crea

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nordpol : 18.55 UTC – Kühle Luft trifft ein, als sei sie mit dem Zug in einem Koffer nach Venedig gekommen. Langsam wird Abend. Auf den Schiffen fahren leicht beklei­dete Menschen ihre Gänse­haut heim­wärts. Von der Dampf­schiff­sta­tion Crea aus führt mich eine Wande­rung ohne Stadt­plan in Händen, nur mit dem Kopf und nach dem Gefühl gehend, durch das Canna­regio in Rich­tung Castello. Wie lange Zeit, über­legte ich, werde ich tastend ostwärts durch die Gassen streifen, bis ich mein Ziel, die Dampf­schiff­sta­tion Giar­dini, erreicht haben werde? Bald ist es krei­send spät geworden. Auf den Stufen der Chiesa del Santis­simo Reden­tore, die noch warm sind vom Taglicht, flitzen Eidechsen herum. Im Zwie­licht werden sie zu unru­higen Schatten, die man mit Farben der Vorstel­lung füllen könnte, an einem bunten Tag werden sie bunt. Es ist jetzt schon zu dunkel, um noch lesen zu können. Ich sollte mir eine Taschen­lampe besorgen oder rein elek­tri­sche Texte auf meiner flachen Schreib­ma­schine lesen. Ob papie­rene Bücher exis­tieren, die zu leuchten in der Lage sind? – stop

max

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alpha : 22.02 UTC – Ich erin­nere mich gern an Max, gerade eben ist es wieder passiert, dass ich mich an Max erin­nerte. Er war 6 Jahre alt geworden, als ich ihm zuletzt persön­lich begeg­nete. Wir saßen damals an einem Küchen­tisch, es war Abend, Max schon müde. Er schüt­telte etwas gelang­weilt eine Papri­ka­schote und wunderte sich, weil in der gelben Frucht Bewe­gung zu sein schien. Ich nahm ihm die Paprika aus der Hand, und tatsäch­lich war in ihrem Inneren etwas lose geworden oder exis­tierte dort, das sich übli­cher­weise nicht in einer Paprika befinden sollte. Also legte ich die Paprika zur Unter­su­chung auf einen Teller und öffnete sie vorsichtig. Es war ein kleines Loch, das ich in die Paprika schnitt. Seite an Seite sitzend warteten wir gespannt vor der Frucht darauf, ob viel­leicht Irgend­etwas oder Irgend­je­mand aus der Öffnung steigen würde. Indessen erzählte ich von der Erfin­dung der Tief­see­ele­fanten, von ihren kilo­me­ter­langen Rüsseln, die sie zur Meeres­ober­fläche recken, sofern sie den Atlantik durch­queren. Bald wurde Max unge­duldig, er nahm die Paprika in seine Hände, um durch das spar­same Loch zu spähen, ohne frei­lich etwas sehen zu können, es war dunkel da drin, weshalb ich das Loch vergrö­ßerte, und außerdem noch zwei klei­nere Löcher für das Licht seit­wärts in den Körper trieb. Wiederum spähte Max in die Paprika, jetzt konnte er etwas erkennen. Er stellte nüch­tern fest, dass sich in der Paprika ein Ohr befinden würde, ein Papri­kaohr, ganz eindeutig. Vier Jahre sind seither vergangen. Als ich vor zwei Jahren mit Max tele­fo­nierte, erklärte er, dass er in der Schule Tief­see­men­schen mit Blei­stift zeich­nete. Immer wieder habe er die Körper der Tief­see­men­schen, die über den Meeres­boden spazierten, ausra­diert, um sie noch kleiner zu machen, damit ihre Hälse auch lang genug werden konnten auf dem viel zu kleinen Blatt Papier, das ihm zur Verfü­gung gestellt worden war. – stop
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tango : 6.52 UTCViel­leicht kann ich, wenn ich das Meer in den Straßen Vene­digs beob­achte, von Wellen­be­we­gungen spre­chen, die einem sehr lang­samen Rhythmus folgen, von Halb­ta­ges­wellen, von Wellen, die sich, sobald ich sie jenseits ihrer eigent­li­chen Zeit betrachte, wie Palomars Sekun­den­wellen benehmen. – Wann beginnt und wann genau endet eine Welle? Wie viele Wellen kann ein Mensch ertragen, wie viele Wellen von einer Wellenart, die Knochen und Häuser zertrüm­mert? – Dämme­rung. Stille. Nur das Geräusch der trop­fenden Bäume. Eine Nacht voll Regen, glim­mende Vögel irren am Himmel, Nacht­vögel ohne Füße, Vogel­wesen, die niemals landen. – stop
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fondamente nove

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india : 22.58 UTC – Noch fällt mir nicht leicht zu erzählen, warum ich Zeit in Venedig verbringe. Ich bin ein Beob­achter, deshalb bin ich in Venedig, zur Beob­ach­tung des Wassers und auch der Schne­cken, die sich im Wasser oder in der Nähe des Wassers bewegen. Ich berichte gleich­wohl sehr gerne, dass ich nach Eidechsen Ausschau halte. Einmal bemerkte ich einen Mann, der mittels einer Lupe Taustücke unter­suchte, die zerfa­sert, wie kranke Schlangen sich neben Vapo­ret­to­sta­tionen türmten. Auf einer Brücke nahe des Fähren­ter­mi­nals Fonda­mente Nove wartete ein Foto­graf auf größere oder klei­nere Schiffe, die er senk­recht von oben her foto­gra­fierte. Nach zwei oder drei Stunden, die ich in seiner Nähe verbrachte, nickte er mir plötz­lich zu. Kinder turnten auf rostigen Eisen­stangen. Ich über­legte, ob sie wohl gelernt haben, mit einem Fahrrad zu fahren? Das Wasser unter der Bewe­gung der Schiffs­schrauben pulsiert für Bruch­teile von Sekunden zu Kuppeln von Glas. Noch fällt mir nicht leicht zu erzählen, warum ich eigent­lich Zeit in Venedig verbringe. Schwan­kende Wirk­lich­keiten, vertraut. – stop
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sacca fisola

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echo : 18.12 UTC – Mit einem Mari­naio der Linea 2 um kurz nach drei kam ich deshalb ins Gespräch, weil der junge Mann beob­achtet hatte, wie ich eine halbe Stunde lang meiner­seits seine Hände beob­ach­tete, wie sie in einer eleganten oder lässigen oder ganz einfach erprobten Art und Weise bei Annä­he­rung seines Dampf­schiff­chens an eine Halte­sta­tion, an diesen schwin­genden und tanzenden und auf und ab wippenden Steg, der noch nicht Land ist aber auch nicht mehr Schiff, ein Tau zur Schleife formen, um es aus kurzer Distanz um einen eisernen Höcker zu werfen und zu knoten. Es geht dann sehr schnell, wie sich das Tau knar­zend windet, wie es sich zuzieht, weil es nicht anders kann, weil es in sich gefangen ist, sirrende Geräu­sche, die ich vor Tagen im Traum zu vernehmen meinte, weswegen ich erwachte und glaubte auf meinem Bett würde eine gewal­tige Seemöwe Platz genommen haben, die mich mit hell­blauen Augen­di­oden anblitzte. Es war dann doch das Leucht­werk eines Weckers gewesen, mit dem ich noch nicht vertraut geworden bin. Ich weiß nun, das Knoten­ge­binde wird unter den Seeleuten der Kanäle als Dopino oder wahl­weise Nodo di otto bezeichnet. Der junge Mann, der sich über meine Begeis­te­rung freute, führte den Knoten mehr­fach in Zeit­lupe vor, hin und zurück, sodass ich die Seele des Knotens nach und nach verstehen konnte. Es war ein Freitag, es regnete leicht. Ich fuhr dann nach Giudecca zurück, besuchte einen kleinen Markt, ich glaube, ich war der einzige Fremde an diesem Ort gewesen. Ich kaufte einen Peco­rino Sici­liano, 100 Gramm. Auch heute leichter Regen, der unver­züg­lich im Meer verschwindet. – stop

ai : NIGER

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MENSCHEN IN GEFAHR : “Der multi­na­tio­nale Ölkon­zern Shell und die Regie­rung des südnige­ria­ni­schen Bundes­staates Rivers haben es versäumt, die Bewohner_innen von Ogale, einer Region außer­halb von Port Harcourt, der Haupt­stadt von Rivers, regel­mäßig mit sicherem Trink­wasser zu versorgen. Die meisten der dort lebenden Menschen müssen entweder Wasser kaufen oder Grund­wasser trinken, das laut einer 2011 veröf­fent­lichten Studie der Vereinten Nationen gefähr­lich verschmutzt ist./ Die Studie des Umwelt­pro­gramms der Vereinten Nationen (United Nations Envi­ron­ment Programme, UNEP) ergab, dass die Bewohner_innen von Ogale Wasser aus Brunnen tranken, das so stark mit dem bekannten Karzi­nogen Benzol verun­rei­nigt war, dass es den nach inter­na­tio­nalen Richt­li­nien fest­ge­legten Grenz­wert um das 900-fache über­schritt. Das Wasser zu trinken werde „sicher lang­fris­tige gesund­heit­liche Folgen“ haben. UNEP empfahl der nige­ria­ni­schen Regie­rung, unver­züg­lich Maßnahmen zu ergreifen, damit die Menschen in Ogale nicht weiterhin Trink­wasser aus konta­mi­nierten Brunnen trinken müssen, und ihnen eine alter­na­tive Quelle für sauberes Wasser zur Verfü­gung zu stellen. Trotz dieses drin­genden Aufrufs gibt es noch immer keinen Zugang zu solch einer Quelle. / Am 1. September 2018 besuchte Amnesty Inter­na­tional Ogale und sprach mit Anwohner_innen. Die meisten von ihnen kaufen ihr Wasser für den persön­li­chen und häus­li­chen Gebrauch, etwa zum Trinken, Kochen und Waschen, obwohl sie es sich eigent­lich nicht leisten können. In einigen Fällen geben Bewohner_innen ein Drittel ihres wöchent­li­chen Einkom­mens für Wasser aus, sodass sie manchmal statt drei Mahl­zeiten am Tag nur zwei essen können. Dieje­nigen, die es sich nicht leisten können, Wasser zu kaufen, trinken und nutzen das örtliche Grund­wasser – trotz der Warn­schilder, die darauf hinweisen, dass das Wasser ihre Gesund­heit gefährdet. Manche trinken Wasser aus lokalen Brunnen und Bohr­lö­chern, auch wenn auf dem Wasser ein öliger Film zu sehen ist. Einige Bewohner_innen bezahlen sogar für das Wasser aus den Bohr­lö­chern. Andere nutzen Regen­wasser, in dem sich schwarze Flöck­chen befinden. Die Bewohner_innen haben keine andere Wahl, da sie nicht das nötige Geld aufbringen können, um Wasser von privaten Anbieter_innen zu kaufen und die Regie­rung bereits seit über einem Jahr kein sauberes Wasser mehr bereit­stellt. Zeit­gleich mit dem Besuch von Amnesty Inter­na­tional in Ogale wurden einige der von der Regie­rung regu­lierten Wasser­lei­tungen wieder in Betrieb genommen. Doch die Bewohner_innen berichten, dass die Wasser­ver­sor­gung ledig­lich eine Stunde am Morgen oder am Nach­mittag funk­tio­niert und die zur Verfü­gung gestellte Wasser­menge nicht ausreicht, um den grund­le­genden Wasser­be­darf zu decken. Amnesty Inter­na­tional hat Grund zu der Annahme, dass auch dieses Wasser nicht den Richt­li­nien der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­tion für Trink­was­ser­qua­lität entspricht.” - Hinter­grund­in­for­ma­tionen sowie empfoh­lene schrift­liche Aktionen bis spätes­tens zum 3.8.2018 unter > ai : urgent action
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academia

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india : 5.16 UTC – Wasserbus. Dampf­schiff­chen. Botello. Vapo­retto. Erstaun­liche Wörter. – Einmal notierte Roland Barthes: Sprache exis­tiert. Und damit beschäf­tigen wir Struk­tu­ra­listen uns, wir denken darüber nach. Die meiste Zeit reden die Menschen, ohne zu wissen, dass die Sprache exis­tiert, wir reden ohne zu wissen, dass wir reden. Wir wissen nur, dass wir Gedanken und Gefühle über­mit­teln. Aber wir reden, ohne das Geringste über unsere eigenen Worte zu wissen. – Ich höre sehr gerne mensch­liche Stimmen, deren Sprache ich nicht verstehe, wie Musik. Heute beob­ach­tete ich Zahl­zei­chen, die Vapo­rettos stolz an ihrem Bug seit­wärts tragen. 264 oder 58 oder 182. – stop
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cimitero s. michele

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victor : 22.24 UTC – Auf der Insel Giudecca exis­tiert an eine Brücke gelehnt ein Aufzug für Menschen, die nicht in der Lage sind, Treppen zu steigen. Der Aufzug soll nun seit beinahe 3 Jahren außer Dienst genommen sein. Ich hätte davon keine Kenntnis erhalten, wenn ich nicht zufällig hörte, wie ein alter Mann sich wegen dieses kranken Aufzuges empörte. Er saß in einem Roll­stuhl auf einem Balkon nur wenige Meter entfernt von der Brücke und warf Brot in die Luft, welches von Möwen im Flug aufge­fangen wurde. Der Mann schimpfte in engli­scher, bald in fran­zö­si­scher Sprache, als ob er ganz sicher gehen wollte, dass jene Menschen, die die Brücke über­querten, seine Nach­richt verstehen würden. An diesem Abend, da der wütende Mann die Admi­nis­tra­tion der Stadt Venedig verdammte, wäre ich sehr gerne sofort in das Wasser zu meinen Füßen gesprungen, um den Reiz der Mücken­stiche, die ich während eines Besu­ches des Fried­hofes San Michele hinnehmen musste, durch Kühle zu lindern. Es war am Nach­mittag gewesen, ich plante das Grab Joseph Brodskys zu besu­chen, musste aber bald vor dutzenden Raub­tieren flüchten, die sich auf zart­schil­lernden Flügeln kaum hörbar näherten in einer Weise, die mir koor­di­niert zu sein schien. Poli­zisten suchten auf dem Friedhof nach zwei Frauen. Ich hatte kurz zuvor beob­achtet, wie sie den Friedhof betraten. Sie trugen schwarze Kleider und schwarze Stiefel und schwarze Hand­schuhe, auch ihr Haar war schwarz gefärbt und ihre Augen wie von Kohle umrandet, sie waren voll­ständig in Schwarz darge­stellt, aber ihre Haut war weiß gepu­dert. – Vor dem Fenster pfeifen leise Vögel wie Spre­chen. – stop

mercato

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echo : 22.08 UTC – Immer der Nase entlang spazierte ich zum Markt, wo nach­mit­tags Seemöwen stol­zierten über den Boden, den sie längst so gründ­lich durch­sucht hatten, dass Fisch gerade noch als Erin­ne­rung feinster Mole­küle in der Luft zu finden war. Da lag noch etwas Eis auf dem Boden, erstaun­lich. In diesem Augen­blick erin­nerte ich mich an einen frühen Morgen vor vielen Jahren. Ich trat damals zur Zeit der Dämme­rung auf den Markus­platz. So dicht ruhte Nebel über der Lagune, dass ich nur wenige Meter weit sehen konnte. Ich ging sehr vorsichtig voran. Vor irgend­einem Kaffee­haus hielt ich an, setzte mich auf einen Stuhl und wartete. Irgendwo im Luft­was­ser­zimmer, in dem ich Platz genommen hatte, hörte ich Stimmen von Männern, die mitein­ander spra­chen. Auch waren immer wieder Pfiffe zu hören, wie Radare oder Signal­töne. Es waren Männer mit vermut­lich Reisig­besen, die den riesigen Platz Kraft ihrer Arme und Hände fegten. Auch Melo­dien waren zu hören gewesen. Ich wartete unge­fähr eine Stunde und lauschte. Nie habe ich einen dieser Männer gesehen, aber ich habe von ihnen viel­fach erzählt. Es scheint über­haupt die Zeit, da man sich in Venedig noch verlaufen konnte, vorüber zu sein für alle Menschen, die über eine Schreib­ma­schine mit GPS-Verbin­dung verfügen. Es ist, glaubt mir, ein Vergnügen, diese Radar­schreib­ma­schine auszu­schalten und loszu­gehen und nach da und dort zu laufen, stets in dem Glauben, man wüsste, wo man sich befindet. Es bleibt dann nichts weiter zu tun, als nach einer halben Stunde die Schreib­ma­schine hervor­zu­holen und nach­zu­sehen und sich zu wundern und zu freuen. – stop
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