ai : TÜRKEI

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MENSCH IN GEFAHR : “Am Abend des 15. Juli 2016 ver­such­ten Tei­le der tür­ki­schen Streit­kräf­te mit Waf­fen­ge­walt, die Regie­rung zu stür­zen. Doch der Putsch­ver­such wur­de schnell nie­der­ge­schla­gen. Tau­sen­de Men­schen pro­tes­tier­ten auf den Stra­ßen dage­gen und die Put­schis­ten wur­den von Sicher­heits­kräf­ten über­wäl­tigt. In einer Nacht vol­ler Gewalt wur­den Hun­der­te getö­tet und Tau­sen­de ver­letzt. Unmit­tel­bar nach dem geschei­ter­ten Staats­streich beschul­dig­te die Regie­rung den in den USA leben­den Pre­di­ger Fethul­lah Gülen und sei­ne Anhänger_innen, sich zum Sturz der Regie­rung ver­schwo­ren zu haben. Die reli­giö­se Gülen-Bewe­gung wird von den tür­ki­schen Behör­den als ter­ro­ris­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on ein­ge­stuft. Am 20. Juli 2016 rief die Regie­rung den Aus­nah­me­zu­stand aus, der zwei Jah­re lang in Kraft blieb. Es folg­te eine mas­si­ve Ver­haf­tungs­wel­le gegen Jour­na­lis­tin­nen, Schrift­stel­le­rin­nen, Rich­te­rin­nen, Staats­an­wäl­tin­nen sowie ver­meint­li­che und tat­säch­li­che Kri­ti­ke­rin­nen der Regie­rungs­par­tei AKP. / Ahmet Altan und sein Bru­der Meh­met Altan nah­men am 14. Juli – dem Vor­abend des Put­sches – an einer Live-Fern­seh­sen­dung mit der Mode­ra­to­rin Nazlı Ilı­cak teil. Wäh­rend der Sen­dung dis­ku­tier­ten sie auch über tür­ki­sche Poli­tik. Anschlie­ßend wur­den alle drei unter dem Vor­wurf fest­ge­nom­men, in der Sen­dung „unter­schwel­li­ge Bot­schaf­ten“ über den bevor­ste­hen­den Putsch ver­brei­tet zu haben. Nazlı Ilı­cak kam Ende Juli, Ahmet Altan und Meh­met Altan kamen im Sep­tem­ber 2016 in Unter­su­chungs­haft. Ahmet Altan, Meh­met Altan, Nazlı Ilı­cak und drei wei­te­re Ange­klag­te wur­den dann im Febru­ar 2018 wegen des Vor­wurfs, „die ver­fas­sungs­mä­ßi­ge Ord­nung umstür­zen zu wol­len“ zu einer lebens­lan­gen Haft­stra­fe ohne die Mög­lich­keit einer Bewäh­rung ver­ur­teilt. Als das Obers­te Beru­fungs­ge­richt die Schuld­sprü­che im Juli 2019 auf­hob, wur­de ein neu­es Ver­fah­ren gegen fünf der Ange­klag­ten ein­ge­lei­tet. Meh­met Altan wur­de dage­gen frei­ge­spro­chen. / Am 4. Novem­ber 2019 wur­den mit­hil­fe der Ankla­ge „Unter­stüt­zung einer ter­ro­ris­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on, ohne deren Mit­glied zu sein“ Ahmet Altan zu zehn­ein­halb Jah­ren und die Jour­na­lis­tin Nazlı Ilı­cak zu acht Jah­ren und neun Mona­ten Haft ver­ur­teilt. Bei­de wur­den bis zum Urteil in ihrem Rechts­mit­tel­ver­fah­ren vor dem Straf­ge­richt für schwe­re Straf­sa­chen Nr. 26 in Istan­bul frei­ge­las­sen und mit einem Rei­se­ver­bot belegt. Das Gericht sprach in dem unfai­ren Ver­fah­ren drei wei­te­re Per­so­nen schul­dig, dar­un­ter zwei Medi­en­schaf­fen­de, und ent­schied, dass sie in Unter­su­chungs­haft blei­ben müss­ten. Die Staats­an­walt­schaft leg­te am 6. Novem­ber 2019 Rechts­mit­tel gegen Ahmet Altans Frei­las­sung ein. Am 8. Novem­ber wies das Gericht für schwe­re Straf­sa­chen Nr. 26 in Istan­bul den Antrag des Staats­an­walts zurück, Ahmet Altan erneut in Haft zu neh­men und ver­wies die Straf­sa­che an das Gericht für schwe­re Straf­sa­chen Nr. 27. Die­ses Gericht akzep­tier­te das Rechts­mit­tel der Staats­an­walt­schaft am 12. Novem­ber. Ahmet Altan und sein Rechts­bei­stand erfuh­ren nicht direkt von die­ser Ent­schei­dung des Gerichts, son­dern durch regie­rungs­na­he Medi­en. Noch am glei­chen Abend wur­de Ahmet Altan zuhau­se in Istan­bul fest­ge­nom­men und in Poli­zei­ge­wahr­sam über­stellt. / Die erneu­te Fest­nah­me von Ahmet Altan scheint poli­tisch moti­viert, will­kür­lich und unver­ein­bar mit dem Recht auf Frei­heit nach Para­graf 5 der Euro­päi­schen Kon­ven­ti­on zum Schut­ze der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten zu sein, der jeden will­kür­li­chen Frei­heits­ent­zug ver­bie­tet. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te stell­te fest, dass vor­sätz­li­che Hand­lun­gen der Behör­den zu Will­kür füh­ren kön­nen. Die erneu­te Inhaf­tie­rung von Ahmet Altan ver­stößt ekla­tant gegen sei­ne Rech­te.” - Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­le­ne schrift­li­che Aktio­nen bis spä­tes­tens zum 8.1.2020 unter > ai : urgent action
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löffel

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echo : 22.38 UTC — Etwas Merk­wür­di­ges ist gesche­hen. Ich beob­ach­te­te, wie sich eine künst­li­che Intel­li­genz ( sie wird gera­de eben in die­sen Mona­ten ent­wi­ckelt, in dem man über sie forscht, als exis­tier­te sie in Gedan­ken schon lan­ge Zeit ) mit Wör­ter­bü­chern der digi­ta­len Welt in Ver­bin­dung setz­te. Im Arbeits­spei­cher des Zei­chen­we­sens waren plötz­lich unter ana­to­mi­schen Bezeich­nun­gen wis­sen­schaft­li­cher Art, Begrif­fe unse­rer mensch­li­chen Umgangs­spra­che zu bemer­ken, Kör­per­wör­ter, bei­spiels­wei­se, sind nun für das Atoll der Ohren fol­gen­de ver­zeich­net: Trom­melfell Ohr Lauschlap­pen Höror­gan Ohr­waschl Gehör Lausch­er Löf­fel. Für das Atoll der Augen: Pupil­le Seh­loch Glub­sch­er Ocu­lus Auge Sehor­gan Sehw­erkzeug Guck­er. Groß­ar­ti­ge Sache. — stop

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vorletztes telefon

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vik­to­ry : 15.02 UTC — D. rief an. Sie habe, sag­te sie, gera­de eben noch ein­mal unse­re gemein­sa­me Freun­din B. besucht, die im Ster­ben lie­ge. Es war spät am Abend und ich dach­te, ich kön­ne nicht anru­fen am Bett einer Ster­ben­den um die­se Uhr­zeit. Ich war­te­te also und schlief, dann war die Nacht vor­über. B. mel­de­te sich mit kaum noch hör­ba­rer Stim­me. Ihre Toch­ter sit­ze neben ihr und wür­de das Tele­fon hal­ten, ja, es wird lang­sam Zeit, sag­te sie, 94 Jah­re, nein, ins Kran­ken­haus mag sie nicht mehr gehen, sie will jetzt auf­hö­ren, sie sei dank­bar, es gehe ihr gut, ich sol­le an sie den­ken und ihr wün­schen, dass es nicht lang dau­ern möge, ja, sie kön­ne schla­fen. Schö­ne Gesprä­che, sag­te sie, haben wir geführt in die­sem Som­mer, Wal­ter Kem­pow­ski, ja, den ken­ne ich per­sön­lich. Ich ant­wor­te­te, dass ich ihr dank­bar sei für ihre Geschich­ten von der Geschich­te, von Ros­tock, und die­sen Din­gen, wie sie den Krieg gera­de so über­leb­te. Und ich hör­te, dass sie immer müder wur­de, und ich fra­ge noch, ob ich sie viel­leicht mor­gen noch ein­mal anru­fen dür­fe. Du kannst es ja ver­su­chen, sag­te sie. — stop

von zeichenfühlern

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del­ta : 7.16 UTC — Ich träum­te einen Mann, der in einer stau­bi­gen Stadt auf einem Sche­mel vor einer Schreib­ma­schi­ne hock­te. Der Mann schien zu war­ten mit geschlos­se­nen Augen oder schlief. Sobald sich jemand näher­te und sich vor den Mann hin auf einen wei­te­ren Sche­mel setz­te, hob der Mann die Schreib­ma­schi­ne vom Boden auf und set­ze sie auf sei­nen Ober­schen­kel ab, dann lausch­te er. Nach weni­gen Sekun­den hob er eine Hand, um eine Sprech­pau­se zu bewir­ken. Es war eine mäch­ti­ge Ges­te, die Vögel hör­ten auf zu sin­gen, und der Wind und die Auto­mo­bi­le schwie­gen. In die­ser Stil­le, die ihm per­sön­lich zu gehö­ren schien, begann er unver­züg­lich die Tas­ten sei­ner Schreib­ma­schi­ne mit win­zi­gen, run­den Papie­ren zu bekle­ben, zeich­ne­te sodann mit roter Far­be Zei­chen auf die Papie­re, um kurz dar­auf mit einer zar­ten Hand­be­we­gung, den vor ihm War­ten­den zu ermun­tern, wei­ter­zu­spre­chen. Vor­sich­tig tipp­te er nun Zei­chen um Zei­chen in die Tas­ten, sie waren von zahl­lo­sen Papie­ren der­art erhöht, dass sie wie Füh­ler eines Schreib­ma­schi­nen­tie­res wirk­ten, die mit jeder Berüh­rung einer der Tas­ten federnd sich hin und her und auf und ab beweg­ten. — stop

ki

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romeo : 15.05 UTC — Vor eini­gen Wochen hab ich ein Buch, sagen wir genau­er, ich habe einen Text mit dem Titel CIMBEL 8 auf mei­nem Paper­white-Leser­ge­rät ent­deckt. Es ist merk­wür­dig, ich kann mich zu die­sem Zeit­punkt nicht erin­nern, wie und wann und woher die­ser Text auf mein Lese­ge­rät gereist sein könn­te. Er scheint vom Ver­ges­sen und von Wör­tern zu erzäh­len, von Ent­de­ckun­gen und auch vom Erin­nern. Der Text wur­de von Helen KI. Lie­ber­mann notiert, die mir völ­lig unbe­kannt. Auch will der Text nicht enden, er setzt sich immer wei­ter fort, obgleich mir die Fort­schritts­an­zei­ge den Ein­druck ver­mit­telt, ich wür­de bereits 98 Pro­zent des Tex­tes stu­diert haben. Ich lese nun bereits seit zwei Wochen täg­lich meh­re­re Stun­den. Manch­mal habe ich den Ein­druck, mich in einem mir bekann­ten Gar­ten von Wör­tern auf­zu­hal­ten. Heut las ich Fol­gen­des: Über­leg­te, was wäre, wenn ich ein­mal mei­ne Spra­che ver­lo­ren haben wür­de, wenn eine Amei­se vor einer nun­mehr sprach­lo­sen Per­son über einen Tisch spa­zier­te? Was wür­de ich noch den­ken, wenn ich die­ses Tier sehen, aber kein Wort für sei­ne Erschei­nung in mei­nem Kopf ent­de­cken könn­te? Ich müss­te viel­leicht ein Wort erfin­den in die­sem Moment, um das Amei­sen­tier wahr­neh­men, das heißt, über das Tier nach­den­ken zu kön­nen. Viel­leicht wür­de ich mich an das Wort Eisen­bahn erin­nern. Viel­leicht wür­de ich sagen, das ist eine sehr klei­ne Eisen­bahn, die über den Him­mel lau­fen kann. — stop

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lumen

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echo : 20.02 UTC — Ob es wohl mög­lich sein wird, eine glä­ser­ne Struk­tur von 180 Metern Län­ge mit dem Lumen einer mensch­li­chen Hals­ar­te­rie zu fer­ti­gen? Ist denk­bar ein Halm­we­sen die­ser Art weit­hin zu trans­por­tie­ren, ohne es zu zer­bre­chen? — stop

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leuchttier

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echo : 20.58 UTC — Unter Schwer­hö­ri­gen wird es immer lau­ter. Eine Beschleu­ni­gung ver­mut­lich und ein Gefühl indes­sen, das ich begrün­den kann, eine Begrün­dung jedoch, die ich nicht füh­len kann. 12 Jah­re sind seit der Ent­de­ckung der Osram­lan­gus­ten ver­gan­gen. Das Wort Osram­lan­gus­te ist in den Räu­men der Such­ma­schi­nen nach wie vor aus­schließ­lich mit mei­ner Par­ti­cles­sphä­re ver­bun­den. — stop

notizen aus sarajewo

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nord­pol : 20.18 UTC — Das Bänd­chen Noti­zen aus Sara­je­wo von Juan Goy­t­iso­lo, das im Jahr 1993 in der Edi­ti­on Suhr­kamp erschien, muss ein­mal feucht oder nass gewor­den sein. Es wellt sich noch immer, obwohl es Jah­re gepresst unter wei­te­ren Büchern im Regal dar­auf war­te­te, wie­der gele­sen zu wer­den. Ich erin­ne­re nicht, wo ich das Buch gele­sen hat­te, viel­leicht in einem Park, ver­mut­lich war Regen gefal­len. Seit Tagen liegt es auf mei­nem Küchen­tisch, ich habe es bis­her nur ein­mal kurz geöff­net, bemerk­te fol­gen­den mit Blei­stift mar­kier­ten Absatz: “Gleich nach sei­ner Ankunft in Sara­je­vo muss der Frem­de in die Geset­ze und Regeln eines Ver­hal­tens­ko­dex ein­ge­weiht wer­den, der Grund­vor­aus­set­zung für sein Über­le­ben ist. Er, der an ein frei­es Leben ohne Hemm­nis­se gewöhnt ist, muss in sei­nem neu­en Lebens­raum, der Mau­se­fal­le, die er mit 380000 ande­ren Men­schen teilt, schnell ler­nen. Er muss die hoch­ge­fähr­li­chen Gebie­te und die­je­ni­gen ken­nen, in denen er sich ohne all­zu gro­ße Gefahr bewe­gen kann, er muss wis­sen in wel­chen Stadt­tei­len Mör­ser­gra­na­ten nie­der­ge­hen, wel­ches die belieb­tes­ten Stra­ßen­ecken und Kreu­zun­gen der Hecken­schüt­zen sind, wo er gebückt gehen und wo er schnell los­ren­nen muss. Jede Unacht­sam­keit oder ein Feh­ler bei der Aus­wahl des Weges kön­nen töd­lich für ihn sein. Jedes Hin­aus­ge­hen — und jeder muss ein­mal raus­ge­hen, um Was­ser, Holz oder Nah­rungs­mit­tel zu holen — ist, wie die Men­schen in Sara­je­wo sagen, rus­si­sches Rou­let­te.“ — stop / S.32/33
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sarajevo

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char­lie : 17.15 UTC — Ich erin­ne­re mich an einen jun­gen Mann, mit dem ich ein­mal vor sechs Jah­ren eine selt­sa­me Geschich­te erleb­te. Wenn sie mir damals jemand ande­res als ich selbst erzählt haben wür­de, hät­te ich sie viel­leicht nicht geglaubt. Die Geschich­te beginnt damit, dass ich in einem Café sit­ze und auf einen jun­gen Mann war­te, der mir etwas erzäh­len will. Ich bin früh­zei­tig gekom­men, bestel­le einen Cap­puc­ci­no und schal­te mein klei­nes Hand­ki­no an, beob­ach­te eine Doku­men­ta­ti­on der Arbeit Maceo Par­kers in New York, mit­rei­ßen­de Musik, gera­de eben umarmt die Sän­ge­rin Kym Mazel­le den Posau­nis­ten Fred Wes­ley, als der jun­ge Mann, den ich erwar­te­te, plötz­lich neben mir sitzt. Er schaut wie ich auf den klei­nen Bild­schirm. Sofort kom­men wir ins Gespräch. Ich fra­ge ihn, wel­che Musik er gehört habe, als Kind in der bela­ger­ten Stadt Sara­je­vo. Jeden­falls nicht sol­che Musik, ant­wor­tet er, und lacht, no Funk, wir hat­ten kei­nen Strom. Avi ist heu­te Anfang drei­ßig, und dass er noch lebt ist ein Wun­der. Tat­säch­lich steht ihm jetzt Schweiß auf der Stirn, wie immer, wenn er von der Stadt Sara­je­vo erzählt. Ein­mal frag­te ich ihn, was er emp­fun­den habe, als er von Kara­dzics Ver­haf­tung hör­te. Anstatt zu ant­wor­ten, perl­te in Sekun­den­schnel­le Schweiß von Avis Stirn. Heu­te beginnt er schon zu schwit­zen, ehe er über­haupt zu erzäh­len beginnt, weil er weiß, dass er gleich wie­der berich­ten wird von den Stra­ßen sei­ner Hei­mat­stadt, die nicht mehr pas­sier­bar waren, weil Scharf­schüt­zen sie ins Visier genom­men hat­ten. Man schleu­der­te Papie­re, Ziga­ret­ten, Bro­te, Was­ser­fla­schen in Kör­ben von einer Sei­te der Stra­ße zu ande­ren. Die­se Kör­be wur­den nicht beschos­sen, aber sobald ein Mensch auch nur eine Hand aus der Deckung hielt, ja, aber dann. Avi war ein klei­ner Jun­ge. Er war so klein, dass er nicht ver­ste­hen konn­te, was mit ihm und um ihn her­um geschah, auch dass ein Holz­split­ter sein lin­kes Auge so schwer ver­letz­te, dass er jetzt ein Glas­au­ge tra­gen muss, das so gut gestal­tet ist, dass man schon genau hin­se­hen muss, um sein künst­li­ches Wesen zu erken­nen. Er sagt, er könn­te, wenn ich möch­te, das Auge für mich her­aus­neh­men. Aber das will ich nicht. Ich erzäh­le ihm, dass ich damals, als er klein gewe­sen war, jeden Abend Bil­der aus Sara­je­vo im Fern­se­hen beob­ach­tet habe. Was das für Bil­der gewe­sen sei­en, will Avi wis­sen. Ich sage: Das waren Bil­der, die ren­nen­de Men­schen zeig­ten. Avi schwitzt. Und er lacht: Das Fern­se­hen kann nicht gezeigt haben, was geschah, weil es immer sehr schnell und über­all pas­sier­te. Und die­se Geräu­sche. Plötz­lich nimmt der jun­ge Mann mein klei­nes Kino in die Hand zurück, setzt sich die Kopf­hö­rer in sei­ne Ohren ein, hört Maceo Par­ker, Kim Macel­le, Fred Wes­ley, Pee Wee Ellis, nickt im Rhyth­mus der Musik mit dem Kopf. Ein Wis­pern. — stop

lebenszeichen

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india : 11.28 UTC — Da sind Ther­mo­me­ter­werk­zeu­ge, 5 + 1, zur Mes­sung der Tem­pe­ra­tu­ren eines Zim­mers. Und fla­ckern­des Regen­licht, das von den Fens­tern her kommt. Ein Com­pu­ter­bild­schirm, in dem sich der Com­pu­ter selbst befin­det, zuletzt vor fünf Jah­ren ange­schal­tet. Auf dem Schreib­tisch ruhen ana­to­mi­sche Bücher, gedruckt in den 20er Jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts, bit­te­rer Duft steigt auf, sobald sie geöff­net sind. Das Hand­buch eines Opel-Rekord und eine Blech­do­se, drin sind Lie­bes­brie­fe: Mei­ne Liebs­te, wie ich mich nach Dir seh­ne! Eine Zigar­ren­schach­tel wei­ter­hin vol­ler Brief­mar­ken des deut­schen Rei­ches, die der Jun­ge noch sam­mel­te. Ein Kin­der­buch: Zwei Pin­gui­ne win­ken. Ein Gerät, das den Strom zu ver­mes­sen ver­mag, haar­dün­ner Zei­ger. Eine Kar­te der Stadt Lis­sa­bon und Fahr­kar­ten einer Stra­ßen­bahn, die in Lis­sa­bon noch immer anzu­tref­fen ist. Zwei Men­schen waren dort, die Lis­sa­bon lieb­ten. Dem Jun­gen, der Lis­sa­bon spä­ter ein­mal lie­ben soll­te, gehör­ten zwei Schul­bü­cher, er wird spä­ter ein Dok­tor der Phy­sik und ein Ver­eh­rer And­rei Sach­a­rows. Sein Vater war Arzt gewe­sen, des­halb auch Skal­pel­le auf rotem Samt und eine Schach­tel, in wel­cher sich Objekt­trä­ger befin­den. Dort Spu­ren, die gelb­lich schim­mern. Und Dioden und Wider­stän­de und Rechen­ker­ne auf Pla­ti­nen geschraubt. Auch Luft­post­brie­fe, die ein jun­ger Stu­dent an sich selbst oder sei­ne Gelieb­te notier­te, da waren sie noch nicht nach Lis­sa­bon gereist, präch­ti­ge Mar­ken und Stem­pel und Son­der­wert­zei­chen der Bal­lon­post zu einer Zeit, als Express­brie­fe noch durch Eil­bo­ten zuge­stellt wor­den waren. Eine Film­do­se und noch eine Film­do­se, die man nicht wagt im Regen­licht zu öff­nen. Auf einem Dia ist sehr klein eine jun­ge Frau zu erken­nen, die vor dem World Tra­de Cen­ter in New York steht. Sie ist dem Auge ihres Soh­nes sofort bekannt. In einer Klad­de ver­schnürt, Blät­ter eines Her­ba­ri­ums: Schlüs­sel­blu­me von Blei­stift­be­schrif­tung umge­ben, das war alles notiert am 24. VIII 1904. Auch zwei Funk­an­ten­nen wie Füh­ler eines Insek­tes ohne Strom. Eine Post­kar­te ist da noch und immer noch Regen drau­ßen vor den Fens­tern. Auf der Post­kar­te steht in gro­ßen Buch­sta­ben rot umran­det ver­merkt: Lebens­zei­chen von L.K. aus der Brau­bach­stra­ße / 8. II. 44: Mei­ne Lie­ben! Wir sind gesund und unbe­schä­digt. Marie & Fami­lie. — stop