~/library/spelling

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gink­go : 9.35 UTC — Von Mon­tag­mor­gen die­ser Woche bis heu­te, Mitt­woch­abend, lern­te mei­ne Schreib­ma­schi­ne fol­gen­de Wör­ter, die in ihren Prüf­ver­zeich­nis­sen bis­lang nicht zu fin­den gewe­sen waren: Appa­la­chen . Droh­nen­ge­stalt­man­tel . Eva­ku­ie­rungs­ge­bie­te . Gras­wur­zel­be­we­gung . Grill­wa­gen . Herz­nuss­text . Homel­es­speop­le . Hur­ri­ca­ne . Kie­men­men­schen . Lakritz­was­ser . Löt­lamp­en­ef­fekt . Maki­mensch . Mon­tauk . Nacht­haus­ge­schich­te . Plas­tik­ton­nen­boo­te . Ran­dom­ge­fäß . Schlaf­durch­ein­an­der­zeit . See­tang­klum­pen . Street­wor­ker . Lakritz­was­ser . Such­zet­tel­wäl­der . Teig­ta­sche . Topor­mo­dus . Tria­ge . Umspann­werk . Umspann­werks . Vital­funk­ti­on. Nacht­spei­cher­poe­ten. — Fas­zi­nie­ren­de Sache.  — stop
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auf der intensivstation

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ulys­ses : 8.22 UTC — Am Tele­fon berich­te­te eine Schwes­ter der Inten­siv­me­di­zin: Heu­te Nacht war es ernst, sie hat­te eine Atem­kri­se. Viel­leicht wol­len sie sofort kurz vor­bei­kom­men! Eine Stra­ßen­bahn­halb­stun­de spä­ter trat ich in die Sta­ti­on. Selt­sam hupen­de Geräu­sche von da, von dort. Blin­ken­de Appa­ra­tu­ren, gelb, rot, grün. Eine wei­te­re Schwes­ter erzähl­te, sie habe mor­gens bei der Über­ga­be gehört, es sei knapp gewe­sen: Das Leben ihrer Freun­din hing an einem sei­de­nen Faden. Und ich dach­te, sie wird nicht die­sel­be sein, wenn sie wie­der auf­wa­chen wird. Wer wird sie sein? Und ich dach­te noch dazu: Jedes der Zim­mer an die­sem Ort, jedes Abteil, ist eine Sor­gen­welt. Und schon saß ich auf einem Stuhl vor dem Bett der Schla­fen­den. Sie lag auf dem Bauch, ich konn­te ihr Gesicht nicht sehen, aber ihre Ohren. Eine der tap­fer­fröh­li­chen Schwes­tern schlug vor, ich sol­le doch mög­lichst mit der Schla­fen­den spre­chen: Das mögen sie näm­lich! Und schon waren wir unter uns allein mit den Maschi­nen. Ich ver­such­te also zu spre­chen. Es ist sehr schwer einer schla­fen­den Per­son zu erzäh­len, man hört nur sich selbst, und man glaubt nicht, was man erzählt, obwohl doch alles wahr ist, was man erzählt. Sofort in die­ser Not­la­ge such­te ich in den Maga­zi­nen mei­ner Schreib­ma­schi­ne nach Geschich­ten, die ich vor­le­sen könn­te, vor­le­sen, sagen wir, wie spre­chen, mit mei­ner Stim­me locken. Ich sag­te: Fol­gen­des, hör zu! Da ist ein Muse­um, das Muse­um der Nacht­häu­ser, das sich in New York am Shore Bou­le­vard nörd­lich der Hell Gates Bridge befin­det, ein recht klei­nes Haus, rote Back­stei­ne, ein Schorn­stein, der an einen Fabrik­schlot erin­nert, ein Gar­ten, in dem ver­wit­ter­te Apfel­bäu­me ste­hen, und der Eas­tri­ver — Fluss so nah, dass man ihn rie­chen kann. Wäh­rend eines Spa­zier­gan­ges, zufäl­lig, ent­deck­te ich die­ses Muse­um, von dem ich nie zuvor hör­te. Es war ein spä­ter Nach­mit­tag, ich muss­te etwas war­ten, weil, so war zu lesen, das Muse­um nicht vor Ein­bruch der Däm­me­rung geöff­net wür­de. Es ist eben ein Muse­um für Nacht­men­schen, die in Nacht­häu­sern woh­nen, wel­che erfun­den wor­den waren, um Nacht­men­schen art­ge­rech­tes Woh­nen zu ermög­li­chen. Als das Muse­um dann öff­ne­te, war ich schon etwas müde gewor­den, und weil ich der ein­zi­ge Besu­cher in die­ser Nacht gewe­sen war, führ­te mich ein jun­ger Mann her­um. Er war sehr gedul­dig, war­te­te, wenn ich wie wild in mein Notiz­buch notier­te, weil er über­aus span­nen­de Geschich­ten erzähl­te von jenen merk­wür­di­gen Gegen­stän­den, die in den Vitri­nen des Muse­ums ver­sam­melt waren. Von einem die­ser Gegen­stän­de will ich kurz erzäh­len, von einem metal­le­nen Wesen, das mich an eine Kreu­zung zwi­schen einem Gecko und einer Spin­ne erin­ner­te. Das Ding war ver­ros­tet. Es hat­te die Grö­ße eines Schuh­kar­tons. An je einer Sei­te des Objekts saßen Bei­ne fest, die über Saug­näp­fe ver­füg­ten, eine Kame­ra thron­te oben­auf wie ein Rei­ter. Der jun­ge Mann erzähl­te, dass es sich bei die­sem Gerät um ein Instru­ment der Ver­tei­di­gung han­de­le, aus einer Zeit da Nacht­men­schen mit Tag­men­schen noch unter den Dächern ein und der­sel­ben Häu­ser wohn­ten. Das klei­ne Tier saß in der Vitri­ne, als wür­de er sich ducken, als wür­de es jeder­zeit wie­der eine Wand bestei­gen wol­len. Das war näm­lich sei­ne vor­neh­me Auf­ga­be gewe­sen, Zim­mer­wän­de zu bestei­gen in der Nacht, sich an Zim­mer­de­cken zu hef­ten und mit klei­nen oder grö­ße­ren Ham­mer­werk­zeu­gen Klopf,- oder Schlag­ge­räu­sche zu erzeu­gen, um Tag­men­schen aus dem Schlaf zu holen, die ihrer­seits weni­ge Stun­den zuvor noch durch ihre har­ten Schrit­te den Erfin­der der Gec­k­o­ma­schi­ne, einen Nacht­ar­bei­ter, aus sei­nen Träu­men geris­sen hat­ten. Ja, zum Teu­fel, schon zum hun­derts­ten Male war das so gesche­hen, obwohl man aller­freund­lichst um etwas Ruhe, um etwas Vor­sicht gebe­ten hat­te, nein gefleht, nein geflüs­tert. Es war, sag­te der jun­ge Mann, immer so gewe­sen damals in die­ser schreck­li­chen Zeit, dass sich jene Tag­men­schen, die über geräu­mi­gen Zim­mern wohn­ten, sicher fühl­ten vor jenen Nacht­men­schen, die unter ihnen wohn­ten und mit ihren Schrit­ten die Zim­mer­de­cke nie­mals errei­chen konn­ten. Aus und fini! — stop
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vom brausetütchen

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echo : 0.28 UTC — Zeit­räu­me mei­nes Lebens exis­tie­ren, für die ich kei­ne Erin­ne­rung habe, Bil­der, Geräu­sche, Geschich­ten, Gegen­stän­de, die ich sofort auf­ru­fen könn­te, irgend­wo sind sie ver­steckt. Vor kur­zem erin­ner­te ich mich an Spring­spie­le mei­ner Kind­heit, was waren das für Gum­mi­bän­der gewe­sen? Brau­se­tüt­chen. Ein Plat­ten­spie­ler. Ein sich im Wind wie­gen­der Baum. — Das Wort Pan­de­mie ist mir schon lang bekannt, wann prä­zi­se könn­te ich das Wort zunächt gele­sen oder gehört haben? — stop

luftgang

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echo : 15.12 UTC — Ein­mal, abends, begin­ne ich Natha­lie Sar­rau­tes Kind­heit zum zwei­ten Male zu lesen. Das Buch beglei­tet mich seit Jah­ren. Wun­der­voll, wie sich ihre Geschich­ten Lebe­we­sen gleich von den Sei­ten lösen. Das Mäd­chen, das so lan­ge kaut, bis alles in ihrem Mund befind­li­che zu Sup­pe gewor­den ist. Wie das­sel­be Mäd­chen die Luft anhält an einer Stra­ßen­kreu­zung war­tend, um dem Essig­ge­ruch ihres Kin­der­mäd­chens zu ent­ge­hen. Wie sie einen Tele­gra­fen­mast berührt, und glaubt zu ster­ben. Wie sie bemerkt, dass die Mut­ter sich nicht in sie hin­ein­zu­set­zen ver­moch­te. Wie sie der Mut­ter einen Löf­fel Staub reicht, um ein Geschwis­ter­chen zu bekom­men. — Auch ich habe heu­te mehr­fach die Luft ange­hal­ten, um dem Atem pas­sie­ren­der Men­schen zu ent­ge­hen. — stop
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echo : 15.02 UTC — Vor­satz: In der kom­men­den Woche nach Schlaf zunächst das lin­ke Auge öff­nen, dem­zu­fol­ge nie­mals das rech­te Auge vor dem lin­ken Auge öff­nen. — stop
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metamorphosen

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tan­go : 15.38 UTC — Eine Frau sitzt an einem Tisch, Sie notiert Ovids Meta­mor­pho­sen auf eine Papier­luft­schlan­ge. Wie behut­sam sie vor­geht, um das Papier nicht zu zer­rei­ßen. Kaum ist sie mit der Beschrif­tung einer der papie­re­nen Stre­cken zu Ende gekom­men, ver­bin­det sie mit einem Tröpf­chen Kleb­stoff eine wei­te­re noch unbe­schrif­te­te Schlan­ge. Kurz dar­auf notiert sie wei­ter, sehr fei­ner Pin­sel. Vor drei Jah­ren war ich die­ser Frau zum ers­ten Mal begeg­net. Heut ist sie noch immer frisch, eine Blü­te, viel­leicht des­halb, weil ihre Auf­ga­be, ihr Pro­jekt, unend­lich zu sein scheint. Vic­tor Klem­pe­rers Tage­bü­cher bereits seit Mai, dem 5. — stop

regenhell

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whis­key : 22.14 UTC — Ein­mal, vor Jah­ren, wach­te ich auf. Es war sehr hell im Zim­mer. Ich bemerk­te, dass es über Nacht uner­war­tet hef­tig geschneit hat­te, all das Weiß vor den Fens­tern, und ich dach­te für einen Moment, ich soll­te das Bild kor­ri­gie­ren. Und ges­tern nun eine ähn­li­che Geschich­te, es hat­te gereg­net, die Bäu­me vor mei­nem Fens­ter tropf­ten, ein Knis­tern oder lei­ses Rau­schen. — stop

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im wartesaal

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del­ta : 11.16 UTC — Alle Welt scheint zu war­ten auf bes­se­res Wet­ter, auf E‑Mail, auf Brie­fe, Anru­fe, Begeg­nun­gen, Kin­der, eine Bit­te, eine Ent­schei­dung, einen Dank, eine Nach­richt, eine Rück­kehr, ein Lebens­zei­chen, eine Imp­fung, auf das Ende der Nacht, der Tage, des Lebens. Viel Zeit ver­geht. — stop
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variationen

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echo : 20.08 UTC — Ein Pro­gramm exis­tiert, wel­ches digi­tal ver­zeich­ne­te Geräu­sche zu ana­ly­sie­ren ver­mag. Ich ent­deck­te mit sei­ner Unter­stüt­zung den Titel eines Stan­dards von Ben­ny Good­man. Beob­ach­te­te Kon­zert­fil­me, Varia­tio­nen ein und des­sel­ben Stücks, ähn­lich der ana­to­mi­schen Varia­tio­nen, die in mensch­li­chen Kör­pern zu fin­den sind. Schall­plat­ten, digi­ta­le Kopien wie gefro­ren. Zeit­kap­seln, die wie kleins­te Teil­chen durch den Raum rei­sen, Mole­kü­le tref­fen, Infor­ma­tio­nen ver­än­dern. — stop

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