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marimba : 0.02 – Ich vergesse, obwohl ich ihre Bewe­gungen mit den Augen verfolge, meine Hände, sobald ich schreibe. – Warum?

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foxtrott : 0.02 – Es ist früher Abend, ich liege in einer Wiese, ein Ohr gegen den Himmel, das andere Ohr gegen die Erde gerichtet, und höre Gräsern und sehr kleinen Tieren zu, wie sie sich auf die Nacht vorbe­reiten. Noch etwas Zeit ist, Minu­ten­zeit, weil ich warte. Ein ange­nehmes Warten, ein Warten voller Freude. Nichts ist solange zu tun, als der großen Welt am Himmel und der kleinen Welt unter mir zuzu­hören. Man raschelt dort für mich und der Himmel schweigt, um nicht zu stören. Es ist seltsam, je glück­li­cher ich bin, desto beweg­li­cher kann ich denken. So beweg­lich bin ich geworden, dass ich von Zeit zu Zeit über­haupt aufhöre an irgend­etwas zu denken. Und doch bin ich niemals abwe­send, sondern hier und warte und höre den Gräsern zu und atme und halte etwas Papier fest in der Hand, von dem ich bald vorlesen werde. 1 x schlafe ich kurz ein. – stop

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romeo : 0.05 – Vor wenigen Minuten hatte ich das Licht über meinem Schreib­tisch ausge­schaltet und etwas Lebens­zeit in Dunkel­heit verbracht. Ich will Ihnen rasch erzählen, warum ich so gehan­delt habe. Ich war nämlich spazieren gewesen stadt­wärts unter Menschen in Waren­häu­sern und auf einem Weih­nachts­markt, weil ich nach­sehen wollte, ob sich in dieser Welt, die wir bewohnen, etwas geän­dert haben könnte, da doch vor wenigen Stunden durch Unter­las­sung entschieden worden ist, dass Bangla­desh, dass das Ganges­delta in den Golf von Bengalen sinken wird. Ich dachte, das eine oder das andere sollte doch spürbar, sichtbar, fühlbar werden, ein wenig Unruhe, ein leises Klap­pern der Zähne viel­leicht. Aber nein, alles Bestens, alles im Lot. Und als ich wieder an meinem Schreib­tischs saß, war da plötz­lich ein starker Eindruck von Unwirk­lich­keit, das alles und ich selbst könnte reine Erfin­dung sein. Ich löschte das Licht über dem Schreib­tisch und wartete. Und während ich so wartete, lauschte ich den Stimmen der Tief­see­le­fanten, einem Orchester zartester Rüssel­blumen, wie sie auf hoher See den Himmel lockten. Und als ich das Licht wieder einge­schaltet hatte, saß ich dann noch immer vor dem Schreib­tisch, die Hände gefaltet. – Schnee fällt. stop. Langsam. stop. Leise. stop. – Frohe Weih­nachten und ein gutes, ein nach­denk­li­ches, ein glück­li­ches Jahr 2010!

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alpha : 0.02 – Zwei Gedanken simultan kann ich nicht denken. Bin ein einspu­riges Wesen. – stop

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echo : 0.06 – Da war ein i am frühen Morgen, viel­leicht weil ich nach einer langen Traum­nacht noch nicht ganz wach gewesen, in das Wort Lebende hinein­ge­raten, so dass das Wort Leibende entstand. Im Zusam­men­hang einer blühenden Regen­kä­fer­ge­schichte eigent­lich kein verrücktes oder schlam­piges Wort, und doch eine merk­wür­dige Sache, weil ich den kleinen Text zwei- oder dreimal, ehe ich ihn veröf­fent­lichte, prüfte, ohne das nach­drück­lich umge­stal­tende i entdeckt zu haben. Ich spiele nun mit dem Verdacht, dass ich Texte, die ich notiere und kurz darauf wieder lese, zunächst einem Nahzeitpei­cher meines Gehirns entnehme, in welchem Wörter oder ganze Sätze eines Textes als scheinbar korrekte Klang­stempel im Moment der Zeile erin­nert werden. Und dann geh ich schlafen oder spazieren, beob­achte einen Film oder unter­halte mich mit einem Freund oder einer Freundin, Zeit vergeht, in welcher die Stempel meines erfun­denen Textes wieder zu Buch­staben, zu isolierten Tönen zerfallen, so dass ich meine Gedanken, meine Wörter und Sätze genau so zu lesen oder zu hören vermag, als wären sie von einem anderen Menschen notiert. Ja, so könnte das sein, so wollen wir das zunächst einmal annehmen. – Noch zu tun in dieser Nacht: Dimen­sionen der Papier­tiere erspüren / µm = 10–6 m = 0,000.001 m.
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tango : 0.05 – 1500 Meilen Wolken­tüll über atlan­ti­schem Ozean. Fünf weitere Stunden bald hell­blau der Himmel, das Wasser, man könnte die Welt dort oben auf den Kopf stellen und würds mit den Augen nicht bemerken. Höhe 11887 Meter. Wellen, leich­teste Wellen, – 55° Celsius, Eis wispert in der Pauken­höhle. Repti­lien von Dunst recken geschärfte Rücken aus der Tiefe. Dann wieder sanfte Gebilde, Wolken­la­mellen vom Meer an den Himmel geatmet. Von dort aus fällt man zu Boden, öffnet Iris der Behörde, fährt im luft­fe­dernden Taxi­s­chiff über alte Brücke, Nacht, sand­müde Augen spazieren unterm Regen­schirm. Der erste Blick ins irre Licht. – stop

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kili­man­dscharo : 1.58 – Fliegen am Abend trau­rigster Nach­richt, Zausige, die mit dem Wasser spre­chen. Regen, sanfter Regen. Deine fröh­liche Stimme. Wir Menschen sind für letzte Dinge nicht gemacht. Dankbar lausch ich weiter Elefan­ten­oh­ren­winden nach. - für g.

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india : 4.18 – Wie in die Leere, die ein geliebter Mensch im Leben hinter­lässt, nach und nach trös­tend erzählte Geschichten fließen, feinstes Gewebe, Licht und Schatten, eine Stimme aus den Stimmen, Land. – stop

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echo : 17.18 – Da war ein junger Mann, der leise zu seinem Hand­te­lefon sprach, eine Beschwö­rung ohne Pause in einem Subwayzug auf dem Hoch­gleis über Brooklyn. Als der Zug in den Tunnel taucht, als die Funk­über­tra­gung längst abge­bro­chen ist, spricht er weiter wohin? – stop

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sierra : 6.55 – Verlo­rene Namen aus heiterem Himmel. Stunden beun­ru­hi­gender Nach­rich­ten­te­le­fone. Weiche, kühle Pulse, als sei Schnee auf Seele gefallen. – stop

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delta : 22.12 – Das Wort Libe­ra­tion in meinem Gehirn, sobald ich das Wort Libe­ra­tion denke. Wie viel Gramm?

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lima : 7.22 – Seltsam ist an Buch­staben, dass man ihnen die Zeit nicht ansehen kann, die in ihnen steckt. Diese acht­zehn Wörter und alle weiteren Wörter an dieser Stelle, habe ich bereits an einem sehr viel früheren Montag­abend notiert. Es ist jetzt 7 Uhr und 15 Minuten und ich bin fern meines Schreib­ti­sches und weiß doch, dass mein Satz sichtbar werden wird für andere Menschen in genau dieser Minute, frei­ge­lassen sozu­sagen, ohne in diesem Moment auch nur einen Finger bewegt zu haben. Denkbar, dass ich gerade unter einem Regen­schirm spaziere. Viel­leicht schlafe ich noch oder viel­leicht bin ich längst über den Atlantik geflogen und habe noch keine Verbin­dung in öffent­liche Funk­räume gefunden. – stop

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sierra : 11.28 – Im Denken von Zeit zu Zeit laut und deut­lich ausge­spro­chene Wörter: Das ist ja unglaub­lich, nein, fangen wir noch einmal von vorne an, was habe ich zunächst gedacht? – Hörbare Sätze. Atolle. – Ich über­legte, wie viel Zeit von einem Gedanken zum nächsten Gedanken vergeht, und was in dieser Zeit, die ich ohne einen Gedanken zu verbringen meine, eigent­lich geschieht. Ein selt­sames Gefühl, die Vorstel­lung der Gedan­ken­stille. Eine Besich­ti­gung der Luft. Warten. Lauschen. – stop

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romeo : 0.32 – Ich erin­nere mich, vor einem Jahr, an einem Sommer­abend, saß mein Vater auf einem Stuhl in seinem Garten. Vor ihm stand ein kleiner Tisch und auf diesem Tisch eine Flasche Wasser mit einem Dreh­ver­schluss. Ich glaubte, dass mein Vater mich nicht bemerkte. Er schien mit der Flasche zu spre­chen. Er beugte sich vor, hielt die Flasche mit der einen Hand fest, während er mit der anderen Hand an ihrem Verschluss drehte. Aber die Flasche war nicht leicht fest­zu­halten gewesen, vermut­lich deshalb, weil sich die Feuchte der Luft auf ihr nieder­ge­schlagen hatte. Also lehnte sich mein Vater wieder auf seinem Stuhl zurück und schloss die Augen. Ich nehme an, er wird einge­schlafen sein. Als er wieder erwachte, war ich noch immer da und auch die Flasche stand noch auf dem Tisch. Mein Vater beugte sich vor, nahm die Flasche und drehte an ihrem Verschluss. Erneut schien er sich mit der Flasche zu unter­halten, ohne aber die rich­tigen Worte zu finden, weil die Flasche sich noch immer dagegen wehrte, geöffnet zu werden. Also lehnte sich mein Vater erneut zurück, er schüt­telte den Kopf. In diesem Moment schwebte eine Libelle über den Tisch. Sie betrach­tete meinen Vater, setzte sich auf den Verschluss der Flasche und faltete ihre Flügel. Ein Moment der Stille, des Frie­dens. Ein paar Zikaden waren zu hören, sonst nichts. Mein Vater war bald wieder einge­schlafen, es wurde dunkel und die Libelle verschwand. Als er erwachte, saß ich vor ihm. Ich hatte die Flasche für ihn geöffnet und ein Glas mit Wasser gefüllt. Mein Vater erzählte, dass er sich gewun­dert habe, warum er die Flasche nicht öffnen konnte, er habe sie doch selbst zuge­dreht. – stop

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foxtrott : 15.07 – Die Such­ma­schine, von der ich gestern noch träumte am hell­lichten Tag, war so groß wie eine Streich­holz­schachtel. Sie hockte auf meinem Sofa und rührte sich nicht. Indem ich sie betrach­tete, wirkte sie zunächst so, als wäre sie völlig unbe­weg­lich, denn es waren an dem Such­ma­schi­nen­wesen keine Beine zu erkennen, dafür an jeder Seiten­fläche ein kleines Auge, mit dem es sogar zwin­kern konnte. Seine Haut ähnelte der Haut eines jungen Elefanten, es hatte jedoch keine Ohren und auch keine Arme oder Hände, tatsäch­lich wirkte das Wesen in diesem Moment als könnte es sich nicht von der Stelle bewegen. Welch ein Irrtum! Das Wesen konnte ganz anders, es konnte sich zum Beispiel von meinem Sofa erheben und durch die Luft fahren wie ein Ballon. Dazu holte es tief Luft, wurde größer und immer größer, bis es in etwa doppelt so groß geworden war wie zuvor. In dieser neuen Gestalt flog die kleine Such­ma­schine in Rich­tung meines Bücher­re­gals davon. Es war nun in diesem Flug kein Geräusch zu hören, völlig lautlos schwebte sie durch mein Zimmer, wurde von einem Luftzug kurz aus der Bahn geworfen, fing sich wieder und ich rief ihr noch zu : Lamel­leniris! Es war erstaun­lich. Es war ein kleines Wunder. Das Wort schien sie zu beschleu­nigen, sie erreichte rasch mein Regal und flog nun von links nach rechts die Reihe der Buch­rü­cken entlang, hielt vor jedem der Bücher einmal kurz an, und sie machte den Eindruck, als ob sie sich in jedem dieser Momente tatsäch­lich mit dem Buch selbst beschäf­tigte, in das Buch hineinsah oder von seinem Duft kostete, wie auch immer. Nach einigen Flügen auf und ab, hielt sie vor einem der Bücher an, es handelte es sich um eine kleine Geschichte der Foto­grafie, die von Peter Nadas aufge­schrieben worden war. Nun wird man nicht glauben, was dann zu sehen war. Die kleine Such­ma­schine machte sich an dem Buch zu schaffen, sie schien über unsicht­bare Werk­zeuge zu verfügen, ein Buch in den Griff zu bekommen. Und das Buch parierte, es ließ sich aus dem Regal­fach lösen und flog nun mit mit der kleinen Maschine, die sich unter das Buch begeben hatte, durch den Raum zu mir zurück, um in meiner Nähe sanft zu landen. Behutsam setzte sie sich neben das Buch, das sie für mich herbei­ge­holt hatte und bedeu­tete mir mit stillem Nach­druck: Schau her, hier ist das Buch, in dem das Wort Lamel­leniris enthalten ist. Und so waren wir immerhin schon einen Schritt weiter als noch zuvor. – stop

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nordpol : 22.01 – Stelle mir ein Buch vor, das rund ist, ein Buch, dessen Seiten so gebunden sind, dass sie einen Zylinder ergeben. Man könnte Geschichten in diesem Buch derart anordnen, dass sie, wie in einem Gewässer Strö­mungen, kaum merk­lich inein­ander fließen, sagen wir fünf­tau­send kleinste Geschichten auf 2500 Seiten, geschrieben ohne Absatz und ohne eine Seiten­an­gabe. Man steigt irgendwo zu und liest und wird man bald meinen, schon einmal da und dort gewesen zu sein. – stop

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MELDUNG. Drei mit Hand­feuer bewaff­nete Beamte [ Soko K.a.i.r.o ] haben an der Rambla del Mar [ Barce­lona ] drei Ägypter sicher­ge­stellt, fili­grane Meißel weiterhin [ 0.5 Zoll Kanten­länge ], sowie zwei Hand­täsch­chen [ türkise ]. Folgende kryp­ti­sche Signatur war dem Sockel­ge­stein des natio­nalen Aqua­riums [ Moll d’Espanya del Port Vell ] beigebracht : 886LILLI71MANRAY6Y. Auch diese Ägypter [ Ägypter No 17 und 18 des laufenden Jahres ], je 178 cm hoch, mitt­leres Alter, verwei­gern jede Aussage. – stop

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alpha : 22.08 – Ich besitze zwei Schreib­ma­schinen, eine kleine, flache und eine größere, schwere Schreib­ma­schine. Nun ist das so: In dem Moment, da ich beide Schreib­ma­schinen als Lebe­wesen betrachte, meine ich diffe­ren­zie­rend davon spre­chen zu können, dass es sich bei jener klei­neren, reisenden Schreib­ma­schine einer­seits, um eine nervöse Maschine handelt, die kaum jemals zur Ruhe kommt, während meine zurück­blei­bende Schreib­ma­schine ande­rer­seits, ein vornehm­lich statio­näres, ein gelas­senes, schla­fendes Leben führt. Seit einigen Wochen bereits, bei Tag und bei Nacht, kommu­ni­zieren beide Schreib­ma­schinen über größere oder klei­nere Entfer­nungen hinweg. Meine reisende Schreib­ma­schine erzählt der schla­fenden Schreib­ma­schine beispiels­weise Geschichten, die wiederum ich selbst mit Händen notierte. Das ist deshalb möglich geworden, weil meine schla­fende Schreib­ma­schine nicht wirk­lich schläft, sondern halb­schla­fend darauf wartet, ange­spro­chen, das heißt, geweckt zu werden. Zu diesem Zweck wendet sich meine reisende Schreib­ma­schine zunächst an zwei entfernte Server­ma­schinen, an eine mir unbe­kannte, geheime Maschine, sowie an eine mir vertraute Maschine, die sich nahe der Stadt San Fran­cisco unter weiteren halb­schla­fenden Maschinen befinden soll, um meine Geschichte dort abzu­legen, so dass diese Geschichte von der Sekunde ihrer Über­tra­gung an vier­fach exis­tiert, auch eben dort, wo sie zunächst erzählt worden war, sehr flüchtig in meinem Kopf. Nun ereignet sich folgendes, dass nämlich jene Server­ma­schine nahe San Fran­cisco unver­züg­lich mit meiner statio­nären, mit meiner halb­schla­fend wartenden Schreib­ma­schine tele­fo­niert, um meine Geschichte dort in einer fünften Version einzu­la­gern, so dass meine reisende Schreib­ma­schine der zurück­ge­blie­benen Schreib­ma­schine in Minu­ten­frist wieder sehr ähnlich geworden ist. Eine Routine, deren Vollzug ich mir in diesen Tagen gerne vorstelle, wie im Dunkeln eines weit­ent­fernten Zimmers das Gespräch der Maschinen sichtbar wird im Flackern eines Dioden­lichtes, und hörbar glei­cher­maßen in der summenden Bewe­gung eines magne­tisch schrei­benden Stiftes. – Sonntag. – stop. – Guten Abend. – stop

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zoulou : 7.15 – Gestern entdeckte ich in meinem Brief­kasten eine Post­karte, die von irgend­je­mandem mit äußerst kleinen japa­ni­schen Zeichen beschriftet worden war. Zunächst wirkte der Text wie ein Muster, das sich erst dann zu Schrift­zei­chen auflöste, als ich meine Brille aus der Schub­lade holte. Ich konnte den Text natür­lich nicht lesen. Ich nehme an, die Post­karte wurde verse­hent­lich in meinen Brief­kasten geworfen. Bei genauerer Unter­su­chung stellte ich jedoch fest, dass die Post­karte in jedem anderen Brief­kasten vermut­lich gleich­wohl ein verse­hent­li­ches Ereignis gewesen wäre, die Post­karte trug nämlich keine Anschrift an der dafür vorge­se­henen Stelle, aber eine Brief­marke des japa­ni­schen Hoheits­ge­bietes. Auch auf ihrer Rück­seite war kein Adressat zu erkennen. Eine Foto­grafie zeigt Samuel Beckett, der unter einem blühenden Kirsch­baum sitzt, oder einen Mann, der Samuel Beckett ähnlich sein könnte, der Dichter im Alter von 160 Jahren, er hat sich kaum verän­dert. Ein sehr inter­es­santes Bild. Auf einem Ast des Baumes sind Eich­hörn­chen zu erkennen, sieben oder acht Tiere, die ihre Augen geschlossen halten. Ich erin­nere mich, dass ich einmal davon hörte, Menschen würden immer wieder einmal Post­karten notieren, oft sehr aufwendig ausge­ar­bei­tete Schrift­stücke, um zuletzt die Adresse des Empfän­gers zu vergessen. Das ist tragisch oder viel­leicht eine Methode, Infor­ma­tion an die Welt zu senden, die niemanden oder irgend­einen belie­bigen Menschen errei­chen soll. Nun liegt diese Post­karte neben Zimt­sternen, Bananen und Äpfeln auf meinem Küchen­tisch. Zunächst hatte ich das Wort L i e b e r in die Google – Über­set­zer­ma­schine einge­geben und in die japa­ni­sche Sprache über­setzt. Zeichen, die sich auf meinem Bild­schirm formierten, waren mit den ersten Zeichen auf der Post­karte iden­tisch. Ich weiß sehr genau, was nun zu tun ist. In diesem Augen­blick jedoch scheue ich noch davor zurück, meinen Namen in die Maske der Such­ma­schine einzu­geben. Es ist jetzt bald Morgen­däm­me­rung, ich höre Tauben auf dem Dach spazieren. – stop

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echo : 3.18 – Ich gehe ein paar Schritte nach links, dann gehe ich ein paar Schritte nach rechts. Sobald ich gehe, denke ich in einer anderen Art und Weise, als würde ich noch sitzen. Ich habe schon viel nach­ge­dacht während ich ging. Und ich habe schon viel vergessen während ich ging. Wenn ich gehe, kommen die Gedanken aus der Luft und verschwinden wieder in die Luft. Wenn ich sitze, kommen die Gedanken aus meinen Händen. Sobald ich einmal nicht schreibe, ruhen meine Hände auf den Tasten der Schreib­ma­schine und warten. Sie warten darauf, dass eine Stimme in meinem Kopf diktiert, was zu schreiben ist. Ich könnte viel­leicht sagen, dass meine Hände darauf warten, mein Gedächtnis zu entlasten. Was ich mit meinen Händen in die Tastatur der Maschine schreibe, habe ich gedacht, aber ich habe, was ich schrieb nicht gelernt, nicht gespei­chert, weil ich weiß, dass ich wieder­kommen und lesen könnte, was ich notierte. Selt­same Dinge. Ich denke manchmal selt­same Dinge zum zweiten oder dritten Mal. Gerade eben habe ich wahr­ge­nommen, dass es nicht möglich ist, zwei Zeichen zur selben Zeit auf meiner Schreib­ma­schine zu schreiben, immer ist ein Zeichen um Bruch­teile von Sekunden schneller als das andere Zeichen. Wenn ich selt­same Dinge gedacht habe, freue ich mich. Wenn ich mich freue, kann ich nicht bleiben, wo ich bin. Die Freude ist ein Gefühl, das mich in Bewe­gung versetzt. Ich springe auf, wenn ich saß, oder ich springe in die Luft, wenn ich bereits auf meinen Beinen stand. Dann gehe ich ein paar Schritte nach links, dann gehe ich ein paar Schritte nach rechts. Sobald ich gehe, denke ich in einer anderen Art und Weise, als würde ich noch sitzen. – Kurz nach vier Uhr auf dem Maidan-Platz, Kiew. – stop

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remington : 6.56 – Beob­ach­tete wieder einmal meinen Fern­seh­bild­schirm, der so flach ist, dass ich meine, das bewegte Bild, welches er empfängt, müsste trans­pa­rent sein wie ein Schmet­ter­lings­flügel. Ich könnte in dieser Vorstel­lung durch das Zimmer laufen, um jene Sequenzen, die von einem begin­nenden Krieg, von Brand­bomben, prügelnden Menschen, maskierten Soldaten erzählen, von der anderen Seite her zu betrachten. Erin­nere mich an Bohumil Hrabal, von dem berichtet wird, er würde bevor­zugt hinter seinem Fern­seh­gerät Platz genommen haben. Das muss zu einer Zeit gewesen sein, als Bild­schirme in den Rahmen mons­tröser Appa­ra­turen hockten, Röhren­bild­schirme genauer, die noch explo­dieren konnten. Indem Hrabal seinen Bild­emp­fänger von hinten betrach­tete, handelte er mit dem Ausdruck äußerster Verwei­ge­rung, er saß dort und konnte sich darauf verlassen, keines der empfan­genen Bilder sehen zu können, er war genau dort hinter jener Maschine, die die Bilder erzeugte, vor den Bildern sicher. Viel­leicht hatte er über­dies das Fern­seh­gerät ausge­schaltet, ich weiß es nicht, gern würde ich ihn fragen, ihm erzählen, wie ich das mache in diesen Tagen, da ich nicht mehr sicher bin, Lüge von Halb­wahr­heit oder Wahr­heit unter­scheiden zu können. Ich höre Stimmen der Kommen­ta­toren vom Arbeits­zimmer her, die weiter spre­chen, obwohl ich nicht da bin. Und ich höre den Regen, es regnet tatsäch­lich, dann hört es wieder auf. Nacht­vögel oder Fleder­mäuse fliegen vorüber. – stop

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MELDUNG. Südlich von Munsala auf der Nord­piste nach Kokkola wurde gegen 5 Uhr am Nach­mittag eine Spiel­kon­sole der Sony­werke von einem Schwer­trans­porter über­rollt, des weiteren das Lappen­kind Pikka, 12 Jahre, 1 Sekunde später. – stop

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echo : 2.26 – Früher einmal exis­tierten Bücher, deren Seiten mitein­ander verbunden waren. Bevor man die Seiten dieser Bücher lesen konnte, musste man sie vonein­ader trennen. Selt­sa­mer­weise hatte ich ihre Exis­tenz vergessen, bis ich gerade eben solche Bücher in einem Text von Nathalie Sarraute bemerkte. Aber viel­leicht ist das Wort vergessen in diesem Zusam­men­hang nicht richtig gewählt, ich hatte jahre­lang nicht an sie gedacht, im Geheimen waren sie vermut­lich immer anwe­send gewesen. Sofort begann ich damit, die Umge­bung meiner Erin­ne­rung zu erkunden. Ich entdeckte eine Tante. Wenn die Tante zu Besuch kam, küsste sie mich auf die Stirn. Es gab dann immer Lauch­suppe, weil sie einen Gemü­se­händler kannte, der ihr Lauch­stangen schenkte. Diese Tante also, deren Gesicht zerfurcht war von unzäh­ligen Falten, schenkte mir einmal ein Buch genau dieser erwähnten Art, ein Buch, dessen Seiten mitein­ander verbunden waren, so dass ich jede Seite mit einer Schere zunächst von der nächsten trennen musste. Das Buch war kein Kinder­buch gewesen, ich hatte noch nicht sehr viel mit Büchern zu tun zu diesem Zeit­punkt, aber Nathalie Sarraute, die damals unge­fähr in meinem Alter gewesen sein könnte, in einem Alter, als mich die Tante mit den Lauch­stangen noch besuchte. Sie notierte: Es liegen überall Bücher herum, in allen Zimmern, auf den Möbeln und sogar auf dem Boden, Bücher, die Mama und Kola gebracht haben oder die mit der Post gekommen sind … klei­nere, mitt­lere und große …Ich nehme die Neuan­kömm­linge in Augen­schein, ich schätze die Mühe, die jedes erfor­dern wird, die Zeit, die es mich kosten wird … Ich wähle eins aus und setze mich mit dem aufge­schla­genen Buch auf den Knien hin, ich umklam­mere das breite Papier­messer aus grau ausse­hendem Horn, und ich fange an … zuerst zertrennt das waage­recht gehal­tene Papier­messer den oberen Falz der vier zusam­men­hän­genden Doppel­seiten, dann senkt es sich, richtet sich wieder auf und gleitet zwischen die beiden Seiten, die nur noch längs­seits mitein­ander verbunden sind … dann kommen die „leichten“ Seiten, sie sind an ihrem langen Rand offen und brachen nur noch oben getrennt werden. Und wieder die vier „schwie­rigen“ Seiten … und dann vier „leichte“, und dann vier „schwie­rige“, und so weiter, immer schneller, meine Hand wird müde, mein Kopf wird schwer, er brummt, mir wird ein wenig schwindlig, … „Hör jetzt auf, mein Lieb­ling, das reicht, hast du wirk­lich nichts Inter­es­san­teres zu tun? Ich werde beim Lesen selber aufschneiden, das stört mich nicht, ich mache das ganz auto­ma­tisch …“ Es kommt jedoch nicht in Frage, dass ich aufgebe. – stop / Nathalie Sarraute Kind­heit – aus der fran­zö­si­schen Sprache über­setzt von Erika und Elmar Tophoven

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nordpol : 5.02 – Im September des Jahres 2010 fahren Jose­phine und ich auf der Staten Island Fähre John F. Kennedy spazieren. Ein schwül­warmer Tag. Gewit­ter­wolken, vom Meer her gekommen, hängen tief über der Upper Bay. Die Luft knis­tert. Möwen umkreisen das Schiff, wie irr stürzen sie immer wieder herab, schnappen nach Passa­gieren, die auf der Prome­nade foto­gra­fieren, als ob jede einzelne von ihnen bereits von einem Blitz getroffen worden sei. Wir sitzen, unteres Deck, auf einer der Holz­bänke der mitt­leren Reihen. Ich erin­nere mich noch gut an die Stimme der alten Dame, wie sie aufge­regt erzählt. An einem ähnli­chen Tag im Jahr 1966, sie war noch eine junge Frau gewesen, habe sie an Bord der John F. Kennedy Louis Armstrong beob­achtet. Dort, genau dort saß er, sagt sie, und deutet auf eine Bank in der Nähe der Fenster, die an diesem Tag völlig leer ist. Ein Foto­graf und zwei weitere Männer seien damals um die bedeu­tende Person herum gelaufen, man habe ihn foto­gra­fiert. Ein schöner Mann, sagt Jose­phine, ein wirk­lich schöner Mann, und so berühmt. Sie lacht jetzt und macht eine kurze Pause, schaut ostwärts nach Brooklyn hin. Ich war ein junges Mädchen, erzählt sie weiter, und plötz­lich saß dort Louis Armstrong, ganz unglaub­lich, ich war starr vor Schreck gewesen. Er sah sehr müde aus, und er hatte große Füße und war sehr schwarz für meine Verhält­nisse,  ein wirk­lich schwarzer Mann, der vornehm gekleidet war und ich glaube, wenn ich mich erin­nere, dass sie auf etwas gewartet haben, immerzu sahen sich die Männer um, sie wirkten ein wenig gehetzt, nur Louis Armstrong nicht. Ich glaube, er hat mich damals gesehen, wie ich ihn anstarrte. Ich war erst 26 Jahre alt, und ich war glück­lich, diesem Mann persön­lich zu begegnen. Seither habe ich immer, wenn ich die John F. Kennedy gesehen habe, an Louis Armstrong gedacht, jedes einzelne Mal. Die alte Dame Jose­phine erhebt sich, schlen­dert zu einer der Türen, die auf die Prome­nade führen. Ich muss ihr schnell folgen, sie kann die schweren Türen mit ihren eigenen Händen nicht öffnen. Draußen Sturm, das Meer schäumt. Riesige Seemöwen, gelbe Augen, sitzen auf der Reling in unserer Nähe. – Ende der Geschichte. – stop

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hima­laya : 15.08 – Von einer Stra­ßen­un­ter­füh­rung aus beob­achtet der Cellist Natha­niel Ayers den Himmel, ein kleines Fenster, von Fahr­bahn­e­benen begrenzt, das gerade in diesem Augen­blick ein Flug­zeug durch­quert. Er fragt den Jour­na­listen Steve Lopez: Do you fly this plane? Der Jour­na­list antwortet: No, I am here! Natha­niel setzt stau­nend hinzu: I don’t know how god works! / Film­zeit 18 Minuten 7 Sekunden: The Soloist. Director: Joe Wright. – stop

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hima­laya : 2.55 – Die Beob­ach­tung vor wenigen Minuten, dass ich mir selbst niemals die Hand geben könnte, so wie ich einer Person zur Begrü­ßung meine rechte Hand entge­gen­strecke, wenn ich höflich zu sein wünsche. Wie auch immer ich je meine linke und meine rechte Hand simu­lie­rend wendete, kippte, verdrehte und verrenkte, ich schei­terte. Erstaun­lich. – stop

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kili­man­dscharo : 0.58 – Fünf Fin­ger. Hand für Hand fünf Fin­ger. Immer wie­der erstaun­lich. Gerade eben habe ich an mei­nen lin­ken Zei­ge­fin­ger gedacht. Ich habe in mei­nem Kopf gesagt: Bewege Dich! Und der Zei­ge­fin­ger bewegte sich. Diese Hand auf dem Tisch scheint meine Hand zu sein. Das Geräusch des Atems. Selt­same Spra­che. – stop

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olimambo : 0.02 – Dass ich gut denken und erfinden kann, sobald ich Libellen beob­achte oder von Libellen beob­achtet werde, habe ich vor Jahren bereits bemerkt. Das ist mögli­cher­weise so, weil Libellen sich in der Art und Weise der Gedanken selbst bewegen. Sie scheinen lange Zeit still in der Luft zu stehen und sind doch am Leben, was man daran erkennen kann, dass sie nicht zu Boden fallen. Etwas Zeit vergeht, wie immer. Und plötz­lich haben sich die feinen Libel­len­raub­tiere weiter­be­wegt. Sie sind von einer Sekunde zur nächsten Sekunde an einem anderen Ort ange­kommen. Genau so scheint es mit Gedanken zu sein. Sie springen weiter und machen neue Gedanken, ohne dass der Weg von da nach dort sichtbar oder spürbar geworden wäre. Irgend­je­mand müsste jetzt sofort Libellen erfinden, die Geräu­sche der Zikaden erzeugen, dann wär ich zufrieden. – stop

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echo : 5.05  – Vor langer Zeit hatte ich das Wort Mikro­fon­buch notiert. Fünf Jahre später entdeckte ich das Wort wieder. Denkbar ist, dass ich das Wort Mikro­fon­buch notierte, ohne zu wissen, was das Wort bedeutet. Eine Art wartendes Wort: Aus dir könnte noch etwas werden. – stop

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MELDUNG. An diesem warmen Mitt­woch, es war 7 Uhr und 8 Minuten in der Früh, wurde Käfer­dame Lucinda [ 15 Gramm ] von Käfer Joseph [ 22 Gramm ]  erst­mals mittels rhyth­mi­scher Lumi­nes­zenzen von violetter Farbe begrüßt. Sie selbst morst in gelb­li­cher Beleuch­tung. ~ MPI für Biotech­no­logie, Unge­rerstr 12, 6. Stock : Labor IIc-8 : Level 4. – stop
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MELDUNG. Engel, Schule zu St. Nazaire, sind heute Abend von 10 bis 11 bei leichter Nacht­flie­gerei nahe St. Goar [ östli­ches Rhein­ufer ] anzu­treffen. Eintritt frei. – stop

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india : 0.55 UTC – Ameisen, S c h n e e a m e i s e n, nähern sich. – Ein gut sicht­bares Geräusch. – stop

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nordpol : 12.28 UTC – Jahre der Beob­ach­tung. Ich betrach­tete eine Person, was sie notierte, und in welcher Art und Weise sie kommen­tierte, ein streit­barer Mensch. Was bedeutet präs­zise, wenn ich schreibe: Ich beob­ach­tete in der digi­talen Sphäre eine Person, ihre Spuren? Handelte es sich um eine geheime Opera­tion? Beob­ach­tete ich mit neugie­rigen, aner­kennden Augen, oder waren meine Augen auf der Suche nach Schwä­chen, Fehlern, Verwer­fungen, waren meine Augen gierige Augen? Vermag ich das Wesen meines Blicks dauer­haft mittels eines Vorsatzes zu tauschen? – stop

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delta : 0.36 UTC – Ich stellte mir einen Nacht­mann vor, der unter einem Schirm durch die Welt reist, oder mit einem leichten Zelt, das sich beleuchten lässt, wie sich auch der Schirm beleuchten läßt. Einmal erreicht der Mann die südliche Küste der Insel Kreta. Er beschloß, an einem Strand nahe Soughia zu über­win­tern. Er errich­tete daraufhin sein Zelt im Schatten eines Salz­baumes. Nun konnte man ihn nachts im Dorf oder am Strand herum­laufen oder spazieren sehen. Am Tag ruhte er in der Dunkel­heit seines Zeltes und schlief oder las oder tele­fo­nierte im Licht seiner Lampen. – stop

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tango : 6.52 UTCViel­leicht kann ich, wenn ich das Meer in den Straßen Vene­digs beob­achte, von Wellen­be­we­gungen spre­chen, die einem sehr lang­samen Rhythmus folgen, von Halb­ta­ges­wellen, von Wellen, die sich, sobald ich sie jenseits ihrer eigent­li­chen Zeit betrachte, wie Palomars Sekun­den­wellen benehmen. – Wann beginnt und wann genau endet eine Welle? Wie viele Wellen kann ein Mensch ertragen, wie viele Wellen von einer Wellenart, die Knochen und Häuser zertrüm­mert? – Dämme­rung. Stille. Nur das Geräusch der trop­fenden Bäume. Eine Nacht voll Regen, glim­mende Vögel irren am Himmel, Nacht­vögel ohne Füße, Vogel­wesen, die niemals landen. – stop
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