bamako : 18.15 — Früher Abend. Viel Regen. Kein Wind. Ich sitze in einem Krankenhaus am Bett eines Menschen, der schläft. Der Mensch, von dem ich erzähle, ist zurzeit ein Schlafmensch. Er schläft seit 106 Stunden ohne Unterbrechung, weil er in einen Tiefschlaf versetzt wurde, weil seine Lunge sehr krank geworden ist, ich ahne, er wird weitere 106 Stunden schlafen, ehe man ihn wecken wird. Ein seltsamer Tag. Maschinen, die mit Schläuchen und Sensoren nach dem schlafenden Menschen greifen. Sie piepsen, wenn sie nicht zufrieden sind. Ich habe an diesem seltsamen Tag gelernt, dass es nicht leicht ist einem schlafenden Menschen aus einem Buch vorzulesen. — stop

Aus der Wörtersammlung: regen
bambus vol. 2


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echo : 1.08 — Wie Menschen nun Handys nicht länger an ihre Ohren halten, sondern vor den Mund. Vielleicht auch deshalb, um gleichzeitig sprechen und lesen zu können, sprechen also und hören und noch etwas Weiteres tun. — Wieder Nacht. In einem Moment der Stille beobachtete ich vor wenigen Minuten ein Bücherregal, das in meinem Arbeitszimmer steht. Ich meinte wieder einmal, ein Geräusch wahrgenommen zu haben, in etwa hörte sich das so an, als würde man ein Ohr an ein Bambusrohr legen, durch welches Kieselsteine fallen. Zunächst meldete sich das Geräusch links oben unter der Decke, wo sich Bücher befinden, die ich bisher nicht gelesen habe, wartende Bücher, sagen wir, Mahnende. Kurz darauf wanderte das Geräusch in die Mitte des Regals, Christoph Ransmayr klimperte, John Berger, Janet Frame, Antonio Tabucchi. Ich hatte für einige Minuten den Eindruck, das Geräusch oder seine Ursache könnte sich vervielfältigt haben. Wenn nun folgendes geschehen wäre, dass sich die Bücher meines Regals in Funkbücher verwandelten, in Bücher, die nur vorgeben, Bücher von Papier zu sein, in Bücher also, die über Seiten verfügen, die eigentlich Bildschirme sind, die man umblättern kann. Dann wäre denkbar, dass ich jenes typische Geräusch vernommen habe, das in genau dem Moment entsteht, da der Autor eines Buches mittels Funkwellen eine erneuerte Fassung seines Werkes in die Zimmer der Welt entsendet. Ich muss darüber nachdenken, was die Möglichkeit oder die Existenz der Funkbücher bedeuten würde für das Schreiben, für das Aufhören können, für Anfang und Ende einer Geschichte. Und wenn nun Jean Pauls Komet in meinem Zimmer rascheln würde, oder Dantons Tod, Georg Büchner? – Noch zu tun: Regenwörter erfinden. — stop

von schlafenden händen
nordpol : 2.32 — Der Fotograf Raymond C. erzählte folgende Geschichte. Er habe einige Wochen auf Fährschiffen gearbeitet, die unentwegt seit über einem Jahrhundert zwischen den Inseln Manhattan und Staten Island pendeln. Während der ersten Woche seiner Schiffreise habe er versucht, in der Dunkelheit die Silhouette Brooklyns zu fotografieren, das sei keine leichte Sache gewesen: Du musst Dir vorstellen, diese schönen orangefarbenen Schiffe liegen zwar schwer im Wasser, und doch taumeln sie seitwärts und auf und ab dahin. Ich habe nach einigen Tagen bereits aufgegeben, richtete mein Objektiv nun gegen das Wasser, fotografierte Treibgut in nächster Nähe, das mit dem Hudson River stromabwärts reiste. Wenn Du lange Zeit durch den Sucher Deiner Kamera ins Wasser blickst, wirst Du Dich über Regenschirme, Kinderwagen, Autoreifen, Matratzen nicht länger wundern, es ist so, als gehörten sie wie kleinere und größere Seevögel natürlicherweise in den Fluss. Ich habe Flaschen porträtiert, tote Katzen, Schaufensterpuppen, man muss gut aufpassen, rechtzeitig auf den Auslöser drücken, die Schiffe fahren schnell, einmal sei ein Mann über Bord gesprungen. An einem Juniabend fuhr Raymond fort, habe er sich nach erfolgreicher Arbeit müde auf eine Bank des Promenadendecks der John F. Kennedy gesetzt, er sei dort für einen Augenblick eingeschlafen und habe in diesem Moment des Schlafens mit der Fotokamera in der rechten Hand ohne Vorsatz seine linke, also seine schlafende Hand fotografiert. Raymond entdeckte diese so seltene wie unerwartete Aufnahme, während er in der Metro heimwärts fuhr. Nachts, in seinen Ateliers in Queens, habe er sich dann an seinen Küchentisch gesetzt, habe seine Kamera auf ein Stativ geschraubt und über der Tischplatte in Stellung gebracht. — stop

who is fred wesley?
tango : 2.30 — Heiterer Stimmung war ich gestern Abend der Geschwindigkeit, mit welcher Waren, die ich kaufte, an der Kasse eines Supermarktes behandelt wurden, nicht gewachsen, vielleicht deshalb, weil ich überhaupt langsamer geworden bin, oder weil ich in dem Augenblick, da meine Ware über einen Scanner bewegt wurde, darüber nachdachte, ob es sich bei E‑Mails, die ich manchmal schreibe, noch um Wesen handelt, die man als Schriftstücke bezeichnen könnte. Ohnehin drohte ein Fiasko, da sich die Waren, die gerade in meinen Besitz übergegangen waren, hinter dem Fließband ineinander schoben wie Packeisschollen auf dem Atlantik vor Grönland. Eine junge kolumbianische Assistentin kam glücklicherweise bald zu Hilfe, ich führte mehrere gefaltete Papiertüten mit mir, die sehr sorgfältig bepackt werden mussten. Sie sprach nur wenige Wörter meiner Sprache, und sie schwitzte indessen und versuchte mir zu erklären, dass es in ihrem Land noch viel wärmer sei als bei uns in Europa, aber dass sie dort, auch im Regenwald nicht, niemals so heftig schwitzen würde wie hier, die Klimaanlage sei ausgefallen, dass ich etwas langsamer sei als üblich, wäre geradezu vernünftig. Ja, vermutlich bin ich langsamer geworden, und ich dachte, man könnte einmal Schnellkassen in dem Sinne bedenken, dass dort rasende Menschen mit rasenden Händen rasende Geldbörsen bedienen, alles ginge dort so schnell, dass man als ein langsamer Mensch, auf der anderen Seite der Zeit befindlich, nur noch Unschärfen in der Luft wahrnehmen würde, nicht aber einkaufende Personen, während einer wie ich als eine Fotografie erscheinen würde, als Etwas, das sich niemals bewegt. — Kurz nach zwei Uhr. Wunderbar kühle Luft. Who is Fred Wesley? — stop

onkel ludwig
tango : 1.38 — Mein alter Onkel Ludwig, der wirklich schon sehr alt ist, berichtet, er habe errechnet, wenn er noch in der Lage wäre, jeden Tag 300 Seiten eines Buches zu lesen, wenn er außerdem noch fünf Jahre lesend erleben dürfte, würde er, bei guter Führung, 1825 weitere Bücher zu sich nehmen. Das könnte genügen, sagte Onkel Ludwig. Er ist übrigens noch gut zu Fuß, man kann ihn morgens gegen 10 Uhr beobachten, wie er die Treppen zur Stadtbibliothek erklimmt. Er kommt mit der Straßenbahn dort an, heimwärts, schwere Büchertaschen tragend, nimmt er ein Taxi. Manchmal sitzt er noch ein oder zwei Stunden im Café Mozart, er liebt Käsekuchen und Mohnschnitten von Herzen. Ich glaube, heute ist Mittwoch, heute wird er ein Buch der Schriftstellerin Yoko Ogawa zu sich nehmen, so ist sein Plan, in diesem Buch soll ein Elefant auf dem Dach eines Kaufhauses leben. Gerade eben leichter Gewitterregen. Das wird sicher sehr warmes Wasser sein, das vom Himmel fällt. Guten Morgen! — stop

timi
nordpol : 5.32 — Seit fünf Tagen bereits versuche ich von einem Zimmer zu träumen, in dem es immerfort regnet. Ich mache das so, dass ich in den Minuten, da ich einzuschlafen wünsche, überlege, wie es wäre, wenn in dem Zimmer, in dem ich mich gerade befinde, Regen fallen würde. Diese Methode des Regendenkens ist leider bislang nicht sehr erfolgreich gewesen. Einmal schlief ich ein. Als ich erwachte, hörte ich wirklichen Regen draußen in den nächtlichen Bäumen. Ich ging dann spazieren, dachte finnisch klingende Namen aus: Satu N. Mäkela . Annukka R. Timi. Helena Paivi . Jonathan Paivi . Janne Ollila. Zwei dieser ausgedachten Namen zeitigen Spuren wirklicher Menschen in der Sphäre der Suchmaschinen, einer scheint männlicher Natur zu sein, obwohl ich ihn weiblich überlegte. — stop

alexandros panagoulis
alpha : 2.58 — Ich beobachtete einen jungen Mann, der lange Zeit neben einer Ampel vor einer Kreuzung stand, eine vornehme und zugleich merkwürdige Erscheinung. Der Mann trug einen eleganten, grauen Anzug, hellbraune, feine Schuhe, ein weißes Hemd und eine Krawatte, feuerrot. Er machte etwas Seltsames, er setzte nämlich seinen rechten Fuß auf die Straße, um ihn sogleich wieder zurückzuziehen, als ob der Belag der Straße zu heiß wäre, um sie tatsächlich betreten zu können. Das ging eine Viertelstunde so entlang, ein früher Nachmittag, es regnete leicht. Der Mann schien nicht zu bemerken, dass ich ihn beobachtete. Um uns herum waren sehr viele Menschen unterwegs gewesen, die die Kreuzung Broadway Ecke 30. Straße schnellfüßig unter sich drehenden Regenschirmen überquerten. Für einen Augenblick hatte ich den Eindruck, der Mann würde sich verhalten wie eine Figur in einem sehr kurzen Film, der sich unablässig wiederholte. Einmal bleibt eine ältere Frau neben ihm stehen, sie schien zu zögern, aber dann trat sie doch entschlossen auf die Straße, um kurz darauf zurückzukehren und dem jungen Mann eine Tüte Nüsse zu überreichen. In genau diesem Augenblick ließ ich los und spazierte weiter in Richtung South Ferry, ohne mich noch einmal nach dem jungen Mann umzudrehen. — Kurz vor drei Uhr. Noch Stille draußen vor den Fenstern, kühle Nacht. Erinnerte mich vor wenigen Stunden an Alexandros Panagoulis, an das vorgestellte Bild des Dichters, wie er im griechischen Militärgefängnis Bogiati in einer Zelle sitzt. Er ist ohne Papier, er notiert Gedichte, die er aufhebt in seinem Kopf. Lange musste ich nach seinem Namen suchen, er war verschwunden gewesen, als hätte ich nie von ihm gelesen. — stop

von regenschirmen
romeo : 6.48 — In der Dämmerung die Vorstellung, ich würde unter Bäumen liegen, Vögel singen, was für ein wunderschöner Morgen, es ist warm, es ist kurz vor fünf. Ich höre wie sich ein großes Tier durchs Unterholz bemüht, das könnte ein Bär sein oder ein Hirsch oder ein Bison. Häuser existieren an diesem Morgen keine, weder Briefkästen noch Fahrräder, ich ruhe auf Blättern, die ich am Abend zuvor zu einem Haufen legte. Es ist vielleicht das Jahr 8022 vor Beginn unserer Zeitrechnung. Ich ahne noch nicht, dass ich bald eine Tasse Kaffee begehren werde. Ich bin glücklich, ich bin noch keinem Wolf begegnet. Aber ich habe, glaube ich, die Apparatur eines Regenschirms bereits erfunden, sie ist, wie mein Bett, von hölzernen Stäbchen und Blättern gefertigt. Vermutlich werde ich an einem weiteren Tag in demselben Leben erkennen, dass ich aus einem größeren Regenschirm ein Haus bauen könnte, heute aber, in der Morgendämmerung, gerade beginnen die Vögel zu singen, ich bin noch schläfrig, noch kein Erfindergeist. Es ist warm, es existieren weder Häuser noch Fahrräder, noch Briefkästen, noch Uhren. — stop

von nelken
echo : 6.10 — Ich beobachtete eine alte Frau, wie sie unter einem Regenschirm im Garten kniend Nacktschnecken von Nelkenblumen pflückte. Neben sich hatte die alte Frau einen kleinen Eimer abgestellt, der sich allmählich mit Schneckenkörpern füllte. Heftiger Regen. Ich konnte den Regen hören, wie er auf den Schirm der alten Frau trommelte. Und ich hörte eine helle Stimme, die mit sich selbst oder zu den Schnecken sprach. Immer wieder einmal stand die alte Frau vorsichtig auf, um in ihr Haus zurückzukehren. Sie klopfte dann ihre Schuhe ab, stand hinter dem Fenster, schaute in den Garten und wartete, bis weitere Schnecken ohne Häuser in die Nähe ihrer Nelken gekommen waren. Diese Schnecken reisten nicht von der Seite her an, sondern kamen tatsächlich von unten aus dem erdigen Boden herauf. Waren es wieder viele Schnecken geworden, kehrte die alte Frau zurück in ihren Garten und erneut hörte ich den Regen und eine helle Stimme. Ich hatte bald den Eindruck, diese Schnecken, die unablässig aus dem Boden stiegen, könnten rein aus etwas Haut und klarem Wasser bestehen, es waren derart viele, dass sie ganz einfach zunächst winzige Wesen sein mussten, die sich zu ihrer vollen Entfaltung mit Wasser füllten, sobald es regnete. Nach drei Stunden war der Eimer gefüllt und die alte Frau deckte ihn mit einem Kochtopfdeckel zu, holte aus dem Haus einen weiteren Eimer, der etwas größer gewesen war, als der erste Eimer. Es dämmerte, dann war es dunkel, und als es richtig dunkel geworden war, finster, kehrte die alte Frau mit einer Taschenlampe in den Garten zurück. Sie trug jetzt Gummistiefel an den Füßen und ein Nachthemd und es regnete noch immer. — stop

chicago
tango : 6.05 — Im Palmengarten abends bei leichtem Regen auf einer Bank. Neben mir saß ein Mann, der mich nicht sehen, aber hören konnte. Ich bemerkte nicht sofort, dass er blind war, weil ich unter einem Regenschirm saß, auch der Mann hatte einen Regenschirm über sich aufgespannt. Kaum hatte ich Platz genommen, notierte ich zunächst eine Liste von Büchern in mein Notebook, die sich mit der Arbeitswelt der Menschen beschäftigen. Sie schreiben schnell, sagte der Mann plötzlich, sie sind wohl geübt. Sie haben vielleicht etwas im Kopf, das sie loswerden wollen. Als ich mich dem Mann zuwendete, bemerkte ich, dass er den Regenschirm in eine langsame Drehung versetzt hatte, sein Gesicht konnte ich nicht erkennen. Wenn das meine Schreibmaschine wäre, könnte ich Ihnen genau sagen, was sie gerade geschrieben haben. Ich kann hören, was meine Schreibmaschine schreibt. Der Mann machte eine kurze Pause. Was haben sie denn aufgeschrieben, wollte er dann wissen. Ich antworte: Einige Namen, Namen, die sie vielleicht schon einmal gelesen haben. Melville. Bukowski. Upton Sinclair. Max von der Grün. – Gelesen nicht, antwortete der Mann, aber gehört habe ich zwei der Namen. Upton Sinclairs Dschungelbuch existiert in englischer Sprache als Hörbuch für Blinde oder für Menschen, die nicht lesen wollen. Ich würde gerne lesen, aber das geht ja nicht so leicht, wenn man nichts sieht. Der Mann lachte. Ich höre dem Regen gerne zu, aus meiner Sicht der Dinge ist das so, als würde der Regen schreiben, hören Sie, wie es regnet, wie es schreibt. Ist das nicht wunderbar! – Ich fragte den Mann, ob er denn lesen oder hören könne, was der Regen genau notiert in diesem Augenblick. – Aber natürlich, antwortete der Mann, es ist mit jedem Regen etwas anderes, nicht wahr, der Regen, der auf das Meer fällt, erzählt etwas anderes, als dieser Regen hier, der über einem kleinen See niedergeht. Für einen Moment stand der Regenschirm neben mir ganz still. Ich hörte ein Flüstern: Dieser Regen hier erzählt von Chicago. — stop
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