Schlagwort: olimambo

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auf der flucht

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oli­mam­bo : 20.28 UTC — Wie nach der Mel­dung eines Ter­ror­an­schla­ges Men­schen damit begin­nen, ihre Umge­bung abzu­su­chen nach Ver­däch­ti­gem. M., der in Mit­tel­eu­ro­pa lebt, erin­ner­te sich an L., der mor­gens im Zug auf dem Weg nach Hau­se im Koran gele­sen hat­te. Das war ein sehr klei­nes Buch gewe­sen, ein Buch wie aus einer Match­box, eine Art Mini­ko­ran oder etwas Ähn­li­ches. L., die vor lan­ger Zeit ihre Geburts­stadt in Sibi­ri­en ver­liess, befin­det sich seit Wochen in einem beben­den Zustand. Sie schläft kaum noch, erzählt, dass sie sich fürch­te. Ihre Mut­ter arbei­te in einer Biblio­thek der Hafen­stadt Odes­sa. L. sagt, sie ver­mei­de in der Öffent­lich­keit laut die rus­si­sche Spra­che zu spre­chen, auch mit der deut­schen Spra­che gehe sie vor­sich­ti­ger um, man höre sofort, dass sie aus dem Osten kom­me. Ein ira­ni­scher Freund, Z., der aus sei­nem Land flüch­te­te, um nicht in den Krieg gegen den Irak zie­hen zu müs­sen, berich­tet, er sor­ge sich um oder wegen der schla­fen­den, stau­bi­gen Män­ner am Flug­ha­fen, die auf ihre Flü­ge war­te­ten zurück nach Buka­rest oder Sofia. — Eine gro­ße Flucht hat begon­nen im Osten. Aus dem Radio und von den Bild­schir­men her kom­men Fäden her­an, die vom Krieg berich­ten. Men­schen an den Grenz­bahn­hö­fen erzäh­len: Wir haben klei­ne Ruck­sä­cke auf dem Rücken damit wir ren­nen kön­nen. Vor irgend­wel­chen Com­pu­ter­ma­schi­nen hocken Men­schen und betrach­ten Live-Bil­der des nächt­li­chen Mai­dan zu Kiew. War­um! — stop / Es war lan­ge Zeit still in mei­nen Hän­den. Die­ser Text wur­de am 1. Juni für den 26. Febru­ar notiert.
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auf der lokomotive

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oli­mam­bo : 22.07 UTC — Im Füh­rer­stand einer alten Dampf­ma­schi­ne hock­te in einem Käfig ein Vogel auf einem Äst­chen. Der Vogel schlug hef­tig mit sei­nen Flü­geln, ein Fink oder Sper­ling war das gewe­sen. Lang­sam beweg­te sich der Zug vor­wärts. Und ich dach­te im Traum dar­über nach, wie das mög­lich sein konn­te, dass die­ser zier­li­che Vögel jenen schwe­ren Trieb­wa­gen zu bewe­gen ver­moch­te. — stop
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reis

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oli­mam­bo : 18.08 UTC — Nicht einen Tee­löf­fel voll Reis zäh­len, son­dern eine Tas­se voll Kör­ner, die ich mir ein­schenk­te vor zwei Wochen noch. Ein­mal also an einem Abend still sit­zen und zäh­len, solan­ge zäh­len, bis ich die Tas­se geleert haben wer­de, nicht stun­den­wei­se zäh­len, son­dern mit einem Anfang und einem voll­stän­dig aus­ge­zähl­tem Ende im Mor­gen­grau­en. — stop

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faden

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oli­mam­bo : 15.12 UTC — Ein­mal ent­deck­te ich das Wort Spinn­fa­den. Ja, dach­te ich, der­art fein soll­ten Erzäh­lun­gen aus­ge­dacht sein, dass sie sich wie an einem Spinn­fa­den ent­lang bewe­gen, der jeder­zeit rei­ßen könn­te. Nicht tele­fo­nie­ren. Nicht spa­zie­ren. Nicht Radio hören. Nicht atmen. Einer, der schweigt, soll­te gut geschla­fen haben. — stop
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ein heller windiger märztag

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oli­mam­bo : 15.55 UTC — Fan­gen wir noch ein­mal von vor­ne an: Ein jun­ger Mann, mit dem ich mich kurz im Zug unter­hielt, erzähl­te, er lade sich im Zug rei­send sehr ger­ne Roma­ne und Erzäh­lun­gen auf sein Kind­le­le­se­ge­rät. Er habe bereits eine Samm­lung meh­re­rer tau­send Bücher, deren Lek­tü­re im Grun­de jeder­zeit mög­lich wäre, weil sie in digi­ta­ler Form exis­tie­ren. Er lese je so weit, wie es die Lese­pro­be ermög­li­che. In die­ser Wei­se habe er schon sehr viel Lite­ra­tur zu sich genom­men, auch ein­füh­ren­de Vor­wor­te, die meis­tens voll­stän­dig aus­ge­lie­fert wer­den. Oder Kurz­ge­schich­ten, eine oder zwei Kurz­ge­schich­ten sei­en bei­na­he immer voll­stän­dig in den Pro­ben ent­hal­ten. Das ist schon irgend­wie eine Sucht, sag­te er. Er habe, seit er lesen lern­te, stun­den­lang in Büchern geblät­tert, da und dort einen Satz oder eine voll­stän­di­ge Buch­sei­te gele­sen, ein kom­plet­tes Buch habe er nie­mals stu­diert. — Heu­te nun, es ist Mitt­woch am Nach­mit­tag, habe ich selbst in einer digi­ta­len Pro­be fol­gen­de Text­pas­sa­ge gele­sen, die mich berühr­te. Chris­toph Rans­mayr hat sie notiert: “Mir war die Tat­sa­che oft unheim­lich, daß sich der Anfang, auch das Ende jeder Geschich­te, die man nur lan­ge genug ver­folgt, irgend­wann in der Weit­läu­fig­keit der Zeit ver­liert – aber weil nie alles gesagt wer­den kann, was zu sagen ist, und weil ein Jahr­hun­dert genü­gen muß, um ein Schick­sal zu erklä­ren, begin­ne ich am Meer und sage: Es war ein hel­ler, win­di­ger März­tag des Jah­res 1872 an der adria­ti­schen Küs­te. Viel­leicht stan­den auch damals die Möwen wie fili­gra­ne Papier­dra­chen im Wind über den Kais, und durch das Blau des Him­mels glit­ten die wei­ßen Fet­zen einer in den Tur­bu­len­zen der Jah­res­zeit zer­ris­se­nen Wol­ken­front – ich weiß es nicht.” aus : Die Schre­cken des Eises und der Fins­ter­nis: Roman von Chris­toph Rans­mayr  — stop
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zuggeschichte

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nord­pol : 15.55 UTC — Ein jun­ger Mann, mit dem ich mich kurz im Zug unter­hielt, erzähl­te, er lade sich im Zug rei­send sehr ger­ne Roma­ne und Erzäh­lun­gen auf sein Kind­le­le­se­ge­rät. Er habe bereits eine Samm­lung meh­re­rer tau­send Bücher, deren Lek­tü­re im Grun­de jeder­zeit mög­lich wäre, weil sie in digi­ta­ler Form exis­tie­ren. Er lese je so weit, wie es die Lese­pro­be ermög­li­che. In die­ser Wei­se habe er schon sehr viel Lite­ra­tur zu sich genom­men, auch ein­füh­ren­de Vor­wor­te, die meis­tens voll­stän­dig aus­ge­lie­fert wer­den. Oder Kurz­ge­schich­ten, eine oder zwei Kurz­ge­schich­ten sei­en bei­na­he immer voll­stän­dig in den Pro­ben ent­hal­ten. Das ist schon irgend­wie eine Sucht, sag­te er. Er habe, seit er lesen lern­te, stun­den­lang in Bücher geblät­tert, da und dort einen Satz oder eine voll­stän­di­ge Buch­sei­te gele­sen, ein kom­plet­tes Buch habe er nie­mals stu­diert. — stop
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von luftigen wesen

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ulys­ses : 15.01 UTC — Sind Samm­ler, die nicht exis­tie­rende Din­ge sam­meln, oder nicht exis­tie­ren­de Käfer­we­sen, sagen wir, Posau­nen­kä­fer, ja, sind die Samm­ler der Posau­nen­kä­fer viel­leicht als Erfin­der zu klas­si­fi­zie­ren? – stop

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spuren

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oli­mam­bo : 22.46 MESZ — Der Text, den ich zu lesen begann, erzähl­te von einer Gewalt­tat. Ich war gewarnt. Ich sol­le lesen, sag­te man, jeder­zeit jedoch bereit sein mei­ne Lek­tü­re zu unter­bre­chen, um Luft zu holen oder letzt­lich die Ent­schei­dung zu tref­fen, nicht fort­zu­set­zen. Ich begann also zu lesen, ich las lang­sam. Die Geschich­te erzähl­te von Hass, der sich aus­brei­te­te wie eine Flüs­sig­keit. Zunächst war der Hass in den Wör­tern, die gespro­chen wur­den oder gedacht, dann wur­de der Hass sprach­los, er schlug zu, wur­de kör­per­lich, und wäh­rend ich davon las, wie ein Mensch ent­haup­tet wur­de, dach­te ich in einer zwei­ten Spur dar­über nach, wie lan­ge Zeit, wie vie­le Wör­ter Zeit ich benö­ti­gen wür­de, um auf­zu­hö­ren mit mei­ner Lek­tü­re, um mich vom Schre­cken zu lösen. — stop
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regen

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zou­lou : 18.07 UTC — Ein Freund erzähl­te von einer klei­nen Rede, die er an einem spä­ten Som­mer­abend auf einem Anruf­be­ant­wor­ter vor­fand, als er nach Hau­se gekom­men war. Die­se klei­ne lie­be­vol­le Rede war von sei­ner ster­bens­kran­ken Frau kurz vor ihrem Tod im Hos­pi­tal für ihren gelieb­ten Mann gespro­chen wor­den, wäh­rend er gera­de auf dem Fahr­rad von ihr zurück nach Hau­se fuhr. Es hat­te gereg­net. Er saß in der Küche im letz­ten Licht des Tages. Er erzähl­te, er habe lan­ge Zeit geweint, sich die Rede immer wie­der ange­hört, dann beschlos­sen, die Stim­me sei­ner gelieb­ten Frau mit­tels eines Ton­ban­des auf­zu­neh­men. Irgend­et­was muss kurz dar­auf gesche­hen sein, wovon er nicht berich­ten woll­te. — stop

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