nachtmann

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delta : 0.36 UTC – Ich stellte mir einen Nacht­mann vor, der unter einem Schirm durch die Welt reist, oder mit einem leichten Zelt, das sich beleuchten lässt, wie sich auch der Schirm beleuchten läßt. Einmal erreicht der Mann die südliche Küste der Insel Kreta. Er beschloß, an einem Strand nahe Soughia zu über­win­tern. Er errich­tete daraufhin sein Zelt im Schatten eines Salz­baumes. Nun konnte man ihn nachts im Dorf oder am Strand herum­laufen oder spazieren sehen. Am Tag ruhte er in der Dunkel­heit seines Zeltes und schlief oder las oder tele­fo­nierte im Licht seiner Lampen. – stop

im park

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sierra : 2.55 UTC – Gestern beob­ach­tete ich Louis, wie er in einem Park saß und eine Geschichte in ein Notiz­buch schrieb. Das war ein schmales Buch gewesen. Louis notierte mit Blei­stift in sehr kleiner Schift. Er hatte deshalb eine Lese­brille aufge­setzt, die er immer wieder einmal auf seiner Nase zurecht­rückte. Es war sehr feucht am See, Libellen jagten herum, obwohl schon fast dunkel geworden war, und sie leuch­teten, blinkten, als wären sie fern­ge­steurte Hubschrau­ber­wesen. Louis schien sie nicht zu bemerken, er schrieb und schrieb, und wenn man sich näherte, konnte man hören, wie sein Blei­stift sacht über das Papier raspelte. Das schmale Buch war schon fast voll geschrieben und Louis Schrift wurde immer kleiner. Ich fragte ihn: Sag, worüber schreibst Du? Louis antwor­tete, er schreibe über einen Mann, der Lasten­auf­züge bediente, verschmutzte Kästen, die in einem Lager­haus auf und abwärts fuhren. Der Mann, von dem Louis erzählte, arbei­tete bereits seit Jahren in einem dieser Kästen. Trotzdem war er im Grunde immer gut gelaunt. Das lag daran, dass der Mann sich vorstellte, er würde bald einmal in einem dieser Lasten­auf­züge wohnen. Er konnte präs­zise beschreiben, wie sein zukünf­tiges Wohn­zimmer beschaffen sein wird. Sofa, Regale für Bücher und Elefan­ten­sta­tuten, die der Mann sammelte, Kakteen und Bambus­pflanzen, zwei Tische, ein Rubensge­mälde, Vasen, und so weiter und sofort. Nun, sagte Louis, das Problem ist, ich bin hier mit meinem Notiz­buch bald zu Ende, aber das Zimmer im Aufzug tritt immer deut­li­cher an mich heran. Ich werde das Zimmer in diesem Büch­lein hier nicht unter­bringen. Verdammte Sache! – stop

ping

sommerhüte

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alpha : 2.08 UTC – An einem warmen Sommer­abend warten Menschen vor einem Markt auf Bänken. Einer nach dem anderen tritt in den Laden und kommt bald je mit einer Wasser­me­lone zurück. Man sitzt dann wieder auf der Bank, halbiert die kühle Frucht, löffelt sie aus und setzt sich das Schalen­ge­häuse auf den Kopf. So geschehen in einer mittel­eu­ro­päi­schen Stadt an einem Samstag gegen zehn Uhr am Abend. – stop

ping

papiere

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delta : 22.58 UTC – In diesem Moment, da die Tempe­ratur der Luft 38°C erreichte, darf ich einen Text  zitieren, den ich vor Jahren bereits notierte. Er handelt von Eispa­pieren und von einem beson­deren Kühl­schrank, den ich damals in Empfang genommen hatte, von einem Behälter enormer Größe. ich schrieb, ich wieder­hole, dass dieser Kühl­schrank, in welchem ich plane im Sommer wie auch im Winter kost­bare Eisbü­cher zu studieren, eigent­lich ein Zimmer für sich darstellt, ein gekühltes Zimmer, das wiederum in einem hölzernen Zimmer sitzt, das sich selbst in einem größeren Stadt­haus befindet. Nicht dass ich in der Lage wäre, in meinem Kühl­schrank­zimmer auf und ab zu gehen, aber es ist groß genug, um einen Stuhl in ihm unter­zu­bringen und eine Lampe und ein kleines Regal, in dem ich je zwei oder drei meiner Eisbü­cher ausstellen werde. Dort, in nächster Nähe zu Stuhl und Regal, habe ich einen weiteren klei­neren, äußerst kalten, einen sehr gut isolierten Kühl­schrank aufge­stellt, einen Kühl­schrank im Kühl­schrank sozu­sagen, der von einem Notstrom­ag­gregat mit Energie versorgt werden könnte, damit ich in den Momenten eines Strom­aus­falles ausrei­chend Zeit haben würde, jedes einzelne meiner Eisbü­cher in Sicher­heit zu bringen. Es ist nämlich eine uner­träg­liche Vorstel­lung, jene Vorstel­lung warmer Luft, wie sie meine Bücher berührt, wie sie nach und nach vor meinen Augen zu schmelzen beginnen, all die zarten Seiten von Eis, ihre Zeichen, ihre Geschichten. Seit ich denken kann, wollt ich Eisbü­cher besitzen, Eisbü­cher lesen, schim­mernde, kühle, uralte Bücher, die knis­tern, sobald sie aus ihrem Schnee­schuber gleiten. Wie man sie für Sekunden liebe­voll betrachtet, ihre polare Dichte bewun­dert, wie man sie dreht und wendet, wie man einen scheuen Blick auf die Texturen ihrer Gaszei­chen wirft. Bald sitzt man in einer U-Bahn, den leise summenden Eisbuch­rei­se­koffer auf dem Schoß, man sieht sich um, man bemerkt die begeis­terten Blicke der Fahr­gäste, wie sie flüs­tern: Seht, dort ist einer, der ein Eisbuch besitzt! Schaut, dieser glück­liche Mensch, gleich wird er lesen in seinem Buch. Was dort wohl hinein­ge­schrieben sein mag? Man sollte sich fürchten, man wird seinen Eisbuch­rei­se­koffer viel­leicht etwas fester umarmen und man wird mit einem wilden, mit einem entschlos­senen Blick, ein gieriges Auge nach dem anderen gegen den Boden zwingen, solange man noch nicht ange­kommen ist in den fros­tigen Zimmern und Hallen der Eisma­ga­zine, wo man sich auf Eisstühlen vor Eisti­sche setzen kann. Hier endlich ist Zeit, unterm Pelz wird nicht gefroren, hier sitzt man mit weiteren Eisbuch­be­sit­zern vertraut. Man erzählt sich die neuesten arkti­schen Tief­se­e­is­ge­schichten, auch jene verlo­renen Geschichten, die aus purer Unacht­sam­keit im Laufe eines Tages, einer Woche zu Wasser geworden sind: Haben sie schon gehört? Nein! Haben sie nicht? Und doch ist keine Zeit für alle diese Dinge. Es ist immer die erste Seite, die zu öffnen man fürchtet, sie könnte zerbre­chen. Aber dann kommt man schnell voran. Man liest von uner­hörten Gestalten, und könnte doch niemals sagen, von wem nur diese feine Luft­eis­schrift erfunden worden ist. – stop

feuersalamander

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romeo : 22.18 UTC – Brütende Hitze. Das ist ein schöner Ausdruck, ich werde gebrütet von der Luft. Bin gespannt, was da aus mir heraus­schlüpfen wird. Irgendein Wesen vermut­lich, das sich wohl­fühlt, wenn es so richtig warm und schwül ist. Etwas, dass vor Freude bebt, wenn Tempa­ra­turen über 50 ° Celsius steigen werden, eine Fort­ent­wick­lung, Anpas­sung, viel­leicht eine Vari­an­tion meiner selbst, der ich nun bald in der Lage sein werde, Wüsten zu durch­kreuzen, geschmeidig, ohne auch nur einen Tropfen Wasser trinken zu müssen. – stop
ping

swetlana

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olimambo : 22.14 UTC – Einmal, vor zwei Jahren, spreche ich mit Swet­lana, die in einem Dorf weit hinter dem Ural in Sibi­rien geboren worden war. Es ist ein später Abend und warm. Eintags­fliegen zwir­beln durch die Luft. Ich sage: Wir, liebe Swet­lana, wir in Europa sind in großer Gefahr, weil wir nicht wissen wie der 45. Präsi­dent der USA und Wladimir Putin handeln werden. Swet­lana ist partout nicht dieser Meinung. Sie schüt­telt sehr lange Zeit den Kopf: Da kenne ich Dich schon acht Jahre lang und Du liest noch immer die falschen Zeitungen. Es kommt mir so vor, als würdest Du eine ganz andere Welt bewohnen. Nein, wir sind nicht in Gefahr, Putin ist ein guter Mann, und der andere auch. Einen Moment schweigt sie. Dann fährt sie fort mit einem Lächeln: Wie kann man nur so klug sein, und doch die ganz falschen Zeitungen lesen. – stop
ping

bogota

picping

MELDUNG. Bogota, Calle 11 No 12, 5. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 5268 [ Marmor, Carrara : 8.2 Gramm ] voll­endet. – stop
ping

am mississippi

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alpha : 16.12 – Ramos erzählte gestern am späten Abend von einer Methode, E-Mail derart zu program­mieren, dass sie sich kurz nach ihrem Aufruf vor den Augen des Lesenden selbst zerstören oder auflösen wird, weil ihre Zeichen heller und heller werden, bis sie unsichtbar geworden seien. Ramos selbst will diese Möglich­keit des Verschwin­dens program­miert haben. Wir notierten zur Probe einen elek­tri­schen Brief an mich selbst. Ich sendete also einen kurzen Text, den ich vor fünf Jahren bereits aufge­schrieben hatte: 6.15 – Während ich Stunde um Stunde in Stewart O’Nan’s Roman Last Night at the Lobster lese, immer wieder das Wort Missis­sippi im Kopf. Die Idee, dass das Wort Missis­sippi in der Fort­set­zung der Lektüre nach und nach alle weiteren Wörter und Gedanken ersetzten könnte. In einem Wort verschwinden. – stop - Sobald die E-Mail, die mittels Ramos’ Programm notiert worden war, auf meiner Schreib­ma­schine einge­troffen war, öffnete ich sie. Tatsäch­lich, kaum hatte ich den Cursor meiner Schreib­ma­schine über den Text hin bewegt, lösten sich seine Buch­staben auf, sie verblassten, waren bald nur noch eine Ahnung auf der Netz­haut meines Auges. Ramos erklärte, alle Zeichen, die mittels seines Progarmmes verschlüs­selt worden seien, würden für eine Minute zur Verfü­gung stehen, man dürfe den Text der E-Mail jedoch nicht berühren oder den Versuch unter­nehmen, einen Screen­shot anzu­fer­tigen. Jede bekannte Methode des Fangens auf künst­li­chem Wege sei unwirksam. Auch eine Foto­grafie zu nehmen mittels eines gewöhn­li­chen Foto­ap­pa­rates sei nicht möglich. Ramos, der höcht begeis­tert wirkte, wollte mir nicht erzählen, wie dieses Verhalten program­miert sein könnte. Was bleibt, sagte Ramos, ist eine E-Mail dieser Art auswendig zu lernen, um sie kurz darauf auf Papieren zu rekon­stru­ieren. – stop

radar

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juliett : 0.08 UTC – Wenn die alte Dame, sie trägt einen Sommerhut auf dem Kopf, in ihrem Roll­stuhl sitzend erwacht und ihre flinken Augen öffnet, fragt sich alle Welt, was sie wohl sehen und denken mag. – stop

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