charlie : 3.08 — Während eines Gespräches im Gehen erzählte ich Mutter, dass ich vor Jahren einmal fürchtete, ihr Leben könnte vor dem Leben meines Vaters enden. In Bruchteilen einer Sekunde antwortete sie, dass Vater ihr in diesem Falle unmittelbar nachgestorben wäre. Ich war sofort stehen geblieben, das Wort nachsterben irritierte. Ich meinte dieses Wort noch nie zuvor gehört zu haben, und überlegte, ob Mutter das Wort vielleicht erfunden haben könnte, ein Wort also für eine Situation, die sie sich selbst vorgestellt haben mochte. Einige Stunden später suchte ich nach dem Wort in der digitalen Sphäre. Tatsächlich existiert dieses Wort bereits seit langer Zeit. Ich war nun ein altes Kind gewesen, das Wörter lernt, in dem es Geräusche von den Lippen seiner Mutter liest. Habe auf der Suche nach den Spuren jenes Wortes eine feine Beobachtung Jean Pauls entdeckt: Außerhalb des Traums kommen uns Empfindbilder öfter von Tönen als von Reden und Schällen vor; nach einer Musiknacht kann die bewegte Seele sich willkürlich die Melodien, aber nicht die Gespräche wiederklingen lassen; denn wie sehr der Musikton, die Poesie des Klanges, so tief mehr in uns als um uns zu spielen und unter allen Empfindungen von uns mehr geschaffen als empfangen zu werden scheint, beweiset die schon angeführte Erfahrung, daß wir an einem Singen und Flöten, das in immer weitere Ferne verfließt, gerade mit dem gespanntesten Ohre die letzten aussterbenden Töne von Außen nicht von den nachsterbenden von Innen sondern können. — stop. Drei Uhr. stop. Heute Nacht pfeift ein Vogel im Dunkeln, obwohl es noch lange Zeit nicht hell werden wird. Das ist seltsam. Er scheint mich im Auge zu behalten. Ich stehe am Fenster und bewege einen Arm und eine Hand, als würde ich winken. Diese Geste lässt den Vogel verstummen, warum? — stop
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Aus der Wörtersammlung: gespräch
capote
nordpol : 1.22 — Gegen sechs Uhr rief ich bei Lions Writers Support Services an. Guten Abend, sagte ich, ich benötige dringend einen Capote zum Spazieren am kommenden Samstag. Haben Sie vielleicht einen für mich frei, den Sie mir leihen könnten von 3 Uhr am Nachmittag bis in die Nacht irgendwann? Das Fräulein am anderen Ende der Leitung antwortete: Einen Capote? Bitte warten Sie einen Moment. Also wartete ich. Ich wartete ungefähr fünf Minuten, hörte, wie sie mit irgendwelchen Leuten diskutierte. Ich glaube, sie bedeckte, während sie sprach, mit einer Hand die Mikrofonmuschel ihres Telefonhörers zu. Nach einigen Minuten kehrte sie zurück: Ja, sagte sie, wir haben einen Capote frei am kommenden Samstag. Wo wollen sie ihn treffen? Ich antwortete, dass ich unbedingt am Strand von Coney Island spazieren müsse, Treibgut sammeln, Sturmzeichen notieren, das Meer betrachten, mit Truman über das Wasser sprechen, über digitale Schreibmaschinen, Funkbücher und alle diese Dinge. Treffpunkt also Brighton Beach Avenue Ecke 3th Street! Wird gemacht, bestätigte das Fräulein, Sie wissen schon, Capotes sind nicht ganz billig? Oh, ja, sagte ich, das will ich gerne glauben. Wie viel, fragte ich, was habe ich zu erwarten? — 150 Dollar die Stunde, antwortete das Fräulein. Sie machte eine kurze Pause, um bald hinzuzusetzen, dass sie etwas weniger berechnen würde, weil jener Capote, der für mich reserviert war, bereits für eine Freitagsparty gebucht worden sei. Er wird nicht ganz frisch am Samstag vor Ihnen erscheinen, sagen wir 120 Dollar, wäre das in Ordnung? — Aber natürlich wäre das in Ordnung, ich jubilierte, ein verkaterter Capote, eventuell leicht betrunken, wundervoll! Ich quittierte 1200 Dollar für zehn Stunden und notierte: Spaziergespräch mit Truman Capote. Samstag, 18. Mai, 15 Uhr. Das war also gestern gewesen. Vor wenigen Minuten wurde mir per Kurier eine Gebrauchsanweisung für Herrn Truman Capote übermittelt. Ein Handbuch. 15 Seiten. — stop
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+1 (212) 439–5XXX
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echo : 5.26 — Kurz nach Mitternacht europäischer Zeit führte ich ein Gespräch mit Herrn Hiko Aoi, dessen Telefonnummer ich nicht bekannt geben darf, weil er andernfalls jede weitere Unterredung mit mir für immer vermeiden würde. Es dauerte nicht lange, bis im Haus 818, Lexington Avenue, mein Anruf entgegengenommen wurde. Eine verzerrt klingende Stimme meldete sich, es war die Stimme einer Frau, die sich erkundigte, wer ich sei und was ich von Herrn Aoi wissen wolle. Ich gab meinen Namen zu Protokoll, weiterhin, dass ich dringend eine Frage an Herrn Aoi richten müsse, deren Beantwortung für mich dringend sei, und zwar noch in dieser Nacht. Ich ahnte, dass ich zunächst lange warten würde, es handelt sich bei Herrn Aoi um einen hochbetagten Mann, der sich sehr vorsichtig durch seine Wohnung bewegt. Wie er sich dem Telefonapparat näherte, hörte ich seinen Atem, ein feuchtes, rasselndes Geräusch, um mich dann freundlich zu begrüßen. Ich stellte mir vor, dass er vielleicht lächelte. Was gibt’s, Louis? fragte er. Ich erkundigte mich zunächst nach dem Wetter: Wie ist das Wetter bei Euch drüben? Nun, lassen wir das, ich erklärte, dass ich eine Frage haben würde, eine quälende Frage, dass ich nämlich dringend in Erfahrung bringen müsse, ob er, Mr. Hiko Aoi, sich für Fliegentiere interessiere, für die Art und Weise wie sie sich durch die Luft bewegen, wie sie landen, und wie sie schlafen. Ist es denkbar, dass Sie sich vielleicht für fliegende Tiere erwärmen könnten? Herr Aoi lachte. Ich hörte ihn tatsächlich lachen, ein gleichfalls feuchtes, heulendes Geräusch. Der alte Mann bat mich um die Möglichkeit eines Rückrufes. Ich wartete drei Stunden, machte nichts in dieser Zeit als einmal einen Kopfstand. Gegen vier Uhr mitteleuropäischer Zeit klingelte das Telefon. — stop

eine libelle
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himalaya : 6.51 — Im Columbus Park sitzen Männer im Kreis um einen Stein und spielen mit Karten, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Vom East River her, der nah ist, das Gespräch der Schiffe. In den blattlosen Bäumen kauern kalte Vögel, äußerst langsam öffnen und schließen sie ihre Augen, Häutchen, hell wie von Milch. Ich bin auf dem Weg, Mr. Fefei in seiner Werkstatt Pell Street 8 zu besuchen. Trage die Uhr meines Vaters in der rechten Hosentasche, halte sie fest, halte sie fest. In der Werkstatt ist es dunkel. Eine alte Frau, tief gebückt, führt mich durch den schmalen Raum. Vorsichtig, sehr vorsichtig, als würde sie nie wieder vom Boden kommen, wenn sie einmal stürzen sollte, geht sie durch die stickige Luft dahin. Ein Lungenhummer kreuzt scheppernd unseren Weg. Mr. Fefei sitzt hinter einer Werkbank im Rollstuhl, einem uralten Ding mit Rädern, die so groß sind wie der alte Mann selbst. Ich werde eine Viertelstunde in seiner Nähe verbringen, ich werde ihm erzählen von der Uhr meines Vaters, dass sie nicht stehen geblieben ist, seit er starb, dass ich mir wünschte, sie würde niemals stehen bleiben, die Zeit meines Vaters. Wie, Mr. Fefei, werde ich fragen, könnte es möglich sein, die Batterien der Uhr zu wechseln, ohne sie anhalten zu müssen? Ich werde sehen, wie die zierliche Hand des alten Mannes über den Tisch wandert, um nach der Uhr zu greifen, wie er die Uhr wiegen und wie er sie betrachten wird, von allen Seiten her, wie er ein Hörrohr an das Gehäuse legen, wie er nicken, wie er lachen wird. Seine Frau wird mir einen Tee servieren, einen grünen Tee, einen sehr grünen dampfenden Tee, den ich sicher nicht vertragen und doch trinken werde, während sich Mr. Fefei wieder mit seiner Libelle beschäftigt. Vorsichtig nähert er sich dem Gesicht des wilden Tieres, das zu einem zitternden Röhrchen gefesselt vor ihm liegt, mit einer Pinzette. Alles das wird gleich geschehen, in wenigen Minuten ist wieder Abend geworden. Alte Männer sitzen im Kreis um einen Stein und spielen Karten, die ich noch nie gesehen habe. Vom East River her, der nah ist, höre ich das Gespräch der Schiffe. In den blattlosen Bäumen kauern kalte Vögel, äußerst langsam öffnen und schließen sie ihre Augen, Häutchen, hell wie von Milch. — stop

elisabeth
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himalaya : 6.10 — Im Winter des vergangenen Jahres, an einem windig kalten Tag, besuchte ich in Brooklyn einen alten Herrn, Mr. Tomaszweska und seine Frau Elisabeth. Sie wohnen nahe der Clark Street in einem sechsstöckigen Haus mit Blick auf die Upper Bay von New York. Ich hatte den alten Mann während einer Fahrt auf einem Fährschiff zufällig kennengelernt. Er beobachtete, wie ich Fahrgäste fotografierte, die ihre Namen heimlich in die hölzernen Sitzbänke des Schiffes ritzten. Er sprach mich freundlich an, wollte mir einen Schriftzug zeigen, den er selbst drei Jahrzehnte zuvor an Ort und Stelle in der gleichen Weise wie die beobachteten Passagiere eingetragen hatte. Stolz war der alte Mann gewesen. Wir führten ein kurzes Gespräch über die New Yorker Hafenbehörde, Eisenbahnen und Flugzeuge, weiß der Himmel, wie darauf gekommen waren. Als wir das Schiff verließen, lud Mr. Tomaszweska mich ein, einmal zu ihm zu kommen, darum stieg ich nur wenige Tage später in den sechsten Stock des schmalen Hauses auf den Höhen Brooklyns. Die Tür zur Wohnung stand offen, warme Luft kam mir entgegen, die nach süßem Teig duftete, nach Zimt und Früchten. Die Räume hinter der Tür waren verdunkelt. Ich hatte sogleich den Eindruck, dass ich vielleicht träumte oder verrückt geworden sein könnte, weil in diesem Halbdunkel an den Wänden, auch auf dem Boden, Lampen, Diodenlichter, glühten. Modelleisenbahnzüge fuhren auf schmalen Geleisen herum. Ich höre noch jetzt das leise Pfeifen einer Dampflokomotive, das meinen Besuch begleitete. Es war eine rasende Zeit, Stunden des Staunens, da in der Wohnung des alten Herrn eine sehr besondere Modellanlage gastierte, ja, ich sollte sagen, dass die Wohnung selbst zur Anlage gehörte, wie der Himmel zur wirklichen Welt. Alle Züge fuhren automatisch von einem Computer gesteuert, die Luft über den Geleisen roch scharf nach Zinn. Wir sprachen indessen nicht viel, Mr. Tomaszweska und ich, sondern schauten dem Leben auf dem Boden in aller Stille zu. An einem Fenster, dessen Vorhänge zugezogen waren, saß Mr. Tomaszweska’s Frau Elisabeth. Sie beachtete mich nicht, starrte vielmehr lächelnd auf eine kleine Klappe, die in die Wand des Hauses eingelassen war. Manchmal öffnete sich die Klappe und ich konnte für Momente das Meer erkennen, das an diesem Tag von grüngrauer Farbe gewesen war, wunderbare Augenblicke, denn immer dann, wenn das Meer in dem kleinen Fenster erschien, lachte die alte Frau mit glockenheller Stimme auf, um kurz darauf wieder zu erstarren. Einmal setzte sich Mr. Tomaszweska neben seine Frau und fütterte sie mit warmem Orangenkuchen, den er selbst gebacken hatte. Und wie wir uns wieder auf den Boden setzten, um ein Modell des Orientexpress durch die Zimmer der Wohnung kreisen zu sehen, erzählt der alte Mann, dass sie gemeinsam hier oben sehr glücklich seien. Er könne mit seiner Frau zwar nicht mehr sprechen, er könne sie nur noch streicheln, was sie irgendwie verstehen würde oder sich erinnern an die Sprache seiner Hände. Verstehst Du, sagte er, sie vergisst immer sofort, alles vergisst sie, auch wer ich bin, aber sie vergisst niemals nach den kleinen Engeln zu sehen, die uns besuchen, sie kommen dort durch die Klappe, siehst Du, schau genau hin, es ist schon ein Wunder, sagte der alte Mann, wie schön sie lacht, mein junges Mädchen, nicht wahr, mein junges Mädchen. — stop

von nachthüten
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echo : 6.48 — Es war das erste Mal, dass ich ein Hutgeschäft betreten habe. Es roch sehr gut, es roch nach feinen Stoffen und nach Leder, es roch eigentlich eher nach einem Schuhgeschäft als nach einem Geschäft für Hüte. Der Mann hinter dem Tresen trug natürlich selbst einen Hut auf dem Kopf. Als ich mich näherte, war er gerade in ein Gespräch vertieft mit einem Herrn, der sich Hüte vorführen ließ. Er schien über sehr viel Geld zu verfügen, weil er jeden Hut, der ihm gefiel, unverzüglich kaufte. Ein Turm von Hutschachteln, so hoch wie der Mann selbst, hatte sich neben ihm gebildet. Der Turm wurde von einem Angestellten des Ladens festgehalten, damit er nicht stürzte. Ein weiterer junger Mann kletterte auf einer Leiter hinter dem Tresen vor einem Regal herum, das aus einem früheren Jahrhundert zu kommen schien, das heißt, das Regal war übrig geblieben, während andere Gegenstände derselben Zeit längst verschwunden waren. Einige Minuten nahm keiner der Menschen, die sich in dem Laden befanden, Notiz von mir, und so konnte ich diese kleine Geschichte beobachten, auch den Ausführungen lauschen, mit welchen der Mann, der Hüte kaufte, sein Verhalten begründete. Obwohl auf seinem Kopf noch sehr viel Haar zu entdecken war, schien der Mann sich bereits jetzt Gedanken darüber zu machen, wie lang er über sein Haar noch verfügen würde. Er schien damit zu rechnen, dass er bald kein einziges oder nur räudiges Haar auf dem Kopf tragen würde, darunter bloße Haut, nichts also als seinen Kopf, was für ihn inakzeptabel sein konnte. Er wollte nun vorsorglich Hüte wie Frisuren besitzen, wollte nichts anderes, als mächtig sein über seine Zukunft, vorbereitet, sagen wir. Selbst noch nachts, stellte er sich vor, sollte ein Hut seinen Kopf bedecken, weswegen er nach Nachthüten fragte, aber so etwas gibt es nicht, oder bisher nicht, Mützen ja, aber nicht Hüte, nicht Nachthüte, was seltsam ist, nicht wahr, dass es alles Mögliche gibt auf dieser Welt, aber keine Hüte, die reine Nachthüte sind. Seit ich das Hutgeschäft vor Stunden verlassen habe, denke ich darüber nach, was einen Nachthut genau genommen ausmachen würde, was ihn von anderen Hüten unterscheiden würde. Es müsste vermutlich sehr weich sein, das könnte sein. Sehr viel weiter bin ich in meinen Überlegungen bislang nicht gekommen. Es ist jetzt kurz nach drei Uhr. Schneewolken nähern sich von Nordosten her. – stop

chile
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echo : 6.05 — Der Spatz, der gestern Nachmittag auf dem Brett vor dem Fenster saß, war ein kühler Vogel gewesen. Von der Kälte der Luft so langsam geworden, konnte ich ihn ohne Gegenwehr in meine Hände nehmen. Draußen ist es jetzt schon lange dunkel geworden. Der kleine Vogel kauert in der Nähe der Heizung in einem Körbchen auf einem Tuch und scheint zu schlafen. Ich frage mich, wie er den November, den Dezember, den Januar überleben konnte. Es ist überhaupt seit längerer Zeit der erste Spatz, der mir begegnet. Wenn ich darüber nachdenke, weiß ich nicht einmal mehr, über welche Stimme Spatzen oder Sperlinge gebieten. Ich höre hier in der Stadt im Sommer noch das sirrende Gespräch der Schwalben und im Winter das Gurren der Tauben vom Dach her und morgens einsame Amseln singen. Die Stimmen der Sperlinge aber sind verloren gegangen. Gerade noch habe ich in den Briefmarkensammlungen meines Vaters geblättert, die zu einer Zeit angelegt worden waren, als in Mitteleuropa noch Wolken von Spatzen durch die Gärten wirbelten. Es ist ein eigentümlicher Geruch, der von den Alben ausgeht, lange wurden sie nicht geöffnet. Auch Briefe sind dort archiviert, kostbare Schriftstücke einer Zeit, da mein Vater noch lange nicht existierte. In dieser Minute erinnere ich mich an einen besonderen Brief, den ich vor Jahren einmal auf meinem Schreibtisch gefunden hatte, ich berichtete bereits, es war ein Luftpostbrief. Als ich das Couvert des Briefes genauer betrachtete, das heißt, als ich den Brief so nahe an meine Augen heranführte, dass ich die Stempeleinträge seiner Anschriftenseite entziffern konnte, bemerkte ich, dass der Luftpostbrief bereits vor langer Zeit in Europa aufgegeben und über den Atlantik geflogen worden war. In Santiago de Chile dann angekommen, konnte der Brief nicht zugestellt werden, vermutlich weil die Zeichen, die den Brief beschrifteten, kaum zu entziffern gewesen waren. Nach einigen Wochen Wartezeit, reiste der Brief, nun markiert mit einem Schildchen in blauer, spanischer Farbe: Imposible de entregar! *, über den Atlantik zurück, um sich nur wenige Tage später erneut auf den Weg über das Meer nach Chile zu begeben. Ein weiterer Schriftzug war hinzugekommen, ein feiner, aber großzügiger Stempelaufdruck: -Diese Sendung wurde von einem Blinden geschrieben!- Zwei frische Wertmarken, nichts sonst verändert. Und so machte sich der Brief bald darauf ein viertes Mal auf den Weg über das Meer wieder nach Europa zurück und landete, weiß der Himmel, warum, in meiner Nähe, in der Nähe meiner Schreibmaschine.- stop
* Nicht zustellbar

sarajevo
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ginkgo : 6.38 — Ich habe diese Geschichte gestern Abend selbst erlebt. Wenn sie mir jemand anderes als ich selbst erzählt haben würde, hätte ich sie vielleicht nicht geglaubt, weil sie schon ein wenig verrückt ist. Die Geschichte beginnt damit, dass ich in einem Café sitze und auf einen jungen Mann warte, der mir etwas erzählen will. Ich bin frühzeitig gekommen, bestelle einen Cappuccino und schalte mein kleines Handkino an, beobachte eine Dokumentation der Arbeit Maceo Parkers in New York, mitreißende Musik, soeben umarmt die Sängerin Kym Mazelle den Posaunisten Fred Wesley, als der junge Mann, den ich erwartete, plötzlich neben mir sitzt. Er schaut wie ich auf den kleinen Bildschirm. Sofort kommen wir ins Gespräch. Ich frage ihn, welche Musik er gehört habe, als Kind in der belagerten Stadt Sarajevo. Jedenfalls nicht solche Musik, antwortet er, und lacht, no Funk, wir hatten keinen Strom. Avi ist heute Anfang dreißig, dass er noch lebt ist ein Wunder. Tatsächlich steht ihm jetzt Schweiß auf der Stirn, wie immer, wenn er von der Stadt Sarajevo erzählt. Einmal fragte ich ihn, was er empfunden habe, als er von Karadzics Verhaftung hörte. Anstatt zu antworten, perlte in Sekundenschnelle Schweiß von Avis Stirn. Heute schwitzt er schon, ehe er überhaupt zu erzählen beginnt, weil er weiß, dass er gleich wieder berichten wird von den Straßen seiner Heimatstadt, die nicht mehr passierbar waren, weil Scharfschützen sie ins Visier genommen hatten. Man schleuderte Papiere, Zigaretten, Brote, Wasserflaschen in Körben von einer Seite der Straße zu anderen. Diese Körbe wurden nicht beschossen, aber sobald ein Mensch auch nur eine Hand aus der Deckung hielt, ja, aber dann. Avi war ein kleiner Junge. Er war so klein, dass er nicht verstehen konnte, was mit ihm und um ihn herum geschah, auch dass ein Holzsplitter sein linkes Auge so schwer verletzte, dass er jetzt ein Glasauge tragen muss, das so gut gestaltet ist, dass man schon genau hinsehen muss, um sein künstliches Wesen zu erkennen. Er sagt, er könnte, wenn ich möchte, das Auge für mich herausnehmen. Aber das will ich nicht. Ich erzähle ihm, dass ich damals, als er klein gewesen war, jeden Abend Bilder aus Sarajevo im Fernsehen beobachtet habe. Was das für Bilder gewesen seien, will Avi wissen. Ich sage: Das waren Bilder, die rennende Menschen zeigten. Avi schwitzt. Und er lacht: Das Fernsehen kann nicht gezeigt haben, was geschah, weil es immer schnell und überall passierte. Und diese Geräusche. Plötzlich nimmt der junge Mann mein kleines Kino in die Hand zurück, setzt sich die Kopfhörer in seine Ohren ein, hört Maceo Parker, Kim Macelle, Fred Wesley, Pee Wee Ellis, nickt im Rhythmus der Musik mit dem Kopf. Ein Wispern. — stop

jamaica
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echo : 20.26 — Ich will von einem Mann erzählen, der mir in einem Subwaywagon auf der Fahrt von der Lexington Avenue nach Jamaica begegnet war. Er trug, obwohl es im Abteil sehr warm gewesen war, Handschuhe an beiden Händen. Das waren recht merkwürdige Handschuhe, denn die Daumen des Mannes wurden von Schnüren, die an den Fäustlingen befestigt waren, ins Innere der Hand gezogen. Finger umschlossen sie fest, auch sie waren mittels Schnurwerkes gefesselt. Man könnte sagen, dass die Handschuhe, die der Mann trug, seine Hände bändigten, indem sie Fäuste formten. So, gefesselt, saß der Mann während der langen Fahrt vor mir und nickte. Er betrachtete seine Hände, wie mir schien, mit zärtlicher Aufmerksamkeit, in der Art und Weise der Liebenden vielleicht, wenn ein Blick nachts heimlich einen schlafenden Mund umschmeichelt. Ich versuchte zu arbeiten, konnte mich aber nicht konzentrieren. Nach einiger Zeit fragte ich den Mann, ob er denn etwas in Händen hielte, etwas, das vielleicht flüchten könnte, wenn er seine Hände öffnete. Das schien nicht der Fall zu sein, weil der Mann seinen Kopf schüttelte und lachte, ohne indessen mit mir ein Gespräch aufnehmen zu wollen. Ich wartete also einige Zeit, sah aus dem Fenster, späte Flugzeuge, eine Kette von Lichtern, näherte sich dem Flughafen. Und da war mein müdes Gesicht im Spiegel der Scheibe. Und dann wieder der Mann und seine Hände, die auf seinen Schenkeln lagen. Sie drücken die Daumen, sagte ich, ist das möglich? Der Mann lachte jetzt. Er schien zu überlegen, dann antwortete er mit leiser Stimme, die in dem scheppernden Lärm des Subwaywagons kaum noch zu hören war, dass ein Problem sei, dass er nicht wisse, wie er seine Fäustlinge für das Wünschen bei Nacht, ohne die Hilfe eines weiteren Menschen anlegen könnte. Der linke der Handschuhe war im Übrigen von gelber, der rechte von blauer Farbe. — stop

australien
olimambo : 3.26 — Im anatomischen Institut, unter dem Präpariersaal, befinden sich Arbeitsräume für Präparatoren, das sind kleinere Zimmer, in welchen metallene Tische stehen, helles Licht, sehr helles Licht, Lupenleuchten, Pinzetten, Skalpelle, Gefäße aller Art. Ich besuchte dort mehrere Male einen älteren Herrn, durfte ihm gegenüber Platz nehmen, beobachtete ihn bei der Arbeit an einem Herz, das vor uns auf dem Tisch ruhte. Ich erinnere mich noch gut an seine hellen, feingliedrigen Hände, wie sie rasend schnell Gewebe vom Herzkörper zupften. Der alte Mann war sehr erfahren in der Präparation, und er war schweigsam, also sprachen wir wenig. Gestern Abend habe ich an ihn gedacht, weil ich nach einem Telefongespräch eine Frage entdeckte, die ich nun gerne sofort an ihn richten würde, wenn ich nur wüsste, ob er noch existiert. Ich würde nämlich gerne erfahren, wie es möglich sein kann, das Skelett eines Menschen, der gerade erst gestorben ist, seinem Körper zu entnehmen und auf dem Luftpostweg von Australien nach Europa zu senden. Genau das ist nämlich vor nicht einmal einem halben Jahrhundert geschehen. Eine Freundin, die in Griechenland aufgewachsen war, eine Griechin also, erzählte mir gestern, sie habe in ihrer Schulzeit ein menschliches Skelett vor Augen gehabt, von dem sie wusste, dass es echt gewesen war, dass es zu einem Bürger der Stadt, in der sie lebte, gehörte. Dieser Mann war nach Australien ausgewandert, um vor der Armut und Hoffnungslosigkeit, in der er lebte, zu flüchten. Kaum in Australien angekommen, starb der Mann. Und weil er nichts weiter zu verschenken hatte, vermachte er sein Skelett der Schule seiner Stadt. Der Mann hieß mit Vornamen Teofanis, weshalb auch das Skelett diesen Namen trug. Teofanis kehrte also an den Ort zurück, an dem er geboren worden war, genauer sogar in das Klassenzimmer, in dem er seine Matura abgelegt hatte, um dort dauerhaft zu verweilen in einer feinen Geschichte, deren eigentliches Ende in der Zeit bisher nicht abzusehen ist. — stop



