himalaya : UTC — Seit ich denken kann, brennt das Licht im Küchenfenster der Wohnung gegenüber, ein Stockwerk tiefer. Nie habe ich ein menschliches Wesen dort gesehen. Nicht in der Nacht, am Morgen, nicht während des Tages. Ich lauerte. Es wurde Winter. Immer auch im Winter stand das Fenster weit offen und es brannte Licht. Es wurde Sommer, und auch im Sommer brannte das Licht wie im Winter von früh bis spät. An diesem heutigen nachmittag habe ich einen Vogel beobachtet, einen riesigen Vogel, der aus dem Fenster flog.
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Aus der Wörtersammlung: wohnung
vom wandblitz
echo : 22.58 — Es ist über zehn lange Jahre her, da stellte mich mir vor, wie es wohl wäre, wenn ich durch meine Wohnung tauchen könnte. Ich machte mich unverzüglich an die Arbeit. Zunächst stieg das Wasser in den Zimmern. Es kam nicht von oben, sondern von unten. Das Wasser kam wie ein Gast durch die Wohnungstür herein, die geschlossen war, aber nicht wirklich dicht. Es stieg schnell, viel zu schnell, um meine Bücher noch in Sicherheit bringen zu können. Saß auf einem Stuhl in der Küche, die Füße auf dem Boden, als das Wasser, bernsteinfarben und warm, eine Steckdose erreichte. Ich erwartete, von einem Wandblitz getroffen zu werden – ein Irrtum. Stattdessen begann ich zu leuchten. Zunächst leuchtete ich mit den Händen, dann leuchteten meine Arme. In dem Moment, da das Wasser meinen Mund erreichte, holte ich tief Luft und tauchte los. Eine Banane schwebte vorüber wie ein Fisch, Papiere und Zeitungen und zwei heftig zappelnde Mäuse, von deren Existenz ich nichts ahnte. Die Schreibmaschine auf dem Tisch funktionierte noch, wie alle Lampen in der Wohnung. Und so schwebe ich nun also gerade kopfüber und schreibe. Schöne Geräusche sind zu hören, es knistert, vielleicht bin ich das selbst. Wieder später Abend, Frühling statt Sommer, ich bin noch immer derselbe, wenngleich gealtert. Das war abzusehen. — stop
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zebraspringspinne
echo : 5.25 UTC — Wenn ich mich an mich selbst zu erinnern wünsche als glücklicher Mensch, könnte ich mich betrachten, wie ich an einem frühen Morgen auf dem Fensterbrett nach Süden zu eine Zebraspringspinne von höchstens 2 Gramm Gewicht beobachte. Die Spinne spaziert dort unter meinen Augen furchtlos auf und ab. Möglicherweise ist sie kürzlich erst durch die Luft geflogen oder aber den ganzen Winter über in meiner Nähe gewesen, ohne dass ich sie bemerkte. Für einen Moment halten wir beide inne und schauen in Richtung der Dämmerung. Eine Straßenbahn kommt um die Kurve gefahren, es ist die erste Straßenbahn dieses Tages. Ich schließe die Fenster. Mit dieser ersten Straßenbahn kommt der Tag in die Nacht, Vögel steigen aus und hocken sich in Bäume und singen, während Fliegen und Falter aus meiner Wohnung flüchten, um einzusteigen und rasch davonzufahren. Ich sollte morgens einmal auf die Straße treten und zur Haltestelle gehen und warten, da nun die erste Fahrt der Linie 16 eintreffen und der Fahrer von Nachtfaltern bedeckt sein wird, und die Sitze und Lampen, und auch die Arbeiter und Arbeiterinnen der Frühschicht. Dichte, bittere, staubige Luft, ein sonores Summen zehntausender Flügel. Kleine, harte Käferkörper stürmen durch weichen, fliegenden Falterwald, ping, pong, ping. — Heute ist ein seltsamer Tag. Ich habe eine neue Schrift entdeckt, Schriftzeichen, die ich selbst nicht in der Lage sein werde zu entziffern, ohne größere Vorbereitungen zu treffen. Nichts weiter. — stop

matrjoschka
nordpol : 17.12 UTC — Auf dem südlichen Fensterbrett meiner Wohnung steht seit längerer Zeit eine Matroschka-Puppe. Zuvor war sie in einer Truhe verborgen gewesen im Hause meiner Eltern, als meine Eltern noch lebten. Diese Puppe steht so selbstverständlich an Ort und Stelle, dass ich sie seit unbestimmter Zeit nicht wahrgenommen hatte. Vielleicht hätte ich ihr Fehlen bemerkt, aber nicht ihre Anwesenheit. Vor wenigen Tagen ist etwas Seltsames geschehen. Ich stand am Fenster und entdeckte die Puppe, als wäre sie eine vollständig neue Erscheinung. Als ich mich abwandte, erinnerte ich mich daran, sie als Kind geöffnet zu haben, bis zur kleinsten Puppe hin. Ich legte damals um die kleinste der Puppen einen gefalteten Zettel mit dem Vorsatz, irgendwann einmal nachzusehen, ob die Puppe vielleicht von irgendjemandem während meiner Abwesenheit geöffnet worden war. Nun nahm ich die Matroschka-Puppe also in die Hand und begann, mich langsam zu der kleinsten der Puppen vorzuarbeiten. Acht Puppen saßen über viele Jahre ineinandergestellt in einer Truhe, später in einem Umzugskarton, bis sie hier in meinem Südzimmer angekommen waren. Als ich die letzte der Hohlraumpuppen erreicht hatte, rutschte tatsächlich ein Zettel auf den Tisch, ein Zettel, an dessen hellgrüne Farbe ich mich erinnert hatte.- stop
vom suchen
india : 14.01 UTC — Im verwaisten Haus meiner Eltern hatte ich 18 Brillen entdeckt. Sie waren geputzt, da und dort ein Fingerabdruck. 4 Brillen für die Welt. 14 Brillen für Bücher und Zeitungen. Brillen wie Schuhe und Hüte, sehr nah wie von Zeitfäden an meine Tage genäht. Seit ich nun eine eigene Brille für die Ferne trage, weiß ich, dass sie gern verloren geht, und dass ich suchend auf dem Weg durch meine Wohnung ganz andere Dinge finde als meine Brille für die Ferne, einen Stoffbären zum Beispiel, 8 Zentimeter hoch, welchen ich in einem Park bei Regen entdeckte. Der kleine Bär war nass gewesen, ich nahm ihn mit. Oder eine fliegende Meduse, hellblau und durchscheinend und von einem zarten Geruch nach Salz und Zimt. So hatte ich über die Meduse auf einen Zettel notiert, der hinter mein Sofa gefallen war und wiederentdeckt, zu leuchten begann, durchscheinend von einem Geruch nach Salz und Zimt. — stop

tonspur
delta : 22.32 UTC — L. erzählt, sie habe den Mann, der in einer Wohnung lebt, die sich hinter der Wand ihrer Küche befindet, noch nie gesehen. Seit einem Jahr hört sie seine Lebenszeichen, ein blechern klingendes Radio. Das Radio spielt Jazzmusik. Manchmal ein Piepsen, vielleicht das Piepsen einer Mikrowelle. Abends fällt Licht an eine gegenüberliegende Hauswand, er ist zu Hause, ein Schatten bewegt sich. Sie wünschte sich einen Türspion, durch den sie auf den Flur spähen könnte. Oft Stimmen, als wäre die Küche voller Menschen. Nein, sie habe sich nicht gelauscht, die Stimmen sind laut. Schritte draußen auf dem Flur sind nie zu vernehmen. Das Geräusch eines Wasserhahns. Das Scheppern von Metall. Ein hell singendes Glas. Türen auf und zu. Die Stimmen, die sie hört, immer abends, eine Tonspur junger Stimmen, fröhlich, in arabischer, englischer, französischer Sprache. Nachts Stille, manchmal spät, soeben Dämmerung vor den Fenstern, wieder Stimmen. Sie meint, ihr Nachbar würde vermeiden, gesehen zu werden. Er will nicht gesehen werden, denkt sie, aber doch bemerkt. Sie würde ihm helfen in der Not. Unlängst, kurz vor Weihnachten, hörte sie seine Wohnungstür draußen in nächster Nähe. Sie war bereits in ihren Regenmantel geschlüpft. — stop

Lew Kopelew und Raissa Orlowa
Anfang der 80er Jahre in Crottorf.
Vertraute vertraut im
Garten arbeitend.
Fotografie: Archiv
der FSO Bremen
polarnacht
romeo : 2.15 UTC — In der Nacht seltsam dunkel. Er steht auf, öffnet die Tür zur Diele. Kein Licht in der Küche. Auch nicht von der Straße her. Kühlschrank dunkel. Himmel dunkel. Fenster der Wohnungen des Hauses im vierten Stock gegenüber ohne Licht. Im Treppenhaus dort irren Taschenlampenlichter oder Mobiltelefone. Hier, sagt er laut, ist der Tisch, und hier ist der Herd und hier sind Klinke und Tür zu Bad. Er bemerkt in diesen Minuten einer Nacht ohne Elektrizität, dass er das Licht seiner Vorstellungskraft zu erhellen vermag, in dem er von den Gegenständen spricht, an die er sich erinnern will. Tür zum Arbeitszimmer. Schreibtisch gleich links. Vorsicht Lampenschirm. Ein Buch. Schreibmaschine. Kaffeetasse. Zwei Stifte, tatsächlich. — stop
louis
echo : 20.02 UTC — Seit einigen Tagen wohnt eine Fliege in meinen Zimmern, mit mir unter dem Dach. Ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, dass jene Fliege, die ich zuletzt beobachtet habe, als ich kurz vor dem Schlaf noch einmal in die Küche trat, dieselbe Fliege war, die mich morgens schon im Flur mit einem Flugmanöver begrüßte. Da ich meine Fenster während der Nacht geöffnet hatte, könnte die Abendfliege meine Wohnung verlassen haben, indessen die Morgenfliege irgendwann in der Nacht hereingekommen war, um zu bleiben. Ich stelle fest: Ich vermag, nach Beobachtung ihrer Gestalt, eine Fliege von einer anderen Fliege nicht zu unterscheiden; sie sind groß oder klein und schillern und haben eine Flügelstimme, die mir je vertraut zu sein scheint. Nun ist jedoch Folgendes zu erzählen. Diese, eine Fliege, die vermutlich bereits seit Tagen bei mir wohnt, verhält sich, wie noch nie eine Fliege zuvor in meiner Wohnung sich verhalten hatte. Sie folgt mir nämlich Tagein, tagaus. Sobald ich mich von einem Stuhl erhebe, begleitet mich die Fliege in den Flur und weiter in mein Arbeitszimmer und wieder zurück. Sie fliegt, weil sie mir im Gehen auf dem Fußboden, an einer Wand oder einer Decke, nicht folgen könnte, an meiner Seite, und zwar in der Höhe meines Kopfes. Ich habe diese Beobachtung mehrfach überprüft, indem ich meine Aufmerksamkeit auf diese eine Fliege lenkte, bevor ich eine Wanderung durch die Wohnung begann. Die Fliege scheint auf mich zu warten, dass ich etwas unternehmen möge. Ich habe ihr einen Namen gegeben: Die Fliege heißt Louis. Louis wünscht, so mein Eindruck, für den Rest seines Lebens bei mir zu bleiben. — stop
ein brennender vogel
echo : 0.10 UTC — Ich bin noch immer leicht verwirrt von dem, was vor wenigen Minuten passierte. Ein Blitz ist möglicherweise in nächster Nähe eingeschlagen. Ich erinnere mich, ich hatte meine Fenster geöffnet, es begann heftig zu regnen, dann wurde es plötzlich still. Ich lehnte noch an der Wand meines Arbeitszimmers. Es roch ein wenig nach Metall, meine Zunge schmeckte nach einem Löffel von Zinn, wie früher, sobald ich ein Frühstücksei öffnete. Wenn ich mir Mühe gebe, kann ich mit meinem linken Ohr ein leises Summen vernehmen, das eventuell nicht außen, sondern innen in meinem Kopf sich ereignet. Rechts ist wirkliche Stille. Aber ich kann sehen, mit beiden Augen sehen. Ein Vogel sitzt auf meinem Sofa, er scheint zu brennen, weswegen ich mich sofort auf den Weg machen werde, ein Glas Wasser zu holen. Es ist seltsam, tatsächlich ist die Erfahrung der Gehörlosigkeit in dieser Nacht, die Erfahrung vollständiger Abwesenheit eines Teiles meines Kopfes. – Ein junger Mann erzählte im Radio, er habe in der Stadt Mariupol eine Wohnung besucht. Er sagt: Auf dem Boden lag eine tote Katze in der Nähe zwei alter Menschen, die auf einem Sofa hockten tot wie die Katze. — stop

von den eisvögeln
india : 8.12 UTC — Im Juli des Jahres 2012 hatte ich Eisvogelwörter entdeckt. Ich wiederhole. Nicht erwartete Vielfalt: Herkules-Eisvogel (Alcedo hercules), Kobalt-Eisvogel (Alcedo semitorquata), Schillereisvogel (Alcedo quadribrachys), Meninting-Eisvogel (Alcedo meninting) Azurfischer (Alcedo azurea), Brustband-Eisvogel (Alcedo euryzona), Blaubrustfischer (Alcedo cyanopecta), Silberfischer (Alcedo argentata), Madagaskarzwergfischer oder Schwarzschnabel-Zwergfischer (Alcedo vintsioides), Hauben-Zwergfischer oder Malachit-Eisvogel (Alcedo cristata), Sao-Tomé-Zwergfischer (Alcedo thomensis), Principe-Zwergfischer (Alcedo nais), Weißbauch-Zwergfischer (Alcedo leucogaster), Türkisfischer (Alcedo coerulescens), Papuafischer (Alcedo pusilla) — Auch seltsame Wörter in folgender Nahaufnahme: Der Eisvogel ernährt sich von Fischen, Wasserinsekten und deren Larven, Kleinkrebsen und Kaulquappen. Er kann Fische bis neun Zentimeter Länge mit einer maximalen Rückenhöhe von zwei Zentimetern verschlingen. Bei langgestreckten, dünnen Arten verschiebt sich die Höchstgrenze auf zwölf Zentimeter Körperlänge. Die Jagdmethode des Eisvogels ist das Stoßtauchen. Von einer passenden Sitzwarte im oder nahe am Wasser wird der Stoß angesetzt. Wenn er eine mögliche Beute entdeckt, stürzt er sich schräg nach unten kopfüber ins Wasser und beschleunigt dabei meist mit kurzen Flügelschlägen. Die Augen bleiben beim Eintauchen offen und werden durch das Vorziehen der Nickhaut geschützt. Ist die Wasseroberfläche erreicht, wird der Körper gestreckt und die Flügel eng angelegt oder nach oben ausgestreckt. Bereits kurz vor dem Ergreifen der Beute wird mit ausgebreiteten Flügeln und Beinen gebremst. Zur Wasseroberfläche steigt er zuerst mit dem Nacken, wobei er den Kopf an die Brust gepresst hält. Schließlich wird der Schnabel mit einem Ruck aus dem Wasser gerissen und der Vogel startet entweder sofort oder nach einer kurzen Ruhepause zum Rückflug auf die Sitzwarte. Im Allgemeinen dauert ein Versuch nicht mehr als zwei bis drei Sekunden. Der Eisvogel kann aber auch aus einem kurzen Rüttelflug tauchen, wenn ein geeigneter Ansitz fehlt. Nicht jeder Tauchgang ist erfolgreich, er stößt oft daneben. Der Eisvogel benötigt zur Bearbeitung der Beute in der Regel einen dicken Ast oder eine andere, möglichst wenig schwingende Unterlage. Kleinere Beute wird mit kräftigem Schnabeldrücken oft sofort verschluckt. Größere Fische werden auf den Ast zurückgebracht, dort tot geschüttelt oder auf den Ast geschlagen, im Schnabel „gewendet“ und mit dem Kopf voran verschluckt; anderenfalls könnten sich im Schlund die Schuppen des Fisches sträuben. Der Eisvogel schluckt seine Beute in einem Stück. Unverdauliches, wie Fischknochen oder Insektenreste werden etwa ein bis zwei Stunden nach der Mahlzeit als Gewölle heraufgewürgt. / quelle: wikipedia Das Radio erzählt, in der Stadt Mariupol sollen tausende Singvögel in eiskalten, fluchtartig verlassenen Wohnungen verdurstet sein. — stop



