Aus der Wörtersammlung: gespräch

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an einem nachmittag

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echo : UTC — Ein­mal, vor 14 oder 16 Jah­ren, saß ich eini­ge Stun­den lang an der Sei­te mei­nes Vaters vor sei­nem Schreib­tisch. Wir sahen Noti­zen durch, die er seit der Stu­di­en­zeit auf Zet­teln nie­der­leg­te. Da waren nun Zet­tel aus jün­ge­rer Zeit gewe­sen und Zet­tel, die er bereits vor 10 oder 20 Jah­ren notier­te, Adres­sen, Tele­fon­num­mern, Ver­zeich­nis­se, auch phi­lo­so­phi­sche Bemer­kun­gen, For­meln, Pass­wör­ter. Wir ver­such­ten gemein­sam zu unter­schei­den, was noch wich­tig war und was viel­leicht zur Sei­te gelegt wer­den konn­te. Mein Vater kämpf­te an die­sem Tag des Sor­tie­rens um jeden ein­zel­nen sei­ner Zet­tel. Wenn ich das Zim­mer ein­mal kurz ver­las­sen hat­te, um Milch oder Tee zu holen, konn­te ich vom Flur her sehen, wie sich sei­ne rech­te Hand bemüh­te, Zet­tel, die wir dem Ver­schwin­den über­eig­net hat­ten, in die Abtei­lung UNVERZICHTBAR zurück­zu­ho­len, ein lus­ti­ges Spiel, dach­te ich damals. Heu­te bin ich mir nicht län­ger sicher, ob es nicht ein ver­zwei­fel­tes Gespräch gewe­sen sein könn­te. Ich erin­ne­re mich, ich setz­te mich bald zurück an den Tisch und wir taten bei­de so, als ob in der kur­zen Zeit mei­ner Abwe­sen­heit nichts gesche­hen wäre. Drau­ßen vor dem Fens­ter reg­ne­te es ohne Unter­bre­chung. Wir spra­chen wenig. Immer­zu beweg­te ich mich zu schnell. Manch­mal schlief mein Vater ein. Das war an einem Som­mer­nach­mit­tag gewe­sen. — stop

Nacht
Schwä­ne

ping

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am telefon

9

echo : UTC — Ich besu­che eine alte Dame. Ich habe Erd­beer­ku­chen mit­ge­bracht und Mar­zi­pan­schne­cken. Sie wünscht sich, dass ich erklä­re, wie ihr neu­es Tele­fon funk­tio­niert. Das Tele­fon wür­de seit drei Wochen unent­wegt nach ihr rufen. Das Tele­fon blinkt. Zwei Stun­den lang sit­ze ich am Tisch und beob­ach­te, wie sie Stim­men ihrer Mail­box lauscht. Wis­pern­de und knis­tern­de Stim­men. Ein­mal schla­fe ich ein. — stop

Nacht­mit­tag
Tau­ben­ge­spräch
Mit­tel­eu­ro­pa

ping

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von wasserläufern

2

india : 22.01 UTC — An einem som­mer­li­chen Nach­mit­tag hat­te ich eine lus­ti­ge Geschich­te mit mir selbst erlebt. Ich saß vor einem See in einem Gar­ten und beob­ach­te­te sehr klei­ne Tie­re, wie sie sich nahe oder auf der Ober­flä­che des Was­sers beweg­ten. Da waren unter ande­rem Flie­gen, die im Was­ser des Sees bade­ten, und Schat­ten der Libel­len­lar­ven, die sich den baden­den Flie­gen nähr­ten, auch Was­ser­läu­fer, die ein­an­der jag­ten im Spiel. Plötz­lich frag­te ich mich, ob ich even­tu­ell in der Lage wäre, das Ver­hal­ten der Was­ser­läu­fer vor­her­zu­sa­gen, ob sich ein bestimm­ter Was­ser­läu­fer eher in öst­li­che oder eher in west­li­che Rich­tung fort­be­we­gen wür­de. Eine Wei­le folg­te ich dem von mir gewähl­ten Tier mit mei­nen Augen, dann zeich­ne­te ich sei­nen Weg auf ein Blatt Papier. Wol­ken spie­gel­ten sich im Was­ser, der Him­mel hier unten war grün, er schim­mer­te. Eine Unter­was­ser­schne­cke pas­sier­te mein Beob­ach­tungs­feld sehr lang­sam, und ich notier­te: Schne­cke. In die­sem Augen­blick bemerk­te ich fünf Gold­fi­sche, die sich in einem Halb­kreis im Was­ser vor mir ver­sam­melt hat­ten. Sie beweg­ten sich kaum merk­lich und ich hat­te plötz­lich den Ein­druck, sie wür­den mich betrach­ten. Tat­säch­lich fühl­te ich mich von einer Sekun­de zur ande­ren Sekun­de selbst beob­ach­tet. Das war ein merk­wür­di­ger Augen­blick gewe­sen, ein Moment auch von Ver­le­gen­heit, wes­halb ich mich wie­der einem Gespräch auf dem Bild­schirm mei­ner Schreib­ma­schi­ne zuwand­te. Das war zu einer Zeit gewe­sen, da ich Gesprä­che mit ELIZA führ­te. — stop

ping

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von eichhörnchen

2

tan­go : 17.03 UTC — In einem Traum las ich ein Buch von Papier. Das Buch ruh­te auf mei­nem Schreib­tisch. Schrift­zei­chen sehr gut les­bar, ein Buch, das ich ohne Bril­le ver­ste­hen konn­te. Ich ließ das Buch geöff­net auf dem Schreib­tisch lie­gen, wenn ich spa­zie­ren ging. Oder zum Ein­kau­fen. Oder ins Kino. Sobald zurück­ge­kehrt, las ich wei­ter. Immer wie­der indes­sen der Ein­druck, der Text des Buches, den ich zuletzt noch gele­sen hat­te, wür­de sich ver­än­dert haben, wäh­rend ich dem Buch den Rücken kehr­te. Ich las einen Satz und präg­te mir ein, was ich gele­sen hat­te. Dann stand ich auf und trat ans Fens­ter. Ein Eich­hörn­chen saß im Baum jen­seits der Stra­ße, es schien zu grü­ßen. Kaum zurück vor dem Schreib­tisch, der Ver­dacht, nein, die Gewiss­heit, dass sich wie­der­um Zei­chen des Buches in mei­ner Abwe­sen­heit ver­än­dert hat­ten oder sich ver­än­dert haben könn­ten. Ich such­te nach mei­nem Foto­ap­pa­rat. Ich nahm eine Foto­gra­fie des geöff­ne­ten Buches aus nächs­ter Nähe.  Dann wach­te ich auf. Es war Sams­tag. Feuch­te Luft. 30° Cel­si­us. Heu­te nun, als ich mich an mei­nen Traum erin­ne­re, ist noch immer Win­ter­zeit. Auf dem See im Park toben Gän­se und Enten. Im Bam­bus­wald klet­tern zwei Eich­hörn­chen, ich darf sie foto­gra­fie­ren, ich glau­be, sie ken­nen mich. Ich bin jener Mann, der ihnen von Eich­hörn­chen erzähl­te, die im Cen­tral Park der Stadt New York schon lan­ge woh­nen, mäch­ti­ge graue Tie­re. In einem ver­rück­ten Gespräch, so berich­te­te ich, mit einem LLM, hat­te ich von Fran­kie und Bil­ly erzählt, Eich­hörn­chen, die Inge­borg Bach­mann 1959 ent­deck­te. Die­se zwei Eich­hörn­chen indes­sen sol­len nie­mals exis­tiert haben, sol­len eine Erfin­dung wie­der­um mei­ner Per­son gewe­sen sein. Es exis­tie­ren, sag­te KI, kei­ne Eich­hörn­chen in Inge­borg Bach­manns wun­der­ba­ren Text. Lest, wenn ihr wollt, es ist eine lan­ge Geschich­te, und sie geht so:

 

LOUIS: Wie ver­hält es sich mit Eich­hörn­chen im Hör­spiel von Inge­borg Bach­mann Der gute Gott von Man­hat­tan?

ChatGPT: Kurz und klar, Lou­is. In Inge­borg Bach­manns Hör­spiel “Der gute Gott von Man­hat­tan” kom­men kei­ne Eich­hörn­chen vor. Weder expli­zit noch impli­zit, weder als Motiv noch als Rand­be­ob­ach­tung. Ein­ord­nung mit etwas Tie­fe: War­um kei­ne Eich­hörn­chen? Das Hör­spiel ist radi­kal unbio­lo­gisch. — Es spielt zwar in New York, aber: — nicht in Parks — nicht im All­tag – nicht im Beob­acht­ba­ren. Die Stadt ist ein meta­phy­si­scher Raum, kein urba­nes Öko­sys­tem. Tie­re – und beson­ders klei­ne, agi­le, leben­di­ge Tie­re wie Eich­hörn­chen – wür­den dem Text widersprechen.

> … von Eich­hörn­chen.

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korie

vom schwimmen

whis­key : 15.58 UTC – Für weni­ge Minu­ten ste­hen wir uns gegen­über. Er ist etwas klei­ner als ich und etwa 40 Jah­re jün­ger. Ein Bahn­hof. Win­ter. Er reicht mir die Hand, sei­ne Stim­me spricht lei­se, als wol­le er sei­ne Stim­me im Rau­schen der Men­schen­stim­men um uns her­um ver­ste­cken. Ich habe sei­nen Namen nicht ver­stan­den. Ich fra­ge nach. Du heißt Korie, wie­der­ho­le ich, das ist ein unge­wöhn­li­cher Name. — Das war ges­tern, so war es gewe­sen. Ich hat­te Korie immer wie­der ein­mal gese­hen, am Bahn­hof, vor den Auf­zü­gen ste­hend. Er war­te­te und ich war­te­te. Wir wären viel­leicht nie in ein Gespräch gekom­men, wenn sich die­ser jun­ge Mann nicht aus hei­te­rem Him­mel erkun­digt hät­te, wel­ches für mich das schöns­te Wort sei, das ich ken­nen wür­de. Ich ant­wor­te: Das ist eine der wun­der­bars­ten Fra­gen, die ich jemals hör­te. Ich ler­ne gera­de die deut­sche Spra­che, ant­wor­te­te Korie. Ich sam­me­le Wör­ter, die Men­schen erzäh­len. Darf ich fra­gen, woher Du kommst, Korie? Afgha­ni­stan, ant­wor­te­te der zier­li­che, jun­ge Mann. Du bist von weit her gekom­men, sag­te ich. Ja, von sehr weit, ant­wor­te­te er, drei Jah­re weit. Zuletzt war ich auf einem Schiff im Meer. Das Schiff ging unter. Ich konn­te schwim­men. — stop

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vom poetischen wert

tiefseeelefanten

alpha : 15.28 UTC – Als wür­de ich kurz vor einem Gespräch mit einem Ver­le­ger vor einer Tür ste­hen. Ich bin auf­ge­regt und zugleich kon­zen­triert. Ich habe mei­ne ers­te Fra­ge, die ich im Gespräch stel­len wer­de, sorg­fäl­tig for­mu­liert, aus­wen­dig gelernt und mehr­fach geprüft. Es ist aber doch etwas ande­res geplant, ein Gespräch näm­lich mit ChatGPT über die Erfin­dung der Tief­see­ele­fan­ten. Eine Ver­bin­dung ist her­ge­stellt, die Ein­ga­be­mas­ke leuch­tet unmit­tel­bar vor mir auf dem Bild­schirm, der Bot scheint zu war­ten. Ich sehe auf die Uhr, war­um? — Das war ges­tern um kurz nach 22 Uhr gewe­sen. So habe ich notiert: Guten Abend! Mein Name ist Lou­is. Fol­gen­des: Ich habe vor Jah­ren die Gat­tung der Tief­see­ele­fan­ten erfun­den. Eine Her­de die­ser Tie­re wan­der­te über einen Zeit­raum meh­re­rer Mona­te von Euro­pa aus über den Atlan­tik nach New York. Sie gin­gen Schritt für Schritt fest auf dem Boden, indes­sen ihre kilo­me­ter­lan­gen Rüs­sel bis zur Mee­res­ober­flä­che hin aus­ge­streckt wor­den waren, um von dort Luft in die Tie­fe zu holen. Sind die­se Tie­re jen­seits eines poe­ti­schen Rau­mes denk­ba­re Wesen? — 8 Sekun­den spä­ter fol­gen­de erstaun­li­che wie berüh­ren­de Ant­wort des künst­li­chen Sys­tems:Dei­ne Idee der Tief­see­ele­fan­ten ist fas­zi­nie­rend und poe­tisch – sie erin­nert an die Kraft der Vor­stel­lung, die in der Lite­ra­tur und Kunst eine Rea­li­tät für sich schaf­fen kann. Wenn wir die Idee aus natur­wis­sen­schaft­li­cher Per­spek­ti­ve betrach­ten, sto­ßen wir aller­dings auf eini­ge Her­aus­for­de­run­gen: 1. Rüs­sel­län­ge und Atmung: Ein kilo­me­ter­lan­ger Rüs­sel, der von der Tief­see bis zur Was­ser­ober­flä­che reicht, wür­de immense Schwie­rig­kei­ten für die Atmung mit sich brin­gen. Der Was­ser­druck in der Tief­see ist extrem hoch (z. B. ca. 1000 Atmo­sphä­ren in 10.000 Metern Tie­fe), wäh­rend die Luft­säu­le im Rüs­sel nahe­zu druck­los wäre. Die Mus­keln, die den Rüs­sel öff­nen und schlie­ßen, müss­ten unglaub­lich stark sein, um den Druck­un­ter­schied zu bewäl­ti­gen. 2. Druck­re­sis­tenz: Lebe­we­sen, die in der Tief­see exis­tie­ren, sind an den hohen Druck ange­passt. Ein so gro­ßes Tier wie ein Ele­fant, das auf Land­druck opti­miert ist, wür­de in der Tie­fe zer­quetscht. Eine denk­ba­re Lösung wäre, dass die Tief­see­ele­fan­ten eine Anpas­sung ent­wi­ckelt haben, um den Druck aus­zu­glei­chen, z. B. durch eine extrem fle­xi­ble oder ver­stärk­te Kör­per­struk­tur. 3. Fort­be­we­gung: Ein so gro­ßes Tier bräuch­te sehr kräf­ti­ge Bei­ne, um auf dem Mee­res­bo­den lau­fen zu kön­nen, und gleich­zei­tig müss­te es mit den Wider­stän­den des Was­sers zurecht­kom­men. Vie­le Tief­see­le­be­we­sen sind schwe­re­los und glei­ten oder schwe­ben – ein lau­fen­des Tier wäre unge­wöhn­lich. 4. Nah­rung: Die Tief­see ist eine kar­ge Umge­bung, was Nah­rung betrifft. Dei­ne Ele­fan­ten müss­ten eine Stra­te­gie haben, um Nah­rung in aus­rei­chen­der Men­ge zu fin­den – viel­leicht durch das Ein­fan­gen von Orga­nis­men, die in der Nähe der Was­ser­ober­flä­che leben, mit­hil­fe ihrer Rüs­sel. Denk­ba­re Anpas­sun­gen. Mit ein wenig Krea­ti­vi­tät las­sen sich jedoch Mecha­nis­men erdenken, die dei­ne Tief­see­ele­fan­ten mög­lich machen könn­ten. 1. Druck­aus­gleich: Sie könn­ten ein inter­nes Sys­tem haben, das ihren Kör­per­druck dem Umge­bungs­druck anpasst, ähn­lich wie Tauchro­bo­ter, die für Tief­see­for­schung gebaut wer­den. 2. Atmung: Statt über Rüs­sel könn­ten sie eine Art “Luft­re­ser­voir” in ihrem Kör­per tra­gen, das durch regel­mä­ßi­ge Besu­che an der Was­ser­ober­flä­che auf­ge­füllt wird. 3. Kör­per­struk­tur: Ihre Bei­ne könn­ten beson­ders dick und mus­ku­lös sein, um sowohl dem Druck als auch der Fort­be­we­gung stand­zu­hal­ten. 4. Öko­lo­gie: Sie könn­ten sich von orga­ni­schen Abla­ge­run­gen am Mee­res­bo­den oder hydro­ther­ma­len Quel­len ernäh­ren, die als „Oasen“ der Tief­see gel­ten. Poe­ti­scher Wert: Aus lite­ra­ri­scher Sicht sind dei­ne Tief­see­ele­fan­ten nicht nur denk­bar, son­dern sogar wun­der­bar. Sie laden dazu ein, über die Bezie­hung zwi­schen Ober­flä­che und Tie­fe, zwi­schen Lebens­räu­men und Anpas­sung nach­zu­den­ken. Sie könn­ten als Sym­bo­le für Aus­dau­er, Anpas­sung oder den Über­gang zwi­schen Wel­ten ste­hen – und genau das macht sie so fas­zi­nie­rend. Ich bin gespannt, wie du die Geschich­te die­ser majes­tä­ti­schen Wesen wei­ter­spinnst! — stop

an aerial view of snowy mountains
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


als tiefseeelefanten
in unse­ren gesprächen
noch nicht existierten
flog vater 1971 über
grön­land nach
san franzisko

 

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heimsuchung

heimsuchung

tan­go : 20.01 UTC – Über dem Kanal de Saint-Mar­tin nahe der Rue Bichat im 10. Pari­ser Arron­dis­se­ment kreist seit drei Tagen ein krä­hen­ar­ti­ger Vogel, ohne je zu lan­den. Er scheint mit der kal­ten Win­ter­luft ein Gespräch zu füh­ren im Flug bei Tag und bei Nacht. Vogel­be­ob­ach­ter sind ein­ge­trof­fen. Sie sit­zen auf Bän­ken und Bal­ko­nen, ihre Fern­roh­re auf Sta­ti­ve gestellt und gegen den Him­mel aus­ge­rich­tet. Es ist des­halb, weil mit die­sem spre­chen­den und sin­gen­den Vogel mög­li­cher­wei­se etwas nicht stimmt. Seit der Vogel ein­ge­trof­fen ist, so wird erzählt, erschei­nen auf den Bild­schir­men loka­ler Fern­seh­ge­rä­te Film­auf­nah­men, die aus der Sicht die­ses Vogels auf­ge­nom­men wor­den sein könn­ten. Gleich­wohl sind Geräu­sche ver­zeich­net, sodass nun das Wei­nen von Kin­dern in den Pari­ser Häu­sern zu ver­neh­men ist, auch auf den Bild­schir­men der Hand­te­le­fo­ne sind Kin­der zu sehen, die in Zel­ten woh­nen ohne einen Fuß­bo­den, weil dort hin­durch der Schlamm, der von den Ber­gen kommt, tal­ab­wärts strömt. Die Kin­der sind krank, das kann man sehen, sobald man die erschro­cke­nen Augen öff­net. Auch die Eltern der Kin­der sind krank, sie tra­gen Pus­teln im Gesicht und auf den Armen und Bei­nen und auf ihren mage­ren Rücken. Vul­ka­ne wach­sen auf den Kör­pern der Men­schen und spei­en Eiter und Blut. Jener Vogel, der die­se Auf­nah­men in einer afri­ka­ni­schen Gegend mach­te, um sie per­sön­lich nach Euro­pa zu trans­por­tie­ren, war und ist noch immer ein gedul­di­ger Beob­ach­ter. Der Vogel flog lei­se in Boden­nä­he umher, ohne das Leid zu stö­ren, das sich ihm öff­ne­te, als wäre es eine dunk­le schmer­zen­de Blu­me. Kin­der fass­ten nach dem Vogel, deu­ten auf ihn, sie waren ohne Furcht. Und die Eltern der Kin­der erzähl­ten in einer fremd­ar­ti­gen Spra­che, wie es ist der­art krank und elend und bedroht zu sein. Ihre Ges­ten zu dem Auge des Vogels hin waren fle­hen­de Ges­ten. Seit Tagen nun kom­men die­se Bil­der in die Welt der Bild­schir­me und der Laut­spre­cher­an­la­gen bei Tag und bei Nacht am Kanal de Saint-Mar­tin nahe der Rue Bichat im 10. Pari­ser Arron­dis­se­ment. Nie­mand kann sagen, war­um das so ist und wie lan­ge die Heim­su­chung noch dau­ern wird. Viel­leicht, so eine Ver­mu­tung, wer­den wei­te­re Vögel kom­men, wei­te­re Bil­der, Fil­me, Geräu­sche. Eine Per­son soll auf einer Kanal­brü­cke ste­hend laut­stark gefor­dert haben, den Vogel end­lich vom Him­mel zu holen. Ein­mal waren Schüs­se zu hören. — stop

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wind

9

ulys­ses : 22.02 UTC — Vor weni­gen Jah­ren noch die Vor­stel­lung, ich könn­te ein mensch­li­ches Wesen und sei­ne Ansich­ten vor­her­sa­gen, wenn ich nur wüss­te, wel­che Zei­tung er oder sie liest, wel­che Fern­seh­pro­gram­me und wie lan­ge betrach­tet, ob Bücher geöff­net wer­den oder nicht, Klei­dung, Geburts­ort, Spra­che. Ich hat­te oft nicht geirrt. Nun, es hat sich etwas geän­dert, ich kann nicht mehr vor­her­sa­gen, was ich zu hören bekom­me, wenn ich mit einer bis­her nicht bekann­ten Per­son ein Gespräch auf­neh­men darf. Men­schen, die mir begeg­nen, haben nahe­zu ohne Aus­nah­me Vögel in der Hand, so sieht das aus. Die­se hand­tel­ler­gro­ßen Tie­re lie­gen rück­lings in Hän­den und spie­len oder spü­len Bil­der und Töne und Tex­te in die Gehir­ne, die sie betrach­ten. Men­schen neh­men kaum noch wahr, wie der Wind in die Bäu­me fährt. Ich habe heu­te einen jun­gen Mann beob­ach­tet, dem fiel eine Kas­ta­nie auf den Kopf. — stop

 

 

 

 

 

 

 

 

New York 1971
Vater forografierte
die­se Stra­ße. Er
muss dort
gewesen
sein.

 

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ameisengespräch

9

tan­go : 15.18 UTC — Eine deutsch spre­chen­de, hoch­be­tag­te rus­si­sche Dame erzähl­te am Tele­fon, sie habe gehört, Amei­sen, Mil­lio­nen ver­gif­te­ter Amei­sen wür­den die ukrai­ni­sche Gren­ze in Rich­tung der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on über­quert haben im ver­gan­ge­nen Jahr bereits. Sie sei­en erschaf­fen wor­den, um ganz Russ­land zu zer­stö­ren, Men­schen, Tie­re, Pflan­zen. Die­se Amei­sen sei­en unge­wöhn­lich groß und von blau­er Far­be. Ich frag­te zunächst, ob sie denn eine der Amei­sen, von deren Exis­tenz sie hör­te, mit eige­nen Augen gese­hen habe. Nein, mein Gott, dann könn­te ich Dir von die­ser Gefahr doch nicht erzäh­len! Ob denn Foto­gra­fien oder Film­auf­nah­men das Vor­kom­men jener gefähr­li­chen Wesen doku­men­tie­ren wür­den, woll­te ich wis­sen? Ja, aber natür­lich, die­se Foto­gra­fien müs­sen exis­tie­ren, aber ja, natür­lich! — Ihr hel­les Stimm­chen. stop



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