echo : UTC — Ich notierte: Da und dort Augenmenschen hinter Segeltüchern, deren Gesicht insgesamt ich längst vergessen habe, ihre Nasen, ihr Kinn, ihren Mund, aber nicht ihre Namen, nicht ihre Stimmen, die etwas verwirbelt, wie heiser, in meinen Ohren erscheinen. Ein später Sommer im ersten Jahr der Coronapandemie. Noch nicht lang her, aber gut verpackt in Zeittücher, in Schachteln von Erinnerung gebettet, sorgfältig geborgen wie verborgen. — stop
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Aus der Wörtersammlung: stimmen
am telefon
echo : UTC — Ich besuche eine alte Dame. Ich habe Erdbeerkuchen mitgebracht und Marzipanschnecken. Sie wünscht sich, dass ich erkläre, wie ihr neues Telefon funktioniert. Das Telefon würde seit drei Wochen unentwegt nach ihr rufen. Das Telefon blinkt. Zwei Stunden lang sitze ich am Tisch und beobachte, wie sie Stimmen ihrer Mailbox lauscht. Wispernde und knisternde Stimmen. Einmal schlafe ich ein. — stop
Nachtmittag
Taubengespräch
Mitteleuropa
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hoch über den kastanien
whiskey : 3.15 UTC — Im Haus gegenüber, in einem Zimmer jenseits der Kastanienbäume, die Blütenkerzen tragen, brennt seit zwei Wochen Licht bei Tag und bei Nacht. Ich erkenne dort die Gestalt eines Mannes. Der Mann geht auf und ab. Ich habe diesen Mann noch nie auf der Straße gesehen oder im Milchladen um die Ecke oder am Kiosk an der Ecke Havanna zur Bruegelstraße. Es ist seltsam, ich beobachte den Mann in seinem Zimmer seit Tagen, ohne bemerkt zu haben, dass ich ihn beobachtete. Mein Blick selbst war spazieren, meine Augen, bald auch meine Gedanken. Wie kann man in einem Zimmer nur so viel laufen, hin und her, hin und her? Einmal öffnete ich meine Fenster hin zur kühlen Luft und meine Augen gingen spazieren. Ich notierte eine Erinnerung an frühe Lebenszeit. Ein Kind am Strand. Ein Dampfer am Horizont. Die gebräunten Beine eines Mädchens, das Italienisch spricht. Ein Kessel voller Muscheln. Ich erinnerte mich an das Krächzen eines Transistorradios, an Funkstimmen, an Krabbenpanzer, an das Graben im Sand nach dem Meer. — stop

korie
whiskey : 15.58 UTC – Für wenige Minuten stehen wir uns gegenüber. Er ist etwas kleiner als ich und etwa 40 Jahre jünger. Ein Bahnhof. Winter. Er reicht mir die Hand, seine Stimme spricht leise, als wolle er seine Stimme im Rauschen der Menschenstimmen um uns herum verstecken. Ich habe seinen Namen nicht verstanden. Ich frage nach. Du heißt Korie, wiederhole ich, das ist ein ungewöhnlicher Name. — Das war gestern, so war es gewesen. Ich hatte Korie immer wieder einmal gesehen, am Bahnhof, vor den Aufzügen stehend. Er wartete und ich wartete. Wir wären vielleicht nie in ein Gespräch gekommen, wenn sich dieser junge Mann nicht aus heiterem Himmel erkundigt hätte, welches für mich das schönste Wort sei, das ich kennen würde. Ich antworte: Das ist eine der wunderbarsten Fragen, die ich jemals hörte. Ich lerne gerade die deutsche Sprache, antwortete Korie. Ich sammele Wörter, die Menschen erzählen. Darf ich fragen, woher Du kommst, Korie? Afghanistan, antwortete der zierliche, junge Mann. Du bist von weit her gekommen, sagte ich. Ja, von sehr weit, antwortete er, drei Jahre weit. Zuletzt war ich auf einem Schiff im Meer. Das Schiff ging unter. Ich konnte schwimmen. — stop
tonspur
delta : 22.32 UTC — L. erzählt, sie habe den Mann, der in einer Wohnung lebt, die sich hinter der Wand ihrer Küche befindet, noch nie gesehen. Seit einem Jahr hört sie seine Lebenszeichen, ein blechern klingendes Radio. Das Radio spielt Jazzmusik. Manchmal ein Piepsen, vielleicht das Piepsen einer Mikrowelle. Abends fällt Licht an eine gegenüberliegende Hauswand, er ist zu Hause, ein Schatten bewegt sich. Sie wünschte sich einen Türspion, durch den sie auf den Flur spähen könnte. Oft Stimmen, als wäre die Küche voller Menschen. Nein, sie habe sich nicht gelauscht, die Stimmen sind laut. Schritte draußen auf dem Flur sind nie zu vernehmen. Das Geräusch eines Wasserhahns. Das Scheppern von Metall. Ein hell singendes Glas. Türen auf und zu. Die Stimmen, die sie hört, immer abends, eine Tonspur junger Stimmen, fröhlich, in arabischer, englischer, französischer Sprache. Nachts Stille, manchmal spät, soeben Dämmerung vor den Fenstern, wieder Stimmen. Sie meint, ihr Nachbar würde vermeiden, gesehen zu werden. Er will nicht gesehen werden, denkt sie, aber doch bemerkt. Sie würde ihm helfen in der Not. Unlängst, kurz vor Weihnachten, hörte sie seine Wohnungstür draußen in nächster Nähe. Sie war bereits in ihren Regenmantel geschlüpft. — stop

Lew Kopelew und Raissa Orlowa
Anfang der 80er Jahre in Crottorf.
Vertraute vertraut im
Garten arbeitend.
Fotografie: Archiv
der FSO Bremen
stimmen
alpha : 2.58 UTC — Eine hochbetagte Dame wünscht zu verreisen. Sie erzählt, sie könne doch kaum noch Schritte gehen, sie verreise mit dem Rollstuhl, in einem Automobil wird sie durch die Landschaft gefahren werden, das ist ihr Wort, Automobil, ein Wort der Kinderzeit. Sie sagt, sie wisse nicht, ob sie die Reise schaffen würde. Ich sage, Du musst auf Deine innere Stimme hören. Da sind viele Stimmen, antwortet sie, eine Stimme sagt, das musst Du tun, Du hast nicht mehr viel Zeit. Eine andere Stimme sagt, das ist gefährlich, diese Stimme ist leise. In der Nacht bekommt sie Fieber. Sie wird nicht reisen, sagt sie am Telefon. Fieberstimme. — stop
von handvögeln
romeo : 14.25 UTC — Die New York Times berichtete nach monatelangen Recherchen über Verbrechen russischer Streitkräfte in der Stadt Bucha. Überall dort in den Straßen, so wurde bald sichtbar, waren Vögel unterwegs gewesen. Sie flogen in Schwärmen über die Stadt, sie hockten hinter Vorhängen und in den Manteltaschen der Spaziergänger, auch in den Händen der Getöteten. Sie sammelten das Licht, das durch ihre Augen fiel, auf Speicherkarten. Sie verzeichneten, was die Mörder ihren Frauen erzählten. — stop

Schreibzimmer
Mittags
15 Uhr
gespräch mit der luft
echo : 14.18 UTC — Geräuschwörter. Vogelstimmen. Immer wieder das Band vor und zurückgespielt. Zwei peruanische Wesen sprechen mit der Luft: too-a-lee. pee-ur-ee. — stop

stimmen
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india : 20.12 UTC — Gestern hatte ich mich plötzlich an Vaters Stimme erinnert. Die Stimme sagte: Aber das ist doch Kokolores. Dann lachte die Stimme. Und ich dachte noch daran, wie ich vor Jahren einmal bemerkte, dass ich mich für einen Moment nicht mehr an die Stimme meines Vaters erinnern konnte. Wie ich auch suchte, ich fand sie nicht. Ich war natürlich sehr erschrocken gewesen. Anstatt der Stimme meines Vaters, hörte ich die Stimme des großen Erzählers Isaak B. Singer, eine helle und zugleich raue Stimme, die der Stimme meines Vaters sicher ähnelte. Ich hatte vor ein oder zwei Jahren Singers Stimme in einem Filminterview gehört. Fotografien zeigen den alten Mann spazierend am Atlantik. Auch mein Vater war mehrfach in Brighton Beach gewesen, wenn ich nicht irre. Plötzlich kehrte die Erinnerung an die Stimme meines Vaters zurück. Isaac B. Singers Geschichte im Übrigen geht so: Kurz nach meiner Ankunft (in Amerika) betrat ich zum ersten Mal eine Cafeteria, ohne zu wissen, was das ist. Ich hielt es für ein Restaurant. Ich sah lauter Leute mit Tabletts und fragte mich, warum man in so einem kleinen Restaurant so viele Kellner brauchte. Ich gab jedem, der mit einem Tablett vorbeikam, ein Zeichen. Ich hielt sie alle für Kellner und wollte etwas bestellen. Aber sie ignorierten mich, manche lächelten auch. Und ich dachte, was für ein unwirklicher Ort! Es war wie in einem Traum. Ein kleines Café mit so vielen Kellnern, und niemand beachtet mich! Irgendwann begriff ich dann, was eine Cafeteria ist. Sie wurde mein zweites Zuhause. Die Cafeterien wurden eine Art Zuhause für Flüchtlinge aus Polen, Russland und anderen Ländern. Viele meiner Geschichten spielen in Cafeterien, wo all diese Menschen aufeinandertrafen: die Normalen, die weniger Normalen und die Verrückten. Das ist also der Hintergrund meiner Geschichten, die in Cafeterien spielen. – stop

Spuren einer Zeit
da mein Vater
das Wort
Kokolores
sagte
in den wolken spazieren
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echo : 11.28 UTC — Das war schon seltsam, wie die alte Dame zum ersten Mal in ihrem Leben vorsichtig hinter einem Leichtgewichtrollator spazierte. Sie trug Lederhandschuhe, vermutlich weil sie zur Maschine, die helfen soll, ihren Gang zu stabilisieren, einen gewissen stofflichen Abstand einzuhalten wünschte. Sie schien sich zu fürchten, ernst schaute sie gegen den Boden. Möglicherweise fürchtete sie, mit den Rädchen und Gestängen aus Carbon in ihrer nächsten Nähe verwachsen zu müssen. Gern würde sie weiterhin auf ihren eigenen Beinen allein, die sie schon so lange Zeit kannte, Schritt für Schritt Wege bestreiten, die ihr vertraut waren, das Laub der Buchen, der Kastanien auf der Straße, wie schön, ein Teppich, Schnecken da und dort, die sich herbstlich langsam fortbewegten scheinbar ohne Ziel. Es war feucht an jenem Morgen, Wolken berührten den Boden, auf den die alte Dame wenige Tage zuvor noch gestürzt war, einfach so, ohne einen Grund und ohne wieder aufstehen zu können, unerhört, so ein Schlamassel. Hundert Meter weit war sie nun schon gelaufen, da entdeckte sie eine Klingel an ihrem Gefährt, das so leicht war, dass sie es mit einer Hand anheben und für eine Weile in der Luft festhalten konnte. Ja, Kraft in den Armen, aber die Beine, waren unsicher geworden, vielleicht deshalb, weil sie hinter dieser Maschine herlaufen musste. Für einen Moment blieb die alte Dame stehen. Es wurde ganz still. Sie beugte sich zur Klingel herab, und schon war ein helles Geräusch zu hören, ein angenehmes Geräusch, zweifach war das Geräusch zu hören gewesen. — Das Fernsehen erzählt, in der Stadt Mariupol war kein Radio zu vernehmen, gewesen in der Zeit der Blockade, nur das Radio der Propaganda von Osten her, und das Radio der menschlichen Stimmen in den Kellern und auf den Straßen. — stop


