Schlagwort: twitter

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brieftaubenwörter

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gink­go : 18.08 UTC — In den Mona­ten Febru­ar und März lern­te mei­ne Schreib­ma­schi­ne fol­gen­de Wör­ter, die in ihren Prüf­ver­zeich­nis­sen bis­lang nicht zu fin­den gewe­sen waren: Bang­sein . Apfel­ba­na­nen­mus . Brief­tau­ben­wör­ter . Druck­luft­bauch . Film­be­trach­tungs­ge­sicht . Fang­schre­cken­krebs . Flug­film­zeit . Gefie­der­kar­te . Kro­ko­dil­mo­dell . Libel­len­ge­spräch . Loo­ter . Löt­lamp­en­ef­fekt . Minia­tu­ren­sand . Nacht­schiff­ge­dan­ken . Mund­schutz­al­go­rith­mus . Nid­da­park . Pfuhl­schnep­fe . Rebus­pri­zip . Spur­werk . Steh­schirm­chen . Son­der­quer­druck . Tang­fah­ne . Summ­laut . Twit­ter­touret­te . Unge­impft . Vor­traum­zeit . Water­men . Wort­kern­bil­der . Zep­pe­lin­al­lee . Tast­ma­schi­ne . Ark­tis­wind . Zei­ger­blü­te . Maki­mensch . Minia­tu­ren­sand . — stop

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eine taube

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lima : 22.12 UTC — Die Bil­der des letz­ten Films, den mein Vater mit sei­nem Foto­ap­pa­rat auf­ge­nom­men hat­te, zei­gen sei­ne Hose, sei­ne Schu­he, Trep­pen­stu­fen, eine Tau­be. Als ich die digi­ta­len Foto­gra­fien für mei­nen Vater auf sei­nem Com­pu­ter öff­ne­te, hock­te der alte Mann in der Betrach­tung sei­nes letz­ten Films vor dem Bild­schirm und klick­te immer schnel­ler wer­dend von Bild zu Bild. Er sag­te, dass er sich an das, was er foto­gra­fiert hat­te, genau erin­ne­re. Da war eine Land­schaft nahe Prag durch das Zug­fens­ter auf­ge­nom­men, da war eine wei­te­re Land­schaft, kurz nach­dem der Zug den Pra­ger Bahn­hof ver­las­sen hat­te, da war ein tan­zen­des Paar auf einem Donau­rei­se­schiff nahe Buda­pest. Und da war Mut­ter, die neben einem Ret­tungs­boot des­sel­ben Schif­fes stand und lächel­te. Vater hat­te unge­fähr 50 Auf­nah­men gefer­tigt, jede der Auf­nah­men zeig­te nun sei­ne Schu­he, sei­ne Hose oder eben eine Tau­be, die zu sei­nen Füßen Brot­kru­men pick­te. Er war ver­zwei­felt. Da stand ich lei­se auf und such­te nach sei­ner Kame­ra. Ich bin doch nicht ver­rückt gewor­den, sag­te Vater. Nein, ant­wor­te­te ich, schau her, Du bist nicht ver­rückt gewor­den! Vater nahm sei­ne Kame­ra in die Hand. Er schüt­tel­te den klei­nen, fla­chen Appa­rat und sag­te: Na, das ist mein viel­leicht selt­sams­ter Film gewor­den. Die­se Tau­be hier, da waren wir schon auf dem Schiff gewe­sen. Es war Nach­mit­tag. Ich muss etwas an der Kame­ra ver­stellt haben. Die­ses Räd­chen hier könn­te es gewe­sen sein. Immer Sekun­den zu spät. Na sowas, sag­te Vater. — stop

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ai : RUANDA

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MENSCH IN GEFAHR : “Jackie Umuho­za, die Toch­ter des im Exil leben­den Pas­tors Deo Nyi­ri­gi­ra, wur­de am 27. Novem­ber in Kiga­li fest­ge­nom­men. Die Unter­su­chungs­be­hör­de Rwan­da Inves­ti­ga­ti­on Bureau bestä­tig­te am 28. Novem­ber auf Twit­ter, dass Jackie Umuho­za in Unter­su­chungs­haft sei. Ihr wer­den Lan­des­ver­rat und Spio­na­ge vor­ge­wor­fen. Bei einem Schuld­spruch muss sie mit bis zu 25 Jah­ren Gefäng­nis rechnen./ Die Staats­an­walt­schaft hat ihren Fall jedoch bis­her nicht bestä­tigt, und sie wur­de kei­nem Gericht vor­ge­führt. Ihre anhal­ten­de Unter­su­chungs­haft ist daher nicht rich­ter­lich ange­ord­net. Laut ruan­di­scher Straf­pro­zess­ord­nung dür­fen Straf­ver­däch­ti­ge ledig­lich bis zu fünf Tage lang in Unter­su­chungs­haft gehal­ten wer­den. Danach muss die Staats­an­walt­schaft eine rich­ter­li­che Anord­nung zur Haft­ver­län­ge­rung ein­ho­len, die auf soli­den Fak­ten zur Recht­fer­ti­gung eines Ver­fah­rens basiert.” - Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­le­ne schrift­li­che Aktio­nen bis spä­tes­tens zum 31.1.2020 unter > ai : urgent action
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hongkong : nacht

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Indi­en : 22.16 UTC — Wie vor Jah­ren über den Dächern von Tehe­ran sin­gen in Hong Kong Men­schen, rufen “Hong Kon­gers add oil!”. / Bild­schirm­auf­nah­me zur Siche­rung : Twit­ter — stop

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s.alvise

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nord­pol : 15.55 UTC — Heu­te Mor­gen ist mir etwas Selt­sa­mes mit mir selbst pas­siert. Ich war näm­lich Ein­kau­fen in einem Super­markt. Eine alte Dame, sehr freund­lich, weck­te mich, in dem sie mir erklär­te, wo genau ich Plas­tik­hand­schu­he fin­den kön­ne, um Apfel­si­nen oder Melo­nen in mei­ne Hän­de neh­men zu dür­fen. Ich muss mich schla­fend nach Hand­schu­hen erkun­digt haben oder aber habe Äpfel und Bir­nen bar­hän­dig berührt. Die alte Dame war sehr für­sorg­lich und lei­se, als ob sie seit Jahr­hun­der­ten mit schla­fen­den Men­schen im Super­markt Umgang pfleg­te. Ich kauf­te für zwei Tage Obst, Krab­ben und Lin­sen, und auch etwas Was­ser und Kaf­fee, trat dann aus dem Super­markt hin­aus in die war­me, hel­le Son­ne, ein Vapo­ret­to fuhr in weni­gen Metern Ent­fer­nung an mir vor­bei, und ich sah sehr deut­lich mich selbst an Bord des Schiff­chens ste­hen, wie ich viel­leicht gera­de die Echo­lo­t­fol­gen einer Twit­ter­nach­richt beob­ach­te­te, wel­che ich eine Stun­de zuvor gesen­det hat­te. Eine Eidech­se flitz­te über uraltes Plfas­ter land­ein­wärts, zwei jun­ge See­mö­wen war­te­ten pfei­fend auf die Ankunft ihrer Eltern, und das Was­ser zu mei­nen Füßen blink­te, als sen­de­te es Bot­schaf­ten irgend­wo­hin. Nach­mit­tags dann war ich spa­zie­ren im Canna­re­gio. Ich glau­be ich habe ein Haus ent­deckt, das über kei­ner­lei Türen ver­fügt, oder aber viel­leicht über eine Tür auf dem Dach, eine Dach­tür. Ob viel­leicht in die­ser merk­wür­di­gen Stadt Men­schen exis­tie­ren, die zu flie­gen in der Lage sind? — stop

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pong

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alpha : 20.02 — Kaum eine hal­be Stun­de ist ver­gan­gen, seit ich den Wunsch ver­spür­te, mich zu beru­hi­gen. Das war vor allem des­halb gewe­sen, weil ich mei­nen Puls in den Ohren schla­gen hör­te. So sehr hat­te ich mich auf­ge­regt über einen klei­nen Text, dem ich auf Posi­ti­on Twit­ter begeg­net war, dass ich kaum noch den­ken konn­te. Ich dach­te nur das eine: Du bist wütend, Lou­is! Ich setz­te mich also auf einen Stuhl und kon­zen­trier­te mich auf die Erfin­dung eines Wor­tes. Das half, das war schon immer so gewe­sen. Eini­ge Wör­ter, die ich bis­lang nicht kann­te, also ent­deck­te, sind Gebur­ten see­li­scher Span­nung. Auch dies­mal war bald Ruhe ein­ge­kehrt, nach­dem ich das Wort Zika­den­pau­ke for­mu­lier­te. Ver­mut­lich waren mei­ne Ohr­ge­räu­sche unmit­tel­bar für das Wort ver­ant­wort­lich. Aber das ist im Grun­de nicht wesent­lich. Das Wort ist ent­deckt und kann nun von Such­ma­schi­nen gefun­den, fest­ge­hal­ten und wei­ter­ge­ge­ben wer­den. — stop

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synopse

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gink­go : 12.08 — In einem mehr­stün­di­gen, äußerst stra­pa­ziö­sen Ver­such, Gedan­ken aus­zu­tau­schen mit Men­schen, die eine Twit­ter­höl­len­kam­mer befeu­ern, habe ich Fol­gen­des gelernt. Es ist näm­lich so, dass in der Vor­stel­lung die­ser Men­schen bald Anker­zen­tren exis­tie­ren wer­den, umzäun­te Gebie­te, die Per­so­nen beher­ber­gen, Per­so­nen­men­schen, wel­che aus dem Süden bereits zu uns gekom­men sind oder furcht­ba­rer Wei­se noch kom­men wer­den. Wei­ter­hin habe ich bemerkt, dass Men­schen­per­so­nen, die sich in jenen umzäun­ten und bewach­ten Gebie­ten zwangs­wei­se auf­hal­ten soll­ten, in der Wahr­neh­mung der Höl­len­kam­mer­be­woh­ner immer­zu jung sind und gesund und Män­ner. Man ver­mu­tet, dass die­se männ­li­chen Men­schen­per­so­nen mög­li­cher­wei­se schwä­che­re Men­schen auf hoher See vor­sätz­lich von Bord gesto­ßen haben könn­ten, vor allem Kin­der und Mäd­chen, das ist selbst­ver­ständ­lich rei­ne Behaup­tung, die durch ste­ti­ge Wie­der­ho­lung in der Höl­len­kam­mer nach und nach zur Gewiss­heit wird. Die­se jun­gen Män­ner nun, sie sind sehr häu­fig von schwar­zer oder dunk­ler Haut bedeckt, sol­len außer­dem über finan­zi­el­le Mit­tel gebie­ten, die ihre Flucht oder Rei­se über­haupt erst mög­lich mach­ten, sie sei­en also, so erzählt man, weder arm noch in irgend­ei­ner Wei­se hilfs­be­dürf­tig, sie wür­den bei­lei­be nicht süd­li­chen Hun­ger­ge­bie­ten ent­kom­men oder vor Bür­ger­krie­gen geflo­hen sein, viel­mehr sol­len sie von irgend­wo­her ange­reist sein wie aus dem Nichts, um auf Kos­ten ver­arm­ter Urein­woh­ner in der Mit­te Euro­pas Misch­be­völ­ke­rung zu erzeu­gen. Weil sie sich sorg­fäl­tig klei­den, weil sie über Tele­fo­ne gebie­ten, weil sie mit­nich­ten aus­ge­hun­ger­te Elends­ge­stal­ten sind, wer­den sie ver­däch­tigt, gut orga­ni­sier­te Anker­men­schen zu sein, Vor­hut oder Schlim­me­res. Ja, so in die­ser Art und Wei­se wird vor­ge­stellt, wird aus­ge­dacht, wird Gewiss­heit erzeugt. Ich stel­le fest: Men­schen, die kei­ne Men­schen­per­so­nen, son­dern Patrio­ten sind, Men­schen, die in die­ser skiz­zier­ten Gewiss­heit leben, sind emp­find­lich, sind wütend, sobald man sich mit­tels Wör­tern fra­gend nähert. Sie schrei­ben unver­züg­lich zurück, dass man den Fra­gen­den selbst sehr ger­ne pfäh­len wür­de bei leben­di­gem Lei­be, erschie­ßen, nach Afri­ka ver­ja­gen, da doch der Fra­gen­de ein lin­ker Faschist sei, ein Anti­se­mit, ein Mit­ver­ge­wal­ti­ger, das Böse schlecht­hin. stop. Die Son­ne ist rund. — stop

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pfählung

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sier­ra : 10.55 — Eine Vor­stel­lung muss nicht zwin­gend Erfin­dung zu sein. Aber eine Nacht­bie­ne, wie sie sich im Dun­keln gra­zi­ös durch die Luft bewegt. — Ein­mal notier­te ich auf einen Zet­tel: Ich glau­be, die Men­schen wer­den immer käl­ter und här­ter. Am 23. Juni woll­te mich ein Herr namens Ul.Stinner* bei leben­di­gem Lei­be pfäh­len, weil ich ihm eine Twit­ter­fra­ge stell­te. — stop

*Name geän­dert

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ai : ÄGYPTEN

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MENSCH IN GEFAHR : “Am 9. Mai stell­te Amal Fathy ein Video auf ihrer Face­book-Sei­te ein, in dem sie die von ihr erleb­te sexua­li­sier­te Beläs­ti­gung the­ma­ti­sier­te, die Dring­lich­keit die­ses Pro­blems in Ägyp­ten beton­te und die Regie­rung kri­ti­sier­te, weil sie die Frau­en in Ägyp­ten nicht davor schützt. Zudem kri­ti­sier­te sie das schar­fe Vor­ge­hen der Regie­rung gegen die Men­schen­rech­te, die sozio­öko­no­mi­schen Bedin­gun­gen und die Miss­stän­de im öffent­li­chen Dienst­leis­tungs­sek­tor. Dar­auf­hin durch­such­te die Poli­zei am 11. Mai gegen 2:30 Uhr die Woh­nung von Amal Fathy und inhaf­tier­te sie in der Poli­zei­wa­che Maadi in Kai­ro zusam­men mit ihrem Ehe­mann Moha­med Lotfy, einem frü­he­ren Mit­ar­bei­ter von Amnes­ty Inter­na­tio­nal und aktu­el­len Direk­tor der Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on Ägyp­ti­sche Kom­mis­si­on für Rech­te und Frei­hei­ten (Egyp­ti­an Com­mis­si­on for Rights and Free­doms – ECRF) und ihrem drei­jäh­ri­gen Kind. Mann und Kind wur­den nach drei Stun­den wie­der frei­ge­las­sen. / Am 11. Mai prüf­te die Staats­an­walt­schaft Maadi Amal Fathys Fall und ord­ne­te 15 Tage Haft für die Dau­er der Ermitt­lun­gen zu den gegen sie erho­be­nen Vor­wür­fen an – unter ande­rem „Ver­öf­fent­li­chung eines Vide­os, das Falsch­in­for­ma­tio­nen ent­hält, die den öffent­li­chen Frie­den beein­träch­ti­gen könn­ten”. Am fol­gen­den Tag ver­hör­te die Staats­an­walt­schaft der Staats­si­cher­heit sie in einem wei­te­ren Fall zu ihrer angeb­li­chen Ver­bin­dung zur Jugend­be­we­gung 6. April. Für die Dau­er der Ermitt­lun­gen wegen Mit­glied­schaft in einer ver­bo­te­nen Grup­pe ord­ne­te sie wei­te­re 15 Tage Unter­su­chungs­haft an. / Inter­net-Trol­le kopier­ten das Video und Fotos von Amal Fathy von ihren Sozia­len Medi­en-Sei­ten und pos­te­ten sie auf Face­book und Twit­ter zusam­men mit geschlechts­spe­zi­fi­schen Beschimp­fun­gen und der For­de­rung nach ihrer Fest­nah­me. Meh­re­re regie­rungs­freund­li­che und staat­li­che Medi­en ver­öf­fent­lich­ten Arti­kel über das Video und behaup­te­ten fälsch­lich, dass sie eine Akti­vis­tin der Jugend­be­we­gung 6. April sei und bei der ECRF arbei­te. Dar­über­hin­aus schrie­ben sie, dass sie mit dem Direk­tor der ECRF ver­hei­ra­tet sei und ver­stie­ßen damit gegen ihr Recht auf Pri­vat­sphä­re.” - Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen sowie emp­foh­le­ne schrift­li­che Aktio­nen bis spä­tes­tens zum 30.6.2018 unter > ai : urgent action
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nacht wird um 8

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nord­pol : 0.05 UTC — Im Haus der alten Men­schen wird für sei­ne Bewoh­ner Nacht um 8, wenn für die Besu­cher gera­de eben die­ses Hau­ses der Abend erst beginnt. Es war heu­te Gewit­ter­luft gewe­sen, wes­halb vie­le der alten Men­schen nicht auf­ste­hen woll­ten. Also blie­ben sie lie­gen und ver­irr­ten sich nicht. Es ist näm­lich so, dass man sich, wenn man im Haus der alten Men­schen ein Zim­mer genom­men hat, manch­mal nicht weiss wer man ist, oder man weiss nicht wo zu Hau­se sein könn­te, und bekommt, wenn man zu einer Schwes­ter sagt: Ich möch­te heim, zur Ant­wort: Mei­ne Lie­be, hier ist Daheim. Auf den Rücken der alten Men­schen, die nicht wis­sen wo sie sind, steht zu lesen: Ich hei­ße so oder so, ich habe mich ver­lau­fen, ich woh­ne im Haus der alten Men­schen, bit­te brin­gen sie mich nach Hau­se. Auf einem Tisch hier Daheim steht ein Schall­plat­ten­spie­ler, der Musik macht, die ver­traut ist, auch wenn man nicht weiss, wer selbst man ist, es wird gesun­gen, es sind Lie­der der Kind­heit. Twit­ter kennt man hier nicht. — stop