Schlagwort: schlange

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eine schreibmaschine

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echo : 15.15 UTC — Ich hör­te, drei Jah­re sind ver­gan­gen, von der Exis­tenz einer mecha­ni­schen Schreib­ma­schi­ne, die nicht grö­ßer sein soll als ein Stück Wür­fel­zu­cker. Wür­de man die­se sehr klei­ne Schreib­ma­schi­ne mit blo­ßem Auge betrach­ten, wür­de man ver­mut­lich sagen, das könn­te der Form nach eine Schreib­ma­schi­ne sein. Sie ver­fügt über Tas­ten, wie bei einer gewöhn­li­chen Schreib­ma­schi­ne, sowie eine Wal­ze, die Papie­re zu trans­por­tie­ren ver­mag, auch über ein Farb­band von Haa­res­brei­te, und über Häm­mer­chen, an deren Enden Plätt­chen befes­tigt sind, auf wel­chen sich Zei­chen befin­den, die wir ken­nen. Wie, frag­te ich mich, soll die­se Schreib­ma­schi­ne nur zu bedie­nen sein, wenn sie doch so klein ist, dass sie von einem mensch­li­chen Fin­ger ganz und gar zer­drückt wer­den könn­te, oder ver­bo­gen, so dass sie nie wie­der schrei­ben wür­de. Und über­haupt, wer hat die­se Appa­ra­tur aus wel­chem Grun­de in jener selt­sa­men Grö­ße mon­tiert? Man könn­te mit ihrer Hil­fe viel­leicht in der Art und Wei­se Jack Kerou­acs einen Text ver­fas­sen, könn­te dem­zu­fol­ge einen sehr lan­gen Text auf eine Luft­schlan­ge notie­ren, wenn man nur in der Lage wäre, die Tas­ten der Schreib­ma­schi­ne in äußerst zärt­li­cher Art und Wei­se anzu­schla­gen. Eine Lupe scheint unver­zicht­bar. Auch dass die Schreib­ma­schi­ne sicher sein muss, als wäre sie in här­tes­ter Nuss gebor­gen. — stop

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metamorphosen

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tan­go : 15.38 UTC — Eine Frau sitzt an einem Tisch, Sie notiert Ovids Meta­mor­pho­sen auf eine Papier­luft­schlan­ge. Wie behut­sam sie vor­geht, um das Papier nicht zu zer­rei­ßen. Kaum ist sie mit der Beschrif­tung einer der papie­re­nen Stre­cken zu Ende gekom­men, ver­bin­det sie mit einem Tröpf­chen Kleb­stoff eine wei­te­re noch unbe­schrif­te­te Schlan­ge. Kurz dar­auf notiert sie wei­ter, sehr fei­ner Pin­sel. Vor drei Jah­ren war ich die­ser Frau zum ers­ten Mal begeg­net. Heut ist sie noch immer frisch, eine Blü­te, viel­leicht des­halb, weil ihre Auf­ga­be, ihr Pro­jekt, unend­lich zu sein scheint. Vic­tor Klem­pe­rers Tage­bü­cher bereits seit Mai, dem 5. — stop

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polio

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echo : 15.08 UTC — Nach Alko­hol bit­ter duf­ten­de Wol­ke, Erin­ne­rung einer Turn­hal­le mit höl­zer­nem Boden, vor Klet­ter­sei­len Tische, hin­ter wel­chen Leh­rer hock­ten. Sie führ­ten Namens­lis­ten, und jene wei­te­ren Per­so­nen in wei­ßen Kit­teln, die nicht bekannt gewe­sen waren, berei­te­ten den Impf­stoff vor, der uns, wir waren Kin­der, vor Polio schüt­zen soll­te, vor der Läh­mung unse­rer Bei­ne, unse­rer Arme, vor eiser­nen Lun­gen und vor den schreck­li­chen Krü­cken aus Metall oder Holz. Ich erin­ne­re mich an einen dun­kel­braun gefärb­ten Trop­fen, der auf einen Zucker­wür­fel fällt. Wir albern her­um, eine wogen­de, kichern­de Schlan­ge von Kin­dern in Som­mer­kleid­chen und Som­mer­ho­sen. Sehr ernst der Moment, da sich der Löf­fel nähert. Zucker. Bit­ter. Süß. Das Schlu­cken. Es war kurz vor der Zeit der Kar­tof­fel­feu­er. Gestor­ben ist damals nie­mand, nicht an Polio. Heut, da ich begin­ne Phil­lip Roth Roman Neme­sis zu lesen, war die­ses selt­sa­mes Wort mei­ner Kind­heit wie­der gegen­wär­tig gewor­den. — stop

ping

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im spielfilm

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echo : 22.12 — Ner­vö­ses Spa­zie­ren, son­die­ren­de Bli­cke. Das Distan­zie­ren brennt sich in den Kopf. In den ers­ten Tagen der Ver­ord­nung zu Abstand war noch Ernst gewe­sen, jetzt da und dort immer wie­der ein Lächeln, ein lei­ses Dan­ke­schön, wenn man still­steht, um Raum zu spen­den. In einer zwei­fach um Ecken gefal­te­ten Schlan­ge ste­hen Men­schen, sie war­ten in ein Post­amt ein­tre­ten zu kön­nen. Wann habe ich in mei­nem Leben je so ver­harrt, gedul­dig, demü­tig, ent­spannt? Rot­kopf­schild­krö­ten hocken an Strän­den der Park­se­en, ihre ver­wit­ter­ten Kör­per sind voll­stän­dig aus dem Was­ser gekom­men, als wür­den sie nach den Men­schen jen­seits der Zäu­ne luren. Ein wun­der­ba­rer Früh­ling. Gold­far­be­ne Stäu­be schwe­ben durch die Luft, die so klar ist wie noch nie, seit ich den­ken kann, auch Spin­nen an ihrer Sei­de, und all das Unsicht­ba­re, das ich ein und wie­der aus­at­me. An das Unsicht­ba­re den­ken, das ist neu, dass das nicht­sicht­ba­re Gedan­ken beherrscht, auch die Träu­me. Lit­faß­säu­len mei­ner Stra­ße sind weiß wie leer. Eine Foto­gra­fie auf einer Zei­tung vor dem Kiosk zeigt Men­schen, die von Appa­ra­tu­ren umge­ben unbe­klei­det auf dem Bauch lie­gen. Im Spiel­film abends hocken Men­schen im Kaf­fee­haus Sei­te an Sei­te und gegen­über, ste­cken ihre Köp­fe zusam­men und debat­tie­ren, sehr selt­sam, sehr gefähr­lich, ich woll­te etwas sagen. — stop

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mundsegel

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alpha : 3.15 UTC — Es war kurz nach sechs Uhr mor­gens. Ich beob­ach­te­te am Flug­ha­fen eine Frau wie sie im Super­markt Früch­te berühr­te. Ihre Hän­de steck­ten in Plas­tik­hand­schu­hen, sie trug eine Bril­le, die sehr groß aus­ge­fal­len war, und einen papie­re­nen Schutz vor dem Mund, der sich wie ein Segel vor ihrem Atem bläh­te. Sie schien sehr auf­ge­regt zu sein, ihre Hän­de beweg­ten sich has­tig, zwei Äpfel, einen Pfir­sich, drei Bana­nen leg­te sie in ihr Körb­chen ab, dann eil­te sie wei­ter sofort zur Kas­se, wo sie war­ten muss­te. Sie wirk­te selt­sam ver­lo­ren, kaum jemand schien sie zu beach­ten. Sie stand in der Schlan­ge, unru­hig, eine Erschei­nung, als wäre sie ver­se­hent­lich viel zu früh an einem Zeit­ort ange­kom­men, der noch nicht bereit war, sie auf­zu­neh­men. Plötz­lich stell­te sie das Körb­chen, das sie auf ihrem Roll­kof­fer balan­cier­te, auf den Boden ab und flüch­te­te. — Das ist doch selt­sam, dach­te ich heu­te bald sechs Jah­re spä­ter. Die­ser Text wur­de bereits am 14. Okto­ber 2014 von mir selbst notiert. Ich hat­te ihn ver­legt. Das papie­re­ne Segel erin­ner­te mich. — stop

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fondamente nove

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india : 22.58 UTC — Noch fällt mir nicht leicht zu erzäh­len, war­um ich Zeit in Vene­dig ver­brin­ge. Ich bin ein Beob­ach­ter, des­halb bin ich in Vene­dig, zur Beob­ach­tung des Was­sers und auch der Schne­cken, die sich im Was­ser oder in der Nähe des Was­sers bewe­gen. Ich berich­te gleich­wohl sehr ger­ne, dass ich nach Eidech­sen Aus­schau hal­te. Ein­mal bemerk­te ich einen Mann, der mit­tels einer Lupe Tau­stü­cke unter­such­te, die zer­fa­sert, wie kran­ke Schlan­gen sich neben Vapo­ret­to­sta­tio­nen türm­ten. Auf einer Brü­cke nahe des Fäh­ren­ter­mi­nals Fon­da­men­te Nove war­te­te ein Foto­graf auf grö­ße­re oder klei­ne­re Schif­fe, die er senk­recht von oben her foto­gra­fier­te. Nach zwei oder drei Stun­den, die ich in sei­ner Nähe ver­brach­te, nick­te er mir plötz­lich zu. Kin­der turn­ten auf ros­ti­gen Eisen­stan­gen. Ich über­leg­te, ob sie wohl gelernt haben, mit einem Fahr­rad zu fah­ren? Das Was­ser unter der Bewe­gung der Schiffs­schrau­ben pul­siert für Bruch­tei­le von Sekun­den zu Kup­peln von Glas. Noch fällt mir nicht leicht zu erzäh­len, war­um ich eigent­lich Zeit in Vene­dig ver­brin­ge. Schwan­ken­de Wirk­lich­kei­ten, ver­traut. — stop
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luftpapiere

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alpha : 15.32 UTC — Über­all schwe­ben im Som­mer Fäden in der Luft her­um, Spin­nen­ge­we­be, auf wel­chem Roma­ne notiert sein könn­ten mit­tels sehr klei­ner Zei­chen. Eine Frau sitzt an einem Tisch und notiert Ovids Meta­mor­pho­sen auf eine Papier­luft­schlan­ge. Wie behut­sam sie vor­geht, um das Papier nicht zu zer­rei­ßen. Kaum ist sie mit der Beschrif­tung einer der papie­re­nen Stre­cken zu Ende gekom­men, ver­bin­det sie mit einem Tröpf­chen Kleb­stoff eine wei­te­re noch unbe­schrif­te­te Schlan­ge. Kurz dar­auf notiert sie wei­ter. Sehr fei­ner Pin­sel. Das ist kei­ne erfun­de­ne Geschich­te. — stop

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eine schreibmaschine

9

sier­ra : 6.14 UTC — Ich hör­te von der Exis­tenz einer mecha­ni­schen Schreib­ma­schi­ne, die nicht grö­ßer sein soll als ein Stück Wür­fel­zu­cker. Wür­de man die­se sehr klei­ne Schreib­ma­schi­ne mit blo­ßem Auge betrach­ten, wür­de man ver­mut­lich sagen, das könn­te der Form nach eine Schreib­ma­schi­ne sein. Sie ver­fügt über Tas­ten, wie bei einer gewöhn­li­chen Schreib­ma­schi­ne, sowie eine Wal­ze, die Papie­re zu trans­por­tie­ren ver­mag, auch über ein Farb­band von Haa­res­brei­te, und über Häm­mer­chen, an deren Enden Plätt­chen befes­tigt sind, auf wel­chen sich Zei­chen befin­den, die wir ken­nen. Wie, frag­te ich mich, soll die­se Schreib­ma­schi­ne nur zu bedie­nen sein, wenn sie doch so klein ist, dass sie von einem mensch­li­chen Fin­ger ganz und gar zer­drückt wer­den könn­te, oder ver­bo­gen, so dass sie nie wie­der schrei­ben wür­de. Und über­haupt, wer hat die­se Appa­ra­tur aus wel­chem Grun­de in jener selt­sa­men Grö­ße mon­tiert? Man könn­te mit ihrer Hil­fe viel­leicht in der Art und Wei­se Jack Kerou­acs einen Text ver­fas­sen, könn­te dem­zu­fol­ge einen sehr lan­gen Text auf eine Luft­schlan­ge notie­ren, wenn man nur in der Lage wäre, die Tas­ten der Schreib­ma­schi­ne in äußerst zärt­li­cher Art und Wei­se anzu­schla­gen. Eine Lupe scheint unver­zicht­bar. — stop
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im warenhaus

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marim­ba : 0.02 — Am Abend im Waren­haus beob­ach­te ich einen klei­nen Jun­gen. Er springt in einer War­te­schlan­ge vor einer Kas­se her­um und lacht und ver­dreht die Augen. Weil sich auf dem För­der­band vor der Kas­se Milch­fla­schen, Corn­flakes­schach­teln, Reis­tü­ten sowie zwei Honig­me­lo­nen befin­den, kann der Jun­ge den Mann, der an der Kas­se sei­ne Arbeit ver­rich­tet, zunächst nicht sehen. Bei dem Mann han­delt es sich um Javuz Aylin, er ist mit­tels eines Namens­schild­chens, das in der Nähe sei­nes Her­zens ange­bracht wur­de, zu iden­ti­fi­zie­ren. In die­sem Moment der Geschich­te erhebt sich Herr Aylin ein wenig von sei­nem Stuhl, um neu­gie­rig  über die Waren hin­weg zu spä­hen, ver­mut­lich des­halb, weil der Haar­schopf des Jun­gen mehr­fach in sein Blick­feld hüpf­te. Da ist noch ein zwei­ter Haar­schopf an die­sem Abend im Waren­haus in nächs­ter Nähe, schwar­zes, locki­ges Haar, es ist der jün­ge­re Bru­der des Jun­gen, der in weni­gen Sekun­den zu dem Kas­sie­rer spre­chen wird, bei­de Kin­der sind sich so ähn­lich als sei­en sie Zwil­lin­ge, ein gro­ßer und ein klei­ner Zwil­ling. Gleich hin­ter den Buben war­tet die Mut­ter, sie lächelt wie sie ihre Kin­der so fröh­lich her­um­tol­len sieht. Die jun­ge Frau trägt ein sehr schön bun­tes Kopf­tuch, ich stel­le mir vor, sie könn­te in Marok­ko gebo­ren wor­den sein, kräf­tig geschmink­ter Mund, herr­li­che Augen. Plötz­lich sind die Waren auf dem För­der­band ver­schwun­den, der älte­re der bei­den Jungs betrach­tet auf­merk­sam das Gesicht des Kas­sie­rers Aylin, der müde zu sein scheint. Er hält dem Jun­gen ein Päck­chen mit Sam­mel­bil­dern zur Euro­pa­meis­ter­schaft ent­ge­gen, außer­dem ein zwei­tes Päck­chen für den klei­ne­ren Bru­der, der immer noch hüpft, weil er gera­de eben doch noch zu klein ist, um über das Band selbst hin­weg spä­hen zu kön­nen. Oh, dan­ke, sagt der Jun­ge zu Herrn Aylin. Er schaut kurz zur Mut­ter hin­auf, die nickt. Ich habe schon fast alle Kar­ten, fährt er fort, die deut­sche Mann­schaft ist kom­plett. Er macht eine kur­ze Pau­se. Ich bin näm­lich Deut­scher, sagt der Jun­ge mit kräf­ti­ger Stim­me, auch mein Bru­der ist Deut­scher. Wie­der schaut er zu Mut­ter hin, und wie­der nickt die jun­ge Frau und lacht. Bist Du auch Deut­scher, fragt der Jun­ge Herrn Aylin. Der schüt­telt jetzt den Kopf und schnei­det eine freund­li­che Gri­mas­se. Der Jun­ge setzt nach: Ach so! War­um nicht? Aber da ist er, ehe Herr Aylin ant­wor­ten kann, mit sei­nem klei­nen Bru­der und sei­nen Sam­mel­bil­dern bereits irgend­wo hin­ter der Kas­se ver­schwun­den, so dass sich ihre Mut­ter beei­len muss, um sie nicht aus den Augen zu ver­lie­ren. — stop
ersteseite

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morgens kurz nach fünf

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zou­lou : 6.10 — Eine Stech­mü­cke setz­te sich in der Däm­me­rung nach einer lan­gen Arbeits­nacht auf mei­nen Arm. Ich beob­ach­te­te, wie sie ihren Rüs­sel an mich leg­te, aber sie stach nicht zu, als ob sie sich mei­ner Rei­fe nicht sicher gewor­den sei. Kurz dar­auf war­te­te ich vor einer Kas­se in einer Men­schen­schlan­ge. Irgend­wo in der Fer­ne lach­te eine Kas­sie­re­rin. Plötz­lich bemerk­te ich, dass ich in mei­nem Leben noch nie eine Ohr­fei­ge bekom­men habe, oder alle Ohr­fei­gen, die ich bekom­men habe, ver­ges­sen konn­te. So ende­te mei­ne Nacht mit zwei span­nen­den Geschich­ten, ich war zufrie­den. — stop
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