nahe granada

picping

MELDUNG. Engel, Schule zu St. Nazaire, sind heute Abend von 10 bis 12 bei leichter Nacht­flie­gerei über dem Pico Veleta [ Sierra Nevada ] anzu­treffen. Eintritt frei. – stop

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faltergeschichte

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sierra : 0.55 – Ein Nacht­falter segelte durch mein Arbeits­zimmer als sei er eine Erin­ne­rung. Das Tier war so müde und so schwach, dass es sich der Luft anver­traute. Kurz darauf saß der Falter auf dem Boden und ich hob ihn auf und setzte ihn behutsam an eine Wand. – Es ist jetzt bald 1 Stunde nach Mitter­nacht. Ein paar Dioden­lichter glühen zu mir herüber. Ich werde den Falter füttern, werde ihn mittels Zucker­wasser über den Winter bringen. Er könnte viel­leicht 250 Jahre alt, er könnte ein Lich­ten­berg­falter sein, der bei mir zu Kräften kommen möchte. – stop

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gedankenechse

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alpha : 0.25 – Seit Jahren tatsäch­lich, und mit Vergnügen, beob­achte ich einen Gedanken, der sich nicht bewegt, kein Buch­sta­ben­zei­chen des Gedan­kens rührt sich von der Stelle. Manchmal denke ich, der Gedanke bewegt sich heim­lich, während ich andere Gedanken denke. – stop

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erste fotografie

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tango : 15.00 UTC – Ich habe sie heute wieder­ent­deckt in einer Schachtel, die ich unter meinem Sofa versteckte, eine Foto­grafie, die zeigt, wie ich kurz nach meiner Geburt ausge­sehen habe. Ich war schon geputzt, aber noch immer zerfurcht vom langen Warten unter Wasser. Vor vielen Jahren, als ich mich an diese erste Foto­grafie meines Lebens erin­nert hatte, war mir bewusst geworden, dass eines Tages einmal eine weitere Foto­grafie exis­tieren wird, eine Foto­grafie, die die letzte Aufnahme gewesen sein wird meiner Person als einer lebenden Person. Auch war mir bewusst geworden, dass das ZUR WELT KOMMEN mit Entfal­tung zu tun haben könnte. Mein erster Schatten. Ich wäre im Jahr meiner Geburt in Farbe bereits möglich gewesen. – stop

signalleuchten

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nordpol : 0.22 UTC – cnegwsi . downesji . tlen­si­unei . brekak­corei . unle­aishi . bash­j­ki­ri­coh­mecoi . troack­teci . awfmuli . sotep­ma­niai . kkai­zeni . jocur­ri­is­ketelui . sketelui . warend­jorfi . warend­jorfi . kuryt­lari . nzitratoi . vamp­kiroi . skipf­hirei. stop. Selt­same Dinge geschehen. Irgendein Mensch oder irgend­eine digi­tale Maschine pflanzt seit Tagen Zeichen­ketten oder Wörter in den Code meiner Parti­cles­welt. Hinter diesen Zeichen wiederum sind Weiter­lei­tungen versteckt, die meine Augen in digi­tales Rotlicht führen wie fangen. – stop

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regen

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nordpol : 0.22 UTC – Seit 1271 Tagen bereits versuche ich von einem Zimmer zu träumen, in dem es immer­fort regnet. Ich mache das so, dass ich in den Minuten, da ich einzu­schlafen wünsche, über­lege, wie es wäre, wenn in dem Zimmer, in dem ich mich gerade befinde, Regen fallen würde. Diese Methode des Regen­den­kens ist leider bislang nicht sehr erfolg­reich gewesen. Immer wieder schlafe ich ein, ohne je vom Regen­zimmer zu träumen. Einmal, als ich erwachte, hörte ich wirk­li­chen Regen draussen in den nächt­li­chen Bäumen. Ich ging dann spazieren und dachte darüber nach, wie sich unsere Menschen­welt verän­dern würde, wenn wir von einem Tag zum anderen Tag über armlange Zungen der Geckos verfügten? In welcher Form kämen sie in einer voll­be­setzten Stra­ßen­bahn zum Einsatz? Und wie bei der Liebe? Und wie im Streit? Und was würden diese Zungen wohl im Schlaf unter­nehmen? – stop

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nabokov’s uhr

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romeo : 0.02 UTC – Vor einiger Zeit schrieb Nabokov einen Brief. Er habe mir, so Nabokov, eine unge­wöhn­liche Uhr geschickt, ich solle ihm notieren, sobald sie ange­kommen sei. Wenige Tage später meldete sich Nabokov erneut: Lieber Louis, ist die Uhr, die ich Dir sendete, ange­kommen? Wenige Tag zuvor war Nabo­kov’s Uhr in meinem Brief­kasten ange­kommen, zoll­amt­li­cher Vermerk: Zur Prüfung geöffnet. Ich will an dieser Stelle bemerken, von der Öffnung des Päck­chens war nicht die mindeste Spur zu erkennen, kein Schnitt, kein Riss, keine Falte. Im Päck­chen nun eine Schachtel von hellem Karton, in der Schachtel Seiden­pa­piere, von Nabo­kovs eigener Hand vermut­lich zerknüllt. In weitere Seiden­pa­piere einge­schlagen, besagte Uhr, wunder­bares Stück, ovales Gehäuse, blechern, vermut­lich Trom­pete, welches schwer in der Hand liegt. Kurio­ser­weise fehlt der Uhr das Ziffer­blatt, weiterhin keinerlei Zeiger, weder Dioden noch Leucht­zei­chen. Ich versuchte das Gehäuse der Uhr zu öffnen, vergeb­lich. Erstaun­lich ist nun, dass, wenn ich auf das Gehäuse der Uhr Druck ausübe, sich ein schmaler Schacht seit­lich öffnet, dem, wie zum Beweis der Exis­tenz der Zeit, ein Streifen feinsten Papiers entkommt, auf welchem ein Uhrzeit­punkt aufge­tragen worden ist. Sechs­sieb­zehn­zwölf. Erstaun­liche Sache, wirk­lich erstaun­lich! – stop

indulin

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echo : 20.55 UTC – Eine wunder­bare Geschichte habe ich vor vielen Jahren entdeckt, eine Geschichte der kata­la­ni­schen Schrift­stel­lerin Mercè Rodo­reda. Ich will sie an dieser Stelle an diesem schönen Sams­tag­abend wieder­be­leben. Mercè Rodo­reda schreibt: Sie ist weiß und sie ist blau. Das heißt, sie ist weiß wie die weiße Rose, und ganz plötz­lich wird sie blau. Ein Insekt färbt sie, so scheint es, aber niemand weiß, wie es das macht. Ein Augen­blick der Zerstreut­heit und schon ist sie blau. Dieses Insekt trägt in einem Knie, mit fadigem Spei­chel fest­ge­näht, ein Päck­chen, und in diesem Päck­chen, umgeben von Eiern und von Blau – reinstes Indulin – ist der Ehemann. Dieser Ehemann schläft den ganzen Tag und bebrütet die Eier, die durch ein Loch in das Päck­chen fallen, das in dem Knie ist, woran es fest­ge­näht ist. Wenn die Stunde kommt, kriecht das Insekt der Blume ins Herz, lädt das Päck­chen ab, und die Blume, die weiß war, wird blau von oben bis unten. Sie sagen: – Oh, es ist nämlich so, daß der Ehemann, sobald er sich blumen­um­hüllt sieht, das Päck­chen aufbricht und alles von blauem Saft über­schwemmt wird und die Eier platzen und die Kleinen sofort losfliegen, jedes mit seinem Päck­chen im Knie … einver­standen. Aber das sind bloße Vermu­tungen. Die Wahr­heit ist, daß die Blume in einem Nu blau wird. Wie? Dahinter kommt man nie, und jeder­mann ist ein bißchen durch­ein­ander und verwirrt. – stop
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ein mann

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delta : 22.15 UTC – Ich beob­ach­tete einen Mann, der auf einer Roll­treppe entgegen ihrer Fahr­rich­tung spazierte. Kurz darauf besuchte ich einen Super­markt. Während ich Äpfel und Birnen wog, dachte ich an diesen Mann auf der Roll­treppe. Ich über­legte, der Mann könnte viel­leicht den Versuch unter­nehmen, mehrere Tage und Nächte auf einer Roll­treppe zu spazieren, ohne je das eine oder andere Ende der Roll­treppe zu errei­chen. Kurz darauf kam ich wieder an derselben Roll­treppe vorüber. Der Mann lief noch immer gegen die Lauf­rich­tung der Treppe. Passanten waren stehen­ge­blieben. Ich selbst hatte für einen Augen­blick ein selt­sames Gefühl der Verant­wort­lich­keit für das Handeln des Mannes. – stop
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