chicago

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tan­go : 6.05 — Im Pal­men­garten abends bei leichtem Regen auf ein­er Bank. Neben mir saß ein Mann, der mich nicht sehen, aber hören kon­nte. Ich bemerk­te nicht sofort, dass er blind war, weil ich unter einem Regen­schirm saß, auch der Mann hat­te einen Regen­schirm über sich aufges­pan­nt. Kaum hat­te ich Platz genom­men, notierte ich zunächst eine Liste von Büch­ern in mein Note­book, die sich mit der Arbeitswelt der Men­schen beschäfti­gen. Sie schreiben schnell, sagte der Mann plöt­zlich, sie sind wohl geübt. Sie haben vielle­icht etwas im Kopf, das sie los wer­den wollen. Als ich mich dem Mann zuwen­dete, bemerk­te ich, dass er den Regen­schirm in eine langsame Drehung ver­set­zt hat­te, sein Gesicht kon­nte ich nicht erken­nen. Wenn das meine Schreib­mas­chine wäre, kön­nte ich Ihnen genau sagen, was sie ger­ade geschrieben haben. Ich kann hören, was meine Schreib­mas­chine schreibt. Der Mann machte eine kurze Pause. Was haben sie denn aufgeschrieben, wollte er dann wis­sen. Ich antworte: Einige Namen, Namen, die sie vielle­icht schon ein­mal gele­sen haben. Melville. Bukows­ki. Upton Sin­clair. Max von der Grün. – Gele­sen nicht, antwortete der Mann, aber gehört habe ich zwei der Namen. Upton Sin­clairs Dschun­gel­buch existiert in englis­ch­er Sprache als Hör­buch für Blinde oder für Men­schen, die nicht lesen wollen. Ich würde gerne lesen, aber das geht ja nicht so leicht, wenn man nichts sieht. Der Mann lachte. Ich höre dem Regen gern zu, aus mein­er Sicht der Dinge ist das so, als würde der Regen schreiben, hören Sie, wie es reg­net, wie es schreibt. Ist das nicht wun­der­bar! – Ich fragte den Mann, ob er denn lesen oder hören könne, was der Regen genau notiert in diesem Augen­blick. – Aber natür­lich, antwortete der Mann, es ist mit jedem Regen etwas anderes, nicht wahr, der Regen, der auf das Meer fällt, erzählt etwas anderes, als dieser Regen hier, der über einem kleinen See niederge­ht. Für einen Moment stand der Regen­schirm neben mir ganz still. Ich hörte ein Flüstern: Dieser Regen hier erzählt von Chica­go. — stop

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