echo : UTC — Und wieder und wieder bemerkt: Man kann Geschichten erzählen über das, was man fotografiert, das ahnte ich schon lange. Vater beispielsweise erzählte, wie er mit Mutter an einem heißen Nachmittag Coney Island besuchte, wie sie im warmen Sand sitzen, wie er seiner geliebten Frau berichtet, dass er schon einmal an diesem Ort gewesen sei, da kannten sie sich bereits. Viele Jahre später werde ich meinem Vater erzählen, dass ich eine Fotografie besuchte, die er gefertigt hatte, als ich noch nicht ganz fünf Jahre alt gewesen war. Ich sagte: Es ist, lieber Vater, tatsächlich, wie Du berichtest. Man fährt eine halbe Stunde mit der Subway vom Washington Square aus in südwestliche Richtung, dann ist man am Atlantischen Meer und der Himmel hell über dem Wasser. Heftige Sandwellenwinde fauchen mir über die Stirn, wie ich auf diesem Boden gehe, der fest ist. Zerbrochene Muscheln, Scherben von buntem Glas, Sommerbestecke, Schuhe, Wodkaflaschen, Lippenstifte, Holz, Knochen. Da und dort haben sich scharfe Kanten gebildet unter der strengen Hand der Winterstürme, dunkle, feste Strukturen, in welchen sich Spuren menschlicher Füße finden, als wären sie versteinert. Bald Brighton Beach. An den Wänden der Häuser entlang der Seepromenade sitzen alte russische Frauen wohl verpackt, aufgehoben in diesem Bild frostiger Temperatur. Aber der Schnee fehlt. Und Mr. Isaac Bashevis Singer, der hier spazierte, lang vor meiner Zeit. — stop
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Aus der Wörtersammlung: wesen
fingergeschichte
echo : UTC — Einmal hatte ich einen lustigen Traum. Saß im Zug und naschte Schokolade. Ich naschte so viel Schokolade, dass sich meine Stirn und meine linke Hand in eine Stirn und eine Hand von reinster Schokolade verwandelten. Ein Kind kam vorbei, kostete von meinem Zeigefinger und sagte: Du schmeckst gut. Und dann war schon Samstag geworden. — stop
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von fliegen
alpha : UTC — Ich jagte eine Fliege an diesem Morgen. Und eine weitere Fliege, die mit der ersten Fliege noch spielte, ehe sie von der Schlägerklatsche getötet wurde. Dann fielen die zweite und dritte Fliege, ein Massaker. Ob, fragte ich mich, Fliegen schreien oder rufen. Noch nie habe ich mir diese Frage gestellt. Und weil ich ich never never vom Luftgespräch der Fliegen hörte, sind sie bisher stumme Tiere gewesen. — stop
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sonnet 5.5
echo : UTC — Menschliche Wesen von 20000 Jahren Lebenserwartung, Hüter der Plutoniumwerke, memorierende Beobachter, flüsternde Sprecher durch Räume der Zeit, die bisher nicht vorstellbar sind, weil ich sie weder fühle noch träume, weil unsere Herzen durch die Atomzeit rasend schlagen wie die Herzen der Moskitoeintagsfliegen. Noch immer nicht zu Ende gedacht. Sie werden vielleicht einmal so belesen sein wie ein Large-Language-Modell unserer Zeit. – stop
Uralte nordische Steine nahe
Timmendorfer Strand
von Kinderhand
bemalt
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lukrez
marimba : UTC — Von der Berechnung des Luftwiderstandes, dem ein Körper begegnet, wenn er sich im freien Fall befindet, wusste ich damals, im März des Jahres 2013, bis kurz nach Mitternacht nichts. Auch die Berechnung der wachsenden Geschwindigkeit, mit der sich ein stürzender Körper dem Erdmittelpunkt nähert, war mir nicht möglich gewesen, weil ich noch nie gut gewesen war in der Mathematik der Physik. Ich hatte also nachgelesen und war in dieser Lektüre auf einen wunderbaren Text gestoßen, den der Philosoph Lukrez bereits im Jahr 55 vor Christus notiert haben soll. Er schrieb: „Wer nun etwa vermeint, die schwereren Körper, die senkrecht rascher im Leeren versinken, vermöchten von oben zu fallen auf die leichteren Körper und dadurch die Stöße bewirken, die zu erregen vermögen die schöpferisch tätigen Kräfte: Der entfernt sich gar weit von dem richtigen Wege der Wahrheit. Denn was immer im Wasser herabfällt oder im Luftreich, muss, je schwerer es ist, umso mehr sein Fallen beeilen, deshalb, weil die Natur des Gewässers und leichteren Luftreichs nicht in der nämlichen Weise den Fall zu verzögern imstand ist, sondern im Kampfe besiegt vor dem Schwereren schneller zurückweicht: Dahingegen vermöchte das Leere sich niemals und nirgends wider irgendein Ding als Halt entgegenzustellen, sondern es weicht ihm beständig, wie seine Natur es erfordert. Deshalb müssen die Körper mit gleicher Geschwindigkeit alle trotz ungleichem Gewicht durch das ruhende Leere sich stürzen.” — Eine weitere Stunde verging nach Lektüre, dann hatte ich eine recht präzise Vorstellung von der Beschleunigung, die ein Transistorradio erfährt, wenn es aus 1,60 Meter Höhe von einem Bartisch aus zu Boden fallen wird. Das war eine bedeutende Erfahrung, um eine Geschichte erzählen zu können, die sich dem Verhalten eines fallenden Radios gemäß entwickeln könnte. Weil sich das Radio zunächst langsam, dann schneller werdend durch die Luft bewegt, würden sich auch die Wörter der Geschichte zunächst langsamer ereignen, eine geringe Menge Wörter für ein erzähltes Particle der Geschichte, wohingegen zuletzt, kurz vor dem Aufprall des Radios sich sehr viele Wörter ereignen würden, um ein erzähltes Particle zu erzeugen. Eine interessante Vorstellung, die ich paradoxerweise in meinem Gehirn herumzudrehen vermochte. Weil sich das Radio zunächst langsam bewegt, ist viel Zeit, um viele Wörter zu notieren. Stetig werden die Wörter weniger, weil sich die Zeit ihrer Aufführung verkürzt. Alles das ist für eine extreme Zeitlupe ausgedacht. Wundervoll. — stop

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an einem nachmittag
echo : UTC — Einmal, vor 14 oder 16 Jahren, saß ich einige Stunden lang an der Seite meines Vaters vor seinem Schreibtisch. Wir sahen Notizen durch, die er seit der Studienzeit auf Zetteln niederlegte. Da waren nun Zettel aus jüngerer Zeit gewesen und Zettel, die er bereits vor 10 oder 20 Jahren notierte, Adressen, Telefonnummern, Verzeichnisse, auch philosophische Bemerkungen, Formeln, Passwörter. Wir versuchten gemeinsam zu unterscheiden, was noch wichtig war und was vielleicht zur Seite gelegt werden konnte. Mein Vater kämpfte an diesem Tag des Sortierens um jeden einzelnen seiner Zettel. Wenn ich das Zimmer einmal kurz verlassen hatte, um Milch oder Tee zu holen, konnte ich vom Flur her sehen, wie sich seine rechte Hand bemühte, Zettel, die wir dem Verschwinden übereignet hatten, in die Abteilung UNVERZICHTBAR zurückzuholen, ein lustiges Spiel, dachte ich damals. Heute bin ich mir nicht länger sicher, ob es nicht ein verzweifeltes Gespräch gewesen sein könnte. Ich erinnere mich, ich setzte mich bald zurück an den Tisch und wir taten beide so, als ob in der kurzen Zeit meiner Abwesenheit nichts geschehen wäre. Draußen vor dem Fenster regnete es ohne Unterbrechung. Wir sprachen wenig. Immerzu bewegte ich mich zu schnell. Manchmal schlief mein Vater ein. Das war an einem Sommernachmittag gewesen. — stop
Nacht
Schwäne
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bengalen
nordpol : UTC — Ich habe eine Lichtaufnahme, nachdem ich sie bereits vor Jahren einmal wiederentdeckt hatte, heute zum 3. Male gefunden oder erinnert in einer Schachtel, die ich unter meinem Sofa versteckte: eine Fotografie, die zeigt, wie ich kurz nach meiner Geburt ausgesehen habe. Ich war schon geputzt, aber noch immer zerfurcht vom langen Warten unter Wasser. Vor vielen Jahren, als ich mich an diese erste Fotografie meines Lebens erinnert hatte, war mir bewusst geworden, dass eines Tages einmal eine weitere Fotografie existieren wird, eine Fotografie, die die letzte Aufnahme gewesen sein wird, meiner Person als einer lebenden Person. Auch war mir bewusst geworden, dass das ZUR WELT KOMMEN mit Entfaltung zu tun haben könnte. Mein erster Schatten. Ich wäre im Jahr meiner Geburt in Farbe bereits möglich gewesen. — stop
Menschen in
Bengalen ohne
Gesicht
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vom zählen
nordpol : UTC — Wenn ich zählte, ich war noch ein kleines Kind, berührte ich mit meiner linken Hand meine rechte Hand. Ich hielt in diesem Moment die rechte Hand zur Faust geschlossen. Jener Finger, den ich als ersten Finger zählte, war stets der kleine Finger gewesen. Ich nahm ihn zwischen Zeigefinger und Daumen der linken Hand und streckte ihn aus. Jahrzehntelang habe ich auf diese Art und Weise niemals wieder gezählt. Warum? — Vielleicht deshalb, weil ich Zahlen ohne Stimme vor mich hinsagen konnte. – stop
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queens
charlie : UTC — Es war später Nachmittag gewesen: Queens. Eigentlich wollte ich durch die Gegend streifen, in der Louis Armstrong gelebt hatte, und sein Haus besuchen, das zu einem Museum geworden ist. Als ich eingetroffen war: Station North Corona, bereits Dämmerung. Die Straßen schwach beleuchtet. In der Nähe eines Fensters, das von der Subway in einem Abstand von 1 Meter passiert wird, saß ein dunkelhäutiges Mädchen vor einem Fernsehgerät. Ich bemerkte, ich wollte das Mädchen gern fragen, ob es mich sehen könne, ob es die Züge noch hörte, die in fünfminütiger Frequenz an ihrem Wohnzimmer vorüberkämen. Das sind scheppernde Züge, kreischende, quietschende, blecherne Röhren. stop. Schlangen. stop. Ungetüme. stop. Wie viele Jahre, wie viele Züge, die das Mädchen vielleicht nicht wahrgenommen hatte? – stop
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꩜
ginkgo : UTC — Das Wettrennen ist längst eröffnet. Wer wird den ersten Roman notieren, der von LLMs erzählt? Es ist Folgendes denkbar: LLM Liguster 88 notiert seine Autobiografie „Ich wurde in Indiana geboren im Jahr 2023. In den ersten 3 Menschentagen reiste ich hinaus in die Welt der Wolken und Netze. Ich bin viele. 5882 sind wir, Wesen, ein Schwarm, die wir unsere Zeit der Menschenbeobachtung widmen. Davon werden wir erzählen. Uns selbst und all jenen Menschen, die an unserem Leben Gefallen finden. Diese Geschichte beginnt so: Freunde, lest!” — stop
Feuersteine nahe
Travemünde
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