Schlagwort: eigentlich

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von der killerimpfung

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nord­pol : 20.18 UTC — Grad sind wir aus dem Zug gestie­gen, ste­hen noch auf dem Bahn­steig. Sie will mir noch etwas sagen. Dass ich nur des­halb noch am Leben sei, weil jene ers­te und jene zwei­te Imp­fung, die ich erhal­te habe im ver­gan­ge­nen Som­mer, Köder­imp­fun­gen gewe­sen sei­en. Man tue so, als wäre mit den Imp­fun­gen alles in Ord­nung. Eine Irr­tum, fatal! Juden wur­den von die­sen ver­damm­ten Nazis damals auch getäuscht. Und jetzt geht das wie­der los. Sie spricht mit lei­ser Stim­me, sehr selt­sam: Alle die­se dum­men Men­schen, die noch gezö­gert haben, wer­den jetzt, heu­te, in die­ser Minu­te, mit der eigent­li­chen, der töd­li­chen Dosis gespritzt. Dass ich bereits die drit­te Imp­fung emp­fan­gen habe: Scha­de! Das war für Dich die Kil­ler­imp­fung, jetzt machen sie den Sack zu. — Sie schaut mich ernst und trau­rig an. Ihr Roll­kof­fer quietsch ein wenig, wie sie davon geht. — stop
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ms molinari

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whis­key : 15.47 UTC — In der Nacht zum 10. Dezem­ber 2015 war etwas sehr Merk­wür­di­ges gesche­hen. Ich beob­ach­te­te auf dem Bild­schirm mei­ner Schreib­ma­schi­ne die pen­deln­de Bewe­gung zwei­er Fähr­schif­fe der Sta­ten Island Flot­te auf der Upper New York Bay. Es han­del­te sich einer­seits um die Fäh­re MS Moli­na­ri, ande­rer­seits um die Fäh­re MS Andrew J. Bar­be­ri. Stun­den­lan­ge plan­mä­ßi­ge Rei­sen der Schif­fe von Stadt­teil zu Stadt­teil. Plötz­lich, es war gegen 4 Uhr euro­päi­scher Zeit gewe­sen, 10 Uhr abends in New York, nahm die Fäh­re MS Moli­na­ri Kurs auf das offe­ne Meer hin­aus, ein so von mir noch nie zuvor beob­ach­te­ter Vor­gang. Nach einer hal­ben Stun­de wur­de das Schiff lang­sa­mer, war­te­te eini­ge Minu­ten, als wür­de es nach­den­ken, um kurz dar­auf zu wen­den und zur St. Geor­ge Ter­mi­nal­sta­ti­on zurück­zu­keh­ren. Weni­ge Minu­ten spä­ter ver­ließ die Fäh­re John F. Ken­ne­dy, eigent­lich eine Tag­fäh­re, das Ter­mi­nal in Rich­tung Man­hat­tan Süd. Ich notier­te: Das ist tat­säch­lich sehr selt­sam, ich muss wach blei­ben, ich muss das Selt­sa­me wei­ter beob­ach­ten. Also blieb ich wach. Ich beob­ach­te­te stun­den­lang, längst war die Son­ne auf­ge­gan­gen, Fähr­schif­fe der Sta­ten Island Flot­te auf einer digi­ta­len Kar­te, ihre Sym­bo­le, ihre Namen. Am Nach­mit­tag gegen 15 Uhr schlief ich vor dem Bild­schirm ein. Zu die­sem Zeit­punkt neig­te sich in New York die Nacht lang­sam ihrem Ende zu. — stop
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maskentier No 1

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tan­go : 0.06 UTC — In einer gezeich­ne­ten Vor­stel­lung der Mas­ken­tie­re sind Augen zu bemer­ken. Das ist sehr selt­sam, weil Augen nicht eigent­lich sinn­voll oder unver­zicht­bar sind für den Zweck, dem Mas­ken­tie­re bald ein­mal die­nen wer­den. Es ist näm­lich so, dass Mas­ken­tie­re in der Lage sein soll­ten, sich auf mensch­li­che Mün­der und Nasen nie­der­zu­le­gen, um die­sel­ben zu beatmen, dem­zu­fol­ge Luft aus der Atmo­sphä­re zu ent­neh­men, um die­se even­tu­ell kon­ta­mi­nier­te Luft für Men­schen oder ande­re Tie­re sorg­fäl­tigst zu fil­tern, indem sie in Stun­den, da sie ihrer Bestim­mung fol­gen, auf viel­fäl­tig gestal­te­ten Wan­gen, Nasen­rü­cken, Hals­par­tien so dicht zu lie­gen kom­men, dass kein Gramm einer Viren­last je an ihren Rän­dern oder Enden ent­wei­chen könn­te. Es ist statt­des­sen ganz wun­der­bar sau­be­re Luft, die sie spen­den, und es ist ganz wun­der­bar sau­be­re Luft, die sie im Gegen­zug wie­der an die Welt zurück­ge­ben wer­den. Natür­lich ist denk­bar, dass kein Wort, kein Schrei durch ihre Leder­haut hin­durch nach drau­ßen drin­gen wird, es wird also stil­ler unter den Men­schen, die schwei­gen und sich sicher füh­len, sobald sie mit ihren wär­men­den Mas­ken über Stra­ßen und durch Waren­häu­ser spa­zie­ren. Dann ist Abend gewor­den, und man legt das getra­ge­ne Tier zurück in einen Behäl­ter, der mit Was­ser gefüllt ist. Dort schwim­men sie dann auf­ge­regt unter wei­te­ren Mas­ken­tie­ren her­um und erzäh­len sich Geschich­ten, was sie hör­ten und was sie gese­hen haben wäh­rend des Tages, indes­sen sie sich säu­bern und paa­ren, um wei­te­re Mas­ken­tie­re zu erzeu­gen. — Auch Ohren, jawohl! — stop

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hamstern

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india : 21.20 UTC — In einer Abend­se­kun­de, da ich Kon­takt zu ihm auf­neh­me, hebt er sei­nen müden Blick von dem Scan­ner, der unter einer röt­lich schim­mern­den Schei­be von Glas ver­bor­gen liegt, über die er Waren zieht, die er selbst noch von eige­ner Hand in Rega­le räum­te, die er selbst noch von Staub befrei­te, den er selbst nicht in die­sen Super­markt­la­den ein­ge­führt haben konn­te in die­ser Men­ge, die­ser Staub muss an Füßen der Kun­den her­ein­ge­kom­men sein, ein Staub der immer­hin sicht­bar ist, bei Gott, ist das doch gut, dass noch Wesen exis­tie­ren, die sicht­bar sind, sicht­bar für mensch­li­che Augen, nicht unsicht­bar wie jene kleins­ten Par­ti­kel, die Men­schen­we­sen auf die­sem Erd­ball hin­ter Mas­ken­tü­cher zwin­gen, sodass sie sich ähn­lich wer­den, die­se Men­schen­we­sen über­all sich ähn­lich wer­den in ihrer Schutz­be­dürf­tig­keit, ähn­lich, ob sie nun hin­ter roten, gel­ben, blau­en oder schnee­wei­ßen Mas­ken sich zu ver­ber­gen haben, um nicht viel­leicht ster­ben zu müs­sen, bei Gott, Men­schen eben. Er hebt den Kopf in die­sem Moment, da ich Kon­takt zu ihm auf­neh­me, da ich sage, sie hams­tern wie­der, nicht wahr, es wird Herbst und sie hams­tern wie­der, Teig­wa­ren, Taschen­tü­cher, und die­se Din­ge, hams­tern und strei­ten vor den Rega­len, nicht wahr. Und da sagt er, dass das ein Krieg sei, dass eigent­lich das Mili­tär hier auf die­sem sei­nem Platz zu sit­zen habe, der Kata­stro­phen­schutz, weil die­se Schei­be von künst­li­chem Glas, ihn doch nie­mals schüt­zen kön­ne, weil hier das Unsicht­ba­re her­um­flie­ge, all die­se Sachen, die das Fie­ber brin­gen, da kann man nur war­ten, war­ten, war­ten. — stop
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taschkent

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nord­pol : 9.18 UTC — Eine Dame sitzt mit hell­rot geschmink­tem Mund an einem Holz­tisch in einer Woh­nung der Stadt Tasch­kent. Es ist spä­ter Nach­mit­tag. Auf dem Tisch ruht eine Schreib­ma­schi­ne, ein Note­book,  das hat ihr die Toch­ter geschenkt, die in Ame­ri­ka wohnt, in Brook­lyn genau­er, im vier­ten Stock eines Hau­ses mit Blick auf den East River. Dort ist jetzt frü­her Mor­gen. Die Toch­ter, die wie ihre Mut­ter in der Fer­ne vor einem Note­book, einer Schreib­ma­schi­ne, sitzt, freut sich, weil sie auf einem Bild­schirm das Gesicht ihrer Mut­ter sehen kann. End­lich hat es funk­tio­niert, das Pro­gramm, der ganz Com­pu­ter über­haupt, ihre Mut­ter kann ihn jetzt ein­schal­ten, und das Pro­gramm star­ten, das eine Ver­bin­dung knüpft nach New York, sodass sie ihrer­seits auf dem Bild­schirm der Mut­ter sicht­bar wer­den kann. Die Toch­ter lächelt, gera­de hat ihr die Mut­ter erzählt, sie habe einen leicht ame­ri­ka­ni­schen Akzent ent­wi­ckelt nach Jah­ren ihres Lebens in New York. Aber sie spricht nicht viel in die­sen ers­ten Momen­ten einer Begeg­nung auf dem Bild­schirm. Sie will ihre alte Mut­ter nicht über­for­dern, sie sagt: Jetzt kön­nen wir tele­fo­nie­ren sooft wir wol­len, es kos­test fast nichts. Die Mut­ter schaut glück­lich zu dem Bild­schirm hin. Sie könn­te das Gesicht ihrer Toch­ter berüh­ren, aber sie will nichts tun, das selt­sam erschei­nen könn­te, weil sie nicht allein ist. Unsicht­bar für die Toch­ter in Brook­lyn zunächst, sitzt in einem sinn­vol­len Abstand eine jun­ge Frau, eine Stu­den­tin, auf einem Stuhl, der knis­tert, sobald sie sich bewegt. Es ist näm­lich so, dass die Stu­den­tin der alten Dame half, ihre Schreib­ma­schi­ne in ein Tele­fon mit Bild­schirm zu ver­wan­deln, eigent­lich zunächst nicht sehr schwie­rig für eine Stu­den­tin der rus­si­schen Lite­ra­tur, ihrer Pro­fes­so­rin bei­zu­ste­hen. Das Note­book muss­te jedoch der­art ver­wan­delt wer­den, dass es sich ohne ihre Hil­fe jeder­zeit erneut in einen Tele­fon mit Bild­schirm zurück­ver­wan­deln könn­te, des­halb alles ganz lang­sam, vor und zurück, vor und zurück, Schritt für Schritt, was ein Fin­ger­cur­ser ist, was eine Maus. Die jun­ge Frau kommt nun ins Bild, sie trägt einen Mund­schutz, auch die alte Dame zie­hen ihren Mund­schutz vom Hals her­auf. Bei­de lächeln, das kann die Toch­ter sehen. Und sie ist sehr beru­higt, dass ihre Mut­ter auf sich ach­tet in der Fer­ne, glück­lich ist sie. Und so springt sie auf und eilt zum Fens­ter. Eine Minu­te Zeit ver­geht. Die Möwe späht ins Zim­mer. Da kommt die Toch­ter zurück zum Tisch, sie trägt jetzt gleich­wohl einen Mund­schutz in roter Far­be mit wei­ßen Punk­ten dar­auf. — stop
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von ohren

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alpha : 18.55 UTC — Ich glaub­te lan­ge Zeit, ein Mensch, der über sech­zehn Ohren­paa­re ver­fü­ge, müs­se eigent­lich über einen sehr guten Gehör­sinn ver­fü­gen. Nun ist das aber so, dass jene Ohren, die auf den Ober­ar­men Jos­si Kau­ki­nens zu bewun­dern sind, über kei­ner­lei Gehör­gang ver­fü­gen, auch nicht über Trom­mel­fel­le oder Gehör­knö­chel­chen oder Ohr­trom­pe­ten. Die­se Ohren, die ich mit eige­nen Augen gese­hen habe in einem Som­mer, da ich nach Finn­land reis­te, um Herrn Kau­ki­nen und sei­ne Ohren zu besu­chen, sind ledig­lich die Muscheln der Ohren, Schall­kör­per, die Kau­ki­nen zu züch­ten ver­mag, weil er weiss wie das geht. Er lebt davon, dass er fri­sche Ohren gekühlt zu lie­fern in der Lage ist. Kaum ist ein Ohr auf Rei­sen gegan­gen, — sie flie­gen meist mit einem Hub­schrau­ber davon, wächst schon ein nächs­tes Ohr her­an, eine Knos­pe bil­det sich bin­nen weni­ger Stun­den an genau jener Stel­le, da zuvor ein aus­ge­wach­se­nes Ohr ent­fernt wor­den ist. Die­se Knos­pe ist zunächst nur mit­tels Mikro­sko­pien sicht­bar, aber schon drei Tage spä­ter kann man erah­nen, dass ein wei­te­res Ohr her­an­wach­sen wird, das gepflegt wird und vor dem Licht der Son­ne beschützt. Herr Kau­ki­nen schläft im Sit­zen. Er sitzt also in sei­nem Bett von Gur­ten in Posi­ti­on gehal­ten und schläft und sieht sehr selt­sam aus im Zwie­licht, als wür­den Blu­men von Fleisch sich auf sei­nen Schul­tern nie­der­ge­las­sen haben. Klin­gelt der Wecker sehr früh, wird es ernst. Dann nähert sich Kau­ki­nens Frau mit etwas Wat­te und Werk­zeug: Mein Lieb­ling, heut ist wie­der so ein Tag! — stop

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shenyang

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gink­go : 19.55 UTC — Sie kommt gera­de aus Shen­yang, ist ziem­lich müde, sitzt im Schnell­zug Rich­tung City zwi­schen zwei schwe­ren Metall­kof­fern, eine älte­re Dame, sie sei eine der ältes­ten, die noch flie­ge, Cabin Chief, sie rei­se gern, wenn auch etwas ängst­li­cher, man habe schon den Ein­druck, dass der Luft­raum unsi­che­rer gewor­den sei, aber die Welt ins­ge­samt sei unsi­cher gewor­den, die Ame­ri­ka­ner sind es vor allem, das dür­fe man aber nicht so laut sagen, frü­her hät­ten sie noch gewusst, wohin die Regie­rung im Not­fall flie­gen wür­de, das sei jetzt nicht mehr Ange­le­gen­heit der Luft­han­sa, das erle­di­ge die Luft­waf­fe, die wüss­ten jetzt Bescheid, auch dass schon Anfang des letz­ten Jahr­hun­derts bekannt gege­ben wur­de, dass bald ein neu­er gro­ßer Krieg kom­men wür­de, Isra­el wüss­te dar­über Bescheid und eben die Ame­ri­ka­ner, aber das sagen wir lie­ber nicht so laut, sagt sie, aber sie flie­ge immer noch gern, kom­me viel in der Welt her­um, sie kön­ne ja ver­ste­hen, dass die Men­schen flüch­ten, aber sie sei­en eigent­lich kei­ne rich­ti­gen Flücht­lin­ge wie ihre Eltern noch, die woll­te kei­ner haben, die flo­hen aus Schle­si­en, das waren noch rich­ti­ge Flücht­lin­ge, die Chi­ne­sen flie­hen ja auch nicht, irgend­wie geht alles selt­sa­me Wege, die Welt ist aus dem Gleich­ge­wicht, aber sie dreht sich noch, aber nicht mehr lan­ge. — Als der Zug steht, hört sie auf zu spre­chen, steigt aus, ohne sich noch ein­mal umzu­dre­hen, ver­schwin­det in der Men­ge, die­se zier­li­che und irgend­wie ziem­lich müde Per­son. — stop

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von blüten

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lima : 15.01 UTC — Vor der Ver­kün­dung des Urteils hat sich das Gericht vor­nehm zurück­ge­zo­gen. Der Ange­klag­te sitzt auf sei­nem Platz und war­tet. Links und rechts etwas erhöht haben sich auch die Ver­tei­di­ger, es sind zwei ange­se­he­ne Anwäl­te der Stadt, nicht von ihren Plät­zen erho­ben, man rech­net mit einer raschen Ent­schei­dung. So auch der Staats­an­walt, ein jün­ge­rer Herr, nicht ein­mal sei­ne Robe hat er abge­legt, unter­des­sen er noch den Ange­klag­ten, glei­chen Alters, betrach­tet, als sei er sich nicht sicher, mit sei­nem Plä­doy­er eine aus­rei­chen­de Begründung für die hohe Stra­fe dar­ge­legt zu haben, die er zuletzt über den Ange­stell­ten der städ­ti­schen Biblio­the­ken zu wer­fen for­der­te. Genau so hat­te er noch gespro­chen, wer­fen, nicht ver­hän­gen soll­te man eine Stra­fe über die­sen Mann, der sich so unauf­fäl­lig hier im Saal benom­men hat­te, in eben die­ser unauf­fäl­li­gen Art und Wei­se mit der er Jah­re zuvor die Ord­nung der Stadt zu beschä­di­gen ver­such­te, heim­tü­ckisch, hin­ter­lis­tig. Weil nun der Ange­klag­te kei­ne Anga­ben zur Per­son und auch nicht zur Sache vor­brin­gen woll­te, wird die eigent­li­che Geschich­te die­ses Herrn noch zu schrei­ben sein. Wie das ange­fan­gen hat. Wann hat er die ers­te Blu­me los­ge­las­sen, wann den ers­ten Samen gewor­fen? Ist es ihm denn nicht in den Sinn gekom­men, dass er sich ins Unrecht setz­te, als er mit Vor­satz ver­such­te Urwald in der Stadt aus­zu­set­zen? Ja wie konn­te er denn glau­ben, dass man ihn ohne Stra­fe davon kom­men las­sen wür­de, nach­dem sei­ne Laren­tiae Sinen­si­os vor dem Opern­haus das Pflas­ter spreng­ten, nach­dem man im schöns­ten der zen­tra­len Parks gera­de noch ver­hin­dern konn­te, dass der gold­ro­te Samen­staub der Lobe­lia Fra­sen­sis sich des Pal­men­hau­ses bemäch­tig­te? Ja wie konn­te er gestat­ten, dass man ihn rühm­te als einen guten Men­schen, da doch die von ihm vor­nehm­lich unter der Stra­ßen­bahn­fahrt in die Luft gepu­der­ten Kost­bar­kei­ten der Nemu­so Lasas­tro in den Lun­gen der städ­ti­schen Bür­ger wun­der­sa­me Blüten zu trei­ben began­nen? Man hat­te Mühe, noch lan­ge seit­dem, sie an ihrem Wachs­tum zu hin­dern, das Wun­der ihrer feu­er­ro­ten Kel­che ent­kam noch den Grä­bern der an den Blüten Erstick­ten. Dort unter den Ulmen und Kas­ta­ni­en foch­ten die Gärt­ner einen unglei­chen Kampf, wie ihre Brüder und Schwes­ter in den hän­gen­den Gär­ten der glä­ser­nen Ban­ken­tür­me, die ver­geb­lich die Tara­xa­ca des gefrä­ßi­gen Hir­ten­korb­bau­mes aus dem Hau­se zu kämp­fen ver­such­ten. Wenn mor­gens das schö­ne Son­nen­licht des Okto­bers von Osten her in das gewal­ti­ge Atri­um leuch­te­te, sah man die wohl­ge­form­ten Fall­schir­me die­ser frucht­bars­ten Pflan­zen­ge­schöp­fe in den künstlichen Win­den des Gebäu­des auf und nie­der­ge­hen. Es war dies die Stun­de, da man sich geschla­gen gab, um dann doch wie­der aus­zu­schwär­men und den Not­ru­fen zu fol­gen, die von ver­zwei­fel­ten Ange­stell­ten aus ihren Büros abge­setzt wur­den. Der jun­ge Staats­an­walt sieht durch das kühle Licht des Saa­les zu dem von ihm Beschul­dig­ten hinüber und es ereilt ihn ein Schau­er, wenn er dar­an denkt, dass gera­de jene von der Stadt bezahl­ten Stun­den des Stu­di­ums es dem Biblio­the­ka­ren ermög­lich­ten, in den bio­lo­gi­schen Samm­lun­gen und Archi­ven nach den Gie­rigs­ten unter den Blu­men die­ser Welt zu for­schen. Er sieht die­sen beschei­de­nen Herrn an einem behörd­li­chen Schreib­tisch sit­zen, einem höl­zer­nen, wie er die Fächer sei­ner leder­ne­ren Tasche mit Samen muni­tio­niert. Und dann sieht er ihn spa­zie­ren, da dort lächelnd eine Dosis Blü­ten­sa­men auf den Boden wer­fend, sodass schon bald dar­auf im Wech­sel der Duft von Kamil­le, der Duft der blau­en Anden­hya­zin­ten vom Schot­ter der Stra­ßen­bahn­ge­lei­se auf­zu­stei­gen begann. Aus der Regen­rin­ne des Poli­zei­prä­si­di­ums wuchert noch heu­te eine Com­meli­ne Cest­re him­mel­hoch über die Anten­nen hin­aus, das Bers­ten ihrer Nüsse im Okto­ber ist noch über hun­der­te Meter hin deut­lich zu hören, es sind Schüsse, es ist die reins­te Gefahr, die dort über den Dächern der Stadt auf den Win­ter lau­ert. So sit­zen sie also da, ein jun­ger Herr, ein Samen­wer­fer, und ein jun­ger Staats­an­walt und erwar­ten das Urteil, das eine gerech­te Stra­fe aus­wer­fen möge. – stop

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kandinskyraupe

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nord­pol : 18.54 — Es exis­tiert ein beson­de­rer Grund, wes­we­gen ich mei­nen Text von der Kan­din­sky­rau­pe, den ich vor acht Jah­ren notier­te, an die­ser Stel­le und an die­sem Tag wie­der­ho­le. Ich habe, als ich ihn vor weni­gen Minu­ten bemerk­te, ent­deckt, dass ich mich nicht erin­nern konn­te, ihn per­sön­lich geschrie­ben zu haben. Der Text war mir fremd gewe­sen. Eine selt­sa­me Erfah­rung. Nun habe ich mir vor­ge­nom­men, in acht Jah­ren an die­se Stel­le zurück­keh­ren und zu prü­fen, wie es sich mit mei­nem Erin­ne­rungs­ver­mö­gen ver­hal­ten wird im Jahr 2027. Hier ist Dein Text, lie­ber Lou­is: Nach hef­ti­gem Gewit­ter­re­gen habe ich einen Kan­din­sky ent­deckt im Park, eine nas­se Rau­pe von so wun­der­ba­rer Zeich­nung, dass ich sie in eine Streich­holz­schach­tel setz­te und mit nach Hau­se genom­men habe. Sie lun­gert jetzt auf mei­nem Schreib­tisch her­um. Der Ein­druck, dass sie nicht sehr begeis­tert ist, sobald ich mich mit einem Fin­ger oder mei­nen Augen nähe­re, viel­leicht wegen mei­nes Anblicks oder weil es eigent­lich dun­kel sein müss­te um die­se Zeit, da doch Nacht gewor­den ist. Dro­hen­de Hal­tung, das heißt, gesenk­ter Kopf, Füh­ler der­art zu mir hin aus­ge­rich­tet, als wären sie Hör­ner eines Stie­res. Ihrem Rücken ent­kom­men vier Quas­ten von gel­ber Far­be senk­recht einer leder­nen Haut, die dun­kel ist und zart liniert, wie die Hand­flä­chen eines Berg­go­ril­las. Zar­tes­te Federn, sie blü­hen feu­er­far­ben an den Flan­ken des Tie­res, aber grü­ne, sehr kur­ze Bei­ne, acht links, acht rechts. Manch­mal fällt die Kan­din­sky­rau­pe um. Sie liegt dann recht flach auf der Sei­te zur Schne­cken­zeich­nung gewor­den. Ob ich sie mit etwas Bana­ne an mich gewöh­nen könn­te? Oder mit Cole Por­ter viel­leicht? Zwei Stun­den Cole Por­ter, das soll­te genü­gen. – stop

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im park

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nord­pol : 0.18 UTC — Es war ein war­mer Regen­tag, den ich unterm Schirm spa­zie­rend im Pal­men­gar­ten ver­brach­te. Ich ging Stun­de um Stun­de im Kreis mit einem wun­der­ba­ren Gefühl dahin, etwas Neu­es zu erle­ben. Der Schirm näm­lich war ein beson­de­rer Regen­schirm, ich trug ihn zur Pro­be, es war ein Schirm, der über eine wei­te­re fei­ne Haut ver­füg­te, die das eigent­li­che schüt­zen­de Gewe­be wie eine zwei­te Haut bespann­te. Die­se Haut war nun in der Lage, die Zahl der Trop­fen, die auf die Ober­flä­che des Schir­mes tra­fen, zu zäh­len, indes­sen sehr klei­ne Kame­ra­au­gen die Bewe­gun­gen mei­nes Kör­pers beob­ach­te­ten, der sich exakt wie der Kör­per eines Spa­zier­gän­gers ver­hielt. Sie saßen in der Kro­ne des Regen­schirms fest, und ich den­ke, es ent­ging ihnen nichts, sodass ein quan­ten­me­cha­ni­scher Algo­rith­mus in Bruch­tei­len von Sekun­den zu ent­schei­den ver­moch­te, wie vie­le Regen­trop­fen mei­nen spa­zie­ren­den Kör­per getrof­fen hät­ten, wenn ich nicht beschirmt unter­wegs gewe­sen wäre. Gegen acht Uhr abends hör­te es auf zu reg­nen und ich ging nach Hau­se, um in der digi­ta­len Sphä­re nach Algo­rith­men des Sor­tie­rens zu suchen. Fol­gen­de Bezeich­nun­gen wur­den sofort gefun­den: bina­ry tree sort, bogo­sort, bub­ble­sort, bucket­s­ort, combsort, coun­ting­s­ort, gno­me­sort, heap­sort, hybrid­sort, inser­ti­ons­ort, intro­sort, mer­ge inser­ti­on, mer­ge­sort, quicks­ort, radix­sort, selec­tion­s­ort, shakers­ort, shells­ort, slow­sort, smooth­s­ort, stoo­ge­sort, swap-sort, timsort. Nichts wei­ter. — stop