sierra : 20.34 — Eine Filmdatei existiert seit Jahren im Gedächtnis meiner Computermaschine. Ich habe diese Datei noch nie geöffnet. Sie soll Bilder enthalten, die den gewaltsamen Tod des Journalisten Daniel Pearl vor laufender Kamera zeigen. Immer wieder der Gedanke, die Frage, was ich unternehmen, was ich fühlen, wie ich leben würde, wenn ich wüsste, dass Bilder des Todes eines von mir geliebten Menschen, seine Erniedrigung, seine Verzweiflung betrachtet werden oder betrachtet werden könnten von Abertausenden wilder und fremder Augenpaare. — Kann man mit einer Hydra verhandeln? — stop
Aus der Wörtersammlung: bilder
tian’anmen
olimambo : 23.32 — Das Gespräch am späten Abend mit Din. Ihre leise, singende Stimme. Sie sei, als die Panzer kamen, in eine Seitenstraße geflüchtet. Wie sie ihre Augen schließt, wie sie sagt, sie habe keine Menschen mehr gesehen nach kurzer Zeit, einige Freunde nur, die sich an die Wände der Häuser drückten. Die Hand ihrer großen Schwester. Die Luft, die auf ihrem kleinen Körper bebte. Aber Menschenstille. Wie sie nach Wörtern sucht, nach Wörtern in deutscher Sprache, die geeignet wären, zu beschreiben, was sie in dem Moment, da ich auf die Fortsetzung ihrer Erzählung warte, hört in ihrem Kopf. Das feine, das seltsame Lächeln auf ihrem Gesicht, als sie am Ausdruck meiner Augen bemerkt, dass ich wahrgenommen haben könnte, dass die Bilder, die ich wusste, tatsächlich geschehen waren, das Massaker auf dem großen Platz, stolpernde Menschen, Menschen auf Bahren, zermalmte Fahrräder, der Mann mit Einkaufstüten in seinen Händen auf der Paradestraße vor einem Panzer stehend. Dann die Flucht ins häusliche Leben zurück wie in ein Versteck, das stumme Verschwinden junger Leben für immer. Staub. Du solltest mit Stäbchen essen, sagt Din, das machst Du so, schau! — stop
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am viktoriasee
himalaya : 0.01 — Bilder. Bildschirmbilder, die ich wahrnehme, die mich berühren, weil meine Augen, mein Gehirn sie wahrnehmen, flüchtig, im Vorübergehen, im Nebenbeisehen. Ein Fischerboot auf dem Victoriasee. Wie lebende dunkelhäutige Männer in Shorts (sie stehen balancierend in ihrer hölzernen Schale) dunkelhäutige leblose Körper ohne Shorts in ihren Netzen aus dem Wasser ziehen. Das leuchtende, hellblaue Fleisch der Toten, die in Ruanda gewaltsam ihr Leben verloren, Nilbarschspeisefische haben von ihren Körpern gefressen. Zwei Tage lang ein Loop (CNN) vom Leichenfang, dann verschwanden die Bilder aus der Übertragungswirklichkeit.- stop
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mauritius
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~ : louis
to : Mr. lichtenberg
subject : MAURITIUS
Mein lieber Lichtenberg, wie unermesslich meine Freude, seit ich weiß, dass Sie lesen, was ich notiere. Noch immer bin ich wie benommen, sitze herum und überlege, ob sich nun meine Schreibwelt möglicherweise wesentlich verändern wird. Nicht leicht, für einen kleinen Schriftsteller, wie ich einer bin, zu wissen, wer von oben her zusieht, ohne sofort alle Unbefangenheit zu verlieren. Nehme an, Sie haben einen vollständigen Blick auf mich, auf meine Person, nicht nur auf Zeichen und Bilder. Ganz sicher beobachteten Sie deshalb meinen Luftsprung gestern, kurz nachdem ich das Postfach geöffnet hatte. Ihr Brief, das wunderbar kräftige und raue Papier des Couverts, ein Stempel auf einer blauen Marke. Eine Mauritius, nicht wahr? Ich habe, nein, nein, ich habe sie nicht übersehen und wenn ich mich nicht irre, ausgesorgt, mit Ihrer Hilfe bis an mein Lebensende. Jetzt frage ich mich natürlich, schreiben Sie denn noch mit der Hand dort oben? Sitzen Sie auf Stühlen oder schweben sie herum und denken sich alles nur aus und sofort aufs Papier? Wird noch Nacht und Tag oder ist immerzu das richtige Licht, so wie Sie’s gerade brauchen? Ob sie mir wohl manchmal zuhören, verzeichnen, was ich spreche, wenn ich träume? — Ihr Louis, mit herzlicher Freude!

feuernelken
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nordpol : 0.01 — In der vergangenen Nacht Feuernelken geträumt, auch Wale, wie sie durch die Luft schweben, wie sie am Fenster meines Arbeitszimmers vorüber kommen. Manchmal hielt einer der Luftwale an und spähte zu mir herein und ich dachte, sie lächeln vielleicht. Ich bin dann doch noch aufgewacht und habe gearbeitet und sehr ernsthafte Gespräche mit meinem Fernsehapparat geführt, weil er sich immer wieder einschalten wollte und bewegte Bilder zeigen von einem Krieg, dessen sofortiges Ende ich für alle unschuldigen Menschen dort sehr dringend erhoffe. Die Gravitation der Wut, der Verzweiflung, der Trauer, die weiteres Schweigen und weitere Bewaffnung erzeugt. — stop

kongo
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india : 5.55 — Sobald ich einen Satz seltsamer Dinge gedacht habe, freu’ ich mich, kann dann nicht bleiben, springe auf, wenn ich sitze, oder springe in die Luft, wenn ich bereits auf meinen Beinen gestanden habe. Vielleicht würde ich lächeln, wenn ich mich selbst bei der Arbeit beobachten könnte. Ich sollte einmal einen Nachtfilm drehen, wie ich nachts durch die Wohnung hüpfe. Oder in einer U‑Bahn in die Luft springe. Oder im Schlaf ein Rad schlage, weil ich sehr gerne im Schlaf seltsame Dinge vorbereite für Sätze im Wachen. – Ein ganz anderes, seltsames Ding, das ich nicht erfunden habe, ist das Folgende. Ich hörte, im Kongo sollen seit dem Jahre 1998 vier Millionen Menschen in einem Bürgerkrieg getötet worden sein. Sie wurden von der Cholera ausgetrocknet, starben an seelischen Qualen, weil sie Frauen waren, die man vergewaltigte, Macheten trennten sie von ihren Händen, Armen, Beinen, oder sie wurden ganz einfach nur erschossen, ohne dass darüber in unseren Fernsehgeräten gesprochen wurde. Angesichts dieser merkwürdigen Vorstellung habe ich überlegt, dass ich vielleicht lernen sollte, den Schatten nicht gesendeter Bilder wahrzunehmen. Ich könnte mich also hinter einen Bildschirm setzen und würde, das ist denkbar, einen genaueren Blick auf die Welt da draußen haben, als würde ich von vorn betrachten, was dargeboten wird. — stop

lucie
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sierra : 6.02 — Das sind lustige Tage, Tage wie dieser hier nach durcharbeiteter Nacht. Noch immer, drinnen wie draußen, sehr warme und feuchte Hitze. In der Dämmerung schloss ich die Fenster. Auf das Bett waren leichte Tücher gelegt, das luftigste Material, das zu finden gewesen ist, die Fenster verdunkelt, alles bereit, den beginnenden Tag sofort zur Nacht zu machen. Ich lag bald unterm Buch, das mir den Kopf müde macht. Ich dachte, dass ich nichts denken sollte, schaute nach Lichtern, die unter den Lidern in Schlafaugen wandern. Fast war ich weggekommen, als eine Fliege auf meiner Schulter landete und sofort mit dem Mundstempel nach Salz und anderen Dingen zu forschen begann. Ich sagte, bitte, bitte nicht, Lucie, heute bitte nicht, ich muss schlafen. Und so erhob sich Lucie in die Luft und ich hörte, wie sie eine langsame, traurig summende Runde linksherum durch mein Zimmer flog. Dann schlief ich ein und träumte zwei blaue Schnecken. Sie waren von kühler Temperatur und hatten sich wie Polarfüchse in einer Schneehöhle, in meine Augenhöhlen gelegt. Als ich wach wurde, als ich zunächst wach geworden war, wie immer mit geschlossenen Augen, hörte ich Gewitterdonner, dann entdeckte ich Lucie in nächster Nähe. Sie hatte sich, während ich träumte, vorsichtig auf den Rücken meiner linken Hand gesetzt und ihre Beine angezogen, sodass sie nicht saß, vielmehr auf mir lag. Ja, ist es denn Fliegentieren möglich, die Augen zu schließen? — stop
chatraupe
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olimambo : 0.10 – Auf dem Fensterbrett. Schau auf die Straße hinunter und höre seltsamen Schwalben zu, wie sie pfeifend und fressend durch die Nachtluft flitzen. Angenehme Stunde, obwohl mir gerade nichts einfällt, weil befangen von Fernsehbildern, die ich vor einer Stunde noch beobachtet habe. Froh, dass ich das Fernsehgerät endlich ausschalten konnte. Und wenn ich nun vom Fenster aus ins Zimmer schaue, sehe ich einen weiteren Text, als meinen schweigenden Text, zeilenweise auf dem Bildschirm meiner großen Schreibmaschine entstehen, ohne dass ich zur Entstehung dieses Textes etwas beitragen müsste. Der Text schreibt sich langsam, schwingend wie eine Raupe vorwärts. Natürlich ist dieser Text auf dem Bildschirm kein Lebewesen, wie eine Raupe ein Lebewesen ist, das sterben, also aufhören könnte. Dieser Text ist das Ergebnis einer Schreibarbeit, die fünfundzwanzig oder sechsundzwanzig Menschen in diesem Moment in ihren Chatprogrammmasken verrichten. Der Verdacht, der Text schreibt sich auch dann, wenn ich nicht anwesend bin. — Acht Uhr zwölf in Rangen, Burma. — stop

milchstraße
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0.15 — Die Wahrnehmung, dass ich Sternbilder, die ich als Kind noch ausdeuten konnte, in meinem Kopf und auch am Himmel nicht wieder finden kann.

lou reed
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0.15 – Stimmung fiebriger Heiterkeit. Der Eindruck, dass ich mich auf einem Dampfschiff befinde. Leise wummerndes Stampfen der Maschinen. Vorhin hat mir ein freundlicher Schiffsdoktor kühlende Salben gebracht für die Brust, einen Saft, der die Temperatur senken soll, in einer merkwürdig blauen Farbe, und Tropfen für die Nase, die doch noch völlig in Ordnung ist. Eine Armlänge entfernt auf dem Boden steht eine leise pfeifende Kanne Tee. Das hört sich ein wenig so an, als würde die Kanne zu mir sprechen, weil ich heute selbst meine bewegten Bilder von Tag und Nacht durcheinander spiele. Da ist John Lurie. Er lagert in Brooklyn vor einem Tabakwarenladen und spielt sein Saxofon. Und da ist Lou Reed. Er raucht wie der Teufel, während er erzählt, dass er sich vor den Schweden fürchte. Und da sind Geckos, fingerlange Geckos, hellblau, ein Rudel. Sie jagen über die Decke meines hölzernen Zimmers dahin. — stop




