roman opalka

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zoulou : 2.15 – Eines Tages im Jahre 1965, viel­leicht an einem Samstag, viel­leicht an einem Sonntag, ich konnte schon laufen und hatte gelernt, mir die Schuhe zu binden, nahm Roman Opalka den kleinsten seiner verfüg­baren Pinsel in die rechte Hand und malte mit titan­weißer Farbe das Zeichen 1 auf eine schwarz grun­dierte Lein­wand­fläche. Bevor er diese erste Ziffer malte, foto­gra­fierte er sich selbst. Er war gerade 34 Jahre alt geworden, und als er etwas später seine Arbeit unter­brach, – er hatte weitere Ziffern, nämlich eine 2 und eine 3 und eine 4 auf die Lein­wand gesetzt -, foto­gra­fierte er sich erneut. Er war nun immer noch 34 Jahr alt, aber doch um Stunden, um Ziffern geal­tert. Auch am nächsten und am über­nächsten Tag, Woche um Woche, Jahr um Jahr wurde er älter, in dem er Ziffern malte, die an mathe­ma­ti­scher Größe gewannen. Wenn eine Lein­wand, ein Detail ( 196 x 135 cm ), zu einem Ende gekommen war in einer letzten Zeile unten rechts, setzte er fort auf einer weiteren Lein­wand oben links, die nun eine Licht­spur heller geworden war, als die Grun­die­rung des Bildes zuvor. Bald sprach er Zahl für Zahl laut­hals in die Luft, um mit seiner Stimme auf einem Tonband die Spur seiner Zeichen zu doku­men­tieren. – In unserer Zeit, heute, ja, sagen wir HEUTE, oder nein, sagen, wir morgen, ja, sagen wir MORGEN, wird Roman Opalka mit weißer Farbe auf weißen Unter­grund malen, Ziffern, die nur noch sichtbar sind durch die Erhe­bung des Mate­rials auf der Ober­fläche des Details. Der Betrachter, stelle ich mir vor, muss das Bild von der Seite her betrachten, um die Zeichen in ihren Schatten erkennen zu können.
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papiertierchen

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nordpol : 9.15 – Man stelle sich einmal vor, Papier­tier­chen exis­tierten in unserer Welt. Nicht etwa Tier­chen, die aus Papier gemacht sind oder vergleich­barer Ware, sondern tatsäch­liche Lebe­wesen, die so ausge­dacht sind, dass sie sich zu Formen versam­meln, die einer Papier­seite ähnlich sind. Weil diese Lebe­wesen, wie ich sie mir gerade male, sehr klein sein sollten, sagen wir in der Fläche so groß wie die Spitze einer Nadel, würde ein Maschi­nen­bogen von nicht weniger als zwei Millionen Indi­vi­duen nach­ge­bildet sein. Jedes Papier­tier­chen, sichtbar ganz für sich nur im Licht eines sehr guten Mikro­skops, ist nun von dem Wunsch beseelt, sich mit jeweils vier weiteren Tier­chen, die es schon immer kennt, mittels feinster Tenta­keln zu verbinden oder zu befreunden, und zwar nur mit diesen, so dass man von eindeu­tiger Ordnung spre­chen könnte, nicht von einer belie­bigen Anord­nung. Ja, jedes der kleinen Wesen für sich spricht von einem urei­genen Ort, den es niemals vergisst. Sobald alles schön zu einer Seite geordnet ist, werden mit Licht, mit einem Licht­stift genauer, Zeichen gesetzt auf das lebende Papier, indem man leichter Hand wie mit einem Füller schreibt. Wird ein schnee­weißes Tier­chen berührt vom notie­renden Licht, nimmt es sogleich die schwarze Farbe an und verbleibt von diesem Schwarz, bis es von weiterem Licht berührt werden könnte, einem Licht natür­lich, das sehr stark sein muss, weil doch der Tag oder jede Lampe das Zeichen der Nacht sofort über die Land­schaft der fili­granen Körper schreiben würde. Ich hatte, während ich diesem Gedanken noch auf einer gewöhn­li­chen Compu­ter­schreib­ma­schine folgte, die Idee, dass sie viel­leicht alle sehr schreck­haft sind, also zunächst unvoll­kommen oder wild, dass sie, zum Beispiel, wenn ein Feuer­wehr­auto in ihrer Nähe vorüber­kommen sollte, sofort ausein­ander fliegen in Panik, sich verste­cken, um jedes für sich oder in größeren Gruppen an den Wänden meiner Zimmer zu sitzen. Viel­leicht lungern sie auch auf Kaffee­tassen herum oder in den Haar­blät­tern eines Elefan­ten­fuß­baumes, ja, das ist sehr gut denkbar. Ich werde dann warten, ruhig und gelassen warten, bis sie sich wieder beru­higt haben werden und zurück­kommen, sagen wir nach einer Stunde oder zwei. Dann weiter schreiben oder lesen oder denken. Und jetzt hab ich einen Knoten im Kopf.

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animals : eine luftgeschichte

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delta : 7.45 – Im Wesent­li­chen exis­tieren drei Arten von Geschichten. Fertig anwe­sende, erlebte Geschichten. Rein aus der Luft gefan­gene, das heißt, erfun­dene Geschichten. Recher­chierte Geschichten. stop. Animals, zum Beispiel, die Geschichte der Entde­ckung lebender Papiere. stop. Eine Luft­ge­schichte. stop. Es ist jetzt zwei Uhr nachts. stop. Was brauche ich? stop. Zwei Kühl­schränke, fünf U-Bahn­wag­gons, drei Kaffee­häuser, eine Hand voll Abend­segler, Stadt­men­schen, ein Radio­gerät. stop. Und Papier­tiere stop. Sehr kleine Herzen, ebenso kleine Gehirne, Münder und Verdau­ungs­trakte. stop. Auch Propel­ler­flügel. stop. Feinste Ware. stop. Was brauche ich noch? stop. Räume der Zeit und einen ersten Satz. stop. Geduld. stop. Das Geräusch meines Blei­stifts auf grobem Papier.

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animals : herzgeräusch

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romeo : 7.52 – Nehmen wir einmal an, ein Bogen lebenden Papiers in der Größe 15 x 30 Zenti­meter würde aus 750 Tausend Tieren bestehen, ja, und nehmen wir einmal an, dieses Papier würde bereits in der wirk­li­chen Welt exis­tieren, dann würden vor uns auf einem Tisch 750 Tausend kleine Herzen schlagen. Und ich dachte mir unver­züg­lich, da muss doch irgendein Geräusch wahr­zu­nehmen sein, so viele Herzen in nächster Nähe auf engstem Raum. Erin­nerte mich an meine Verwun­de­rung, als ich bemerkte, dass ich mein eigenes Herz nicht schlagen hören kann und auch nicht das Herz einer Geliebten, solange ich nicht mein Ohr an ihre Brust lege und in sie hinein­höre. Nun aber, in dieser Nacht eines sommer­li­chen Regens, zweifle ich nicht, dass man, wenn man sich mit einem Ohr einem meiner lebenden Papiere näherte, ein beson­deres Geräusch vernehmen würde. Auch einen Hauch von Luft würde man wohl spüren, eine Strö­mung, weil sie alle durch­ein­ander atmen. stop. Aufgabe für Sonntag. stop. Geräuschwort finden.

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papierhaut

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alpha : 18.07 – Blät­terte in Janet Frames auto­bio­gra­phi­scher Erzäh­lung Ein Engel an meiner Tafel. Blitz­artig, nach Jahr­zehnten des Lesens, von einer Sekunde zur Sekunde anderen bemerkt, dass Texte über sicht­bare Struk­turen, dass sie über Unter­bre­chungen ihrer Zeichen­ketten verfügen, dass Kapitel oder Absätze sie zerlegen, dass sie also portio­niert sind, dass sie insel­weise auf einer Papier­haut von Stille schwimmen.

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animals

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hibiskus

~ : louis
to : Mr. jona­than noe kekkola
subject : ANIMALS

Gestern, stellen Sie sich vor, habe ich die erste Foto­grafie eines Papier­tier­chens entge­gen­ge­nommen. Sie zeigt das kleine Wesen, wie es sich durch die Luft eines abge­dun­kelten Labors bewegt. Bin voller Freude, habe den halben Tag herum­ge­tanzt, sollte langsam zur Ruhe kommen. Eine Kopie der Aufnahme ist für Sie beigefügt. Sieht das nicht kraft­voll aus, eine Persön­lich­keit, ein Wunder! Ich komme meinen Träumen nun endlich näher, meinen Wünschen, meinen Geschichten in der Wirk­lich­keit. Nehmen wir einmal an, lieber reisender Freund, ein Bogen lebenden Papiers in der Größe 15 x 30 Zenti­meter würde aus 750 Tausend Tieren bestehen, ja, und nehmen wir einmal an, dieses Papier würde schon jetzt in unserer Welt exis­tieren, dann würden vor uns auf einem Schreib­tisch 750 Tausend kleine Herzen schlagen. Da muss doch irgendein Geräusch wahr­zu­nehmen sein, so viele Herzen in nächster Nähe auf engstem Raum. Auch einen Hauch von Luft wird man wohl spüren, eine Strö­mung, weil sie alle durch­ein­ander atmen. – Ahoi! Ihr Louis

gesendet am
06.02.2010
23.55 MEZ
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louis to jona­than
noe kekkola »


blattlicht

2

lima : 0.01 – Und schon ist wieder März geworden. Warme Luft pfeift übers Dach, und Blätter, Blätter von Sonnen­licht, sie schau­keln vorm Fenster. So fein sind sie gewirkt, dass nichts sie zu berühren vermag als meine Gedanken. Höchste Zeit von kleinsten Wesen zu erzählen, wie man sie findet, da sie doch unsichtbar sind, und wie man mit ihnen spre­chen oder reisen oder gemeinsam warten könnte, sobald man ihnen begegnet sein wird. – Papie­rene Herzen.
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fiebermöwen

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india

~ : louis
to : Mr. jona­than noe kekkola
subject : FIEBERMÖWEN

Vergan­gene Woche, lieber Jona­than, ist etwas Merk­wür­diges geschehen. Ich hatte Fieber und geträumt, dass Sie mir einen Brief geschrieben haben. Endlich, endlich, dachte ich, um Himmels Willen, eine Fata Morgana, und wachte auf und erin­nerte mich an Ihre Worte in einer Weise, dass ich Traum von Wirk­lich­keit nicht unter­scheiden konnte. Das mag an meinem heißen Kopf gelegen haben, und so antwor­tete ich auf einen Brief, der niemals exis­tierte. Sie werden sich, mein lieber Kekkola, viel­leicht gewun­dert haben und noch immer amüsieren. Nun, es geht auf Mitter­nacht zu, ist folgende Sache zu erwähnen. Im April werde ich eine Samm­lung von Papier­wesen erhalten, einen Bogen 20 x 28 cm. Darf sie umsorgen und probieren, wie sie sich so machen, wenn einer wie ich sie mit wilden Texten beschreibt. Unseren Tief­see­ele­fanten gehts vortreff­lich. Nahe Bermuda, so wird berichtet, sollen sie einen Schwarm verirrter Möwen aus der Luft gefangen haben. Ahoi! Bis bald am Strand. Ihr Louis

gesendet am
1.03.2010
22.58 MEZ
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louis to jona­than
noe kekkola »


meerestee

2

chomo­lungma : 0.03 – Jedes Wort als ein kleines Tier betrachten, mit einer je sehr langen Lebens­ge­schichte. Das Wort Himmel, zum Beispiel, ein feines Wesen, seine viel­fäl­tige Gestalt in den Spra­chen dieser Welt, Zeichen­mäntel, irrlich­terndes Plankton in einer Tasse Meerestee. Und so fliegen die Wörter in Herden durch Luft und Raum um den halben Erdball herum von einem Menschen zu einem anderen Menschen in Sekun­den­schnelle. Hier werden sie gelesen, ein Tier nach dem anderen Tier, behutsam, scheu. – Gute Nacht und guten Morgen!
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bermuda

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alpha : 0.03 – Ob es wohl möglich ist, ein Blatt Papier, das aus Millionen sehr kleiner Lebe­wesen bestehen wird, mit einer Schere, sagen wir, in zwei Teile zu zerlegen? Was sollte geschehen? Würden meine papie­renen Tiere Geräu­sche erzeugen, die Wider­spruch signa­li­sieren, Empö­rung, Furcht? Oder würden sie weichen, sich in alle Himmels­rich­tungen zerstreuen, eine blitz­schnell sich voll­zie­hende Bewe­gung der Entropie? – Sonntag. stop. Warme, geschmei­dige Stunden. stop. Hell vom Schnee die Luft.

animals

14

echo

~ : louis
to : Mr. stanislaw lem
subject : ANIMALS

Hoch­ver­ehrter Herr Lem, Sie werden, nehme ich an, noch nie von mir gehört haben. Ich heiße Louis. Seit vielen Jahren bin ich ein stiller Bewun­derer Ihrer Kunst. In der Nähe meines Schreib­ti­sches hängt deshalb eine Foto­grafie, die Sie in schwarzer und weißer Farbe zeigt, an einer Wand. Immer wieder, wenn ich Sie dort betrachte, denke ich, dass ihre Augen, ihr Blick, von der Weite der Welt erzählen, die sich in ihrem Kopf entfaltet, dass man über­haupt die Groß­zü­gig­keit eines Geistes in seinen Augen zu erkennen vermag. Eines Ihrer Bücher nun habe ich wieder gelesen in den vergan­genen Tagen, weil ich mich erin­nert hatte, dass Sie dort von sehr kleinen gefähr­li­chen Wesen berich­teten, Mikroben, die Waffen­pan­ze­rungen jeder Art in Sekun­den­schnelle zu durch­dringen in der Lage sind. Eine beun­ru­hi­gende Vorstel­lung natür­lich. Ich hoffe, das bald wieder zur Seite legen zu können, gerade auch deshalb, weil ich mich in diesen Wochen persön­lich mit kleinsten Wesen beschäf­tige. Sollten Sie in der Lage sein, meine Arbeit von höherer Stelle aus zu beob­achten, dann werden Sie bald erkennen, es geht um lebende Papiere, um ihren Geist, um ihr Verhalten und alle diese Dinge, die eine forschende Person begeis­tern von früh bis spät. In diesem Sinne sende ich Ihnen aller­beste Grüße. – Louis

gesendet am
10.03.2010
22.56 MEZ
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papierlicht

2

olimambo : 1.28 – Das Wort Papier in meinem Kopf, ein von jeher helles, weißes Wort, weshalb die Erfin­dung lebender Papiere, ihre Erfor­schung, ihre Beob­ach­tung in lichte Räume führt. Ich könnte demzu­folge sagen, dass mein lotendes Fabu­lieren wie eine Bogen­lampe in mein Leben wirkt. – 1 Uhr 28 mittel­eu­ro­päi­scher Winter­zeit : Auf dem Kapitol zu Washington, im Haus der Reprä­sen­tanten, erklärt die demo­kra­ti­sche Abge­ord­nete Debbie Wasserman Schultz / Florida während der Debatte zur entschei­denden Abstim­mung über Barak Obama’s Gesund­heits­re­form mit fester Stimme: The night­mare ends tonight!
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wortklangstempel

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echo : 0.06 – Da war ein i am frühen Morgen, viel­leicht weil ich nach einer langen Traum­nacht noch nicht ganz wach gewesen, in das Wort Lebende hinein­ge­raten, so dass das Wort Leibende entstand. Im Zusam­men­hang einer blühenden Regen­kä­fer­ge­schichte eigent­lich kein verrücktes oder schlam­piges Wort, und doch eine merk­wür­dige Sache, weil ich den kleinen Text zwei- oder dreimal, ehe ich ihn veröf­fent­lichte, prüfte, ohne das nach­drück­lich umge­stal­tende i entdeckt zu haben. Ich spiele nun mit dem Verdacht, dass ich Texte, die ich notiere und kurz darauf wieder lese, zunächst einem Nahzeitpei­cher meines Gehirns entnehme, in welchem Wörter oder ganze Sätze eines Textes als scheinbar korrekte Klang­stempel im Moment der Zeile erin­nert werden. Und dann geh ich schlafen oder spazieren, beob­achte einen Film oder unter­halte mich mit einem Freund oder einer Freundin, Zeit vergeht, in welcher die Stempel meines erfun­denen Textes wieder zu Buch­staben, zu isolierten Tönen zerfallen, so dass ich meine Gedanken, meine Wörter und Sätze genau so zu lesen oder zu hören vermag, als wären sie von einem anderen Menschen notiert. Ja, so könnte das sein, so wollen wir das zunächst einmal annehmen. – Noch zu tun in dieser Nacht: Dimen­sionen der Papier­tiere erspüren / µm = 10–6 m = 0,000.001 m.
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animals

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remmington : 0.01 – Eintau­sen­dacht­hun­dert Zeichen­rü­cken Schwarz auf Weiss ist gleich eine Seite erzäh­lendes Papier. stop

herzgeschichte

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olimambo : 0.02 – Das weiße Papier ist niemals leer. Diesen Satz habe ich gestern Nach­mittag gegen 15 Uhr genau so notiert, wie er hier verzeichnet ist. Ich saß am kleinen See im Palmen­garten und dachte an Herzen und solche Dinge, und als ich den Satz eine Stunde später noch einmal gelesen habe, konnte ich nicht sagen, warum ich den Satz eigent­lich aufge­schrieben hatte. Das war ein merk­wür­diger Moment gewesen, diese Sekunde, da ich bemerke, dass ich einen Satz, den ich selbst ausge­dacht, nicht erkennen konnte. Trotzdem gefiel mir der Satz. Ich hatte den Eindruck, dass es sich um einen wahren Satz handeln könnte, und dass ich nur abwarten müsse, bis sich sein feines Wesen zeigen wird. Und so lausche ich nun also. Irgend­etwas brummt in meiner nächsten Nähe. Dämme­rung. Und ich stelle mir vor, wie gut es doch wäre, wenn Menschen für eine gewisse Zeit ihre Herzen teilen könnten. Man meldet sich zum Beispiel in einem Hospital. Guten Abend, sagt man, guten Abend, wir haben heute Nacht etwas Zeit, mein Herz und ich. Und dann fährt man unver­züg­lich los, man fährt durch die Stadt und ihre Lichter und Düfte und legt sich sehr bald zu einem Menschen, dessen Herz schwach geworden ist, verbunden liegt man Stunden still.

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nachtende

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sierra : 15.08 – Oder der Vordäm­me­rungs­schein der Schnee­kirsch­bäume, indem sie ihre Papiere entfalten.
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animals

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kili­man­dscharo : 0.58 – Die wirk­lich kleinen Dinge dieser Welt sind dem mensch­li­chen Auge nicht sichtbar. Sie befinden sich in Räumen des Ahnens, des Wünschens, des Erfin­dens. Niemand könnte je sagen, ob man von dort aus betrachtet wird. Wenn ich nun ein Papier­tier­chen ganz für sich belichte, dann erkenne ich zunächst, seine Gestalt ist rund.

trommeln

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pupille : 22.58 – In dem Moment, da Sie diese Zeilen lesen, sehen Sie mich verwun­dert, stau­nend, ja, sagen wir’s ruhig, glück­lich. Das ist so darum, ich habe gerade bemerkt, wie kleinste Dinge, Lebe­wesen, die eigent­lich nicht sichtbar sind, sichtbar werden, sobald ich sie mit Gedanken berühre. Auch Geräu­sche, die so leise und zart, demzu­folge klein sind, dass ein mensch­li­ches Ohr sie niemals vernehmen könnte, werden hörbar durch ein einzelnes Wort, das sie behauptet. Systo­li­sche Frequenzen, helles Trom­meln, 250 Pulse, kein Wort exis­tiert für jene Musik heim­li­cher Herzen, als die Summe der Pfade, die sich um Annä­he­rung bemühen. Und ihre Augen, ihre Augen jawohl, sie haben Augen, wo werden ihre Augen sein?
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animals

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tango : 22.12 – Ich notiere so leise und behutsam wie möglich. Das erste, noch sehr kleine Blatt eines beschreib­baren Wesens ist in meiner Nähe gelandet. Spazierte, beob­ach­tete den Himmel und als ich zurück­kehrte, war dann alles bereits fertig gewesen. Noch leichte Unruhe auf meinem Schreib­tisch sobald ich mich vorsichtig nähere. Ein wunder­volles Gefühl, die Blicke aber­tau­sender Augen, deren Licht ich nicht sehen, doch spüren kann. Und so sitze hier nun seit Stunden und über­lege, welchen ersten Satz ich mit meinem Licht­stift in das lebende Blatt vor mir eintragen könnte.

morsen

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echo : 0.25 – Gestern, am späten Abend, eine erste Zeile in meinen Bogen lebenden Papiers einge­tragen, einen Satz, den Walter Benjamin vor langer Zeit einmal unter dem Begriff Kaktus­blüte verzeich­nete. Dieser Satz geht so: Der wahre Liebende freut sich, wenn der geliebte Mensch strei­tend im Unrecht ist. – Zärt­lich, ohne zu atmen, arbei­tete ich Zeichen für Zeichen voran. Und als ich fertig geworden war mit einem schlie­ßenden Punkt, lehnte ich mich zurück und wartete. Ich wartete lange. Ich wartete solange, bis ich einge­schlafen war. Dann wachte ich auf und staunte. Sicher ist nun, dass sich Papier­tier­chen mittels einer Sprache verstän­digen, die morsenden Zeichen ähnlich ist. Sie verfügen demzu­folge über Ohren und ihre Stimmen sind hell, sehr hell, sind Fleder­mäusen, Walen und Delphinen nur vernehmbar.
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0,087 mm

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echo : 0.16 – Der kühle Mund eines Papier­tier­chens, sein Jahres­atem, der das Volumen einer Blau­beere füllt. – stop
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jonglieren

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romeo : 0.25 – Stand in einer Schlange wartender Menschen, machte Rechen­übungen im Kopf. Nach fünf oder zehn Minuten konzen­trierter Arbeit war ich dann soweit gekommen, einzu­sehen, dass jene Zahlen­größen, die ich jonglierte, mein Denk­ver­mögen deut­lich über­for­derten. Rech­nete bald in meinem Notiz­buch notie­rend mit Blei­stift­zahlen weiter voran: Erstens / Ein Papier­tier­chen, sobald es seine Arme streckt, misst 0,087 mm von Ost nach West. Zwei­tens / 2413 Papier­tier­chen säumen den Rand eines beschreib­baren lebenden Papiers an seiner schmalen Seite, 3218 Papier­tier­chen des selben Papiers an seiner längeren Seite. Drit­tens / 7765034 Papier­tier­chen sind Teile einer Struktur, der ich einen Namen zu geben habe. – Wunder­bare, frühe Nacht. Ein großer Frieden in ange­nehmer Span­nung. Alle sind sie jetzt da, sitzen an meinen Zimmer­wänden und rühren sich nicht. – Guten Morgen!
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animals

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india : 10.02 – Ein lebendes Blatt Papier, nach wie vor heiter, welches aus Millionen mobiler Einheiten oder Persön­lich­keiten bestehen würde, könnte immer dann als eine Rechen­ma­schine betrachtet werden, wenn jedes der zu dem Blatt gehö­renden Indi­vi­duen für sich im Stande wäre, zwei oder weitere Zustände, zum Beispiel hell oder nicht hell, anzu­nehmen und den Status dieser Selbst­ver­fas­sung mittels einer Sprache an benach­barte Indi­vi­duen weiter­zu­geben. Ja, das ist denkbar, eine Rechen­ma­schine, die sich vorsätz­li­cher Weise in Luft auflösen und wieder aus der Luft heraus vereinen könnte. – stop
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subway

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sierra : 22.01 – Immer wieder der Eindruck, Menschen würden mittels raschelnder Zeitungen in U-Bahn­wa­gons mitein­ander spre­chen. Eine Weile ist Ruhe, aber dann blät­tert jemand eine Seite um, und schon knis­tert der Zug in einer Weise fort, dass man meinen möchte, die Papiere selbst wären am Leben und würden die Lesenden bewegen. Einmal habe ich mir Zeitungs­pa­piere von beson­derer Substanz vorge­stellt, Papiere von Seide zum Beispiel, geschmei­dige Wesen, so dass keinerlei Geräusch von ihnen ausgehen würde, sobald man sie berührte. Eigen­tüm­liche Stille verbrei­tete sich sofort, Leere, ein Sog, eine Wahr­neh­mung gegen jede Erfah­rung.- stop. / dezem­ber­clone 2007

oulipo

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tango : 22.02 UTC – Wie wunderbar : Oulipo. Es geht um die Erfin­dung des Realen, um Dinge, die sind, und um Dinge, die poten­ziell möglich sind. – Der kühle Mund eines Papier­tier­chens, sein Jahres­atem, der das Volumen einer Blau­beere füllt. – stop

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