Aus der Wörtersammlung: sehen

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kürzlich

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sier­ra : 21.15 UTC — In der Cen­tral­sta­ti­on beob­ach­te ich Men­schen, die vor einer Schließ­fach­wand ste­hen. Sie schei­nen an einer der stäh­ler­nen Türen im Beson­de­ren inter­es­siert zu sein. Von dort kommt Musik her­aus: Box N74567. Jazz­mu­sik, sehr laut, Ben­ny Good­man: „Sing Sing Sing”. In die­sem Moment mei­ner Betrach­tung beginnt eine Frau mit einem Mann zu tan­zen. Wir wer­den noch sehen, wohin das füh­ren wird. — stop

 

 

 

 


kleins­te teilchen
von einem LLM
erzeugt

 

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chicago

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ulys­ses : 22.58 UTC — Ein­mal saß ich im Pal­men­gar­ten abends bei leich­tem Regen auf einer Bank. Neben mir, auf der­sel­ben Bank, hock­te ein Mann, der mich nicht sehen, aber hören konn­te. Ich bemerk­te nicht sofort, dass er blind war, weil ich unter einem Regen­schirm saß. Auch der Mann hat­te einen Regen­schirm über sich auf­ge­spannt. Kaum hat­te ich Platz genom­men, notier­te ich zunächst eine Lis­te von Büchern in mein Note­book, die sich mit der Arbeits­welt der Men­schen beschäf­ti­gen. Sie schrei­ben schnell, sag­te der Mann plötz­lich, sie sind wohl geübt. Sie haben viel­leicht etwas im Kopf, das sie los­wer­den wol­len. Als ich mich dem Mann zuwand­te, bemerk­te ich, dass er den Regen­schirm in eine lang­sa­me Dre­hung ver­setzt hat­te. Sein Gesicht konn­te ich nicht erken­nen. Wenn das mei­ne Schreib­ma­schi­ne wäre, könn­te ich Ihnen genau sagen, was sie gera­de geschrie­ben haben. Ich kann hören, was mei­ne Schreib­ma­schi­ne schreibt. Der Mann mach­te eine kur­ze Pau­se. Was haben sie denn auf­ge­schrie­ben, woll­te er dann wis­sen. Ich ant­wor­te: Eini­ge Namen, Namen, die sie viel­leicht schon ein­mal gele­sen haben. Mel­ville. Bukow­ski. Upt­on Sin­clair. Max von der Grün. – Gele­sen nicht, ant­wor­te­te der Mann, aber gehört habe ich zwei der Namen. Upt­on Sin­clairs Dschun­gel­buch exis­tiert in eng­li­scher Spra­che als Hör­buch für Blin­de oder für Men­schen, die nicht lesen wol­len. Ich wür­de ger­ne lesen, aber das geht doch nicht so leicht, wenn man nichts sieht. Der Mann lach­te. Ich höre dem Regen ger­ne zu. Aus mei­ner Sicht der Din­ge ist das so, als wür­de der Regen schrei­ben: Hören Sie, wie es reg­net, wie es schreibt. Ist das nicht wun­der­bar! – Ich frag­te den Mann, ob er denn lesen oder hören kön­ne, was der Regen genau notiert in die­sem Augen­blick. – Aber natür­lich, ant­wor­te­te der Mann, es ist mit jedem Regen etwas ande­res, nicht wahr, der Regen, der auf das Meer fällt, erzählt etwas ande­res, als die­ser Regen hier, der über einem klei­nen See nie­der­geht. Für einen Moment stand der Regen­schirm neben mir ganz still. Ich hör­te ein Flüs­tern: Die­ser Regen hier erzählt von Chi­ca­go. — stop
ping

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hoch über den kastanien

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whis­key : 3.15 UTC — Im Haus gegen­über, in einem Zim­mer jen­seits der Kas­ta­ni­en­bäu­me, die Blü­ten­ker­zen tra­gen, brennt seit zwei Wochen Licht bei Tag und bei Nacht. Ich erken­ne dort die Gestalt eines Man­nes. Der Mann geht auf und ab. Ich habe die­sen Mann noch nie auf der Stra­ße gese­hen oder im Milch­la­den um die Ecke oder am Kiosk an der Ecke Havan­na zur Brue­gel­stra­ße. Es ist selt­sam, ich beob­ach­te den Mann in sei­nem Zim­mer seit Tagen, ohne bemerkt zu haben, dass ich ihn beob­ach­te­te. Mein Blick selbst war spa­zie­ren, mei­ne Augen, bald auch mei­ne Gedan­ken. Wie kann man in einem Zim­mer nur so viel lau­fen, hin und her, hin und her? Ein­mal öff­ne­te ich mei­ne Fens­ter hin zur küh­len Luft und mei­ne Augen gin­gen spa­zie­ren. Ich notier­te eine Erin­ne­rung an frü­he Lebens­zeit. Ein Kind am Strand. Ein Damp­fer am Hori­zont. Die gebräun­ten Bei­ne eines Mäd­chens, das Ita­lie­nisch spricht. Ein Kes­sel vol­ler Muscheln. Ich erin­ner­te mich an das Kräch­zen eines Tran­sis­tor­ra­di­os, an Funk­stim­men, an Krab­ben­pan­zer, an das Gra­ben im Sand nach dem Meer. — stop

 

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vom wandblitz

9

echo : 22.58 — Es ist über zehn lan­ge Jah­re her, da stell­te mich mir vor, wie es wohl wäre, wenn ich durch mei­ne Woh­nung tau­chen könn­te. Ich mach­te mich unver­züg­lich an die Arbeit. Zunächst stieg das Was­ser in den Zim­mern. Es kam nicht von oben, son­dern von unten. Das Was­ser kam wie ein Gast durch die Woh­nungs­tür her­ein, die geschlos­sen war, aber nicht wirk­lich dicht. Es stieg schnell, viel zu schnell, um mei­ne Bücher noch in Sicher­heit brin­gen zu kön­nen. Saß auf einem Stuhl in der Küche, die Füße auf dem Boden, als das Was­ser, bern­stein­far­ben und warm, eine Steck­do­se erreich­te. Ich erwar­te­te, von einem Wand­blitz getrof­fen zu wer­den – ein Irr­tum. Statt­des­sen begann ich zu leuch­ten. Zunächst leuch­te­te ich mit den Hän­den, dann leuch­te­ten mei­ne Arme. In dem Moment, da das Was­ser mei­nen Mund erreich­te, hol­te ich tief Luft und tauch­te los. Eine Bana­ne schweb­te vor­über wie ein Fisch, Papie­re und Zei­tun­gen und zwei hef­tig zap­peln­de Mäu­se, von deren Exis­tenz ich nichts ahn­te. Die Schreib­ma­schi­ne auf dem Tisch funk­tio­nier­te noch, wie alle Lam­pen in der Woh­nung. Und so schwe­be ich nun also gera­de kopf­über und schrei­be. Schö­ne Geräu­sche sind zu hören, es knis­tert, viel­leicht bin ich das selbst. Wie­der spä­ter Abend, Früh­ling statt Som­mer, ich bin noch immer der­sel­be, wenn­gleich geal­tert. Das war abzu­se­hen. — stop

ping

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matrjoschka

2

nord­pol : 17.12 UTC — Auf dem süd­li­chen Fens­ter­brett mei­ner Woh­nung steht seit län­ge­rer Zeit eine Matrosch­ka-Pup­pe. Zuvor war sie in einer Tru­he ver­bor­gen gewe­sen im Hau­se mei­ner Eltern, als mei­ne Eltern noch leb­ten. Die­se Pup­pe steht so selbst­ver­ständ­lich an Ort und Stel­le, dass ich sie seit unbe­stimm­ter Zeit nicht wahr­ge­nom­men hat­te. Viel­leicht hät­te ich ihr Feh­len bemerkt, aber nicht ihre Anwe­sen­heit. Vor weni­gen Tagen ist etwas Selt­sa­mes gesche­hen. Ich stand am Fens­ter und ent­deck­te die Pup­pe, als wäre sie eine voll­stän­dig neue Erschei­nung. Als ich mich abwand­te,  erin­ner­te ich mich dar­an, sie als Kind geöff­net zu haben, bis zur kleins­ten Pup­pe hin.  Ich leg­te  damals um die kleins­te der Pup­pen einen gefal­te­ten Zet­tel mit dem Vor­satz, irgend­wann ein­mal nach­zu­se­hen, ob die Pup­pe viel­leicht von irgend­je­man­dem wäh­rend mei­ner Abwe­sen­heit geöff­net wor­den war. Nun nahm ich die Matrosch­ka-Pup­pe also in die Hand und begann,  mich lang­sam zu der kleins­ten der Pup­pen vor­zu­ar­bei­ten. Acht Pup­pen saßen über vie­le Jah­re inein­an­der­ge­stellt in einer Tru­he, spä­ter in einem Umzugs­kar­ton, bis sie hier in mei­nem Süd­zim­mer ange­kom­men waren. Als ich die letz­te der Hohl­raum­pup­pen erreicht hat­te, rutsch­te tat­säch­lich ein Zet­tel auf den Tisch, ein Zet­tel, an des­sen hell­grü­ne Far­be ich mich erin­nert hat­te.- stop

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von winterbrillen

2

marim­ba : 8.05 UTC — Wenn ich nun gehe, gehe ich vor­sich­tig. Ich sehe jedes Blatt in der Fer­ne und die kleins­te Schrift noch der Zet­tel­käs­ten, die aus Archi­ven an Lit­faß­säu­len gewan­dert sind: Fal­se Memo­ry. Der Boden, wenn ich den Boden betrach­te mit mei­ner Bril­le, ist so nah­ge­kom­men, dass ich mei­ne, ich wür­de bei­de Bei­ne ver­lie­ren. Ein klei­ner Mann, der durch einen Park spa­ziert, um nach den ver­trau­ten Eich­hörn­chen zu sehen, deren Win­ter­fell dicht gewor­den ist. Ich stak­se über gefro­re­nes Laub, den­ke an Bril­len, dass man Bril­len ver­lie­ren, dass man sich auf Bril­len set­zen kann. Heu­te Mor­gen habe ich in der Käl­te einen schö­nen Namen gefun­den: Lumi Pipa­luk. Schnee­kind oder klei­nes Wesen aus Schnee. Und ich dach­te, ich will die­sen Namen bewah­ren als wür­de ein Wesen die­sen Namens tat­säch­lich exis­tie­ren. Ich bin über­zeugt, dass ich an lich­ten Tagen über eine Bril­le im Kopf ver­fü­ge. — stop

 

 

 

 

 

 

 

 leuchtender
hund

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auf einer wiese im sommer

ein roboter

echo : 20.55 UTC – In einem Park beob­ach­te­te ich einen Mann, der einem Robo­ter folg­te. Es war ein war­mer Tag. Die Maschi­ne in der Grö­ße eines Staub­saugers roll­te über den Rasen, wohl in dem Auf­trag, das Gras zu schnei­den. Der Mann beweg­te sich in der­sel­ben Geschwin­dig­keit leicht ver­setzt hin­ter dem Robo­ter, umkreis­te in die­ser Wei­se Bäu­me in einem engen Bogen, um bald wie­der den Hori­zont ins Auge zu fas­sen. Der Robo­ter fuhr so lan­ge Zeit schnur­ge­ra­de wei­ter, bis er auf einen Weg traf, also auf Gelän­de ohne Gras­nar­be. Dort dreh­te er auf der Stel­le um und fuhr in einem zufäl­li­gen Bogen zurück über die Rasen­flä­che hin. Leicht­be­klei­de­te Men­schen waren zu sehen, wie sie den Robo­ter fixier­ten. Sobald sich das klei­ne Wesen einer die­ser lie­gen­den Per­so­nen näher­te, wur­den lei­se Hup­ge­räu­sche hör­bar, ein Ver­such der Ver­stän­di­gung viel­leicht. Manch­mal knie­te der Mann nie­der. Er schien jenen Boden zu unter­su­chen, der soeben noch von dem Robo­ter über­fah­ren wor­den war. Der Mann schau­te durch eine Lupe und sam­mel­te mit­tels einer Pin­zet­te von dem Rasen klei­ne­re Gegen­stän­de oder Tei­le von Wür­mern und Käfern auf und leg­te sie in einer Tüte ab. Indes­sen der Mann arbei­te­te, war­te­te der Robo­ter. Das war im ver­gan­ge­nen Som­mer gewe­sen. Ein Robo­ter auf einer Wie­se ohne Hun­de, war­um? — stop

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über zeit

schwefelholz

alpha : 8.32 UTC – “Als Kind habe ich nicht bemerkt, dass mei­ne Mut­ter älter wur­de.” Am 16. April 1987 notier­te Wil­helm Gen­a­zi­no die­se Beob­ach­tung für sein Buch Der Traum des Beob­ach­ters. Wann habe ich selbst bemerkt, dass Mut­ter älter wur­de? ich kann mich nicht erin­nern. In den spä­ten Jah­ren mein ers­ter scheu­er Blick zu ihr hin, sobald sie die Tür öff­ne­te. Ich hat­te sie mona­te­lang nicht gese­hen. Sie war klei­ner und klei­ner gewor­den. Zum Abschied wink­te sie mir, wie immer in den Jahr­zehn­ten mei­ner Besu­che zu Hau­se, nach. Wenn ich mich noch ein­mal zu ihr umdreh­te, kurz bevor ich um die Ecke ging, sah ich nur noch ihre Hand hin­ter den Büschen, die flat­ter­te wie ein Vogel. — stop

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korie

vom schwimmen

whis­key : 15.58 UTC – Für weni­ge Minu­ten ste­hen wir uns gegen­über. Er ist etwas klei­ner als ich und etwa 40 Jah­re jün­ger. Ein Bahn­hof. Win­ter. Er reicht mir die Hand, sei­ne Stim­me spricht lei­se, als wol­le er sei­ne Stim­me im Rau­schen der Men­schen­stim­men um uns her­um ver­ste­cken. Ich habe sei­nen Namen nicht ver­stan­den. Ich fra­ge nach. Du heißt Korie, wie­der­ho­le ich, das ist ein unge­wöhn­li­cher Name. — Das war ges­tern, so war es gewe­sen. Ich hat­te Korie immer wie­der ein­mal gese­hen, am Bahn­hof, vor den Auf­zü­gen ste­hend. Er war­te­te und ich war­te­te. Wir wären viel­leicht nie in ein Gespräch gekom­men, wenn sich die­ser jun­ge Mann nicht aus hei­te­rem Him­mel erkun­digt hät­te, wel­ches für mich das schöns­te Wort sei, das ich ken­nen wür­de. Ich ant­wor­te: Das ist eine der wun­der­bars­ten Fra­gen, die ich jemals hör­te. Ich ler­ne gera­de die deut­sche Spra­che, ant­wor­te­te Korie. Ich sam­me­le Wör­ter, die Men­schen erzäh­len. Darf ich fra­gen, woher Du kommst, Korie? Afgha­ni­stan, ant­wor­te­te der zier­li­che, jun­ge Mann. Du bist von weit her gekom­men, sag­te ich. Ja, von sehr weit, ant­wor­te­te er, drei Jah­re weit. Zuletzt war ich auf einem Schiff im Meer. Das Schiff ging unter. Ich konn­te schwim­men. — stop

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am inarisee

von drohnen

sier­ra : 0.15 UTC – Stun­den­lan­ge Beob­ach­tung des Ina­ri­sees zur Polar­nacht­zeit. Tau­ben­grau­er Him­mel. Hin­ter Wol­ken wan­dert grü­nes Licht lang­sam ost­wärts. Leuch­ten­des Blau steigt am Hori­zont aus dem Nebel, der dicht über der Eis­flä­che liegt. Schnee, ein­zel­ne Flo­cken. 5 Leucht­punk­te schim­mern in der Fer­ne durch den Bild­aus­schnitt der Kame­ra, die seit dem spä­ten Som­mer filmt. Der See war noch zu sehen im Som­mer und im Herbst, Was­ser, dun­kel.  In der Polar­nacht nun wun­der­vol­les Licht des Him­mels, Ster­ne, auch Mond, der hell strahlt, als sei er Son­ne. Und eben das sel­te­ne Licht der Men­schen, Men­schen­licht. Die Gren­ze nach Russ­land ist 15 Kilo­me­ter ent­fernt. — stop


 

 

 

 

 


ina­ri 5 bird island
gestaltmantel
aus der serie
vagabon­dit 8 NM
porträtzeichnung
pencil

 



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