nordpol : UTC — Ein kleines Handbuch geistiger Wesen, die ich für mich selbst bewahren will. Einen Text in gut leserlicher Form mittels meiner Schreibhand auf ein Papier zu setzen. Ein Buch vom ersten bis zum letzten Satz selbstständig ohne vorausschauende Synopse zu lesen. Einen Dompfaff mit eigenen Augen sehen und selbstsicher sagen zu können: Das ist keine Meise. Einen elektrischen Brief zu schreiben, derart, dass man mich erkennen würde, an der Wahl der Wörter und seinem Rhythmus. — stop
![]()
Aus der Wörtersammlung: hand
auf der madison avenue
echo : 10.02 UTC — Ich dachte, ich habe diesen Traum bereits schon einmal geträumt, diesen oder einen ähnlichen Traum. Während ich noch in meinen Aufzeichnungen nach Traumereignis suche, fällt das Traumerlebnis einem Fallschirm kurz nach Landung ähnlich in sich zusammen. Nichts zu vergleichen, aber zu erzählen: Ich habe die maßstabsgetreue anatomische Darstellung eines Tiefseeelefantenrüssels auf der Madison Avenue entrollt. Leuchtend rote Muskelgruppen, staunende Passanten, Polizeifahrzeuge sperrten Kreuzungen, Stunden rauschenden Glücks, bis ich Höhe 129th Street das Ende der Formation erreichte. Unverzüglich mit der Subway downtown 23rd Street zurück. Abend war geworden, Nacht, ich begann im Licht einer Stirnlampe, jeden einzelnen Muskel der 120000 Strukturen handschriftlich und anatomisch sinnvoll zu bezeichnen: musculus amazonius oriens. Arbeitete einen Block nordwärts, bald fehlten weitere Wörter. — stop
![]()
vom bumerangkäfer
india : 18.58 UTC — Wenige Minuten nach Mitternacht landete ein Marienkäfer auf meiner linken Wange. Ich kann nicht entscheiden, ob das ein Zufall gewesen war oder nicht. Indem ich das rechte Auge schloss, aber mit dem linken Auge so weit wie möglich nach unten sah, konnte ich die halbkugelförmige Wölbung seines Rückens erkennen. Und ich spürte eine leichte Bewegung, der Käfer schien mich zu betasten. Natürlich überlegte ich sofort, ob es sich bei diesem Käfer nicht um ein ferngesteuertes Wesen handeln könnte, das mich besuchte, um Proben von meiner Körperoberfläche aufzunehmen. Nach einigen Minuten veränderte der Käfer seine Position, er ging zu Fuß, kletterte an mir herab, saß für einige Minuten an meinem Hals, dort konnte ich ihn weder sehen noch spüren, um kurze Zeit später auf meinem Hemd zu erscheinen, wo er sich sehr wohlgefühlt haben mochte, weil er dort eine gute Stunde seiner Lebenszeit verbrachte. Vielleicht hatte der Käfer geschlafen, oder sich von Strapazen erholt, die mir unbekannt. In diesem Moment nun, da ich meinen Text notiere, sitzt der in Wörtern vermerkte Käfer am linken unteren Rand des Bildschirmes meiner Schreibmaschine. Er presst sich fest an das Gehäuse. Weitere Käfer sitzen an den Wänden, es sind ein gutes Dutzend, auch Käfer mit gelbem Gehäuse sind darunter. Gestern habe ich beobachtet, dass gelbe Käfer mit vierundzwanzig Punkten, wenn ich sie behutsam in eine meiner Hände setze und in die Dunkelheit werfe, sofort wieder zurückkommen. Man könnte sagen, dass es sich bei dieser Art um Bumerangkäfer handeln könnte. Wie dieser Text an dieser Stelle gleichwohl ein Bumerangtext sein könnte, einer, der wiederkehrt, einer der sichtbar wird von Zeit zu Zeit, eine Erinnerung oder so etwas. — stop
![]()
faden
whiskey : 8.28 UTC — Heute suchte ich nach einem Traum. Früher Morgen. Eine Amsel war schon wach und erzählte eine Geschichte vom Sommer. Ich schaltete meine Schreibmaschine an und begann zu suchen. Ich erinnere mich: Der Traum, den ich geträumt hatte, erzählte von einem Muffin in Meeresnähe. Das war nun ein wirklich guter Faden, an dem ich behutsam ziehen konnte, um meine Traumgeschichte zu finden. In jenem Traum also beobachtete ich mich selbst, wie ich mit einem gespitzten Stück blauer Kreide in mein Papiernotizbuch notierte. Ich schrieb ungefähr ein Wort auf eine Seite. Sobald das Wort, das ich schreiben wollte, über zu viele Zeichen für den Umfang einer Seite meines Notizbuches verfügte, überlegte ich, ob vielleicht ein kürzeres Wort existieren könnte, um das längere Wort zu ersetzen. Plötzlich näherte sich eine Hand von der Seite her, nahm mir das Stück Kreide behutsam aus den Fingern, reichte mir stattdessen einen Bleistift, und ich schrieb in großen Buchstaben weiter, die von Seite zu Seite immer kleiner wurden, kleiner und kleiner, bis ich meine Schrift nicht mehr lesen konnte. Immer noch Traum. Ich gehe spazieren. Frischer Nachtschnee knistert unter meinen Füßen. Es ist ein sonniger Tag in Brooklyn, am Ende einer Straße schimmert das Meer. Ein paar glänzende Flugzeuge schweben dort über den Himmel, sie fliegen auf dem Kopf. Kurz darauf betrete ich ein Café, es ist, glaube ich, das Buon Gusto in der Montague Street. Vor einer Vitrine in der Tiefe des schmalen Raumes wartet ein Polizist. Er ist groß und von kräftiger Statur und seine Haut ist sehr schwarz, und ich denke, er weiß, dass ich denke, dass er sehr schwarz ist, und er lacht und deutet ins Innere der Vitrine, wo ein gutes Dutzend Muffins auf aprikosenfarbenen Deckchen ruhen. Einer der kleinen Kuchen bewegt sich, ein Blaubeermuffin, seitwärts ragt ein gefiedertes Flügelchen heraus, das wild um sich schlägt, weshalb der kleine Kuchen sich immer schneller auf der Stelle dreht. Seite an Seite stehen der riesige Mann und ich, ein kleiner Mann, leicht vorgebeugt, und staunen über das Geschehen in der Vitrine. Plötzlich wird es still, der Flügel ist im Muffin verschwunden, und der Polizist flüstert mir zu: Er gehört zu Ihnen, nicht wahr! Ich antworte: Ich glaube, er ist eingeschlafen. — stop
![]()
ost west
ulysses : 17.22 UTC — Wieder, zum fünften oder sechsten Male, die Beobachtung, dass ich mir selbst niemals die Hand geben könnte, in der Art und Weise, wie ich einer Person zur Begrüßung meine rechte Hand entgegenstrecke, wenn ich höflich zu sein wünsche. Wie auch immer ich je meine linke und meine rechte Hand simulierend wendete, kippte, verdrehte und verrenkte, ich scheiterte. Erstaunlich. Ich habe in der Straßenbahn diese merkwürdige Situation in Gedanken entfaltet, ohne indessen bemerkt worden zu sein. — stop

matrjoschka
nordpol : 17.12 UTC — Auf dem südlichen Fensterbrett meiner Wohnung steht seit längerer Zeit eine Matroschka-Puppe. Zuvor war sie in einer Truhe verborgen gewesen im Hause meiner Eltern, als meine Eltern noch lebten. Diese Puppe steht so selbstverständlich an Ort und Stelle, dass ich sie seit unbestimmter Zeit nicht wahrgenommen hatte. Vielleicht hätte ich ihr Fehlen bemerkt, aber nicht ihre Anwesenheit. Vor wenigen Tagen ist etwas Seltsames geschehen. Ich stand am Fenster und entdeckte die Puppe, als wäre sie eine vollständig neue Erscheinung. Als ich mich abwandte, erinnerte ich mich daran, sie als Kind geöffnet zu haben, bis zur kleinsten Puppe hin. Ich legte damals um die kleinste der Puppen einen gefalteten Zettel mit dem Vorsatz, irgendwann einmal nachzusehen, ob die Puppe vielleicht von irgendjemandem während meiner Abwesenheit geöffnet worden war. Nun nahm ich die Matroschka-Puppe also in die Hand und begann, mich langsam zu der kleinsten der Puppen vorzuarbeiten. Acht Puppen saßen über viele Jahre ineinandergestellt in einer Truhe, später in einem Umzugskarton, bis sie hier in meinem Südzimmer angekommen waren. Als ich die letzte der Hohlraumpuppen erreicht hatte, rutschte tatsächlich ein Zettel auf den Tisch, ein Zettel, an dessen hellgrüne Farbe ich mich erinnert hatte.- stop
nacht ist um 2
lima : 20.58 UTC – Apropos Fingersträußchen. Man darf sich das so vorstellen: An jeder Hand trage ich 20 bis 30 Fingerexemplare, die meisten sind Mittelfinger, Daumen sind keine darunter. Sobald ich an einem der Finger ziehe, löst er sich, sodass ich ihn weiterreichen kann. Für jeden Finger bekomme ich 5 oder 10 Pfund. Ich erinnere mich immer noch nicht, je Schmerz empfunden oder geblutet zu haben. Vielmehr empfinde ich Vergnügen, Freude und all diese Dinge, sobald ich einen Finger verschenken darf. Ich habe also, könnte man sagen, ausgesorgt, solange mir neue Finger wachsen. Es ist im Übrigen ein stiller Prozess, es knistert kaum hörbar, wenn sich Knochen entfalten. Sie wachsen nur dann, wenn kurz nach 2 Uhr in der Nacht geworden ist. Man stelle sich einmal vor, nicht auszudenken, anstatt Fingern würden mir Köpfe wachsen. — stop

ai : AFGHANISTAN

MENSCHEN IN GEFAHR: „Der Filmemacher Sayed Rahim Saidi ist willkürlich im Gefängnis Pul-e-Charkhi inhaftiert und bei schlechter Gesundheit. Er war am 14. Juli 2024 in Kabul von Angehörigen des Allgemeinen Geheimdienstes der Taliban festgenommen worden. Bei seiner Verhandlung im Dezember 2024 verurteilte ihn das Gericht wegen mutmaßlicher Propaganda gegen die De-facto-Behörden der Taliban zu drei Jahren Gefängnis. Trotz schwerer Erkrankungen wird er in einer kalten Gefängniszelle festgehalten und nicht angemessen medizinisch und medikamentös versorgt. Zwischen Juli und Dezember soll er im Gewahrsam des Geheimdiensts gefoltert und anderweitig misshandelt und nicht mit den von seiner Familie geschickten Medikamenten versorgt worden sein. Sayed Rahim Saidi muss umgehend und bedingungslos freigelassen werden.”> EINE E‑MAIL SCHREIBEN ODER EINEN BRIEF VON PAPIER
über zeit
alpha : 8.32 UTC – “Als Kind habe ich nicht bemerkt, dass meine Mutter älter wurde.” Am 16. April 1987 notierte Wilhelm Genazino diese Beobachtung für sein Buch Der Traum des Beobachters. Wann habe ich selbst bemerkt, dass Mutter älter wurde? ich kann mich nicht erinnern. In den späten Jahren mein erster scheuer Blick zu ihr hin, sobald sie die Tür öffnete. Ich hatte sie monatelang nicht gesehen. Sie war kleiner und kleiner geworden. Zum Abschied winkte sie mir, wie immer in den Jahrzehnten meiner Besuche zu Hause, nach. Wenn ich mich noch einmal zu ihr umdrehte, kurz bevor ich um die Ecke ging, sah ich nur noch ihre Hand hinter den Büschen, die flatterte wie ein Vogel. — stop
im garten
charlie : 16.58 UTC – Heute, wenn er noch lebte, wäre mein Vater 93 Jahre alt geworden. Ich erinnere mich mühelos an seine leise Stimme im Alter, ein wenig rau geworden, wie er an einem Sommerabend auf einem Stuhl im Garten saß. Vor ihm stand ein kleiner Tisch und auf diesem Tisch eine Flasche Wasser mit einem Drehverschluss. Ich glaubte, dass mein Vater mich nicht bemerkte. Er schien mit der Flasche zu sprechen. Er beugte sich vor, hielt die Flasche mit der einen Hand fest, während er mit der anderen Hand an ihrem Verschluss drehte. Aber die Flasche war nicht leicht festzuhalten gewesen, vermutlich deshalb, weil sich die Feuchte der Luft auf ihr niedergeschlagen hatte. Also lehnte sich mein Vater wieder auf seinem Stuhl zurück und schloss die Augen. Ich nehme an, er wird eingeschlafen sein. Als er wieder erwachte, war ich noch immer da und auch die Flasche stand auf dem Tisch. Mein Vater beugte sich vor, nahm die Flasche und drehte an ihrem Verschluss. Erneut schien er sich mit der Flasche zu unterhalten, ohne aber die richtigen Worte zu finden, weil die Flasche sich noch immer dagegen wehrte, geöffnet zu werden. Also lehnte sich mein Vater erneut zurück, er schüttelte den Kopf. In diesem Moment schwebte eine Libelle über den Tisch. Sie betrachtete meinen Vater, setzte sich auf den Verschluss der Flasche und faltete ihre Flügel. Ein Moment der Stille, des Friedens. Ein paar Zikaden waren zu hören, sonst nichts. Mein Vater war bald wieder eingeschlafen, es wurde dunkel und die Libelle verschwand. Als er wieder erwachte, saß ich direkt vor ihm. Ich hatte die Flasche für ihn geöffnet und ein Glas mit Wasser gefüllt. Mein Vater erzählte lächelnd in Würde, dass er sich gewundert habe, warum er die Flasche nicht öffnen konnte, er habe sie doch selbst zugedreht. Das ist doch verrückt, sagte er. — stop

Oft erzählte mir
mein Vater,
der Physiker,
von den Sternen.
/
Struktur
Great Wall
im Universum
Glückslicht
NASA


