. Wie fröh­lich war vor Jah­ren noch das ers­te Licht des neu­en Jah­res. In der schwan­ken­den Stra­ßen­bahn hör­te ich, wie sie mit bren­nen­den Augen nach Wor­ten such­ten für das schep­pern­de Licht des Magne­si­ums, für das Fau­chen der ben­ga­li­schen Feu­er, die sie in Hän­den hiel­ten. Da war eine Nacht­se­kun­de gewe­sen, die Sekun­de, in der sie das rote, das ver­bo­te­ne Stäb­chen ent­zün­det und gera­de noch eben recht­zei­tig von sich gewor­fen hat­te, da war das Heu­len der chi­ne­si­schen Pul­ver­pfei­fen, da waren Fun­ken­re­gen, da waren blau­graue Wölk­chen, die sich auf klei­ne Zun­gen nie­der­le­gten. Nicht die Feu­er­blu­men des Him­mels, das Spek­ta­kel der nächs­ten Nähe ent­fes­selten die Erin­ne­rung von Stun­de zu Stun­de. Zünd­höl­zer, ver­bor­gen in Hosen­ta­schen, waren zurück­ge­blie­ben, auch die­ses Schwe­fel­holz, immer wie­der eine heim­li­che Geschich­te. — stop

///

korie

vom schwimmen

whis­key : 15.58 UTC – Für weni­ge Minu­ten ste­hen wir uns gegen­über. Er ist etwas klei­ner als ich und etwa 40 Jah­re jün­ger. Ein Bahn­hof. Win­ter. Er reicht mir die Hand, sei­ne Stim­me spricht lei­se, als wol­le er sei­ne Stim­me im Rau­schen der Men­schen­stim­men um uns her­um ver­ste­cken. Ich habe sei­nen Namen nicht ver­stan­den. Ich fra­ge nach. Du heißt Korie, wie­der­ho­le ich, das ist ein unge­wöhn­li­cher Name. — Das war ges­tern, so war es gewe­sen. Ich hat­te Korie immer wie­der ein­mal gese­hen, am Bahn­hof, vor den Auf­zü­gen ste­hend. Er war­te­te und ich war­te­te. Wir wären viel­leicht nie in ein Gespräch gekom­men, wenn sich die­ser jun­ge Mann nicht aus hei­te­rem Him­mel erkun­digt hät­te, wel­ches für mich das schöns­te Wort sei, das ich ken­nen wür­de. Ich ant­wor­te: Das ist eine der wun­der­bars­ten Fra­gen, die ich jemals hör­te. Ich ler­ne gera­de die deut­sche Spra­che, ant­wor­te­te Korie. Ich sam­me­le Wör­ter, die Men­schen erzäh­len. Darf ich fra­gen, woher Du kommst, Korie? Afgha­ni­stan, ant­wor­te­te der zier­li­che, jun­ge Mann. Du bist von weit her gekom­men, sag­te ich. Ja, von sehr weit, ant­wor­te­te er, drei Jah­re weit. Zuletzt war ich auf einem Schiff im Meer. Das Schiff ging unter. Ich konn­te schwim­men. — stop



ping

ping