überall liegen Bücher herum

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echo : 2.26 — Früher ein­mal existierten Büch­er, deren Seit­en miteinan­der ver­bun­den waren. Bevor man die Seit­en dieser Büch­er lesen kon­nte, musste man sie voneinad­er tren­nen. Selt­samer­weise hat­te ich ihre Exis­tenz vergessen, bis ich ger­ade eben solche Büch­er in einem Text von Nathalie Sar­raute bemerk­te. Aber vielle­icht ist das Wort vergessen in diesem Zusam­men­hang nicht richtig gewählt, ich hat­te jahre­lang nicht an sie gedacht, im Geheimen waren sie ver­mut­lich immer anwe­send gewe­sen. Sofort begann ich damit, die Umge­bung mein­er Erin­nerung zu erkun­den. Ich ent­deck­te eine Tante. Wenn die Tante zu Besuch kam, küsste sie mich auf die Stirn. Es gab dann immer Lauch­suppe, weil sie einen Gemüse­händler kan­nte, der ihr Lauch­stan­gen schenk­te. Diese Tante also, deren Gesicht zer­furcht war von unzäh­li­gen Fal­ten, schenk­te mir ein­mal ein Buch genau dieser erwäh­n­ten Art, ein Buch, dessen Seit­en miteinan­der ver­bun­den waren, so dass ich jede Seite mit ein­er Schere zunächst von der näch­sten tren­nen musste. Das Buch war kein Kinder­buch gewe­sen, ich hat­te noch nicht sehr viel mit Büch­ern zu tun zu diesem Zeit­punkt, aber Nathalie Sar­raute, die damals unge­fähr in meinem Alter gewe­sen sein kön­nte, in einem Alter, als mich die Tante mit den Lauch­stan­gen noch besuchte. Sie notierte: Es liegen über­all Büch­er herum, in allen Zim­mern, auf den Möbeln und sog­ar auf dem Boden, Büch­er, die Mama und Kola gebracht haben oder die mit der Post gekom­men sind … kleinere, mit­tlere und große …Ich nehme die Neuankömm­linge in Augen­schein, ich schätze die Mühe, die jedes erfordern wird, die Zeit, die es mich kosten wird … Ich wäh­le eins aus und set­ze mich mit dem aufgeschla­ge­nen Buch auf den Knien hin, ich umk­lam­mere das bre­ite Papier­mess­er aus grau ausse­hen­dem Horn, und ich fange an … zuerst zertren­nt das waagerecht gehal­tene Papier­mess­er den oberen Falz der vier zusam­men­hän­gen­den Dop­pel­seit­en, dann senkt es sich, richtet sich wieder auf und gleit­et zwis­chen die bei­den Seit­en, die nur noch längs­seits miteinan­der ver­bun­den sind … dann kom­men die „leicht­en“ Seit­en, sie sind an ihrem lan­gen Rand offen und brachen nur noch oben getren­nt wer­den. Und wieder die vier „schwieri­gen“ Seit­en … und dann vier „leichte“, und dann vier „schwierige“, und so weit­er, immer schneller, meine Hand wird müde, mein Kopf wird schw­er, er brummt, mir wird ein wenig schwindlig, … „Hör jet­zt auf, mein Liebling, das reicht, hast du wirk­lich nichts Inter­es­san­teres zu tun? Ich werde beim Lesen sel­ber auf­schnei­den, das stört mich nicht, ich mache das ganz automa­tisch …“ Es kommt jedoch nicht in Frage, dass ich aufgebe. — stop / Nathalie Sar­raute Kind­heit — aus der franzö­sis­chen Sprache über­set­zt von Eri­ka und Elmar Tophoven

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