chronik der gefühle

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echo : 4.55 UTC — Spin­nen hier oben in mei­ner Woh­nung unter dem Dach sind scheu gewor­den. Fast möch­te ich manch­mal mei­nen, dass sie gar nicht län­ger exis­tie­ren in mei­nen Zim­mern, wenn ich nicht da und dort Spu­ren beob­ach­ten könn­te, die auf ihre Exis­tenz ver­wei­sen, Netz­wer­ke oder ein Häuf­chen sehr klei­ner Flie­gen, wel­ches noch vor weni­gen Tagen auf dem Fens­ter­brett ganz sicher nicht gewe­sen ist. An einem Abend, ich hat­te die Fens­ter geöff­net, spa­zier­te plötz­lich ein recht umfang­rei­ches Spin­nen­ex­em­plar über die Wand mei­nes Arbeits­zim­mers, groß wie die Scha­le eines Tee­löf­fels. Die Spin­ne beweg­te sich laut­los über meh­re­re Wän­de hin, bis sie, ohne eine län­ge­re Pau­se ein­ge­legt zu haben, in der Küche durch ein geöff­ne­tes Fens­ter mei­ne Woh­nung wie­der ver­ließ. Kaum eine hal­be Stun­de war die Spin­ne in mei­ner Woh­nung gewe­sen. Und ich dach­te, viel­leicht hat sie eine Spur Duft­spur oder Faden ver­legt, es wer­den wei­te­re Spin­nen kom­men, hof­fent­lich eher klei­ne­re Spin­nen, die ich gern zu Gast haben wür­de, wäh­rend ich die gro­ßen Spin­nen doch sehr gründ­lich fürch­te. Ich war­te nun seit eini­gen Tagen bereits. In die­ser Zeit des War­tens habe ich unheim­li­che und prä­zi­se erzähl­te Geschich­ten Alex­an­der Klu­ges gele­sen und auch gehört, sie sind wun­der­voll anzu­hö­ren. — stop

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abend mit fliege no 1

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alpha : 22.45 UTC — Selt­sam ist das mit den Flie­gen gewor­den, den Fal­tern, den Käfern. Frü­her noch an war­men Som­mer­aben­den, sobald ich mei­ne Fens­ter öff­ne­te, waren unver­züg­lich, als hät­ten sie gewar­tet, dut­zen­de Tie­re in mei­ne Woh­nung geflo­gen, saßen auf und in Lam­pen­schir­men, spa­zier­ten über Bild­schir­me der Schreib­ma­schi­nen und des Fern­seh­ge­rä­tes, hock­ten an den Wän­den, besuch­ten mei­ne unbe­klei­de­ten Bei­ne und Arme, Stirn auch und mei­ne Hän­de, wäh­rend sie mit den Tas­ten arbei­te­ten. Auch an die­sem Abend könn­ten sie mich besu­chen, es scheint jedoch, als wäre nie­mand da drau­ßen oder nur sehr weni­ge Käfer, die Mari­en­kä­fer sind. Wenn ich an die­sem Abend von einem Zim­mer ins ande­re gehen wür­de, indes­sen eine Flie­ge mich in Kopf­hö­he beglei­te­te, wäre sie in genau dem Augen­blick, da ich ihre Exis­tenz mit mei­nen Wör­tern ver­zeich­ne, eine erfun­de­ne Flie­ge. — stop

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sammlung

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echo : 0.22 UTC — Ent­deck­te an die­sem Tag eine Samm­lung der Roma­ne, Erzäh­lun­gen und Jour­na­le Paul Nizons in einem Band. Das elek­tri­sche Waren­haus, wel­ches die­ses Buch ver­brei­tet, — nur noch sie­ben Exem­pla­re sol­len vor­rä­tig sein -, wirbt für den Kauf mit einer Prei­ser­spar­nis von 82 Pro­zent, ein schwe­res Pro­dukt, in dem sich Buch­we­sen auf­lö­sen und die Zeit, in der sie zur Welt gekom­men sind. — Ein­mal, vor zehn Jah­ren, war ich Paul Nizon wie­der ­be­geg­net. Ich beob­ach­te­te, wie er in Paris eine sei­ner Arbeits­woh­nun­gen spa­zier­te. Natür­lich waren zwi­schen ihm und mir eine Kame­ra­lin­se, ein Bild­schirm und dort etwas ver­gan­ge­ne Zeit auf­ge­spannt. Trotz­dem konn­te ich ihn gut erken­nen. Er trugt einen klei­nen run­den Bauch vor sich her und sein Haar war grau gewor­den, und doch war er ganz der alte, ver­ehr­te Schrift­stel­ler geblie­ben. Vor allem sei­ne schö­ne Stim­me, das sorg­fäl­ti­ge Spre­chen, die war­me Melo­die der Spra­che, das Schwei­ze­ri­sche, hier waren sie wie­der, und auch das Ton­band­ge­rät, das auf einem Tisch ruhend die Luft­wel­len der notier­ten Sät­ze eines Tages erwar­te­te. Kurz dar­auf erin­ne­rte ich, dass ich Paul Nizon ein­mal per­sön­lich begeg­nete in der Stra­ße, in der ich noch immer woh­ne, und dar­an, dass ich damals dach­te: Er ist klei­ner, als ich erwar­tet habe. Er trug einen grau­en Man­tel, weiß der Teu­fel, wes­halb ich die Far­be sei­nes Man­tels gespei­chert habe, und einen Hut, neh­me ich an. Da war noch etwas Wei­te­res gewe­sen, mein Herz näm­lich schlug in einer Wei­se, dass ich’s in mei­nem Kopf hören konn­te. — Ein Früh­lings­abend. Und ich sag­te zu mir: Lou­is, reg dich nicht auf! Du bist an einem fla­nie­ren­den Geist vor­über­ ge­kom­men. — stop

ahorn no 2

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echo : 22.18 UTC — Im geöff­ne­ten Fens­ter, das ich für eine Stun­de lesend außer Acht gelas­sen hat­te, beweg­te sich vor Tagen ein Spinn­fa­den in einem Wind, der nicht spür­bar gewe­sen, aber in der Bewe­gung des Fadens sicht­bar gewor­den war. Irgend­je­mand, dach­te ich, wird ver­mut­lich ange­kom­men sein wäh­rend ich las, ist ent­we­der schon auf dem Weg abwärts wie­der zur Stra­ße zu den Bäu­men hin oder aber sitzt im Kak­teen­wald auf dem Fens­ter­brett und war­tet, dass es dun­kel wer­den wird. Und ich dach­te, solan­ge ich mein Fern­seh­ge­rät nicht anschal­ten wür­de, sei hier oben in den Räu­men unter dem Dach alles sehr fried­lich an jenem Abend. Tat­säch­lich hat­te ich ver­ges­sen, was das Radio vor zwei Stun­den noch erzähl­te. Ich muss­te mich mühen, um an das Gehör­te zu kom­men. Ich notier­te einen Text. Und ich dach­te sehr lan­ge Zeit nach, indes­sen die Besu­che­rin, die zunächst ver­schwun­den gewe­sen war, zur Nacht­stun­de ein Netz über Sta­chel­horn­wäl­der einer Mam­mil­la­ria frai­lea­na zu weben begann. Gegen Mit­ter­nacht erin­ner­te ich mich, was oder wovon das Radio erzähl­te. — stop

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“Hi!” — “Hi!”

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romeo : 0.33 UTC — Ich war Zeu­ge einer Begeg­nung zwei­er Algo­rith­men bei mir Zuhau­se auf einem Bild­schirm, der sich teil­te und zwar in der Mit­te. In rasen­der Geschwin­dig­keit wur­den dort Zah­len­ket­ten erzeugt. Nach drei oder vier Minu­ten stopp­te die Zah­len­pro­duk­ti­on in der lin­ken Spal­te. Nach weni­gen wei­te­ren Sekun­den erschien die Zei­chen­fol­ge: Hi! Kurz dar­auf stopp­te auch in der rech­ten Spal­te die Zah­len­pro­duk­ti­on, wie­der­um für weni­ge Sekun­den Stil­le oder Lee­re. Dann erschien auch hier die Zei­chen­fol­ge: Hi! Ich war gerührt, man stel­le sich das ein­mal vor, Algo­rith­men, die sich zur Begrü­ßung einer Spra­che bedien­ten, die ich zu lesen in der Lage gewe­sen war. — stop
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radiotauben

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echo : 22.05 UTC — Ges­tern, am spä­ten Abend, folg­te ich einem Hyper­link, der von mei­ner Par­ti­cles­ma­schi­ne auto­ma­tisch erzeugt wor­den war nach Regeln, die ich nicht prä­zi­se beschrei­ben könn­te. In die­ser Wei­se arbei­tend begeg­ne­te ich einem Text, der von einem Radio erzähl­te. Es ist selt­sam, ich konn­te mich zunächst nicht erin­nern, die­sen Text selbst geschrie­ben zu haben. Ich las ihn und dach­te: Die­sen Text musst Du erfun­de­nen haben, rein erfun­de­ne Tex­te las­sen sich nicht so leicht erin­nern, wie Tex­te, die von einer erleb­ten Geschich­te berich­ten. Nun also, in dem ich mei­nen Text, den ich im April des ver­gan­ge­nen Jah­res notier­te, lese, schrei­be ich ihn zum zwei­ten Male, er wird mir ver­mut­lich ein wei­te­res Jahr spä­ter, noch in Erin­ne­rung sein, wie der Abend, an dem ich ihn wie­der­hol­te, also erleb­te, weil ich ihn in mein Leben ver­setz­te: Ich stel­lte mir vor, wie ich in der Küche vor einem Tisch sit­ze. Auf dem Tisch steht ein Radio. Das Radio ist 10 cm lang und eben­so breit und eben­so hoch, ein Wür­fel dem­zu­fol­ge. Der Wür­fel ver­fügt über zwei Knöp­fe, die ich ver­tie­fen einer­seits und an wel­chen ich dre­hen kann ande­rer­seits. Dort, wo ich Schrau­ben erken­ne, die in das höl­zer­ne Gehäu­se ein­ge­las­sen sind, scheint sich die hin­te­re Sei­te des klei­nen Radi­os zu befin­den. Ich kann das Radio öff­nen. Als ich es öff­ne, ent­de­cke ich wei­te­re sehr klei­ne Schrau­ben, eine Pla­ti­ne, Dioden, Wider­stän­de, Beschrif­tun­gen in einer Spra­che, die ich nicht zu lesen ver­mag, außer­dem einen Zylin­der. Ich ent­de­cke also vie­le Din­ge, aber nichts, was mir behilf­lich sein konn­te, das Radio zum Schwei­gen zu brin­gen, das Radio spielt näm­lich in einem Abstand von einer Stun­de eine Pas­sa­ge aus der 2. Sym­pho­nie Rach­ma­ni­nows, die weder lei­ser noch lau­ter ein­zu­stel­len ist, sie ist eben wie sie ist, laut genug, um das Radio vor das Fens­ter stel­len zu müs­sen. Ein­mal sit­zen zwei Tau­ben links und rechts des Radi­os. Als das Radio sei­ne Musik spielt, erschre­cken sie und flie­gen davon. Ein ande­res Mal kom­men sie wie­der und bau­en auf dem Radio ein Nest. — stop

ahorn

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nord­pol : 22.01 UTC — Im geöff­ne­ten Fens­ter, das ich für eine Stun­de lesend außer Acht gelas­sen hat­te, beweg­te sich ein Spinn­fa­den in einem Wind, der nicht spür­bar gewe­sen, aber in der Bewe­gung des Fadens sicht­bar gewor­den war. Irgend­je­mand, dach­te ich, wird ver­mut­lich ange­kom­men sein, wäh­rend ich las, ist ent­we­der schon auf dem Weg abwärts wie­der zur Stra­ße zu den Bäu­men hin oder aber sitzt im Kak­teen­wald auf dem Fens­ter­brett und war­tet, dass es dun­kel wer­den wird. Solan­ge ich mein Fern­seh­ge­rät nicht anschal­ten wer­de, ist hier oben in Räu­men unter dem Dach alles sehr fried­lich an die­sem Abend. Tat­säch­lich habe ich ver­ges­sen, was das Radio vor zwei Stun­den noch erzähl­te. Ich muss mich mühen, um an das Gehör­te zu kom­men. Mei­ne suchen­de Bewe­gung in der Erin­ne­rung scheint weni­ger die Bewe­gung eines Boh­rers, viel­mehr die Bewe­gung eines Pro­pel­lers zu sein. — stop

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papiere

pic

hima­la­ya : 16.15 UTC – Heu­te mor­gen beob­ach­te­te ich einen Mann in der Stra­ßen­bahn, der eine Zei­tung von Papier ent­fal­te­te. Da war ein Geräusch, das ich seit Jah­ren nicht gehört zu haben glaub­te. Für eine kur­ze Zeit war der Kopf des Man­nes nicht mehr zu sehen, aber sei­ne Hän­de, die die Zei­tung hiel­ten. Mal beweg­te sich einer sei­ner Fin­ger da und dort, dann waren sei­ne Hän­de wie­der ohne Bewe­gung. Nach zwei oder drei Sta­tio­nen leg­te der Mann die Zei­tung auf sei­ne Knie und fal­te­te sie wie­der zusam­men. Dann stand er auf und ver­liess die Stra­ßen­bahn. Ich beob­ach­te­te, wie er sich die gefal­te­te Zei­tung über den Kopf hielt, ver­mut­lich des­halb, weil es reg­ne­te. — stop 

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regenschirmtiere vol.3

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ulys­ses : 0.12 UTC — Ein Jour­na­list, der für das Radio arbei­tet, erzähl­te unlängst am Tele­fon, er habe ein­mal an einer Repor­ta­ge gear­bei­tet, die von der Ent­de­ckung der Regen­schirm­tie­re berich­te­te. Unge­fähr in der Mit­te sei­nes Bei­tra­ges habe er einen Feh­ler ent­deckt. Er saß vor dem Radio­ge­rät und hör­te der Stim­me einer Spre­che­rin zu, die sei­nen Text sehr deut­lich las, es war also zu spät, der Jour­na­list konn­te an sei­nem Feh­ler nichts ändern. Das ver­sen­det sich, wur­de er von einer Redak­teu­rin getrös­tet. Und ich dach­te, das ist ein schö­nes Wort für ver­lo­re­ne Wor­te oder Gedan­ken, das ist wie mit Träu­men, die sich von der Erin­ne­rung lösen wie Regen­was­ser, das sich nicht wirk­lich fest­hal­ten, nicht wirk­lich begrei­fen lässt mit Hän­den, die­ses hel­le Was­ser, das die Luft erhell­te in einem Traum, den ich gera­de noch erzäh­len konn­te auf einem Blatt Papier, ehe der Traum sich ver­flüch­tig­te, in dem ich mich wun­der­te, dass ich, bei­de Hän­de frei, durch die Stadt gehen konn­te, obwohl ich doch allein unter einem Regen­schirm spa­zier­te. Als ich an einer Ampel war­ten muss­te, betrach­te­te ich mei­nen Regen­schirm genau­er und staun­te, weil ich nie zuvor eine Erfin­dung die­ser Art zu Gesicht bekom­men hat­te. Ich konn­te dunk­le Haut erken­nen, die zwi­schen bleich schim­mern­den Kno­chen auf­ge­spannt war, Haut, ja, Haut von der Art der Flug­haut eines Abend­seg­lers. Sie war durch­blu­tet und so dünn, dass die Rinn­sa­le des abflie­ßen­den Regens deut­lich zu sehen waren. In jener Minu­te, da ich mei­nen Schirm betrach­te­te, hat­te ich den Ein­druck, er wür­de sich mit einem wei­te­ren Schirm unter­hal­ten, der sich in nächs­ter Nähe befand. Er voll­zog leicht schau­keln­de Bewe­gun­gen in einem Rhyth­mus, der dem Rhyth­mus des Nach­bar­schirms ähnel­te. Dann wach­te ich auf. Es reg­net noch immer. Ich wer­de gleich tele­fo­nie­ren. — stop
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schildkrötengeschichte

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india : 15.03 UTC — Vor weni­gen Stun­den war ich im Stadt­wald spa­zie­ren. Ich ging um einen Teich her­um, in dem Schild­krö­ten unter der Was­ser­ober­flä­che gegen­ein­an­der kämpf­ten. Plötz­lich hör­te ich das Geräusch einer hel­len, schep­pern­den Glo­cke, ein Klin­geln oder metal­le­nes Hupen. Ich dach­te, irgend­je­mand will Dich wecken. Und ich dach­te, Du kennst die­se Geschich­te, das hast Du schon ein­mal geträumt. Du musst zunächst ver­su­chen, wach zu wer­den, dach­te ich. Also ver­suchte ich, wach zu wer­den. Ich wan­der­te zunächst in die Küche. Das Geräusch wan­derte mit mir, und ich bemerk­te, die Küche ist kein guter Ort, um wach wer­den zu kön­nen. Plötz­lich erin­nerte ich mich, woher ich das Geräusch kann­te. Es war das Glöck­chen, das am Weih­nachts­abend hin­ter einer Tür von mei­nem Vater durch hef­tige Bewe­gung zum Klin­gen gebracht wur­de, ein ver­trau­tes, jähr­lich wie­der­keh­ren­des Geräusch. Ein­mal bekam ich ein Radio geschenkt. Das Radio war das ers­te Radio mei­nes Lebens gewe­sen, ein Tran­sis­to­r­emp­fän­ger, hand­lich und doch sehr schwer. Ich weiß nicht wes­halb, ich öff­nete das Radio mit Hil­fe eines Schrau­ben­zie­hers, ich zer­legte die klei­ne Appa­ra­tur in ihre Ein­zel­teile und wun­derte mich. Ein Jahr dar­auf bekam ich einen Foto­ap­pa­rat, den ich am dar­auf­fol­gen­den Tag wie zuvor das Radio öff­ne­te und auf das genau­es­te unter­such­te, im Früh­ling zähl­te ich Vögel, im Som­mer durch­such­te ich das Unter­holz nach Kno­chen von Hasen und Rehen, um sie in mei­nem Zim­mer auf dem Schreib­tisch so zu kon­fi­gu­rie­ren, dass ich sie mir vor­stel­len konn­te. Es ist merk­wür­dig, wie Geräu­sche über gro­ße Zeit­räu­me hin­weg wie­der­keh­ren, als wären sie gera­de erst in der Wirk­lich­keit abge­spielt wor­den. Es lässt sich nicht über­prü­fen, aber sie schei­nen sich tat­säch­lich nicht ver­än­dert zu haben, sind unteil­ba­re Wesen. — stop
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