Aus der Wörtersammlung: ki

///

sonnet 5.5

9

echo : UTC — Mensch­li­che Wesen von 20000 Jah­ren Lebens­er­war­tung, Hüter der Plu­to­ni­um­wer­ke, memo­rie­ren­de Beob­ach­ter, flüs­tern­de Spre­cher durch Räu­me der Zeit, die bis­her nicht vor­stell­bar sind, weil ich sie weder füh­le noch träu­me, weil unse­re Her­zen durch die Atom­zeit rasend schla­gen wie die Her­zen der Mos­ki­to­ein­tags­flie­gen. Noch immer nicht zu Ende gedacht. Sie wer­den viel­leicht ein­mal so bele­sen sein wie ein Lar­ge-Lan­guage-Modell unse­rer Zeit. – stop

Uralte nor­di­sche Stei­ne nahe
Tim­men­dor­fer Strand
von Kin­der­hand
bemalt

ping

///

synapse

9

echo : UTC — Ich notier­te: Da und dort Augen­men­schen hin­ter Segel­tü­chern, deren Gesicht ins­ge­samt ich längst ver­ges­sen habe, ihre Nasen, ihr Kinn, ihren Mund, aber nicht ihre Namen, nicht ihre Stim­men, die etwas ver­wir­belt, wie hei­ser, in mei­nen Ohren erschei­nen. Ein spä­ter Som­mer im ers­ten Jahr der Coro­na­pan­de­mie. Noch nicht lang her, aber gut ver­packt in Zeit­tü­cher, in Schach­teln von Erin­ne­rung gebet­tet, sorg­fäl­tig gebor­gen wie ver­bor­gen. — stop
ping

///

vom zählen

9

nord­pol : UTC — Wenn ich zähl­te, ich war noch ein klei­nes Kind, berühr­te ich mit mei­ner lin­ken Hand mei­ne rech­te Hand. Ich hielt in die­sem Moment die rech­te Hand zur Faust geschlos­sen. Jener Fin­ger, den ich als ers­ten Fin­ger zähl­te, war stets der klei­ne Fin­ger gewe­sen. Ich nahm ihn zwi­schen Zei­ge­fin­ger und Dau­men der lin­ken Hand und streck­te ihn aus. Jahr­zehn­te­lang habe ich auf die­se Art und Wei­se nie­mals wie­der gezählt. War­um? — Viel­leicht des­halb, weil ich Zah­len ohne Stim­me vor mich hin­sa­gen konn­te. – stop
ping

///

feuerwesen

9

romeo : UTC — Man stel­le sich ein­mal vor, Feu­er­kä­fer wür­den in die­ser immer tro­cke­ner wer­den­den Welt exis­tie­ren, Käfer, die von Zeit zu Zeit mit einem lei­sen, puf­fen­den Geräusch sich ent­zün­den und alles in ihrer Nähe gleich mit. Vor weni­gen Tagen spa­zier­te ich nach­mit­tags bei brü­ten­der Hit­ze zu einem Kiosk. Zum ers­ten Mal in mei­nem Leben, emp­fand ich das Licht der Son­ne als töd­li­ches Wesen, mei­ne Haut ein Feu­er­saum. — stop
ping

///

mariupol

9

india : UTC — Ich erin­ne­re mich, im Radio erzähl­te ein Astro­naut, er habe die ers­ten Stun­den des Über­falls der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on auf die frei­en Men­schen des frei­en Staa­tes Ukrai­ne im Welt­raum flie­gend erlebt. In der Nacht ein stock­dunk­les Gebiet, dort wo Tage zuvor die Städ­te des Lan­des noch wie Erd­ster­ne leuch­te­ten. Die Kämp­fe um Hosto­mel habe er als ein röt­li­ches Flim­mern oder Flir­ren wahr­ge­nom­men. Eines Tages führ­te die Flug­bahn der Raum­sta­ti­on in 400 Kilo­me­tern Höhe von Süd­wes­ten über das Schwar­ze Meer. Eine tief­schwar­ze Rauch­wol­ke reich­te hoch hin­auf bis in die Stra­to­sphä­re, das war, als die Stadt Mariu­pol bela­gert und Tag und Nacht von der See, vom Land her und aus der Luft bom­bar­diert wur­de. — stop
ping

///

platinen

9

hima­la­ya : 16.15 UTC — Fol­gen­des habe ich erin­nert ges­tern Abend: Von einer Minu­te zur ande­ren, Vögel näm­lich, die über einen som­mer­li­chen Him­mel ras­ten, ein­an­der locken­de, haken­schla­gen­de Künst­ler, man­che flo­gen wei­te Stre­cken auf dem Rücken dicht über den Boden hin. Das war ein Vogel­him­mel über wild blü­hen­den Wie­sen, und da waren Bie­nen­ge­schos­se und schwe­ben­de Brumm­krei­sel­pil­ze. Unter einem Baum kau­er­ten ein paar Kin­der, die schraub­ten an fau­chen­den Tau­ben­köp­fen her­um. Eine Geschich­te feins­ter Werk­zeu­ge, jawohl, eine Geschich­te auch elek­trisch knis­tern­der Pla­ti­nen, die unter jener vor­ge­stell­ten Wie­se ver­bor­gen lagen.  – Ver­mag ich Tex­te oder zunächst eher Bil­der zu erin­nern? Wie sind bei­de Wel­ten mit­ein­an­der ver­knüpft? — stop

///

bengalen

9

marim­ba : 16.01 UTC — Stun­den­lang fol­ge ich auf dem Bild­schirm der digi­ta­len Spur eines Fahr­rad­fah­rers in West­ben­ga­len. Die Wege sind schmal, kaum ein Mensch kann einen ande­ren mit einem Fahr­rad über­ho­len. Auf einem Podest, das hin­ter dem Sat­tel des Fah­rers auf dem Fahr­rad mon­tiert wur­de, ruht eine Kame­ra auf einem Sys­tem von Ölge­win­den, die das Objek­tiv abfe­dern, um unschar­fe Bil­der zu ver­mei­den. Immer wie­der ein­mal sind der Fah­rer und sein Fahr­rad in einer Schei­be zu erken­nen. Auf Wie­sen gra­sen Kühe, da und dort waschen Frau­en im Was­ser von Bächen bun­te Tücher. Die Häu­ser sind nied­rig, gepflegt, bunt wie die Tücher, die die Frau­en in die Son­ne legen. Kin­der in Schul­uni­for­men sind unter­wegs. Die Land­schaft und ihre Stra­ße von dich­ten Wäl­dern gesäumt. Eine Hoch­zeit in einem Dorf, Blu­men­gir­lan­den. Die Gesich­ter der Men­schen sind unkennt­lich gemacht. Ob sie ahnen, was das Fahr­rad, das sie besucht, unter­nimmt? — stop
ping

///

chicago

9

ulys­ses : 22.58 UTC — Ein­mal saß ich im Pal­men­gar­ten abends bei leich­tem Regen auf einer Bank. Neben mir, auf der­sel­ben Bank, hock­te ein Mann, der mich nicht sehen, aber hören konn­te. Ich bemerk­te nicht sofort, dass er blind war, weil ich unter einem Regen­schirm saß. Auch der Mann hat­te einen Regen­schirm über sich auf­ge­spannt. Kaum hat­te ich Platz genom­men, notier­te ich zunächst eine Lis­te von Büchern in mein Note­book, die sich mit der Arbeits­welt der Men­schen beschäf­ti­gen. Sie schrei­ben schnell, sag­te der Mann plötz­lich, sie sind wohl geübt. Sie haben viel­leicht etwas im Kopf, das sie los­wer­den wol­len. Als ich mich dem Mann zuwand­te, bemerk­te ich, dass er den Regen­schirm in eine lang­sa­me Dre­hung ver­setzt hat­te. Sein Gesicht konn­te ich nicht erken­nen. Wenn das mei­ne Schreib­ma­schi­ne wäre, könn­te ich Ihnen genau sagen, was sie gera­de geschrie­ben haben. Ich kann hören, was mei­ne Schreib­ma­schi­ne schreibt. Der Mann mach­te eine kur­ze Pau­se. Was haben sie denn auf­ge­schrie­ben, woll­te er dann wis­sen. Ich ant­wor­te: Eini­ge Namen, Namen, die sie viel­leicht schon ein­mal gele­sen haben. Mel­ville. Bukow­ski. Upt­on Sin­clair. Max von der Grün. – Gele­sen nicht, ant­wor­te­te der Mann, aber gehört habe ich zwei der Namen. Upt­on Sin­clairs Dschun­gel­buch exis­tiert in eng­li­scher Spra­che als Hör­buch für Blin­de oder für Men­schen, die nicht lesen wol­len. Ich wür­de ger­ne lesen, aber das geht doch nicht so leicht, wenn man nichts sieht. Der Mann lach­te. Ich höre dem Regen ger­ne zu. Aus mei­ner Sicht der Din­ge ist das so, als wür­de der Regen schrei­ben: Hören Sie, wie es reg­net, wie es schreibt. Ist das nicht wun­der­bar! – Ich frag­te den Mann, ob er denn lesen oder hören kön­ne, was der Regen genau notiert in die­sem Augen­blick. – Aber natür­lich, ant­wor­te­te der Mann, es ist mit jedem Regen etwas ande­res, nicht wahr, der Regen, der auf das Meer fällt, erzählt etwas ande­res, als die­ser Regen hier, der über einem klei­nen See nie­der­geht. Für einen Moment stand der Regen­schirm neben mir ganz still. Ich hör­te ein Flüs­tern: Die­ser Regen hier erzählt von Chi­ca­go. — stop
ping

///

hoch über den kastanien

9

whis­key : 3.15 UTC — Im Haus gegen­über, in einem Zim­mer jen­seits der Kas­ta­ni­en­bäu­me, die Blü­ten­ker­zen tra­gen, brennt seit zwei Wochen Licht bei Tag und bei Nacht. Ich erken­ne dort die Gestalt eines Man­nes. Der Mann geht auf und ab. Ich habe die­sen Mann noch nie auf der Stra­ße gese­hen oder im Milch­la­den um die Ecke oder am Kiosk an der Ecke Havan­na zur Brue­gel­stra­ße. Es ist selt­sam, ich beob­ach­te den Mann in sei­nem Zim­mer seit Tagen, ohne bemerkt zu haben, dass ich ihn beob­ach­te­te. Mein Blick selbst war spa­zie­ren, mei­ne Augen, bald auch mei­ne Gedan­ken. Wie kann man in einem Zim­mer nur so viel lau­fen, hin und her, hin und her? Ein­mal öff­ne­te ich mei­ne Fens­ter hin zur küh­len Luft und mei­ne Augen gin­gen spa­zie­ren. Ich notier­te eine Erin­ne­rung an frü­he Lebens­zeit. Ein Kind am Strand. Ein Damp­fer am Hori­zont. Die gebräun­ten Bei­ne eines Mäd­chens, das Ita­lie­nisch spricht. Ein Kes­sel vol­ler Muscheln. Ich erin­ner­te mich an das Kräch­zen eines Tran­sis­tor­ra­di­os, an Funk­stim­men, an Krab­ben­pan­zer, an das Gra­ben im Sand nach dem Meer. — stop

 



ping

ping