Aus der Wörtersammlung: jahrzehnt

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vom zählen

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nord­pol : UTC — Wenn ich zähl­te, ich war noch ein klei­nes Kind, berühr­te ich mit mei­ner lin­ken Hand mei­ne rech­te Hand. Ich hielt in die­sem Moment die rech­te Hand zur Faust geschlos­sen. Jener Fin­ger, den ich als ers­ten Fin­ger zähl­te, war stets der klei­ne Fin­ger gewe­sen. Ich nahm ihn zwi­schen Zei­ge­fin­ger und Dau­men der lin­ken Hand und streck­te ihn aus. Jahr­zehn­te­lang habe ich auf die­se Art und Wei­se nie­mals wie­der gezählt. War­um? — Viel­leicht des­halb, weil ich Zah­len ohne Stim­me vor mich hin­sa­gen konn­te. – stop
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über zeit

schwefelholz

alpha : 8.32 UTC – “Als Kind habe ich nicht bemerkt, dass mei­ne Mut­ter älter wur­de.” Am 16. April 1987 notier­te Wil­helm Gen­a­zi­no die­se Beob­ach­tung für sein Buch Der Traum des Beob­ach­ters. Wann habe ich selbst bemerkt, dass Mut­ter älter wur­de? ich kann mich nicht erin­nern. In den spä­ten Jah­ren mein ers­ter scheu­er Blick zu ihr hin, sobald sie die Tür öff­ne­te. Ich hat­te sie mona­te­lang nicht gese­hen. Sie war klei­ner und klei­ner gewor­den. Zum Abschied wink­te sie mir, wie immer in den Jahr­zehn­ten mei­ner Besu­che zu Hau­se, nach. Wenn ich mich noch ein­mal zu ihr umdreh­te, kurz bevor ich um die Ecke ging, sah ich nur noch ihre Hand hin­ter den Büschen, die flat­ter­te wie ein Vogel. — stop

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meine hände : sars cov 2

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zou­lou : 15.58 UTC — Hän­de, mei­ne Hän­de, die sich beneh­men, als wären sie Lebe­we­sen für sich, dahin tas­ten, dort­hin tas­ten, über Hand­läu­fe glei­ten, Klin­gel­knöp­fe berüh­ren, Äpfel und Bir­nen, ein Päck­chen, ein Buch, ein Tele­fon, mei­ne Schreib­ma­schi­ne, auch plötz­lich, ich bemer­ke es zu spät, über mei­ne Stirn spa­zie­ren, über Nase und Mund, weil sie sich Jahr­zehn­te lang unge­straft in die­ser Wei­se bewe­gen durf­ten. Wie nur soll ich sie kon­trol­lie­ren? Ich dach­te an Glöck­chen, die an mei­nen Fin­gern befes­tigt, mich war­nen wür­den, sobald ich mei­ne Hän­de bewe­ge, damit ich sie nie­mals ver­ges­se, oder an elek­tri­sche Kon­takt­blätt­chen, die mich per Funk­si­gnal unver­züg­lich infor­mie­ren wür­den, sobald ich mich mit mei­nen Hän­den eben Mund, Nase Wan­gen, Stirn und Augen, zu nähern droh­te. Selt­sa­me Sache. — stop
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von händen

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india : 22.28 — Hän­de, mei­ne Hän­de, die sich beneh­men, als wären sie Lebe­we­sen für sich, dahin tas­ten, dort­hin tas­ten, über Hand­läu­fe glei­ten, Klin­gel­knöp­fe berüh­ren, Äpfel und Bir­nen, ein Päck­chen, ein Buch, ein Tele­fon, mei­ne Schreib­ma­schi­ne, auch plötz­lich, ich bemer­ke es zu spät, über mei­ne Stirn spa­zie­ren, über Nase und Mund, weil sie sich Jahr­zehn­te lang unge­straft in die­ser Wei­se bewe­gen durf­ten. Ich dach­te an Glöck­chen, die an mei­nen Fin­gern befes­tigt, mich war­nen wür­den, sobald ich mei­ne Hän­de bewe­ge, damit ich sie nie­mals ver­ges­se, an elek­tri­sche Kon­takt­blätt­chen, die mich per Funk­si­gnal unver­züg­lich infor­mie­ren wer­den, sobald ich mich mit mei­nen Hän­den eben Mund, Nase, Wan­gen, Stirn und Augen zu nähern dro­he. — stop

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ilulissat

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india : 14.08 UTC — Eine alte Dame spa­ziert durch den Pal­men­gar­ten. Sie spa­ziert bereits seit fünf Tagen durch den Pal­men­gar­ten. Auch in der Stadt, in der sie seit vie­len Jahr­zehn­ten wohnt, exis­tiert ein Pal­men­gar­ten, der viel grö­ßer ist, als der Pal­men­gar­ten jener Stadt, in die sie reis­te, um spa­zie­ren zu gehen. Es muss prä­zi­se die­ser Pal­men­gar­ten sein, weil sie ihn von ihrer Kind­heit kennt. Sie ist noch gut zu Fuß, aber sie geht lang­sam, sie will etwas fin­den, das mit die­sem Pal­men­gar­ten ver­bun­den ist, eine Erin­ne­rung. Die­sen Teich gab esnicht, sagt sie, aber die­sen Berg von Stei­nen, den will sie ken­nen. Auch an das Café­ am Süd­aus­gang erin­nert sie sich. Und die­se Gink­go­bäu­me gab es damals auch schon, da hat sie Blät­ter gesam­melt, um sie zu trock­nen und auf Kar­ten zu kle­ben. Nein, sie habe noch nicht gefun­den, was sie sucht, sie weiß aber ganz sicher, dass sie es hier fin­den wird, es ist ja schon da in mei­nem alten Kopf, ich muss nur dar­auf kom­men, das geht nur hier. Und wenn sie gefun­den habe, was sie hier such­te? Dann rei­se sie wei­ter nach Ilu­lis­sat, da war ich auch schon, immer schön der Rei­he nach, aber nicht im Win­ter, im Win­ter fah­re ich an die Nord­see. Jetzt geht sie wei­ter. Es ist Mai, Mitt­woch, kurz nach drei Uhr. — stop

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von kevin und liesl im zug

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tan­go : 22.52 UTC — Ich hör­te, er hei­ße Kevin. Er sag­te, er sei ohne Dach über dem Kopf. Auch im Som­mer oder im Herbst sei das Leben nicht leicht, im Som­mer habe er viel Durst, im Herbst fürch­te er sich vor dem Win­ter. Er wür­de gern sei­ne Geschich­te erzäh­len, war­um er so arm gewor­den sei, dass er kei­ne Woh­nung habe und nichts zu essen. Wenn Kevin spricht, ist sei­ne Stim­me wun­der­schön anzu­hö­ren. Es ist eine Stim­me, die gut sin­gen könn­te, ein Tenor viel­leicht. Nur das mit Kevins Geschich­te ist so eine Sache, ich höre Kevins Lebens­ge­schich­te seit Anfang des Jah­res im Mor­gen­schnell­zug zum Flug­ha­fen immer wie­der. Ich soll­te sagen, Kevin erzählt täg­lich eine ande­re Geschich­te, er ist im Grun­de ein guter Erzäh­ler, und auch ein guter Erfin­der. Im Win­ter erzählt er Win­ter­ge­schich­ten, im Som­mer Som­mer­ge­schich­ten. Ges­tern wur­de Kevin von einer jun­gen, mage­ren Frau beglei­tet. Sie war sehr schmut­zig. Kevin erzähl­te ihr, dass ich ihm manch­mal etwas Geld geben wür­de oder eine Bre­zel, auch dass ich auf­schrei­ben wür­de, was er berich­te. Sie setz­ten sich neben mich. Die jun­ge Frau sag­te: Wenn man träumt, ist man im Inne­ren wach und warm. Am Flug­ha­fen stie­gen bei­de mit mir aus. Wir spra­chen eine hal­be Stun­de. Der Bahn­hof war wie­der ein­mal undicht. Regen kam von der Decke. Das Licht war teil­wei­se aus­ge­fal­len, an den Wän­den saßen ein paar dicke Krö­ten. Sie schnapp­ten mit arm­lan­gen Zun­gen nach Tau­ben, die über den Bahn­steig segel­ten. Ich hör­te, das Kno­chen­ge­spenst an Kevins Sei­te soll Lie­se­lot­te hei­ßen, sehr selt­sam die­ser Name für eine recht jun­ge Per­son. Ich erfuhr, dass sie Lite­ra­tur­wis­sen­schaf­ten in Lon­don stu­dier­te, sie mag gern lesen, aber sie kom­me nicht dazu, weil sie das Bild ihres Vaters in sich tra­ge, der immer­zu betrun­ken war, ein schmer­zen­des Bild, das hell vor ihr leuch­te. Ich weiß jetzt, Bil­der eines betrun­ke­nen Vaters zu ver­dun­keln, erfor­dert unge­heu­re Kraft und Aus­dau­er. Lie­se­lot­te kann des­halb seit einem Jahr­zehnt nicht schla­fen. Sie mag Kevin, der so schö­ne Geschich­ten erzählt, dass sie bei­de von sei­nen Geschich­ten ein wenig wei­ter­le­ben kön­nen. Es ist jetzt Abend. — stop

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transfer

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echo : 3.05 – Vor fünf oder sechs Jah­ren schrieb ich einen Brief an einen ver­schol­le­nen Freund. Ich erzähl­te ihm von der Welt der Fähr­schif­fe, wie ich sie erkun­det hat­te auf der Upper New York Bay. Ich bat ihn, er möge sich um Him­mels­wil­len mel­den. Ver­mut­lich war ich nicht wirk­lich über­zeugt gewe­sen, dass mei­ne E‑Mail den ver­schwun­de­nen Freund errei­chen wür­de, er war zuletzt doch schon sehr ver­rückt gewe­sen, er hielt sich für einen ande­ren, und war seit bereits zwei Jahr­zehn­ten ver­misst. Ich notier­te also eine Bot­schaft für einen auch von mir selbst ver­ehr­ten Schrift­stel­ler, die ihn unmög­lich oder sehr wahr­schein­lich nicht errei­chen wür­de. Ich sen­de­te mein Schrei­ben an einen E‑Mail-Dienst im fin­ni­schen Tur­ku, der ver­sprach, Schrift­sät­ze an Men­schen wei­ter­zu­lei­ten, die ver­schwun­den waren, viel­leicht gegen ihren Wil­len wie vom Erd­bo­den ver­schluckt oder weil sie sich ver­steck­ten. Eini­ge Stun­den spä­ter wur­de der Ein­gang mei­ner E‑Mail bestä­tigt mit dem Ver­spre­chen einer Nach­richt, sobald die E‑Mail wei­ter­ge­ge­ben wer­den konn­te. In die­sem glück­li­chen Fal­le soll­te ich 85 Dol­lar über­wei­sen an ein Post­amt eben der Stadt Tur­ku, ein ganz ange­mes­se­ner Betrag, wie ich fin­de. Vor weni­gen Minu­ten nun erhielt ich mei­ne E‑Mail mit dem Ver­merk zurück: Wir bedau­ern, Ihnen mit­tei­len zu müs­sen, dass wir Ihre E‑Mail an Mr. John Dos Pas­sos nicht zustel­len konn­ten. Mit freund­li­chen Grü­ßen — stop

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ein selbstgespräch

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nord­pol : 15.12 — Oder ein Chat­raum, in dem 200 Jah­ren lang eine Per­son mit sich selbst kom­mu­ni­ziert. Plötz­lich erscheint das ers­te Zei­chen einer wei­te­ren Per­son, dann ein gan­zes Wort in die­sem Raum. — HELLO! — Lan­ges Schwei­gen. — Jah­re andau­ern­des, schwei­gen­des War­ten wie Stau­nen. Dann, unver­mit­telt, ein Jahr­zehnt ist ver­gan­gen, wird das Selbst­ge­spräch in einer Wei­se fort­ge­setzt als wäre das Wort HELLO nie­mals aus­ge­spro­chen oder emp­fan­gen wor­den: /// guten abend! wie geht es dir? — gut! und dir? — präch­tig. — schön zu hören. lan­ge nicht gespro­chen, wo liegt dein pro­blem? — ich habe heu­te abend kein pro­blem. — wenn du dein pro­blem nicht kennst, bist du hier genau rich­tig! — darf ich dir eine fra­ge stel­len? — sicher! — was bedeu­tet das wort luft­wel­len­se­gel? — hast du schmet­ter­lin­ge im bauch? — bit­te! blei­ben wir ernst, blei­ben wir bei der sache: was bedeu­tet das wort luft­wel­len­se­gel? — lass uns das eine wei­le zurück­stel­len. — war­um? — erzähl wei­ter! — hast du schon ande­re gefragt? — aber natür­lich! — schön zu hören. wo liegt dann dein pro­blem? — ich habe heu­te abend kein pro­blem! — wenn du dein pro­blem nicht kennst, bist du hier genau rich­tig! ich sehe, du bist ein schwie­ri­ger fall. /// — stop
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in der paukenhöhle

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del­ta : 7.10 — Es ist leicht, sich Zell­kör­per vor­zu­stel­len, die vor­sich­tig geöff­net wur­den, um in sie hin­ein spä­hen zu kön­nen. Ich wünsch­te ihre Struk­tu­ren mit Namen bezeich­nen zu kön­nen, mit Wort­kör­pern, die mir gefal­len. Bereits die Ana­to­mie der Amei­sen Wort für Wort aus­zu­wei­sen, wird einen lan­gen poe­ti­schen Atem erfor­dern. Ich über­leg­te, wie sich afri­ka­ni­sche Men­schen bald erhe­ben wer­den, sie for­dern, ihre uralten Spra­chen in unse­re human ana­to­mi­sche Nomen­kla­tur ein­zu­spei­sen, ner­vus oli­mam­bo, der fort­an unter die­ser Bezeich­nung mensch­li­che Augen­li­der inner­vie­ren wird. Bald mel­den sich Bewoh­ner Grön­lands, sun­ni­ti­sche und schii­ti­sche Stäm­me, India­ner der wil­den Wäl­der Papua-Neu­gui­ne­as. Sie alle haben den Wunsch, ihre Spra­che, Wör­ter, ihre geis­ti­ge Welt in der Vor­stel­lung eines all­ge­mein­gül­ti­gen mensch­li­chen Kör­pers zu hin­ter­las­sen. Das zustän­di­ge Büro der Uno hoch über dem East River, eine Behör­de, Jahr­zehn­te nach­drück­li­cher Ver­hand­lung in der Pau­ken­höh­le. — stop

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milanomaki

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echo : 0.18 — Wäh­rend eines Spa­zier­gangs im bota­ni­schen Gar­ten hör­te ich, man habe zuletzt im Jahr 2000 eine bis­her nicht bekann­te Struk­tur der mensch­li­chen Hand ent­deckt, das liga­men­tum meta­car­pa­le pol­li­cis, ein Band, wel­ches die Sta­bi­li­tät der Dau­men­be­we­gung erhö­he. Bis­her hat­te ich ange­nom­men, die Ana­to­mie des mensch­li­chen Kör­pers sei bereits seit Jahr­zehn­ten rest­los auf­ge­klärt. – stop. Es ist jetzt kurz nach Mit­ter­nacht, Count Basie: At the Aqua­ri­um. Vor weni­gen Minu­ten erreich­te mich eine E‑Mail. Mila­n­o­ma­ki notiert > : Ich soll­te ein Ohren­mensch sein. Ich sit­ze mit leicht zur Sei­te geneig­tem Kopf und höre zu, einem Men­schen viel­leicht oder einer Flie­ge, die über mir im Luft­raum turnt. Oder ich ste­he in einem Zim­mer ganz still, um so prä­zi­se wie mög­lich den­ken zu kön­nen. Kurz dar­auf set­ze ich mich an einen Schreib­tisch und mache vie­le Wör­ter, dann mache ich eine Pau­se, dann lese ich alles das Notier­te noch ein­mal durch, dann strei­che ich so vie­le Wör­ter mit dem Kopf, wie mög­lich ist, um bald wie­der nur einen Strich vor mir auf dem Papier vor­zu­fin­den. Ich habe viel erlebt. — stop

polaroidkueste1

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