Schlagwort: tango

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morgens

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tan­go : 8.58 UTC — Wenn ich Men­schen, jun­ge oder älte­re Men­schen fra­ge, ob sie den Moment erin­nern, da sie sich zum ers­ten Mal in ihrem Leben selbst die Schu­he gebun­den haben, sind sie erstaunt, nicht nur des­halb, weil ich mich nach einem weit zurück­lie­gen­den Ereig­nis erkun­dig­te, son­dern auch, weil sie nicht sel­ten sofort in der Lage waren, eine Geschich­te vom Schuh­bin­den zu erzäh­len. Men­schen, wel­che sie lehr­ten, ihre Schu­he zu bin­den, auch die Far­be der Schu­he oder Orte, eine Trep­pe, die Küche oder ein Gar­ten kehr­ten ins Bewusst­sein zurück. Wer sich die Schu­he selbst zu bin­den ver­mag, kann das Haus ver­las­sen, kann eine kom­ple­xe Figur mit Hän­den gestal­ten, über­all auf der Welt scheint die Metho­de der Schlei­fe zu exis­tie­ren, ja, Schlei­fen sind kom­ple­xe Struk­tu­ren, die einer­seits sich selbst erhal­ten mit­tels Umar­mung, ande­rer­seits sich auf einen Zug­wunsch hin sofort aus ihrer Bin­dung lösen. Ich selbst habe mich in Land­au unter einem Apfel­baum auf einem Bänk­chen von Holz sit­zend in der Schuh­bin­dung geübt, mei­ne Damals­schu­he waren blau und rot, die Gän­se­blüm­chen weiss, der Löwen­zahn gelb, die Luft roch nach Stall und mei­ne Tan­te duf­te­te nach Moos und 4711. Sie erzähl­te mir mit den Hän­den wie ich mei­ne Schu­he zu bin­den ver­mag. Auch, dass zur Kriegs­zeit der Him­mel im Wes­ten leuch­te­te, rot am Abend und in der Nacht, das war die Stadt Mün­chen in der Fer­ne, die bran­det. — An die­sem Mor­gen nun, es ist der 24. Febru­ar 2022, beob­ach­te ich eine Foto­gra­fie, die auf­ge­nom­men wur­de, als ich noch schlief: Auto­mo­bi­le, die die Stadt Kiew ver­las­sen. Und in die­sen Auto­mo­bi­len Men­schen, deren See­len bren­nen. — stop / Es war lan­ge Zeit still in mei­nen Hän­den. Die­ser Text wur­de am 12. Mai für den 24. Febru­ar notiert. 

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reisende spinne

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tan­go : 22.07 UTC — Auf dem Sat­tel mei­nes Fahr­ra­des lief ein sehr klei­nes, rotes Wesen hin und her als wür­de es etwas nähen. Kaum näher­te ich mich mit einem Fin­ger, kaum mach­te ich Schat­ten, duck­te es sich, um dann so schnell es eben mög­lich war, unter dem Sat­tel zu ver­schwin­den. Ich fuhr los, ich radel­te durch den Nord­park. Ein son­ni­ger Tag, in den Wie­sen lagen Hun­de und Men­schen, in den Bäu­men dös­ten Vögel, Flü­gel gespreizt, Schnä­bel weit geöff­net. Am Him­mel ein Zep­pe­lin, lang­sam. Ich sass bald auf einer Bank, ich beob­ach­te­te den Sat­tel mei­nes Fahr­ra­des. Kurz ein wenig Regen. Dann fuhr ich wie­der nach Hau­se. — stop

ping

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maskentier No 1

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tan­go : 0.06 UTC — In einer gezeich­ne­ten Vor­stel­lung der Mas­ken­tie­re sind Augen zu bemer­ken. Das ist sehr selt­sam, weil Augen nicht eigent­lich sinn­voll oder unver­zicht­bar sind für den Zweck, dem Mas­ken­tie­re bald ein­mal die­nen wer­den. Es ist näm­lich so, dass Mas­ken­tie­re in der Lage sein soll­ten, sich auf mensch­li­che Mün­der und Nasen nie­der­zu­le­gen, um die­sel­ben zu beatmen, dem­zu­fol­ge Luft aus der Atmo­sphä­re zu ent­neh­men, um die­se even­tu­ell kon­ta­mi­nier­te Luft für Men­schen oder ande­re Tie­re sorg­fäl­tigst zu fil­tern, indem sie in Stun­den, da sie ihrer Bestim­mung fol­gen, auf viel­fäl­tig gestal­te­ten Wan­gen, Nasen­rü­cken, Hals­par­tien so dicht zu lie­gen kom­men, dass kein Gramm einer Viren­last je an ihren Rän­dern oder Enden ent­wei­chen könn­te. Es ist statt­des­sen ganz wun­der­bar sau­be­re Luft, die sie spen­den, und es ist ganz wun­der­bar sau­be­re Luft, die sie im Gegen­zug wie­der an die Welt zurück­ge­ben wer­den. Natür­lich ist denk­bar, dass kein Wort, kein Schrei durch ihre Leder­haut hin­durch nach drau­ßen drin­gen wird, es wird also stil­ler unter den Men­schen, die schwei­gen und sich sicher füh­len, sobald sie mit ihren wär­men­den Mas­ken über Stra­ßen und durch Waren­häu­ser spa­zie­ren. Dann ist Abend gewor­den, und man legt das getra­ge­ne Tier zurück in einen Behäl­ter, der mit Was­ser gefüllt ist. Dort schwim­men sie dann auf­ge­regt unter wei­te­ren Mas­ken­tie­ren her­um und erzäh­len sich Geschich­ten, was sie hör­ten und was sie gese­hen haben wäh­rend des Tages, indes­sen sie sich säu­bern und paa­ren, um wei­te­re Mas­ken­tie­re zu erzeu­gen. — Auch Ohren, jawohl! — stop

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eine fotografie und ihre geschichten

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tan­go : 15.08 UTC — Vater sitzt auf einer Bank nahe der Brook­lyn Bridge. Es ist spä­ter Nach­mit­tag. Vater lacht. Die Son­ne steht tief, war­mes Licht fällt auf höl­zer­ne Blan­ken. Über den Schat­ten, den Mut­ter wirft, stol­ziert eine Möwe. Mut­ter foto­gra­fiert ihren Mann mit sei­nem per­sön­li­chen Foto­ap­pa­rat, wes­halb er plötz­lich auf einer Dia — Foto­gra­fie zu sehen ist, uner­war­tet. Vater, im karier­ten Sak­ko, scheint über­rascht zu sein, als habe er nicht bemerkt, dass Mut­ter sei­nen Foto­ap­pa­rat ent­wen­de­te. Es ist ein Augen­blick, von dem Bei­de immer wie­der erzähl­ten. Gleich wird Vater auf­ste­hen und sie wer­den von Brook­lyn aus über die Brü­cke nach Man­hat­tan spa­zie­ren. Als ich Jah­re spä­ter selbst auf Rei­sen den Ort die­ser Foto­gra­fie ent­deck­te, mach­te ich eine Auf­nah­me. Ich ging dann gleich­wohl über die Brü­cke nach Man­hat­tan zurück. Es war ein schö­ner Abend wie damals zur Eltern­zeit. Es war Mai, ich war zufrie­den, weil ich jene Stra­ßen­kreu­zung ent­deck­te hat­te, die Aug­gie Wren in dem Film „Smo­ke“ Mor­gen für Mor­gen um acht Uhr foto­gra­fier­te. Wochen spä­ter erzähl­te ich mei­nem Vater von die­sem Nach­mit­tag und wir set­zen uns vor sei­nen Com­pu­ter. Es war wie im Kino. — stop

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oktoberklee

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nord­pol : 8.12 UTC — Vom Bild­schirm aus spricht eine älte­re Frau, erzählt von Kon­takt­ver­fol­gung wie sie im Gesund­heits­amt, das sie lei­tet, ver­wirk­licht wird. Ruhi­ge Spra­che, klug, sie scheint wider­stands­fä­hig zu sein, gesund, man möch­te mei­nen sie sei viel­leicht eine Alm­wir­tin, die in gro­ßer Höhe bei Wind und Wet­ter arbei­tet. Nur ihre Stirn, ihre Augen, ihr grau­es Haar sind zu sehen. Mund, Nase, Wan­gen lie­gen hin­ter einem Mund­schutz ver­bor­gen. Den möch­te ich gern ent­fer­nen, weil ich die­se ener­gisch und zugleich warm und freund­lich spre­chen­de Per­son, wahr­neh­men möch­te, als wäre nicht Pan­de­mie­zeit. Tat­säch­lich ent­de­cke ich in der digi­ta­len Sphä­re bereits im ers­ten Ver­such eine Foto­gra­fie, die sie zeigt, als sie noch ohne Mas­ke arbei­ten konn­te. — Heu­te leich­ter Regen, die Stra­ßen von Kas­ta­ni­en bedeckt, Eich­hörn­chen durch­su­chen das Meer der Früch­te nach genieß­ba­ren Nüs­sen, die sie nicht fin­den. Es wird einen war­men Win­ter geben. Unter den Bäu­men blüht der Klee. — stop
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von brillen

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tan­go : 0.25 UTC — In einer agen­ten­ba­sier­ten Simu­la­ti­on des Infek­ti­ons­ver­lau­fes einer Sars-Cov‑2 Pan­de­mie scheint zwi­schen einem Agen­ten ohne und einem Agen­ten mit Bril­le, ein grund­sätz­li­cher Unter­schied zu bestehen. Bril­len auf Nasen schüt­zen Augen vor Hän­den, die infek­ti­ös sein kön­nen. Von nun an wer­de im Dschun­gel der Stadt eine Bril­le tra­gen. — stopping

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metamorphosen

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tan­go : 15.38 UTC — Eine Frau sitzt an einem Tisch, Sie notiert Ovids Meta­mor­pho­sen auf eine Papier­luft­schlan­ge. Wie behut­sam sie vor­geht, um das Papier nicht zu zer­rei­ßen. Kaum ist sie mit der Beschrif­tung einer der papie­re­nen Stre­cken zu Ende gekom­men, ver­bin­det sie mit einem Tröpf­chen Kleb­stoff eine wei­te­re noch unbe­schrif­te­te Schlan­ge. Kurz dar­auf notiert sie wei­ter, sehr fei­ner Pin­sel. Vor drei Jah­ren war ich die­ser Frau zum ers­ten Mal begeg­net. Heut ist sie noch immer frisch, eine Blü­te, viel­leicht des­halb, weil ihre Auf­ga­be, ihr Pro­jekt, unend­lich zu sein scheint. Vic­tor Klem­pe­rers Tage­bü­cher bereits seit Mai, dem 5. — stop

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eine uhr

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tan­go : 0.58 UTC — Dach­te an Mut­ter, wie sie noch vor zwei Jah­ren reg­los in einem Bett lag, nicht spre­chen, nur schau­en konn­te. Im nahen Wohn­zim­mer, zwei Stra­ßen­zü­ge weit nur um die Ecke, ihre Stand­uhr, die schon Groß­mutter Abend für Abend auf­ge­zo­gen haben muss­te. Wie Mut­ter, als sie noch gehen konn­te, klei­ner und immer klei­ner wur­de, stell­te sie einen Sche­mel vor die Uhr. Und als sie noch klei­ner wur­de, stand sie dort auf dem Sche­mel wie­der­um auf den Spit­zen ihrer Zehen, um mit ihrem rech­ten Zei­ge­fin­ger behut­sam den Minu­ten­zei­ger einer wun­der­schö­nen, geräusch­voll ticken­den Uhr zu berüh­ren, deren Zeit mit Mut­ters Sturz ende­te. Ich erin­ne­re mich, Abend für Abend stand die alte Frau vor ihrer Uhr, um sie zur Schlaf­zeit anzu­hal­ten. Und mor­gens stand die alte Frau vor ihrer Uhr, um sie wie­der in Bewe­gung zu ver­set­zen bis zuletzt. Ein­mal erzähl­te ich Mut­ter, die mich indes­sen im Bett lie­gend unver­wandt betrach­te­te, von Kie­men­men­schen. Gegen Mit­ter­nacht kehr­te ich ins Haus zurück. Stil­le. Es war Win­ter. Schnee lag im Gar­ten. — stop

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luftwellen

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tan­go : 17.11 UTC — Traf ahnungs­lo­se Per­so­nen, traf sorg­lo­se Bür­ger, die unbe­schwert sind oder nur vor­ge­ben, unbe­schwert zu sein. Mor­gen wer­de ich sie wie­der tref­fen in der Stra­ßen­bahn, in einem Cafe, am Flug­ha­fen. Sie wer­den mich kaum anse­hen, mich, der eine Mas­ke trägt. Noch immer, das ist denk­bar, den­ken sie sich, scheint Gefahr in der Luft zu lie­gen, unsicht­ba­re, stau­bi­ge Wölk­chen. Der Mann hier trägt noch immer eine Mas­ke, ver­mut­lich ist er hys­te­risch. Ver­mut­lich des­halb fürch­ten sie mei­nen Anblick, weil ich, indem ich spre­che, sie mit mei­nen Augen, mit mei­ner unsicht­ba­ren Nase, mei­nem unsicht­ba­ren Mund, mei­nen Gedan­ken, die sich mit­tels Wel­len durch die Luft bewe­gen, beschwe­ren oder infi­zie­ren könn­te. — stop
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