alpha : 8.06 — Seit Tagen denke ich darüber nach, weshalb mich die Ansicht japanischer Fesselbombenballone irritiert. Ich komm nicht dahinter. Vielleicht einmal eine Geschichte erzählen, die von oder mit Bombenballonen handelt, eine Art fabulierende Denkbewegung, die die Substanz dieser seltsamen Idee in meinem Leben wirklicher, greifbarer werden lässt. Nicht also erfinden, sondern etwas Gefundenes buchstabieren, um es genauer denken oder überhaupt als etwas Eigenes spüren zu können. Gestern Abend noch erzählte ich in einem Gespräch von Zeppelinkäfern, wie sie durch meine Wohnung schweben. Ich erzählte in einer Weise, dass ich eher sagen müsste, dass ich von der Erscheinung der Zeppelinkäfer in meinem Zimmer berichtete, weil sie, im Februar zunächst wortweise auf Notizpapier gesetzt, für mein Gehirn zur einer wirklichen Erscheinung geworden sind. — Eine beruhigende Beobachtung. — stop

Aus der Wörtersammlung: wohnung
ein bauch voll licht
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alpha : 0.01 — Kurz nach Mitternacht, also Nachmittag. Ich habe gerade eine Tasse heißer Schokolade getrunken, und wie immer, wenn ich Schokolade getrunken habe, meine ich, vom Licht uralter Glühbirnen genascht zu haben. Jetzt stehe ich mit einem warmen Bauch voll Licht vor einem Fenster, hinter dem polare Kälte knistert. Ja, eine angenehme Nacht ist angebrochen. Ich könnte gleich eine Reise beginnen. Ich stelle mir eine Lesezeit wie eine Reisezeit vor? Ich setze mich auf mein Sofa, öffne ein Buch gesammelter Geschichten, sagen wir, gesammelter Geschichten aus aller Welt, und lese. Ich lese fünf Stunden, ohne einzuschlafen, weil die Geschichten, die ich lese, gute Geschichten sind. Dann trinke ich Kaffee und laufe ein wenig in der Wohnung herum. Dann schlafe ich. Dann lese ich weiter. Dann schlafe ich wieder. Habe ich ausreichend Wasser, Enten, Brot für eine Woche? — stop

mrs. callas betrachtet raissa orlowa und lew kopelew
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nordpol : 0.01 — Kam von einem Besuch bei Freunden nach Hause zurück, und wie ich so in meine Wohnung stolperte, entdeckte ich Mrs. Callas, die weinend vor einer Fotografie stand, vor einer Schwarz-Weiß-Fotografie, die ich seit vielen Jahren besitze und mir immer wieder sehr gerne ansehe. Natürlich wunderte ich mich, dass Mrs. Callas weinte, weil die Fotografie zwei alte Menschen zeigt, eine Frau und einen Mann, die friedvoll Seite an Seite in einer Küche an einem Tisch sitzen. Raissa Orlowa, liest ihrem alten Mann, Lew Kopelew, vielleicht aus einem Buch vor. Und ich fragte Mrs. Callas, warum sie denn weinen würde, das sei doch eine sehr beruhigende Fotografie. Ich glaube, setzte ich hinzu, sie sind glücklich. Mrs. Callas antwortete unverzüglich mit Ernst in der Stimme, ja, das sind sie, glücklich, ganz sicher sind sie sehr glücklich. Ich wünsche mir für mich ein Ende wie dieses hier an der Wand, Mr. Louis. Sie müssen mir ein anderes Ende schreiben! – Und so sitze ich nun müde auf dem Sofa und notiere diese Geschichte, während Mrs. Callas mich hoffnungsvoll beobachtet. Wie nur könnte ich sie trösten, weil ich doch vor ihrem Schicksal ohnmächtig bin? Vielleicht könnte ich erzählen, dass ich Lew Kopelew in München einmal für wenige Sekunden begegnete. Ich könnte ihr beschreiben, wie er mir am Hauptbahnhof aus einer Menschenmenge heraus entgegenkommt, wie ich seine Erscheinung, seine stattliche Größe, seinen schlohweißen Bart bewundere. Und ich könnte Mrs. Callas berichten, wie Lew Kopelew meinen Blick bemerkt, wie er mich freundlich betrachtet und wie er meinen nickenden Gruß erwidert, weil er in meinem Blick gesehen haben wird, dass ich ihn für lange Zeit gelesen habe und immer wieder lesen werde. – Ja, vielleicht sollte ich Mrs. Callas von diesen Sekunden meines Lebens erzählen, und dass es erholsam sein könnte, sich zunächst einmal zur Ruhe zu legen für zwei oder drei Tage.
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fliegender wal
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kapriole : 3.15 — Das neue Lebensjahr beginnt voller Zuversicht mit Freunden unter gebratenen Vögeln und Fischen. – Mari Boine idjagiedas. – Bewegtes Bild dieser Nacht. Wie ich einem Zimmeraquarium einen Zwergwal entnehme, wie ich das fingerlange Tier durch die Wohnung trage, wie ich ihm vom Fliegen erzähle. — stop

mumbai — darjeeling
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echo : 8.55 — Das 8‑jährige Mädchen Puja in dem Dokumentarfilm Geboren im Bordell, von dem man berichtet, dass es in seinem Leben noch nie Nein gesagt haben soll. Ein düsterer Ort an dem Puja lebt, orangefarbene, von Fliegen umschwirrte, rußige Glühbirnen, eine vollkommen überfüllte Wohnung, Schmutz, der Lärm der Freier Tag und Nacht. Und doch gibt es etwas in Pujas Leben, das ihr Freude bereitet. Sie besitzt einen Fotoapparat. Sie geht mit ihm auf die Straße und fotografiert Passanten. Das sind feine Aufnahmen, die Puja macht, kein fotografierter Mensch wird böse, sobald sich der merkwürdige Fotoapparat Pujas auf sie richtet. Da steht ein kleiner Mensch in einem roten Kleid, dessen Kopf sich in eine Maschine mit zwei Augen verwandelt. — Mitternacht. stop. Während ich arbeitete an einer kleinen Geschichte über Billy, den Kentaur, seltsame Stille. Kein Laut von draußen, drinnen nur das sehr langsame Klappern der Tastatur. Jetzt sanfte Gedanken pflegen, Musik hören, ins Café gehen, dann die Vorbereitung einer Reise nach Indien irgendwann wieder einmal aufnehmen: Mumbai – Darjeeling in Zügen.

kongo
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india : 5.55 — Sobald ich einen Satz seltsamer Dinge gedacht habe, freu’ ich mich, kann dann nicht bleiben, springe auf, wenn ich sitze, oder springe in die Luft, wenn ich bereits auf meinen Beinen gestanden habe. Vielleicht würde ich lächeln, wenn ich mich selbst bei der Arbeit beobachten könnte. Ich sollte einmal einen Nachtfilm drehen, wie ich nachts durch die Wohnung hüpfe. Oder in einer U‑Bahn in die Luft springe. Oder im Schlaf ein Rad schlage, weil ich sehr gerne im Schlaf seltsame Dinge vorbereite für Sätze im Wachen. – Ein ganz anderes, seltsames Ding, das ich nicht erfunden habe, ist das Folgende. Ich hörte, im Kongo sollen seit dem Jahre 1998 vier Millionen Menschen in einem Bürgerkrieg getötet worden sein. Sie wurden von der Cholera ausgetrocknet, starben an seelischen Qualen, weil sie Frauen waren, die man vergewaltigte, Macheten trennten sie von ihren Händen, Armen, Beinen, oder sie wurden ganz einfach nur erschossen, ohne dass darüber in unseren Fernsehgeräten gesprochen wurde. Angesichts dieser merkwürdigen Vorstellung habe ich überlegt, dass ich vielleicht lernen sollte, den Schatten nicht gesendeter Bilder wahrzunehmen. Ich könnte mich also hinter einen Bildschirm setzen und würde, das ist denkbar, einen genaueren Blick auf die Welt da draußen haben, als würde ich von vorn betrachten, was dargeboten wird. — stop

vögel
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echo : 6.05 — Eine Frau, sehr alt, sitzt in einem verwüsteten Zimmer auf dem Boden. Ihr Gesicht ist verletzt, das linke Auge erblindet, eine tiefblaue, geschwollene Wunde. Dann ist eine Straße zu sehen. Automobile fahren im Schritttempo schwer bepackt nach Norden oder Süden. Ein Hubschrauber der russischen Armee jagt über diese Straße hin, als würde ein Kinofilm gedreht. Ich schalte das Fernsehgerät aus, schließe die Wohnungstür und trete vor das Haus. Vögel pfeifen, immer pfeifen im Sommer Vögel, wenn ich auf die Straße trete, auch gestern, als wollten sie mir etwas sagen. Vielleicht wollten sie sagen, dreh Dich um, setz Dich an Deine Schreibmaschine, denk nach, versuche herauszufinden im Sucher Deines Seamonkeybrowsers, was dort geschieht vor den kaukasischen Bergen. Gestern, nachmittags, habe ich mich also doch auf den Weg gemacht, um in einem Warenhaus ein weißes Hemd zu kaufen. Zwei Stunden später saß ich im Café vor einer Tasse Schokolade und notierte, warum ich wegen ausgedehnter Beobachtungstätigkeit in dem Versuch scheiterte, ein weißes Herrenhemd zu kaufen. — stop

schreibtischkäfer
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echo : 1.52 — Seit einer Stunde genau wohnt ein Käfer auf meinem Schreibtisch. Der Käfer ist so klein, dass ich ihn zunächst nicht sehen konnte, aber ich konnte ihn riechen, er roch nach heißem Zinn, was doch sehr seltsam war, weil der Käfer, als ich ihn nach längerer Suche endlich gefunden hatte, kühl, wenn nicht kalt in meiner Hand auf dem Rücken lag. Ich war zunächst in die Küche gewandert, um nach meinem Bügeleisen zu sehen, dann öffnete ich die Wohnungstür, inspizierte meinen Kühlschrank, prüfte den Zustand meiner Nase, und kehrte an den Schreibtisch zurück. Jetzt hatte sich der Käfer durch Bewegung verdächtig gemacht. Da war nun also ein Käfer sichtbar geworden unter einer Lupe, und dieser Käfer, der nach heißem Zinn roch, bitter, und süß nach Maschinenöl, trug anstatt eines Panzers Menschenhaut. Als ich ihn mit einem Finger vom Tisch in meine Handfläche schob, öffnete er seine Flügel und kämpfte, um Luft unter seine Tragflächen zu bekommen. Alle Mühe war vergeblich, der Käfer war zu schwer oder doch zu müde, von einer längeren Reise, weiß Gott woher. — Weit nach Mitternacht, schwüle Luft, sitze vor dem Schreibtisch, betrachte den Käfer und der Käfer betrachtet mich. Der Eindruck, wir beide sind nicht sicher, ob wir nicht vielleicht, der eine dem anderen, je ein Albtraum sind. — stop

regenmaschine
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charlie : 0.01 — Während eines Spaziergangs entdeckte ich unlängst im Eingangsbereich einer luxuriösen Wohnanlage eine Regenmaschine. Eine Regenmaschine, werden Sie vielleicht fragen, was ist denn das? Nach Beobachtung, eine halbe Stunde, lässt sich Folgendes notieren. Eine Regenmaschine regnet je für drei Sekunden genau dorthin, wohin ein ordentlicher Regen, der vom Himmel kommt, nicht fallen kann, weil ihn ein Dach, beispielsweise, daran hindert. Eine Regenmaschine hingegen regnet auch unter Dächern oder in Hauseingängen oder in Wohnungen, und auch dann, wenn es gerade einmal nicht vom Himmel regnet, regnet sie im Takt einer Minute. Dieser Regen einer Regenmaschine, wie ich sie vorgefunden habe, ist also ein besonderer Regen, ein Regen, der sich gegen Personen richtet, gegen Straßenbürger, gegen Menschen ohne eigenes Dach über dem Kopf. Organisierter Regen, sagen wir, Regen gegen den Schlaf und diese Dinge. — stop
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wordpress
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echo : 7.15 – Habe ich schon erzählt, dass das Licht des Tages im Zimmer, in dem ich schlafe, als sanftes, schattiges Leuchten erscheint, orangefarben zur Decke hin und in der Höhe meines Bettes in einem tiefen Blau? — Südliches Licht. — Das Licht italienischer Mittagsstunden. — Halbwegs träumend immer wieder durch die Wohnung. Einmal finde ich mich in der Küche wieder, wie ich um 10 Uhr zu nachtschlafender Zeit Kaffee zubereitete. Auch heute ist wieder 10 Uhr geworden und vielleicht schlafe ich in diesem Moment tief und fest oder hoffe, bald tief und fest zu schlafen, während dieser Text von meinem WordPress-Programm freigelassen wird. — stop



