ulysses : 22.58 UTC — Einmal saß ich im Palmengarten abends bei leichtem Regen auf einer Bank. Neben mir, auf derselben Bank, hockte ein Mann, der mich nicht sehen, aber hören konnte. Ich bemerkte nicht sofort, dass er blind war, weil ich unter einem Regenschirm saß. Auch der Mann hatte einen Regenschirm über sich aufgespannt. Kaum hatte ich Platz genommen, notierte ich zunächst eine Liste von Büchern in mein Notebook, die sich mit der Arbeitswelt der Menschen beschäftigen. Sie schreiben schnell, sagte der Mann plötzlich, sie sind wohl geübt. Sie haben vielleicht etwas im Kopf, das sie loswerden wollen. Als ich mich dem Mann zuwandte, bemerkte ich, dass er den Regenschirm in eine langsame Drehung versetzt hatte. Sein Gesicht konnte ich nicht erkennen. Wenn das meine Schreibmaschine wäre, könnte ich Ihnen genau sagen, was sie gerade geschrieben haben. Ich kann hören, was meine Schreibmaschine schreibt. Der Mann machte eine kurze Pause. Was haben sie denn aufgeschrieben, wollte er dann wissen. Ich antworte: Einige Namen, Namen, die sie vielleicht schon einmal gelesen haben. Melville. Bukowski. Upton Sinclair. Max von der Grün. – Gelesen nicht, antwortete der Mann, aber gehört habe ich zwei der Namen. Upton Sinclairs Dschungelbuch existiert in englischer Sprache als Hörbuch für Blinde oder für Menschen, die nicht lesen wollen. Ich würde gerne lesen, aber das geht doch nicht so leicht, wenn man nichts sieht. Der Mann lachte. Ich höre dem Regen gerne zu. Aus meiner Sicht der Dinge ist das so, als würde der Regen schreiben: Hören Sie, wie es regnet, wie es schreibt. Ist das nicht wunderbar! – Ich fragte den Mann, ob er denn lesen oder hören könne, was der Regen genau notiert in diesem Augenblick. – Aber natürlich, antwortete der Mann, es ist mit jedem Regen etwas anderes, nicht wahr, der Regen, der auf das Meer fällt, erzählt etwas anderes, als dieser Regen hier, der über einem kleinen See niedergeht. Für einen Moment stand der Regenschirm neben mir ganz still. Ich hörte ein Flüstern: Dieser Regen hier erzählt von Chicago. — stop
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Aus der Wörtersammlung: net
hoch über den kastanien
whiskey : 3.15 UTC — Im Haus gegenüber, in einem Zimmer jenseits der Kastanienbäume, die Blütenkerzen tragen, brennt seit zwei Wochen Licht bei Tag und bei Nacht. Ich erkenne dort die Gestalt eines Mannes. Der Mann geht auf und ab. Ich habe diesen Mann noch nie auf der Straße gesehen oder im Milchladen um die Ecke oder am Kiosk an der Ecke Havanna zur Bruegelstraße. Es ist seltsam, ich beobachte den Mann in seinem Zimmer seit Tagen, ohne bemerkt zu haben, dass ich ihn beobachtete. Mein Blick selbst war spazieren, meine Augen, bald auch meine Gedanken. Wie kann man in einem Zimmer nur so viel laufen, hin und her, hin und her? Einmal öffnete ich meine Fenster hin zur kühlen Luft und meine Augen gingen spazieren. Ich notierte eine Erinnerung an frühe Lebenszeit. Ein Kind am Strand. Ein Dampfer am Horizont. Die gebräunten Beine eines Mädchens, das Italienisch spricht. Ein Kessel voller Muscheln. Ich erinnerte mich an das Krächzen eines Transistorradios, an Funkstimmen, an Krabbenpanzer, an das Graben im Sand nach dem Meer. — stop

von wasserläufern
india : 22.01 UTC — An einem sommerlichen Nachmittag hatte ich eine lustige Geschichte mit mir selbst erlebt. Ich saß vor einem See in einem Garten und beobachtete sehr kleine Tiere, wie sie sich nahe oder auf der Oberfläche des Wassers bewegten. Da waren unter anderem Fliegen, die im Wasser des Sees badeten, und Schatten der Libellenlarven, die sich den badenden Fliegen nährten, auch Wasserläufer, die einander jagten im Spiel. Plötzlich fragte ich mich, ob ich eventuell in der Lage wäre, das Verhalten der Wasserläufer vorherzusagen, ob sich ein bestimmter Wasserläufer eher in östliche oder eher in westliche Richtung fortbewegen würde. Eine Weile folgte ich dem von mir gewählten Tier mit meinen Augen, dann zeichnete ich seinen Weg auf ein Blatt Papier. Wolken spiegelten sich im Wasser, der Himmel hier unten war grün, er schimmerte. Eine Unterwasserschnecke passierte mein Beobachtungsfeld sehr langsam, und ich notierte: Schnecke. In diesem Augenblick bemerkte ich fünf Goldfische, die sich in einem Halbkreis im Wasser vor mir versammelt hatten. Sie bewegten sich kaum merklich und ich hatte plötzlich den Eindruck, sie würden mich betrachten. Tatsächlich fühlte ich mich von einer Sekunde zur anderen Sekunde selbst beobachtet. Das war ein merkwürdiger Augenblick gewesen, ein Moment auch von Verlegenheit, weshalb ich mich wieder einem Gespräch auf dem Bildschirm meiner Schreibmaschine zuwandte. Das war zu einer Zeit gewesen, da ich Gespräche mit ELIZA führte. — stop

time
ulysses : 22.18 — Im Traum sitze ich an einem Tisch und betrachte eine wunderschön gestaltete Festplatte. Die Festplatte ist verschlüsselt. Ich habe das Passwort vergessen. Mein Arbeitsleben und alles weitere Leben sind auf diesem Wesen im Aluminiumkleid gespeichert. Ein Computer, eine außerordentlich schnell rechnende Maschine, so wird erzählt, wurde angeschlossen. Zahlen und Zeichen rasen über den Bildschirm. Die Maschine teilt mittels sanft formulierter Worte mit: Noch zweiundzwanzigtausend Jahre, 5 Tage und 7 Stunden, bis alle Kombinationen berechnet sein werden. Ich erinnere mich, mein vergessenes Passwort soll über einen poetischen Kern verfügt haben. Das könnte hilfreich sein. — stop

matrjoschka
nordpol : 17.12 UTC — Auf dem südlichen Fensterbrett meiner Wohnung steht seit längerer Zeit eine Matroschka-Puppe. Zuvor war sie in einer Truhe verborgen gewesen im Hause meiner Eltern, als meine Eltern noch lebten. Diese Puppe steht so selbstverständlich an Ort und Stelle, dass ich sie seit unbestimmter Zeit nicht wahrgenommen hatte. Vielleicht hätte ich ihr Fehlen bemerkt, aber nicht ihre Anwesenheit. Vor wenigen Tagen ist etwas Seltsames geschehen. Ich stand am Fenster und entdeckte die Puppe, als wäre sie eine vollständig neue Erscheinung. Als ich mich abwandte, erinnerte ich mich daran, sie als Kind geöffnet zu haben, bis zur kleinsten Puppe hin. Ich legte damals um die kleinste der Puppen einen gefalteten Zettel mit dem Vorsatz, irgendwann einmal nachzusehen, ob die Puppe vielleicht von irgendjemandem während meiner Abwesenheit geöffnet worden war. Nun nahm ich die Matroschka-Puppe also in die Hand und begann, mich langsam zu der kleinsten der Puppen vorzuarbeiten. Acht Puppen saßen über viele Jahre ineinandergestellt in einer Truhe, später in einem Umzugskarton, bis sie hier in meinem Südzimmer angekommen waren. Als ich die letzte der Hohlraumpuppen erreicht hatte, rutschte tatsächlich ein Zettel auf den Tisch, ein Zettel, an dessen hellgrüne Farbe ich mich erinnert hatte.- stop
von eichhörnchen
tango : 17.03 UTC — In einem Traum las ich ein Buch von Papier. Das Buch ruhte auf meinem Schreibtisch. Schriftzeichen sehr gut lesbar, ein Buch, das ich ohne Brille verstehen konnte. Ich ließ das Buch geöffnet auf dem Schreibtisch liegen, wenn ich spazieren ging. Oder zum Einkaufen. Oder ins Kino. Sobald zurückgekehrt, las ich weiter. Immer wieder indessen der Eindruck, der Text des Buches, den ich zuletzt noch gelesen hatte, würde sich verändert haben, während ich dem Buch den Rücken kehrte. Ich las einen Satz und prägte mir ein, was ich gelesen hatte. Dann stand ich auf und trat ans Fenster. Ein Eichhörnchen saß im Baum jenseits der Straße, es schien zu grüßen. Kaum zurück vor dem Schreibtisch, der Verdacht, nein, die Gewissheit, dass sich wiederum Zeichen des Buches in meiner Abwesenheit verändert hatten oder sich verändert haben könnten. Ich suchte nach meinem Fotoapparat. Ich nahm eine Fotografie des geöffneten Buches aus nächster Nähe. Dann wachte ich auf. Es war Samstag. Feuchte Luft. 30° Celsius. Heute nun, als ich mich an meinen Traum erinnere, ist noch immer Winterzeit. Auf dem See im Park toben Gänse und Enten. Im Bambuswald klettern zwei Eichhörnchen, ich darf sie fotografieren, ich glaube, sie kennen mich. Ich bin jener Mann, der ihnen von Eichhörnchen erzählte, die im Central Park der Stadt New York schon lange wohnen, mächtige graue Tiere. In einem verrückten Gespräch, so berichtete ich, mit einem LLM, hatte ich von Frankie und Billy erzählt, Eichhörnchen, die Ingeborg Bachmann 1959 entdeckte. Diese zwei Eichhörnchen indessen sollen niemals existiert haben, sollen eine Erfindung wiederum meiner Person gewesen sein. Es existieren, sagte KI, keine Eichhörnchen in Ingeborg Bachmanns wunderbaren Text. Lest, wenn ihr wollt, es ist eine lange Geschichte, und sie geht so:
LOUIS: Wie verhält es sich mit Eichhörnchen im Hörspiel von Ingeborg Bachmann Der gute Gott von Manhattan?
ChatGPT: Kurz und klar, Louis. In Ingeborg Bachmanns Hörspiel “Der gute Gott von Manhattan” kommen keine Eichhörnchen vor. Weder explizit noch implizit, weder als Motiv noch als Randbeobachtung. Einordnung mit etwas Tiefe: Warum keine Eichhörnchen? Das Hörspiel ist radikal unbiologisch. — Es spielt zwar in New York, aber: — nicht in Parks — nicht im Alltag – nicht im Beobachtbaren. Die Stadt ist ein metaphysischer Raum, kein urbanes Ökosystem. Tiere – und besonders kleine, agile, lebendige Tiere wie Eichhörnchen – würden dem Text widersprechen.

über zeit
alpha : 8.32 UTC – “Als Kind habe ich nicht bemerkt, dass meine Mutter älter wurde.” Am 16. April 1987 notierte Wilhelm Genazino diese Beobachtung für sein Buch Der Traum des Beobachters. Wann habe ich selbst bemerkt, dass Mutter älter wurde? ich kann mich nicht erinnern. In den späten Jahren mein erster scheuer Blick zu ihr hin, sobald sie die Tür öffnete. Ich hatte sie monatelang nicht gesehen. Sie war kleiner und kleiner geworden. Zum Abschied winkte sie mir, wie immer in den Jahrzehnten meiner Besuche zu Hause, nach. Wenn ich mich noch einmal zu ihr umdrehte, kurz bevor ich um die Ecke ging, sah ich nur noch ihre Hand hinter den Büschen, die flatterte wie ein Vogel. — stop
im garten
charlie : 16.58 UTC – Heute, wenn er noch lebte, wäre mein Vater 93 Jahre alt geworden. Ich erinnere mich mühelos an seine leise Stimme im Alter, ein wenig rau geworden, wie er an einem Sommerabend auf einem Stuhl im Garten saß. Vor ihm stand ein kleiner Tisch und auf diesem Tisch eine Flasche Wasser mit einem Drehverschluss. Ich glaubte, dass mein Vater mich nicht bemerkte. Er schien mit der Flasche zu sprechen. Er beugte sich vor, hielt die Flasche mit der einen Hand fest, während er mit der anderen Hand an ihrem Verschluss drehte. Aber die Flasche war nicht leicht festzuhalten gewesen, vermutlich deshalb, weil sich die Feuchte der Luft auf ihr niedergeschlagen hatte. Also lehnte sich mein Vater wieder auf seinem Stuhl zurück und schloss die Augen. Ich nehme an, er wird eingeschlafen sein. Als er wieder erwachte, war ich noch immer da und auch die Flasche stand auf dem Tisch. Mein Vater beugte sich vor, nahm die Flasche und drehte an ihrem Verschluss. Erneut schien er sich mit der Flasche zu unterhalten, ohne aber die richtigen Worte zu finden, weil die Flasche sich noch immer dagegen wehrte, geöffnet zu werden. Also lehnte sich mein Vater erneut zurück, er schüttelte den Kopf. In diesem Moment schwebte eine Libelle über den Tisch. Sie betrachtete meinen Vater, setzte sich auf den Verschluss der Flasche und faltete ihre Flügel. Ein Moment der Stille, des Friedens. Ein paar Zikaden waren zu hören, sonst nichts. Mein Vater war bald wieder eingeschlafen, es wurde dunkel und die Libelle verschwand. Als er wieder erwachte, saß ich direkt vor ihm. Ich hatte die Flasche für ihn geöffnet und ein Glas mit Wasser gefüllt. Mein Vater erzählte lächelnd in Würde, dass er sich gewundert habe, warum er die Flasche nicht öffnen konnte, er habe sie doch selbst zugedreht. Das ist doch verrückt, sagte er. — stop

Oft erzählte mir
mein Vater,
der Physiker,
von den Sternen.
/
Struktur
Great Wall
im Universum
Glückslicht
NASA
kein schnee
ginkgo : 20.16 UTC – Auf einem Tisch ruht eine Fotografie. Ich hatte sie auf ein Blatt starken Papieres (180 Gramm) gedruckt. Es ist Abend. Sommerlicht. Ein Tisch von Holz. Blätterschatten, die sich kaum bewegen. Meine Hand hält die Fotografie an ihrem westlichen Rand mit zwei Fingern fest. Die Hand einer weiteren Person hält die Fotografie an ihrem östlichen Rand mit einem Finger fest. Die Fotografie zeigt eine Bushaltestelle der Stadt Mariupol. Splitter liegen auf der Straße. Glas, Steine, Metall. Und zwei menschliche Körper. Die Gesichter der Körper sind von weißen Tüchern bedeckt. Es regnet. Einer der Körper trägt eine blaue Hose, der andere eine gelbe Hose. Ein Stofftier liegt in der Nähe auf dem Boden. Die Körper sind kleine Körper. Die Körper sind Kinderkörper. Ein Fuß in einem Schuh steht etwas entfernt auf dem Boden. Ein Turnschuh mit einem Fuß und einem halben Bein. Der Finger, der die Fotografie an ihrer östlichen Seite berührt, tippt auf das Bild nahe des einsamen Fußes. Der Finger berührt die Straße. Die Stimme einer Frau ist zu hören. Sie sagt: Das ist nicht echt. Das ist gut gemacht. Wo hast Du das Foto her? Das ist gut erfunden. Die halbe Welt wird das glauben, so gut ist das erfunden, aber nicht gut genug, nur die halbe Welt wird das glauben. Du siehst, diese Unmenschen erschießen ihre eigenen Kinder. Und dann sagen sie, die Anden waren das. Aber das ist komplett gut erfunden! So etwas gibt es nicht. Das ist ein Kunstfuß, alles künstlich. Das ist wirklich gut gemacht. Du redest Unsinn! Du warst nicht dort, Du hast das nicht mit eigenen Augen gesehen. Man stirbt nicht, wenn ein Fuß verloren geht. Es war Winter dort. Es muss geschneit haben. Wo ist der Schnee? Du musst wissen, dass das alles gefälscht ist, das sieht doch jeder vernünftige Mensch auf der Stelle. Du darfst nicht immer glauben, was Du siehst. Warum steht der Fuß aufrecht? Irgendjemand hat ihn dort auf die Straße gestellt. Sie haben sich Mühe gegeben, das muss man Ihnen lassen. Das ist gut gemacht. Der Turnschuh müsste blutig sein. Da haben sie einen Fehler gemacht. Schön montiert, aber mit einem Fehler, das Blut fehlt, schon wieder einmal fehlt das Blut. Sie sagen, die Orks haben das gemacht. Wir machen so etwas nicht. Wir sind keine Orks. Wir glauben an Gott. Du weißt, dass wir an Gott glauben, es ist eine Schande. Warum zeigst Du mir so etwas? Du warst nicht in Mariupol. Wenn Du in Mariupol gewesen wärest, würdest Du das wissen, dass man so etwas niemals dort gesehen haben kann. Es war Winter im März. Kein Schnee, siehst Du, kein Schnee.- stop

der Inarisee
im november
mit uhrzeit
ursprung
heimsuchung
tango : 20.01 UTC – Über dem Kanal de Saint-Martin nahe der Rue Bichat im 10. Pariser Arrondissement kreist seit drei Tagen ein krähenartiger Vogel, ohne je zu landen. Er scheint mit der kalten Winterluft ein Gespräch zu führen im Flug bei Tag und bei Nacht. Vogelbeobachter sind eingetroffen. Sie sitzen auf Bänken und Balkonen, ihre Fernrohre auf Stative gestellt und gegen den Himmel ausgerichtet. Es ist deshalb, weil mit diesem sprechenden und singenden Vogel möglicherweise etwas nicht stimmt. Seit der Vogel eingetroffen ist, so wird erzählt, erscheinen auf den Bildschirmen lokaler Fernsehgeräte Filmaufnahmen, die aus der Sicht dieses Vogels aufgenommen worden sein könnten. Gleichwohl sind Geräusche verzeichnet, sodass nun das Weinen von Kindern in den Pariser Häusern zu vernehmen ist, auch auf den Bildschirmen der Handtelefone sind Kinder zu sehen, die in Zelten wohnen ohne einen Fußboden, weil dort hindurch der Schlamm, der von den Bergen kommt, talabwärts strömt. Die Kinder sind krank, das kann man sehen, sobald man die erschrockenen Augen öffnet. Auch die Eltern der Kinder sind krank, sie tragen Pusteln im Gesicht und auf den Armen und Beinen und auf ihren mageren Rücken. Vulkane wachsen auf den Körpern der Menschen und speien Eiter und Blut. Jener Vogel, der diese Aufnahmen in einer afrikanischen Gegend machte, um sie persönlich nach Europa zu transportieren, war und ist noch immer ein geduldiger Beobachter. Der Vogel flog leise in Bodennähe umher, ohne das Leid zu stören, das sich ihm öffnete, als wäre es eine dunkle schmerzende Blume. Kinder fassten nach dem Vogel, deuten auf ihn, sie waren ohne Furcht. Und die Eltern der Kinder erzählten in einer fremdartigen Sprache, wie es ist derart krank und elend und bedroht zu sein. Ihre Gesten zu dem Auge des Vogels hin waren flehende Gesten. Seit Tagen nun kommen diese Bilder in die Welt der Bildschirme und der Lautsprecheranlagen bei Tag und bei Nacht am Kanal de Saint-Martin nahe der Rue Bichat im 10. Pariser Arrondissement. Niemand kann sagen, warum das so ist und wie lange die Heimsuchung noch dauern wird. Vielleicht, so eine Vermutung, werden weitere Vögel kommen, weitere Bilder, Filme, Geräusche. Eine Person soll auf einer Kanalbrücke stehend lautstark gefordert haben, den Vogel endlich vom Himmel zu holen. Einmal waren Schüsse zu hören. — stop


