himalaya : UTC — Seit ich denken kann, brennt das Licht im Küchenfenster der Wohnung gegenüber, ein Stockwerk tiefer. Nie habe ich ein menschliches Wesen dort gesehen. Nicht in der Nacht, am Morgen, nicht während des Tages. Ich lauerte. Es wurde Winter. Immer auch im Winter stand das Fenster weit offen und es brannte Licht. Es wurde Sommer, und auch im Sommer brannte das Licht wie im Winter von früh bis spät. An diesem heutigen nachmittag habe ich einen Vogel beobachtet, einen riesigen Vogel, der aus dem Fenster flog.
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Aus der Wörtersammlung: nacht
propeller
echo : UTC — Dieses Wort, Propellerwort, das sich seit einigen Stunden, weiß der Himmel, woher es gekommen ist, in meinem Kopf bewegt, scheint in der wirklichen Welt noch nicht zu existieren. Ich suchte in Wörterbüchern, ich suchte in der digitalen Sphäre, vergeblich. Was also könnte unter einem Propellerwort exakt zu verstehen sein? Ein Wort vielleicht, das in der Lage wäre, weitere Wörter, die vor oder hinter ihm in einem Satzverbund notiert worden sind, im Geiste eines Lesenden zu beschleunigen, oder den Lesenden selbst in seiner Art des Lesens heftig anzuregen. In diesem Augenblick kommt mir kein Wort in den Sinn, das in dieser Weise wirksam werden könnte. Stattdessen dachte ich an das Wort Zwergseerose, welches ich gestern noch notierte, das Wort Zwergseerose könnte für mich zu einem Propellerwort werden, weil es mich leichter werden lässt, weil ich mich freue, sobald ich das Wort denke oder höre, weil ich sofort weitere Zwergwörter bemerke, die mir gefallen, das Wort Zwerglibelle beispielsweise, oder das Wort Zwergameisenpferd, von den Ameisenpferden habe ich bereits erzählt, auch das Wort Ohrfeige, wenn ich das Wort Ohrfeige hinsichtlich der Baumfrüchte betrachte, scheint sich gleichwohl zu einem Propellerwort zu entwickeln. — Oh, Du schöner Sommermorgen. Ich bemerke, ich könnte bald oder habe meine Sichtweise auf menschliche Wesen modifiziert. Ich frage: Wen habe ich vor mir? Was sehe ich? Was könnte dieser Mensch gelesen und erlebt haben? Wie wurde er also trainiert? — stop
Zwergkrake
New York nahe
Central Park
Nacht

mariupol
india : UTC — Ich erinnere mich, im Radio erzählte ein Astronaut, er habe die ersten Stunden des Überfalls der Russischen Föderation auf die freien Menschen des freien Staates Ukraine im Weltraum fliegend erlebt. In der Nacht ein stockdunkles Gebiet, dort wo Tage zuvor die Städte des Landes noch wie Erdsterne leuchteten. Die Kämpfe um Hostomel habe er als ein rötliches Flimmern oder Flirren wahrgenommen. Eines Tages führte die Flugbahn der Raumstation in 400 Kilometern Höhe von Südwesten über das Schwarze Meer. Eine tiefschwarze Rauchwolke reichte hoch hinauf bis in die Stratosphäre, das war, als die Stadt Mariupol belagert und Tag und Nacht von der See, vom Land her und aus der Luft bombardiert wurde. — stop
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auf der madison avenue
echo : 10.02 UTC — Ich dachte, ich habe diesen Traum bereits schon einmal geträumt, diesen oder einen ähnlichen Traum. Während ich noch in meinen Aufzeichnungen nach Traumereignis suche, fällt das Traumerlebnis einem Fallschirm kurz nach Landung ähnlich in sich zusammen. Nichts zu vergleichen, aber zu erzählen: Ich habe die maßstabsgetreue anatomische Darstellung eines Tiefseeelefantenrüssels auf der Madison Avenue entrollt. Leuchtend rote Muskelgruppen, staunende Passanten, Polizeifahrzeuge sperrten Kreuzungen, Stunden rauschenden Glücks, bis ich Höhe 129th Street das Ende der Formation erreichte. Unverzüglich mit der Subway downtown 23rd Street zurück. Abend war geworden, Nacht, ich begann im Licht einer Stirnlampe, jeden einzelnen Muskel der 120000 Strukturen handschriftlich und anatomisch sinnvoll zu bezeichnen: musculus amazonius oriens. Arbeitete einen Block nordwärts, bald fehlten weitere Wörter. — stop
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vom bumerangkäfer
india : 18.58 UTC — Wenige Minuten nach Mitternacht landete ein Marienkäfer auf meiner linken Wange. Ich kann nicht entscheiden, ob das ein Zufall gewesen war oder nicht. Indem ich das rechte Auge schloss, aber mit dem linken Auge so weit wie möglich nach unten sah, konnte ich die halbkugelförmige Wölbung seines Rückens erkennen. Und ich spürte eine leichte Bewegung, der Käfer schien mich zu betasten. Natürlich überlegte ich sofort, ob es sich bei diesem Käfer nicht um ein ferngesteuertes Wesen handeln könnte, das mich besuchte, um Proben von meiner Körperoberfläche aufzunehmen. Nach einigen Minuten veränderte der Käfer seine Position, er ging zu Fuß, kletterte an mir herab, saß für einige Minuten an meinem Hals, dort konnte ich ihn weder sehen noch spüren, um kurze Zeit später auf meinem Hemd zu erscheinen, wo er sich sehr wohlgefühlt haben mochte, weil er dort eine gute Stunde seiner Lebenszeit verbrachte. Vielleicht hatte der Käfer geschlafen, oder sich von Strapazen erholt, die mir unbekannt. In diesem Moment nun, da ich meinen Text notiere, sitzt der in Wörtern vermerkte Käfer am linken unteren Rand des Bildschirmes meiner Schreibmaschine. Er presst sich fest an das Gehäuse. Weitere Käfer sitzen an den Wänden, es sind ein gutes Dutzend, auch Käfer mit gelbem Gehäuse sind darunter. Gestern habe ich beobachtet, dass gelbe Käfer mit vierundzwanzig Punkten, wenn ich sie behutsam in eine meiner Hände setze und in die Dunkelheit werfe, sofort wieder zurückkommen. Man könnte sagen, dass es sich bei dieser Art um Bumerangkäfer handeln könnte. Wie dieser Text an dieser Stelle gleichwohl ein Bumerangtext sein könnte, einer, der wiederkehrt, einer der sichtbar wird von Zeit zu Zeit, eine Erinnerung oder so etwas. — stop
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faden
whiskey : 8.28 UTC — Heute suchte ich nach einem Traum. Früher Morgen. Eine Amsel war schon wach und erzählte eine Geschichte vom Sommer. Ich schaltete meine Schreibmaschine an und begann zu suchen. Ich erinnere mich: Der Traum, den ich geträumt hatte, erzählte von einem Muffin in Meeresnähe. Das war nun ein wirklich guter Faden, an dem ich behutsam ziehen konnte, um meine Traumgeschichte zu finden. In jenem Traum also beobachtete ich mich selbst, wie ich mit einem gespitzten Stück blauer Kreide in mein Papiernotizbuch notierte. Ich schrieb ungefähr ein Wort auf eine Seite. Sobald das Wort, das ich schreiben wollte, über zu viele Zeichen für den Umfang einer Seite meines Notizbuches verfügte, überlegte ich, ob vielleicht ein kürzeres Wort existieren könnte, um das längere Wort zu ersetzen. Plötzlich näherte sich eine Hand von der Seite her, nahm mir das Stück Kreide behutsam aus den Fingern, reichte mir stattdessen einen Bleistift, und ich schrieb in großen Buchstaben weiter, die von Seite zu Seite immer kleiner wurden, kleiner und kleiner, bis ich meine Schrift nicht mehr lesen konnte. Immer noch Traum. Ich gehe spazieren. Frischer Nachtschnee knistert unter meinen Füßen. Es ist ein sonniger Tag in Brooklyn, am Ende einer Straße schimmert das Meer. Ein paar glänzende Flugzeuge schweben dort über den Himmel, sie fliegen auf dem Kopf. Kurz darauf betrete ich ein Café, es ist, glaube ich, das Buon Gusto in der Montague Street. Vor einer Vitrine in der Tiefe des schmalen Raumes wartet ein Polizist. Er ist groß und von kräftiger Statur und seine Haut ist sehr schwarz, und ich denke, er weiß, dass ich denke, dass er sehr schwarz ist, und er lacht und deutet ins Innere der Vitrine, wo ein gutes Dutzend Muffins auf aprikosenfarbenen Deckchen ruhen. Einer der kleinen Kuchen bewegt sich, ein Blaubeermuffin, seitwärts ragt ein gefiedertes Flügelchen heraus, das wild um sich schlägt, weshalb der kleine Kuchen sich immer schneller auf der Stelle dreht. Seite an Seite stehen der riesige Mann und ich, ein kleiner Mann, leicht vorgebeugt, und staunen über das Geschehen in der Vitrine. Plötzlich wird es still, der Flügel ist im Muffin verschwunden, und der Polizist flüstert mir zu: Er gehört zu Ihnen, nicht wahr! Ich antworte: Ich glaube, er ist eingeschlafen. — stop
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hoch über den kastanien
whiskey : 3.15 UTC — Im Haus gegenüber, in einem Zimmer jenseits der Kastanienbäume, die Blütenkerzen tragen, brennt seit zwei Wochen Licht bei Tag und bei Nacht. Ich erkenne dort die Gestalt eines Mannes. Der Mann geht auf und ab. Ich habe diesen Mann noch nie auf der Straße gesehen oder im Milchladen um die Ecke oder am Kiosk an der Ecke Havanna zur Bruegelstraße. Es ist seltsam, ich beobachte den Mann in seinem Zimmer seit Tagen, ohne bemerkt zu haben, dass ich ihn beobachtete. Mein Blick selbst war spazieren, meine Augen, bald auch meine Gedanken. Wie kann man in einem Zimmer nur so viel laufen, hin und her, hin und her? Einmal öffnete ich meine Fenster hin zur kühlen Luft und meine Augen gingen spazieren. Ich notierte eine Erinnerung an frühe Lebenszeit. Ein Kind am Strand. Ein Dampfer am Horizont. Die gebräunten Beine eines Mädchens, das Italienisch spricht. Ein Kessel voller Muscheln. Ich erinnerte mich an das Krächzen eines Transistorradios, an Funkstimmen, an Krabbenpanzer, an das Graben im Sand nach dem Meer. — stop

zebraspringspinne
echo : 5.25 UTC — Wenn ich mich an mich selbst zu erinnern wünsche als glücklicher Mensch, könnte ich mich betrachten, wie ich an einem frühen Morgen auf dem Fensterbrett nach Süden zu eine Zebraspringspinne von höchstens 2 Gramm Gewicht beobachte. Die Spinne spaziert dort unter meinen Augen furchtlos auf und ab. Möglicherweise ist sie kürzlich erst durch die Luft geflogen oder aber den ganzen Winter über in meiner Nähe gewesen, ohne dass ich sie bemerkte. Für einen Moment halten wir beide inne und schauen in Richtung der Dämmerung. Eine Straßenbahn kommt um die Kurve gefahren, es ist die erste Straßenbahn dieses Tages. Ich schließe die Fenster. Mit dieser ersten Straßenbahn kommt der Tag in die Nacht, Vögel steigen aus und hocken sich in Bäume und singen, während Fliegen und Falter aus meiner Wohnung flüchten, um einzusteigen und rasch davonzufahren. Ich sollte morgens einmal auf die Straße treten und zur Haltestelle gehen und warten, da nun die erste Fahrt der Linie 16 eintreffen und der Fahrer von Nachtfaltern bedeckt sein wird, und die Sitze und Lampen, und auch die Arbeiter und Arbeiterinnen der Frühschicht. Dichte, bittere, staubige Luft, ein sonores Summen zehntausender Flügel. Kleine, harte Käferkörper stürmen durch weichen, fliegenden Falterwald, ping, pong, ping. — Heute ist ein seltsamer Tag. Ich habe eine neue Schrift entdeckt, Schriftzeichen, die ich selbst nicht in der Lage sein werde zu entziffern, ohne größere Vorbereitungen zu treffen. Nichts weiter. — stop

nacht ist um 2
lima : 20.58 UTC – Apropos Fingersträußchen. Man darf sich das so vorstellen: An jeder Hand trage ich 20 bis 30 Fingerexemplare, die meisten sind Mittelfinger, Daumen sind keine darunter. Sobald ich an einem der Finger ziehe, löst er sich, sodass ich ihn weiterreichen kann. Für jeden Finger bekomme ich 5 oder 10 Pfund. Ich erinnere mich immer noch nicht, je Schmerz empfunden oder geblutet zu haben. Vielmehr empfinde ich Vergnügen, Freude und all diese Dinge, sobald ich einen Finger verschenken darf. Ich habe also, könnte man sagen, ausgesorgt, solange mir neue Finger wachsen. Es ist im Übrigen ein stiller Prozess, es knistert kaum hörbar, wenn sich Knochen entfalten. Sie wachsen nur dann, wenn kurz nach 2 Uhr in der Nacht geworden ist. Man stelle sich einmal vor, nicht auszudenken, anstatt Fingern würden mir Köpfe wachsen. — stop

auf einer wiese im sommer
echo : 20.55 UTC – In einem Park beobachtete ich einen Mann, der einem Roboter folgte. Es war ein warmer Tag. Die Maschine in der Größe eines Staubsaugers rollte über den Rasen, wohl in dem Auftrag, das Gras zu schneiden. Der Mann bewegte sich in derselben Geschwindigkeit leicht versetzt hinter dem Roboter, umkreiste in dieser Weise Bäume in einem engen Bogen, um bald wieder den Horizont ins Auge zu fassen. Der Roboter fuhr so lange Zeit schnurgerade weiter, bis er auf einen Weg traf, also auf Gelände ohne Grasnarbe. Dort drehte er auf der Stelle um und fuhr in einem zufälligen Bogen zurück über die Rasenfläche hin. Leichtbekleidete Menschen waren zu sehen, wie sie den Roboter fixierten. Sobald sich das kleine Wesen einer dieser liegenden Personen näherte, wurden leise Hupgeräusche hörbar, ein Versuch der Verständigung vielleicht. Manchmal kniete der Mann nieder. Er schien jenen Boden zu untersuchen, der soeben noch von dem Roboter überfahren worden war. Der Mann schaute durch eine Lupe und sammelte mittels einer Pinzette von dem Rasen kleinere Gegenstände oder Teile von Würmern und Käfern auf und legte sie in einer Tüte ab. Indessen der Mann arbeitete, wartete der Roboter. Das war im vergangenen Sommer gewesen. Ein Roboter auf einer Wiese ohne Hunde, warum? — stop


