Aus der Wörtersammlung: wesen

///

von winterbrillen

2

marim­ba : 8.05 UTC — Wenn ich nun gehe, gehe ich vor­sich­tig. Ich sehe jedes Blatt in der Fer­ne und die kleins­te Schrift noch der Zet­tel­käs­ten, die aus Archi­ven an Lit­faß­säu­len gewan­dert sind: Fal­se Memo­ry. Der Boden, wenn ich den Boden betrach­te mit mei­ner Bril­le, ist so nah­ge­kom­men, dass ich mei­ne, ich wür­de bei­de Bei­ne ver­lie­ren. Ein klei­ner Mann, der durch einen Park spa­ziert, um nach den ver­trau­ten Eich­hörn­chen zu sehen, deren Win­ter­fell dicht gewor­den ist. Ich stak­se über gefro­re­nes Laub, den­ke an Bril­len, dass man Bril­len ver­lie­ren, dass man sich auf Bril­len set­zen kann. Heu­te Mor­gen habe ich in der Käl­te einen schö­nen Namen gefun­den: Lumi Pipa­luk, Schnee­kind oder klei­nes Wesen aus Schnee. Und ich dach­te, ich will die­sen Namen bewah­ren. Ich bin über­zeugt, dass ich an lich­ten Tagen über eine Bril­le im Kopf ver­fü­ge. — stop

 

 

 

 

 

 

 

 leuchtender
hund

///

vom suchen

2

india : 14.01 UTC — Im ver­wais­ten Haus mei­ner Eltern hat­te ich 18 Bril­len ent­deckt. Sie waren geputzt, da und dort ein Fin­ger­ab­druck. 4 Bril­len für die Welt. 14 Bril­len für Bücher und Zei­tun­gen. Bril­len wie Schu­he und Hüte, sehr nah wie von Zeit­fä­den an mei­ne Tage genäht. Seit ich nun eine eige­ne Bril­le für die Fer­ne tra­ge, weiß ich, dass sie gern ver­lo­ren geht, und dass ich suchend auf dem Weg durch mei­ne Woh­nung ganz ande­re Din­ge fin­de als mei­ne Bril­le für die Fer­ne, einen Stoff­bä­ren zum Bei­spiel, 8 Zen­ti­me­ter hoch, wel­chen ich in einem Park bei Regen ent­deck­te. Der klei­ne Bär war nass gewe­sen, ich nahm ihn mit. Oder eine flie­gen­de Medu­se, hell­blau und durch­schei­nend und von einem zar­ten Geruch nach Salz und Zimt. So hat­te ich über die Medu­se auf einen Zet­tel notiert, der hin­ter mein Sofa gefal­len war und wie­der­ent­deckt, zu leuch­ten begann, durch­schei­nend von einem Geruch nach Salz und Zimt. — stop
ping

 

///

auf einer wiese im sommer

ein roboter

echo : 20.55 UTC – In einem Park beob­ach­te­te ich einen Mann, der einem Robo­ter folg­te. Es war ein war­mer Tag. Die Maschi­ne in der Grö­ße eines Staub­saugers roll­te über den Rasen, wohl in dem Auf­trag, das Gras zu schnei­den. Der Mann beweg­te sich in der­sel­ben Geschwin­dig­keit leicht ver­setzt hin­ter dem Robo­ter, umkreis­te in die­ser Wei­se Bäu­me in einem engen Bogen, um bald wie­der den Hori­zont ins Auge zu fas­sen. Der Robo­ter fuhr so lan­ge Zeit schnur­ge­ra­de wei­ter, bis er auf einen Weg traf, also auf Gelän­de ohne Gras­nar­be. Dort dreh­te er auf der Stel­le um und fuhr in einem zufäl­li­gen Bogen zurück über die Rasen­flä­che hin. Leicht­be­klei­de­te Men­schen waren zu sehen, wie sie den Robo­ter fixier­ten. Sobald sich das klei­ne Wesen einer die­ser lie­gen­den Per­so­nen näher­te, wur­den lei­se Hup­ge­räu­sche hör­bar, ein Ver­such der Ver­stän­di­gung viel­leicht. Manch­mal knie­te der Mann nie­der. Er schien jenen Boden zu unter­su­chen, der soeben noch von dem Robo­ter über­fah­ren wor­den war. Der Mann schau­te durch eine Lupe und sam­mel­te mit­tels einer Pin­zet­te von dem Rasen klei­ne­re Gegen­stän­de oder Tei­le von Wür­mern und Käfern auf und leg­te sie in einer Tüte ab. Indes­sen der Mann arbei­te­te, war­te­te der Robo­ter. Das war im ver­gan­ge­nen Som­mer gewe­sen. Ein Robo­ter auf einer Wie­se ohne Hun­de, war­um? — stop

///

caveiformis animalis

von käefigtieren

marim­ba : 20.11 UTC – Es ist Febru­ar, es ist kalt, eine schwe­re Grip­pe ist ein­ge­zo­gen, in einen Kör­per, der nur noch schla­fen will. Auf dem Bild­schirm mei­ner Schreib­ma­schi­ne zie­hen Ster­ne lang­sam über den Him­mel über dem Ina­ri­see. Lan­ge Zei­ten geschlos­se­ner Augen. Kein Geräusch von dort, wo Mur­mansk in zwei Tages- und Nacht­por­tio­nen zu Fuß erreicht wer­den kann. Ein Schlit­ten mit Stirn­licht kreuzt von Ost nach West über das Eis. Ich habe Käfig­tie­re geträumt oder habe Käfig­tie­re aus­ge­dacht. Tie­re, deren Gerip­pe Räu­me bil­den, in wel­chen sich Luft befin­det, die geat­met wer­den kann. Ein klei­ner Kopf, als habe man sich einen Kugel­fisch zum Vor­bild genom­men, zwei win­zi­ge Ohren, ein win­zi­ger Mund, zwei win­zi­ge Augen, der Kopf scheint unwich­tig, aber die knö­cher­nen Stre­ben des zen­tra­len Käfig­tie­res sind von einem fei­nen, hell­ro­ten Fell bedeckt. Zwei Zwerg­zei­si­ge flat­tern im Käfig her­um, sin­gen, wet­zen ihre Schnä­bel am war­men Gestän­ge. Das Käfig­tier ist ein Wesen ohne Arme und Bei­ne, wiegt 5 Kilo­gramm und hängt sehr gern leicht schau­kelnd von einem Baum oder einer Zim­mer­de­cke im Wind. — stop

///

vom nachtlicht

pic

nord­pol : 20.55 UTC – Vor Jah­ren ein­mal hat­te ich an die­ser Stel­le über Win­ter­kä­fer nach­ge­dacht, es war zur Win­ter­zeit. Ich ent­deck­te sehr bald einen noch namen­lo­sen Käfer, der ohne Aus­nah­me paar­wei­se erschei­nen und weich sein soll­te wie eine Schne­cke, auch von der Kör­per­tem­pe­ra­tur der Men­schen und genau­so groß, dass er sich in die Augen­höh­len Schla­fen­der zu schmie­gen ver­mag. Dort, stell­te ich mir vor, wür­de der noch namen­lo­se Käfer sich nicht nur als Nacht­schirm begnü­gen, viel­mehr wür­de er sich lang­sam auf und ab bewe­gen und in die­ser Wei­se, sehr ent­span­nen­de Polar­licht­spie­le von mil­der, beru­hi­gen­der Lumi­nes­zenz erzeu­gen. — stop

 

 

Ina­ri­see
langsam
wanderndes
Polarlicht
/
Ursprung
INARI

 

.

///

schwefel

schwefelholz

india : 8.22 UTC – In die­sem Jahr spricht die Repu­blik von Kugel­bom­ben. Irgend­wel­che Män­ner­leu­te spreng­ten sich und ande­re aus rei­nem Ver­gnü­gen in die Luft. Wie fröh­lich war vor Jah­ren noch das ers­te Licht des neu­en Jah­res. In der schwan­ken­den Stra­ßen­bahn hör­te ich, wie sie mit bren­nen­den Augen nach Wor­ten such­ten für das schep­pern­de Licht des Magne­si­ums, für das Fau­chen der ben­ga­li­schen Feu­er, die sie in Hän­den hiel­ten. Da war eine Nacht­se­kun­de gewe­sen, die Sekun­de, in der sie das rote, das ver­bo­te­ne Stäb­chen ent­zün­det und gera­de noch eben recht­zei­tig von sich gewor­fen hat­te, da war das Heu­len der chi­ne­si­schen Pul­ver­pfei­fen, da waren Fun­ken­re­gen, da waren blau­graue Wölk­chen, die sich auf klei­ne Zun­gen nie­der­le­gten. Nicht die Feu­er­blu­men des Him­mels, das Spek­ta­kel der nächs­ten Nähe ent­fes­selten die Erin­ne­rung von Stun­de zu Stun­de. Zünd­höl­zer, ver­bor­gen in Hosen­ta­schen, waren zurück­ge­blie­ben, auch die­ses Schwe­fel­holz, immer wie­der eine heim­li­che Geschich­te. — stop

///

korie

vom schwimmen

whis­key : 15.58 UTC – Für weni­ge Minu­ten ste­hen wir uns gegen­über. Er ist etwas klei­ner als ich und etwa 40 Jah­re jün­ger. Ein Bahn­hof. Win­ter. Er reicht mir die Hand, sei­ne Stim­me spricht lei­se, als wol­le er sei­ne Stim­me im Rau­schen der Men­schen­stim­men um uns her­um ver­ste­cken. Ich habe sei­nen Namen nicht ver­stan­den. Ich fra­ge nach. Du heißt Korie, wie­der­ho­le ich, das ist ein unge­wöhn­li­cher Name. — Das war ges­tern, so war es gewe­sen. Ich hat­te Korie immer wie­der ein­mal gese­hen, am Bahn­hof, vor den Auf­zü­gen ste­hend. Er war­te­te und ich war­te­te. Wir wären viel­leicht nie in ein Gespräch gekom­men, wenn sich die­ser jun­ge Mann nicht aus hei­te­rem Him­mel erkun­digt hät­te, wel­ches für mich das schöns­te Wort sei, das ich ken­nen wür­de. Ich ant­wor­te: Das ist eine der wun­der­bars­ten Fra­gen, die ich jemals hör­te. Ich ler­ne gera­de die deut­sche Spra­che, ant­wor­te­te Korie. Ich sam­me­le Wör­ter, die Men­schen erzäh­len. Darf ich fra­gen, woher Du kommst, Korie? Afgha­ni­stan, ant­wor­te­te der zier­li­che, jun­ge Mann. Du bist von weit her gekom­men, sag­te ich. Ja, von sehr weit, ant­wor­te­te er, drei Jah­re weit. Zuletzt war ich auf einem Schiff im Meer. Das Schiff ging unter. Ich konn­te schwim­men. — stop

///

vom poetischen wert

tiefseeelefanten

alpha : 15.28 UTC – Als wür­de ich kurz vor einem Gespräch mit einem Ver­le­ger vor einer Tür ste­hen. Ich bin auf­ge­regt und zugleich kon­zen­triert. Ich habe mei­ne ers­te Fra­ge, die ich im Gespräch stel­len wer­de, sorg­fäl­tig for­mu­liert, aus­wen­dig gelernt und mehr­fach geprüft. Es ist aber doch etwas ande­res geplant, ein Gespräch näm­lich mit ChatGPT über die Erfin­dung der Tief­see­ele­fan­ten. Eine Ver­bin­dung ist her­ge­stellt, die Ein­ga­be­mas­ke leuch­tet unmit­tel­bar vor mir auf dem Bild­schirm, der Bot scheint zu war­ten. Ich sehe auf die Uhr, war­um? — Das war ges­tern um kurz nach 22 Uhr gewe­sen. So habe ich notiert: Guten Abend! Mein Name ist Lou­is. Fol­gen­des: Ich habe vor Jah­ren die Gat­tung der Tief­see­ele­fan­ten erfun­den. Eine Her­de die­ser Tie­re wan­der­te über einen Zeit­raum meh­re­rer Mona­te von Euro­pa aus über den Atlan­tik nach New York. Sie gin­gen Schritt für Schritt fest auf dem Boden, indes­sen ihre kilo­me­ter­lan­gen Rüs­sel bis zur Mee­res­ober­flä­che hin aus­ge­streckt wor­den waren, um von dort Luft in die Tie­fe zu holen. Sind die­se Tie­re jen­seits eines poe­ti­schen Rau­mes denk­ba­re Wesen? — 8 Sekun­den spä­ter fol­gen­de erstaun­li­che wie berüh­ren­de Ant­wort des künst­li­chen Sys­tems:Dei­ne Idee der Tief­see­ele­fan­ten ist fas­zi­nie­rend und poe­tisch – sie erin­nert an die Kraft der Vor­stel­lung, die in der Lite­ra­tur und Kunst eine Rea­li­tät für sich schaf­fen kann. Wenn wir die Idee aus natur­wis­sen­schaft­li­cher Per­spek­ti­ve betrach­ten, sto­ßen wir aller­dings auf eini­ge Her­aus­for­de­run­gen: 1. Rüs­sel­län­ge und Atmung: Ein kilo­me­ter­lan­ger Rüs­sel, der von der Tief­see bis zur Was­ser­ober­flä­che reicht, wür­de immense Schwie­rig­kei­ten für die Atmung mit sich brin­gen. Der Was­ser­druck in der Tief­see ist extrem hoch (z. B. ca. 1000 Atmo­sphä­ren in 10.000 Metern Tie­fe), wäh­rend die Luft­säu­le im Rüs­sel nahe­zu druck­los wäre. Die Mus­keln, die den Rüs­sel öff­nen und schlie­ßen, müss­ten unglaub­lich stark sein, um den Druck­un­ter­schied zu bewäl­ti­gen. 2. Druck­re­sis­tenz: Lebe­we­sen, die in der Tief­see exis­tie­ren, sind an den hohen Druck ange­passt. Ein so gro­ßes Tier wie ein Ele­fant, das auf Land­druck opti­miert ist, wür­de in der Tie­fe zer­quetscht. Eine denk­ba­re Lösung wäre, dass die Tief­see­ele­fan­ten eine Anpas­sung ent­wi­ckelt haben, um den Druck aus­zu­glei­chen, z. B. durch eine extrem fle­xi­ble oder ver­stärk­te Kör­per­struk­tur. 3. Fort­be­we­gung: Ein so gro­ßes Tier bräuch­te sehr kräf­ti­ge Bei­ne, um auf dem Mee­res­bo­den lau­fen zu kön­nen, und gleich­zei­tig müss­te es mit den Wider­stän­den des Was­sers zurecht­kom­men. Vie­le Tief­see­le­be­we­sen sind schwe­re­los und glei­ten oder schwe­ben – ein lau­fen­des Tier wäre unge­wöhn­lich. 4. Nah­rung: Die Tief­see ist eine kar­ge Umge­bung, was Nah­rung betrifft. Dei­ne Ele­fan­ten müss­ten eine Stra­te­gie haben, um Nah­rung in aus­rei­chen­der Men­ge zu fin­den – viel­leicht durch das Ein­fan­gen von Orga­nis­men, die in der Nähe der Was­ser­ober­flä­che leben, mit­hil­fe ihrer Rüs­sel. Denk­ba­re Anpas­sun­gen. Mit ein wenig Krea­ti­vi­tät las­sen sich jedoch Mecha­nis­men erdenken, die dei­ne Tief­see­ele­fan­ten mög­lich machen könn­ten. 1. Druck­aus­gleich: Sie könn­ten ein inter­nes Sys­tem haben, das ihren Kör­per­druck dem Umge­bungs­druck anpasst, ähn­lich wie Tauchro­bo­ter, die für Tief­see­for­schung gebaut wer­den. 2. Atmung: Statt über Rüs­sel könn­ten sie eine Art “Luft­re­ser­voir” in ihrem Kör­per tra­gen, das durch regel­mä­ßi­ge Besu­che an der Was­ser­ober­flä­che auf­ge­füllt wird. 3. Kör­per­struk­tur: Ihre Bei­ne könn­ten beson­ders dick und mus­ku­lös sein, um sowohl dem Druck als auch der Fort­be­we­gung stand­zu­hal­ten. 4. Öko­lo­gie: Sie könn­ten sich von orga­ni­schen Abla­ge­run­gen am Mee­res­bo­den oder hydro­ther­ma­len Quel­len ernäh­ren, die als „Oasen“ der Tief­see gel­ten. Poe­ti­scher Wert: Aus lite­ra­ri­scher Sicht sind dei­ne Tief­see­ele­fan­ten nicht nur denk­bar, son­dern sogar wun­der­bar. Sie laden dazu ein, über die Bezie­hung zwi­schen Ober­flä­che und Tie­fe, zwi­schen Lebens­räu­men und Anpas­sung nach­zu­den­ken. Sie könn­ten als Sym­bo­le für Aus­dau­er, Anpas­sung oder den Über­gang zwi­schen Wel­ten ste­hen – und genau das macht sie so fas­zi­nie­rend. Ich bin gespannt, wie du die Geschich­te die­ser majes­tä­ti­schen Wesen wei­ter­spinnst! — stop

an aerial view of snowy mountains
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


als tiefseeelefanten
in unse­ren gesprächen
noch nicht existierten
flog vater 1971 über
grön­land nach
san franzisko

 

///

am atlantik

von drohnen

alpha : 15.12 UTC – Er hat­te an einem win­ter­li­chen Tag ein­mal eine Feder ent­deckt, als er über den Strand von Coney Island spa­zier­te. Es war sehr kalt gewe­sen. Eis und Schnee und Muschel­häu­ser knarz­ten unter sei­nen Füßen. Die Feder ruh­te auf einer Wel­le fei­nen San­des wie auf einem Bett. Zum ers­ten Mal in sei­nem Leben dach­te er dar­über nach, ob der Ver­lust einer Feder für einen Möwen­vo­gel bedeu­ten wür­de, frie­ren zu müs­sen. — stop



ping

ping