chile

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echo : 6.05 — Der Spatz, der gestern Nach­mit­tag auf dem Brett vor dem Fen­ster saß, war ein küh­ler Vogel gewe­sen. Von der Kälte der Luft so langsam gewor­den, kon­nte ich ihn ohne Gegen­wehr in meine Hände nehmen. Draußen ist es jet­zt schon lange dunkel gewor­den. Der kleine Vogel kauert in der Nähe der Heizung in einem Kör­bchen auf einem Tuch und scheint zu schlafen. Ich frage mich, wie er den Novem­ber, den Dezem­ber, den Jan­u­ar über­leben kon­nte. Es ist über­haupt seit län­ger­er Zeit der erste Spatz, der mir begeg­net. Wenn ich darüber nach­denke, weiß ich nicht ein­mal mehr über welche Stimme Spatzen oder Sper­linge gebi­eten. Ich höre hier in der Stadt im Som­mer noch das sir­rende Gespräch der Schwal­ben und im Win­ter das Gur­ren der Tauben vom Dach her und mor­gens ein­same Amseln sin­gen. Die Stim­men der Sper­linge aber sind ver­loren gegan­gen. Ger­ade noch habe ich in den Brief­marken­samm­lun­gen meines Vaters geblät­tert, die zu ein­er Zeit angelegt wor­den waren, als in Mit­teleu­ropa noch Wolken von Spatzen durch die Gärten wirbel­ten. Es ist ein eigen­tüm­lich­er Geruch, der von den Alben aus­ge­ht, lange wur­den sie nicht geöffnet. Auch Briefe sind dort archiviert, kost­bare Schrift­stücke ein­er Zeit, da mein Vater noch lange nicht existierte. In dieser Minute erin­nere ich mich an einen beson­deren Brief, den ich vor Jahren ein­mal auf meinem Schreibtisch gefun­den hat­te, ich berichtete bere­its. Es war ein bunter Brief, ein Luft­post­brief gewe­sen. Als ich das Cou­vert des Briefes genauer betra­chtete, das heißt, als ich den Brief so nahe an meine Augen her­an­führte, dass ich die Stem­pelein­träge sein­er Anschriften­seite entz­if­fern kon­nte, bemerk­te ich, dass der Luft­post­brief bere­its vor langer Zeit in Europa aufgegeben und über den Atlantik geflo­gen wor­den war. In San­ti­a­go de Chile dann angekom­men, kon­nte der Brief nicht zugestellt wer­den, ver­mut­lich weil die Zeichen, die den Brief beschrifteten, kaum zu entz­if­fern gewe­sen waren. Nach eini­gen Wochen Wartezeit reiste der Brief, nun markiert mit einem Schild­chen in blauer, spanis­ch­er Farbe: -Nicht zustell­bar!-, über den Atlantik zurück, um sich nur wenige Tage später erneut auf den Weg über das Meer nach Chile zu begeben. Ein weit­er­er Schriftzug war hinzugekom­men, ein fein­er, aber großzügiger Stem­pelab­druck: -Diese Sendung wurde von einem Blind­en geschrieben!- Zwei frische Wert­marken, nichts son­st verän­dert. Und so machte sich der Brief bald darauf ein viertes Mal auf den Weg über das Meer wieder nach Europa zurück und lan­dete, weiß der Him­mel warum, in mein­er Nähe, in der Nähe mein­er Schreib­mas­chine. — stop

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