Aus der Wörtersammlung: bilder

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platinen

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hima­la­ya : 16.15 UTC — Fol­gen­des habe ich erin­nert ges­tern Abend: Von einer Minu­te zur ande­ren, Vögel näm­lich, die über einen som­mer­li­chen Him­mel ras­ten, ein­an­der locken­de, haken­schla­gen­de Künst­ler, man­che flo­gen wei­te Stre­cken auf dem Rücken dicht über den Boden hin. Das war ein Vogel­him­mel über wild blü­hen­den Wie­sen, und da waren Bie­nen­ge­schos­se und schwe­ben­de Brumm­krei­sel­pil­ze. Unter einem Baum kau­er­ten ein paar Kin­der, die schraub­ten an fau­chen­den Tau­ben­köp­fen her­um. Eine Geschich­te feins­ter Werk­zeu­ge, jawohl, eine Geschich­te auch elek­trisch knis­tern­der Pla­ti­nen, die unter jener vor­ge­stell­ten Wie­se ver­bor­gen lagen.  – Ver­mag ich Tex­te oder zunächst eher Bil­der zu erin­nern? Wie sind bei­de Wel­ten mit­ein­an­der ver­knüpft? — stop

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bengalen

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marim­ba : 16.01 UTC — Stun­den­lang fol­ge ich auf dem Bild­schirm der digi­ta­len Spur eines Fahr­rad­fah­rers in West­ben­ga­len. Die Wege sind schmal, kaum ein Mensch kann einen ande­ren mit einem Fahr­rad über­ho­len. Auf einem Podest, das hin­ter dem Sat­tel des Fah­rers auf dem Fahr­rad mon­tiert wur­de, ruht eine Kame­ra auf einem Sys­tem von Ölge­win­den, die das Objek­tiv abfe­dern, um unschar­fe Bil­der zu ver­mei­den. Immer wie­der ein­mal sind der Fah­rer und sein Fahr­rad in einer Schei­be zu erken­nen. Auf Wie­sen gra­sen Kühe, da und dort waschen Frau­en im Was­ser von Bächen bun­te Tücher. Die Häu­ser sind nied­rig, gepflegt, bunt wie die Tücher, die die Frau­en in die Son­ne legen. Kin­der in Schul­uni­for­men sind unter­wegs. Die Land­schaft und ihre Stra­ße von dich­ten Wäl­dern gesäumt. Eine Hoch­zeit in einem Dorf, Blu­men­gir­lan­den. Die Gesich­ter der Men­schen sind unkennt­lich gemacht. Ob sie ahnen, was das Fahr­rad, das sie besucht, unter­nimmt? — stop
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radare

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lima : 21.15 UTC — In mei­ner Nach­bar­schaft, lese ich, wird ein Geh­stock für alten Mann gesucht, und ein Schlüs­sel mit blau­em Etui, ein Zim­mer außer­dem, Mie­ter für ein Zim­mer, eine Kat­ze, auch Mine­craft-Sachen, die man als Deko ver­wen­den kann? Egal ob Sti­cker, Bil­der, Figu­ren, Lego­tei­le, Schreib­wa­ren usw. Haupt­sa­che Mine­craft. Und mitt­wochs Kefir­knol­len. — stop
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heimsuchung

heimsuchung

tan­go : 20.01 UTC – Über dem Kanal de Saint-Mar­tin nahe der Rue Bichat im 10. Pari­ser Arron­dis­se­ment kreist seit drei Tagen ein krä­hen­ar­ti­ger Vogel, ohne je zu lan­den. Er scheint mit der kal­ten Win­ter­luft ein Gespräch zu füh­ren im Flug bei Tag und bei Nacht. Vogel­be­ob­ach­ter sind ein­ge­trof­fen. Sie sit­zen auf Bän­ken und Bal­ko­nen, ihre Fern­roh­re auf Sta­ti­ve gestellt und gegen den Him­mel aus­ge­rich­tet. Es ist des­halb, weil mit die­sem spre­chen­den und sin­gen­den Vogel mög­li­cher­wei­se etwas nicht stimmt. Seit der Vogel ein­ge­trof­fen ist, so wird erzählt, erschei­nen auf den Bild­schir­men loka­ler Fern­seh­ge­rä­te Film­auf­nah­men, die aus der Sicht die­ses Vogels auf­ge­nom­men wor­den sein könn­ten. Gleich­wohl sind Geräu­sche ver­zeich­net, sodass nun das Wei­nen von Kin­dern in den Pari­ser Häu­sern zu ver­neh­men ist, auch auf den Bild­schir­men der Hand­te­le­fo­ne sind Kin­der zu sehen, die in Zel­ten woh­nen ohne einen Fuß­bo­den, weil dort hin­durch der Schlamm, der von den Ber­gen kommt, tal­ab­wärts strömt. Die Kin­der sind krank, das kann man sehen, sobald man die erschro­cke­nen Augen öff­net. Auch die Eltern der Kin­der sind krank, sie tra­gen Pus­teln im Gesicht und auf den Armen und Bei­nen und auf ihren mage­ren Rücken. Vul­ka­ne wach­sen auf den Kör­pern der Men­schen und spei­en Eiter und Blut. Jener Vogel, der die­se Auf­nah­men in einer afri­ka­ni­schen Gegend mach­te, um sie per­sön­lich nach Euro­pa zu trans­por­tie­ren, war und ist noch immer ein gedul­di­ger Beob­ach­ter. Der Vogel flog lei­se in Boden­nä­he umher, ohne das Leid zu stö­ren, das sich ihm öff­ne­te, als wäre es eine dunk­le schmer­zen­de Blu­me. Kin­der fass­ten nach dem Vogel, deu­ten auf ihn, sie waren ohne Furcht. Und die Eltern der Kin­der erzähl­ten in einer fremd­ar­ti­gen Spra­che, wie es ist der­art krank und elend und bedroht zu sein. Ihre Ges­ten zu dem Auge des Vogels hin waren fle­hen­de Ges­ten. Seit Tagen nun kom­men die­se Bil­der in die Welt der Bild­schir­me und der Laut­spre­cher­an­la­gen bei Tag und bei Nacht am Kanal de Saint-Mar­tin nahe der Rue Bichat im 10. Pari­ser Arron­dis­se­ment. Nie­mand kann sagen, war­um das so ist und wie lan­ge die Heim­su­chung noch dau­ern wird. Viel­leicht, so eine Ver­mu­tung, wer­den wei­te­re Vögel kom­men, wei­te­re Bil­der, Fil­me, Geräu­sche. Eine Per­son soll auf einer Kanal­brü­cke ste­hend laut­stark gefor­dert haben, den Vogel end­lich vom Him­mel zu holen. Ein­mal waren Schüs­se zu hören. — stop

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krieg von oben

von drohnen

marim­ba : 22.28 UTC – Es war ein­mal an einem frü­hen Abend. Land­krieg von oben aus gro­ßer Höhe. Noch war­mes, mil­des Licht der tief über dem Hori­zont ste­hen­den Son­ne. In die­sem Licht segeln Dro­hen weit unter uns laut­los der Erde nah, wei­ße Rotor­we­sen vor und zurück, tas­ten sich her­an, wie Luft­kat­zen an qual­men­de, gepan­zer­te Fahr­zeu­ge. Der Rauch bren­nen­der Öle, bren­nen­der Kör­per, weit­hin sicht­bar. Flach über den Step­pen­bo­den flie­gen Geschos­se von irgend­wo­her, zeich­nen Spu­ren in der damp­fen­den Luft. Men­schen­fi­gu­ren eilen aus ver­seng­ten Fahr­zeu­gen, suchen Zuflucht im Unter­holz der schma­len Baum­strei­fen, die die ukrai­ni­sche Step­pe durch­zie­hen. Zu schwar­zen Gestal­ten nun in der Schnee­land­schaft der Wär­me­bild­ka­me­ra gewor­den, Gestal­ten, die nicht unsicht­bar wer­den, sosehr sie auch wün­schen, nie wie­der sicht­bar zu sein. Droh­nen, wei­te­re Vögel, nähern sich. Wei­ße flie­gen­de Spin­nen erkun­den, ob noch Leben im bren­nen­den Pan­zer zu fin­den ist, luren in die Schat­ten der metal­le­nen Höh­len. Das sind tat­säch­lich Bewe­gun­gen jagen­der Kat­zen. Aus der Hel­lig­keit glei­ßen­den Feu­ers bewegt sich die Gestalt eines flüch­ten­den Men­schen her­vor. Der flüch­ten­de Mensch zieht ein Bein hin­ter sich her, das Bein scheint ver­lo­ren. Der Mensch fällt, als er auch das zwei­te Bein für immer ver­liert. Liegt ganz still im Gras. Ein Droh­nen­vo­gel schwebt über ihm. Der Vogel war­tet. — stop

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wind

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ulys­ses : 22.02 UTC — Vor weni­gen Jah­ren noch die Vor­stel­lung, ich könn­te ein mensch­li­ches Wesen und sei­ne Ansich­ten vor­her­sa­gen, wenn ich nur wüss­te, wel­che Zei­tung er oder sie liest, wel­che Fern­seh­pro­gram­me und wie lan­ge betrach­tet, ob Bücher geöff­net wer­den oder nicht, Klei­dung, Geburts­ort, Spra­che. Ich hat­te oft nicht geirrt. Nun, es hat sich etwas geän­dert, ich kann nicht mehr vor­her­sa­gen, was ich zu hören bekom­me, wenn ich mit einer bis­her nicht bekann­ten Per­son ein Gespräch auf­neh­men darf. Men­schen, die mir begeg­nen, haben nahe­zu ohne Aus­nah­me Vögel in der Hand, so sieht das aus. Die­se hand­tel­ler­gro­ßen Tie­re lie­gen rück­lings in Hän­den und spie­len oder spü­len Bil­der und Töne und Tex­te in die Gehir­ne, die sie betrach­ten. Men­schen neh­men kaum noch wahr, wie der Wind in die Bäu­me fährt. Ich habe heu­te einen jun­gen Mann beob­ach­tet, dem fiel eine Kas­ta­nie auf den Kopf. — stop

 

 

 

 

 

 

 

 

New York 1971
Vater forografierte
die­se Stra­ße. Er
muss dort
gewesen
sein.

 

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hydra No 3

9

echo : 20.38 UTC — Eine Film­da­tei exis­tiert seit Jah­ren im Gedächt­nis mei­ner Com­pu­ter­ma­schi­ne. Ich habe die­se Datei noch nie geöff­net. Sie soll Bil­der ent­hal­ten, die den gewalt­sa­men Tod des Jour­na­lis­ten Dani­el Pearl vor lau­fen­der Kame­ra zei­gen. Immer wie­der der Gedan­ke, die Fra­ge, was ich unter­neh­men, was ich füh­len, wie ich leben wür­de, wenn ich wüss­te, dass Bil­der des Todes eines von mir gelieb­ten Men­schen, sei­ne Ernied­ri­gung, sei­ne Ver­zweif­lung betrach­tet wer­den oder betrach­tet wer­den könn­ten von Aber­tau­sen­den wil­der und frem­der Augen­paa­re. — Kann man mit einer Hydra ver­han­deln? — Ich stel­le fest. Das Wesen die­ser digi­ta­len Hydra der Grau­sam­keit ist zu unge­heu­rer Grö­ße gewach­sen. In Kanä­len der Tele­gram-Appli­ka­ti­on sind tau­send­fach Film­do­ku­men­te publi­ziert, die den Tod kämp­fen­der Men­schen an den Front­li­ni­en in der Ukrai­ne zei­gen. Sie wer­den in ihrem Ster­ben aus der Luft beob­ach­tet, von den Augen der Droh­nen, die zunächst nach Bewe­gung der Men­schen suchen, die unter ihnen in Wäl­dern und Grä­ben lie­gen. Droh­nen und ihre Augen sind töd­li­che Geschöp­fe. Sie bom­bar­die­ren, sie fil­men, sie prü­fen ihr Werk. Noch, es ist Som­mer 2024, wir­ken sie nicht auto­nom. — stop

Hydra

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In einer Nebel­kam­mer
Spu­ren kleinster
Teilchen
die Vater
beobachtete

 

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von feuervögeln

9

hima­la­ya : 20.18 UTC — Und wenn doch Mobil­te­le­fo­ne mit­tels Nach­rich­ten von fern her ent­zün­det wer­den könn­ten? — Ich sit­ze neben einem Mann in irgend­ei­nem Zug. Es ist Abend. Der Mann blickt auf den Bild­schirm sei­nes Mobil­te­le­fons. Sein Dau­men för­dert Bil­der von unten nach oben hin in rasen­der Geschwin­dig­keit. Ich betrach­te sei­nen Kopf. Und plötz­lich den­ke ich: Was denkt die­ser Kopf? Kann die­ser Kopf so schnell den­ken, wie sich die Bil­der unter der Bewe­gung sei­nes Dau­mens bewe­gen? Viel­leicht kennt die­ser Mann all jene Bil­der, die­ser för­dert bereits. Viel­leicht will er ver­tie­fen, was er denkt. Immer wie­der der Ein­druck, ein klei­ner Vogel, der pfeift von Zeit zu Zeit, lie­ge rück­lings in sei­ner Hand. Sofort wird aus der Bewe­gung eines Dau­mens, zärt­li­che Bewe­gung. — stop

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von vögeln

2

sier­ra : 22.08 UTC — Klei­ne oder hand­li­che flie­gen­de Foto­ap­pa­ra­te sind zunächst zu klei­nen flie­gen­den Film­ka­me­ras gewor­den. Man kann sie mit­hil­fe eines Mobil­te­le­fons und zwei­er Dau­men steu­ern. Die­se flie­gen­den, fil­men­den, auf­merk­sa­men Augen schei­nen Objek­te der Vogel­welt gewor­den zu sein. Man könn­te nun wei­te­ren durch­blu­te­ten Vögeln in der Luft begeg­nen. Man könn­te ihnen fol­gen. Man könn­te gleich­wohl Men­schen besu­chen, die in höhe­ren Eta­gen städ­ti­scher Wohn­häu­ser leben. Man könn­te Men­schen betrach­ten aus dem Dun­kel her­aus, ohne viel­leicht selbst gese­hen zur wer­den. Man kann, das ist beob­ach­tet, nun seit bald zwei Jah­ren Spreng­stof­fe laden und aus grö­ße­rer Höhe zur Erde hin stür­zen. Beob­ach­ten­de Vögel sind zu Raub­vö­geln gewor­den, sie rau­ben Bil­der und töten. Die Vor­stel­lung heu­te, spa­zie­rend im Pal­men­gar­ten, die Vor­stel­lung zier­li­cher Droh­nen, die her­um­flie­gen, um da und dort in den Städ­ten und in den Wäl­dern, Pro­ben zu neh­men von Kot, aus Abfall­stof­fen der Müll­hal­den, Gewäs­sern, auch unmit­tel­bar aus den Blut­kreis­läu­fen leben­der Orga­nis­men, von Kühen und von Men­schen, denk­ba­re Wel­ten. — stop

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dunkelkammer

pic

india : 0.45 UTC — Ein­mal vor lan­ger Zeit ste­he ich vor einer Tür. Ich bin groß genug gewor­den, um die Klin­ke der Tür mit einer Hand zu errei­chen. Ich ver­su­che die Tür zu öff­nen, da ruft Mut­ter, nicht Lou­is, Papi arbei­tet. Aber das war selt­sam, weil das Zim­mer hin­ter der Tür das Bade­zim­mer gewe­sen war, nicht das Arbeits­zim­mer, das gab es auch. Mut­ter sag­te: Dein Vater ent­wi­ckelt Bil­der, es muss dun­kel, stock­dun­kel sein im Zim­mer, Du musst etwas war­ten, mein Schatz, Papi wird bald her­aus­kom­men. Ich erin­ne­re mich, dass ich mich auf den Boden leg­te und unter der Tür zum Bade­zim­mer hin­durch späh­te. Ich konn­te Vaters Radio hören, und ich beob­ach­te rotes Licht, das im Bade­zim­mer leuch­te­te, sodass ich dach­te, das Radio wür­de viel­leicht rot leuch­ten. Es ist nicht dun­kel, sag­te ich, Mut­ter ant­wor­te, doch, doch, das ist Vaters Dun­kel­kam­mer. Ver­mut­lich weil ich erleb­te, was ich gera­de erzähl­te, bewirk­te, dass ich mit Radio­ap­pa­ra­ten noch Jah­re spä­ter rotes Licht in Ver­bin­dung brach­te. Dann, bald, wur­den Radi­os grün, wegen ihres leuch­ten­den Auges. Es waren Röh­ren­ge­rä­te. — Vor der Küs­te des Staa­tes Sene­gal, so erzählt das Fern­se­hen, sol­len 68 Men­schen auf dem Weg nach Euro­pa ertrun­ken sein. — stop



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