Schlagwort: kontrabass

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basskäfer : es ist samstag

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alpha : 17.15 UTC — Ein Bass­kä­fer ( Coleop­te­ra cham­be­rus ) ist tat­säch­lich in etwa geformt wie ein Kon­tra­bass. Einen Fin­ger lang oder hoch, ver­mag der Käfer zu flie­gen, aber nicht zu gehen. Nähert man sich einem Bass­kä­fer vor­sich­tig, wird man sono­re Töne ver­neh­men, die einem Gehäu­se ent­kom­men, das vor­ne wie hin­ten, oben wie unten, ähn­lich beschaf­fen ist, eine Art Zep­pe­lin­luft­schiff mit einem Kopf, das auf dem Bauch lan­de­te. Das Gehäu­se glänzt als wäre es von polier­tem Holz. Der Käfer scheint nun auf den zwei­ten Blick hin, tat­säch­lich ein Käfer­we­sen zu sein, ins­be­son­de­re sein Kopf zeigt alle Merk­ma­le eines Käfer­kop­fes, Füh­ler, Augen, Mund­werk­zeu­ge, dar­über hin­aus ver­fügt sein zen­tra­ler Kör­per über Deck­flü­gel, wel­che sach­te beben, dar­un­ter ruhen durch­sich­ti­ge Schwin­gen, die den Käfer durch die Luft trans­por­tie­ren, jedoch nicht sehr dau­er­haft oder weit, weil es nicht vor­neh­me Auf­ga­be der Bass­kä­fer ist, her­um­zu­flie­gen, viel­mehr ist vor­neh­me Auf­ga­be der Bass­kä­fer, Geräu­sche zu erzeu­gen, die von der Art der Kon­tra­bassin­stru­men­te sind, so wie wir Men­schen sie ken­nen, weil wir sie erfun­den haben. Des­halb sind an der äuße­ren Gestalt der Bass­kä­fer kei­ner­lei Bei­ne oder Füße zu erken­nen, weil sie sich im Inne­ren des Käfers befin­den. Dort zup­fen sie an Sai­ten von Chi­tin, stun­den- gar tage­lang. Bass­kä­fer schei­nen in die­ser Wei­se mit­ein­an­der zu kom­mu­ni­zie­ren. Sobald ein Bass­kä­fer auf einen Trom­pe­ten­kä­fer trifft, sind bei­de Käfer glück­lich. — stop

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von kreide und schnee

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nord­pol : 22.01 — Far­ben ant­ark­ti­schen Eises auf einem Gesicht, noch Krei­de­far­ben, noch Pig­men­te ohne Öle, Wan­gen, Nase, Lip­pen, Stirn, von flin­ken, träu­men­den Fin­gern im Pro­zess der Arbeit schein­bar ohne Bewusst­sein im Ver­se­hen auf die eige­ne Haut gezeich­net, Anmu­tun­gen von Blau, von Grau, von Weiß, von Schwarz. Es scheint bedeu­tend, wenn nicht unver­zicht­bar zu sein, Far­ben von Schwarz, von Umbra, Kern­schat­ten­far­ben, in die Hand zu neh­men, die Far­ben der Wüs­ten­ge­stei­ne, um das Eis der Ant­ark­tis, das Eis eines grön­län­di­schen Glet­schers vor­aus­zeich­nen zu kön­nen. Ein lei­ses Gespräch, wis­pernd, in dem Sand­ge­stei­ne sich auf die Lein­wand legen, zärt­lich fau­chend, das Licht in den meer­wärts flie­ßen­den Schat­ten, in den Win­keln eines Mun­des. Wie Mel­ly Cus­a­ro, die an einem win­ter­li­chen Tag beschloss, den Mars zu berei­sen, fort­an das Wesen des Eises und des Schnees zu begrei­fen sucht. Wer nach Was­ser for­schen wird in der Welt­raum­fer­ne, sagt sie, muss sich von der Wüs­te und vom Schnee eine prä­zi­se Vor­stel­lung gezeich­net haben. Es schnei­te in Brook­lyn, Schnee lehn­te an Wän­den alter Häu­ser, türm­te sich auf Bal­ko­nen, rie­sel­te im zar­ten Atem eines fast wind­stil­len Tages von den Ulmen. Wer moch­te, konn­te mit Schlitt­schu­hen über die Pro­me­na­de auf den Höhen fah­ren. Wel­ches Geräusch wür­de in der Stil­le ein Kon­tra­bass von Eis erzeu­gen? — stop
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kontrabass

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romeo : 6.15 — Das war­me Licht, das im Holz der Kon­tra­bas­se brennt, ein Glü­hen, in das ich ver­narrt bin, soweit ich zurück­den­ken kann? Die Schu­he eines uralten Bas­sis­ten, wie sie vor dem klei­nen Jun­gen sehr fest auf dem Boden einer Kel­ler­büh­ne ste­hen, wäh­rend die Welt drum­her­um auf­ge­wühlt ist, schwar­ze, spie­gel­blan­ke Schu­he, und irgend­wo weit oben am Schne­cken­turm, dunk­le Hän­de, die wie Ech­sen über Holz und kup­fer­ne Sei­le sprin­gen. Mein selt­sam füh­len­der Bauch. Wun­der­te mich, dass sie mit­ein­an­der spre­chen, wäh­rend sie spie­len, lachen, spa­ßen, sich befeu­ern und beim Namen nen­nen. Hört ich nicht gera­de noch The­lo­ni­us Sphe­re Mon­ks Stim­me wie er im Jah­re 1957 : Col­tra­ne! Col­tra­ne! ruft?  — Wel­ches Geräusch wür­de ein Kon­tra­bass von Eis erzeu­gen? — stop / kof­fer­text

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vom vergessen

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del­ta : 6.58 — Ich übe mich seit eini­gen Stun­den dar­in, mir vor­zu­stel­len, was gesche­hen wür­de, wenn in mei­nem Gehirn ein Pro­zess lang­sa­mer Ent­lee­rung ein­set­zen wür­de. Jedes Wort, das ich dem­zu­fol­ge laut for­mu­lier­te, wür­de zum wei­te­ren Den­ken, aber nicht län­ger für mein Spre­chen zur Ver­fü­gung ste­hen. Nach einer Minu­te bereits wür­de ich mich für eine unbe­stimm­te Zeit, ohne Arti­kel zu ver­stän­di­gen haben. Und weil ich viel­leicht sagen wür­de, — ich fürch­te mich, es ist selt­sam, hel­fen sie mir bit­te! -, wären sofort zehn wei­te­re Begrif­fe ver­lo­ren, die für die Kom­mu­ni­ka­ti­on eines Hil­fe­su­chen­den in der Not kost­bar oder unver­zicht­bar sind. Ich sehe mich, wie ich ver­su­che das Wort BITTE auf ein Stück Papier auf­zu­tra­gen. Aber auch das ist unmög­lich gewor­den, jedes der in die Luft ent­wi­che­nen Wör­ter lässt sich nicht nur nicht spre­chen, son­dern auch nicht schrei­ben. Ich wür­de also, um nicht ganz ver­lo­ren zu gehen, ver­stum­men, ich wür­de ver­su­chen, so wenig wie mög­lich zu spre­chen, um jedes der Wör­ter, die noch mög­lich sind, auf­zu­be­wah­ren bis sie ein letz­tes Mal in je einem beson­de­ren Moment vor­ge­tra­gen wer­den könn­ten. Das Wort KOLIBRI, das Wort KONTRABASS, das Wort SCHREIBMASCHINE. Viel­leicht wür­de ich über­haupt nie wie­der spre­chen, son­dern nur noch schrei­ben. Ich wäre ein Mensch, der einer­seits spre­chen könn­te, ande­rer­seits aber doch ver­stum­men müss­te. Selt­sa­me Sache. — stop

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symphonie

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romeo : 0.01 — Da sind im Kon­zert­saal 8 Kon­tra­bas­sis­ten und sie flüs­tern mit­ein­an­der, wäh­rend sie lei­se etwas Jazz­mu­sik spie­len, viel­leicht weil das schon immer die bes­te Metho­de gewe­sen ist, ein Instru­ment aus dem Schlaf zu holen. Auch der Chor ist schon ein­ge­trof­fen und raschelt mit sei­nen Papie­ren. Eine ent­spann­te Atmo­sphä­re, eine Stim­mung, wie in den Wäl­dern kurz vor Anbre­chen der Däm­me­rung, ers­te Geräu­sche, schon bewuss­te, aber auch noch Traum­ge­räu­sche, alles nur zur Pro­be. Und ich lau­sche und den­ke, dass ich in weni­gen Minu­ten Zubin Meh­ta sehen wer­de, wie er Mah­lers Sym­pho­nie No 3 diri­gie­ren wird. Und wie ich so sit­ze, erin­ne­re ich mich an Fin­ger­be­we­gun­gen einer jun­gen Frau, die im Prä­pa­rier­saal der Mün­che­ner Ana­to­mie mit Seh­nen und Mus­keln eines Armes spielt, eine Ges­te, als wür­de sie ver­su­chen, jenem namen­lo­sen Arm ein Geräusch zu ent­lo­cken. Schnee fällt. Knie­hoch wird er noch fal­len. Jack Lon­don lesen, notie­re ich. Und jetzt ist der Abend eines spä­te­ren Win­ters und ich sehe mei­ne Schrift­zei­chen, unge­lenk, weil schon im Halb­dun­kel des Kon­zert­saa­les ins Notiz­buch geschrie­ben. Alles das, in mei­nem Kopf durch­ein­an­der. Ich fan­ge am Bes­ten noch ein­mal von vor­ne an. Da sind also im Kon­zert­saal 8 Kon­tra­bas­sis­ten, sie flüs­tern mit­ein­an­der. Schnee fällt. Knie­hoch wird er noch fallen.

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coltrane! coltrane!

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echo : 8.27 — Das war­me Licht, das im Holz der Kon­tra­bas­se brennt, ein Glü­hen, in das ich ver­narrt bin, soweit ich zurück­den­ken kann? Die Schu­he eines uralten Bas­sis­ten, wie sie vor dem klei­nen Jun­gen sehr fest auf dem Boden einer Kel­ler­büh­ne ste­hen, wäh­rend die Welt drum­her­um auf­ge­wühlt ist, schwar­ze, spie­gel­blan­ke Schu­he, und irgend­wo weit oben am Schne­cken­turm, dunk­le Hän­de, die wie Ech­sen über Holz und kup­fer­ne Sei­le sprin­gen. — Mein selt­sam füh­len­der Bauch. — Wun­der­te mich, dass sie mit­ein­an­der spre­chen, wäh­rend sie spie­len, lachen, spa­ßen, sich befeu­ern und beim Namen nen­nen. Hört ich nicht gera­de noch The­lo­ni­us Sphe­re Mon­ks Stim­me wie er im Jah­re 1957 : Col­tra­ne! Col­tra­ne! ruft?  — stop

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flut

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india : 2.11 — Hoch­was­ser. Mei­ne Woh­nung ist mit dem Boot erreich­bar. In den Kro­nen der Kas­ta­ni­en, gleich jen­seits der Fens­ter, haben sich Kör­per toter Men­schen ver­fan­gen. Gesich­ter, die ich ken­ne. Ent­stellt. Dunk­le Haut. An den Zim­mer­wän­den tau­sen­de Flie­gen. Sobald ich mich bewe­ge, ein Brau­sen der Luft. Schüs­se. Zwei Ker­zen noch im Schrank, drei Liter Was­ser, fünf Pfund Mac­ca­ro­ni, eine Packung schwe­di­sches Knä­cke­brot, Salz, Pfef­fer, Thy­mi­an, Ros­ma­rin, Mus­kat­nuss. Das Was­ser, warm und schwarz. Ein Kon­tra­bass, dann ein Kro­ko­dil trei­ben vor­über. Die Luft, dumpf und scharf in der­sel­ben Sekun­de. stop Kei­ne Foto­gra­fie ist vor­stell­bar, die einen leben­den Men­schen zeigt, in der nicht auch Bewe­gung ent­hal­ten wäre. Dage­gen jene Auf­nah­men von Men­schen, die zur Kame­ra­zeit bereits leb­los waren. Ich begeg­ne­te einer die­ser Foto­gra­fien ohne Bewe­gung vor weni­gen Jah­ren im World­Wi­de­Web. Sie zeigt den Leich­nam Mari­lyn Mon­roes weni­ge Stun­den nach­dem ihr Kör­per auf­ge­fun­den wor­den war. Ich habe mich an die­se Auf­nah­me immer wie­der erin­nert, an das feuch­te Haar der jun­gen toten Frau, an die Spu­ren der Nach­zeit, die sich bereits in ihrem Gesicht abzeich­ne­ten, und auch dar­an, dass ich hef­tig erschro­cken war, in die Küche stürm­te und zwei Glä­ser Was­ser trank. Als ich nun vor eini­ger Zeit den Namen Mari­lyn Mon­roes in die Bild­such­ab­tei­lung der Goog­le­ma­schi­ne tipp­te, erschien genau die­ses Bild an ers­ter Stelle.
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