echo : UTC — Einmal hatte ich einen lustigen Traum. Saß im Zug und naschte Schokolade. Ich naschte so viel Schokolade, dass sich meine Stirn und meine linke Hand in eine Stirn und eine Hand von reinster Schokolade verwandelten. Ein Kind kam vorbei, kostete von meinem Zeigefinger und sagte: Du schmeckst gut. Und dann war schon Samstag geworden. — stop
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Aus der Wörtersammlung: art
sonnet 5.5
echo : UTC — Menschliche Wesen von 20000 Jahren Lebenserwartung, Hüter der Plutoniumwerke, memorierende Beobachter, flüsternde Sprecher durch Räume der Zeit, die bisher nicht vorstellbar sind, weil ich sie weder fühle noch träume, weil unsere Herzen durch die Atomzeit rasend schlagen wie die Herzen der Moskitoeintagsfliegen. Noch immer nicht zu Ende gedacht. Sie werden vielleicht einmal so belesen sein wie ein Large-Language-Modell unserer Zeit. – stop
Uralte nordische Steine nahe
Timmendorfer Strand
von Kinderhand
bemalt
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lukrez
marimba : UTC — Von der Berechnung des Luftwiderstandes, dem ein Körper begegnet, wenn er sich im freien Fall befindet, wusste ich damals, im März des Jahres 2013, bis kurz nach Mitternacht nichts. Auch die Berechnung der wachsenden Geschwindigkeit, mit der sich ein stürzender Körper dem Erdmittelpunkt nähert, war mir nicht möglich gewesen, weil ich noch nie gut gewesen war in der Mathematik der Physik. Ich hatte also nachgelesen und war in dieser Lektüre auf einen wunderbaren Text gestoßen, den der Philosoph Lukrez bereits im Jahr 55 vor Christus notiert haben soll. Er schrieb: „Wer nun etwa vermeint, die schwereren Körper, die senkrecht rascher im Leeren versinken, vermöchten von oben zu fallen auf die leichteren Körper und dadurch die Stöße bewirken, die zu erregen vermögen die schöpferisch tätigen Kräfte: Der entfernt sich gar weit von dem richtigen Wege der Wahrheit. Denn was immer im Wasser herabfällt oder im Luftreich, muss, je schwerer es ist, umso mehr sein Fallen beeilen, deshalb, weil die Natur des Gewässers und leichteren Luftreichs nicht in der nämlichen Weise den Fall zu verzögern imstand ist, sondern im Kampfe besiegt vor dem Schwereren schneller zurückweicht: Dahingegen vermöchte das Leere sich niemals und nirgends wider irgendein Ding als Halt entgegenzustellen, sondern es weicht ihm beständig, wie seine Natur es erfordert. Deshalb müssen die Körper mit gleicher Geschwindigkeit alle trotz ungleichem Gewicht durch das ruhende Leere sich stürzen.” — Eine weitere Stunde verging nach Lektüre, dann hatte ich eine recht präzise Vorstellung von der Beschleunigung, die ein Transistorradio erfährt, wenn es aus 1,60 Meter Höhe von einem Bartisch aus zu Boden fallen wird. Das war eine bedeutende Erfahrung, um eine Geschichte erzählen zu können, die sich dem Verhalten eines fallenden Radios gemäß entwickeln könnte. Weil sich das Radio zunächst langsam, dann schneller werdend durch die Luft bewegt, würden sich auch die Wörter der Geschichte zunächst langsamer ereignen, eine geringe Menge Wörter für ein erzähltes Particle der Geschichte, wohingegen zuletzt, kurz vor dem Aufprall des Radios sich sehr viele Wörter ereignen würden, um ein erzähltes Particle zu erzeugen. Eine interessante Vorstellung, die ich paradoxerweise in meinem Gehirn herumzudrehen vermochte. Weil sich das Radio zunächst langsam bewegt, ist viel Zeit, um viele Wörter zu notieren. Stetig werden die Wörter weniger, weil sich die Zeit ihrer Aufführung verkürzt. Alles das ist für eine extreme Zeitlupe ausgedacht. Wundervoll. — stop

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von fingersträußchen
ulysses : UTC — Dieser folgende Traum wurde in der Nacht zum 17. August 2012 geträumt. Mehrfach habe ich geträumt, diese wunderbare Traumgeschichte zu wiederholen. Vergeblich. In der kommenden Nacht werde ich einen weiteren Versuch unternehmen. Observation. Blaupause: Im Traum war alles wieder nachgewachsen. Meine Hände blühten. Ich machte mich auf den Weg durch Manhattan südwärts. Ich ging zu Fuß. Es war ein sonniger Tag, das Meer schimmerte um das Fährschiff MV J. F. Kennedy. Am Tresen zu dieser ostwärts gelegenen Schiffskantine wartete bereits Mr. Melrose, und überreichte mir einen Becher Kakao. Als er meine blühenden Hände entdeckte, fütterte er mich höchstpersönlich mittels eines Teelöffels. Ich schenkte ihm zum Dank einen kleinen Finger, machte mich dann auf meinen täglichen Weg über das Hurrikanedeck, sprach all die wartenden Pendlermenschen freundlich an, und zeigte ihnen meine Hände, die als solche nicht zu erkennen waren, weil sie Fingersträußchen ähnelten. Man muss sich das einmal vorstellen: An jeder Hand trug ich 20 bis 30 Fingerexemplare, die meisten waren Mittelfinger, Daumen waren keine darunter. Sobald ich an einem der Finger zog, löste er sich, sodass ich ihn verschenkenkonnte. Für jeden Finger bekam ich 5 Dollar. Ich erinnere mich nicht, je Schmerz empfunden oder geblutet zu haben. Vielmehr empfand ich Vergnügen, Freude, Lust. — stop
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bengalen
nordpol : UTC — Ich habe eine Lichtaufnahme, nachdem ich sie bereits vor Jahren einmal wiederentdeckt hatte, heute zum 3. Male gefunden oder erinnert in einer Schachtel, die ich unter meinem Sofa versteckte: eine Fotografie, die zeigt, wie ich kurz nach meiner Geburt ausgesehen habe. Ich war schon geputzt, aber noch immer zerfurcht vom langen Warten unter Wasser. Vor vielen Jahren, als ich mich an diese erste Fotografie meines Lebens erinnert hatte, war mir bewusst geworden, dass eines Tages einmal eine weitere Fotografie existieren wird, eine Fotografie, die die letzte Aufnahme gewesen sein wird, meiner Person als einer lebenden Person. Auch war mir bewusst geworden, dass das ZUR WELT KOMMEN mit Entfaltung zu tun haben könnte. Mein erster Schatten. Ich wäre im Jahr meiner Geburt in Farbe bereits möglich gewesen. — stop
Menschen in
Bengalen ohne
Gesicht
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vom zählen
nordpol : UTC — Wenn ich zählte, ich war noch ein kleines Kind, berührte ich mit meiner linken Hand meine rechte Hand. Ich hielt in diesem Moment die rechte Hand zur Faust geschlossen. Jener Finger, den ich als ersten Finger zählte, war stets der kleine Finger gewesen. Ich nahm ihn zwischen Zeigefinger und Daumen der linken Hand und streckte ihn aus. Jahrzehntelang habe ich auf diese Art und Weise niemals wieder gezählt. Warum? — Vielleicht deshalb, weil ich Zahlen ohne Stimme vor mich hinsagen konnte. – stop
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go
nordpol : UTC — Ein kleines Handbuch geistiger Wesen, die ich für mich selbst bewahren will. Einen Text in gut leserlicher Form mittels meiner Schreibhand auf ein Papier zu setzen. Ein Buch vom ersten bis zum letzten Satz selbstständig ohne vorausschauende Synopse zu lesen. Einen Dompfaff mit eigenen Augen sehen und selbstsicher sagen zu können: Das ist keine Meise. Einen elektrischen Brief zu schreiben, derart, dass man mich erkennen würde, an der Wahl der Wörter und seinem Rhythmus. — stop
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propeller
echo : UTC — Dieses Wort, Propellerwort, das sich seit einigen Stunden, weiß der Himmel, woher es gekommen ist, in meinem Kopf bewegt, scheint in der wirklichen Welt noch nicht zu existieren. Ich suchte in Wörterbüchern, ich suchte in der digitalen Sphäre, vergeblich. Was also könnte unter einem Propellerwort exakt zu verstehen sein? Ein Wort vielleicht, das in der Lage wäre, weitere Wörter, die vor oder hinter ihm in einem Satzverbund notiert worden sind, im Geiste eines Lesenden zu beschleunigen, oder den Lesenden selbst in seiner Art des Lesens heftig anzuregen. In diesem Augenblick kommt mir kein Wort in den Sinn, das in dieser Weise wirksam werden könnte. Stattdessen dachte ich an das Wort Zwergseerose, welches ich gestern noch notierte, das Wort Zwergseerose könnte für mich zu einem Propellerwort werden, weil es mich leichter werden lässt, weil ich mich freue, sobald ich das Wort denke oder höre, weil ich sofort weitere Zwergwörter bemerke, die mir gefallen, das Wort Zwerglibelle beispielsweise, oder das Wort Zwergameisenpferd, von den Ameisenpferden habe ich bereits erzählt, auch das Wort Ohrfeige, wenn ich das Wort Ohrfeige hinsichtlich der Baumfrüchte betrachte, scheint sich gleichwohl zu einem Propellerwort zu entwickeln. — Oh, Du schöner Sommermorgen. Ich bemerke, ich könnte bald oder habe meine Sichtweise auf menschliche Wesen modifiziert. Ich frage: Wen habe ich vor mir? Was sehe ich? Was könnte dieser Mensch gelesen und erlebt haben? Wie wurde er also trainiert? — stop
Zwergkrake
New York nahe
Central Park
Nacht

vom bumerangkäfer
india : 18.58 UTC — Wenige Minuten nach Mitternacht landete ein Marienkäfer auf meiner linken Wange. Ich kann nicht entscheiden, ob das ein Zufall gewesen war oder nicht. Indem ich das rechte Auge schloss, aber mit dem linken Auge so weit wie möglich nach unten sah, konnte ich die halbkugelförmige Wölbung seines Rückens erkennen. Und ich spürte eine leichte Bewegung, der Käfer schien mich zu betasten. Natürlich überlegte ich sofort, ob es sich bei diesem Käfer nicht um ein ferngesteuertes Wesen handeln könnte, das mich besuchte, um Proben von meiner Körperoberfläche aufzunehmen. Nach einigen Minuten veränderte der Käfer seine Position, er ging zu Fuß, kletterte an mir herab, saß für einige Minuten an meinem Hals, dort konnte ich ihn weder sehen noch spüren, um kurze Zeit später auf meinem Hemd zu erscheinen, wo er sich sehr wohlgefühlt haben mochte, weil er dort eine gute Stunde seiner Lebenszeit verbrachte. Vielleicht hatte der Käfer geschlafen, oder sich von Strapazen erholt, die mir unbekannt. In diesem Moment nun, da ich meinen Text notiere, sitzt der in Wörtern vermerkte Käfer am linken unteren Rand des Bildschirmes meiner Schreibmaschine. Er presst sich fest an das Gehäuse. Weitere Käfer sitzen an den Wänden, es sind ein gutes Dutzend, auch Käfer mit gelbem Gehäuse sind darunter. Gestern habe ich beobachtet, dass gelbe Käfer mit vierundzwanzig Punkten, wenn ich sie behutsam in eine meiner Hände setze und in die Dunkelheit werfe, sofort wieder zurückkommen. Man könnte sagen, dass es sich bei dieser Art um Bumerangkäfer handeln könnte. Wie dieser Text an dieser Stelle gleichwohl ein Bumerangtext sein könnte, einer, der wiederkehrt, einer der sichtbar wird von Zeit zu Zeit, eine Erinnerung oder so etwas. — stop
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vom gedächtnis
ulysses : 18.05 UTC — Wenn ich gehe, ohne zu einem Tonbandgerät zu sprechen, kommen die Gedanken aus der Luft und verschwinden wieder in die Luft. Wenn ich sitze, kommen die Gedanken aus meinen Händen. Sobald ich einmal nicht schreibe, ruhen meine Hände auf den Tasten der Schreibmaschine und warten. Sie warten darauf, dass eine Stimme in meinem Kopf diktiert, was zu schreiben ist. Ich könnte vielleicht sagen, dass meine Hände darauf warten, mein Gedächtnis zu entlasten. Was ich mit meinen Händen in die Tastatur der Maschine schreibe, habe ich gedacht, aber ich habe, was ich schrieb, nicht gelernt, nicht gespeichert, weil ich weiß, dass ich wiederkommen und lesen könnte, was ich notierte. — stop
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