Schlagwort: regen

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reisende spinne

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tan­go : 22.07 UTC — Auf dem Sat­tel mei­nes Fahr­ra­des lief ein sehr klei­nes, rotes Wesen hin und her als wür­de es etwas nähen. Kaum näher­te ich mich mit einem Fin­ger, kaum mach­te ich Schat­ten, duck­te es sich, um dann so schnell es eben mög­lich war, unter dem Sat­tel zu ver­schwin­den. Ich fuhr los, ich radel­te durch den Nord­park. Ein son­ni­ger Tag, in den Wie­sen lagen Hun­de und Men­schen, in den Bäu­men dös­ten Vögel, Flü­gel gespreizt, Schnä­bel weit geöff­net. Am Him­mel ein Zep­pe­lin, lang­sam. Ich sass bald auf einer Bank, ich beob­ach­te­te den Sat­tel mei­nes Fahr­ra­des. Kurz ein wenig Regen. Dann fuhr ich wie­der nach Hau­se. — stop

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k.a.i.r.o

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MELDUNG. Fünf mit Hand­feu­er bewaff­ne­te Beam­te [ Soko K.a.i.r.o ] haben nahe Pica­dil­ly Cir­cus [ Lon­don ] zwei Ägyp­ter in Ver­wah­rung genom­men, fili­gra­ne Mei­ßel wei­ter­hin [ 0.5 Zoll Kan­ten­län­ge ], sowie zwei Hand­täsch­chen [ tür­ki­se ]. Fol­gen­de kryp­ti­sche Signa­tur war dem Sockel­ge­stein eines städ­ti­schen Gebäu­des [ Regent Street 162 ] bei­gebracht : 5MAN8X6RTGMA88ZBFRI. Auch die­se Ägyp­ter [ Ägyp­ter No 6 und 7 der lau­fen­den Woche ], je 178 cm hoch, mitt­le­res Alter, ver­wei­gern jede Aus­sa­ge. – stop

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von einer walzenspieldose

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nord­pol : 22.58 UTC — Vor Jah­ren, zur Som­mer­zeit, an der Sei­te einer schwer­mü­ti­gen Frau durch trop­fen­den Wald nahe eines Kran­ken­hau­ses spa­ziert. Es hat­te gereg­net, eine Sint­flut, das Kleid der Frau, von dem sie erzähl­te, dass es sich um ein bren­nen­des Kleid han­de­le, kleb­te an ihrem Kör­per fest. Schmal war sie gewor­den, zer­brech­lich, fast durch­sich­tig die Haut ihrer Hän­de, ihrer Wan­gen, ihres Hal­ses. Ich erin­ne­re mich, dass ich ihr Libel­len zeig­te, sie jag­ten dicht über den damp­fen­den Boden hin, Wald­erd­bee­ren, einen Frosch. Ich frag­te nach ihren Gedan­ken, aber ich konn­te sie nicht errei­chen, auch mit mei­nen Bli­cken nicht, weil sie mich nicht anse­hen woll­te, son­dern vor sich hin starr­te, indem sie vor­sich­tig ihre Schrit­te setz­te, als wür­de der Boden unter ihren Füßen nicht wirk­lich exis­tie­ren. Ihr fei­nes Gesicht, ich erin­ne­re mich, ihre hel­len Augen, hell von Schmerz und Furcht. Wie sie nach einer lan­gen Zeit des Schwei­gens sag­te, nie­mand kön­ne ver­ste­hen, wie sie sich füh­le, kein Mensch, das sei schreck­lich, und das Atmen, die Angst, die Lee­re, der Ein­druck zu fal­len, und dass sie nicht wis­se, wann das alles wie­der­kom­men wür­de, wenn es doch ein­mal auf­ge­hört haben soll­te. In einer ihrer Hän­de barg sie eine Spiel­do­se. Manch­mal hielt sie die klei­ne Maschi­ne vor ihr Gesicht und dreh­te an einer Kur­bel. Sie neig­te dann den Kopf zur Sei­te, und für einen Moment schien der Schmerz nach­zu­las­sen, eine Ahnung im Som­mer­re­gen, eine Erfah­rung größ­ter Fer­ne und Hilf­lo­sig­keit inmit­ten zir­pen­den, pfei­fen­den, rau­schen­den Lebens. — Ich habe von die­ser Begeg­nung im Wald bereits ein­mal erzählt. Weil ich heu­te über was­ser­fes­te Wal­zen­spiel­do­sen notier­te, erin­ner­te ich mich. — stop

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beobachtung

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sier­ra : 16.25 UTC — Sams­tag. Leich­ter Regen. Es ist kalt gewor­den. Noch immer, nach jah­re­lan­ger Beob­ach­tung, habe ich kei­ne Ant­wort auf die Fra­ge, wes­halb Kie­men­men­schen, sobald sie schla­fen oder sich küs­sen, Kopf nach unten in ihren Wasser­woh­nungen schwe­ben. – stop
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jagende lichter

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echo : 23.58 UTC — Im Park am Abend in der Dun­kel­heit unter Regen­schir­men unsicht­ba­re Men­schen, paar­wei­se oder allein. Und da flit­zen Lich­ter her­um, grün, blau oder rot leuch­ten­de Rei­fen oder blin­ken­de Perl­ket­ten, die die Posi­ti­on spie­len­der Hun­de ver­mer­ken. Man möch­te mei­nen, dass sie fern­ge­steu­er­te Krea­tu­ren sind, die sich jagen nach dem Wil­len jener im Dun­keln ste­hen­den schwei­gen­den Men­schen. Ich dach­te noch, in Brook­lyn sol­len Feu­er ent­zün­det wor­den sein, um Mas­ken zu ver­bren­nen. Der Wahn­sinn bricht aus jen­seits ruhi­gen, ver­nünf­ti­gen Han­dels, Men­schen dicht gedrängt wie Amei­sen. Kaum noch ein Gespräch ist mög­lich, ohne sich gefähr­lich nahe­zu­kom­men. Aber hier im Park am Abend unter Regen­schir­men sind die Räu­me weit, das Gespräch der ahnungs­lo­sen unsicht­ba­ren Tie­re, die ihren Licht­schmuck über die Wie­sen tra­gen. — stop
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oktoberklee

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nord­pol : 8.12 UTC — Vom Bild­schirm aus spricht eine älte­re Frau, erzählt von Kon­takt­ver­fol­gung wie sie im Gesund­heits­amt, das sie lei­tet, ver­wirk­licht wird. Ruhi­ge Spra­che, klug, sie scheint wider­stands­fä­hig zu sein, gesund, man möch­te mei­nen sie sei viel­leicht eine Alm­wir­tin, die in gro­ßer Höhe bei Wind und Wet­ter arbei­tet. Nur ihre Stirn, ihre Augen, ihr grau­es Haar sind zu sehen. Mund, Nase, Wan­gen lie­gen hin­ter einem Mund­schutz ver­bor­gen. Den möch­te ich gern ent­fer­nen, weil ich die­se ener­gisch und zugleich warm und freund­lich spre­chen­de Per­son, wahr­neh­men möch­te, als wäre nicht Pan­de­mie­zeit. Tat­säch­lich ent­de­cke ich in der digi­ta­len Sphä­re bereits im ers­ten Ver­such eine Foto­gra­fie, die sie zeigt, als sie noch ohne Mas­ke arbei­ten konn­te. — Heu­te leich­ter Regen, die Stra­ßen von Kas­ta­ni­en bedeckt, Eich­hörn­chen durch­su­chen das Meer der Früch­te nach genieß­ba­ren Nüs­sen, die sie nicht fin­den. Es wird einen war­men Win­ter geben. Unter den Bäu­men blüht der Klee. — stop
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im wald

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ulys­ses : 18.12 UTC — Ein­mal spa­zier­te ich mit Mut­ter durch einen Wald. Die alte Dame, sie trug rote Turn­schu­he, frag­te mich, ob sie denn selt­sam aus­se­hen wür­de, so wie sie ging. Und ich ant­wor­te­te: Nein, dein Gang ist viel­leicht etwas steif gewor­den, etwas lang­sa­mer, vor­sich­ti­ger, aber nicht selt­sam. Am Him­mel kreis­te ein Modell­flug­zeug mit einem Kopf­pro­pel­ler, sehr lei­se, kunst­voll über einem Hügel, von dem aus wir Vaters Segel­flug­zeu­ge in herbst­li­che Win­de häng­ten. In jenem Wald, ich erin­ne­re mich, den ich mit Mut­ter spa­zier­te, such­te ich als Jun­ge nach Ske­let­ten. Es war ein dich­ter Wald jun­ger Tan­nen. Man erzähl­te, dass die Tie­re sich dort­hin zurück­zo­gen, um in Ruhe zu ster­ben. Ver­mut­lich des­halb habe ich sehr vie­le Kno­chen gefun­den. Sie waren über Jah­re hin über den Boden gewan­dert, das waren ver­mut­lich Wild­schwei­ne gewe­sen. Ich trug zahl­rei­che Kno­chen nach Hau­se, um sie zu sor­tie­ren mit­hil­fe eines natur­kund­li­chen Buches. In einem gro­ßen Kar­ton ver­wahr­te ich Kno­chen, die ich nicht zuord­nen konn­te. Ein­mal schüt­te­te ich die­se Kno­chen vor mich auf den Boden und setzt sie so zusam­men, dass sich ein Tier abzeich­ne­te, wel­ches über meh­re­re Schä­del ver­füg­te und zahl­rei­che Bei­ne. Das Tier war sehr lang, ein Tier, über des­sen Leben ich auf­re­gen­de Geschich­ten erzäh­len konn­te. — stop

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regenhell

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whis­key : 22.14 UTC — Ein­mal, vor Jah­ren, wach­te ich auf. Es war sehr hell im Zim­mer. Ich bemerk­te, dass es über Nacht uner­war­tet hef­tig geschneit hat­te, all das Weiß vor den Fens­tern, und ich dach­te für einen Moment, ich soll­te das Bild kor­ri­gie­ren. Und ges­tern nun eine ähn­li­che Geschich­te, es hat­te gereg­net, die Bäu­me vor mei­nem Fens­ter tropf­ten, ein Knis­tern oder lei­ses Rau­schen. — stop

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im regenzimmer

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marim­ba : 0.28 UTC — Seit 1911 Tagen bereits ver­su­che ich von einem Zim­mer zu träu­men, in dem es immer­fort reg­net. Ich mache das so, dass ich in den Minu­ten, da ich einzu­schlafen wün­sche, über­lege, wie es wäre, wenn in dem Zim­mer, in dem ich mich gera­de befin­de, Regen fal­len wür­de. Die­se Metho­de des Regen­den­kens ist lei­der bis­lang nicht sehr erfolg­reich gewe­sen. Immer wie­der schla­fe ich ein, ohne je vom Regen­zim­mer zu träu­men. Ein­mal, als ich erwach­te, hör­te ich wirk­li­chen Regen draus­sen in den nächt­li­chen Bäu­men. Ich ging dann spa­zie­ren und dach­te dar­über nach, wie sich unse­re Menschen­welt verän­dern wür­de, wenn wir von einem Tag zum ande­ren Tag über arm­lan­ge Zun­gen der Geckos ver­füg­ten? In wel­cher Form kämen sie in einer voll­be­setzten Stra­ßen­bahn zum Ein­satz? Und wie bei der Lie­be? Und wie im Streit? Und was wür­den die­se Zun­gen wohl im Schlaf unter­nehmen? Was wäre, wenn wir uns nie wie­der berüh­ren dürf­ten, kein Mensch einen wei­te­ren Mensch, ohne zugrun­de zu gehen? – stop

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kalkutta

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echo : 0.25 UTC — Ein­mal woll­te ich nach Kal­kut­ta rei­sen. Ich dach­te, das ist jetzt eine beschlos­se­ne Sache. Ich mach­te mich unver­züg­lich an die Vor­be­rei­tung mei­ner Rei­se: Kof­fer, Regen­schirm, Aus­weis, Apo­the­ke, Imp­fun­gen, Notiz­bü­cher, Schreib­ma­schi­ne, Foto­ap­pa­ra­te, Flug hin und zurück, Hotel­zim­mer, Stadt­plan, Lite­ra­tur, Son­nen­hut. Weni­ge Tage spä­ter erreich­te mich ein ers­tes Paket des Doku­men­tar­films Phan­tom Indi­en von Lou­is Mal­le. Ich las, der Film habe ins­ge­samt eine Spiel­zeit von 6 Stun­den und 3 Minu­ten. Solan­ge Zeit, stell­te ich mir vor, könn­te eine Fahrt quer durch Kal­kut­ta mit dem Taxi dau­ern. Es ist nun über­haupt die Fra­ge, wie lan­ge Zeit soll­te ich mich mit der Vor­be­rei­tung mei­ner Rei­se nach Kal­kut­ta beschäf­ti­gen? — Lan­ge Zeit in der ver­gan­ge­nen Nacht das nord­ame­ri­ka­ni­sche Fern­se­hen beob­ach­tet. Wie man sich in den Wor­ten, wenn man sie spürt, fin­den kann, kann man sich im Rau­schen rasen­der Wor­te ver­lie­ren. — stop
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